[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rank ›Das Inzest-Drama und seine Komplikationen‹ 1906-413/1906.02

Rank, Otto (1906-413/1906.02): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rank ›Das Inzest-Drama und seine Komplikationen‹

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    Diskussion über
    Ra Vortrag: Das Inzestdrama (zweiter Teil).
    24. Okt. 06


     

    Freud spricht zunächst im allgemeinen seine Anerkennung
    aus und hebt besonders die einzelnen Analysendeutungen
    hervor, die über die Arbeit verstreut sind. – Als be-
    sonders gelungen müsse er die Grillparzer-Analyse be-
    zeichnen; aus der Praxis führt er einen ähnlichen Fall
    an: Stekel habe einmal einen intelligenten jungen
    Mann, einen Gymnasiallehrer, in Behandlung gehabt, der
    eine seltsame Leidenschaft für einen seiner Zöglinge
    gehabt habe. Er war immer um ihn besorgt, fürchtete ihn
    zu verlieren u. s. w. – Die Familienverhältnisse des
    Lehrers ergaben folgendes: er hatte einen jüngeren Bruder,
    der mit 14 Jahren gestorben war; dieser Bruder war der
    Liebling der Eltern und stand dem älteren Bruder daher im
    Wege, es entstand der typische Bruderhass. Aber mit
    dem Tode des Jüngeren änderte sich das Wesen des
    Aelteren. Er übertrug nun seine Leidenschaften gegen den früheren Bruder
    auf seinen jungen Zögling und zwar in Form einer Ab-
    wehr: er liebte ihn und holte sogleich die Liebe
    nach, die er seinem Bruder versagt hatte. Die Diagnose
    Stekels wurde dann auf seltsame Weise bestätigt: der verstorbene
    Sohn war der Liebling der Mutter gewesen; einst war nun
    der junge Zögling bei der Familie zu Besuch und da sagte die
    Mutter: merkwürdig, der sieht meinem Karl so ähnlich.
    Ferner erwähnt Freud, dass die von Rank als neu dar-
    gestellte Unterscheidung zwischen der bewussten Ver-
     

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    drängung und der (unbewussten) organischen von ihm
    selbst in dem Beitrag zum Löwenfeldschen Buch schon
    gemacht worden sei; die bewusste Verdrängung habe er
    eben Abwehr, die unbewusste „Verdrängung“ genannt.
    Aus der Litteratur erwähnt Freud C. F. Meyers Novelle:
    Die Richterin, die das Thema der Geschwisterliebe behandelt;
    am Schluss stellt sich heraus, die beiden seien eigentlich
    keine Geschwister, worauf sie sich miteinander verheiraten.
    Diesen Mechanismen, der durch eine Rückwendung auf
    die vorige Generation, peinliche Verhältnisse in der
    eigenen Generation aufheben soll, begegne man sehr
    häufig in den Familienromanen der Neurotiker, die zum
    Beispiel Fantasien von der Untreue der Mutter/des Vaters haben, die   z. B.
    dazu dienen sollten, das geschwisterliche Band zu lockern.
    Die Geschwisterliebe habe auch in Meyers Leben eine grosse
    Rolle gespielt und sei die Hauptursache seiner unglück-
    lichen Ehe gewesen; viele seiner schönsten Liebesgedichte
    seien an die Schwester gerichtet.
    Ranks Bemerkung, dass die Eifersucht (die paranoische)
    ihre Wurzel in den Kinderfeindschaften habe, könne Freud
    auch durch einen Fall bestätigen; er habe einmal Gelegenheit
    gehabt, eine Frau zu untersuchen, die an paranoischer
    Eifersucht gelitten habe; der Mann war hysterisch. Im
    Verlaufe der Unterredung klagte sich die Frau ihrer ver-
    derblichen Leidenschaft wegen an, es sei aber ihre
    Natur sagte sie; schon als Kind habe sie diese Anwandlung
    gehabt, wenn der Vater einer andern Schwester einen
    Kuss gegeben habe; (später erfolgte Beleidigung durch Chef).
     

