Eine Vorlesung 1933-001/1932.1

Freud, Sigmund (1933-001/1932.1): Eine Vorlesung

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    | Psychoanalytische
    | Bewegung
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    Е IV. Jahrgang Nov.— Dez. 1932 Heft 6

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    Eine Vorlesung

    Von

    Sigm. Freud

    Wir entnehmen diese Vorlesung dem soeben im Internationalen
    psychoanalytischen Verlage erscheinenden Werke: „Neue Folge
    der Vorlesungen zur Einführung in die Psychoanalyse“,

    Meine Damen und Herren! Darf ich einmal, sozusagen des
    trockenen Tones satt, über Dinge vor Ihnen reden, die sehr
    wenig theoretische Bedeutung haben, die Sie aber doch nahe
    angehen, insoferne Sie der Psychoanalyse freundlich gesinnt
    sind ? Setzen wir z. B. den Fall, daß Sie in Ihren Mußestun-
    den einen deutschen, englischen oder amerikanischen Roman
    zur Hand nehmen, in dem Sie eine Schilderung der Menschen
    und der Zustände von heute zu finden erwarten. Nach weni-
    gen Seiten stoßen Sie auf eine erste Äußerung über Psycho-
    analyse und dann bald auf weitere, auch wenn der Zusammen-
    hang es nicht zu erfordern scheint. Sie müssen nicht meinen,
    daß es sich dabei um Anwendungen der Tiefenpsychologie
    zum besseren Verständnis der Personen im Text oder ihrer
    Taten handelt; es gibt allerdings auch ernsthaftere Dichtungen,
    in denen das wirklich versucht wird. Nein, es sind meist spöt-
    tische Bemerkungen, mit denen der Verfasser des Romans seine
    Belesenheit oder seine intellektuelle Überlegenheit dartun will.

    Pi. Bewegung IV — 481 — 32

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    -

    Nicht immer bekommen Sie auch den Eindruck, daß er das
    wirklich kennt, worüber er sich ausspricht. Oder Sie gehen zu
    Ihrer Erholung in eine gesellige Vereinigung; es muß nicht
    gerade in Wien sein. Nach kurzer Zeit geht das Gespräch auf
    die Psychoanalyse, Sie hören die verschiedensten Leute ihr
    Urteil abgeben, meist im Tone unbeirrter Sicherheit, Dies Ur.
    teil ist ganz gewöhnlich ein geringschátzendes, oft eine Schmá.
    hung, zum Mindesten wieder eine Spötterei. Wenn Sie so un.
    vorsichtig sind zu verraten, daß Sie etwas von dem Gegen.
    stand verstehen, fallen Alle über Sie her, verlangen Auskünfte
    und Erklärungen und geben Ihnen nach kurzer Zeit die Über.
    zeugung, daß alle diese strengen Urteile vor jeder Information
    gefällt worden waren, daß kaum einer von diesen Gegnern je
    ein analytisches Buch zur Hand genommen hat oder wenn
    doch, daß er nicht über den ersten Widerstand beim Zu.
    sammentreffen mit einem neuen Stoff hinweggekommen ist.

    Von einer Einführung in die Psychoanalyse erwarten Sie
    vielleicht auch eine Anweisung, welche Argumente man zur
    Richtigstellung der offenkundigen Irrtümer über die Analyse
    verwenden, welche Bücher man zur besseren Information emp-
    fehlen, oder selbst, welche Beispiele aus Ihrer Lektüre oder
    Erfahrung Sie in der Diskussion anrufen sollen, um die Ein-
    stellung der Gesellschaft zu ändern. Ich bitte Sie, tun Sie nichts
    von alledem. Es wäre unnütz; am besten, Sie verbergen über-
    haupt Ihr besseres Wissen. Wenn das nicht mehr möglich ist,
    so beschränken Sie sich darauf zu sagen, Sie meinen, soweit
    Sie orientiert sind, daß die Psychoanalyse ein besonderer
    Wissenszweig sei, recht schwer zu verstehen und zu beur-
    teilen, daß sie sich mit sehr ernsthaften Dingen beschäftige,
    so daß man ihr mit ein paar Scherzen nicht nahekomme, und
    daß man sich für gesellschaftliche Unterhaltungen lieber ein
    anderes Spielzeug aussuchen solle. Natürlich beteiligen Sie sich
    auch nicht an Deutungsversuchen, wenn unvorsichtige Leute
    ihre Träume erzählen, und widerstehen auch der Versuchung,
    durch Berichte von Heilungen um Gunst für die Analyse zu
    werben.

