• S.

    21

    spärlich und so unsicher sind, und wenn es sich überdies um
    Auskünfte über Verhältnisse handelt, die sich noch bei Per-
    sonen unserer eigenen Generation der Aufmerksamkeit der Be-
    obachter entziehen.

    Wir wissen sehr wenig von der Jugend Leonardos. Er wurde
    1452 in dem kleinen Städtchen Vinci zwischen Florenz und Empoli
    geboren; er war ein uneheliches Kind, was in jener Zeit gewiß nicht
    als schwerer bürgerlicher Makel betrachtet wurde; sein Vater war
    Ser Piero da Vinci, ein Notar und Abkömmling einer Familie
    von Notaren und Landbauern, die ihren Namen nach dem
    Orte Vinci führten; seine Mutter eine Catarina, wahrscheinlich
    ein Bauernmädchen, die später mit einem anderen Einwohner
    von Vinci verheiratet war. Diese Mutter kommt in der Lebens-
    geschichte Leonardos nicht mehr vor, nur der Dichter Meresch-
    kowski glaubt ihre Spur nachweisen zu können. Die einzige
    sichere Auskunft über Leonardos Kindheit gibt ein amtliches
    Dokument aus dem Jahre 1457, ein Florentiner Steuerkataster,
    in welchem unter den Hausgenossen der Familie Vinci Leonardo
    als fünfjähriges illegitimes Kind des Ser Piero angeführt wird25).
    Die Ehe Ser Pieros mit einer Donna Albiera blieb kinderlos,
    darum konnte der kleine Leonardo im Hause seines Vaters auf-
    gezogen werden. Dies Vaterhaus verließ er erst, als er, un-
    bekannt in welchem Alter, als Lehrling in die Werkstatt des
    Andrea del Verrocchio eintrat. Im Jahre 1472 findet sich
    Leonardos Name bereits im Verzeichnis der Mitglieder der »Com-
    pagnia dei Pittori«. Das ist alles.

    II.

    Ein einziges Mal, soviel mir bekannt ist, hat Leonardo in
    eine seiner wissenschaftlichen Niederschriften eine Mitteilung
    aus seiner Kindheit eingestreut. An einer Stelle, die vom Fluge
    des Geiers handelt, unterbricht er sich plötzlich, um einer in ihm
    auftauchenden Erinnerung aus sehr frühen Jahren zu folgen.

    25)Scognamiglio, l. c., p. 15.

  • S.

    22

    »Es scheint, daß es mir schon vorher bestimmt war, mich
    so gründlich mit dem Geier zu befassen, denn es kommt mir als
    eine ganz frühe Erinnerung in den Sinn, als ich noch in der
    Wiege lag, ist ein Geier zu mir herabgekommen, hat mir den
    Mund mit seinem Schwanz geöffnet und viele Male mit diesem
    seinen Schwanz gegen meine Lippen gestoßen26).«

    Eine Kindheitserinnerung also, und zwar höchst be-
    fremdender Art. Befremdend wegen ihres Inhaltes und wegen
    der Lebenszeit, in die sie verlegt wird. Daß ein Mensch eine Er-
    innerung an seine Säuglingszeit bewahren könne, ist vielleicht
    nicht unmöglich, kann aber keineswegs als gesichert gelten. Was
    jedoch diese Erinnerung Leonardos behauptet, daß ein Geier dem
    Kinde mit seinem Schwanz den Mund geöffnet, das klingt so
    unwahrscheinlich, so märchenhaft, daß eine andere Auffassung,
    die beiden Schwierigkeiten mit einem Schlage ein Ende macht,
    sich unserem Urteile besser empfiehlt. Jene Szene mit dem
    Geier wird nicht eine Erinnerung Leonardos sein, sondern eine
    Phantasie, die er sich später gebildet und in seine Kindheit ver-
    setzt hat27). Die Kindheitserinnerungen der Menschen haben oft

    26) »Questo scriver si distintamente del nibio par che sia mio destino, perchè
    nella mia prima ricordatione della mia infantia e mi parea che essendo io in culla,
    che un nibio venissi a me e mi aprissi la bocca colla sua coda e molte volte mi per-
    cuotesse con tal coda dentro alle labbra.« (Cod. atlant. F. 65 V. nach Scognamiglio).

