Putnam, James (1911-081/1911): Übersetzung von: Putnam, James J[ackson] ›On the Etiologie and Treatment of the Psychoneuroses‹ unter dem Titel ›Über Ätiologie und Behandlung der Psychoneurosen‹
S.
137
Originalarbeiten.
I.
Über Ätiologie und Behandlung der Psychoneurosen1).
von James J. Putnam M. D.
Professor der Neurologie an der Harvard Medical School.
Übersetzt von * *Das Thema, das ich vor Ihnen zu behandeln unternommen habe,
ist ein so umfassendes, dass ich in dem weiten Land wirklich nur
einige Berggipfel berühren kann.Die verschiedenen Krankheitszuständee, die man als „Psychoneu-
rosen“ bezeichnet, können den Anspruch erheben, mehr Elend über
die menschliche Gemeinschaft gebracht zu haben, als vielleicht irgend
eine andere Gruppe von Übeln. Aber davon abgesehen, muss ich be-
haupten, dass das Studium ihrer Verursachung, Behandlung und Ver-
hütung, worüber zu sprechen mein ehrenvoller Auftrag lautet, eine
Bedeutung hat, welche weit über das persönliche Interesse der beim
Arzte Hilfesuchenden hinausgeht. Denn ohne die Natur der nervösen
Leiden beim einzelnen Individuum zu verstehen, ist es unmöglich,
die richtige Einsicht in so viele Züge des menschlichen Lebens, so-
weit es als normal gilt, zu gewinnen und soviele grosse, soziale Pro-
bleme zu würdigen, die sich beständig unserer Aufmerksamkeit auf-
drängen.Es ist noch ein Grund, weshalb es einer Gesellschaft strebsamer
Arzte erwünscht sein müsste, das Thema der Psychoneurosen von
neuem aufzunehmen. Wie die Dinge jetzt liegen, entgehen einige
ernstere Formen dieser Affektionen tatsächlich jeder Behandlung,
nicht etwa weil die Ärzte deren Schwere verkennen, sondern weil sie
für zu schwer, zu sehr ans Unheilbare streifend, gehalten werden,
um sich für zeitraubende Behandlungen zu eignen. Ich denke da
z. B. an zwei meiner Patienten, Personen von vortrefflicher Intelligenz
und hochentwickeltem Gefühlsleben, die ihr Leben ausserhalb ihres1) Gehalten im Juni 1910 vor der Canadian Medical Association, Toronto und
abgedruckt im Boston Medical and Surgical Journal 21 July 1910.– Als Gegenmittel
gegen die zahlreichen, ungerechten und missverständlichen Angriffe, die gegen die
Psychoanalyse gerichtet werden, und an Stelle von leicht zu Verbitterung führenden
Gegenkritiken bieten wir unseren Lesern diesen Vortrag des Neurologen der Universität
von Boston. J. Putnam ist nicht nur einer der hervorragendsten Nervenärzte
Amerikas, sondern auch ein wegen seines tadellosen Charakters und seines hohen
ethischen Standard allgemein hochgeachteter Mann. Obwohl längst über die Jahre
der Jugend hinaus, hat er sich seit dem Vorjahre unbedenklich in die erste Reihe
der Vorkämpfer für die Psychoanalyse gestellt.S.
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eigenen Hauses verbringen, weil sie an der Obsession leiden, ein
Mitglied ihrer Familie zu töten. Ich weiss wohl, wie schwierig die Her-
stellung solcher Fälle ist, aber ich bin überzeugt, dass die Methode
der Behandlung, für welche ich in erster Linie einzutreten gedenke,
gerade solchen Unglücklichen Heil versprechen darf.Der erste Punkt, für den ich mir Ihre Aufmerksamkeit erbitte,
bezieht sich auf die Therapie dieser Leidenszustände. Ich werfe die
Frage auf: Haben wir Grund, mit den zu ihrer Bekämpfung für gewöhnlich
angewendeten Mitteln zufrieden zu sein? Soviel mir bekannt ist, besteht
selbst unter den Neurologen die Neigung, diese Frage im positiven
Sinne zu beantworten. Man nimmt allgemein an, dass die gebräuch-
lichen Massnahmen der Therapie – Isolierung in öffentlichen oder pri-
vaten Anstalten, ausgiebige Beschäftigung, Hydrotherapie, Elektrizität,
hygienische Fürsorge, Ruhe, Suggestion, Zureden und geeignete Medi-
kamente – dass dies alles, wenn es richtig angewendet wird, voll-
kommen ausreicht, um dem Heilbestreben der Natur die not-
wendige Unterstützung zu leihen. Ich kann diese Meinung aber nicht
teilen. Ich gebe zu, dass diese Behandlungsmethoden von ausserordent-
hohem Werte sind. Sie verdienen es, studiert und gepflegt zu werden,
als die einzigen Mittel, die uns in vielen Fällen zur Verfügung stehen,
und man sollte sich stets vor Augen halten, dass ihre Wirksamkeit
von ihrer Handhabung abhängt, so dass sie weit bessere Resultate geben,
wenn sie mit der Geschicklichkeit, Zuversicht und Vertiefung ge-
braucht werden, die das Wirken einiger weniger hervorragender Arzte
kennzeichnet, als wenn sich die Routine ihrer bedient. Wenn meine
Zeit dafür ausreichte, würde ich es auch nicht versäumen, das Zu-
sammenwirken des Neurologen mit dem Internisten, dem Chirurgen,
Orthopäden oder Gynäkologen zu besprechen und anzuerkenneu. Nichts-
destoweniger gibt es manche Formen von Psychoneurosen, die von
all diesen Massregeln nicht angegriffen werden, und andere, bei denen
die Anwendung derselben eigentlich schädlich ist, weil sie unter der
Gewährung einer zeitweiligen Erleichterung den Arzt wie den Kranken
für die richtige Diagnose und für die in Wirklichkeit erforderliche
Behandlung verblenden. Sie werden die Berechtigung dieser Kritik
eher einsehen, wenn Sie an die Fälle denken, in denen sich der Nerven-
arzt nicht mehr der Hilfe eines geschickten Spezialisten bedient,
sondern letzterer, sei es ein Orthopäde, Gynäkologe oder Magen-
spezialist, den Fall selbständig behandelt. Alle diese Spezialisten üben
ihre Tätigkeit zum grossen Teil an Kranken, die mit rein nervösen
Leiden behaftet sind. Die Erfolge sind ja oft recht gute und in
manchen Fällen hat man ja wirklich nichts anderes zu tun, als
beide Teile zu beglückwünschen; aber es werden auch oftmals Kranke
in solcher Art behandelt, – vielleicht mit teilweisem oder zeitweiligem
Erfolg, – deren Leiden eine ganz andere Auffassung verdient hätte.
Die Reden, die man so oft bei uns hört: „Neurasthenie ist eine
chirurgische Krankheit“, oder „Psychische Behandlung sollte nicht eher
versucht werden, als bis alle anderen Methoden fehlgeschlagen haben“,
zeugen doch von grobem Missverständnis der Wirklichkeit, Chirur-
gische Eingriffe sind ja gelegentlich von grossem Nutzen und es ist
wahr, dass psychische Behandlungen in sehr ungeschickter Weise
vorgenommen werden, aber es spricht nicht für einen FortschrittS.
Über Ätiologie und Behandlung der Psychuneurnseu. 139
im Verständnis der nervi‘ysen Leiden, wenn man sich_im}Ernet zu
solchen Lehren bekennt. Eine gute Nervenhehandlung ist Vielleicht selten
zu haben, aber es kann dem ärztlichen Stand und der Theorie und
Praxis der Medizin nur zum Vorteil gereichen, wenn das Zutrsuen
und die Verantwortlichkeit von vornherein dorthin verlegt werden,
wo sie hingehören und wo sie in einer ganzen Zahl von Fällen sein
müssen. Ebenso g'etra_ue ich mich, die übergrosse Bedeutung, die von
gewissen Seiten der Uberanstrengung der Augen [„eye-strarn“] zuge-
schrieben wird als Ursache von tiefgreifenden Charakterstörun_gen und
schweren neurotischen Symptomen, als einen wahrhaft hnd1sehen
Erklärungsversuch zu verurteilen, angesichts unserer heutigen Einsichten
in die wirklichen Verhältnisse, Ich verkenne nicht die günstigen
Erfolge, zu denen die Augenbehendlung in einigen Fällen verhelfen
hat, aber der Schluss aus dem therapeutischen Erfolg auf die Er-
kenntnis der wirksamen Kraukheitsursacheu darf abgelehnt werden.