    — 482 —

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    Sie können aber die Frage aufwerfen, warum diese Leute,
    sowohl die Bücher schreiben als die Konversation machen, sich
    so inkorrekt benehmen, und Sie werden zur Annahme neigen,
    daß dies nicht nur an den Leuten, sondern auch an der Psycho-
    analyse liegt. Das meine ich auch; was Ihnen in Literatur
    und Gesellschaft als Vorurteil entgegentritt, ist die Nachwir-
    kung eines früheren Urteils, — nämlich des Urteils, das die
    Vertreter der offiziellen Wissenschaft über die junge Psycho-
    analyse gefällt hatten. Ich habe mich schon einmal in einer
    historischen Darstellung darüber beklagt und werde es nicht
    wieder tun, — vielleicht war schon dies eine Mal zuviel, —
    aber wirklich, es gab keine Verletzung der Logik, aber auch
    keine des Anstands und guten Geschmacks, die sich die wissen-
    schaftlichen Gegner der Psychoanalyse damals nicht gestattet
    hätten. Es war. eine Situation, wie sie im Mittelalter verwirk-
    licht war, wenn ein Missetäter oder auch nur ein politischer
    Gegner an den Pranger gestellt und der Mißhandlung durch
    den Pöbel preisgegeben wurde. Und Sie machen es sich viel-
    leicht nicht klar, wie weit hinauf in unserer Gesellschaft die
    Pöbelhaftigkeit reicht und welchen Unfug sich die Menschen
    erlauben, wenn sie sich als Massenbestandteil und der persön-
    lichen Verantwortung überhoben fühlen. Ich war zu Beginn
    jener Zeiten ziemlich allein, sah bald ein, daß Polemisieren
    keine Aussicht habe, daß aber auch das Sich-beklagen und die
    Anrufung besserer Geister sinnlos sei, da es ja keine Instanzen
    gäbe, bei denen die Klage anzubringen wäre. Somit ging ich
    einen anderen Weg; ich machte die erste Anwendung. der
    Psychoanalyse, indem ich mir das Benehmen der Masse als
    Phänomen desselben Widerstands aufklärte, den ich bei den
    einzelnen Patienten zu bekämpfen hatte, enthielt mich selbst
    der Polemik und beeinflußte meine Anhänger, als sie allmählich
    hinzukamen, nach derselben Richtung. Das Verfahren war gut,
    der Bann, in den damals die Analyse getan wurde, ist seither
    aufgehoben worden, aber wie ein verlassener Glaube als Aber-
    glaube fortlebt, eine von der Wissenschaft aufgegebene Theorie
    als Volksmeinung erhalten bleibt, so setzt sich heute jene ur-

    — 488 — se

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    sprüngliche Achtung der Psychoanalyse durch wissenschaftliche
    Kreise in der spåttischen Geringschåtzung der Bücher schreiben-
    den oder Konversation machenden Laien fort. Darüber werden
    Sie sich also nicht mehr verwundern.

    Nun erwarten Sie aber nicht, die frohe Botschaft zu hören,
    der Kampf um die Analyse sei zu Ende und habe mit ihrer
    Anerkennung als Wissenschaft, ihrer Zulassung als Lehrstoff
    zur Universität geendet, Es ist keine Rede davon, er setzt sich
    fort, nur in mehr gesitteten Formen. Neu ist auch, daß sich in
    der wissenschaftlichen Gesellschaft eine Art von Pufferschicht
    zwischen der Analyse und ihren Gegnern gebildet hat, Leute,
    die etwas an der Analyse gelten lassen, es auch unter ergötz-
    lichen Verklausulierungen bekennen, dafür anderes ablehnen,
    wie sie nicht laut genug verkünden können. Was sie bei dieser
    Auswahl bestimmt, ist nicht leicht zu erraten. Es scheinen per-
    sönliche Sympathien zu sein. Der eine nimmt Anstoß an der
    Sexualität, der andere am Unbewußten; besonders unbeliebt
    scheint die Tatsache der Symbolik zu sein. Daß das Gebäude
    der Psychoanalyse, obwohl unfertig, doch schon heute eine
    Einheit darstellt, aus der nicht jeder nach seiner Willkür Ele-
    mente herausbrechen kann, scheint für diese Eklektiker nicht
    in Betracht zu kommen. Von keinem dieser Halb- oder Viertel-
    anhänger konnte ich den Eindruck bekommen, daß ihre Ab-
    lehnung auf Nachprüfung begründet war. Auch manche hervor-
    ragende Männer gehören zu dieser Kategorie. Sie sind freilich
    entschuldigt durch die Tatsache, daß ihre Zeit wie ihr Inter-
    esse anderen Dingen gehören, nämlich jenen, in deren Bewäl-
    tigung sie so Bedeutendes geleistet haben. Aber sollten sie
    dann nicht lieber mit ihrem Urteil zurückhalten, anstatt so ent-
    schieden Partei zu nehmen? Bei einem dieser Großen gelang
    mir einmal eine rasche Bekehrung. Es war ein weltberühmter
    Kritiker, der den geistigen Strömungen der Zeit mit wohl-
    wollendem Verständnis und prophetischem Scharfblick gefolgt
    war. Ich lernte ihn erst kennen, als er das achtzigste Jahr über-
    schritten hatte, aber er war noch immer bezaubernd im Ge-
    spräch. Sie werden leicht erraten, wen ich meine. Ich war es

    — 484 —

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    auch nicht, der auf die Psychoanalyse zu reden kam. Er tat
    es, indem er sich auf die bescheidenste Weise an mir maß.
    „Ich bin nur ein Literat, sagte er, aber Sie sind ein Natur-
    forscher und Entdecker, Aber das eine muß ich Ihnen sagen:
    ich habe nie sexuelle Gefühle für meine Mutter gehabt." „Aber
    das brauchen Sie ja gar nicht gewußt zu haben", war meine
    Erwiderung, „das sind ja für den Erwachsenen unbewufte
    Vorgánge." „Ach, so meinen Sie das“, sagte er erleichtert und
    driickte meine Hand. Wir plauderten noch einige Stunden im
    besten Einvernehmen, Ich hørte später, daß er in dem kurzen
    Lebensrest, der ihm noch vergónnt war, sich wiederholt freund-
    lich über die Analyse äußerte und gerne das ihm neue Wort
    „Verdrängung“ gebrauchte.