    27) Havelock Ellis hat in einer liebenswürdigen Besprechung dieser
    Schrift im Journal of mental science, July 1910, gegen die oben stehende Auf-
    fassung eingewendet, diese Erinnerung Leonardos könne sehr wohl eine reale
    Begründung gehabt haben, da Kindererinnerungen oft sehr viel weiter zurück-
    reichen, als man gewöhnlich glaubt. Der große Vogel brauchte ja gerade kein
    Geier gewesen zu sein. Ich will dies gerne zugestehen und zur Verminderung der
    Schwierigkeit die Annahme beitragen, die Mutter habe den Besuch des großen
    Vogels bei ihrem Kinde, den sie leicht für ein bedeutsames Vorzeichen halten konnte,
    beobachtet und später dem Kinde wiederholt davon erzählt, so daß das Kind die
    Erinnerung an diese Erzählung behalten und sie später, wie es so oft geschieht,
    mit einer Erinnerung an eigenes Erleben verwechseln konnte. Allein diese Ab-
    änderung tut der Verbindlichkeit meiner Darstellung keinen Abbruch. Die spät-
    geschaffenen Phantasien der Menschen über ihre Kindheit lehnen sich sogar in der
    Regel an kleine Wirklichkeiten dieser sonst vergessenen Vorzeit an. Es bedarf
    darum doch eines geheimen Motivs, um die reale Nichtigkeit hervorzuhohlen und

  • S.

    23

    keine andere Herkunft; sie werden überhaupt nicht, wie die be-
    wußten Erinnerungen aus der Zeit der Reife, vom Erlebnis an
    fixiert und wiederholt, sondern erst in späterer Zeit, wenn die
    Kindheit schon vorüber ist, hervorgeholt, dabei verändert, ver-
    fälscht, in den Dienst späterer Tendenzen gestellt, so daß sie
    sich ganz allgemein von Phantasien nicht strenge scheiden
    lassen. Vielleicht kann man sich ihre Natur nicht besser klar
    machen, als indem man an die Art und Weise denkt, wie bei den
    alten Völkern die Geschichtsschreibung entstanden ist. Solange
    das Volk klein und schwach war, dachte es nicht daran, seine
    Geschichte zu schreiben; man bearbeitete den Boden des Landes,
    wehrte sich seiner Existenz gegen die Nachbarn, suchte ihnen
    Land abzugewinnen und zu Reichtum zu kommen. Es war
    eine heroische und unhistorische Zeit. Dann brach eine andere
    Zeit an, in der man zur Besinnung kam, sich reich und mächtig
    fühlte, und nun entstand das Bedürfnis zu erfahren, woher
    man gekommen und wie man geworden war. Die Geschichts-
    schreibung, welche begonnen hatte, die Erlebnisse der Jetztzeit
    fortlaufend zu verzeichnen, warf den Blick auch nach rückwärts
    in die Vergangenheit, sammelte Traditionen und Sagen, deutete
    die Überlebsel alter Zeiten in Sitten und Gebräuchen und
    schuf so eine Geschichte der Vorzeit. Es war unvermeidlich,
    daß diese Vorgeschichte eher ein Ausdruck der Meinungen und
    Wünsche der Gegenwart als ein Abbild der Vergangenheit wurde,
    denn vieles war von dem Gedächtnis des Volkes beseitigt,
    anderes entstellt worden, manche Spur der Vergangenheit wurde
    mißverständlich im Sinne der Gegenwart gedeutet, und überdies
    schrieb man ja nicht Geschichte aus den Motiven objektiver Wiß-
    begierde, sondern weil man auf seine Zeitgenossen wirken, sie
    aneifern, erheben oder ihnen einen Spiegel vorhalten wollte. Das
    bewußte Gedächtnis eines Menschen von den Erlebnissen seiner
    Reifezeit ist nun durchaus jener Geschichtsschreibung zu ver-
    gleichen, und seine Kindheitserinnerungen entsprechen nach
    sie in solcher Weise auszugestalten, wie es von Leonardo mit dem zum Geier er-
    nannten Vogel und seinem merkwürdigen Tun geschieht.

