Rank, Otto (1906-413/1906.02): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Rank ›Das Inzest-Drama und seine Komplikationen‹
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Diskussion über
Ra Vortrag: Das Inzestdrama (zweiter Teil).
24. Okt. 06
Freud spricht zunächst im allgemeinen seine Anerkennung
aus und hebt besonders die einzelnen Analysendeutungen
hervor, die über die Arbeit verstreut sind. – Als be-
sonders gelungen müsse er die Grillparzer-Analyse be-
zeichnen; aus der Praxis führt er einen ähnlichen Fall
an: Stekel habe einmal einen intelligenten jungen
Mann, einen Gymnasiallehrer, in Behandlung gehabt, der
eine seltsame Leidenschaft für einen seiner Zöglinge
gehabt habe. Er war immer um ihn besorgt, fürchtete ihn
zu verlieren u. s. w. – Die Familienverhältnisse des
Lehrers ergaben folgendes: er hatte einen jüngeren Bruder,
der mit 14 Jahren gestorben war; dieser Bruder war der
Liebling der Eltern und stand dem älteren Bruder daher im
Wege, es entstand der typische Bruderhass. Aber mit
dem Tode des Jüngeren änderte sich das Wesen des
Aelteren. Er übertrug nun seine Leidenschaften gegen den früheren Bruder
auf seinen jungen Zögling und zwar in Form einer Ab-
wehr: er liebte ihn und holte sogleich die Liebe
nach, die er seinem Bruder versagt hatte. Die Diagnose
Stekels wurde dann auf seltsame Weise bestätigt: der verstorbene
Sohn war der Liebling der Mutter gewesen; einst war nun
der junge Zögling bei der Familie zu Besuch und da sagte die
Mutter: merkwürdig, der sieht meinem Karl so ähnlich.
Ferner erwähnt Freud, dass die von Rank als neu dar-
gestellte Unterscheidung zwischen der bewussten Ver-
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drängung und der (unbewussten) organischen von ihm
selbst in dem Beitrag zum Löwenfeldschen Buch schon
gemacht worden sei; die bewusste Verdrängung habe er
eben Abwehr, die unbewusste „Verdrängung“ genannt.
Aus der Litteratur erwähnt Freud C. F. Meyers Novelle:
Die Richterin, die das Thema der Geschwisterliebe behandelt;
am Schluss stellt sich heraus, die beiden seien eigentlich
keine Geschwister, worauf sie sich miteinander verheiraten.
Diesen Mechanismen, der durch eine Rückwendung auf
die vorige Generation, peinliche Verhältnisse in der
eigenen Generation aufheben soll, begegne man sehr
häufig in den Familienromanen der Neurotiker, die zum
Beispiel Fantasien von der Untreue der Mutter/des Vaters haben, die z. B.
dazu dienen sollten, das geschwisterliche Band zu lockern.
Die Geschwisterliebe habe auch in Meyers Leben eine grosse
Rolle gespielt und sei die Hauptursache seiner unglück-
lichen Ehe gewesen; viele seiner schönsten Liebesgedichte
seien an die Schwester gerichtet.
Ranks Bemerkung, dass die Eifersucht (die paranoische)
ihre Wurzel in den Kinderfeindschaften habe, könne Freud
auch durch einen Fall bestätigen; er habe einmal Gelegenheit
gehabt, eine Frau zu untersuchen, die an paranoischer
Eifersucht gelitten habe; der Mann war hysterisch. Im
Verlaufe der Unterredung klagte sich die Frau ihrer ver-
derblichen Leidenschaft wegen an, es sei aber ihre
Natur sagte sie; schon als Kind habe sie diese Anwandlung
gehabt, wenn der Vater einer andern Schwester einen
Kuss gegeben habe; (später erfolgte Beleidigung durch Chef).
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Zu den Inzest-Verhältnissen in den griechischen Götterge-
schlechtern (Uranos, Kronos etc.) bemerkt Freud, dass man
diese hohen Herrschaften nicht gut als Beispiele verwenden
könne, da die Einwendung sehr nahe liege, es sei bei ihnen
kein anderer Verkehr möglich gewesen.