    Ein bekannter Spruch mahnt, man soll von seinen Feinden
    lernen. Ich gestehe, daß mir dies nie gelungen ist, aber ich
    dachte doch, es könnte für Sie lehrreich werden, wenn ich mit
    Ihnen eine Musterung aller der Vorwürfe und Einwendungen
    vornähme, die die Gegner der Psychoanalyse gegen sie erhoben
    haben, und dann auf die so leicht aufzudeckenden Ungerech-
    tigkeiten und Verstöße gegen die Logik hinwiese. Aber „on
    second thoughts“ habe ich mir gesagt, das würde gar nicht inter-
    essant, sondern ermiidend und peinlich werden und grade das
    sein, was ich in all diesen Jahren sorgfältig vermieden habe.
    Entschuldigen Sie mich also, wenn ich diesen Weg nicht weiter
    verfolge und Sie mit den Urteilen unserer sogenannt wissen-
    schaftlichen Gegner verschone. Handelt es sich doch fast
    immer um Personen, deren einziger Befihigungsnachweis die
    Unbefangenheit ist, die sie sich durch Fernhaltung von den
    Erfahrungen der Psychoanalyse bewahrt haben. Aber ich weiß,
    so leichten Kaufs werden Sie mich nicht in anderen Fällen ent-
    lassen. Sie werden mir vorhalten: Es gibt doch soviel Perso-
    nen, fiir die Ihre letzte Bemerkung nicht zutrifft. Diese sind
    der analytischen Erfahrung nicht ausgewichen, haben Patienten
    analysiert, sind vielleicht selbst analysiert worden, waren sogar
    eine Zeit lang Ihre Mitarbeiter und sind doch zu anderen Auf-
    fassungen und Theorien gekommen, auf Grund deren sie von

    — 485 —

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    Ihnen abgefallen sind und selbständige Schulen der Psycho-
    analyse begründet haben. Uber die Möglichkeit und Bedeu-
    tung dieser in der Geschichte der Analyse so häufigen Abfalls-
    bewegungen sollten Sie uns Aufklärung geben.

    Ja, ich will es versuchen; in Kiirze zwar, denn es kommt
    dabei weniger fiir das Verständnis der Analyse heraus, als Sie
    erwarten mögen, Ich weiß, Sie denken in erster Linie an die
    Adlersche Individualpsychologie, die z. B. in Amerika als
    eine gleichberechtigte Nebenlinie unserer Psychoanalyse be-
    trachtet und regelmäßig mit ihr zusammen genannt wird. In
    Wirklichkeit hat sie sehr wenig mit ihr zu tun, führt aber in
    Folge gewisser historischer Umstände eine Art von parasitärer
    Existenz auf ihre Kosten. Auf ihren Gründer treffen die Be-
    dingungen, die wir für die Gegner dieser Gruppe angenom-
    men haben, nur in geringem Ausmaß zu. Der Name selbst ist
    unpassend, scheint ein Produkt der Verlegenheit; wir können
    uns seine berechtigte Verwendung als Gegensatz zu Massen-
    psychologie nicht stören lassen; auch was wir treiben ist zu-
    meist und vor allem Psychologie des menschlichen Individuums.
    In eine objektive Kritik der Adlerschen Individualpsychologie
    werde ich heute nicht eingehen, sie liegt nicht im Plan dieser
    Einführung, auch habe ich sie schon einmal versucht und habe
    wenig Anlaß, etwas an ihr zu ändern. Den Eindruck, den sie
    hervorruft, will ich aber durch eine kleine Begebenheit in
    den Jahren vor der Analyse illustrieren.

    In der Nähe der mährischen Kleinstadt, in der ich geboren
    bin und die ich als Kind von drei Jahren verlassen habe, be-
    findet sich ein bescheidener Kurort, schön im Grünen gelegen.
    In den Gymnasialjabren war ich mehrmals auf Ferien dort.
    Etwa zwei Jahrzehnte später wurde die Erkrankung einer
    nahen Verwandten der Anlaß, diesen Ort wiederzusehen. In
    einer Unterhaltung mit dem Kurarzt, der meiner Verwandten
    Beistand geleistet hatte, erkundigte ich mich nach seinen Be-
    ziehungen, zu den — ich glaube, slowakischen — Bauern, die im
    Winter seine einzige Klientel bildeten. Er erzählte, die ärztliche
    Tätigkeit spiele sich in folgender Weise ab: Zur Stunde seiner

    — 486 —

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    Ordination kommen die Patienten in sein Zimmer und stellen
    sich in einer Reihe auf, Einer nach dem anderen tritt dann
    hervor und klagt über seine Beschwerden. Er hat Kreuzschmer-
    gen oder Magenkråmpfe oder Müdigkeit in den Beinen usw.
    Dann untersucht er ihn und nachdem er sich orientiert hat,
    ruft er ihm die Diagnose zu, in jedem Fall die nåmliche. Er
    übersetzte mir das Wort, es heiße soviel wie ,verhext“. Ich
    fragte erstaunt, ob die Bauern denn keinen Anstoß daran
    nehmen, daß er bei allen Kranken denselben Befund habe. O
    nein, erwiderte er, sie sind sehr zufrieden damit, es ist das,
    was sie erwartet haben. Jeder, der in die Reihe zurücktritt,
    deutet den anderen durch Mienen und Gebärden: Ja, das ist
    einer, der’s versteht. Wenig ahnte ich damals, unter welchen
    Verhältnissen ich einer analogen Situation wieder begegnen
    würde.

