Bergmeister, Otto (1887-069/1887): [Diskussionsbemerkungen Freuds in:] Protokoll der Sitzung vom 21. October 1887
S.
3. November 1887. Nr. 25.
Anzeiger
der
k. k. Gesellschaft der Aerzte in Wien.
Inhalt: Protokoll der Sitzung vom 21. October 1887. — Summarischer Bericht über
die Sitzung vom 28. October 1887. — Programm der Sitzung am 4. November 1887.
Protokoll der Sitzung vom 21. October 1887.
Vorsitzender: Herr Hofr. Prof. v. Bamberger.
Schriftführer: Herr Doc. Dr. Bergmeister.Herr Prof. Dr. Urbantschitsch hält seinen angekündigten
Vortrag „Ueber den Einfluss einer Sinneserregung auf die übrigen
Sinnesempfindungen“.U. hatte es sich zur Aufgabe gestellt, eine bisher nicht aufge-
klärte Erscheinung, die sogenannten Doppelempfindungen, eingehender
zu untersuchen, nämlich die zuerst von Nussbaumer, später
von Bleuler und Lehmann u. A. geschilderten subjectiven
Farbenphänomene bei Gehörs-, Geschmacks-, Geruchs- und Tastsinn-
erregungen. U. warf sich zunächst die Frage auf, ob zwischen
den verschiedenen Sinnesempfindungen Wechselwirkungen nach-
weisbar seien. Diesbezügliche Untersuchungen ergaben Folgendes:
Gehörserregungen beeinflussen die Sehempfindungen und rufen
häufig eine Steigerung des Farbensinnes und der Sehschärfe hervor,
zuweilen eine rasch vorübergehende Veränderung des Sehvermögens.
Derartig zu Stande kommende Intensitätsschwankungen der Farben-
empfindungen geben sich manchmal für eine bestimmte Farbe be-
sonders auffallend zu erkennen. Aehnliche Erscheinungen finden
sich bei den Geschmacksempfindungen vor, wobei bald durch hohe,
bald durch tiefe Töne, in einzelnen Fällen sämmtliche Geschmacks-
arten, in anderen Fällen nur eine bestimmte Geschmacksempfindung,
eine Steigerung, beziehungsweise eine Abschwächung erleiden.
Geruchsempfindungen verhalten sich in ähnlicher Weise. Die Tast-
empfindungen erfahren durch eine Gehörserregung gewöhnlich eine
Verminderung; auf sensitive Nerven wirkt dagegen ein Schall-
einfluss manchmal auffallend erregend ein.S.
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Sehempfindungen bedingen je nach der Art ihrer Ein-
wirkung bald eine Steigerung, bald eine Verminderung der Inten-
sität der Hörempfindungen. Das Uhrticken wird bei geschlossenen
Augen, mit seltenen Ausnahmen, schwächer gehört als bei offenen
Augen; von grossem Einflusse sind ferner die verschiedenen Farben-
empfindungen für die Hörschärfe; häufig wird diese durch Roth
und Grün gesteigert, durch Blau und Gelb herabgesetzt, doch können
in einzelnen Fällen sämmtliche Farben einen übereinstimmenden
Einfluss auf die Hörschärfe nehmen oder wieder ein andermal nur
eine bestimmte Farbe. Auffälliger tritt der Farbeneinfluss für musika-
lische Töne auf und betrifft deren subjective Veränderung bezüglich
der Tonhöhe und Tonstärke; ausserdem erfolgt dabei noch eine
Verschiebung des subjectiven Hörfeldes, nämlich der jedem Ohre
zukommenden subjectiven Localisation im Kopfe, beziehungsweise
im Ohre. Subjective Gehörsempfindungen erleiden durch Licht-
und Farbenempfindungen ebenfalls eine Veränderung, und zwar
gewöhnlich eine Steigerung durch Licht, durch Roth und Grün,
eine Abschwächung durch Dunkel, Blau und Gelb; individuelle
Wirkung einer bestimmten Farbe macht sich auch hierbei nicht
selten geltend. Bei gleichzeitigem Vorhandensein mehrerer Arten
von subjectiven Gehörsempfindungen wirken gewisse Farben zu-
weilen nur auf eine bestimmte Art der Ohrgeräusche ein; die
Wirkung zeigt sich ferner oft verschieden, je nachdem die Farben-
empfindung am rechten oder linken Auge stattfindet. Geschmacks-
empfindungen werden durch Licht- und Farbeneinflüsse, theils erregt
(besonders durch Licht, Roth, Grün), theils herabgesetzt (häufig
durch Abdunklung, Blau, Gelb); einzelne Geschmacksarten weisen
nicht selten ein eigenes Verhalten auf.Aehnliche Beobachtungen ergaben die Prüfungen auf Geruchs-,
Tast- und Temperaturempfindungen.Der Vortragende führt weiters eine Reihe von Beobachtungen
an, die er betreffs des Einflusses von Geschmacks-, Geruchs-,
Tast- und Temperaturempfindungen auf die übrigen
Sinnesempfindungen angestellt hat und die im Grossen und Ganzen,
abgesehen von einzelnen, bei dem einen oder dem anderen Sinne
nachweisbaren Eigenthümlichkeiten dasselbe Resultat ergaben wie
die Prüfungen der Hör- und Sehempfindungen.Aus allen dem ist deutlich zu erkennen, dass zwischen sämmt-
lichen Sinnesempfindungen physiologische Wechselwirkungen bestehen,
indem jede Sinneserregung die Empfindungen in den übrigen Sinnes-
gebieten beeinflusst. Somit erscheinen auch die eingangs erwähnten
Doppelempfindungen der Deutung zugänglicher, da ja eine Beein-
flussung des einen Sinnes durch den anderen ein physiologischer
Vorgang ist. Immerhin bestand zwischen den von U. angestellten
Beobachtungen und den sogenannten Doppelempfindungen noch derS.
