Allgemeines über den hysterischen Anfall 1909-001/1909

Freud, Sigmund (1909-001/1909): Allgemeines über den hysterischen Anfall

Zurück zum Werk
  • S.

    10

    günstig die Ausbildung und das Hervortreten der assoziativen Be-
    wegungsreaktion im Ernstfall.

    10. Ebenso günstig ist die Ablenkung durch eine andere Tätig-
    keit für die Bildung der assoziativen motorischen Reaktion.

    11. Ungleichmässige Intervalle zwischen den Reizen waren in
    einer Reihe von Versuchen ungünstig für die Entstehung der assozia-
    tiven Bewegungsreaktion. Jedoch wirkte diese Ungleichmässigkeit
    der Intervalle bei einem der Untersuchungsobjekte als anregendes
    Moment auf die Ausbildung dieser Reaktion.

    12. Die Individualität spielt bei derartigen Untersuchungen eine
    grosse Rolle. Vor allem hängt die Minimalzahl der zur Erzeugung
    assoziativer Bewegungsreaktionen erforderlichen Kombinationen in
    hohem Grade von den jeweiligen individuellen Bedingungen ab.
    Andererseits hängt auch die Lebhaftigkeit der Reaktion, von allen
    vorher erwähnten Bedingungen abgesehen, von den individuellen
    Eigentümlichkeiten der Versuchsperson ab. Ferner äussert sich die
    Individualität in einer mehr oder weniger ungleichen Wirkung be-
    stimmter Versuchsbedingungen, wie z. B. voraufgehender kurz-
    oder
    langdauernder Lichtreizung, Ungleichmässigkeit der Intervalle zwischen
    den Reizen usw.

    Allgemeines über den hysterischen Anfall.

    Von Prof. Dr. Sigm. Freud, Wien.

    A. Wenn man eine Hysterika, deren Leiden sich in Anfällen
    äussert, der Psychoanalyse unterzieht, so überzeugt man sich leicht,
    dass diese Anfälle nichts anderes sind als ins Motorische übersetzte,
    auf die Motilität projizierte, pantomimisch dargestellte Phantasien.
    Unbewusste Phantasien zwar, aber sonst von derselben Art, wie man
    sie in den Tagträumen unmittelbar erfassen, aus den nächtlichen
    Träumen durch Deutung entwickeln kann. Häufig ersetzt ein Traum
    einen Anfall, noch häufiger erläutert er ihn, indem die nämliche
    Phantasie zu verschiedenartigem Ausdruck im Traume wie im Anfall
    gelangt. Man sollte nun erwarten, durch die Anschauung des An-
    falls zur Kenntnis der in ihm dargestellten Phantasie zu kommen;
    allein dies gelingt nur selten. In der Regel hat die pantomimische
    Darstellung der Phantasie unter dem Einfluss der Zensur ganz
    analoge Entstellungen wie die halluzinatorische des Traumes erfahren,
    so dass die eine wie die andere zunächst für das eigene Bewusstsein
    wie für das Verständnis des Zuschauers undurchsichtig geworden ist.

  • S.

    11

    Der hysterische Anfall bedarf also der gleichen deutenden Bearbei-
    tung, wie wir sie mit den nächtlichen Träumen vornehmen. Aber
    nicht nur die Mächte, von denen die Entstellung ausgeht, und die
    Absicht dieser Entstellung, auch die Technik derselben ist die näm-
    liche, die uns durch die Traumdeutung bekannt geworden ist.

    1. Der Anfall wird dadurch unverständlich, dass er in demselben
    Material gleichzeitig mehrere Phantasien zur Darstellung bringt,
    also durch Verdichtung. Die Gemeinsamen der beiden (oder
    mehrerer) Phantasien bilden wie im Traume den Kern der Dar-
    stellung. Die so zur Deckung gebrachten Phantasien sind oft von
    ganz verschiedener Art, z. B. ein rezenter Wunsch und die Wieder-
    belebung eines infantilen Eindrucks; dieselben Innervationen dienen
    dann beiden Absichten, oft in der geschicktesten Weise. Hysteriker,
    die sich der Verdichtung im grossen Ausmasse bedienen, finden etwa
    mit einer einzigen Anfallsform ihr Auslangen; andere drücken eine
    Mehrheit von pathogenen Phantasien auch durch Vervielfältigung
    der Anfallsformen aus.