    Ob nämlich einer ein Homosexueller ist oder ein Nekrophile,
    ein verängstigter Hysteriker, ein abgesperrter Zwangsneurotiker
    oder ein tobender Wahnsinniger, in jedem Fall wird der
    Individualpsychologe Adlerscher Richtung als das treibende
    Motiv seines Zustandes angeben, daß er sich zur Geltung
    bringen, seine Minderwertigkeit überkompensieren, oben bleiben,
    von der weiblichen auf die männliche Linie gelangen will.
    Etwas ganz ähnliches hatten wir als junge Studenten auf der
    Klinik gehört, wenn einmal ein Fall von Hysterie vorgestellt
    wurde: Die Hysterischen erzeugen ihre Symptome, um sich
    interessant zu machen, die Aufmerksamkeit auf sich zu ziehen.
    Wie doch alte Weisheiten immer wiederkehren! Aber dieses
    Stückchen Psychologie schien uns schon damals die Rätsel der
    Hysterie nicht zu decken, es ließ z. B. unerklärt, warum die
    Kranken sich keiner anderen Mittel zur Erreichung ihrer Ab-
    sicht bedienen. Etwas an dieser Lehre der Individualpsychologen
    muß natürlich richtig sein, ein Partikelchen für das Ganze.
    Der Selbsterhaltungstrieb wird versuchen, sich jede Situation
    zu Nutze zu machen, das Ich wird auch das Kranksein zum
    Vorteil wenden wollen. Man nennt das in der Psychoanalyse
    den „sekundären Krankheitsgewinn“. Freilich, wenn man an

    — 487 —

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    die Tatsachen des Masochismus denkt, des unbewußten Straf.
    bedürfnisses und der neurotischen Selbstschädigung, die die
    Annahme von Triebregungen nahe legen, welche der Selbst.
    erhaltung zuwiderlaufen, wird man auch an der Allgemein.
    giltigkeit jener banalen Wahrheit irre, auf der das Lehrgebäude
    der Individualpsychologie erbaut ist. Aber der großen Menge
    muß eine solche Lehre hoch willkommen sein, die keine
    Komplikationen anerkennt, keine neuen, schwer faßbaren Be.
    griffe einführt, vom Unbewußten nichts weiß, das auf Allen
    lastende Problem der Sexualität mit einem Hieb beseitigt, sich
    auf die Aufdeckung der Schliche beschränkt, mit denen man
    sich das Leben bequem machen will. Denn die Menge ist
    selbst bequem, verlangt zur Erklärung nicht mehr als einen
    Grund, dankt der Wissenschaft nicht für ihre Weitläufigkeiten,
    will einfache Lösungen haben und Probleme erledigt wissen,
    Erwägt man, wie sehr die Individualpsychologie diesen An-
    forderungen entgegenkommt, so kann man die Erinnerung an
    einen Satz im Wallenstein nicht zurückdrängen :

    „Wär’ der Gedank’ nicht so verwünscht gescheidt,
    Man wär’ versucht, ihn herzlich dumm zu nennen.“

    Die Kritik der Fachkreise, so unerbittlich gegen die Psycho-
    analyse, hat die Individualpsychologie im allgemeinen mit
    Samthandschuhen angefaßt. Es hat sich zwar in Amerika
    ereignet, daß einer der angesehensten Psychiater einen Aufsatz
    gegen Adler veröffentlichte, den er „Enough“ überschrieb, in
    dem er seinem Überdruß an dem Wiederholungszwang der
    Individualpsychologen energischen Ausdruck gab. Wenn andere
    sich weit liebenswürdiger benommen haben, so hat wohl die
    Gegnerschaft gegen die Analyse viel dazu getan.

    Über andere Schulen, die von unserer Psychoanalyse abge-
    zweigt haben, brauche ich nicht viel zu sagen. Daß es ge-
    schehen ist, läßt sich weder für noch gegen den Wahrheits-
    gehalt der Psychoanalyse verwerten. Denken Sie an die starken
    affektiven Momente, die es Vielen schwer machen, sich einzu-
    ordnen oder unterzuordnen, und an die noch größere Schwierig-

    — 488 —

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    keit, die der Spruch quot capita tot sensus mit Recht betont.
    Wenn die Meinungsverschiedenheiten ein gewisses Maß über-
    schritten hatten, wurde es das Zweckmäfigste, sich zu trennen
    und von da an verschiedene Wege zu gehen, besonders wenn
    die theoretische Differenz eine Änderung des praktischen
    Handelns zur Folge hatte. Nehmen Sie z. B. an, daß ein
    Analytiker den Einfluß der persönlichen Vergangenheit
    geringschätzt und die Verursachung der Neurosen ausschließlich
    in gegenwärtigen Motiven und auf die Zukunft gerichteten
    Erwartungen sucht. Dann wird er auch die Analyse der Kind-
    heit vernachlässigen, überhaupt eine andere Technik einschlagen
    und den Ausfall der Ergebnisse aus der Kindheitsanalyse durch
    Steigerung seines lehrhaften Einflusses und durch direkte Hin-
    weise auf bestimmte Lebensziele wettmachen müssen. Wir
    anderen werden dann sagen: Das mag eine Schule der Weis-
    heit sein, ist aber keine Analyse mehr. Oder ein anderer mag
    zur Einsicht gekommen sein, daß das Angsterlebnis der Geburt
    den Keim zu allen späteren neurotischen Störungen legt; dann
    mag es ihm rechtmäßig erscheinen, die Analyse auf die Wir-
    kungen dieses einen Eindrucks einzuschränken und therapeu-
    tischen Erfolg von einer drei- bis viermonatlichen Behandlung
    zu versprechen. Sie merken, ich habe zwei Beispiele gewählt,
    die von diametral entgegengesetzten Vorraussetzungen ausgehen.
    Es ist ein fast allgemeiner Charakter dieser , Abfallsbewegungen“,
    daf eine jede sich eines Stiicks aus dem Motivenreichtum der
    Psychoanalyse bemichtigt und sich auf Grund dieser Besitzer-
    greifung selbstständig macht, etwa des Machttriebs, des ethischen
    Konflikts, der Mutter, der Genitalitit usw. Wenn es Ihnen scheint,
    daß solche Sezessionen in der Geschichte der Psychoanalyse heute
    schon häufiger sind als bei anderen geistigen Bewegungen, so
    weiß ich nicht, ob ich Ihnen Recht geben soll. Wenn es so
    ist, so muß man die innigen Beziehungen zwischen theoretischen
    Ansichten und therapeutischem Handeln dafür verantwortlich
    machen, die in der Psychoanalyse bestehen. Meinungsver-
    schiedenheiten allein würden weit länger ertragen werden.
    Man liebt es, uns Psychoanalytiker Intoleranz vorzuwerfen.