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    Zu den Inzest-Verhältnissen in den griechischen Götterge-
    schlechtern (Uranos, Kronos etc.) bemerkt Freud, dass man
    diese hohen Herrschaften nicht gut als Beispiele verwenden
    könne, da die Einwendung sehr nahe liege, es sei bei ihnen
    kein anderer Verkehr möglich gewesen.
    Zu dem Glauben, wonach Ereignisse als Folgen eines Wunsches
    eintreten könnten (Grillparzers Bruder etc.) erinnert Freud an
    eine Novelle Alfred Bergers: Dr. Nex . . . . (?), deren Inhalt
    er kurz erzählt: Es werde darin ein Mann geschildert, der gleichsam
    die Aufhebung des Unbewussten darstelle, sich über alles
    klar sei und unfähig zu Illusionen wäre. Dieser Mann
    heiratet schließlich; einst unternimmt seine Frau, mit
    seiner Erlaubnis, einen Ausflug auf die Rax; sie verun-
    glückt. Er glaubt, er sei der Mörder, da er gerade zur Zeit
    des Unglücks an sie gedacht habe und an ihren Tod. Die Novelle
    ende damit, dass er auf die Rax geht, die Leiche findet, und
    sich in den Abgrund stürzt. Hier sei gleichsam, fügt
    Freud hinzu, die Angstvorstellung aufs Bewusstsein projiziert.
    Für das Verhältnis von Stoffwahl und persönlichem Schicksal
    des Dichters macht Freud auf den, Reut gegenüber schon
    privatim erwähnten Umstand aufmerksam, dass
    sich in Fällen, wo Bruderhass und Schwesterliebe in den
    Werken eines Dichters vorkommen, ohne die entsprechenden Verhältnisse
    im Leben des Dichters vorzukommen, sich vielleicht ein ganz
    früh verstorbenes Kind in der betreffenden Familie nach-
    weisen ließe; gerade eine so frühzeitige Unterdrückung
    könne die Verwandlung in Poesie begünstigen.
    Der Kampf der beiden Brüder um eine Schwester sei ein
     

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    Thema, das man auch am Sternhimmel finde. Dieses Zu-
    sammentreffen eröffne eine interessante Perspektive
    für die Sternkunde. Es stünden am Himmel die „zwei Stern-
    bilder der Zwillinge“ und der „Jungfrau“ nebeneinander.
    Diese Namengebung sei babylonischen Ursprungs. Aber
    auch die griechische Sage habe hier ein ähnliches Verhältnis
    in Kastor und Pollux einerseits, und in Helena andrerseits
    dargestellt. Winckler, der sich mit der Deutung der
    Sternkreise beschäftigt habe, glaube, diese Sternbilder seien
    eine Fixierung der menschlichen Verhältnisse (zwischen
    Brüdern und Schwester) am Sternhimmel. Winckler führe
    auch das Verhältnis zwischen Absalom, Amnon und Thamar
    an.
    Das bei Shakespeare verhältnismäßig so wenig, und so wenig
    ausgeprägte Inzest-Fälle vorkommen bringt Freud damit
    in Zusammenhang, dass die Stücke Shakespeares meist nur
    Überarbeitungen seien, und dass die wenigsten Texte also
    wirklich ein Werk Shakespeares selbst seien.
    Als charakteristisch für das Verhältnis zweier Geschwister
    führt Freud schließlich noch einen Fall aus der Praxis
    an; er hatte ein Mädchen in Behandlung die als Kind vor
    ihrem Bruder exihibierte: die beiden nannten später
    einander immer „Sie“ und sagten auffälliger Weise meist
    Monsieur und Madame zueinander. Als dann der Bruder
    an einer fremden Universität studierte habe er die Briefe
    an die Schwester nicht nach Hause sondern poste restante
    geschickt. Das Lügen zwischen den beiden habe begonnen,
    als die körperlichen Beziehungen aufhörten.
     

