S.
Professor Freud über seine Unsterblichkeit
Ein Brief Freuds an Yvette Guilbert
Paris, 18. Mai.
Professor Freud hat an die berühmte Diseuse
Yvette Guilbert, die übrigens das Ge-
heimnis der ewigen Jugend gefunden zu
haben scheint, folgenden Brief als Antwort
auf ihre Glückwünsche zu seinem siebzigsten
Geburtstag gerichtet:
Wien, den 10. Mai 1926.
Madame!
Sie schreiben in charmanter Weise, daß
für einen Gelehrten das hohe Alter von siebzig
Jahren keine Bedeutung habe, da ihm ja im
Andenken der Menschen die U n s t e r b l i ch k e i t
gesichert ist.
Entschuldigen Sie, bitte, wenn ich mir er-
laube, Ihnen zu widersprechen. Die Unsterb-
lichkeit eines Gelehrten ist für ihn eine ziem-
lich unsichere Sache. Man hat schon Beispiele
dafür gesehen, daß diese „U n s t e r b l i ch k e i t“
sich auf kaum zehn oder zwanzig Jahre er-
streckte. Übrigens hat sie für ihn keinen sub-
jektiven Wert, da er sie nicht selbst erleben
kann!
Was mich betrifft, so bin ich alt; wenigstens
so alt wie mein Alter. Was Sie betrifft, so
scheinen die Götter Ihnen die Gabe einer
ewigen Jugend, einer unsterblichen Kunst, ge-
geben zu haben. Dies ist mir zu meiner großen
Genugtuung erst vor kurzem bestätigt worden,
und zwar von Freunden, die Sie in Berlin ge-
hört haben.
Um so mehr bedauere ich aufrichtig, daß Ihr
Wiener Besuch nun unwahrscheinlich gewor-
den ist.
Wenn ich mich gut erinnere, haben Sie mir
einst im Scherz versichert, daß Sie zu dem be-
sonderen Zweck nach Wien reisen würden, da-
mit ich und die Meinigen Sie empfangen und
feiern könnten.
Yvette Guilbert
Ich bitte Sie also, haben Sie kein allzu großes
Vertrauen zu meiner Unsterblichkeit und be-
wirken Sie, daß Ihr Scherz recht bald Wirklich-
keit werde.
In alter Bewunderung verbleibe ich Ihr
S. Freud.