  • S.

    24

    ihrer Entstehung und Verläßlichkeit wirklich der spät und
    tendenziös zurechtgemachten Geschichte der Urzeit eines Volkes.
    Wenn die Erzählung Leonardos vom Geier, der ihn in der
    Wiege besucht, also nur eine spätgeborene Phantasie ist, so
    sollte man meinen, es könne sich kaum verlohnen, länger bei
    ihr zu verweilen. Zu ihrer Erklärung könnte man sich ja mit der
    offen kundgegebenen Tendenz begnügen, seiner Beschäftigung
    mit dem Problem des Vogelfluges die Weihe einer Schicksals-
    bestimmung zu leihen. Allein mit dieser Geringschätzung beginge
    man ein ähnliches Unrecht, wie wenn man das Material von
    Sagen, Traditionen und Deutungen in der Vorgeschichte eines
    Volkes leichthin verwerfen würde. Allen Entstellungen und Miß-
    verständnissen zum Trotze ist die Realität der Vergangenheit
    doch durch sie repräsentiert; sie sind das, was das Volk aus
    den Erlebnissen seiner Urzeit gestaltet hat, unter der Herrschaft
    einstens mächtiger und heute noch wirksamer Motive, und
    könnte man nur durch die Kenntnis aller wirkenden Kräfte diese
    Entstellungen rückgängig machen, so müßte man hinter diesem
    sagenhaften Material die historische Wahrheit aufdecken können.
    Gleiches gilt für die Kindheitserinnerungen oder Phantasien der
    Einzelnen. Es ist nicht gleichgültig, was ein Mensch aus seiner
    Kindheit zu erinnern glaubt; in der Regel sind hinter den von ihm
    selbst nicht verstandenen Erinnerungsresten unschätzbare Zeug-
    nisse für die bedeutsamsten Züge seiner seelischen Entwicklung
    verborgen28). Da wir nun in den psychoanalytischen Techniken


    28) Ich habe eine solche Verwertung einer unverstandenen Kindheitserinne-
    rung seither auch noch bei einem anderen Großen versucht. In Goethes etwa
    um sein sechzigstes Jahr verfaßter Lebensbeschreibung (»Dichtung und Wahr-
    heit«) wird auf den ersten Seiten mitgeteilt, wie er auf Anstiften der Nachbarn
    kleines und großes Tongeschirr durchs Fenster auf die Straße schleuderte, so daß
    es zerschellte, und zwar ist diese die einzige Szene, die er aus seinen frühesten
    Jahren berichtet. Die völlige Beziehungslosigkeit ihres Inhaltes, dessen Über-
    einstimmung mit Kindheitserinnerungen einiger anderer Menschenkinder, die nichts
    besonders Großes geworden sind, sowie der Umstand, daß Goethe des Brüderchens
    an dieser Stelle nicht gedenkt, bei dessen Geburt er 3/
    4 Jahre, bei dessen Tod er
    nahezu 10 Jahre alt war, haben mich veranlaßt, die Analyse dieser Kindheits-
    erinnerung zu unternehmen. (Er erwähnt dieses Kind allerdings später, wo er bei

  • S.

    25

    vortreffliche Hilfsmittel besitzen, um dies Verborgene ans Licht
    zu ziehen, wird uns der Versuch gestattet sein, die Lücke in
    Leonardos Lebensgeschichte durch die Analyse seiner Kindheits-
    phantasie auszufüllen. Erreichen wir dabei keinen befriedigenden
    Grad von Sicherheit, so müssen wir uns damit trösten, daß so
    vielen anderen Untersuchungen über den großen und rätselhaften
    Mann kein besseres Schicksal beschieden war.

