Die okkulte Bedeutung des Traumes 1900-001/1925

Freud, Sigmund (1900-001/1925): Die okkulte Bedeutung des Traumes

Zurück zum Werk
  • S.

    27

    Die okkulte Bedeutung
    des Traumes

    von

    Sigm. Freud

    Aus dem im Herbst 1925 erscheinenden      
    Band III der Gesammelten Schriften, der —      
    zum Teil noch unveröffentlichte — „Er-      
    gänzungen und Zusatzkapitel“ zur „Traum-      
    deutung“ enthält.                        

    Wenn der Probleme des Traumlebens kein Ende ab-
    zusehen ist, so kann sich nur der darüber verwundern,
    der eben vergißt, daß alle Probleme des Seelenlebens auch
    am Traume wiederkehren, vermehrt um einige neue, die
    die besondere Natur der Träume betreffen. Viele der Dinge,
    die wir am Traume studieren, weil sie sich uns dort zeigen,
    haben aber mit dieser psychischen Besonderheit des Traumes
    nichts oder wenig zu tun. So ist z. B. die Symbolik kein
    Traumproblem, sondern ein Thema unseres archaischen
    Denkens, unserer „Grundsprache“ nach des Paranoikers
    Schreber trefflichem Ausdruck, sie beherrscht den Mythus
    und das religiöse Ritual nicht minder als den Traum; kaum
    daß der Traumsymbolik die Eigenheit verbleibt, vorwiegend
    sexuell Bedeutsames zu verhüllen! Auch der Angsttraum
    braucht seine Aufklärung nicht von der Traumlehre zu
    erwarten, die Angst ist vielmehr ein Neurosenproblem, es
    bleibt nur zu erörtern, wie Angst unter den Bedingungen
    des Träumens entstehen kann.

    Ich meine, es ist mit dem Verhältnis des Traumes zu
    den angeblichen Tatsachen der okkulten Welt auch nicht
    anders. Aber da der Traum selbst immer etwas Geheimnis-
    volles war, hat man ihn mit jenen anderen unerkannten
    Geheimnissen in intime Beziehung gesetzt. Er hatte wohl

     

  • S.

    28

    auch ein historisches Anrecht darauf, denn in den Ur-
    zeiten, als unsere Mythologie sich bildete, mögen die Traum-
    bilder an der Entstehung der Seelenvorstellungen beteiligt
    gewesen sein.

    Es soll zwei Kategorien von Träumen geben, die den
    okkulten Phänomenen zuzurechnen sind, die prophetischen
    und die telepathischen. Für beide spricht eine unüber-
    sehbare Masse von Zeugnissen; gegen beide die hart-
    näckige Abneigung, wenn man will, das Vorurteil der
    Wissenschaft.

    Daß es prophetische Träume in dem Sinne gibt, daß
    ihr Inhalt irgendeine Gestaltung der Zukunft darstellt,
    leidet allerdings keinen Zweifel, fraglich bleibt nur, ob
    diese Vorhersagen in irgend bemerkenswerter Weise mit
    dem übereinstimmen, was später wirklich geschieht. Ich
    gestehe, daß mich für diesen Fall der Vorsatz der Un-
    parteilichkeit im Stiche läßt. Daß es irgendeiner psychi-
    schen Leistung außer einer scharfsinnigen Berechnung
    möglich sein sollte, das zukünftige Geschehen im einzelnen
    vorauszusehen, widerspricht einerseits zu sehr allen Er-
    wartungen und Einstellungen der Wissenschaft und ent-
    spricht anderseits allzu getreu uralten, wohlbekannten
    Menschheitswünschen, welche die Kritik als unberechtigte
    Anmaßung verwerfen muß. Ich meine also, wenn man
    die Unzuverlässigkeit, Leichtgläubigkeit und Unglaubwür-
    digkeit der meisten Berichte zusammenhält mit der Mög-
    lichkeit affektiv erleichterter Erinnerungstäuschungen und
    der Notwendigkeit einzelner Zufallstreffer, darf man er-
    warten, daß sich der Spuk der prophetischen Wahrträume
    in ein Nichts auflösen wird. Persönlich habe ich nie etwas
    erlebt oder erfahren, was ein günstigeres Vorurteil erwecken
    könnte.

    Anders steht es mit den telepathischen Träumen. Hier
    sei aber vor allem bemerkt, daß noch niemand behauptet

  • S.

    29

    hat, das telepathische Phänomen — die Aufnahme eines
    seelischen Vorganges in einer Person durch eine andere
    auf anderem Wege als dem der Sinneswahrnehmung —
    sei ausschließlich an den Traum gebunden. Die Tele-
    pathie ist also wiederum kein Traumproblem, man braucht
    sein Urteil über ihre Existenz nicht aus dem Studium
    der telepathischen Träume zu schöpfen.

    Unterwirft man die Berichte über telepathische Vorkomm-
    nisse (ungenau: Gedankenübertragung) derselben Kritik, mit
    der man andere okkulte Behauptungen abgewehrt hat, so
    behält man doch ein ansehnliches Material übrig, das man
    nicht so leicht vernachlässigen kann. Auch gelingt es auf
    diesem Gebiete weit eher, eigene Beobachtungen und Er-
    fahrungen zu sammeln, die eine freundliche Einstellung
    zum Problem der Telepathie berechtigen, wenngleich sie
    für die Herstellung einer gesicherten Überzeugung noch
    nicht ausreichen mögen. Man bildet sich vorläufig die
    Meinung, es könne wohl sein, daß die Telepathie wirklich
    existiert und daß sie den Wahrheitskern von vielen anderen,
    sonst unglaublichen Aufstellungen bildet.