Zu dem Glauben, wonach Ereignisse als Folgen eines Wunsches
eintreten könnten (Grillparzers Bruder etc.) erinnert Freud an
eine Novelle Alfred Bergers: Dr. Nex . . . . (?), deren Inhalt
er kurz erzählt: Es werde darin ein Mann geschildert, der gleichsam
die Aufhebung des Unbewussten darstelle, sich über alles
klar sei und unfähig zu Illusionen wäre. Dieser Mann
heiratet schließlich; einst unternimmt seine Frau, mit
seiner Erlaubnis, einen Ausflug auf die Rax; sie verun-
glückt. Er glaubt, er sei der Mörder, da er gerade zur Zeit
des Unglücks an sie gedacht habe und an ihren Tod. Die Novelle
ende damit, dass er auf die Rax geht, die Leiche findet, und
sich in den Abgrund stürzt. Hier sei gleichsam, fügt
Freud hinzu, die Angstvorstellung aufs Bewusstsein projiziert.
Für das Verhältnis von Stoffwahl und persönlichem Schicksal
des Dichters macht Freud auf den, Reut gegenüber schon
privatim erwähnten Umstand aufmerksam, dass
sich in Fällen, wo Bruderhass und Schwesterliebe in den
Werken eines Dichters vorkommen, ohne die entsprechenden Verhältnisse
im Leben des Dichters vorzukommen, sich vielleicht ein ganz
früh verstorbenes Kind in der betreffenden Familie nach-
weisen ließe; gerade eine so frühzeitige Unterdrückung
könne die Verwandlung in Poesie begünstigen.
Der Kampf der beiden Brüder um eine Schwester sei ein
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Thema, das man auch am Sternhimmel finde. Dieses Zu-
sammentreffen eröffne eine interessante Perspektive
für die Sternkunde. Es stünden am Himmel die „zwei Stern-
bilder der Zwillinge“ und der „Jungfrau“ nebeneinander.
Diese Namengebung sei babylonischen Ursprungs. Aber
auch die griechische Sage habe hier ein ähnliches Verhältnis
in Kastor und Pollux einerseits, und in Helena andrerseits
dargestellt. Winckler, der sich mit der Deutung der
Sternkreise beschäftigt habe, glaube, diese Sternbilder seien
eine Fixierung der menschlichen Verhältnisse (zwischen
Brüdern und Schwester) am Sternhimmel. Winckler führe
auch das Verhältnis zwischen Absalom, Amnon und Thamar
an.
Das bei Shakespeare verhältnismäßig so wenig, und so wenig
ausgeprägte Inzest-Fälle vorkommen bringt Freud damit
in Zusammenhang, dass die Stücke Shakespeares meist nur
Überarbeitungen seien, und dass die wenigsten Texte also
wirklich ein Werk Shakespeares selbst seien.
Als charakteristisch für das Verhältnis zweier Geschwister
führt Freud schließlich noch einen Fall aus der Praxis
an; er hatte ein Mädchen in Behandlung die als Kind vor
ihrem Bruder exihibierte: die beiden nannten später
einander immer „Sie“ und sagten auffälliger Weise meist
Monsieur und Madame zueinander. Als dann der Bruder
an einer fremden Universität studierte habe er die Briefe
an die Schwester nicht nach Hause sondern poste restante
geschickt. Das Lügen zwischen den beiden habe begonnen,
als die körperlichen Beziehungen aufhörten.
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Hitschmann, der letztesmal nicht anwesend war, fragt
zunächst, ob Rank die Inzest-Fälle in den Namen Jsens
berücksichtigt habe. Dann spricht er, in Anschluss an
Adlers Bemerkung auch die Befürchtung aus, dass
das zunehmende Wissen vom Psychischen die Produktion
hemmen könnte.
Später bemerkt Hitschmann noch, dass dem Inzest als
solchem keine so außergewöhnliche Bedeutung beizu-
legen sei; er sei einfach nur als Teilerscheinung der
gesamten sexuellen Bedürfnisse aufzufassen. Die Libido
befriedige sich auf dem Wege des geringsten Widerstandes:
der Sohn verlange also beispielsweise nach der Mutter, weil
das eben die gerade vorhandenevagnasei, weil das die erste
Frau sei, der er im Leben begegne etc., und der Koitus
z. B. mit dem Dienstmädchen könne ebensowohl der
Bedingung, der eben vorhandenenvagna, genügen.
(Dazu wirft Heller die Frage auf, woher es denn also komme,
dass der Inzest als widernatürlich gelte.)
