S.
Neurosen als Zeitkrankheit.
Welche Heilerfolge hat die Psychoanalyse?
Von Professor Dr. Sigmund Freud.
(Aus einem Gespräch.)
Wenn die Thür eine Unterredung mit Professor Doktor
Sigmund Freud gewünscht wird, dem jenseits vor allem die
geistige Hochspannung, die ungeheure Konzentration, die sich
im Wesen des großen Forschers verräth, dem die Frau aus
vielen veröffentlichten Berichten und Weiler der Psychoanalyse
verehrt. „Worin bestehen die Errungenschaften und unmittel-
baren Möglichkeiten der Psychoanalyse?“ fragt Sie Sigmund
Freud.„In der Therapie der Neurosen, gewisser
Psychosen, in Teilen einer grundlegenden
Charakterveränderung und selbst bei weiten Ab-
zweigungen der Bewußtseinsspaltung (Schizophrenie)“,
antwortet Freud, „sind die Erfolge der Psychoanalyse un-
bestreitbar. Aber von grundlegender Bedeutung ist vor allem
die allmähliche Durchdringung des Nervenlebens durch die
Psychoanalyse. Man kann auch psychische Störungen und
Funktionsstörungen des Organismus heilen, indem man
von den Symptomen ausgeht. Denn alle Klassifikationen
der Psychopathologie, wie seltsam und unzusammenhängend sie
auch sein mögen, sind Symptome, die durch die Triebfedern
seines Zustandes und seiner psychischen Erkrankung
bestimmt sind.“„Hat nicht die Psychoanalyse, indem sie die Bedeutung
des Traumes erkannte, die Gesetze des Determinismus bis
auf die zartesten Daseinsänderungen ausgedehnt?“„Es handelt sich bei der Psychoanalyse weniger darum, den
Traum an sich zu erklären, als darum, ihn als
Symptom zu deuten und mit Hilfe
des Traumes zu diagnostizieren. Durch
schließlich findet der Kranke im Verlauf der Analyse in sich selbst
zurück, in er seiner verdrängten Komplexe
bewußt wird. Es handelt sich darum, die realen Trieb-
federn unserer Konflikte und auch die der Gemeinschaften
und Völker zu kennen.“„Angesichts der Dauer und der Kosten einer Behand-
lung, kann doch nur eine verschwindend kleine Anzahl
kranker psychoanalytisch behandelt werden?“„Gewiß, es gibt schwere Schranken der
psychoanalytischen Behandlung. Vor allem
organische Veränderungen, ferner die Alters-
grenze. Denn die Psyche eines Menschen, der das
plastische Lebensjahr überschritten hat, und der
haltunsmäßig unnachgiebig ist, bei dem stellt sich das zu er-
forschende unbewußte psychische Material ungescheuerter und
läßt sich kaum mehr korrigieren. Die Behandlung ist also
in gewisser Hinsicht dem Alter proportional und das
Problem wird in vorzehneujährigen Jahren fast unlösbar.“Die Krankheit als Mittel der Selbst-
verteidigung.„...Und die überwiegende Mehrzahl der Kranken, die
Armen?“„Für die Armen – es ist traurig genug und
man wird die Bemerkung hoffentlich nicht als zynisch miß-
deuten – für die Armen bedeuten die Neurosen
nicht nur Krankheit, sondern oft auch eines der
Elemente der Selbstverteidigung im Kampf
ums Dasein. Wir haben jetzt oft, wenn wir unentgeltlich
ordinieren, die Erfahrung gemacht, daß sich die Armen
von ihren Leiden nicht eher befreien lassen wollten, bevor
nicht eine Aenderung in ihrer materiellen Lage herbeigeführt
wäre. Und dies ist nur zu verständlich, da sie ihre
Krankheit oft genutz müssen, um zu verdanken, die
sie als Gesinde bei ihrer sozialen Stellung nicht zu erwarten
hätten. Alle unsere Bemühungen sind darauf gerichtet, uns
Kenntnisse über die grundlegendsten psychischen Funktionen
anzueignen und zu verbreiten und durch eine all-
gemeine Prophylaxe die Konstitution von
Kindheit an vor den bösartigsten Impulsen
und Phobien zu bewahren.“Geistige Hygiene.