    — 489 —

  • S.

    Die einzige Auferung dieser håflichen Eigenschaft war eben
    die Trennung von den anders Denkenden. Sonst wurde ihnen
    nichts angetan; im Gegenteile, sie sind auf die Butterseite
    gefallen, haben es seither besser als vorhin, denn bei ihrem
    Ausscheiden haben sie sich gewöhnlich von einer der Belastun-
    gen frei gemacht, unter denen wir keuchen — vom Odium
    der kindlichen Sexualität etwa oder von der Lächerlichkeit der
    Symbolik — und gelten jetzt der Umwelt als halbwegs ehrlich,
    was wir, die Zurückgebliebenen, noch immer nicht sind. Auch
    haben sie sich — bis auf eine bemerkenswerte Ausnahme —
    selbst ausgeschlossen.

    Was für Ansprüche erheben Sie noch im Namen der Tole-
    ranz? Daß, wenn jemand eine Meinung geäußert hat, die wir
    für grundfalsch halten, wir ihm sagen: „Danke Ihnen schön, daß
    Sie diesen Widerspruch geäußert haben, Sie schützen uns gegen
    die Gefahr der Selbstgefälligkeit und geben uns Gelegenheit, den
    Amerikanern zu beweisen, daß wir wirklich so „broadminded“ sind,
    wie sie es immer wünschen. Wir glauben zwar kein Wort von
    dem, was Sie sagen, aber das macht nichts. Wahrscheinlich haben
    Sie ebenso Recht wie wir. Wer kann denn überhaupt wissen,
    wer Recht hat? Erlauben Sie uns, daß wir trotz der Gegner-
    schaft Ihre Ansicht in der Literatur vertreten, Wir hoffen, Sie
    werden die Liebenswürdigkeit haben, sich dafür für unsere ein-
    zusetzen, die Sie verwerfen.“ Die wird offenbar in der Zukunft
    die Gepflogenheit im wissenschaftlichen Betrieb werden, wenn
    sich der Mißbrauch der Einstein schen Relativitåt vollends
    durchgesetzt hat. Es ist wahr, vorlåufig haben wir es noch nicht
    so weit gebracht. Wir beschrånken uns nach alter Manier
    darauf, nur unsere eigenen Uberzeugungen zu vertreten, setzen
    uns der Gefahr des Irrtums aus, weil man sich dagegen nicht
    schützen kann, und lehnen ab, was uns widerspricht. Von dem
    Recht, unsere Meinungen abzuåndern, wenn wir glauben, etwas
    Besseres gefunden zu haben, haben wir in der Psychoanalyse
    reichlich Gebrauch gemacht.

    Es war eine der ersten Anwendungen der Psychoanalyse,
    daß sie uns die Gegnerschaft verstehen lehrte, die uns die

    — 490 —

  • S.

    Mitwelt bewies, weil wir Psychoanalyse trieben. Andere An-
    wendungen, von objektiver Natur, können ein allgemeineres
    Interesse beanspruchen. Unsere erste Absicht war ja, die Stö-
    rungen des menschlichen Seelenlebens zu verstehen, weil eine
    merkwürdige Erfahrung gezeigt hatte, daß hier Verständnis
    und Heilung beinahe zusammenfallen, daß ein gangbarer Weg
    von dem einen zum anderen führt. Es war auch lange Zeit
    die einzige Absicht. Aber dann erkannten wir die nahen Be-
    ziehungen, ja die innere Identität zwischen den pathologischen
    und den sogenannt normalen Vorgängen, die Psychoanalyse
    wurde zur Tiefenpsychologie, und da nichts, was Menschen
    schaffen oder treiben, ohne Mithilfe der Psychologie verständ-
    lich ist, ergaben sich die Anwendungen der Psychoanalyse auf
    zahlreiche Wissensgebiete, besonders geisteswissenschaftliche,
    von selbst, drängten sich auf und forderten Bearbeitung. Leider
    stießen diese Aufgaben auf Hindernisse, die, in der Sachlage
    begründet, auch heute noch nicht überwunden sind. Eine solche
    Anwendung setzt fachliche Kenntnisse voraus, die der Analy-
    lytiker nicht besitzt, während diejenigen, die sie besitzen, die
    Fachleute, von Analyse nichts wissen und vielleicht nichts wis-
    sen wollen. Es hat sich also ergeben, daß die Analytiker als
    Dilettanten mit mehr oder weniger zureichender Ausrüstung,
    oft in Eile zusammengerafft, Einfille in jene Wissensgebiete
    unternommen haben wie Mythologie, Kulturgeschichte, Ethno-
    logie, Religionswissenschaft, и. s. w. Sie wurden von den dort
    ansässigen Forschern nicht besser behandelt als Eindringlinge
    iiberhaupt, ihre Methoden wie ihre Resultate, soweit sie Auf-
    merksamkeit fanden, zunächst abgelehnt. Aber diese Verhålt-
    nisse sind in stetiger Besserung, auf allen Gebieten wichst die
    Anzahl der Personen, die Psychoanalyse studieren, um sie in ihrem
    Spezialfach zu verwerten, als Kolonisten die Pioniere abzulósen.
    Wir diirfen hier eine reiche Ernte an neuen Einsichten erwar-
    ten. Anwendungen der Analyse sind auch immer Beståtigungen
    derselben. Dort wo die wissenschaftliche Arbeit von einer
    praktischen Betåtigung weiter entfernt ist, werden wohl auch
    die unvermeidlichen Meinungskåmpfe weniger erbittert ausfallen.