    2. Der Anfall wird dadurch undurchsichtig, dass die Kranke
    die Tätigkeiten beider in der Phantasie auftretenden Personen aus-
    zuführen unternimmt, also durch mehrfache Identifizierung.
    Vgl. etwa das Beispiel, welches ich in dem Aufsatze „Hysterische
    Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität“ in Hirschfelds
    Zeitschrift für Sexualwissenschaft, Bd. I, Nr. 1, erwähnt habe, in
    dem die Kranke mit der einen Hand (als Mann) das Kleid herunter-
    reisst, während sie es mit der anderen (als Weib) an den Leib presst.

    3. Ganz ausserordentlich entstellend wirkt die antagonistische
    Verkehrung der Innervationen, welche der in der Traum-
    arbeit üblichen Verwandlung eines Elementes in sein Gegenteil analog
    ist, z. B. wenn im Anfall eine Umarmung dadurch dargestellt wird,
    dass die Arme krampfhaft nach rückwärts gezogen werden, bis sich
    die Hände über der Wirbelsäule begegnen. – Möglicherweise ist der
    bekannte Arc de cercle der grossen hysterischen Attacke nichts
    anderes als eine solche energische Verleugnung einer für den sexuellen
    Verkehr geeigneten Körperstellung durch antagonistische Innervation.

    4. Kaum minder verwirrend und irreführend wirkt dann die
    Umkehrung in der Zeitfolge innerhalb der dargestellten Phan-
    tasie, was wiederum sein volles Gegenstück in manchen Träumen
    findet, die mit dem Ende der Handlung beginnen, um dann mit
    deren Anfang zu schliessen. So z. B. wenn die Verführungsphantasie
    einer Hysterika zum Inhalt hat, wie sie lesend in einem Park sitzt,
    das Kleid ein wenig gehoben, so dass der Fuss sichtbar wird, ein
    Herr sich ihr nähert, der sie anspricht, sie dann mit ihm an einen

  • S.

    12

    andern Ort geht und dort zärtlich mit ihm verkehrt, und sie diese
    Phantasie im Anfalle derart spielt, dass sie mit dem Krampfstadium
    beginnt, welches dem Koitus entspricht, dann aufsteht, in ein anderes
    Zimmer geht, sich dort hinsetzt, um zu lesen und dann auf eine
    imaginäre Anrede Antwort gibt.

    Die beiden letztangeführten Entstellungen können uns die
    Intensität der Widerstände ahnen lassen, denen durch das Verdrängte
    noch bei seinem Durchbruch im hysterischen Anfall Rechnung ge-
    tragen werden muss.

    B. Das Auftreten der hysterischen Anfälle folgt leichtverständ-
    lichen Gesetzen. Da der verdrängte Komplex aus Libidobesetzung
    und Vorstellungsinhalt (Phantasie) besteht, kann der Anfall wach-
    gerufen werden: 1. assoziativ, wenn der (genügend besetzte) Kom-
    plexinhalt durch eine Anknüpfung des bewussten Lebens angespielt
    wird, 2. organisch, wenn aus inneren somatischen Gründen und
    durch psychische Beeinflussung von aussen die Libidobesetzung über
    ein gewisses Mass steigt, 3. im Dienste der primären Tendenz,
    als Ausdruck der „Flucht in die Krankheit“, wenn die Wirklichkeit
    peinlich oder schreckhaft wird, also zur Tröstung, 4. im Dienste
    der sekundären Tendenzen, mit denen sich das Kranksein ver-
    bündet hat, sobald durch die Produktion des Anfalls ein dem Kranken
    nützlicher Zweck erreicht werden kann. Im letzteren Fall ist der
    Anfall für gewisse Personen berechnet, kann für sie zeitlich ver-
    schoben werden und macht den Eindruck bewusster Simulation.