    Wenn wir aber die Geierphantasie Leonardos mit dem
    Auge des Psychoanalytikers betrachten, so erscheint sie uns
    nicht lange fremdartig; wir glauben uns zu erinnern, daß wir
    oftmals, z. B. in Träumen, ähnliches gefunden haben, so daß
    wir uns getrauen können, diese Phantasie aus der ihr eigentüm-
    lichen Sprache in gemeinverständliche Worte zu übersetzen.
    Die Übersetzung zielt dann aufs Erotische. Schwanz, »coda«,
    ist eines der bekanntesten Symbole und Ersatzbezeichnungen
    des männlichen Gliedes, im Italienischen nicht minder als in
    anderen Sprachen; die in der Phantasie enthaltene Situation,
    daß ein Geier den Mund des Kindes öffnet und mit dem Schwanz
    tüchtig darin herumarbeitet, entspricht der Vorstellung einer
    Fellatio, eines sexuellen Aktes, bei dem das Glied in den Mund
    der gebrauchten Person eingeführt wird. Sonderbar genug, daß
    diese Phantasie so durchwegs passiven Charakter an sich trägt;
    sie ähnelt auch gewissen Träumen und Phantasien von Frauen
    oder passiven Homosexuellen (die im Sexualverkehr die weib-
    liche Rolle spielen).

    Möge der Leser nun an sich halten und nicht in auf-
     


    (den vielen Erkrankungen der Kinderjahre verweilt.) Ich hoffte dabei, sie durch
    etwas anderes ersetzen zu können, was sich besser in den Zusammenhang der
    Goetheschen Darstellung einfügte und durch seinen Inhalt der Erhaltung sowie des
    ihm angewiesenen Platzes in der Lebensgeschichte würdig wäre. Die kleine Analyse
    (Imago, V, 1917, auch Sammlg. kl. Schriften z. Neurosenlehre, IV. Folge, 1918)
    gestattete dann, das Hinauswerfen des Geschirrs als magische Handlung zu erkennen,
    die gegen einen störenden Eindringling gerichtet war, und an der Stelle, an der
    die Begebenheit berichtet wurde, sollte sie den Triumph darüber bedeuten, daß
    kein zweiter Sohn auf die Dauer Goethes inniges Verhältnis zu seiner Mutter stören
    durfte. Daß die früheste, in solchen Verkleidungen erhaltene Kindheitserinnerung
    der Mutter gilt – bei Goethe wie bei Leonardo –, was wäre daran verwunderlich?

  • S.

    26

    flammender Entrüstung der Psychoanalyse die Gefolgschaft ver-
    weigern, weil sie schon in ihren ersten Anwendungen zu einer
    unverzeihlichen Schmähung des Andenkens eines großen und
    reinen Mannes führt. Es ist doch offenbar, daß diese Entrüstung
    uns niemals wird sagen können, was die Kindheitsphantasie
    Leonardos bedeutet; anderseits hat sich Leonardo in unzwei-
    deutigster Weise zu dieser Phantasie bekannt, und wir lassen
    die Erwartung – wenn man will: das Vorurteil – nicht fallen,
    daß eine solche Phantasie wie jede psychische Schöpfung, wie
    ein Traum, eine Vision, ein Delirium, irgend eine Bedeutung
    haben muß. Schenken wir darum lieber der analytischen Arbeit,
    die ja noch nicht ihr letztes Wort gesprochen hat, für eine
    Weile gerechtes Gehör.

    Die Neigung, das Glied des Mannes in den Mund zu nehmen,
    um daran zu saugen, die in der bürgerlichen Gesellschaft zu den
    abscheulichen sexuellen Perversionen gerechnet wird, kommt
    doch bei den Frauen unserer Zeit – und, wie alte Bildwerke
    beweisen, auch früherer Zeiten – sehr häufig vor und scheint
    im Zustande der Verliebtheit ihren anstößigen Charakter völlig
    abzustreifen. Der Arzt begegnet Phantasien, die sich auf diese
    Neigung gründen, auch bei weiblichen Personen, die nicht durch
    die Lektüre der Psychopathia sexualis von v. Krafft-Ebing
    oder durch sonstige Mitteilung zur Kenntnis von der Möglichkeit
    einer derartigen Sexualbefriedigung gelangt sind. Es scheint,
    daß es den Frauen leicht wird, aus Eigenem solche Wunsch-
    phantasien zu schaffen29). Die Nachforschung lehrt uns denn
    auch, daß diese von der Sitte so schwer geächtete Situation die
    harmloseste Ableitung zuläßt. Sie ist nichts anderes als die
    Umarbeitung einer anderen Situation, in welcher wir uns einst
    alle behaglich fühlten, als wir im Säuglingsalter (»essendo io in
    culla«) die Brustwarze der Mutter oder Amme in den Mund
    nahmen, um an ihr zu saugen. Der organische Eindruck dieses
    unseres ersten Lebensgenusses ist wohl unzerstörbar eingeprägt-

    29)Vgl. hiezu das »Bruchstück einer Hysterieanalyse« in Sammlung kleiner
    Schriften zur Neurosenlehre. Zweite Folge, 1909. (Dritte Auflage, 1921.)