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    Hitschmann, der letztesmal nicht anwesend war, fragt
    zunächst, ob Rank die Inzest-Fälle in den Namen Jsens
    berücksichtigt habe. Dann spricht er, in Anschluss an
    Adlers Bemerkung auch die Befürchtung aus, dass
    das zunehmende Wissen vom Psychischen die Produktion
    hemmen könnte.
    Später bemerkt Hitschmann noch, dass dem Inzest als
    solchem keine so außergewöhnliche Bedeutung beizu-
    legen sei; er sei einfach nur als Teilerscheinung der
    gesamten sexuellen Bedürfnisse aufzufassen. Die Libido
    befriedige sich auf dem Wege des geringsten Widerstandes:
    der Sohn verlange also beispielsweise nach der Mutter, weil
    das eben die gerade vorhandene vagna sei, weil das die erste
    Frau sei, der er im Leben begegne etc., und der Koitus
    z. B. mit dem Dienstmädchen könne ebensowohl der
    Bedingung, der eben vorhandenen vagna, genügen.
    (Dazu wirft Heller die Frage auf, woher es denn also komme,
    dass der Inzest als widernatürlich gelte.)
    Reitler spricht zunächst seine Anerkennung für die
    fleißige Arbeit aus; die Anwendung der Lehren
    Freuds auf andere Gebiete und die Aufzeigung der
    sexuellen Aderung in Litteratur und Sage sei eine
    dankenswerte Leistung. Stellung nehmen aber müsse
    er vor allem gegen den Pessimismus Ranks, bezüglich
    der Gefahr, den diese Inzest-Regungen mit sich brächten,
    einerseits als Quelle schwererer Erkrankungen, anderseits
    (durch Hemmungwerden) als Hemmnis der produktiven
    Geistestätigkeit.
    Die Inzest-Regungen Regungen nach Freud, als sexuelle Vorstufe von
     

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    Wichtigkeit bei der Findung des Sexual-Objekts. Die in-
    zestuösen Regungen seien eigentlich das Natürliche,
    so paradox das auch klingen mag. Krankhaft wirkten
    sie nur, wenn sie fixiert würden.
    Reitler sagt, es scheine ihm so, als ob in den inzestuösen
    Regungen die Wurzel aller Sublimierung zu suchen
    sei. An diesen Regungen werde gleichsam der Mechanis-
    mus der Sublimierung erlernt. Als Beweis führt
    er an, dass bei den Nationen, bei denen eine frühzeitige
    Scheidung der Kinder vom Elternhause stattgefunden
    habe (wie z. B. bei den Spartanern) die psychische Liebe
    und das Gefühlsleben hinter dem anderen Nationen weit
    zurückstehe. Es gäbe viele Menschen, die auf der Subli-
    mierung ihrer Inzest-Liebe ihre ganze Ethik aufge-
    baut hätten; er erwähnt die               Ethik, die auf
    der Verehrung der Eltern fußt.
    Dass die dichterische Produktion jemals erlahmen könnte,
    stellt Reitler entschieden in Abrede. Mit dem Ge-
    worden sein könne es nie so weit kommen, dass die
    Illusionskraft eines nicht abnormal Veranlagten
    darunter leiden könnte. Die Finsternis in den Köpfen,
    und damit auch eine Triebkraft der dichterischen
    Produktion, werde nie aufhören es müssten denn
    alle sexuellen Kräfte erstorben sein, was aber auch
    das Ende anderer Lebensäußerungen, nicht nur
    der Kunst, mit sich brächte. Solange die Menschheit
    imstande sein werde, ein Urteil zu fällen, solange
    werde es auch Dichter geben.
     