Wenn ein Kranker unter einer gewissen Behandlung besser geworden
ist, so liegt es freilich nahe zu schliessen, dass die durch seine Be-
handlung beseitigte Störung die Ursache seiner Krankheit war. Aber
wir wissen alle, dass dies Fehlschliisse sind, und dass man so nicht
schliessen dan". ._Es gibt zwei Klassen von Arzten, die dein Irrtum in diesen
Dingen besonders ausgesetzt sind, eine jede von einer anderen Seite
her. Zur ersten Klasse gehören jene Arzte, welche die häufigen Rückfälle
übersehen, denen Patienten ausgesetzt bleiben, nachdem man ihnen
durch eine nicht ksusale Behandlung Besserung gebracht hat, und
die so verleitet werden, die Wirksamkeit einer im Grunde unzureichenden
Therapie zu überschätzen. In die andere Klasse hingegen fallen
diejenigen Arzte, welche diese Neigung zu Rückfsillen sehr wohl be-
merken, aber auch beobachten, dass sie sich nach allen Arten von
Behandlungen einstellen, und daraus den Schluss ziehen, dass die
Rückfiille zur Natur der Krankheit (z, B. einer schweren Hysterie
oder Zwangsneurose) gehören, dass das in Rede stehende Leiden dem-
nach angehoren und ein Zeichen von „Degeneration“ sein muss, wo-
gegen keine Behandlung dauernde Abhilfe bringen kann. Aber es
ist leicht einzusehen, dass der erstere Schluss ein Trugschluss istl
den jeder durch die Beobachtung korrigieren kann, und die zweite
Meinung eine unbewiesene Annahme, zu der sich niemand entschliessen
darf, ehe er sich mit den therapeutischen Aussichten, welche durch
die radikalste Behandlungsrnethnde eröfl‘net werden, gründlich vertraut
gemacht hat.Eine hervorstechende Eigentümlicbkeit der Therapie nervüser Er-
krankungen wer von jeher das Bestreben, seelische Einflüsse in den
Dienst der Genesung zu ziehen, und ich möchte gerade bei diesem
Zuge verweilen, weil wir an dieser Stelle bedeutsame Wendungen
zum Besseren zu erwarten haben. Sie erinnern sich alle an den
Aufruhr, den das Wiederaufleben des Hypnntismus gemacht hat, und
an die Hochflut der Literatur über „Suggestion“. Sie kennen auch
die therapeutischen Bemühungen von Dubuis und anderen in seinem
Gefolge, und erinnern sich gewiss an die erst kürzlich bei uns erfolgte
Wiederaufnahme der Versuche, ein festeres, wissenschaftliches Band
zwischen Heilkunst und Religion zu knüpfen.10‘
S.
140 . James J. Putnnm, _
Der Kempunkt all dieser therapeutischen Bestrebungen lag in
dem Versuch, den Kranken dadurch zu heilen, dass man sein Inter-
esse von dem Elend der Vergangenheit weglenkte zu den Möglich—
keiten einer besseren Zukunft. Man spornte ihn an: „vorwärts zu
schauen und nicht hinter sich, Sorge und Angst als unlogisch und
nnniitz von sich zu tun“, die Welt im besten Lichte zu sehen und
den Blick über die unleugbare Dunkelheit der Gegenwart hinaus zu
erheben in eine Region, in der man ihm Helle versprach. Die Parole
lautete: „Lass den Mut nicht sinken, du kannst dich wohl befinden,
wenn du’s nur versuchen willst“, und so mancher menschenfreundliche
und hingebungsvolle, ehrgeizige und zuversichtlicbe Arzt stand bereit,
die Rolle des Führers und Vorbildes zu übernehmen, zu dem der
Kranke in Verehrung sufblicken konnte, die des Freundes, der ihm
eine Stütze bot, Viel Eifer und grosse Mühe ist auf solche Heilver»
suche verwendet werden, aber der Erfolg entsprach nicht ganz der
Erwartung. Gar zu häufig sind die Symptome nur fiir eine kurze
Zeit beschwichtigt worden, das Leiden war gleichsam übertüncht.Ich habe Ihnen bisher die Gründe vorgetragen, um das Studium
der Psycboneurusen für bedeutsam, die gebräuchlichen Bebandlungs»
methoden für unzureichend und die Beschreibungen vom Wesen und
Verlauf der Krankheit für häufig ungenau zu erklären, das letztere,
weil dem Urteil eine Untersohätzung des durch die beste Behand—
lungsmethode Erreichbaren zugrunde liegt, Wenden wir uns nun
der Betrachtung der gemeinhin angenommenen Atiologie zu.Nach der bei den meisten herrschenden Meinung haben die
hereditären oder angeborenen Tendenzen das Anrecht auf. die
erste Stelle in der Verursachung der psychoneurotiscben Krankheitszu-
stände. Dies ist nicht zu verwundern, denn die Zeichen nervöser
$chvräcbe zeigen sich beim Kind ‚ gewöhnlich in der Form von
Angstlichkeit, Schüchternheit, Empfindlichkeit, Eigenwilligkeit oder
Reizbarkeit, Eifersucht, Leidenschaftlichkeit — so früh, dass sie als
angeboren erscheinen müssen. Nun ist gewiss etwas angeberen,
was der Produktion dieser Erscheinungen den Weg ebnet, aber in
den letzten Jahren hat sich die rasch wachsende Erkenntnis ergeben,
dass die Eindrücke des Lebens nach der Geburt eine grössere ursäuh-
liche Rolle spielen, als wir bisher vermutet hatten. Die ersten Lebens-
jahre eines Kindes sind besonders reich an wichtigen Gefühlserregungen
und — allerdings noch nicht bestimmt gefassten — Denkvorgängen.
Eine systematische Erforschung dieser Lebensjahre ist noch nicht in
Angrifl‘ genommen werden, aber wir haben gute Gründe zur Annahme,
dass sich in dieser Lebenszeit Charakterziige bilden oder verstärken,
denen eine starke Tendenz innewohnt, sich durchs ganze Leben zu
behaupten. Der alte Satz: „Das Kind ist der Vater des Mannes“
[The boy is fatlier of the man] bekommt so einen reicheren und
tieferen Sinn.Ein guter Teil des Beweismateriales für diesen Punkt knüpft
sich an den Namen Freud, einen Namen, auf den ich noch mehrmals
zurückkomrnen werde. Es ist ferner klar, das nervöse Kinder oft
van nervösen Eltern stammen, und ebenso leicht einzusehen, dass
gewisse Arten von körperlichen Mängeln oder schwächlicbeu Anlagen,
die selbst offenbar hereditär sind, eine Prädisposition zu nervöserS.
Über Ätiologie und Behandlung der Psychoneurnsen. 141
Schwäche mit sich bringen. Der Knabe, der aus gesunder Familie
stammt, tiichtig arbeiten und ordentlich spielen kann, hat einen im-
verkennbaren Vorsprung im Leben, obwohl ich an dieser Stelle hervor-
heben muss, * als ein Beispiel dafür, wie schwer es in diesen Dingen
ist, zu allgemein gültigen Schlüssen zu gelangen ‚ dass einige der
ituti'älligsten Formen von Psychonenrosen gerade bei professionellen
„Muskelmenschen“ oder bei Amateurathleten vorkommen, und dass
häufig genug schwer nervenkranlie Patienten gesunde Eltern haben.