    — 491 —

  • S.

    Ich empfinde es als eine starke Versuchung, Sie durch all
    die Anwendungen der Psychoanalyse auf die Geisteswissen.
    schaften zu führen. Es sind Dinge, wissenswert für jeden
    Menschen mit geistigen Interessen, und eine Zeit lang nichts
    von Abnormität und Krankheit zu hören, wire eine verdiente
    Erholung. Aber ich muß darauf verzichten, es führte uns
    wiederum über den Rahmen dieser Vorträge hinaus und, ehrlich
    gestanden, ich wäre der Aufgabe auch nicht gewachsen. Auf
    einigen dieser Gebiete habe ich zwar selbst den ersten Schritt
    getan, aber heute übersehe ich die Fülle nicht mehr und hätte
    viel zu studieren um zu bewältigen, was seit meinen Anfängen
    hinzugekommen ist. Die unter Ihnen, die durch meine Absage
    enttäuscht sind, mögen sich an unserer, Zeitschrift „Imago“
    schadlos halten, die für die nicht medizinischen Anwendungen
    der Analyse bestimmt ist.

    Nur an einem Thema kann ich nicht so leicht vorbeigehen,
    nicht weil ich besonders viel davon verstehe oder selbst soviel
    dazu getan habe. Ganz im Gegenteil, ich habe mich kaum je
    damit beschäftigt. Aber es ist so überaus wichtig, so reich an
    Hoffnungen für die Zukuuft, vielleicht das Wichtigste von
    allem, was die Analyse betreibt. Ich meine die Anwendung
    der Psychoanalyse auf die Pädagogik, die Erziehung der näch-
    sten Generation. Ich freue mich wenigstens sagen zu können,
    daß meine Tochter Anna Freud sich diese Arbeit zur Le-
    bensaufgabe gesetzt hat, mein Versäumnis auf solche Art wie-
    der gutmacht. Der Weg, der zu dieser Anwendung geführt
    hat, ist leicht zu übersehen. Wenn wir in der Behandlung
    eines erwachsenen Neurotikers der Determinierung. ‘seiner
    Symptome nachspürten, wurden wir regelmäßig bis in seine
    frühe Kindheit zurückgeleitet. Die Kenntnis der späteren Atio-
    logien reichte weder für das Verständnis noch für die thera-
    peutische Wirkung aus. So wurden wir genötigt, uns mit den
    psychischen Besonderheiten des Kindesalters bekannt zu machen,
    und erfuhren eine Menge von Dingen, die anders als durch
    Analyse nicht zu erfahren waren, konnten auch viele allgemein
    geglaubte Meinungen über die Kindheit richtigstellen. Wir ег»

    — 492 —

  • S.

    kannten, daß den ersten Kinderjahren (etwa bis fünf) aus meh-
    reren Gründen eine besondere Bedeutung zukommt. Erstens,
    weil sie die Frühblüte der Sexualität enthalten, die für das
    Sexualleben der Reifezeit entscheidende Anregungen hinterläßt.
    Zweitens, weil die Eindrücke dieser Zeit auf ein unfertiges und
    schwaches Ich treffen, auf das sie wie Traumen wirken. Das
    Ich kann sich der Affektstürme, die sie hervorrufen, nicht an-
    ders als durch Verdrängung erwehren und erwirbt solcher Art
    im Kindesalter alle Dispositionen zu späteren Erkrankungen
    und Funktionsstörungen. Wir haben verstanden, die Schwierig-
    keit der Kindheit liegt darin, daß das Kind in einer kurzen
    Spanne Zeit sich die Resultate einer Kulturentwicklung aneig-
    nen soll, die sich über Jahrtausende erstreckt, Triebbeherrschung
    und soziale Anpassung, wenigstens die ersten Stücke von bei-
    den. Nur einen Teil dieser Veränderung kann es durch seine
    eigene Entwicklung erreichen, vieles muß ihm von der Erzie-
    hung aufgedrängt werden. Wir verwundern uns nicht, wenn
    das Kind diese Aufgabe oft nur unvollkommen bewältigt.
    Viele Kinder machen in diesen frühen Zeiten Zustände durch,
    die man den Neurosen gleichstellen darf, gewiß alle, die später-
    hin manifest erkranken. Bei manchen Kindern wartet die neu-
    rotische Erkrankung nicht die Zeit der Reife ab, sie bricht
    schon in der Kinderzeit aus und macht Eltern und Ärzten zu
    schaffen. /

