Freud, Sigmund (1928-071/1928): Sigmund Freud an Josef. K. Friedjung: Brief vom 27.7.1927
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Über ihre Vorgeschichte berichtet sie, daß sie, seitdem sie „das“ gemacht habe,
im Heim sei. Der Vater sei früh gestorben, ihre Mutter habe sich dann in einen
Mann verliebt und der Mann in ihre Mutter. Sie habe öfter gesehen, wie der Mann
bei der Mutter geschlafen habe. In den Nächten sei sie wach geworden, weil das
Bett der beiden so gekracht habe. Sie habe die beiden auch gesehen, aber nichts
„Näheres“.Lina W. erwies sich als intellektuell ausreichend begabt, sie ist klein und zierlich,
Busen und Schambehaarung angedeutet (menses seit einem halben Jahr). Über ihr
lag besonders in den ersten Tagen eine schwärmerisch-ekstatische Stimmung. Die
Behandlung bestand in einer eingehenden Aufklärung, die sehr rasch beruhigend
wirkte. Bereits nach 17 Tagen konnte sie wieder entlassen werden. Die Überfüllung
der Klinik machte eine eingehende und erschöpfende Analyse unmöglich. Ich hatte
Gelegenheit, sie nach zwei Jahren wiederzusehen. Sie ist sehr anstellig, sehr still,
betreut mit großer Neigung jüngere Kinder, sie möchte Kindergärtnerin werden.
Ihr Wesen ist pedantisch-ordentlich, überaus gefügig, keine Neigung zur Auflehnung.
In der Stimmung ist sie ziemlich gleichmäßig.Die Entstehung von Pavor nocturnus bei einem Kinde
Ein Nachtrag
In Heft 6 des I. Jahrgangs, S. 186 dieser Zeitschrift, machte eine Mutter
Mitteilung von einer Beobachtung, wie die Belauschung des elterlichen Sexual-
verkehrs bei ihrem Kinde das Symptom des nächtlichen Aufschreckens auslöste.
Seither konnte, wie mir die Mutter sagt, ein damals auftretendes vorübergehendes
angsthysterisches Symptom verstanden und auf jenes Erlebnis zurückgeführt
werden.Eines Tages spielte die Kleine im Hof, als auf der nahen Eisenbahnlinie eine
Lokomotive dahergepustet kam. Das Kind wurde von einer großen Angst erfaßt,
schrie und flüchtete sich zur Mutter. Das gleiche wiederholte sich an anderen
Tagen. Ziemlich später, als das nächtliche Aufschrecken abgeklungen und das Kind
ruhig geworden war, konnte es auch gelassen die Lokomotive herankommen sehen
und meinte dann: „Die Eisenbahn macht so wie Papa“, und dann begann es schwer
zu atmen. Schneider
Wäsche-Fetischismus bei einem Einjährigen
Von Josef K. Friedjung (Wien)
(Nachtrag zu der gleichnamigen Mitteilung in Heft 1, S. 25, dieses Jahrgangs)
Als ich im Juli 1927 Herrn Prof. Freud meine ungewöhnliche Beobachtung
mitteilte, erhielt ich von ihm folgende Antwort: „Es hat sich bei mehreren
Erwachsenen zweifelsfrei ergeben, daß der Fetisch ein Penisersatz ist, Ersatz für den
vermißten Penis des Weibes, also Schutzmittel gegen die Kastrationsangst – und
nichts anderes. An dem Kleinen wäre nun die Probe zu machen. Wenn das stimmen
soll, so muß er reichlich Gelegenheit gehabt haben, sich an der nackten Mutter
von ihrem Penismangel zu überzeugen – –.“ Seither ist Freuds Arbeit über
den Fetischismus in der Int. Z. f. PsA., XIII. Bd., H. 4, erschienen, in der
diese Deutung des näheren begründet wird. Ich hatte kürzlich die Gelegenheit, den
nunmehr zweijährigen, körperlich gut gediehenen, geistig über sein Alter entwickelten,
jetzt sehr liebenswürdigen Jungen wiederzusehen.Die Schwäche der Eltern, besonders der Mutter, hat dem Kleinen das Festhalten
an seinem Fetisch als bestem Mittel, ihn rasch einzuschläfern, gestattet. Er breitet
die Wäschestücke, die von der Mutter bereits benützt sein müssen – frische oder
vom Vater benützte Wäsche lehnt er auch jetzt ab – über sein Gesicht und lutschtS.