Am Ende aber nötigt uns der sogenannte gesunde Menschenverstand,
uns der Ansicht zu fügen, dass die besonderen Anlagen von Körper
und Gehirn und der physiologische Apparat, mit dem wir geboren werden,
etwas mit unseren Reaktionen gegen die Anforderungen des Lebens
zu tun haben muss, wenigstens inder Weise, dass bedeutsame Prädis-
positionen dadurch bestimmt sindAber selbst, wenn es sicher ist, dass die hereditären oder angeborenen
Einflüsse eine grundlegende Bedeutung dadurch beanspruchen können,
dass sie die Prädisflüsitionen für die Psychoneurosen ergeben, bleibt
es noch eine ausserordentlich schwierige Sache, mit einiger Klarheit
auszusagen, worin diese Prädispositionen eigentlich bestehen. Die
anatomische Untersuchung der Gehirne neurotlscher Personen hat uns
bis jetzt gar nichts gelehrt. Die chemische Untersuchung ihrer Aus-
scheidungen ist ebenso fruchtlos geblieben. Wir können etwa vermuten,
dass wir, wenn wir imstande wären, alle nervösen Funktionen des
Neugeborenen einer sorgfältigen physiologischen Prüfung zu unterziehen,
dass wir denn Verschiedenheiten der Reaktionen finden würden, welche
die Anzeichen oder Verboten von psychischer Reizbarkeit oder Schwäche
darstellen; aber die Beweise hiefür fehlen uns gänzlich 1).Gegen Ende des vorigen Jahrhunderts wurde viel Material für
den Nachweis gesammelt, dass physische Anzeichen einer unvollkom-
menen körperlichen Entwickelung ‚ die sog. S ti gm ata z.B. Gesichtsassyrn-
metrie, Missbildungen an Augen und Ohren — bei den Nervenkranken so
häufig vorkommen, dass hieraus der Schluss gezogen werden könne, in
solchen Familien seien versteckte Degenerationsprozesse im Gange, welche
die Tendenz haben, zu noch schwersten Ausgängen wie Idiotie und Steri-
lität zu führen. Auch dann, wenn keine greifbaren physischen Ent-
artnngszeichen vorlegen, machte man die Annahme, dass das Nerven-
system solcher Kranken in irgend einer Weise mangelhaft entwickelt
sei, und zählte mancherlei psychische Besonderheiten auf, die man auf
diese Vorhedingungen zurückfiihrte. Ein Teil dieser Lehre war, jede
Abweichung vom Durchschnitt, selbst das Genie, in Abhängigkeit von
von diesen unllelmlichen Entartungstendenzen zu bringen. Man besann
sich aber bald. dass eine solche Auffassung der Mittelmässigkeit
eine Stellung einräumt, welche mit der Schätzung höherer Entwickelung1) Eine sehr bedeutsame Reihe von Beobachtungen über die angeborenen
Differenzen der einzelnen Organsysteme an rnninioneller Vitalität und über den Wert
dieser Unterschiede na die spätere Entwicklung von Charakter und Temperament
ist von Alfred Adler im Jrhrhnch ihr psychn_ennlytische und psychopathnlugisnhe
Forschungen, Bd. I veröffentlicht werden. [1‚U'her neurotisehe Disposition“, vgl.
auch frühere Arpeiien desselben Autors.] Ad er’s Arbeiten schliessen sich denen
von Freud und anderen seiner Schule völlig an, aber das bei diesem Autor zu
Grunde gelegte Prinzip ist zu wichtig und zu komplex, um in einer so flüchtigen
Darstellung, wie die vorliegende, gewürdigt zu werden.S.
142 James J. Putunm,
in argem Gegensetze steht, und man darf sagen, die ganze Lehre hat
heute ihre Geltung verloren. Idiotie und Sterilitiit sind nicht das Vor-
recht psychoneurotischer Familien. Das schöpferische Genie des Künst-
lers und des aus seiner Phantasie gestaltenden Dichters erwlichst allen
dings aus dem gleichen Boden wie die Symptome des Neurotikers,
aber in keinem von beiden Fällen handelt es sich um eine notwendig
oder regelmässig zur Entnrtung führende Tendenz. Das Wesentliche,
was über diesen Punkt zu sagen ist, lautet wohl, dass eine Beziehung
zwischen körperlichen und seelischen Anlagen und Dispositionen in Wirk-
lichkeit besteht, die des eingehendsten Studiums würdig ist, aber dieses
Studium müsste ohne Voreingenommenheit von weiten Gesichtspunkten
her durchgeführt werden.Es ist richtig, dass an unseren Kranken Störungen der Körper-
ernähru.ng gefunden werden, die sowohl als Anzeichen wie auch als Folge-
erscheinungen ihrer nervösen Störungen zu betrachten sind, und überdies
noch zur Verstärkung derselben Anlass geben. Die Enteroptose, die
Trockenheit von Hunt und Haar, die Verdauungs- und Muskelschwäohe,
die Herabsetzung der Herzarbeit und die Insufi'izienz der Augenmuskeln,
die wir so oft bei einer gewissen Gattung von Neurasthcnikern beob-
achten, gehören zu dieser Art von körperlichen Zeichen der Neurosen.
Aber so wichtig diese Umstände auch sein mögen, und so dringend sie
nach lokaler Behandlung verlangen, so ist doch weder ihre klinische
noch ihre biologische Bedeutung aufgeklärt. Ihre eigene Herkunft steht
ja in Frage. Sie können ganz gewiss nicht als wesentliche Ursachen
des psychoneurotischen Leidens angesehen werden, ja es kommt die Mög»
lichkeit sehr in Betracht, dass sie bis zu einem gewissen Masse eher
als Fulgeerscheinungen, denn als Vorbedingungen der Störungen im Nerven-
und Seelenlehen aufzufassen sind. Es ist in Wirklichkeit unmöglich,
scharfe Grenzlinien zwischen dem „Organischen“ und dem „Funktionellen“
zu ziehen. Körperliche Vorgänge geben den Resonanzhoden für seelische
ab und ebenso ist es umgekehrt.Im Ganzen kann man sagen, der Versuch, die Verantwortlichkeit
für die nervösen Erkrankungen auf die Schultern der Voreltern zu
überwälzen, hat zur Folge gehabt, die Arzte allzu peseimistisch in be-
trei“f ihrer therapeutischen Leistungsfi'ihigkeit zu machen. Man hat sich
die hereditären Anlagen allzu starr als biologische Mächte vorgestellt,
die bei dem einzelnen Individuum einer wesentlichen Abänderung nicht
fähig sind, und aus dern Nachdruck, den man auf diesen Punkt legte,
hat sich ein grober Fetslismus ergeben. Der Glaube, dass die
Leiden eines Kranken nichts anderes seien als Wiederholungen von
Tendenzen, die sein Vater oder seine Mutter vor ihm entwickelt haben,
ist allzu oft zur Entschuldigung missbraucht worden, wenn man zu
seiner Linderung nichts unternahm. Seitdem haben sich aber andere
Gesichtspunkte immer deutlicher vorgedrängt. Das „Etwas“, was wir
werben, ist allerdings eine Anlage, aber in den meisten Fällen auch
nicht mehr, und das wirkliche Kranksein braucht sich, fwie im Beispiel
der Tuberkulose? niemals zu zeigen, wenn der Patient durch geeignete
Massregeln gegen die Einwirkung von bestimmten Einflüssen nach der
Geburt geschützt werden kann. Das ist so durchwegs richtig, dass man
sogar in Fällen, wo dieselbe Krankheit durch mehrere Generationen geht—
wie z. B. in jenen Fällen von schwerer Hysterie oder Zwangsneurose,S.
Über Ätiologie und Behludlung der Psyohnneutoseu. 145
in denen Kind und ein Teil der Eltern dieselben Symptome produzieren —
sogar dann oft zeigen kann, dass nicht eigentlich eine hereditäre Ver—
anlagung vorliegt, sondern dass der Einfluss der unwissenden nervöson
Mutter zu beschuldigen ist, die einem geheimnisvollen Zwange nachgiht,
in dem Kind ihr Ehenhild zu schaffen, und auf der anderen Seite der
unbewusste Drang des Kindes, sich mit der Mutter zu identifizieren
(Pseudohercdität). Dieser Gedankengang ist so wichtig, dass wir ihn
an anderer Stelle wieder aufnehmen müssen, wenn wir ihn jetzt ver-
lassen.Das näßhste Moment, auf welches in der Atiolog'ie der I‘sycboneurose
oft grosser Wert gelegt wird, bei dem wir uns aber nicht lange aufhalten
werden, ist die Anstrengung unseres modernen Lebens. Das
Telephon, die Zeitung, der Strassenliirm, der fieherhafte Konkurrenz-
kainpf und das engberzige Husten und Drängen nach dem Durchsetzen
der eigenen Persönlichkeit, wie es die heutige Gesellschaft beherrscht,
das sind ebenso viele Feinde der Ruhe und der Gesundheit.Es ist aber sehr wahrscheinlich, dass die mit unserem modernen
Leben verbundenen Anforderungen hier grösser dargestellt werden, als
sie eigentlich sind, und anderseits kann man behaupten, dass sie bis
zu einem gewissen Masse auch selbst ihre Korrekturen mitbringen. Das
Tempo unseres Lebens ist im Grunde von Menschen für Menschen ge—
schaifen werden, und wenn es auch für eine gewisse Anzahl zu rusch
sein mag, so ist doch nicht sicher, dass es sich im ganzen rascher be-
schleunigt, als die Anpassungsf'ähigkeit der Mehrzahl verträgt. Im
schlimmsten Falle haben wir in diesen Anforderungen des modernen
Lebens olfene Feinde vor uns, während wir gelernt haben, dass die
Feinde am meisten zu fürchten sind, die wir in unserer Unwissenheit
nicht erkennen. Wenn wir uns nur all der Mittel bedienen könnten,
die uns durch das Recht 'der menschlichen Geburt zustehen, um die
Schwere des Lebens zu lindern, so brauchten wir uns nicht so zu
quälen‚ um dieses Leben leichter zu finden. Es ist nicht so sehr die
Überarbeitung, die an unserer Nervenkraft zehrt, als Sorge und Kummer,
und wenn Sorge und Kummer gewiss auch notwendige Begleiter des
Lebenskampfes und Reaktionen auf äusserlich wohlbegriindete Angst
und Zweifel sind, so zeigt uns doch die tägliche Erfahrung, dass die
quälendsten Sorgen solche sind, welche an keiner äusseren Veranlassung
hängen, sondern an dem inneren Aufruhr des Gefühlslehens, dessen
versteckte Ursache scharf ins Auge zu fassen uns nun zur Aufgabe
wird.Welches sind nun die während seiner Lebenszeit auf das Individuum
einwirkenden Einflüsse, die solche Gemütsbewegungen hervorrufen? Wie
stellen wir uns das Hervorgehen der Krankheitssymptome aus den Ge-
mütsbewegungen am besten vor? Wo finden wir die zur Herstellung
geeignete Behandlung?Ich bitte Sie nun, die Tatsache zur Kenntnis zu nehmen, dass die
Entwickelung unserer Einsichten in diese Verhältnisse nicht jenen Weg
gegangen ist, den meine oben gestellten Fragen bezeichnen. Die bi,L
stimmenden Faktoren dieser Entwickelung waren vielmehr einerseits
die wissenschaftlichen Tendenzen, die jeweilig zur Zeit, als man die ein-
zelnen Fortschritte machte, die herrschenden waren, und anderseits die
persönlichen Anlagen, Befähigungen und Neigungen der einzelnenS.