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wesentliche Unterschied, dass sich die Beobachtungen von Nuss-
baumer u. A. auf das Auftreten rein subjectiver Farbenempfindungen
infolge von Erregung anderer Sinnesgebiete bezogen, indes die
Untersuchungen von U. den Einfluss einer Sinneserregung auf die
Empfindung für vorhandene Sinnesobjecte nachweisen. Durch ein
einfaches Verfahren vermochte U. den Nachweis zu liefern, dass von
den verschiedenen Sinnesgebieten aus subjective Farbenempfindungen
leicht auszulösen sind und sich als rein physiologisches Phänomen
zu erkennen geben. Blickt nämlich die Versuchsperson, im Momente
einer Gehörserregung, auf eine weisse Fläche, z. B. auf einen Bogen
weissen Papiers, so erscheinen daselbst verschieden gefärbte Flecken
und Streifen, meistens in rascher Bewegung; zuweilen erscheint eine
grössere Fläche des Papiers in einer bestimmten Farbe. Die häufigst
vorkommenden Farben sind Gelb, Rosa und Roth, welche jedoch bei
genauerer Aufmerksamkeit eigentlich nur als stärkeres Hervortreten
der einen oder der anderen Farbe aus den gleichzeitig vorhandenen
sämmtlichen Spectralfarben erkannt werden. An anderen Versuchs-
personen, darunter an U., treten die Spectralfarben regenbogen-
artig, gleichzeitig und in gleicher Intensität auf; übrigens bestehen
dabei nicht nur individuelle Unterschiede, sondern an demselben
Individuum ist das Verhalten der subjectiven Farbenerscheinungen
zu verschiedenen Zeiten ein wechselndes; es besteht ferner zuweilen
ein grosser Unterschied in der Farbe und Stärke dieses Phänomens,
je nachdem die Gehörserregung am rechten oder am linken Ohre
oder binotisch stattfindet. Ganz ähnlich treten diese Photismen bei
Geruchs-, Tast- und besonders bei Geschmacksempfindungen auf.Mit dem Nachweise physiologisch auftretender Photismen ist
die Erklärung der Doppelempfindungen von selbst gegeben. Nach
der Ansicht des Vortragenden beruhen die Doppelempfindungen auf
physiologischer Basis und die auffallende Erscheinung bei denselben
liegt nicht in der Doppelempfindung selbst, sondern in dem starken
Hervortreten einer besonderen Farbe, während unter gewöhnlichen
Umständen die durch die Gehörs-, Geruchs-, Geschmacks- und Tast-
empfindungen hervorgerufenen subjectiven Farbenempfindungen, die
zumeist sämmtliche Spectralfarben betreffen, gewöhnlich so schwach
auftreten, dass sie der Wahrnehmung entgehen und nur bei be-
sonderer Versuchsanordnung bemerkbar werden.Discussion: Herr Prof. Rosenthal erwähnt, dass es Fälle
centraler Reizung gibt, bei welchen die Erregung der verschiedenen
Sinnesbezirke beeinflusst wird. R. theilt zwei solche Fälle mit und
fügt hinzu, dass man eine ähnliche Beeinflussung der Sinnesorgane
durch centrale Reizung auch bei Migräne sehe.Herr Prof. Exner weist darauf hin, dass es Thatsachen der
Anatomie und Physiologie gibt, welche ein gewisses Licht auf
die vom Vortragenden mitgetheilten Erscheinungen werfen.*
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Die Anatomie des Centralnervensystems erscheint in gewissem
Sinne sehr einfach; es hängt alles mit allem zusammen. Es kann
daher nicht Wunder nehmen, dass Wechselwirkungen gewisser
Centralorgane aufeinander stattfinden.E. erinnert an den Frosch, der mit Strychnin vergiftet ist.
