Magisches im Heutigen 1913-001/1913.5

Freud, Sigmund (1913-001/1913.5): Magisches im Heutigen

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    Magisches im Heutigen

    Professor Sigm. Freud in Wien
    belichtet seit etlicher Frist Ueberein-
    stimmungen zwischen Neurotikern und
    Wilden – mit seiner ganzen Kenntnis und
    seinem ganzen spürenden Ahnungsmut.
    Er zeigt in der jüngsten „Imago“ manchen
    inneren Zwang, verborgene Wünsche heut
    lebender Menschen, ihren Seelenatavismus,
    ihre Verwandtheit mit Kindern, mit Früh-
    völkern und Vorweltlern. Hiervon ein paar
    Belegstellen – hinter ihnen öffnen sich ab-
    sonderlich dunkle Türen.!

    Der Fortbestand der Allmacht der Gedanken tritt uns bei
    der Zwangsneurose am deutlichsten entgegen, die Ergebnisse
    dieser primitiven Denkweise sind hier dem Bewußtsein am nächsten.
    Wir müssen uns aber davor hüten, darin einen auszeichnenden
    Charakter dieser Neurose zu erblicken, denn die analytische Unter-
    suchung deckt das nämliche bei den anderen Neurosen auf. Bei
    ihnen allen ist nicht die Realität des Erlebens, sondern die des
    Denkens für die Symptombildung maßgebend. Die Neurotiker
    leben in einer besonderen Welt, in welcher, wie ich es an anderer
    Stelle ausgedrückt habe, nur die ‚neurotische Währung‘ gilt, d. h.
    nur das intensiv Gedachte, mit Affekt Vorgestellte ist bei ihnen
    wirksam, dessen Uebereinstimmung mit der äußeren Realität aber
    nebensächlich. Der Hysteriker wiederholt in seinen Anfällen und
    fixiert durch seine Symptome Erlebnisse, die sich nur in seiner
    Phantasie so zugetragen haben, allerdings in letzter Auflösung
    auf wirkliche Ereignisse zurückgehen oder aus solchen aufgebaut
    worden sind. Das Schuldbewußtsein der Neurotiker würde man
    ebenso schlecht verstehen, wenn man es als unberechtigt abweisen,
    wie wenn man es auf reale Missetaten zurückführen wollte. Ein
    Zwangsneurotiker kann von einem Schuldbewußtsein gedrückt
    sein, das einem Massenmörder wohl anstünde; er wird sich dabei
    gegen seine Mitmenschen als der rücksichtsvollste und skrupulöseste
    Genosse benehmen und seit seiner Kindheit so benommen haben.
    Doch ist sein Schuldgefühl begründet, es fußt auf den intensiven
    und häufigen Todeswünschen, die sich in ihm unbewußt gegen
    seine Mitmenschen regen. Es ist begründet, insoferne unbewußte
    Gedanken und nicht absichtliche Taten in Betracht kommen. So er-
    weist sich die Allmacht der Gedanken, die Ueberschätz-
    ung

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    der seelischen Vorgänge gegen die Realität,
    als unbeschränkt wirksam im Affektleben des Neurotikers und in
    allen von diesem ausgehenden Folgen. Unterzieht man ihn aber
    der psychoanalytischen Behandlung, welche das bei ihm Unbe-
    wußte bewußt macht, so wird er nicht glauben können, daß Ge-
    danken frei sind, und wird sich jedesmal fürchten, böse Wünsche
    zu äußern, als ob sie infolge dieser Aeußerung in Erfüllung gehen
    müßten. Durch dieses Verhalten wie durch seinen im Leben be-
    tätigten Aberglauben zeigt er uns aber, wie nahe er dem Wilden
    steht, der durch seine bloßen Gedanken die Außenwelt zu ver-
    ändern meint.