144 James J. Putnnm,
Forscher. Es war ja seit langem klar, dass emotionelle Einflüsse be-
deutsame Krankheitsursachen werden können, und es wurden verschie—
dene Verfahren angegeben, diese Einflüsse zu bekämpfen, aber erst ganz
kürzlich ist es gelungen, die Herkunft dieser Gemütsbewegungen und
den Mechanismus der Entstehung der Symptome__aus ihnen dem Verständ-
nis einigermassen zugänglich zu machen. Die Arzte, die die hauptsäch-
licbste Arbeit auf diesem grossen Gebiete geleistet haben, kann man in
drei Gruppen einteilen.Die erste Gruppe umfasst die reinen Beobachter, deskriptiven Ana-
lytiker, die die Naturgeschichte der Krankheit erforschten; die zweite die
Therapeuten, die dritte enthält die konstruktiven Analytiker, die induk-
tiven Denker. Es ist sehr wohl möglich, die Symptome einer Krankheit
zu beschreiben und viele Punkte in der Geschichte ihres Ablaufs zu
beobachten, etwa wie ein Zoologe die Charaktere eines Tieres oder einer
Tiergattung studiert, ohne sich dabei um den Platz, den das Beschrie-
bene im grossen Haushalt der Natur einnimmt, viel zu kümmern; es
gelingt Männern mit praktischen Neigungen — Pflegeinstinkten, möchte
man sagen _. in ganz hervorragender Weise, Kranke mit großem Erfolg,
wenigstens bis zu einem gewissen Grade, zu behandeln, ohne dass sie
eine richtige Vorstellung von der Verursachung dieser Krankheiten zu
haben brauchten.Ziehen Sie Ihr eigenes Gedächtnis zu Rate, um sich über den Anteil
klar zu werden, den Forscher von diesen verschiedenen Typen an dem
Fortschritt der Wissenschaft gehabt haben. Als Beispiele von Beobachtem
und Beschreihern kann man die alten Falret und Briquet hervor-
holen, die uns schon in der Mitte des vorigen Jahrhunderts so ausge-
zeichnete Schilderungen von der Folie de doute und der Hysterie gegeben
haben. Die Franzosen waren ja immer in Leistungen dieser Art hervor—
ragend, und ich will gleich den wahrhaft grossen Bahnbrecher derdeskriptiven
klinischen Analyse, Pierre Janet, den Schüler des grossen Charcot
anführen, ohne mich bei den anderen aufznhalten, die ähnliche Wege
mit so glänzendem Erfolg gewandelt sind. Junet's bedeutsame Bei«
träge bezeichneten seinerzeit den Beginn einer neuen Epoche unserer
Erkenntnis und haben Ergebnisse von bleibendem Wert gezeitigt.
Wenn ihnen nicht die Bedeutung einer Anregung zukommt, die einer
unbegrenzten Ausbreitung fähig ist, so rührt dies daher, dass sie eher
Studien über dieses und jenes Spezialproblem der medizinischen Psycho-
logie Waren als Erkenntnisse von grundlegenden Tatsachen, die zu weit-
gehenden philosophischen und soziologischen Verallgemeinerungen führen
mussen.Als Beispiele von Therapeuten, Männern mit praktischen Instinkten,
nenne ich nur Charcot, W air Mitchell und seine Nachfolger, und
Männer wie Liébault, Bernheim, Van Eeden, Forel und Dubois.
Diese Namen stelle ich als Vertreter von vielen hundert anderen hin,
und ich weiss wohl, dass ihre Träger auch noch etwas anderes waren
als Therapeuten.Endlich kommen wir zur dritten Gruppe von Forschern, die ich
als Analytiker, induktive Denker mit grossem Gesichtskreis bezeichnet
habe. Der hervorragendste Vertreter dieser Gruppe’) ist heute unstreitig1) Ich spreche hier „names nur von den führenden Männern der Neurologie.
S.
Üher Ätiologie ml Behandlung an Psychoneuroseu. 145
Sigmund Freud, eine bedeutende Persönlichkeit, deren Beobach-
tungen und Methode‘) neue Forschungswege für uns eröffnet hat, auf
denen heute in stetig zunehmender Anzahl die besten Köpfe nach vor-
wärts streben. Kein künftiger Forscher auf dem Gebiete des mensch-
lichen Charakters und Trieblebens, des normalen wie des krankhaft'en,
wird den Anspruch auf Beachtung seiner Arbeit erheben können, wenn
er sich nicht ernsthaft mit den Forschungen der Schule von Denkern
und Beobachteru vertraut gemacht hat, deren Führer Freud war, und
deren Mittelpunkt er heute noch ist. Janet und diejenigen, die ihm auf
ähnlichen Wegen gefolgt sind wie Morton Prince, Sidis u. a. haben
eine Umwälzung in der wissenschaftlichen Psychologie hervorgerufen;
l“l‘eud’5 Leistung hat diese Umwälzung vertieft und eine ähnliche auf
dem Gebiet der Charakterolügie, der pädagogischen Psychologie und
Rassenpsychologie, des Studiums der Kinderseele und des Folk-ler?
hinzugefügt.Die F reud‘sche Methode, die Psychoanalyse genannt wird, hängt
in ihren therapeutischen Wirkungen nicht von der Geschicklichkeit des
Arztes ab, den Patienten zu hypnotisieren, oder von der Eignung des
Patienten. sich in den hy-pnotischen Zustand versetzen zu lassen. Sie
besteht nicht in dem Versuch, den Mantel irgend eines wohltuenden
snggestiven Einflusses über die einzelnen Leiden des Falles zu breiten,
sondern sie bestrebt sich, den Kranken in den Stand zu setzen, dass
er mit rnstlosem Eifer, furchtloser Ehrlichkeit und wachsendem Geschick
in das Gewebe seiner eigenen Seelenvurgiinge, seines Lebens und Denkens
em(lringe in der Voraussetzung, dass nichts an seiner Helligkeit Ein—
hasse leidet und nichts seine Schmerzlichkeit bewahren kann, wenn es
klar erkannt wird. Wenn dies die Absicht des Verfahrens ist, so wird
es schwer verständlich, wodurch es die Feindseligkeit irgend eines WOhl‘
gesinnten und gewissenhaften Menschen herausfordern kann, obwohl es
leicht begreiflich ist, dass manche Arzte vor den Schwierigkeiten, die
mit seiner erfolgreichen Anwendung verbunden sind, zurückschrecken,
Suggestion, Isolierung, Hebung des allgemeinen Körperzustandes, Uber»
rcdung, Aufklärung, alles Massnahmen, die ihren Platz in unser Schätzung
einnehmen dürfen, lassen doch viele der grossen Quellen der Gemüts—
bewegung und Motivbildung völlig unberührt. Sie geben sich nicht die
Mühe, sich auf eine tiefere Kenntnis der menschlichen Natur zu be-
griinden; ihre Wirkung, so bedeutend sie sein mag, ist dadurch von
vorne herein auf ein enges Gebiet beschränkt.Das psychoanalytische Verfahren gibt uns in Wirklichkeit nicht
alles, wessen wir zur fortschreitenden Erhöhung des Seelenlebens be»
dürfen, aber es bereitet den Weg vor und eröffnet uns den langen.
