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Wenn man eine ganze Weile innerhalb einer be-
stimmten Kultur gelebt und sich oft darum bemüht hat,
zu erforschen, wie ihre Ursprünge und der Weg ihrer
Entwicklung waren, verspürt man auch einmal die Ver-
suchung, den Blick nach der anderen Richtung zu wenden
und die Frage zu stellen, welches fernere Schicksal dieser
Kultur bevorsteht und welche Wandlungen durchzumachen
ihr bestimmt ist. Man wird aber bald merken, daß eine
solche Untersuchung von vornherein durch mehrere Mo-
mente entwertet wird. Vor allem dadurch, daß es nur
wenige Personen gibt, die das menschliche Getriebe in all
seinen Ausbreitungen überschauen können. Für die meisten
ist Beschränkung auf ein einzelnes oder wenige Gebiete
notwendig geworden; je weniger aber einer vom Vergan-
genen und Gegenwärtigen weiß, desto unsicherer muß sein
Urteil über das Zukünftige ausfallen. Ferner darum, weil
gerade bei diesem Urteil die subjektiven Erwartungen des
Einzelnen eine schwer abzuschätzende Rolle spielen; diese
zeigen sich aber abhängig von rein persönlichen MomentenS.
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seiner eigenen Erfahrung, seiner mehr oder minder hoff-
nungsvollen Einstellung zum Leben, wie sie ihm durch
Temperament, Erfolg oder Mißerfolg vorgeschrieben
worden ist. Endlich kommt die merkwürdige Tatsache
zur Wirkung, daß die Menschen im allgemeinen ihre
Gegenwart wie naiv erleben, ohne deren Inhalte wür-
digen zu können; sie müssen erst Distanz zu ihr ge-
winnen, d. h. die Gegenwart muß zur Vergangenheit ge-
worden sein, wenn man aus ihr Anhaltspunkte zur Be-
urteilung des Zukünftigen gewinnen soll.Wer also der Versuchung nachgibt, eine Äußerung
über die wahrscheinliche Zukunft unserer Kultur von sich
zu geben, wird gut daran tun, sich der vorhin angedeuteten
Bedenken zu erinnern, ebenso wie der Unsicherheit, die
ganz allgemein an jeder Vorhersage haftet. Daraus folgt
für mich, daß ich in eiliger Flucht vor der zu großen Auf-
gabe alsbald das kleine Teilgebiet aufsuchen werde, dem
auch bisher meine Aufmerksamkeit gegolten hat, nach-
dem ich nur seine Stellung im großen Ganzen bestimmt
habe.Die menschliche Kultur – ich meine all das, worin
sich das menschliche Leben über seine animalischen Be-
dingungen erhoben hat und worin es sich vom Leben der
Tiere unterscheidet – und ich verschmähe es, Kultur und
Zivilisation zu trennen – zeigt dem Beobachter be-
kanntlich zwei Seiten. Sie umfaßt einerseits all das
Wissen und Können, das die Menschen erworbenS.
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haben, um die Kräfte der Natur zu beherrschen und
ihr Güter zur Befriedigung der menschlichen Bedürf-
nisse abzugewinnen, anderseits alle die Einrichtungen,
die notwendig sind, um die Beziehungen der Menschen
zueinander, und besonders die Verteilung der erreich-
baren Güter zu regeln. Die beiden Richtungen der
Kultur sind nicht unabhängig voneinander, erstens, weil
die gegenseitigen Beziehungen der Menschen durch das
Maß der Triebbefriedigung, das die vorhandenen Güter
ermöglichen, tiefgreifend beeinflußt werden, zweitens, weil
der einzelne Mensch selbst zu einem anderen in die Be-
ziehung eines Gutes treten kann, insofern dieser seine
Arbeitskraft benützt oder ihn zum Sexualobjekt nimmt,
drittens aber, weil jeder Einzelne virtuell ein Feind der
Kultur ist, die doch ein allgemeinmenschliches Interesse
sein soll. Es ist merkwürdig, daß die Menschen, so wenig
sie auch in der Vereinzelung existieren können, doch die
Opfer, welche ihnen von der Kultur zugemutet werden,
um ein Zusammenleben zu ermöglichen, als schwer drückend
empfinden. Die Kultur muß also gegen den Einzelnen
verteidigt werden und ihre Einrichtungen, Institutionen
und Gebote stellen sich in den Dienst dieser Aufgabe;
sie bezwecken nicht nur, eine gewisse Güterverteilung her-
zustellen, sondern auch diese aufrechtzuhalten, ja sie
müssen gegen die feindseligen Regungen der Menschen
all das beschützen, was der Bezwingung der Natur und
der Erzeugung von Gütern dient. Menschliche SchöpfungenS.
