[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Zur Psychopathologie von Hauptmanns Griselda‹ 1909-421/1909.01

Rank, Otto (1909-421/1909.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Stekel ›Zur Psychopathologie von Hauptmanns Griselda‹

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    21. Vortragsabend

    am 31. März 1909.






     

    Zur Psychopathologie von Hauptmanns „Griselda“.

    Dr. Stekel.

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    Der Vortragende erwähnt eingangs, dass ihm die affektive Färbung
    der Kritiken des neuen Hauptmannschen Werkes zuerst aufgefallen
    sei und dass er sich vorgenommen habe, den Ursachen dieses heftigen
    Widerstandes nachzugehen. Nachdem er das Stück gesehen habe,
    sei ihm klar geworden, warum es zum Widerstand aufreizen müsse:
    es treffe nämlich auf eine empfindliche Stelle der Menschen. —

        Er möchte nun ein paar persönliche Eindrücke von dem Drama
    mitteilen. Es sei das Drama einer Eifersucht u. zw. einer ganz be-
    stimmten Form der Eifersucht. Es scheine ihm in einer auf-
    steigenden Linie von Dramen das dritte zu sein; diese Dramen
    waren: Othello, Herodes u. Mariamne u. Griselda. — In Othello die
    einfache Eifersucht des Mannes auf die Frau, eines Mannes, dem
    Morden u. Siegen Beruf sei, der dem Weib mit der Erdrosselung
    den letzten Liebesdienst tue u. dabei deutlich seinen Sadismus
    befriedige. Die Eifersucht im 2. Drama sei schon komplizierter.
    Herodes liebt seine Frau so sehr, dass er sie nach seinem Tode
    keinem andern gönnen will u. er erteilt darum den Befehl sie
    zu töten, wenn er sterben sollte. Als sie davon erfährt ist sie
    in ihrem weiblichen Stolz so gekränkt, dass sie ihn in grausamer
    Weise straft, indem sie ihm Untreue vorspiegelt, so dass er sie tötet.
    Auch Herodes ist hier der Wüterich, der Sadist u. also wieder die
    Eifersucht in Verbindung mit dem Sadismus gebracht. —
    Bei Hauptmann besteht die neue Form in der Eifersucht auf
    einen erst kommenden Sohn. Das Griselda Thema hat er
    aus Boccaccio Boccaccio, wo die Fassung aber eine etwas andere ist.
    Griselda ist eine einfache Frau, die als Gräfin sich sehr gut
    in die wirklichen Verhältnisse zu schicken weiss. Bevor
    dann von ihrem Mann sehr schwer auf die Probe gestellt: es
    werden ihr die Kinder weggenommen und sie selbst wird in die Ein-
    samkeit verstossen. Schliesslich soll sie aufs Schloss kommen,
    um der neuen Braut des Grafen Magddienste zu leisten. Als

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    sie auch das schweigend duldet, eröffnet ihr der Graf, dass all
    das nur Proben waren, die sie glänzend bestanden habe. Sie wird
    wieder in Ehren aufgenommen u. erfährt, dass die angebliche
    neue Braut des Grafen ihre eigene Tochter ist. Hier erscheint
    also die Tochter gleichsam als Konkurrentin der Mutter.

    Im Anschluss an B. hat schon Halm die Sage dramatisiert; der
    Schluss ist dort insofern tragisch als Griseldis den Wüterich
    schliesslich gänzlich verlässt.

