[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen 1910-431/1910.01

Rank, Otto (1910-431/1910.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Referate und kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen

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    P R O T O K O L L


     

    der



     

    7. S I T Z U N G


     

    am 16.November 1910.









     

    Referate  und  kleinere kasuistische sowie sonstige Mitteilungen.

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                Der Obmann bringt ein Schreiben von Dr.Ferenzi zur Kenntnis,
    wonach persönlich gegen Herrn stud.med.Max Bing nichts vorliege,der
    aber sachlich noch auf keine positive Leistung hinweisen könne.Er
    macht den Vorschlag,darüber einig zu werden, ob über die Aufnahme
    abgestimmt werden solle.Nach längerer Diskussion wird auf Antrag
    Steiners beschlossen,der Obmann möge privatim Herrn Bing mitteilen,
    dass er sich scheue,die Anmeldung dem Plenum vorzulegen,ehe nicht
    Präziseres über die Person des Aufnahmewerbers bekannt sei und die-
    ser sich nicht durch Vorlage einer Arbeit einführe.Prof.Freud be-
    merkt dazu,dass in Zürich eine Agitation im Zuge sei,um die Auf-
    nahme auf akademische Mitglieder zu beschränken;und wenn er sich
    auch entschieden gegen diese Einschränkung aussprechen müsse,so lie-
    ge doch eine gewisse Warnung darin.

                Ferner bringt der Obmann eine Zuschrift des Herrn Dr.jur.Bie-
    nenfeld zur Verlesung ,womit unter Berufung auf Prof.Freud um Auf-
    nahme in die Vereinigung ersucht wird.Mit Rücksicht auf einige ab-
    lehnende Stimmen,die sich erheben,sieht sich der Obmann veranlasst,
    die Angelegenheit einige Zeit in Suspenso zu lassen und gibt dem
    Wunsche Ausdruck,dass es in solchen Fällen der beste Ausweg wäre,
    wenn der Aufnahmewerber von seinem Ansuchen zurückträte.

                Friedjung stellt und begründet einen Antrag,die Sitzungen
    pünktlich um 9 Uhr zu eröffnen.

                Hitschmann stellt den Antrag,die Adlerschen Lehren einmal im
    Zusammenhang und insbesondere im Hinblick auf ihre Divergenz gegen-
    über der Freudschen Lehre eingehend zu diskutieren,um wenn möglich
    eine Verschmelzung beider Anschauungen oder mindestens eine Klärung
    der Differenzen zu erzielen.Adler erklärt sich bereit darüber zu
    diskutieren,meint jedoch,dass Hitschmanns Wunsch nicht so leicht
    erfüllbar sei.Prof.Freud möchte den Antrag dahin modifizieren,dass
    nur über einen Punkt der Adlerschen Anschauungen gesprochen werde,
    der ihm nicht geklärt erscheine,nämlich über das Verhältnis des männ-
    lichen Protestes zur Verdrängungslehre,die in den Adlerschen Arbei-
    ten keine Rolle spiele.Natürlich müsste dann Adler selbst-und nicht
    etwa Referenten-über dieses Thema sprechen. Nach einer Ablehnung

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    eines Antrags Stekel,die letzte Arbeit Adlers zum Ausgangspunkt
    einer Diskussion zu machen,wird der Antrag Freud angenommen und
    Adler erklärt sich bereit in 8Tagen eine Thema namhaft zu machen,
    das Gelegenheit bieten soll,den gegensatz zu beleuchten.

                Nach einem Apell an die Mitglieder,der insbesondere an die
    Neuankömmlinge gerichtet ist,sich mit Vorträgen an der positiven
    Arbeit zu beteiligen und der von Friedjung und Stekel kräftig un-
    terstützt wird,eröffnet der Obmann die wissenschaftliche Versammlung.