Reitler spricht zunächst seine Anerkennung für die
fleißige Arbeit aus; die Anwendung der Lehren
Freuds auf andere Gebiete und die Aufzeigung der
sexuellen Aderung in Litteratur und Sage sei eine
dankenswerte Leistung. Stellung nehmen aber müsse
er vor allem gegen den Pessimismus Ranks, bezüglich
der Gefahr, den diese Inzest-Regungen mit sich brächten,
einerseits als Quelle schwererer Erkrankungen, anderseits
(durch Hemmungwerden) als Hemmnis der produktiven
Geistestätigkeit.
Die Inzest-RegungenRegungen nach Freud, als sexuelle Vorstufe von
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Wichtigkeit bei der Findung des Sexual-Objekts. Die in-
zestuösen Regungen seien eigentlich das Natürliche,
so paradox das auch klingen mag. Krankhaft wirkten
sie nur, wenn sie fixiert würden.
Reitler sagt, es scheine ihm so, als ob in den inzestuösen
Regungen die Wurzel aller Sublimierung zu suchen
sei. An diesen Regungen werde gleichsam der Mechanis-
mus der Sublimierung erlernt. Als Beweis führt
er an, dass bei den Nationen, bei denen eine frühzeitige
Scheidung der Kinder vom Elternhause stattgefunden
habe (wie z. B. bei den Spartanern) die psychische Liebe
und das Gefühlsleben hinter dem anderen Nationen weit
zurückstehe. Es gäbe viele Menschen, die auf der Subli-
mierung ihrer Inzest-Liebe ihre ganze Ethik aufge-
baut hätten; er erwähnt die Ethik, die auf
der Verehrung der Eltern fußt.
Dass die dichterische Produktion jemals erlahmen könnte,
stellt Reitler entschieden in Abrede. Mit dem Ge-
worden sein könne es nie so weit kommen, dass die
Illusionskraft eines nicht abnormal Veranlagten
darunter leiden könnte. Die Finsternis in den Köpfen,
und damit auch eine Triebkraft der dichterischen
Produktion, werde nie aufhören es müssten denn
alle sexuellen Kräfte erstorben sein, was aber auch
das Ende anderer Lebensäußerungen, nicht nur
der Kunst, mit sich brächte. Solange die Menschheit
imstande sein werde, ein Urteil zu fällen, solange
werde es auch Dichter geben.
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Federn führt zunächst noch einige Dichtungen an,
die inzestuöse Themen behandeln: einen Roman von
Anzengruber (Der Schandfleck?), der die Geschwisterliebe
behandle. Auch E. T. A. Hoffmann behandle vielfach, unter
anderem auch in den Elixieren des Teufels, inzestuöse Stoffe.
Auch bei Körner erinnere er sich etwas gefunden zu haben.
Dann erwähnt er ein Werk, wo eine Mutter sich ihrem
Sohne hingibt, um ihn vor schädlichen Einflüssen
des Sexuallebens zu bewahren (von mehreren Seiten wird
auf eine Novelle von Lynkeus und auf Bahrs: Mutter [von Graf]
aufmerksam gemacht). In J. J. Davids Novelle: Im
Frühschein, komme der bewußte Inzest zwischen
Geschwistern vor; David selbst habe diese Novelle als
sein bestes Werk bezeichnet. Aus persönlichen Gesprächen
Davids sei Federn bekannt, dass David frühzeitig erotische
Regungen zu seiner Schwester gehabt habe, ja dass er mit
ihr zusammen im Bett geschlafen habe. Auch habe er --
wohl im Zusammenhang damit -- nicht heiraten wollen.
Anschließend an Freuds Bemerkung über Uranos, Kronos
etc, erwähnt Federn, dass auch bei Kain und Abel die
Verhältnisse nicht anders; sie mussten eben ihre Schwestern
heiraten.
Dass das Motiv des Muttermordes (bes. in d. griech. Sage)
in inzestuösen Regungen zu suchen sei, hält Federn
für eine willkürliche Annahme Ranks; dieselbe Ein-
wandung habe er gegen die Zurückführung jedes Bruder-
mordes auf inzestuöse Schwesterliebe zu machen.
Für Mutter- und Brudermord gebe es noch andere
Ursachen. Dass die Erinyen nur den „inzestuösen“S.
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Mord und nicht den Inzest selbst verfolgten, zeige, dass
der Inzest selbst damals nicht als nefas galt.