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    Federn führt zunächst noch einige Dichtungen an, 
    die inzestuöse Themen behandeln: einen Roman von 
    Anzengruber (Der Schandfleck?), der die Geschwisterliebe 
    behandle. Auch E. T. A. Hoffmann behandle vielfach, unter 
    anderem auch in den Elixieren des Teufels, inzestuöse Stoffe. 
    Auch bei Körner erinnere er sich etwas gefunden zu haben. 
    Dann erwähnt er ein Werk, wo eine Mutter sich ihrem 
    Sohne hingibt, um ihn vor schädlichen Einflüssen 
    des Sexuallebens zu bewahren (von mehreren Seiten wird 
    auf eine Novelle von Lynkeus und auf Bahrs: Mutter [von Graf] 
    aufmerksam gemacht). In J. J. Davids Novelle: Im 
    Frühschein, komme der bewußte Inzest zwischen 
    Geschwistern vor; David selbst habe diese Novelle als 
    sein bestes Werk bezeichnet. Aus persönlichen Gesprächen 
    Davids sei Federn bekannt, dass David frühzeitig erotische 
    Regungen zu seiner Schwester gehabt habe, ja dass er mit 
    ihr zusammen im Bett geschlafen habe. Auch habe er   -- 
    wohl im Zusammenhang damit   --   nicht heiraten wollen. 
    Anschließend an Freuds Bemerkung über Uranos, Kronos 
    etc, erwähnt Federn, dass auch bei Kain und Abel die 
    Verhältnisse nicht anders; sie mussten eben ihre Schwestern 
    heiraten. 
    Dass das Motiv des Muttermordes (bes. in d. griech. Sage) 
    in inzestuösen Regungen zu suchen sei, hält Federn 
    für eine willkürliche Annahme Ranks; dieselbe Ein- 
    wandung habe er gegen die Zurückführung jedes Bruder- 
    mordes auf inzestuöse Schwesterliebe zu machen. 
    Für Mutter- und Brudermord gebe es noch andere 
    Ursachen. Dass die Erinyen nur den „inzestuösen“

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    Mord und nicht den Inzest selbst verfolgten, zeige, dass 
    der Inzest selbst damals nicht als nefas galt. 
    Federn findet, dass der Inzest mit der Mutter jetzt fast 
    gar nicht mehr, der mit der Schwester sehr selten 
    vorkomme. Auch unterlägen die inzestuösen Regungen 
    heute eigentlich im allgemeinen keiner Verdrängung 
    mehr, sondern sie entstünden teils gar nicht, teils seien 
    sie sozusagen abortiv geworden. In der Kunst sei doch 
    die Darstellung solcher Regungen durch die Darstellung 
    der Eifersucht im allgemeinen abgelöst worden. 
    Federn bemerkt dann noch, dass zu Beginn der kulturellen 
    Entwicklung der Inzest selten gewesen sein dürfte, 
    und dass der Inzest bei Beginn d. Individualismus auf- 
    getreten sei. In der Pflanzenwelt gäbe es überhaupt 
    keinen Inzest und auch in der Tierwelt (mit Ausnahme 
    der Haustiere) käme er nicht vor (diese Bemerkung Federns 
    erregt lebhaften Widerspruch Freuds, Stekels, Hellers u. a.) 
    Für die Schädlichkeit des Bewusstwerdens dieser Regungen 
    fürchte man überflüssiger Weise; der Künstler habe noch 
    genug andere unbewusste Regungen. 
    Endlich protestiert Federn gegen Ranks Behauptung, wo- 
    nach alle Tugend nur „verdrängte“ Laster seien; es 
    gäbe gewiss positive Tugenden. 
    Heller bezweifelt, dass die heutige Auffassung des Inzestes 
    etwas Bleibendes, etwas „teleologisch Notwendiges“ (wie er 
    sich ausdrückt) sei. Das Ethos für die sexuellen Dinge 
    werde sich im allgemeinen abschwächen; die Vorstellung 
    von „Himmel und Hölle“, die man heute mit sexuellen 
    Dingen verbinde, sei nicht notwendig. Die Anschauungen