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sind leicht zu zerstören und Wissenschaft und Technik,
die sie aufgebaut haben, können auch zu ihrer Vernich-
tung verwendet werden.So bekommt man den Eindruck, daß die Kultur etwas
ist, was einer widerstrebenden Mehrheit von einer Minder-
zahl auferlegt wurde, die es verstanden hat, sich in den
Besitz von Macht- und Zwangsmitteln zu setzen. Es liegt
natürlich nahe anzunehmen, daß diese Schwierigkeiten
nicht am Wesen der Kultur selbst haften, sondern von den
Unvollkommenheiten der Kulturformen bedingt werden,
die bis jetzt entwickelt worden sind. In der Tat ist es
nicht schwer, diese Mängel aufzuzeigen. Während die
Menschheit in der Beherrschung der Natur ständige Fort-
schritte gemacht hat und noch größere erwarten darf, ist
ein ähnlicher Fortschritt in der Regelung der menschlichen
Angelegenheiten nicht sicher festzustellen und wahrschein-
lich zu jeder Zeit, wie auch jetzt wieder, haben sich viele
Menschen gefragt, ob denn dieses Stück des Kulturerwerbs
überhaupt der Verteidigung wert ist. Man sollte meinen,
es müßte eine Neuregelung der menschlichen Beziehungen
möglich sein, welche die Quellen der Unzufriedenheit
mit der Kultur versagen macht, indem sie auf den Zwang
und die Triebunterdrückung verzichtet, so daß die Men-
schen sich ungestört durch inneren Zwist der Erwerbung
von Gütern und dem Genuß derselben hingeben könnten.
Das wäre das goldene Zeitalter, allein es fragt sich, ob
ein solcher Zustand zu verwirklichen ist. Es scheint viel-S.
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mehr, daß sich jede Kultur auf Zwang und Triebverzicht
aufbauen muß; es scheint nicht einmal gesichert, daß beim
Aufhören des Zwanges die Mehrzahl der menschlichen
Individuen bereit sein wird, die Arbeitsleistung auf sich
zu nehmen, deren es zur Gewinnung neuer Lebensgüter
bedarf. Man hat, meine ich, mit der Tatsache zu rechnen,
daß bei allen Menschen destruktive, also antisoziale und
antikulturelle Tendenzen vorhanden sind und daß diese
bei einer großen Anzahl von Personen stark genug sind,
um ihr Verhalten in der menschlichen Gesellschaft zu
bestimmen.Dieser psychologischen Tatsache kommt eine entschei-
dende Bedeutung für die Beurteilung der menschlichen
Kultur zu. Konnte man zunächst meinen, das Wesentliche
an dieser sei die Beherrschung der Natur zur Gewinnung
von Lebensgütern und die ihr drohenden Gefahren ließen
sich durch eine zweckmäßige Verteilung derselben unter
den Menschen beseitigen, so scheint jetzt das Schwer-
gewicht vom Materiellen weg aufs Seelische verlegt. Es
wird entscheidend, ob und inwieweit es gelingt, die Last
der den Menschen auferlegten Triebopfer zu verringern,
sie mit den notwendig verbleibenden zu versöhnen und
dafür zu entschädigen. Ebensowenig wie den Zwang zur
Kulturarbeit, kann man die Beherrschung der Masse durch
eine Minderzahl entbehren, denn die Massen sind träge
und einsichtslos, sie lieben den Triebverzicht nicht, sind
durch Argumente nicht von dessen Unvermeidlichkeit zuS.