    C. Die Erforschung der Kindergeschichte Hysterischer lehrt,
    dass der hysterische Anfall zum Ersatz einer ehemals geübten und
    seither aufgegebenen autoerotischen Befriedigung bestimmt ist.
    In einer grossen Zahl von Fällen kehrt diese Befriedigung (die Mastur-
    bation durch Berührung oder Schenkeldruck, die Zungenbewegung
    u. dgl.) auch im Anfalle selbst unter Abwendung des Bewusstseins
    wieder. Das Auftreten des Anfalles durch Libidosteigerung und im
    Dienst der primären Tendenz als Tröstung wiederholt auch genau
    die Bedingungen, unter denen diese autoerotische Befriedigung seiner-
    zeit vom Kranken mit Absicht aufgesucht wurde. Die Anamnese
    der Kranken ergibt folgende Stadien: a) autoerotische Befriedigung
    ohne Vorstellungsinhalt, b) die nämliche im Anschluss an eine Phan-
    tasie, welche in die Befriedigungsaktion ausläuft, c) Verzicht auf die
    Aktion mit Beibehaltung der Phantasie, d) Verdrängung dieser Phan-
    tasie, die sich dann entweder unverändert oder modifiziert und neuen
    Lebenseindrücken angepasst, im hysterischen Anfalle durchsetzt und
    e) eventuell selbst die ihr zugehörige, angeblich abgewöhnte Be-
    friedigungsaktion wiederbringt. Ein typischer Zyklus von infantiler

  • S.

    13

    Sexualbetätigung – Verdrängung – Missglücken der Verdrängung
    und Wiederkehr des Verdrängten.

    Der unwillkürliche Harnabgang darf gewiss nicht für unver-
    einbar mit der Diagnose des hysterischen Anfalls gehalten werden;
    er wiederholt bloss die infantile Form der stürmischen Pollution.
    Uebrigens kann man auch den Zungenbiss bei unzweifelhafter Hysterie
    antreffen; er widerspricht der Hysterie so wenig wie dem Liebes-
    spiel; sein Auftreten im Anfall wird erleichtert, wenn die Kranke
    durch ärztliche Erkundigung auf die differentialdiagnostischen Schwie-
    rigkeiten aufmerksam gemacht worden ist. Selbstbeschädigung im
    hysterischen Anfall kann (häufiger bei Männern) vorkommen, wo sie
    einen Unfall des kindlichen Lebens (den Erfolg einer Rauferei z. B.)
    wiederholt.

    Der Bewusstseinsverlust, die Absence des hysterischen Anfalls
    geht aus jenem flüchtigen, aber unverkennbaren Bewusstseinsentgang
    hervor, der auf der Höhe einer jeden intensiven Sexualbefriedigung
    (auch der autoerotischen) zu verspüren ist. Bei der Entstehung
    hysterischer Absencen aus den Pollutionsanwandlungen junger weib-
    licher Individuen ist diese Entwicklung am sichersten zu verfolgen.
    Die sogenannten hypnoiden Zustände, die Absencen während der
    Träumerei, die bei Hysterischen so häufig sind, lassen die gleiche
    Herkunft erkennen. Der Mechanismus dieser Absencen ist ein relativ
    einfacher. Zunächst wird alle Aufmerksamkeit auf den Ablauf des
    Befriedigungsvorganges eingestellt, und mit dem Eintritt der Befriedi-
    gung wird diese ganze Aufmerksamkeitsbesetzung plötzlich aufge-
    hoben, so dass eine momentane Bewusstseinsleere entsteht. Diese
    sozusagen physiologische Bewusstseinslücke wird dann im Dienste
    der Verdrängung erweitert, bis sie all das aufnehmen kann, was die
    verdrängende Instanz von sich weist.