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    über das Ethos des Inzestes seien wandelbar. 
    Auch würde durch die Aufdeckung dieser 
    unbewussten Regungen dem Dichter die Möglichkeit ge- 
    nommen, das Motiv zu verwerten, denn es werde seiner 
    Tragik entkleidet, da die tragische Schuld entfalle. 
    Aber mit dem Schwinden eines Motivs sei noch nicht 
    das Ende der Kunst verbunden. 
    Den Inzest zwischen Geschwistern finde man sehr häufig, 
    besonders in Massenquartieren; auch in Bergarbeiter- 
    distrikten sei er etwas häufiges. 
    Stekel bezeichnet das Buch Ranks als fleissige, aber 
    schülerhafte Arbeit; es sei alles darin durch die Brille 
    der Freudschen Lehre betrachtet, ohne dass Rank 
    über Freud hinausginge. Auch müsse er gegen die 
    Art des Vortrags protestieren; das Exzerpieren aus dem 
    Manuskript sei ermüdend gewesen. Er ist für einen 
    anregenden Vortrag in freier Rede. 
    Im Gegensatz zu Federn hebt er die Häufigkeit des Inzestes 
    (bes. unter Geschwistern) hervor. Aus der Praxis könne er 
    zwei Fälle anführen. Der erste betreffe einen Mann, der 
    an „nervöser“ Schlaflosigkeit gelitten habe, die Stekel, im 
    Anschluss an Freud, auf unbefriedigte sexuelle Bedürfnisse 
    zurückgeführt habe. Der Mann habe in gemeinsamem Haus- 
    halt mit seiner Schwester gelebt, die ihm die Wirtschaft 
    geführt habe. Er träumte oft von der Schwester. Koitusver- 
    suche bei Prostituierten missglückten.   --   Stekel riet ihm, 
    die gemeinsame Wohnung aufzugeben. 
    Im zweiten Fall benützte der Bruder die Neigung der 
    Schwester um für sich materielle Vorteile herauszu- 
    schlagen. Als er das erreicht hat, wendete er seine Neigung

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    andern Weibern zu, worauf die Schwester ihre inzestuöse 
    Regung auf den Vater zurückwandte („er ist ganz der Vater“). 
    Die „Verdrängung“ in den Neurosen hält Stekel, im Gegen- 
    satz zu Rank, der damit an Freud anschließt, nicht für 
    bewusst, sondern für unbewusst. 
    Zur Grillparzer-Analyse, die über den Bruder Straubinger 
    führe, bemerkt Stekel noch, dass Karl vielleicht seinen 
    Bruder, den Dichter, damit zum Handwerker degradieren wollte. 
    Aus seinem eigenen Leben erzählt Stekel, aus seinem 16. od. 
    17. Jahr einen Traum, der den Inzest mit der Mutter zum 
    Inhalt hatte; er sei damals über diesen Traum sehr 
    niedergeschlagen gewesen. Auch an zwei Träume homo- 
    sexuellen Inhalts erinnere er sich. 
    Kahane möchte bei der Frage nach der Verursachung des 
    Inzestes auch das national-ökonomische Gebiet nicht 
    unbeachtet lassen. Der Inzest könne beim Übergang vom 
    Nomadenleben zum Ackerbau eine Wandlung erfahren 
    haben. Beim Nomaden könne nämlich der Wunsch, die 
    Herde zu behalten, zur Heirat der Geschwister unter- 
    einander führen; dann bleibt eben die Herde intakt. 
    Beim Ackerbauer würde aber, durch die gleichen Ver- 
    hältnisse der Besitz sich nie vergrössern. 
    Meisl ist mit Ranks Beweisführung, wonach die Dichterwerke 
    für das allgemeine Vorkommen dieser infantilen 
    Sexualregungen sprechen, nicht einverstanden. 
    Ranks Behauptungen seien überhaupt zu leicht gestützt; 
    was ihm nicht in den Kram passe beseitige oder verändere 
    er. Habe zum Beispiel einen kleinen Bruder gehabt, so nehme 
    Rank bei vorkommendem Bruderhass in den Werken an, 
    dass sich der Dichter seinen Bruder in der Phantasie gebildet habe.