    Man tut gewiß Recht daran, wenn man auch in Sachen
    der Telepathie jede Position der Skepsis hartnäckig ver-
    teidigt und nur ungern vor der Macht der Beweise zurück-
    weicht. Ich glaube ein Material gefunden zu haben, welches
    den meisten sonst zulässigen Bedenken entzogen ist: nicht
    erfüllte Prophezeiungen berufsmäßiger Wahrsager. Leider
    stehen mir nur wenige solcher Beobachtungen zu Gebote,
    aber zwei unter diesen haben mir einen starken Eindruck
    hinterlassen. Es ist mir versagt, diese so ausführlich mit-
    zuteilen, daß sie auch auf andere wirken könnten. Ich
    muß mich auf die Hervorhebung einiger wesentlicher
    Punkte beschränken.

    Den betreffenden Personen war also — an fremdem
    Ort und von seiten eines fremden Wahrsagers, der dabei

  • S.

    30

    irgendeine, wahrscheinlich gleichgültige, Praktik betrieb —
    etwas für eine bestimmte Zeit vorhergesagt worden, was
    nicht eingetroffen war. Die Verfallszeit der Prophezeiung
    war längst vorüber. Es war auffällig, daß die Gewährs-
    personen anstatt mit Spott und Enttäuschung mit offen-
    barem Wohlgefallen von ihrem Erlebnis erzählten. Im
    Inhalte der ihnen gewordenen Verkündigung fanden sich
    ganz bestimmte Einzelheiten, die willkürlich und un-
    verständlich schienen, die eben nur durch ihr Eintreffen
    gerechtfertigt worden wären. So sagte z. B. der Chiro-
    mant der Siebenundzwanzigjährigen, aber viel jünger aus-
    sehenden Frau, die den Ehering abgezogen hatte, sie werde
    noch heiraten und mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder
    haben. Die Frau war dreiundvierzig Jahre alt, als sie,
    schwer krank geworden, mir diese Begebenheit in ihrer
    Analyse erzählte, sie war kinderlos geblieben. Wenn man
    ihre Geheimgeschichte kannte, die dem „Professeur“ in
    der Halle des Pariser Hotels sicherlich unbekannt geblieben
    war, konnte man die beiden Zahlen der Prophezeiung ver-
    stehen. Das Mädchen hatte nach einer ungewöhnlich inten-
    siven Vaterbindung geheiratet und sich dann sehnlichst
    Kinder gewünscht, um ihren Mann an die Stelle des Vaters
    rücken zu können. Nach jahrelanger Enttäuschung, an der
    Schwelle einer Neurose, holte sie sich die Prophezeiung,
    die — ihr das Schicksal ihrer Mutter versprach. Auf diese
    traf es zu, daß sie mit zweiunddreißig Jahren zwei Kinder
    gehabt hatte. So war es also nur mit Hilfe der Psycho-
    analyse möglich, die Eigentümlichkeiten der angeblich von
    außen her erfolgenden Botschaft sinnvoll zu deuten. Dann
    aber konnte man den ganzen, so eindeutig bestimmten
    Sachverhalt nicht besser aufklären als durch die Annahme,
    ein starker Wunsch der Befragenden — in Wirklichkeit
    der stärkste unbewußte Wunsch ihres Affektlebens und
    der Motor ihrer keimenden Neurose — habe sich durch

  • S.

    31

    unmittelbare Übertragung dem mit einer ablenkenden Han-
    tierung beschäftigten Wahrsager kundgegeben.


    Ich habe auch bei Versuchen im intimen Kreise wieder-
    holt den Eindruck gewonnen, daß die Übertragung von
    stark affektiv betonten Erinnerungen unschwer gelingt.
    Getraut man sich, die Einfälle der Person, auf welche
    übertragen werden soll, einer analytischen Bearbeitung zu
    unterziehen, so kommen oft Übereinstimmungen zum Vor-
    schein, die sonst unkenntlich geblieben wären. Aus manchen
    Erfahrungen bin ich geneigt, den Schluß zu ziehen, daß
    solche Übertragungen besonders gut in dem Momente zu-
    stande kommen, da eine Vorstellung aus dem Unbewußten
    auftaucht, theoretisch ausgedrückt, sobald sie aus dem „Pri-
    märvorgang“ in den „Sekundärvorgang“ übergeht.
    Bei aller durch die Tragweite, Neuheit und Dunkelheit
    des Gegenstandes gebotenen Vorsicht hielt ich es doch
    nicht mehr für berechtigt, mit diesen Äußerungen zum
    Problem der Telepathie zurückzuhalten. Mit dem Traum
    hat dies alles nur so viel zu tun: Wenn es telepathische
    Botschaften gibt, so ist nicht abzuweisen, daß sie auch
    den Schlafenden erreichen und von ihm im Traume erfaßt
    werden können. Ja, nach der Analogie mit anderem Wahr-
    nehmungs- und Gedankenmaterial darf man es auch nicht
    abweisen, daß telepathische Botschaften, die während des
    Tages aufgenommen wurden, erst im Traume der nächsten
    Nacht zur Verarbeitung kommen. Es wäre dann nicht
    einmal ein Einwand, wenn das telepathisch vermittelte
    Material im Traume wie ein anderes verändert und um-
    gestaltet würde. Man möchte gerne mit Hilfe der Psycho-
    analyse mehr und besser Gesichertes über die Telepathie
    erfahren.