Federn findet, dass der Inzest mit der Mutter jetzt fast
gar nicht mehr, der mit der Schwester sehr selten
vorkomme. Auch unterlägen die inzestuösen Regungen
heute eigentlich im allgemeinen keiner Verdrängung
mehr, sondern sie entstünden teils gar nicht, teils seien
sie sozusagen abortiv geworden. In der Kunst sei doch
die Darstellung solcher Regungen durch die Darstellung
der Eifersucht im allgemeinen abgelöst worden.
Federn bemerkt dann noch, dass zu Beginn der kulturellen
Entwicklung der Inzest selten gewesen sein dürfte,
und dass der Inzest bei Beginn d. Individualismus auf-
getreten sei. In der Pflanzenwelt gäbe es überhaupt
keinen Inzest und auch in der Tierwelt (mit Ausnahme
der Haustiere) käme er nicht vor (diese Bemerkung Federns
erregt lebhaften Widerspruch Freuds, Stekels, Hellers u. a.)
Für die Schädlichkeit des Bewusstwerdens dieser Regungen
fürchte man überflüssiger Weise; der Künstler habe noch
genug andere unbewusste Regungen.
Endlich protestiert Federn gegen Ranks Behauptung, wo-
nach alle Tugend nur „verdrängte“ Laster seien; es
gäbe gewiss positive Tugenden.
Heller bezweifelt, dass die heutige Auffassung des Inzestes
etwas Bleibendes, etwas „teleologisch Notwendiges“ (wie er
sich ausdrückt) sei. Das Ethos für die sexuellen Dinge
werde sich im allgemeinen abschwächen; die Vorstellung
von „Himmel und Hölle“, die man heute mit sexuellen
Dingen verbinde, sei nicht notwendig. Die AnschauungenS.
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über das Ethos des Inzestes seien wandelbar.
Auch würde durch die Aufdeckung dieser
unbewussten Regungen dem Dichter die Möglichkeit ge-
nommen, das Motiv zu verwerten, denn es werde seiner
Tragik entkleidet, da die tragische Schuld entfalle.
Aber mit dem Schwinden eines Motivs sei noch nicht
das Ende der Kunst verbunden.
Den Inzest zwischen Geschwistern finde man sehr häufig,
besonders in Massenquartieren; auch in Bergarbeiter-
distrikten sei er etwas häufiges.
Stekel bezeichnet das Buch Ranks als fleissige, aber
schülerhafte Arbeit; es sei alles darin durch die Brille
der Freudschen Lehre betrachtet, ohne dass Rank
über Freud hinausginge. Auch müsse er gegen die
Art des Vortrags protestieren; das Exzerpieren aus dem
Manuskript sei ermüdend gewesen. Er ist für einen
anregenden Vortrag in freier Rede.
Im Gegensatz zu Federn hebt er die Häufigkeit des Inzestes
(bes. unter Geschwistern) hervor. Aus der Praxis könne er
zwei Fälle anführen. Der erste betreffe einen Mann, der
an „nervöser“ Schlaflosigkeit gelitten habe, die Stekel, im
Anschluss an Freud, auf unbefriedigte sexuelle Bedürfnisse
zurückgeführt habe. Der Mann habe in gemeinsamem Haus-
halt mit seiner Schwester gelebt, die ihm die Wirtschaft
geführt habe. Er träumte oft von der Schwester. Koitusver-
suche bei Prostituierten missglückten. -- Stekel riet ihm,
die gemeinsame Wohnung aufzugeben.
Im zweiten Fall benützte der Bruder die Neigung der
Schwester um für sich materielle Vorteile herauszu-
schlagen. Als er das erreicht hat, wendete er seine NeigungS.
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andern Weibern zu, worauf die Schwester ihre inzestuöse
Regung auf den Vater zurückwandte („er ist ganz der Vater“).
Die „Verdrängung“ in den Neurosen hält Stekel, im Gegen-
satz zu Rank, der damit an Freud anschließt, nicht für
bewusst, sondern für unbewusst.
Zur Grillparzer-Analyse, die über den Bruder Straubinger
führe, bemerkt Stekel noch, dass Karl vielleicht seinen
Bruder, den Dichter, damit zum Handwerker degradieren wollte.
Aus seinem eigenen Leben erzählt Stekel, aus seinem 16. od.
17. Jahr einen Traum, der den Inzest mit der Mutter zum
Inhalt hatte; er sei damals über diesen Traum sehr
niedergeschlagen gewesen. Auch an zwei Träume homo-
sexuellen Inhalts erinnere er sich.