Pfad, der dahin führt. Es schliesst die anderen Behandlungsmethoden
nicht aus, gibt aber Ersatz für einige von ihnen und macht oft alle
überflüssig. Wenn die Parole der suggestiven Psychotherapie gelautet
hat: „Du kannst genesen, wenn du willst“, so heisst es in der Psycho»
analyse: „Du kannst genesen, wenn du erkennst“.Wenn du was erkennst? werden Sie fragen Die Antwort ist
schon gegeben werden: Wenn du dich selbst erkennst. Die Symptome1) Der Urheber der psychonnelytischen Methode war eigentlich Josef Breuer,
Fl'eud's älterer Kollege, mit dem er damals gemeinsam arbeitete.S.
146 James J. Putnern,
der Psychoneuresen — alle diese Angstzustände, unwiderstehlicheu An-
triebe zu Gedanken und Taten, quii.lenden Zweifel und rätselhaften
Befürchtungen —— und nicht nur diese Symptome der Krankheit
allein, sondern auch ihre Verwandten auf der Seite des Charakters,
Selbstsucht, Neid, Misstrauen, Versuchungen zu Grausainkeit und
Vorurteilen. all das, was die Welt mit Elend erfüllt hat, ist zum
grossen Teile der Erfolg dieses sich nicht selbst Erkennens gewesen:
diese Art von Unwissenheit, deren tiefere Wurzeln bis jetzt nur
ungenau gekannt, zum Teil überhaupt nicht vermutet werden sind,
ist die versteckte Bedingung, die allein das Zustandekommen dieser
Ubel ermöglicht hat. In der Beseitigung dieser Unwissenheit, in der
Herstellung des Bedürfnisses und der Fähigkeit, die Dinge dieser
Welt so zu sehen, wie sie wirklich sind, besteht die beste und die
einzig radikale Behandlungl). Die Psychoanalyse hat gewiss auch
ihre praktischen Beschränkungen, aber diese liegen nicht im Wesen
der Suche, sondern ergeben sich eher benläufig bei den Schwierig-
keiten in der Anwendung des Verfahrens. Bei dieser Methode einer
radikalen Umerziehung wird es zu einer notwendigen Bedingung für
den therapeutischen Erfolg, dass die Kranken hinreichend intelligent,
nicht zu alt und unbildssm seien, dass sie dem Arzt mit unbedingter
Aufrichtigkeit und rückhaltsloser Ehrlichkeit entgegenkommen, dass
sie bereit seien, seine Forschung zu unterstützen, seiner Zuverlässig-
keit und seinen Absichten unbedingten Glauben zu schenken. Es wird
nicht minder erfordert, dass der Arzt Herr sei über seine eigenen
Gefühlsregungen, und dass er ein besonderes Interesse an dieser Art
psychologischer Forschung nehme und eine besondere Schulung durch»
gemacht habe. In anderen Worten, diese Art der Forschung, welche
die Heilung dadurch anstrebt, dass sie die Ursachen des Leidens auf»
deckt, beansprucht vom Arzt entweder eine besondere natürliche
Eignung oder einen hohen Grad von durch Schulung erworbener Ge-
schicklichkeit. Sie eignet sich also nicht für den general practi-
tioner oder für die eilige Behandlung im Hospital, und es sollte
niemand eine solche Kur unternehmen, wenn er nicht darauf einge-
richtet ist, sie auch zu Ende zu führen. Es könnte ihm sonst leicht
so ergehen wie dem Doktor Faust vor dem Erdgeist, den er durch
magische Kunst heraufbeschworen, bei dessen Erscheinen er sich aber
nicht zu fassen weiss, Wenn also der allgemeine Arzt dieses Verfahren
nicht wird ausüben können, so sollte doch Jeder Arzt dessen Sinn und
Absicht kennen, geradeso wie jeder Arzt die Prinzipien so vieler bak—
teriologischer Methoden verstehen muss, die er selbst nie anwendet.Für das Weitere ist es nun wichtig zu bemerken. dass diese all»
gemeinen Sätze durch direkte und mühselige Untersuchungen an einer
grossen Zahl von Kranken gewonnen werden sind, und zwar durch
das Zusammenwirken vieler Forscher, zum Teil Schüler und Anhänger
von Freud, zum anderen Teil von ihm unabhängiger Arbeiter auf
einem lang vernachlässigten Wissensgebiet (Havelock Ellis,
Krafft-Ebing, Moll, Fliess u. a.).1) Man kann sich jede einzelne Person als mikrukosmisr'hes Ahhild der mensch
lichen Gesellschaft vorstellen; die sozialen Sünden, wie Hass und dgl., entsprechen
dann Konflikten zwischen verschiedenen Richtungen unseres gegenwärtigen und
unseres iruheren Ichs.S.
Um Ätiologie und Behandlung der Psychnneurosen. 147
Ich sprach vor kurzem von dem Aufruhr der miteinander ringenden
.Gemütserregungen“ und von der Selbstunkeuntnis und bezeichnete beide
als die Ursachen der psychoueurotischen Symptome. Diese beiden
'I‘ermini bedürfen nun der weiteren Ausführung und Erklärung.Ehe jemand behaupten diirfte, dass er sich selbst kennt, müsste
er offenbar um alle Erfahrungen, Gedanken und Erregungen wissen,
die er seit seiner Geburt gehabt hat. Das ist ja nun gewiss unmög-
lich, aber möglich ist es, dass er die wichtigsten Gruppen und Vor-
bilder unter ihnen nach seinem Belieben in den Mittelpunkt seines
Bowusstwerdens einstellen könne. Jedenfalls wird man aber zu-
geben müssen, dass eine Person sich nicht kennt, nicht einmal halb-
wegs, wenn sie, absichtlich oder in Nachgiebigkeit gegen irgend einen
dunkeln Impuls, gewisse Gruppen von Eindrücken, Gedenken und
inneren Erregungen herausgesucht und als ihr eigen anerkannt hat,
während sie von anderen solchen Gruppen den Blick abwendete, trotz
der unleugbaren Bedeutung, die diesen Stücken der Erfahrung zukam.
Und doch geht diese Art von Auswahl und Verwerfung beständig und
an jedem von uns vor sich. Derselhe Vorgang ereignet sich in grossem
Massstab in ganzen Gesellschaften und Nationen, und es wird zu einer
der wichtigsten Aufgaben der Erziehung und der Zivilisation, für solche
bedeutsame Gruppen von Eindrücken, Gedanken und Gemütsregungen,
die verworfen und aus dem Licht des bewussten Wissens gedrängt
werden sind, die ihnen gebührende Berücksichtigung zu fordern.Wir pflegen zu sagen: ich kann es nicht ertragen, an dieses oder
jenes zu denken — und bemühen uns auch, es nicht zu tun, — wenn
in Wirklichkeit Seibstinteresse oder seelische Trigheit oder blinder Ge-
horsam gegen verkünstelte Regeln gesellschaftlicher Konvenienz unsere
‚Entscheidung geleitet hat,Die Magna Charta, die Abschaffung der Sklaverei, die Reform der
öffentlichen Mildtätigkeit, alle wirklichen Reformen sind Personen abge—
rungen werden, die eine gewisse Macht besessen, ihre Ansichten gegen
die Croruwell, Washington, Wilherforce. die sich so mutig
gegen sie erhoben, zu behaupten. Auch die Cromwell sind häufig
genug beschränkt und nicht im Besitz der vollen Selbsterkenntnis, aber
der eine grosse Grund ihres Erfolges ist, dass sie Argumente verfechten,
deren Wahrheit die Vertreter der althergebrachten Ordnung bereits
ahnen, während sie sich noch sträuben, sich dieselben cinzugestehen
oder ihnen Gehör zu schenken, wenn sie von anderer Seite vorgebraoht
werden,Und genau in der gleichen Art verführt unsere eigene bewusste
Aufmerksamkeit mit den von uns wrdrängten Gedanken. Wir ziehen
es vor, die überlieferte und herrschende Ansicht anzunehmen, anstatt
nachzuforschen und zu überlegen; wir ziehen es im vorkommenden Falle
vor, uns böswillig und abergläubisch zu erweisen, anstatt nachzudenken
und zu überlegen; und doch ahnen auch wir das Richtige, denn, machen
wir es uns nur klar. die Eindrücke, Gedanken und Gefühlsregungeu, die
wir verwerfen, weil sie zu der von uns gewählten Lebensform nicht
passen, sind nicht so weit weg aus unserem Sinn, wie wir glauben
möchten. Wir denken nicht gerne an sie, wir wagen es vielleicht
nicht, an sie zu denken, und wir sagen, dass wir nieht an sie denken.
Aber sie sind in unserem Gedächtnis und in unserem SeelenlebenS.