    D. Die Einrichtung, welche der verdrängten Libido den Weg
    zur motorischen Abfuhr im Anfall weist, ist der bei jedermann, auch
    beim Weibe, bereitgehaltene Reflexmechanismus der Koitusaktion,
    den wir bei schrankenloser Hingabe an die Sexualtätigkeit manifest
    werden sehen. Schon die Alten sagten, der Koitus sei eine „kleine
    Epilepsie“. Wir dürfen abändern: der hysterische Krampfanfall ist
    ein Koitusäquivalent. Die Analogie mit dem epileptischen Anfall
    hilft uns wenig, da dessen Genese doch unverstandener ist als die
    des hysterischen.

    Im ganzen setzt der hysterische Anfall, wie die Hysterie über-
    haupt, beim Weibe ein Stück Sexualbetätigung wieder ein, das in
    den Kinderjahren bestanden hatte und damals exquisit männlichen
    Charakter erkennen liess. Man kann es häufig beobachten, dass

  • S.

    14

    gerade Mädchen, die bis in die Jahre der Vorpubertät bubenhaftes
    Wesen und Neigungen zeigten, von der Pubertät an hysterisch werden.
    In einer ganzen Reihe von Fällen entspricht die hysterische Neurose
    nur einer exzessiven Ausprägung jenes typischen Verdrängungsschubes,
    welcher durch Wegschaffung der männlichen Sexualität das Weib
    entstehen lässt. (Vgl.: Drei Abhandlungen über Sexualtheorie, 1905.)


    Apperzeptive Sehschwäche bei manisch-
    depressivem
    Irresein.

    Von Dr. R. Vogt, Dozent der Psychiatrie, Kristiania.

    Die 48 jährige Bauernfrau A. O. L. leidet an manisch-depressivem
    Irresein. Vor 24 und 14 Jahren hat sie melancholische Anfälle durch
    gemacht. Jetzt leidet sie wieder seit 10 Monaten an Melancholie.
    – Sie ist besonnen, gibt bereitwillig Auskunft und zeigt ein be-
    sonderes Vermögen für Selbstbeobachtung. Während des letzten
    Anfalles hat sie keine Sinnestäuschungen dargeboten. Aengstliche
    Befürchtungen allerlei Art drängen sich heran: sie habe gegen den
    heiligen Geist gesündigt; ihre Kinder werden sich ihretwegen er-
    tränken; sie werde niemals gesund u. s. w. Dabei zeigt sie das Bild
    der ausgeprägten psychischen Anästhesie: ihr Körper und ihre Hände
    seien wie Holz; das Herz schlage nur äusserst schwach; sie habe
    keinen Geist, keine Gefühle, kein Leben, keine Denkkraft oder Willens-
    kraft; der Kopf sei wie Stein; sie empfinde weder Hunger noch
    Sättigung; die Dinge machen überhaupt keinen Eindruck mehr; sie
    kenne sich selbst beinahe nicht wieder… Sie habe keine Ge-
    danken mehr, nur Erinnerungen, die ohne ihr Zutun wie gerollt
    kommen und sich dabei wie „innere“ Gesichtsbilder darbieten. –
    Die Schmerzempfindlichkeit ist ein wenig herabgesetzt; das Tast- und
    Lokalisationsvermögen sind aber intakt. Hyperästhesie für Geräusche,
    Geruch und Geschmack sind ihrer Angabe nach herabgesetzt. Sie
    zeigt geringgradige Myopie bei guter Sehschärfe; liest fliessend und
    fehlerlos. – Seit den letzten Monaten klagt sie über undeutliches
    Sehen: „Meine Augen sind sonderbar, fremdartig. Ich sehe über
    das ganze mit einmal; auf keinem einzelnen Punkte kann ich klar
    sehen; ich kann das Buch im Fenster nicht deutlich sehen, ich sehe
    viel mehr als das Buch u. s. w.“ Sonst haben die Dinge dasselbe
    Aussehen wie früher.

    Resümee: Die apperzeptiven Vorgänge sind erstens herabgesetzt