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überzeugen und ihre Individuen bestärken einander im
Gewährenlassen ihrer Zügellosigkeit. Nur durch den Ein-
fluß vorbildlicher Individuen, die sie als ihre Führer
anerkennen, sind sie zu den Arbeitsleistungen und Ent-
sagungen zu bewegen, auf welche der Bestand der Kultur
angewiesen ist. Es ist alles gut, wenn diese Führer Per-
sonen von überlegener Einsicht in die Notwendigkeiten
des Lebens sind, die sich zur Beherrschung ihrer eigenen
Triebwünsche aufgeschwungen haben. Aber es besteht für
sie die Gefahr, daß sie, um ihren Einfluß nicht zu ver-
lieren, der Masse mehr nachgeben als diese ihnen, und
darum erscheint es notwendig, daß sie durch Verfügung
über Machtmittel von der Masse unabhängig seien. Um
es kurz zu fassen, es sind zwei weit verbreitete Eigen-
schaften der Menschen, die es verschulden, daß die kultu-
rellen Einrichtungen nur durch ein gewisses Maß von
Zwang gehalten werden können, nämlich, daß sie spontan
nicht arbeitslustig sind und daß Argumente nichts gegen
ihre Leidenschaften vermögen.Ich weiß, was man gegen diese Ausführungen einwenden-
wird. Man wird sagen, der hier geschilderte Charakter der
Menschenmassen, der die Unerläßlichkeit des Zwanges zur
Kulturarbeit beweisen soll, ist selbst nur die Folge fehler-
hafter kultureller Einrichtungen, durch die die Menschen
erbittert, rachsüchtig, unzugänglich geworden sind. Neue
Generationen, liebevoll und zur Hochschätzung des Den-
kens erzogen, die frühzeitig die Wohltaten der Kultur er-S.
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fahren haben, werden auch ein anderes Ver-
hältnis zu ihr haben, sie als ihr eigenstes Besitztum empfinden, bereit
sein, die Opfer an Arbeit und Triebbefriedigung für sie
zu bringen, deren es zu ihrer Erhaltung bedarf. Sie werden
den Zwang entbehren können und sich wenig von ihren
Führern unterscheiden. Wenn es menschliche Massen von
solcher Qualität bisher in keiner Kultur gegeben hat, so
kommt es daher, daß keine Kultur noch die Einrichtungen
getroffen hatte, um die Menschen in solcher Weise, und
zwar von Kindheit an, zu beeinflussen.Man kann daran zweifeln, ob es überhaupt oder jetzt
schon, beim gegenwärtigen Stand unserer Naturbeherr-
schung möglich ist, solche kulturelle Einrichtungen her-
zustellen, man kann die Frage aufwerfen, woher die
Anzahl überlegener, unbeirrbarer und uneigennütziger
Führer kommen soll, die als Erzieher der künftigen
Generationen wirken müssen, man kann vor dem unge-
heuerlichen Aufwand an Zwang erschrecken, der bis zur
Durchführung dieser Absichten unvermeidlich sein wird.
Die Großartigkeit dieses Planes, seine Bedeutsamkeit
für die Zukunft der menschlichen Kultur wird man nicht
bestreiten können. Er ruht sicher auf der psychologischen
Einsicht, daß der Mensch mit den mannigfaltigsten Trieb-
anlagen ausgestattet ist, denen die frühen Kindheitserleb-
nisse die endgültige Richtung anweisen. Die Schranken
der Erziehbarkeit des Menschen setzen darum auch der
Wirksamkeit einer solchen Kulturveränderung ihreS.
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Grenze. Man mag es bezweifeln, ob und in welchem
Ausmaß ein anderes Kulturmilieu die beiden Eigen-
schaften menschlicher Massen, die die Führung der mensch-
lichen Angelegenheiten so sehr erschweren, auslöschen
kann. Das Experiment ist noch nicht gemacht worden.
Wahrscheinlich wird ein gewisser Prozentsatz der Mensch-
heit – infolge krankhafter Anlage oder übergroßer Trieb-
stärke – immer asozial bleiben, aber wenn man es nur
zustande bringt, die kulturfeindliche Mehrheit von heute
zu einer Minderheit herabzudrücken, hat man sehr viel
erreicht, vielleicht alles, was sich erreichen läßt.Ich möchte nicht den Eindruck erwecken, daß ich mich
weit weg von dem vorgezeichneten Weg meiner Unter-
suchung verirrt habe. Ich will darum ausdrücklich ver-
sichern, daß es mir ferne liegt, das große Kulturexperi-
ment zu beurteilen, das gegenwärtig in dem weiten Land
zwischen Europa und Asien angestellt wird. Ich habe
weder die Sachkenntnis noch die Fähigkeit, über dessen
Ausführbarkeit zu entscheiden, die Zweckmäßigkeit der
angewandten Methoden zu prüfen oder die Weite der
unvermeidlichen Kluft zwischen Absicht und Durch-
führung zu messen. Was dort vorbereitet wird, entzieht
sich als unfertig einer Betrachtung, zu der unsere längst
konsolidierte Kultur den Stoff bietet.
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Die Zukunft einer Illusion1927-001/1928