148 James J. Pulnun,
verblieben, sie beeinflussen unsere Handlungen, und gerade wegen
des dunkeln Wissens, dass sie da sind, und infolge der Tatsache,
dass sie tiefwurzelnde Instinktbediirfnisse unserer Natur vertreten, trotz
unseres angenommenen Hasses gegen sie und. unseres Sohauders vor
ihnen, darum gerade entstehen in uns Regungen wie Zorn und Neid,
Vorurteile und Verstimmungen und die Neigung zu Zeremonien und Han-
tierungen, die sich praktisch von den heidnischen Zeremonien der Bitte
und der Busse nicht unterscheiden. Ist. doch das ganze Gebäude der
Mythologie nichts anderes als die Projektion, die Verlegung nach aussen,
der inneren Wahrnehmungen von Aufruhr, Kampf und Sieg, wie sie in uns
verfallen zwischen den Gedanken und Regungcn, die wir klar erfassen,
und jenen, die uns vielleicht nur halb oder nur zu einem Viertel klar
werden, und jenen anderen, die wir überhaupt nicht klar erfassen und
nicht zu kennen vorgehen, die aber in Wirklichkeit doch unsere Ge»
dankengii.nge und unsere Handlungen beeinflussen.Die leitenden Männer der psychoanalytischen Bewegung haben
also gezeigt, dass solche Versuche, uns vor uns selbst zu verstecken, zu
seelischen Konflikten, zu Krankheiten und zu falschen kulturellen An-
forderungen führen, Sie betonen es mit Nachdruck, wer seine geistige
Gesundheit erhalten will, der soll sich nicht hinter seiner angeblichen
Unkenntnis oder seiner Unlnst nachzudenken oder hinter dem göttlichen
Recht irgend eines künstlichen Moralkodex der Gesellschaft verschanzen
dürfen, ohne dass ihm klar gemacht werde, dass in seinem eigenen
Innern diese künstlichen Gesetze im Krieg mit Wunschregungen be-
griffen sind, die älter sind als die Moral und zur Moral nicht notwendig
im Widerspruche stehen.Es gibt eine Heiligung der überlieferten Sitte, des Niederschlages
der Weisheit von Menschenaltern; aber es gibt auch ein heiliges Recht
zur Auflehnung gegen sie, und eine heilige Verpflichtung, in keinem
Falle ohne vernünftige Kenntnisnahme der wirklichen Verhältnisse zu
urteilen und zu handeln. Die typischen Zeichen und Symptome der
Neurosen, wie wir sie jetzt sehen, sind in Wirklichkeit nichts anderes
als Deckvorriehtungen und Ersatzbildungen, die instinktiv gewählt
wurden, um solche Gedanken, Wünsche und Regungen, die verboten
sind, oder die anzuerkennen der eigene Stolz sich sträubt, hinter ihnen
zu verbergen. Sie sind alle Symbole im selben Sinne wie die Symbole
des Traumes, und wie diese verraten sie jenen, die solche Bilderschrift
lesen können, die Wünsche und die Verdrängungen, um die es sich
eigentlich handelt. Alle diese, unklar oder gar nicht in Gedanken ge-
fassten Wunschregungen rufen nämlich beim Kranken eine tiefpein»
liche Empfindung hervor, ein Unbehagen, fiir das er instinktiv nach
einer Anlehnung und Erklärung sucht. Unter der Leitung eines solchen
Dranges greift er nach der Fiktion einer Angst vor Brücken oder
oEenen Fenstern, vor der Eisenbahn oder vor dem Antrieb jemandem
etwas anzutun. Durch diese Zeichen, so peinlich sie ihm sein mögen,
drückt der Patient in einer ungefähren Art die Wünsche aus, die
dahinter stecken, und darum hängt er auch an seinen Angstsymptomen
wie an etwas, was den Zauber einer heiligen Relique fiir ihm hat, wie-
wohl er sich nicht klar macht, dass er daran hängt. Wenn er gesund
werden soll, muss er dazu gebracht werden, dies einzusehen, und zu
diesem Zwecke muss sein ganzes Leben, nicht bloss dessen letzte Phase soS.
Über Ätiologie und Behandlung der Psychoneurosen. 149
durchsichtig gemacht werden wie Glas, so dass er mit einem Blick den
ganzen Zusammenhang überschauen kann. Es zeigt sich dann immer,
dass er sich nur vor seinen eigenen Gedanken und Wünschen fürchtet,
und dass dieser Angst andere vorausgegangen sind, die aus denselben
und aus anderen Konflikten stammen, von denen einige bis auf die
Tage der Kindheit zurückgehen. Urn denselben Sachverhalt von neuem,
'etzt in anderen Worten auszudrüclren, dürfen wir sagen: seine gegen-
wärtige Angst ist der Ausdruck eines Zustandes von seelischer Qual,
die aus der Tatsache entsprung, dass seine Gedenken und Wünsche in
bezug auf einen oder mehrere wichtige Punkte unerträglich für ihn ge—
worden waren, und das offene Fenster, die Brücke, der Eisenbahnzug
dienen ihm nur als ebensoviele Prägefermen, in die er insti.nktiv sein
nuhestimnites und scheinbar grundloses Unbehagen zu giessen sucht,
um es. wenn auch irriger Weise, vor sich selbst zu erklären. Jedermann
gibt zu, dass eine Brücke ein Ort ist, von dem man herunterfallen oder
springen kann, dass ein Eisenbahnzug häufig von Unfällen betroffen
wird, dass „Eingeschlossensein“ etwas Unlustiges an sich hat, fasse
man es nun im wörtlichen oder im moralischen Sinne. Aue solchen
und vielleicht noch aus endeten Gründen werden nun die betreffenden
Situationen aufgegriffen und zu Entschuldigungen fiir die Angst gemacht,
einfach darum, weil ein Bedürfnis nach irgend einer Entschuldigung
besteht. Der Kranke, der wohl erkennt, dass er einen Weg finden
muss, seine Angst zu erklären, greift instinktiv nach Vorwänden, die
seinem Nächsten irgendwie plausibel erscheinen dürften, Diese Art, die
Genese der krankhaften Angstzustände aufzuklären, ist keine aprioristi-
sche Spekulation, sondern eine Auffassung, zu der man durch Erforschung
der Erfahrungen und Gefühle des Patienten selbst gelangt ist. Die
Patienten sehen ihre Berechtigung zunächst nicht ein, aber allmählich
drängt sich ihnen deren Wahrheit auf, und sie werden bereitwillig
und fähig, sich in einem neuen Lichte zu sehen, und lernen es,
eine verständige Erforschung an die Stelle der endlosen krank—
haften Selbstheohachtung zu setzen, Der Arzt, der diese Unter-
suchung anstellt, kommt bald zur Überzeugung, dass kein Symptom
oder Charakterzugr anders verstanden werden kann als auf Grund einer
nahezu vollständigen Kenntnis des Lebens des Patienten seit seiner
Kindheit, der Einflüsse. die auf ihn gewirkt haben, und der Gemüts—
erregungen, die er durchgemecht hat. Je mehr diese Kenntnis sich ver—
tieft und ausdehnt, desto mehr scheint das zeitliche Element aus der
Geschichte herausznfallen; Kindheit und reifes Alter nähern sich einander
an; mit einem Blick, und als ob sie ein Stück wären, überschaut man
Ursache und Wirkung; die gegenwärtige Handlungsweise, die man ver-
sucht war, leichthin als selbstisch, feige oder selbst verhrecherisch zu
verurteilen, erscheint als der begreifliche Ausdruck eines verdrängten
natürlichen Triebes oder eines Irrtums, der in der Kindheit gebildet
wurde, aber sich als heute noch lebend und wirkend nachweisen lässt.Die ungeheuere Bedeutung jenes rasch und versteckt ablaufenden
berganges von der Kindheit mit ihren animalischen Trieben und Ge-
ühlen ‘) zu den späteren Lebensphasen mit ihrer künstlichen Moral“., Dieser Übergang von der uozialen Periode der ersten Kindheit zu den.
immer mehr und. mehr sozial gefärbten Phasen der späteren Kamm und des reifen
Lebens, ein Ulm-gung, während dessen der moralische Sinn „in. EntwicklungS.