     

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    Steiner berichtet über einen Vortrag von Prof.Böhm in St.Louis,der
    sich mit dem Einfluss der Prostata auf die Neurosen beschäftigt und
    den HodenProstata und den Samenblasen eine ähnliche Rolle zuschreibt,wie
    sie beim Weib der Uterus spiele.Es werden eine Reihe pathologischer
    Zustände und nervöser Störungen angeführt,die mit der Prostata in
    Zusammenhang stehen,und die im allgemeinen als sexuelle Neurasthenie
    aufzufassen wären.Bei vielen Negern,die bekanntlich sehr zu Notzucht-
    akten neigen,konnten Prostataerkrankungen festgestellt werden.

                Eine zweite gründliche und sehr verdienstvolle Arbeit von
    Dr.Max Marcuse (in der Zeitschrift zur Bekämfung der Geschlechts-
    krankheiten)schildert die Gefahren der sexuellen Abstinenz für
    die körperliche und seelische Gesundheit.

      Diskussion:Stekel betont,dass er bei diesen Neurosen im-
    mer auf derartige Störungen gestossen ist(z.B.Struma),die
    das bilden,was wir die neurotische Disposition nennen.Leu-
    te mit solchen Störungen der Drüsenfunktion reagieren
    empfindlicher auf psychische Einwirkungen.Im Uebrigen
    sei die Brücke zwischen innerer Sekretion und Neurose
    noch zu schlagen.
    Federn erinnert an denfrüheren Standpunkt Stekels in die-
    ser Frage,der nur den psychischen Konflikt gelten lassen
    wollte.Der bei den Negern eruierte Zusammenhang zwischen
    Sadismus und Prostata bestätige seine eigenen Beobachtun-
    gen,die er gelegentlich seiner Ausführungen über den Sa-
    dismus mitgeteilt habe.-Mit Steiner gemeinsam habe er
    zwei Fälle von Angstneurose beobachtet,bei denen die psy-
    chische Behandlung erfolglos blieb,die aber durch ein
    im Verlauf der lokalen Behandlung aufgrütteltes und aus-
    geheiltes Abszess gesund wurden.Es scheine also durch
    Reizungen in der Gegend des Geschlechtsapparates der da-
    zu Disponierte eine Angstneurose bekommen zu können.Der
    Neger dagegen bekommt infolge dieser Reizung keine Angst-
    neurose sondern seine Sexualität und sein Sadismus bricht
    durch.
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      Hitschmann hält den Zusammenhang zwischen Sadismus und Pro-
    stata für unbewiesen.Im Uebrigen glaubt auch er,dass die
    innigsten Zusammenhänge bestehen zwischen Neurasthenie u.
    akuten Prostataerkrankungen.Gegenüber den öfter laut gewor-
    denen Zweifeln an der Angstneurose möchte er hervorheben,
    dass es exquisit organische Angstneurose gebe und dass 
    vielen solchen Patienten durch einen rein praktischen Se-
    xualrat geholfen werden kann.
    Stekel hält die Schlussfolgerungen,die Federn aus den 2
    angeführten Fällen ziehe,nicht für beweisend,da sich die
    Erfolge der Psychoanalyse oft erst später einstellen.
    Adler möchte diesen Hinweis Stekels unterstützen und dahin
    ergänzen,dass es sich für den Patienten darum handle recht
    zu behalten,was auch bei Pat.ausserhalb der Psychoanalyse
    zu beobachten sei,und welches Verhalten den Endspurt jeder
    Psychoanalyse beherrsche.-Was die Beziehung der toxischen
    Theorie zur psychischen betreffe,so ist klar,dass eine
    länger dauernde Prostataerkrankung als Zeichen einer Or-
    ganminderwertigkeit zu einem Minderwertigkeitsgefühl füh-
    ren wird,aus dem der männliche Protest,sei es in der Form
    des Sadismus(Federn)oder der Angst(Freud,Steiner)resultie-
    ren wird.Die Angst geht durch Verwandlung aus dem gestei-
    gerten Aggressionstrieb hervor und die Angstneurose ent-
    steht im Anschluss an den unterdrückten männlichen Protest.
    Sie hat den Zweck,das Individuum vor Aggression zu sichern.
    Prof.Freud betont,dass die schwierigen Fragen des Zusammen-
    hangs zwischen den Neurosen und den betreffenden Organen
    nur dann zu lösen sein werden,wenn derselbe Arzt die psycho-
    logischen und organischen Gesichtspunkte in gleicher Wei-
    se beherrscht.Dr/Steiner,der die einschlägigen Fälle unter-
    suche,finde zwar meist bei Neurasthenien Hyperästhesien,
    deren Beseitigung jedoch nichts am Wesen der Neurose ände-
    re.Wenn derartige Erscheinungen also auch eine Neurose be-
    günstigen,so gehören sie doch nicht notwendig zur Aetiolo-
    gie.-Das Rechtbehaltenwollen der Pat.treffe für eine Gruppe
    von Fällen -wenn auch nicht für alle- zu,sei aber nicht
    als weiter unauflösbarer Charakterzug zu registrieren,son-
    dern stamme aus dem Elternkomplex und lasse sich durch Be-
    handlung in der Analyse wieder aufheben.Mit derartigen Ver-
    allgemeinerungen müsse man sehr vorsichtig sein.
    Federn möchte die Einwendungen gegen die aus den 2Fällen
    gezogenen Schlüsse damit zurückweisen,dass nicht der Pat.
    behauptet habe,die Operation habe ihn geheilt,sondern dass
    dies am Pat.zu beobachten war.
    Steiner meint,dass durch den lokalen Eingriff die körperli-
    che Voraussetzung für die Heilung dieser nervösen Zustände
    gegeben sei.Diese Auffassung verträgt sich mit einer vor-
    handenen Organminderwertigkeit und bietet auch Raum für den
    psychischen Ueberbau,der in keinem dieser Fälle vermisst wird
    Adler erwähnt einen seiner Fälle,bei dem die Heilung eines
    Prostataabszesses erst nach erfolgter psychoanalytischer
    Kur eintrat.-Was das rechtbehaltenwollen der Pat.betreffe,
    so sei es ihm nie eingefallen dabei stehen zu bleiben.
    Prof.Freud erwähnt noch,es sei lediglich eine Sache der
    Technik,ob man die Widerstände am Ende(Adlers Endspurt)oder
    am Anfang oder in der Mitte der Kur bekomme.