  • S.

    27

    geblieben; wenn das Kind später das Euter der Kuh kennen
    lernt, das seiner Funktion nach eine Brustwarze, seiner Gestalt
    und Lage am Unterleib nach aber einem Penis gleichkommt,
    hat es die Vorstufe für die spätere Bildung jener anstößigen
    sexuellen Phantasie gewonnen.

    Wir verstehen jetzt, warum Leonardo die Erinnerung an
    das angebliche Erlebnis mit dem Geier in seine Säuglingszeit
    verlegt. Hinter dieser Phantasie verbirgt sich doch nichts anderes
    als eine Reminiszenz an das Saugen – oder Gesäugtwerden –
    an der Mutterbrust, welche menschlich schöne Szene er wie so
    viele andere Künstler an der Mutter Gottes und ihrem Kinde
    mit dem Pinsel darzustellen unternommen hat. Allerdings wollen
    wir auch festhalten, was wir noch nicht verstehen, daß diese
    für beide Geschlechter gleich bedeutsame Reminiszenz von dem
    Manne Leonardo zu einer passiven homosexuellen Phantasie um-
    gearbeitet worden ist. Wir werden die Frage vorläufig bei Seite
    lassen, welcher Zusammenhang etwa die Homosexualität mit
    dem Saugen an der Mutterbrust verbindet, und uns bloß daran
    erinnern, daß die Tradition Leonardo wirklich als einen homo-
    sexuell Fühlenden bezeichnet. Dabei gilt es uns gleich, ob jene
    Anklage gegen den Jüngling Leonardo berechtigt war oder nicht;
    nicht die reale Betätigung, sondern die Einstellung des Gefühls
    entscheidet für uns darüber, ob wir irgend jemand die Eigen-
    tümlichkeit der Inversion zuerkennen sollen.

    Ein anderer unverstandener Zug der Kindheitsphantasie
    Leonardos nimmt unser Interesse zunächst in Anspruch. Wir
    deuten die Phantasie auf das Gesäugtwerden durch die Mutter
    und finden die Mutter ersetzt durch einen – Geier. Woher rührt
    dieser Geier und wie kommt er an diese Stelle?

    Ein Einfall bietet sich da, so fernab liegend, daß man ver-
    sucht wäre, auf ihn zu verzichten. In der heiligen Bilderschrift
    der alten Ägypter wird die Mutter allerdings mit dem Bilde des
    Geiers geschrieben30). Diese Ägypter verehrten auch eine mütter-
     

    30) Horapollo, Hieroglyphica 1, 11. Μητέρα δὲ γράφοντες… γῦπα
    ζωγραφοῦσιν.

  • S.

    28

    liche Gottheit, die geierköpfig gebildet wurde oder mit mehreren
    Köpfen, von denen wenigstens einer der eines Geiers war31).
    Der Name dieser Göttin wurde Mut ausgesprochen; ob die
    Lautähnlichkeit mit unserem Worte »Mutter« nur eine zufällige
    ist? So steht der Geier wirklich in Beziehung zur Mutter, aber
    was kann uns das helfen? Dürfen wir Leonardo denn diese
    Kenntnis zumuten, wenn die Lesung der Hieroglyphen erst
    François Champollion (1790–1832) gelungen ist32)?