150 James J. Putnam,
und ihren Konventionen lasst sich erst jetzt bei diesem Verfahren,
welches das Lehen wie durchsichtig macht, erkennen, und man ge—
winnt ein volles Verständnis für die wahrhaft dramatisch bewegten
Vorfälle dieser Lebenszeit.Dann kommen, in dem Mass, als die Analyse fortschreitet, weitere Ge-
sichtpunkte in Betracht. Man findet. dass die Anlässe für jene unerträg—
liohen seelischen Konflikte, zu deren Ersatz die krankhaften Symptome ge-
schali'en wurden, nicht vereinzelt waren, sondern zahlreich und von mannig-
facher Art. Die Erkenntnis dieser Vielheit der traumatischen Erlebnisse er-
gibt eine wichtige Ergänzung zu einem allgemein angenommenen Satz. Ein
Patient habe zum Beispiel einen Eisenbahnunfall oder eine schwere Ge—
mütsbewegung gehabt; man ist dann geneigt, in diesen Erlebnissen (welche
an und für sich genug Anlass zum seelischen Konflikt bieten) die einzige
und zureiohende Verursachung der sich ergebenden Krankheitssymptome
zu sehen. Wenn man aber den Fall sorgfältig analysiert, wird man
immer noch auf andere Eindrücke stossen, die dem äusseren Anschein nach
von dem letzten Anlass recht verschieden sind, doch an psychologischen
Bedeutsarnkeit ihm nicht nachstehen. „Fallen“, „in Gefahr sein“, „über-
wältigt werden“, „zu Schaden kommen“ sind Ausdrücke, die auf eine
ganze Anzahl von sehr verschiedenartigen emotiouellen wie physischen
Situationen in gleicher Weise anwendbar sind und zwar von solchen, in
denen sich jeder von uns nicht nur einmal, sondern viele Male be-
funden haben muss, Die unbewussten Erinnerungen an diese Erlebnisse,
durch die Bande der Assoziation miteinander verkettet, stürzen herbei,
um dem Eisenbahnunfall eine neue reichere Bedeutung zu leihen und
sich selbst bei ihm eine neue Bereicherung ihrer Bedeutung zu holenIch höre Sie fragen, gibt es denn keinen Unterschied von Rang
und Wirksamkeit zwischen diesen verschiedenen miteinander verknüpften
und assozierten Erinnerungen? Sind unter ihnen nicht Einige, denen
als den Hauptherden der Gemütserschütterung eine besondere pathcgene
Gewalt zukommt.? Die unausweichliche Antwort auf diese Frage lautet,
dass jenen seelischen Konflikten die grösste Macht innewohnt, die
anderen zu färben oder zu betonen, in die wir ursprünglich das Tiefste
unseres Wesens, unsere stärksten Hoffnungen, unsere persönlichsten,
verschwiegensten und darum am energischesten verdrängten Wünsche ver»
legt hatten, jene Gefühle, in denen nicht nur die gemässigte Sehnsucht
des Herangewaohsenen, sondern auch die dunkeln, ungehemmten Be»
gierden der Kindheit und der Jugend Ausdruck gesucht haben, mit
anderen Worten, es sind die Erregungen. die zur grossen Funktion der
Fortpflanzung gehören, die Erregungen des Sexuallebens, denen die
Macht eigen ist, allen anderen die Färbung zu verleihen. Hier in den
miteinander ringenden Wegen der Sexualerregungen, in den Gefühlen,
auf die sich alle Romane und eigentlich alle Schöpfungen der drama-
tischen und der dichterischenPhantasie beziehen. — die einen ebenso leiden-
schaftlich zum Genuss dringend, wie andere zur Unterdrückung — in
dem wilden Gewühle des Kampfes um den Geschlechtstrieb muss die„wenn, und wobei notwendiger Weise ein verwertendes Urteil (nntürlich unbewusst}
über viele friiheren Gefühle und Handlungen gefith werden muss, ist von grlisster
Bedeutung im din Theorie der Charakter wie der Symptnmhildung. Er scheint
gleichzeitig eine Art von biologischer Begründe für die Lehre von der ,Erhstlnde‘
zu ergeben.S.
Über Ätiologie und Behandlung der Psychoueilrnsen. 151
wirkliche Verursachung der nervösen Leidenssymptome gesucht werden.
Aber diese Behauptung muss mit Beziehung auf den vorhin ausge»
sprechenen Grundsatz verstanden werden, dass bei einer Häufnng von
Gefühlserregungen die grosse Mehrzahl Ton wie Bedeutung von der
stärksten oder elementarsten der ganzen Schar übernehmen kann, etwa
wie eine Künstlersohule ihren Namen von ihrem hervorragendsten Ver-
treter empfängt. Sonst könnten wir den Einwänden jener nicht be-
gegnen, die eine ganze Anzahl von anderen Motiven und Erregungen
zum gleichen Bring wie die des Sexualtriebes erheben wollen. Diese
anderen Erregunan mögen sogar bedeutssmcr sein, soweit unsere be»
wusste Wahrnehmung in Betracht kommt. Denn die Zeit, in der die
sexuellen Begierden so stark waren, mag der bereits vergessenen Kind-
heit angehören, ja diese Wünsche mögen auch damals nicht als sexuelle
erkannt werden sein. Es ist möglich, dass nur unsere heutige wissen»
schaftliche Betrachtung uns deren wahre Natur enthüllt, Und doch
mögen sie stark genug gewesen sein, um jene Gefühlsrichtungen fest«
zulegen, die später in die seelischen Kämpfe eintreten, aus denen zu-
nächst die peinliche Empfindung und dann die eigentiimlichen Angst« und
lirankheitssymptonie geboren wurden,Es ist also keineswegs notwendig, dass jeder Nervenkranke sich
den Vorwurf mache, in irgend einem tadelnswerten Sinne sexuell ver-
anlagt zu sein; obwohl ich hier anfügen will, dass alle die Keime zu
sexuellen Perversionen und Verkehrungen, die wir krankhaft oder ver-
hrecherisch heissen, wenn sie voll entwickelt sind, auch im normalen
liinderlehen, ja im Leben des normalen Erwachsenen aufzeigbar sind.
Es kann nicht oft genug wiederholt werden, dass alle diese psycho»
neurotischen Störungen nichts anderes sind als Ubertreihungen nor-
maler Tendenzen und Gefühlsr'ichtungen; damit rechtfertigt sich auch
ihre Bezeichnung als „funktionell“, Das ist keine akademische Spitz—
tindigkeit, sondern eine Sache von hoher praktischer Bedeutung. Das
Kind ist zunächst geschlechtslos; richtiger gesagt, an seinem Gefühls-
leben haben beide Geschlechter den gleichen Anteil. Es ist ihm oft
ebenso natürlich, Personen des eigenen Geschlechts zu lieben, und zwar
intensiv zu lieben, wie Personen des anderen; seine Eltern in
gleicher Weise zu lieben, wie andere, die nicht in diesem Verwandt—
schaftsverhitltnis zu ihm stehen. So intensive Verliebtheiten können
später im Leben in gesteigertem Ausmasse wieder auftreten und zu ver-
schiedenen krankheit übertriebenen Ausdrucksformen führen. Kinder
zeigen oft eine Vorliebe von bedenklicher Intensität für Lehrer des
gleichen Geschlechts oder für ältere Kinder, ebenso wie Lehrer für ihre
Schüler, und die übermässige Zuneigung der Kinder zu ihren Eltern
kann zu Beziehungen der Abhängigkeit, der instinktiven Nachahmung
der ..Ideutifizierung“ fuhren, die ihre selbständige Entwickelung zur Ver-
kümmerung bringt, oder die Keime von nervösem Leiden in ihnen zu
hoher Blüte entwickelt. Es ist interessant, sich in diesem Zusammen—
hrrnge daran zu erinnern, dass Kinder in diesem bergangstadium von
ihrem „geschlechtslosen“ Zustand ins Kneben- oder Mädchenalter und
noch öfter unter der Herrschaft dunkler Erinnerungen an diese Lebens-
zeit manchmal von sich selbst träumen, als ob sie dem anderen Ge—
schlecht angehören würden, oder als ob sie unsicher wären, zu welchem
Geschlecht sie gehören.S.
152 James J. Pulnlm‚
Bei dem, der zum ersten Male die psychoacalytische Methode an-
gepriesen hört, erheben sich begreiflicherweise zwei Fragen, die erste:
führt nicht all dies Forschen nach vergangenen Dingen notwendig zu
einer krankhaften Selbstbeohachtung? und die zweite: angenommen alle
diese versteckten Verhältnisse wären aus Licht gebracht, was dann?