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    Habe einer den Bruder nicht ermordet, so nehme Rank an, 
    die Verdrängung sei ihm gelungen. Das seien Schwächen, die 
    er rügen müsse. Meisl sieht darin 1.) Gefahren für die 
    psychologische Wissenschaft, 2.) Gefahren für die Freudsche 
    Theorie. Denn man werde die Schwächen in Ranks Büchern 
    zum Anlass nehmen auch das Richtige der Freudschen 
    Lehre zu verwerfen. 
    Auch gegen die „inzestuöse“ Dtg. des „Haushaltführens“ der 
    Schwester wendet sich Meisl; das habe doch gewiss andere Motive. 
    Ebenso wenn ein Dichter in einem Liebesgedicht die Geliebte als 
    Mutter oder Schwester besingt; er wolle damit nur andeuten, dass 
    er alle Liebe, deren das Wesen fähig ist, auf seine Person kon- 
    zentriert wünsche. Auch die Dtg. inzestuöser Neigungen Schillers 
    aus seinen Briefen an die Schwester sei mehr als kühn. 
    Graf mahnt zur Vorsicht bei der Dtg. von Dichtungen. Man könne 
    nur dort auf das Sexualleben zurückschliessen, wo gewisse 
    Motive stark herausgearbeitet seien und öfter wiederkehrten. 
    Bei Goethe müsse die Dtg. auf Grund des riesigen autobiogr. 
    Materials sehr leicht sein. Bei Schiller habe er vor- 
    nehmlich ein Motiv, den Hass gegen den Vater ausgeprägt 
    gefunden, der sich in der Form d. Tyrannenhasses äussere. 
    Der Nachweis fast sämtlicher inzestuöser Regungen bei 
    Schiller, den Rank führt, sei zu hypothetisch. 
    Deutsch hebt als bedeutungsvoll hervor, dass die Jugendwerke 
    der Dichter so häufig inzestuöse Stoffe behandeln (was 
    Rank schon beim Vortrag betonte). Es ziehe sich eine Kette von 
    den einfachsten Formen inzestuöser Zuneigung bis zum 
    wirklichen Inzest, und man müsse z.B. eben den Fall, wo 
    der Bruder die Schwester etwa beim Auskleiden belauscht, hierher 
    zählen. Am Technischen der Arbeit Ranks setzt er aus, dass

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    12    

    ihm besser als die chronologische Behandlung, die Heraus- 
    kristallisierung bestimmter Formeln und die Gruppierung 
    des Stoffes nach diesem Schema, erscheine. 
    Bach führt zunächst das Grimmsche Märchen: Allerlei- 
    rauh an, das mit einem Inzest beginne. Dann erwähnt 
    er Hellers Novelle: Frau Regel Amrain und ihr jüngster Sohn, 
    wo es sich um das Verhältnis von Mutter und Sohn handle. 
    Es sei auch der Zeitungsausschnitt aufgefunden worden, aus 
    dem Keller die Anregung zu dieser Novelle geschöpft habe, fast 
    er in Berlin studierte: ein 14jähriger Bursche war mit 
    einer Stange bewaffnet auf den Liebhaber seiner Mutter 
    eingedrungen. Auch im Grünen Heinrich vermutet 
    Bach eine verkleidete Darstellung d. Verhältnisses zur 
    Mutter; Agnes und Judith seien sicher Schwestern 
    gewesen. In dem dramatischen Fragment: Therese, von 
    Keller, komme das Liebesverhältnis von Mutter und 
    Tochter zum selben Manne vor. Er glaube, dass solche 
    Darstellungen nur bei Künstlern vorkämen, die ein aus- 
    gesprochenes Verhältnis gehabt hätten. Man sehe also, dass 
    solche Darstellungen nicht direkt auf inzestuöse 
    Erlebnisse der Dichter zurückgehen müssten. So 
    bemerkt Bach zum Bruderhass in der Braut von Messina, 
    (da doch Schiller keinen Bruder gehabt habe), dass Schiller 
    in einem merkwürdigen Verhältnis zur Schwester seiner 
    Frau gestanden habe und dass man sich allgemein 
    wunderte, als er seine Frau heiratete. 
    Bei Musikern liege die Sache noch schwieriger; so komme 
    in Cosi fan tutte ein Frauentausch vor; dieser er- 
    innere wieder an eine Episode im Grünen Heinrich, 
    die in München spiele, wo bei der Quadrille die