    Man möchte sich dafür interessieren, auf welchem Wege
    auch nur die alten Ägypter dazu gekommen sind, den Geier
    zum Symbol der Mütterlichkeit zu wählen. Nun war die Religion
    und Kultur der Ägypter bereits den Griechen und Römern Gegen-
    stand wissenschaftlicher Neugierde, und lange, ehe wir selbst
    die Denkmäler Ägyptens lesen konnten, standen uns einzelne
    Mitteilungen darüber aus erhaltenen Schriften des klassischen
    Altertums zu Gebote, Schriften, die teils von bekannten Autoren
    herrühren, wie Strabo, Plutarch, Aminianus Marcellus,
    teils unbekannte Namen tragen und unsicher in ihrer Herkunft
    und Abfassungszeit sind wie die Hieroglyphica des Horapollo
    Nilus und das unter dem Götternamen des Hermes Trisme--
    gistos überlieferte Buch orientalischer Priesterweisheit. Aus
    diesen Quellen erfahren wir, daß der Geier als Symbol der
    Mütterlichkeit galt, weil man glaubte, es gäbe nur weibliche
    Geier und keine männlichen von dieser Vogelart33). Die Natur-
    geschichte der Alten kannte auch ein Gegenstück zu dieser
    Einschränkung; bei den Skarabäen, den von den Ägyptern als
    göttlich verehrten Käfern, meinten sie, gebe es nur Männchen34).

    Wie sollte nun die Befruchtung der Geier vor sich gehen,


    31)Roscher, Ausf. Lexikon der griechischen und römischen Mythologie.
    Artikel Mut, II. Bd., 1894–1897. – Lanzone, Dizionario di mitologia egizia.
    Torino 1882.

    32)H. Hartleben, Champollion. Sein Leben und sein Werk, 1906.

    33)»γύπαι δὲ ἄρρενα οὐ φασιγένεσθαι ποτε, ἀλλὰ θήλειας ἐπάδουσαι« bei
    v. Römer. Über die androgynische Idee des Lebens. Jahrb. f. sexuelle Zwischen-
    stufen, V, 1903, p. 732.

    34)Plutarch, Veluti scarabaeos mares tantum esse putarunt Aegyptii sic
    inter vultures mares non inveniri statuerunt.

  • S.

    29

    wenn sie alle nur Weibchen waren? Darüber gibt eine Stelle
    des Horapollo35) guten Aufschluß. Zu einer gewissen Zeit
    halten diese Vögel im Fluge inne, öffnen ihre Scheide und
    empfangen vom Winde.

    Wir sind jetzt unerwarteterweise dazu gelangt, etwas für
    recht wahrscheinlich zu halten, was wir vor kurzem noch als
    absurd zurückweisen mußten. Leonardo kann das wissenschaft-
    liche Märchen, dem es der Geier verdankt, daß die Ägypter
    mit seinem Bilde den Begriff der Mutter schrieben, sehr wohl
    gekannt haben. Er war ein Vielleser, dessen Interesse alle Ge-
    biete der Literatur und des Wissens umfaßte. Wir besitzen im
    Codex atlanticus ein Verzeichnis aller Bücher, die er zu einer
    gewissen Zeit besaß36), dazu zahlreiche Notizen über andere
    Bücher, die er von Freunden entlehnt hatte, und nach den Ex-
    zerpten, die Fr. Richter37) aus seinen Aufzeichnungen zu-
    sammengestellt hat, können wir den Umfang seiner Lektüre
    kaum überschätzen. Unter dieser Zahl fehlen auch ältere wie
    gleichzeitige Werke von naturwissenschaftlichem Inhalte nicht.
    Alle diese Bücher waren zu jener Zeit schon im Drucke vor-
    handen, und gerade Mailand war für Italien die Hauptstätte der
    jungen Buchdruckerkunst.

    Wenn wir nun weiter gehen, stoßen wir auf eine Nach-
    richt, welche die Wahrscheinlichkeit, Leonardo habe das Geier-
    märchen gekannt, zur Sicherheit steigern kann. Der gelehrte
    Herausgeber und Kommentator des Horapollo bemerkt zu dem
    bereits zitierten Text (p. 172): Caeterum hanc fabulam de
    vulturibus cupide amplexi sunt Patres Ecclesiastici, ut ita ar-
    gumento ex rerum natura petito refutarent eos, qui Virginis
    partum negabant; itaque apud omnes fere hujus rei mentio
    occurrit.