    Die primären Zwangshandlungen dieser Neurotiker sind
    eigentlich durchaus magischer Natur. Sie sind, wenn nicht
    Zauber, so doch Gegenzauber, zur Abwehr der Unheilserwartungen
    bestimmt, mit denen die Neurose zu beginnen pflegt. So oft ich das
    Geheimnis zu durchdringen vermochte, zeigte es sich, daß diese
    Unheilserwartung den Tod zum Inhalt hatte. Das Todesproblem
    steht nach Schopenhauer am Eingang jeder Philosophie;
    wir haben gehört, daß auch die Bildung der Seelenvorstellungen
    und des Dämonenglaubens, die den Animismus kennzeichnen,
    auf den Eindruck zurückgeführt wird, den der Tod auf den
    Menschen macht. Ob diese ersten Zwangs- oder Schutzhandlungen
    dem Prinzip der Aehnlichkeit, respektive des Kontrastes folgen,
    ist schwer zu beurteilen, denn sie werden unter den Bedingungen
    der Neurose gewöhnlich durch die Verschiebung auf irgendein
    Kleinstes, eine an sich höchst geringfügige Aktion entstellt. Auch
    die Schutzformeln der Zwangsneurose finden ihr Gegenstück in
    den Zauberformeln der Magie. Die Entwicklungsgeschichte der
    Zwangshandlungen kann man aber beschreiben, indem man
    hervorhebt, wie sie, vom Sexuellen möglichst weit entfernt, als
    Zauber gegen böse Wünsche beginnen, um als Ersatz für verbotenes
    sexuelles Tun, das sie möglichst getreu nachahmen, zu enden.

    Wenn wir die Entwicklungsgeschichte der menschlichen Welt-
    anschauungen annehmen, in welcher die animistische
    Phase von der religiösen, diese von der wissen-
    schaftlichen abgelöst wird, wird es uns nicht schwer, die
    Schicksale der ‚Allmacht der Gedanken‘ durch diese Phasen zu
    verfolgen. Im animistischen Stadium schreibt der Mensch sich
    selbst die Allmacht zu; im religiösen hat er sie den Göttern ab-
    getreten, aber nicht ernstlich auf sie verzichtet, denn er behält
    sich vor, die Götter durch mannigfache Beeinflussungen nach
    seinen Wünschen zu lenken. In der wissenschaftlichen Welt-
    anschauung ist kein Raum mehr für die Allmacht des Menschen,
    er hat sich zu seiner Kleinheit bekannt und sich resigniert dem

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    Tode wie allen anderen Naturnotwendigkeiten unterworfen. Aber
    in dem Vertrauen auf die Macht des Menschengeistes, welcher mit
    den Gesetzen der Wirklichkeit rechnet, lebt ein Stück
    des primitiven Allmachtglaubens weiter.

    * * *

    Die unzähligen Tabuvorschriften, denen die Frauen der Wilden
    während ihrer Menstruation unterliegen, werden durch die aber-
    gläubische Scheu vor dem Blute motiviert und haben in ihr wohl
    auch eine reale Begründung. Aber es wäre unrecht die Möglich-
    keit zu übersehen, daß diese Blutscheu hier auch ästhetischen
    und hygienischen Absichten dient, die sich in allen Fällen mit
    magischen Motivierungen drapieren müßten.

    Wir täuschen uns wohl nicht darüber, daß wir uns durch solche
    Erklärungsversuche dem Vorwurf aussetzen, daß wir den heutigen
    Wilden eine Feinheit der seelischen Tätigkeiten zumuten, die weit
    über die Wahrscheinlichkeit hinausgeht. Allein ich meine, es
    könnte uns mit der Psychologie dieser Völker, die auf der ani-
    mistischen Stufe stehen geblieben sind, leicht so ergehen wie mit
    dem Seelenleben des Kindes, das wir Erwachsene nicht mehr ver-
    stehen, und dessen Reichhaltigkeit und Feinfühligkeit wir darum
    so sehr unterschätzt haben.