Im richtigen Stadium kann man von jeder Hautstelle aus einen
Krampf sämmtlicher Muskeln auslösen.Redner verweist ferner auf die Reflexhemmungen. Wenn man
das Centralnervensystem eines Kaninchens an richtiger Stelle durch-
schneidet, macht das Thier regelrechte Laufbewegungen. Diese
Galoppbewegungen hören momentan auf, wenn man irgend eine
Stelle der Haut kneipt.Es gibt aber auch das Gegentheil von Reflexhemmungen.
Wenn man bei einem Kaninchen die rechte Pfote durch einen
starken elektrischen Schlag reizt, macht die linke Pfote eine Reflex-
zuckung. Es ist also ein Centralorgan im Rückenmark bei dieser
Uebertragung betheiligt. Wenn man gewisse Stellen der Hirnrinde
durch einen Schlag reizt, so wird diese Erregbarkeit des Reflex-
centrums gesteigert. Es kann also die Erregbarkeit gewisser Bahnen
im Centralorgane dadurch erhöht werden, dass gewisse andere
Bahnen, die mit den ersteren unmittelbar nicht im Zusammenhang
stehen, erregt werden.Dies scheint auch in Bezug auf die Versuche von Urban-
tschitsch von Wichtigkeit zu sein. Es kann die Erregbarkeit
des Acusticuscentrums durch Erregung des Opticuscentrums geändert
werden u. s. w.Herr Prof. Benedikt bemerkt in Bezug auf die Versuche
Urbantschitsch’s mit Musikern, welche ergaben, dass unter dem
Einflusse anderer Sinnesempfindungen (Farben) eine Veränderung
der Tonempfindung auftrat, dass es scheinen könnte, als ob die Wellen-
länge eines Tones geändert wurde. Das wäre im Widerspruch
mit einem physikalischen Axiom, dass die Wellenlänge unveränder-
lich bleibe. Die Differenzen der Tonempfindung beruhen aber
gewiss nur auf Aufhellung oder Unterdrückung von Obertönen.Herr Doc. Dr. Freud macht auf das bei Tabetikern vor-
kommende Romberg’sche Symptom aufmerksam. Der Tabetiker
schwankt und fällt um, wenn er die Augen schliesst und der
Opticusreiz wegfällt. Andererseits genügt die Erregung des Opticus,
um die Tätigkeit des in seiner Function geschwächten Central-
nervensystems zu erhalten.Herr Hofr. Meynert bemerkt, dass bezüglich der Sinnes-
oberfläche eine zweifache Anschauung bestehe, je nachdem eine
gesonderte oder eine diffusere Projection der Sinnesnerven in der
Hirnrinde angenommen würde. Die anatomischen Verbindungen}
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scheinen darauf hinzudeuten, dass in denselben Lappen verschiedene
Qualitäten von Sinneseindrücken hineingehen. Würden verschiedene
Sinnesqualitäten so projicirt, dass ihre Felder sich einander decken,
so würden wir gut verstehen können, dass diese Phänomene der
Mitempfindung durch Irradiation der Erregung auftreten.Es würde zu kühn sein, daraus abzuleiten, dass diese Irra-
diationserscheinungen, welche die Mitempfindungen erklären würden,
in der Rinde stattfinden.Nur so viel kann man sagen, alle Sinnesnerven müssen durch
ein Organ, in welchem sie confluiren, hindurchgehen.Wien, am 28. October 1887.
Der Vorsitzende: Prof. C. Toldt.

Summarischer Bericht über die Sitzung vom 28. October 1887.
Vorsitzender: Herr Prof. C. Toldt.
Schriftführer: Herr Doc. Dr. Dalla Rosa.Herr Hofr. Prof. Breisky stellt eine Frau vor, an welcher
er den „conservativen Kaiserschnitt“ vorgenommen hat.Herr Prof. Neumann hält den angekündigten Vortrag:
„Ueber Myositis syphilitica.“Herr Prof. Exner hält seinen angekündigten Vortrag: „Die
Beziehungen des Nervus facialis zur Gehirnrinde.“