    Also die Fabel von der Eingeschlechtigkeit und der Emp-

    35)Horapollinis Niloi Hieroglyphica edidit Conradus Leemanns Amste-
    lodami 1835. Die auf das Geschlecht der Geier bezüglichen Worte lauten (p. 14):
    μητέρα μὲν ἐπειδὴ ἄρρεν ἐν τούτῳ τῷ γένει τῶν ζώων οὐκ ὑπάρχει.

    36)E. Müntz, Léonard de Vinci, Paris 1899, p. 282.

    37)Müntz, l. c.

  • S.

    30

    fängnis der Geier war keineswegs eine indifferente Anekdote
    geblieben wie die analoge von den Skarabäen; die Kirchenväter
    hatten sich ihrer bemächtigt, um gegen die Zweifler an der
    heiligen Geschichte ein Argument aus der Naturgeschichte zur
    Hand zu haben. Wenn nach den besten Nachrichten aus dem
    Altertum die Geier darauf angewiesen waren, sich vom Winde
    befruchten zu lassen, warum sollte nicht auch einmal das gleiche
    mit einem menschlichen Weibe vorgegangen sein? Dieser Ver-
    wertbarkeit wegen pflegten die Kirchenväter »fast alle« die
    Geierfabel zu erzählen, und nun kann es kaum zweifelhaft sein,
    daß sie durch so mächtige Patronanz auch Leonardo bekannt
    geworden ist.

    Die Entstehung der Geierphantasie Leonardos können wir
    uns nun in folgender Weise vorstellen. Als er einmal bei einem
    Kirchenvater oder in einem naturwissenschaftlichen Buche da-
    von las, die Geier seien alle Weibchen und wüßten sich ohne
    Mithilfe von Männchen fortzupflanzen, da tauchte in ihm eine
    Erinnerung auf, die sich zu jener Phantasie umgestaltete, die
    aber besagen wollte, er sei ja auch so ein Geierkind gewesen,
    das eine Mutter, aber keinen Vater gehabt habe, und dazu ge-
    sellte sich in der Art, wie so alte Eindrücke sich allein äußern
    können, ein Nachhall des Genusses, der ihm an der Mutterbrust
    zuteil geworden war. Die von den Autoren hergestellte An-
    spielung auf die jedem Künstler teure Vorstellung der heiligen
    Jungfrau mit dem Kinde mußte dazu beitragen, ihm diese
    Phantasie wertvoll und bedeutsam erscheinen zu lassen. Kam
    er doch so dazu, sich mit dem Christusknaben, dem Tröster
    und Erlöser nicht nur des einen Weibes, zu identifizieren.

    Wenn wir eine Kindheitsphantasie zersetzen, streben wir
    danach, deren realen Erinnerungsinhalt von den späteren Mo-
    tiven zu sondern, welche denselben modifizieren und entstellen.
    Im Falle Leonardos glauben wir jetzt den realen Inhalt der
    Phantasie zu kennen; die Ersetzung der Mutter durch den
    Geier weist darauf hin, daß das Kind den Vater vermißt und
    sich mit der Mutter allein gefunden hat. Die Tatsache der
    illegitimen Geburt Leonardos stimmt zu seiner Geierphantasie;

  • S.