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dann an seinem Finger. Die Mutter meint, daß dabei der Geruch der Fetische von
ihrem Körper bedeutsam zu sein scheine. Nun aber mein wichtiger Nachtrag:
Freuds Erwartung hat sich vollständig erfüllt. Die Eltern, deren Schlafzimmer
der Kleine teilt, haben sich ohne Scheu vor ihm völlig entkleidet, wie die Mutter
sagt, um das Kind an den nackten Körper zu gewöhnen und den Geschlechts-
unterschied von ihm zur Kenntnis nehmen zu lassen. Es hatte so täglich reichlich
Gelegenheit zu den von Freud postulierten vergleichenden Beobachtungen an
Mutter und Vater. Meine Beobachtung des Wäsche-Fetischismus in statu nascendi
hat also die Ergebnisse der Analyse der erwachsenen Neurotiker bestätigt.
BERICHTE
Bücher
Am Lebensquell. Ein Hausbuch zur geschlechtlichen Erziehung, heraus-
gegeben vom Dürerbund. Wesentlich erweiterte und zeitgemäß umge-
arbeitete Auflage. Dresden, 1926, Alexander Köhler.1909 hat Ferdinand Avenarius die erste Auflage dieses Sammelwerkes
herausgegeben. Es ist das Ergebnis eines Preisausschreibens, an dem sich vorwiegend
Eltern und Lehrer beteiligten. Die Neuauflage 1926 hat Wolfgang Schumann
besorgt. Es sind einige Beiträge der ersten Auflage fortgelassen und einige neue
hinzugefügt worden. Bei der Länge der Zwischenzeit bedeutet das, daß die damals
„Aufzuklärenden“ heute als Erwachsene Stellung zur Aufklärung und den übrigen
Fragen der geschlechtlichen Erziehung nehmen. Diese Stellung aber ist so grund-
verschieden von der ihrer Eltern und Erzieher, daß wohl selten der Unterschied
zwischen Vor- und Nachkriegsgeneration deutlicher zutage treten kann als in diesem
– Hausbuch. Ist es aber noch ein Hausbuch, wenn die Verfasser von 1926 die von
1909 ablehnen, z. T. in recht scharfer Weise verspotten, wie Albert Trentini?
Das Buch ist außerordentlich interessant als Sammelwerk von Meinungen über
geschlechtliche Erziehung, speziell über die Form der Aufklärung. Aber es muß mit
seinen beiden einander widersprechenden Teilen ein hoffnungsloses Durcheinander
anrichten in den Köpfen von Eltern, die hier wirklich eines Rates bedürftig sind.Die Beiträge von 1909 handeln im wesentlichen von der Belehrung über die
Herkunft der kleinen Kinder und sind zum größten Teil von Eltern geschrieben, die
erzählen, wie sie „es“ gemacht haben. Gewöhnlich etwa so: daß man in einer
„Feierstunde“ mit gewählten Worten einen langen biologischen Vortrag hält,
beginnend mit einem Äpflein oder Blümchen und endend bei den furchtbaren
Schmerzen der Mutter, weshalb man Mütterchen nun auch immer lieb haben und
immer brav sein muß. Der Artikel von Robert Theuermeister heißt
geradezu: „Warum wir Vater und Mutter recht lieb haben müssen.“ Wenn man
diese Artikel, natürlich nicht alle, aber doch die meisten, kritisch ansieht, so kommt
man auf den einen egoistischen Grund, der die Eltern zur Aufklärung führt: die
Dankbarkeit, die Liebe des Kindes zu binden. Bei der Mutter gelingt diese Absicht,
wenn sie nicht gemerkt wird, vielleicht wirklich für eine Weile durch die starke
Ausmalung der schmerzhaften Seite von Schwangerschaft und Entbindung. Der
Vater freilich spielt immer eine etwas klägliche Rolle bei dieser Art Aufklärung.
Diesem Mangel können selbst so salbungsvolle Erklärungen, wie die von Theuer-
meister, nicht abhelfen. Der zweite nicht minder egoistische Grund ist die Furcht,