Kahane möchte bei der Frage nach der Verursachung des
Inzestes auch das national-ökonomische Gebiet nicht
unbeachtet lassen. Der Inzest könne beim Übergang vom
Nomadenleben zum Ackerbau eine Wandlung erfahren
haben. Beim Nomaden könne nämlich der Wunsch, die
Herde zu behalten, zur Heirat der Geschwister unter-
einander führen; dann bleibt eben die Herde intakt.
Beim Ackerbauer würde aber, durch die gleichen Ver-
hältnisse der Besitz sich nie vergrössern.
Meisl ist mit Ranks Beweisführung, wonach die Dichterwerke
für das allgemeine Vorkommen dieser infantilen
Sexualregungen sprechen, nicht einverstanden.
Ranks Behauptungen seien überhaupt zu leicht gestützt;
was ihm nicht in den Kram passe beseitige oder verändere
er. Habe zum Beispiel einen kleinen Bruder gehabt, so nehme
Rank bei vorkommendem Bruderhass in den Werken an,
dass sich der Dichter seinen Bruder in der Phantasie gebildet habe.S.
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Habe einer den Bruder nicht ermordet, so nehme Rank an,
die Verdrängung sei ihm gelungen. Das seien Schwächen, die
er rügen müsse. Meisl sieht darin 1.) Gefahren für die
psychologische Wissenschaft, 2.) Gefahren für die Freudsche
Theorie. Denn man werde die Schwächen in Ranks Büchern
zum Anlass nehmen auch das Richtige der Freudschen
Lehre zu verwerfen.
Auch gegen die „inzestuöse“ Dtg. des „Haushaltführens“ der
Schwester wendet sich Meisl; das habe doch gewiss andere Motive.
Ebenso wenn ein Dichter in einem Liebesgedicht die Geliebte als
Mutter oder Schwester besingt; er wolle damit nur andeuten, dass
er alle Liebe, deren das Wesen fähig ist, auf seine Person kon-
zentriert wünsche. Auch die Dtg. inzestuöser Neigungen Schillers
aus seinen Briefen an die Schwester sei mehr als kühn.
Graf mahnt zur Vorsicht bei der Dtg. von Dichtungen. Man könne
nur dort auf das Sexualleben zurückschliessen, wo gewisse
Motive stark herausgearbeitet seien und öfter wiederkehrten.
Bei Goethe müsse die Dtg. auf Grund des riesigen autobiogr.
Materials sehr leicht sein. Bei Schiller habe er vor-
nehmlich ein Motiv, den Hass gegen den Vater ausgeprägt
gefunden, der sich in der Form d. Tyrannenhasses äussere.
Der Nachweis fast sämtlicher inzestuöser Regungen bei
Schiller, den Rank führt, sei zu hypothetisch.
Deutsch hebt als bedeutungsvoll hervor, dass die Jugendwerke
der Dichter so häufig inzestuöse Stoffe behandeln (was
Rank schon beim Vortrag betonte). Es ziehe sich eine Kette von
den einfachsten Formen inzestuöser Zuneigung bis zum
wirklichen Inzest, und man müsse z.B. eben den Fall, wo
der Bruder die Schwester etwa beim Auskleiden belauscht, hierher
zählen. Am Technischen der Arbeit Ranks setzt er aus, dassS.
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ihm besser als die chronologische Behandlung, die Heraus-
kristallisierung bestimmter Formeln und die Gruppierung
des Stoffes nach diesem Schema, erscheine.
Bach führt zunächst das Grimmsche Märchen: Allerlei-
rauh an, das mit einem Inzest beginne. Dann erwähnt
er Hellers Novelle: Frau Regel Amrain und ihr jüngster Sohn,
wo es sich um das Verhältnis von Mutter und Sohn handle.