„Besteht nicht eine gewisse Gefahr, durch diese
Prophylaxe die normale Entwicklung des Kindes zu stören?“„Eine geistige Hygiene, die den gefürchteten
sexuellen und psychischen Rabenjammern zu
verhüten weiß, ist besonders in den Jahren des Wachs-
tums ebenwig wichtig. Eine körperliche Hygiene, selbst im
Falle der Behandlung eines so zarten Zustandes
wie bei kleinen Hans, die ich eingehend beschrieben habe, hat
die psychoanalytische Einrichtung seine feeste Ent-
nügung günstig beeinflußt, ohne sichtbare Spuren in seiner
Erinnerung zurückzulassen. Ich konnte auch davon über-
zeugen, als ich vierzehn Jahre später den Neunzehnjährigen
Hans traf.“„Wie vermeidet man Willkürlichkeiten bei der
Interpretation von Erinnerungen, Obsessionen,
Assoziationen, Träumen und überhaupt bei der ganzen
psychoanalytischen Behandlung?“„Die korrigierten Erscheinungsformen,
die ein zurückgedrängter Impuls in der
Gestalt der Libido annehmen kann, sind un-
endlich und seine Sublimationen umfassen sozusagen die
Gesammtheit des menschlichen Strebens. Es handelt sich uns
wie beim Traum weniger um eine Erklärung, eine kasuistische
Dogmatik, als darum, Symptome zu behandeln. Die psycho-
analytische Methode ist im wesentlichen dynamisch: wir
rechnen mit den ungeheuren Triebfedern den ununterbrochenen
Verschiebungen der Seele. Daraus erwächst das heroische
Problem, das ich „Uebertragung“ nenne. Eine Ver-
drängung der Junalalie, deren Ursprung die Analyse noch
nicht aufzuklären vermochte. Es handelt sich um Affekte, die
immer bereit sind, sich anzupassen, sich je nach den Umständen
zu verwandeln und sich im Halle der psychoanalytischen
Behandlung auf den Arzt zu übertragen. Die
Komplexität und Veränderlichkeit dieser Faktoren legen dem
Arzt die Notwendigkeit einer ungeheuer straffen Kontrolle
seiner Forschungen auf, in denen das Willkürliche berück-
sichtigt und offenbar wird.“„Inwiefern trägt die Volkskrise zur Entwicklung der Neu-
rosen, der vielbesprochenen „sexuellen Not“ bei?“„Dieses Wort, das zum Schlagwort geworden ist und
allgemein der Psychoanalyse zugeschrieben wird, stammt nicht
von mir. Meiner Ansicht nach hat sich die „sexuelle Not“
auf unserem Kontinent dank der größeren Frei-
heit der Sitten nach dem Krieg verringert.
Gibt es aber einerseits weniger Neurosen, die durch Unter-
drückung der Instinkte hervorgerufen werden, so zeigt sich
dagegen eine Zunahme von Neurosen aller Arten,
die durch Zügellosigkeit der Instinkte ver-
ursacht wurde. Die Suche der enttäuschten, mutlosen Massen
nach dem Unbekannten, dem „Abenteuer“
erklärt sehr wohl diese Neurosen. Die Psychoanalyse
schafft ebenso heilsame Klarheit wie die Ver-
sinnlichmachung gewisser Wirtschaftsgeldere. Sie befähigt
die leidenden Menschen zu größerem Widerstand,
indem sie ihnen die objektiven Ursachen ihrer Lage enthüllt und so die
quälende Furcht vor einer Fügung des Schicksals, einem
persönlichen „Pech“ unterdrückt.“N. B.
Nachdruck, auch auszugsweise, verboten!
S.
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Neurose als Zeitkrankheit
1932-091/1932.2
Freud, Sigmund (1932-091): Interview: VU chez le Professeur Freud, 1932 [Bandy, Nicolas ›Entredien‹]
1932-091/1932.2