    Wir haben kein Bedenken getragen, die analytische The-
    rapie bei solchen Kindern anzuwenden, die entweder unzwei-
    deutige neurotische Symptome zeigen oder auf dem Weg zu
    einer ungünstigen Charakterentwicklung waren. Die Besorgnis,
    dem Kind durch die Analyse zu schaden, der Gegner der Ana-
    lyse Ausdruck gegeben haben, erwies sich als unbegründet.
    Unser Gewinn bei diesen Unternehmungen war, daß wir am
    lebenden Objekt bestätigen konnten, was wir beim Erwachse-
    nen sozusagen aus historischen Dokumenten erschlossen hatten.
    Aber auch der Gewinn für die Kinder war sehr erfreulich. Es
    ergab sich, daß das Kind ein sehr günstiges Objekt für die
    analytische Therapie ist; die Erfolge sind gründliche und halten

    — 493 —

  • S.

    an. Natürlich muß man die für Erwachsene ausgearbeitete Tech.
    nik der Behandlung für das Kind weitgehend abändern. Das
    Kind ist psychologisch ein anderes Objekt als der Erwachsene,
    es besitzt noch kein Über-Ich, die Methode der freien Assozia-
    tion trägt. nicht weit, die Übertragung spielt, da die realen
    Eltern noch vorhanden sind, eine andere Rolle. Die inneren
    Widerstände, die wir beim Erwachsenen bekämpfen, sind beim
    Kind zumeist durch äußere Schwierigkeiten ersetzt. Wenn sich
    die Eltern zu Trägern des Widerstandes machen, wird oft das
    Ziel der Analyse oder diese selbst gefährdet, daher ist es oft
    notwendig, mit der Analyse des Kindes ein Stück analytischer
    Beeinflussung der Eltern zu verbinden. Anderseits werden die
    unvermeidlichen Abweichungen der Kinderanalyse von der Er-
    wachsener durch den Umstand verringert, daß manche unserer
    Patienten soviel infantile Charakterzüge bewahrt haben, daß
    der Analytiker, wiederum in Anpassung an das Objekt, nicht
    umhin kann, sich bei ihnen gewisser Techniken der Kinder-
    analyse zu bedienen. Es hat sich von selbst ergeben, daß die
    Kinderanalyse die Domäne weiblicher Analytiker geworden ist,
    und dabei wird es wohl bleiben.

    Die Einsicht, daß die meisten unserer Kinder in ihrer Ent-
    wicklung eine neurotische Phase durchmachen, trägt den Keim
    einer hygienischen Forderung in sich. Man kann die Frage auf-
    werfen, ob es nicht zweckmäßig wäre, dem Kind mit einer
    Analyse zu Hilfe zu kommen, auch wenn es keine Anzeichen
    von Störung zeigt, als eine Mafiregel der Fürsorge fiir seine
    Gesundheit, sowie man heute gesunde Kinder gegen Diphtherie
    impft, ohne abzuwarten, ob sie an Diphtherie erkranken. Die
    Diskussion dieser Frage hat heute nur ein akademisches Inter-
    esse; ich kann mir gestatten, sie vor Ihnen zu erörtern; der
    großen Menge unserer Zeitgenossen würde schon das Projekt
    als ein ungeheurer Frevel erscheinen, und bei der Stellung der
    meisten Elternpersonen zur Analyse muß man derzeit jede
    Hoffnung auf dessen Durchführung aufgeben. Eine solche Pro-
    phylaxe der Nervositit, die wahrscheinlich sehr wirksam sein
    wiirde, setzt auch eine ganz andere Verfassung der Gesellschaft

    — 494 ~~~

  • S.

    voraus. Das Stichwort fiir die Anwendung der Psychoanalyse
    auf die Erziehung fällt heute an anderer Stelle. Machen wir
    uns klar, was die nächste Aufgabe der Erziehung ist. Das Kind
    soll Triebbeherrschung lernen. Thm die Freiheit geben, daf es
    uneingeschränkt allen seinen Impulsen folgt, ist unmöglich. Es
    wire ein sehr lehrreiches Experiment fiir Kinderpsychologen,
    aber die Eltern könnten dabei nicht leben und die Kinder
    selbst würden zu großem Schaden kommen, wie es sich zum Teil
    sofort, zum anderen Teil in späteren Jahren zeigen würde. Die
    Erziehung muß also hemmen, verbieten, unterdrücken und hat
    dies auch zu allen Zeiten reichlich besorgt. Aber aus der Ana-
    lyse haben wir erfahren, daß gerade diese Triebunterdriickung
    die Gefahr der neurotischen Erkrankung mit sich bringt. Sie
    erinnern sich, wir haben eingehend untersucht, auf welchen
    Wegen dies geschieht. Die Erziehung hat also ihren Weg zu
    suchen zwischen der Scylla des Gewåhrenlassens und der Cha-
    rybdis des Versagens. Wenn die Aufgabe nicht überhaupt un-
    lôsbar ist, muß ein Optimum für die Erziehung aufzufinden
    sein, wie sie am meisten leisten und am wenigsten schaden
    kann. Es wird sich darum handeln zu entscheiden, wieviel man
    verbieten darf, zu welchen Zeiten und mit welchen Mitteln.
    Und dann hat man noch in Rechnung zu setzen, daß die Ob-
    jekte der erziehlichen Beeinflussung sehr verschiedene konstitu-
    tionelle Veranlagungen mitbringen, so daß das nåmliche Vor-
    gehen des Erziehers unmöglich für alle Kinder gleich gut sein
    kann. Die nächste Erwägung lehrt, daß die Erziehung bisher
    ihre Aufgabe sehr schlecht erfüllt und den Kindern großen
    Schaden zugefügt hat. Wenn sie das Optimum findet und ihre
    Aufgabe in idealer Weise löst, dann kann sie hoffen, den einen
    Faktor in der Ätiologie der Erkrankung, den Einfluß der ak-
    zidentellen Kindheitstraumen, auszulöschen. Den anderen, die
    Macht einer unbotmäßigen Triebkonstitution, kann sie auf
    keinen Fall beseitigen. Überlegt man nun die schwierigen Auf-
    gaben, die dem Erzieher gestellt sind, die konstitutionelle
    Eigenart des Kindes zu erkennen, aus kleinen Anzeichen zu
    erraten, was sich in seinem unfertigen Seelenleben abspielt,