Es sei auch der Zeitungsausschnitt aufgefunden worden, aus
dem Keller die Anregung zu dieser Novelle geschöpft habe, fast
er in Berlin studierte: ein 14jähriger Bursche war mit
einer Stange bewaffnet auf den Liebhaber seiner Mutter
eingedrungen. Auch im Grünen Heinrich vermutet
Bach eine verkleidete Darstellung d. Verhältnisses zur
Mutter; Agnes und Judith seien sicher Schwestern
gewesen. In dem dramatischen Fragment: Therese, von
Keller, komme das Liebesverhältnis von Mutter und
Tochter zum selben Manne vor. Er glaube, dass solche
Darstellungen nur bei Künstlern vorkämen, die ein aus-
gesprochenes Verhältnis gehabt hätten. Man sehe also, dass
solche Darstellungen nicht direkt auf inzestuöse
Erlebnisse der Dichter zurückgehen müssten. So
bemerkt Bach zum Bruderhass in der Braut von Messina,
(da doch Schiller keinen Bruder gehabt habe), dass Schiller
in einem merkwürdigen Verhältnis zur Schwester seiner
Frau gestanden habe und dass man sich allgemein
wunderte, als er seine Frau heiratete.
Bei Musikern liege die Sache noch schwieriger; so komme
in Cosi fan tutte ein Frauentausch vor; dieser er-
innere wieder an eine Episode im Grünen Heinrich,
die in München spiele, wo bei der Quadrille dieS.
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Paare vertauscht würden.
Rank sagt, er könne nur ganz kurz auf einzelnes erwidern.
Am Untergang der Kunst durch das Bewusstwerden d. Unbe-
wussten müsse er festhalten. Gegen Häutler wendet er ein,
dass gerade die Künstler seien, die jeweils am höchsten
im Bewusstsein stünden, dass also gerade in ihnen
sich jener Übergang vollziehe.
Auf die Bemerkung Federns wonach bei Kain und Abel die
inzestuösen Verhältnisse unvermeidlich gewesen seien,
erwidert Rank, dass diese Mythen doch eine Schöpfung
viel späterer Kulturperioden sind, und dass darin doch
nur die inzestuösen Gefühle dieser späteren Epochen
projiziert seien (damit erscheint übrigens auch Freuds
Einwendung bezüglich Uranos und Kronos widerlegt).
Zu Hitschmanns Bemerkung über die Inzest-Regungen
fügt Rank hinzu, er habe selbst auch an etwas Ähnliches
gedacht. So wie er nämlich bei seinen Untersuchungen
gefunden habe, dass es keine Homosexualität gäbe, so
gäbe es auch keine „inzestuösen“ Regungen; es sei
all das subjektiv und nicht objektiv aufzufassen.
In den sogenannten besseren Familien finde man häufig
bei den Neurosen der Kinder anstatt der Eltern die
Pflegepersonen: Amme, Kinderfrau, Wärterin, Dienst-
mädchen, Köchin, Erzieherin, Gouvernante, Lehrerin,
Diener, Kutscher, Hofmeister, Lehrer etc. Die sexuellen
Leidenschaften des Kindes richten sich eben nicht gerade
zb. auf die Mutter weil sie die Mutter ist, sondern weil sie
die erste Person ist, an die sich die ersten und mächtigsten
„sexuellen“ (Saugen etc) Eindrücke knüpfen; hier müsste eineS.
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Ätiologie des Inzestes ansetzen.
Zur ökonomischen Bemerkung Kahanes gibt Rank
Beispiele aus den Legenden, wo oft manchmal der Inzest
zwischen Bruder und Schwester mit dem Streben nach
Erhaltung des Besitzes motiviert ist (das scheint mir
aber -- so wie alle ökonomischen Motive ein vorgeschobenes
Motiv zu sein, das die sexuelle Wurzel verhüllen soll. Rank).
Zu Federns Einwendung, dass der Brudermord auch
andere als inzestuöse Motive haben könne, bemerkt Rank
endlich, dass es in fast allen gelinge die Rudimente der
inzestuösen Regungen zu rekonstruieren.
Am Schluss führt Freud noch eine verkappte Form des
Inzesttraumes mit der Mutter an. Der Träumer erzählt:
Er ist mit seiner Familie, Vater, Brüdern, Schwestern vor
dem Eingang eines Hauses. Der Vater und die Geschwister gehen
hinauf, in einen engen Gang. Schließlich geht er
auch hinauf. Er hat die dunkle Erinnerung, dass
er darin schon einmal gewesen sei.
Bemerkenswert ist der Umstand, dass die ganze Familie
aufzählt nur die Mutter nicht; wenn man den Satz, den
alle andern hineingehen umkehrt, so dass es heisst nur er
allein geht hinein, so wird die Erzählung sinnvoll. Es
handelt sich dann eben um die Vagina der Mutter, denn das
ist der Ort, wo er schon einmal war.