Wo kommt dann die therapeutische Wirkung her?Aber diese Fragen können einem, der sich durch praktische Aus-
übung mit der Methode vertraut gemacht hat, keine Verlegenheit he-
reiten. Weit entfernt davon, dass die Behandlung zu krankhafter Selbst-
beohachtung verleiten wiirde, macht sie ihr vielmehr ein Ende. Der
Patient ist durch die Bedingungen seiner Krankheit selbst genötigt ge-
wesen, sich unausgeseizt mit seinen Symptomen zu beschäftigen; er
pflegte sie fortwährend wie eine Drehorgel abzuleiern und kam doch
zu keinem befriedigenden Abschluss. Dies hier beschriebene Verfahren
der Psychoanalyse ersetzt diese Tretmühle von falschem Denken mit
peinlichen Gefühlen durch eine ihn interessierende Untersuchung durch
ein Stück intellektueller Arbeit.Was den therapeutischen Wert des Verfahrens betrilft, so wird eine
ganz ähnliche Antwort genügen. Der seelische Konflikt, von dem ich
gesprochen habe, der in die Bildung 311 der Krankheitssymptome aus-
lam't, geht ohne Wissen des Kranken in ihm vor sich, allerdings nahezu
von ihm erratsn. Die Kur besteht darin, diese unbewussten Vorgänge
in das Licht der bewussten Geistestätigkeit zu bringen. Die pathogenen
Prozesse sind an und fiir sich Dämonen der Finsternis, die aus Licht
gebracht, ihre Macht verlieren. Es ist natürlich nicht ausreichend, dass
die Aufklärung des Kranken nur in einer Mitteilung vom Mund zum
Ohr bestehen sollte Das ist ja auch schon etwas, aber um ein ordent-
liches Resultat zu erzielen. muss das neue Wissen der Wahrheit seinen
Geist durchtränken, bis zur Herrschaft über seine Handlungen vor-
dringen und. ein integrierender Bestandteil der aufgefrischten und um—
gewendelicn Persönlichkeit werden. In dem Masse, als man dies erreicht,
nähert sich die betreffende Person der erstrehten Selbsterkenntnis an. Es
kann ihm, ja es soll ihm ein Wunsch verbleiben, seinem inneren Wesen
weiteren Ausdruck zu verschaffen, einen immer grösseren Kreis von
anderen Menschen in das Bereich seiner Interessen, seiner Gedanken und
Gefühle zu ziehen. Aber dieses Bedürfnis wird sich nicht mehr in die
infantilen, völlig egoistischen und bildlichen Formen kleiden wollen,
die bei ihm eine peinliche Gegenstrümung, einen Drang nach Unter-
drückung und Selbstbestrefung hervorgerufen haben. Die Zwangsvor-
stellungen, einen von seinen Lieben erschlagen zu müssen oder sich in
Aufsehen erregender Weise aus einem oEenen Fenster zu stürzen, werden
sich sicherlich als lächerlich karikierte Überreste der Phantasien der
Kindheit entlarven lassen; ein Eisenbahnzug wird wieder zu dem werden,
was er ist, zu einem vortrefl‘lichen Mittel der Beförderung.Es ist mir natürlich klar, vielleicht noch klarer als Ihnen, dass
dieser Vortrag alles eher als vollständig ist. Ich hätte mich zum
Beispiel sehr gerne bei der bedeutsamen Tatsache aufgehalten, dass
die Aufklärung der seelischen Konflikte, aus denen die Krankheits-
Symptome entspringen, weit in jenes seelische Gebiet hineinführt,
welches wir das Reich des Unbewussten heissen. Man könnte auch
Bände schreiben über den grossen Kampf zwischen Trieblehen undS.
Über Ätiologie und man-„ d.: Psychoneuroun. 153
sozinler Kultur, der auf der einen Seite Zivilisation und Fortschritt
erzeugt hat, auf der anderen verantwortlich gemacht werden darf fiir
Krankheit, Unterdrückung, religiöse Engherzigkeit, Mussgunst und Mile-
verständnis der anderen und unser selbst. Unser kulturelles Leben ist
bei all seinen Vorzügen enger und beengender, all die meisten von uns
sich zugestehen. Es muss unser ernstes Streben sein, einige der Ton-
denzen, die die Kultur entwickelt, zu erweitern; diesem grossen Ziel
ist auch die Psychoanalyse gewidmet. Wir müssen lernen, weniger in
Moralurteilen und mehr in Erkenntnis zu arbeiten. Moraiische' Ver—
urteilungen sind ja gewiss fiir die rauhen Notwendigkeiten des sozialen
Lebens unentbehrlich, als Vorstufen der Kerkerstrafe und als Schutz—
mittel gegen greifbare praktische Übel. Aber im wissenschaftlichen
Denken sind sie nicht am Platze. Der Satz „Tout comprendre
est tout pardonner“ soll nicht etwa die ganze Situation decken,
am wenigsten, was die Hauptpersnn, das eigene ch, betrifi‘t. Es sollte
niemand sich danach sehnen, die moralische Verantwortlichkeit fiir seine
Gedanken und seine Handlungen ablegen zu können. Aber es bleibt
nichtsdsstoweniger wahr, dass das „alles wissen" häufig soviel bedeutet
als unser Urteil korrigieren und enden Mittel des ortselirittesaus-
wählen.Die so verbreiteten Sünden der Zügellosigkeit, Gewelttätigkeit und
Böswilli keit, welche Dante im Inferno als Angriifo gegen die Sicher-
heit und den Fortschritt der Gesellschaft bestraft, könnten wir mit
Recht in ärztlicher Auffassung als Aquivalente psychoneurotischer S —
ptome beschreiben. In den Leiden und Freuden jener Menschen, we che
dieser grosse Kenner der menschlichen Natur auf dem Hügel des Pur-
gateriums sich mühen lässt, kann man wie eine symbolische Darstellung
jenes anstrebenswerten typischen Genesungsprozesses aus dem Elend
der Nervenkrankheit erkennen, der nicht nur zu einer besseren Ge-
sundheit, sondern zu einem erweiterten Begrifl' von den sozialen Mög-
lichkeiten und den sozialen Verpflichtungen führt. Die menschliche
Gesellschaft ist gleichsam ein vergrössertes Individuum; das sogenannte
normale Individuum unterscheidet sich vom Nenrotiker nur darin, dass
es, instinktiv oder mit bewusster Anstrengung, in den Jahren der Kind—
heit oder im späteren Leben gelernt hat, unter den herrschenden Trieb-
richtungen seines Seelenlebens ein harmonisches Zusammenwirken her—
zustellen — oder, was dasselbe ist, nur in Beziehung auf ein anderes
Anwendungsgebiet, sich einer brauchbaren Vorstellung von menschlicher
Gemeinschaft anzupassen. Der Neurotiker ist eine Person, die noch
mit dieser Aufgabe ringt, und in deren Seele der Kampf noch wütet
zwischen den angeborenen Trieben auf der einen Seite und den Kräften
auf der anderen Seite, welche die ganze Reihe moralischer und sozialer
Vorschriften aufrichten und erhalten wollen, die durch die Traditionen
einer konventionellen Gesellschaft aufgnrichtet werden sind.Wenn diese Auffassung richtig ist, so erweitert sich die Aufgabe
des Arztes; es fällt ihm jetzt auch zu, diese moralischen und sozialen
Vorschriften selbst zu prüfen und in die Fragen nach ihrer Herkunft,
ihrer Berechtigung, ihrer Zweckmässigkeit einzud ' n. Angesichts
dieses Zusammenhauges gewinnt die Mühe, die er em Studium der
neurotisehen Erkrankungen widmet, eine besondere Bedeutung für die
Gesellschaft. Es mag peinlich sein, das Unheil zu betrachten, welchesZeutnlblllt nn rgm-uuyu. rc. 11
S.
154
durch die Vorurteile und die ungehemmte Lendenschaftlichkeit eines
sogenannten „normalen“ Menschen entsteht; aber es gibt auch sehr viele
engherzige und grausame gesellschaftliche Vorschriften und Sitten, –
nicht nur mittelalterliche, sondern auch in unseren Tagen – welche von
derselben Herkunft sind wie jene Härten, Sünden und Symptome bei
Privatpersonen. Es ist ein würdiges Ziel, gegen beiderlei Arten von
Übeln anzukämpfen in dem Streben nach einer Besserung und Hebung
des Niveaus beim Einzelnen wie bei der Gesellschaft, und wenn die
Untersuchungsmethode, die ich hier vertreten habe, zu diesem Ziele
beitragen kann, so sollte sie eines warmen Empfanges sicher sein und
die Mühe, die ihre Anwendung in jedem einzelnen Falle erfordert, sollte
als wohl verwendet geltenWeiterhin gilt aber auch dasselbe fiir den Patienten. Nerven-
kranke sollten sich nicht ausschliesslich als Personen betrachten, die
ein Unglück getroffen hat, sondern auch die hoffnungsvollen Aussichten
ihrer Lage erkennen; sie sollten sich als Mitglieder eines grassen
Kreises von Arbeitern auf einem wichtigen Gebiete der Forschung
fühlen, daran denken, dass sie die Gelegenheit haben, ihre persönlichen
Erfahrungen, so schmerzlich sie auch waren, als Beiträge zur Lösung
eines Problems von allgemeinstem Interesse zu verwerten.S.