     

                Oppenheim bringt volkskundliches Material zur Traumsymbolik,
    und zeigt an einigen Schwänken,dass im Volk das Bewusstsein lebt,dass
    der Traum sich der sexuellen Symbolik bedient(z.B.Lampe als Symbol
    des weiblichen aber auch des männlichen Genitales,Ring als Symbol der
    Vagina, Szepter als Penissymbol).

                Stekel weist auf die symbolische Gleichung der Flüssigkei-
    ten hin,die auch das Oel oder Petroleum der Lampe als Er-
    satz des Spermas erscheinen lasse.

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      Federn hebt den Zusammenhang von Schwurfinger(Penis)und
    Zeugen hervor,Tausk die Beziehung von testes und Testiku-
    lum.Oppenheim bemerkt dazu,dass die biblische Schwurfor-
    mel beim Genitale dessen,für den gezeugt wird,abgelegt wer-
    de.
    Freud macht darauf aufmerksam,dass dieser Zusammenhang
    viel älter sei und sich bereits in der Hieroglyphenschrift
    finde,wo der Zeuge mit dem Bilde des männlichen Genitales
    geschrieben werde.Zwei Zeugen müssen es wohl sein,weil ein
    Mann mit einem Testikel nicht zeugungsfähig sei.Die psycho-
    logische Begründung dieses Zusammenhanges liegt in dem
    Fortschritt,den die Menschheit vom Mutter-zum Vaterrecht
    machte(Siehe Jahrb.II.S.410 Anmerkung).
    Adler meint,dass der Gedanke,unter einem Zeugen einen Zeu-
    genden zu verstehen darauf hinweise,dass das männliche Sym-
    bol als das der Wahrheit aufgestellt werde.
    Tausk meint dagegen,dass die Philosophen,namentlich Nietz-
    sche und Schopenhauer von der Wahrheit als Frau sprechen.


     

                Prof.Oppenheim gedenkt seinen Bericht nächstes Mal fortzusetzen
    und wünschte zu hören,ob die Träume korrekt gebildet seind und wie
    sie dann zu deuten wären.



     

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