    31

    nur darum konnte er sich einem Geierkinde vergleichen. Aber
    wir haben als die nächste gesicherte Tatsache aus seiner Jugend
    erfahren, daß er im Alter von fünf Jahren in den Haushalt seines
    Vaters aufgenommen war; wann dies geschah, ob wenige Monate
    nach seiner Geburt, ob wenige Wochen vor der Aufnahme jenes
    Katasters, ist uns völlig unbekannt. Da tritt nun die Deutung
    der Geierphantasie ein und will uns belehren, daß Leonardo
    die entscheidenden ersten Jahre seines Lebens nicht bei seinem
    Vater und seiner Stiefmutter, sondern bei der armen, ver-
    lassenen, echten Mutter verbrachte, so daß er Zeit hatte, seinen
    Vater zu vermissen. Dies scheint ein mageres und dabei noch
    immer gewagtes Ergebnis der psychoanalytischen Bemühung,
    allein es wird bei weiterer Vertiefung an Bedeutung gewinnen.
    Der Sicherheit kommt noch die Erwägung der tatsächlichen Ver-
    hältnisse in der Kindheit Leonardos zu Hilfe. Den Berichten
    nach heiratete sein Vater Ser Piero da Vinci noch im Jahre von
    Leonardos Geburt die vornehme Donna Albiera; der Kinder-
    losigkeit dieser Ehe verdankte der Knabe seine im fünften Jahre
    dokumentarisch bestätigte Aufnahme ins väterliche oder viel-
    mehr großväterliche Haus. Nun ist es nicht gebräuchlich, daß
    man der jungen Frau, die noch auf Kindersegen rechnet, von
    Anfang an einen illegitimen Sprößling zur Pflege übergibt. Es
    mußten wohl erst Jahre von Enttäuschung hingegangen sein,
    ehe man sich entschloß, das wahrscheinlich reizend entwickelte
    uneheliche Kind zur Entschädigung für die vergeblich erhofften
    ehelichen Kinder anzunehmen. Es steht im besten Einklang mit
    der Deutung der Geierphantasie, wenn mindestens drei Jahre,
    vielleicht fünf, von Leonardos Leben verflossen waren, ehe er
    seine einsame Mutter gegen ein Elternpaar vertauschen konnte.
    Dann aber war es bereits zu spät geworden. In den ersten drei
    oder vier Lebensjahren fixieren sich Eindrücke und bahnen
    sich Reaktionsweisen gegen die Außenwelt an, die durch kein
    späteres Erleben mehr ihrer Bedeutung beraubt werden können.

    Wenn es richtig ist, daß die unverständlichen Kindheits-
    erinnerungen und die auf sie gebauten Phantasien eines
    Menschen stets das Wichtigste aus seiner seelischen Entwicklung
     

  • S.

    32

    herausheben, so muß die durch die Geierphantasie erhärtete
    Tatsache, daß Leonardo seine ersten Lebensjahre allein mit
    der Mutter verbracht hat, von entscheidendstem Einfluß auf
    die Gestaltung seines inneren Lebens gewesen sein. Unter den
    Wirkungen dieser Konstellation kann es nicht gefehlt haben,
    daß das Kind, welches in seinem jungen Leben ein Problem
    mehr vorfand als andere Kinder, mit besonderer Leidenschaft
    über diese Rätsel zu grübeln begann und so frühzeitig ein
    Forscher wurde, den die großen Fragen quälten, woher die
    Kinder kommen und was der Vater mit ihrer Entstehung zu
    tun habe. Die Ahnung dieses Zusammenhanges zwischen seiner
    Forschung und seiner Kindheitsgeschichte hat ihm dann später
    den Ausruf entlockt, ihm sei es wohl von jeher bestimmt ge-
    wesen, sich in das Problem des Vogelfluges zu vertiefen, da er
    schon in der Wiege von einem Geier heimgesucht worden war.
    Die Wißbegierde, die sich auf den Vogelflug richtete, von der
    infantilen Sexualforschung abzuleiten, wird eine spätere, un-
    schwer zu erledigende Aufgabe sein.

    III.

    In der Kindheitsphantasie Leonardos repräsentierte uns
    das Element des Geiers den realen Erinnerungsinhalt; der Zu-
    sammenhang, in den Leonardo selbst seine Phantasie gestellt
    hatte, warf ein helles Licht auf die Bedeutung dieses Inhaltes
    für sein späteres Leben. Bei fortschreitender Deutungsarbeit
    stoßen wir nun auf das befremdliche Problem, warum dieser
    Erinnerungsinhalt in eine homosexuelle Situation umgearbeitet
    worden ist. Die Mutter, die das Kind säugt – besser: an der
    das Kind saugt –, ist in einen Geiervogel verwandelt, der dem
    Kinde seinen Schwanz in den Mund steckt. Wir behaupten,
    daß die „Coda“ des Geiers nach gemeinem substituierenden
    Sprachgebrauch gar nichts anderes als ein männliches Genitale,
    einen Penis, bedeuten kann. Aber wir verstehen nicht, wie die
    Phantasietätigkeit dazu gelangen kann, gerade den mütterlichen
    Vogel mit dem Abzeichen der Männlichkeit auszustatten, und