    ... Die Menschheit hat, wenn wir den Autoren folgen wollen,
    drei Denksysteme, drei große Weltanschauungen im Laufe der Zeiten
    hervorgebracht: die animistische (mythologische), die religiöse
    und die wissenschaftliche. Unter diesen ist die erstgeschaffene,
    die des Animismus, vielleicht die folgerichtigste und erschöpfendste,
    eine, die das Wesen der Welt restlos erklärt. Diese erste Weltan-
    schauung der Menschheit ist nun eine psychologische Theorie.
    Es geht über unsere Absicht hinaus zu zeigen, wie viel von ihr
    noch im Leben der Gegenwart nachweisbar ist, entweder ent-
    wertet in der Form des Aberglaubens, oder lebendig als Grundlage
    unseres Sprechens, Glaubens und Philosophierens.
    Es greift auf jene Stufenfolge der drei Weltanschauungen
    zurück, wenn gesagt wird, daß der Animismus selbst noch keine
    Religion ist, aber die Vorbedingungen enthält, auf denen sich
    später die Religionen aufbauen. Es ist auch augenfällig, daß der
    Mythus auf animistischen Voraussetzungen ruht; die Einzel-
    heiten der Beziehung von Mythus und Animismus erscheinen aber
    als in wesentlichen Punkten ungeklärt.

    * * *

    Man darf nicht annehmen, daß die Menschen sich aus reiner
    spekulativer Wißbegierde zur Schöpfung ihres ersten Weltsystems
    aufgeschwungen haben. Das praktische Bedürfnis, sich der Welt

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    zu bemächtigen, muß seinen Anteil an dieser Bemühung haben.
    Wir sind darum nicht erstaunt zu erfahren, daß mit dem ani-
    mistischen System etwas anderes Hand in Hand geht, eine An-
    weisung, wie man erfahren müsse, um der Menschen, Tiere
    und Dinge, respektive ihrer Geister Herr zu werden. Diese An-
    weisung, welche unter dem Namen ‚Zauberei und Magie‘
    bekannt ist, will S. Reinach die Strategie des Animismus
    heißen; ich würde es vorziehen, sie mit Hubert-und Mauß
    der Technik zu vergleichen.

    . . . Die Magie muß den mannigfaltigsten Absichten dienen,
    die Naturvorgänge dem Willen des Menschen unterwerfen, das
    Individuum gegen Feinde und Gefahren schützen und ihm die
    Macht geben, seine Feinde zu schädigen. Die Prinzipien aber,
    auf deren Voraussetzung das magische Tun beruht – oder viel-
    mehr das Prinzip der Magie – ist so augenfällig, daß es von allen
    Autoren erkannt werden mußte. Man kann es am knappsten,
    wenn man von dem beigefügten Werturteil absieht, mit den
    Worten E. B. Tylors ausdrücken: ‚mistaking an ideal
    connexion for a real one‘.


    Die Bezeichnung ‚Allmacht der Gedanken‘ habe ich von einem
    hochintelligenten, an Zwangsvorstellungen leidenden Manne ange-
    nommen, dem es nach seiner Herstellung durch psychoanalytische
    Behandlung möglich geworden ist, auch seine Tüchtigkeit und
    Verständigkeit zu erweisen. Er hatte sich dieses Wort geprägt zur
    Begründung aller jener sonderbaren und unheimlichen Gescheh-
    nisse, die ihn wie andere mit seinem Leiden Behaftete zu verfolgen
    schienen. Dachte er eben an eine Person, so kam sie ihm auch
    schon entgegen, als ob er sie beschworen hätte; erkundigte er sich
    plötzlich nach dem Befinden eines lange vermißten Bekannten,
    so mußte er hören, daß dieser eben gestorben sei, so daß er glauben
    konnte, er habe sich ihm telepathisch bemerkbar gemacht; stieß
    er gegen einen Fremden eine nicht einmal ganz ernst gemeinte
    Verwünschung aus, so durfte er erwarten, daß dieser bald darauf
    starb und ihn mit der Verantwortlichkeit für sein Ableben belastete.
    Von den meisten dieser Fälle konnte er mir im Laufe der Behand-
    lung selbst mitteilen, wie der täuschende Anschein entstanden war,
    und was er selbst an Veranstaltungen hinzugetan hatte, um sich
    in seinen abergläubischen Erwartungen zu bestärken. Alle
    Zwangskranken sind in solcher Weise, meist gegen ihre bessere
    Einsicht, abergläubisch.