    — 495 —

  • S.

    ihm das richtige Maß von Liebe zuzuteilen und doch ein wirk-
    sames Stück Autorität aufrecht zu halten, so sagt man sich, die
    einzig zweckmäßige Vorbereitung für den Beruf des Erziehers
    ist eine gründliche psychoanalytische Schulung. Am besten ist
    es, wenn er selbst analysiert worden ist, denn ohne Erfahrung
    an der eigenen Person kann man sich die Analyse doch nicht
    zu eigen machen. Die Analyse der Lehrer und Erzieher scheint
    eine wirksamere prophylaktische Maßregel als die der Kinder
    selbst, auch setzen sich ihrer Durchführung geringere Schwierig-
    keiten entgegen.

    Nur nebenbei sei einer indirekten Förderung der Kinderer-
    ziehung durch die Analyse gedacht, die mit der Zeit zu grös-
    serem Einfluß kommen kann. Eltern, die selbst eine Analyse
    erfahren haben und ihr viel verdanken, darunter die Einsicht
    in die Fehler ihrer eigenen Erziehung, werden ihre Kinder mit
    besserem Verständnis behandeln und ihnen vieles ersparen,
    was ihnen selbst nicht erspart geblieben war. Parallel. mit den
    Bemühungen der Analytiker um die Beeinflussung der Erzie-
    hung laufen andere Untersuchungen über die Entstehung und
    Verhütung der Verwahrlosung und der Kriminalität. Auch hier
    öffne ich Ihnen nur die Türe und zeige Ihnen die Gemächer
    dahinter, führe Sie aber nicht hinein. Ich weiß, wenn Ihr In-
    teresse der Psychoanalyse treu bleibt, werden Sie über diese
    Dinge viel Neues und Wertvolles hören können. Ich mag aber
    das Thema der Erziehung nicht verlassen, ohne eines bestimm-
    ten Gesichtspunktes zu gedenken. Es ist — und gewiß mit
    Recht — gesagt worden, jede Erziehung sei eine parteiisch
    gerichtete, strebe an, daß sich das Kind der bestehenden Ge-
    sellschaftsordnung einordne, ohne Rücksicht darauf, wie. wert-
    voll oder wie haltbar diese an sich sei. Wenn man von den
    Mängeln unserer gegenwärtigen sozialen Einrichtungen über-
    zeugt ist, kann man es nicht rechtfertigen, die psychoanalytisch
    gerichtete Erziehung noch in ihren Dienst zu stellen. Man muß
    ihr ein anderes, höheres Ziel setzen, das sich von den herr-
    schenden sozialen Anforderungen frei gemacht hat. Ich meine
    aber, dies Argument ist hier nicht am Platz. Die Forderung

    — 496 —

  • S.

    geht über die Funktionsberechtigung der Analyse hinaus. Auch
    der Arzt, der zur Behandlung einer Pneumonie gerufen wird,
    hat sich nicht darum zu kiimmern, ob der Erkrankte ein bra-
    ver Mann, ein Selbstmérder oder ein Verbrecher ist, ob er
    verdient am Leben zu bleiben und ob man es ihm wiinschen
    soll. Auch dies andere Ziel, das man der Erziehung setzen
    will, wird ein parteiisches sein, und es ist nicht Sache des
    Analytikers, zwischen den Parteien zu entscheiden, Ich sehe
    ganz ab davon, daß man der Psychoanalyse jeden Einfluß auf
    die Erziehung verweigern wird, wenn sie sich zu Absichten
    bekennt, die mit der bestehenden sozialen Ordnung unverein-
    bar sind. Die psychoanalytische Erziehung nimmt eine unge-
    betene Verantwortung auf sich, wenn sie sich vorsetzt, ihren
    Zôgling zum Aufrührer zu modeln. Sie hat das ihrige getan,
    wenn sie ihn möglichst gesund und leistungsfähig entlifit. In
    ihr selbst sind genug revolutionåre Momente enthalten, um zu
    versichern, daß der von ihr Erzogene im späteren Leben sich
    nicht auf die Seite des Riickschritts und der Unterdriickung
    stellen wird. Ich meine sogar, revolutionåre Kinder sind in
    keiner Hinsicht wiinschenswert.

    pe

    PsA. Bewegung IV — 497 — ド