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    13    

    Paare vertauscht würden. 
    Rank sagt, er könne nur ganz kurz auf einzelnes erwidern. 
    Am Untergang der Kunst durch das Bewusstwerden d. Unbe- 
    wussten müsse er festhalten. Gegen Häutler wendet er ein, 
    dass gerade die Künstler seien, die jeweils am höchsten 
    im Bewusstsein stünden, dass also gerade in ihnen 
    sich jener Übergang vollziehe. 
    Auf die Bemerkung Federns wonach bei Kain und Abel die 
    inzestuösen Verhältnisse unvermeidlich gewesen seien, 
    erwidert Rank, dass diese Mythen doch eine Schöpfung 
    viel späterer Kulturperioden sind, und dass darin doch 
    nur die inzestuösen Gefühle dieser späteren Epochen 
    projiziert seien (damit erscheint übrigens auch Freuds 
    Einwendung bezüglich Uranos und Kronos widerlegt). 
    Zu Hitschmanns Bemerkung über die Inzest-Regungen 
    fügt Rank hinzu, er habe selbst auch an etwas Ähnliches 
    gedacht. So wie er nämlich bei seinen Untersuchungen 
    gefunden habe, dass es keine Homosexualität gäbe, so 
    gäbe es auch keine „inzestuösen“ Regungen; es sei 
    all das subjektiv und nicht objektiv aufzufassen. 
    In den sogenannten besseren Familien finde man häufig 
    bei den Neurosen der Kinder anstatt der Eltern die 
    Pflegepersonen: Amme, Kinderfrau, Wärterin, Dienst- 
    mädchen, Köchin, Erzieherin, Gouvernante, Lehrerin, 
    Diener, Kutscher, Hofmeister, Lehrer etc. Die sexuellen 
    Leidenschaften des Kindes richten sich eben nicht gerade 
    zb. auf die Mutter weil sie die Mutter ist, sondern weil sie 
    die erste Person ist, an die sich die ersten und mächtigsten 
    „sexuellen“ (Saugen etc) Eindrücke knüpfen; hier müsste eine

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    14    

    Ätiologie des Inzestes ansetzen. 
    Zur ökonomischen Bemerkung Kahanes gibt Rank 
    Beispiele aus den Legenden, wo oft manchmal der Inzest 
    zwischen Bruder und Schwester mit dem Streben nach 
    Erhaltung des Besitzes motiviert ist (das scheint mir 
    aber   --   so wie alle ökonomischen Motive ein vorgeschobenes 
    Motiv zu sein, das die sexuelle Wurzel verhüllen soll. Rank). 
    Zu Federns Einwendung, dass der Brudermord auch 
    andere als inzestuöse Motive haben könne, bemerkt Rank 
    endlich, dass es in fast allen gelinge die Rudimente der 
    inzestuösen Regungen zu rekonstruieren. 

    Am Schluss führt Freud noch eine verkappte Form des 
    Inzesttraumes mit der Mutter an. Der Träumer erzählt: 
    Er ist mit seiner Familie, Vater, Brüdern, Schwestern vor 
    dem Eingang eines Hauses. Der Vater und die Geschwister gehen 
    hinauf, in einen engen Gang. Schließlich geht er 
    auch hinauf. Er hat die dunkle Erinnerung, dass 
    er darin schon einmal gewesen sei. 
        Bemerkenswert ist der Umstand, dass die ganze Familie 
    aufzählt nur die Mutter nicht; wenn man den Satz, den 
    alle andern hineingehen umkehrt, so dass es heisst nur er 
    allein geht hinein, so wird die Erzählung sinnvoll. Es 
    handelt sich dann eben um die Vagina der Mutter, denn das 
    ist der Ort, wo er schon einmal war.