        Hauptmann hat der Fabel seine eigene Fassung gegeben; er
    zeichnet im Grafen ein Neurotiker, was nun der Vortragende,
    indem er den Inhalt des Dramas ausführlich wiedergibt, an
    einzelnen Zügen zu erweisen sucht. Der 1. Akt führe uns das
    Paar vor, das starke sadistische Anwandlungen habe, der Mann
    auch deutlich masochistische Gelüste. Im zweiten Akt er-
    fahren wir von der absonderlichen Lebensweise des Grafen,
    die auffällig an die Bussen der Neurotiker erinnert, die sich
    zur Strafe für irgend eine Schuld selbst auferlegen. Daneben
    kommt auch darin die masochistische Komponente auf ihre
    Rechnung. Aber auch sonst neigt der Graf eher der masoch.
    Seite zu, denn er sucht immer nur das Gewaltweib. Er sucht
    den Mann im Weibe u. daraus sowie aus einer Bemerkung
    des Haushofmeisters („er ist ein Weiberfeind“) könne man schliessen,
    dass dem Grafen auch homosexuelle Neigungen nicht fremd
    sein. Seinen neurotischen Charakter kennzeichnet Eber-
    hard deutlich mit den Worten, sein Neffe wäre ein Fressen für
    die Medizin und gehöre in die Sorbonne. Sein Vater wird auch
    zweimal als absonderlicher Mann erwähnt. Ein neurotischer
    Zug beim Grafen ist es auch, dass ihm das Heimführen einer
    vornehmen Dame als entsetzliche Kalamität erscheint.
    Überhaupt ist seine Abneigung gegen vornehme Damen, sein Aus-
    weichen vor jeder Berührung mit ihnen in auffälligem Gegen-

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    satz zu seiner Vorliebe für Bauernmägde.

        In der nächsten Szene (mit der Jagdgesellschaft) überwältigt der
    Graf Griselda ein zweitesmal und erkennt, dass diese Erweckung
    ihres masochistischen Zuges der sicherste Weg zu ihrer Liebe sei. —
    Nach der Hochzeit geht mit Griselda eine sonderbare Wandlung
    vor, die man mit Unrecht als zu plötzlich und überhaupt un-
    möglich gerügt habe. Man könne sie ganz gut gelten lassen, wenn
    man erwäge, wie viel Talent zur Dirne, zur vornehmen Dame,
    zum Spielen der „Gnädigen“ in jedem Weib stecke.

        Nach einer längeren Zeitpause führt uns der Dichter wieder
    aufs Schloss, kurz vor der Geburt eines Knaben. Der Graf ist,
    nachdem er lange Glück aufs glücklichste mit Griselda lebte,
    trübselig u. verstimmt geworden, als er von der Geb Schwanger-
    schaft erfährt. Er will auch nicht für ärztlichen Beistand sorgen,
    er ist auch eifersüchtig auf den Arzt. Dieser glaubt erkannt zu
    haben, dass sich hinter dem brutalen u. herrischen Wesen des
    Grafen nur ein sehr zartes empfindliches Gemüt verberge.
    Der Graf gesteht nun, dass er das Kind hasst, das es ihm die
    Liebe seiner Frau entziehen werde etc. Er hasst das noch unge-
    borene Kind so, heißt es, „als ob er in der andern Welt einen blu-
    tigen Span mit ihm gehabt hätte“. Beim Geburtsakt hat
    er Mordgedanken u. nach der Entbindung verlässt er das
    Schloss, als Griselda nach ihrem zu den Verwandten gebrachten
    Kind fragt. Erst als Griselda in ihre früheren Verhältnisse
    zurückgekehrt ist, die ihn verlassen hat, erwacht wieder die
    Liebe zu ihr u. er söhnt sich mit ihr u. mit seinem Hass ge-
    gen das Kind aus. —


     

        Der Vortragende hält es für unnötig den deutlich unterstri-
    chenen sadistisch-masoch. Charakter der beiden Hauptper-
    sonen näher zu beleuchten. Ihn interessiere nur die

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    Eifersucht und ihre Quellen. Boccaccio hat ja eine ähnliche Se-
    quenz zwischen Mutter u. Tochter angedeutet, wie sie hier zwischen
    Vater u. Sohn vorliegt. Der Graf ahnt hier im Sohn den kommenden —
    den Konkurrenten u. wir können ihm von unserem Stand-
    punkt aus nur recht geben. Die Geburt ist ja tatsächlich ein
    Geschlechtsvorgang, den die Mutter mit dem Kind vollzieht. Aber
    woher mag dem Grafen die Kenntnis dieser Konkurrenzschaft
    gekommen sein? Er ist Neurotiker u. so hat er sie offenbar
    am eigenen Leibe erfahren. Wir müssen seine Abneigung
    gegen vornehme Damen darauf zurückführen, dass er sie mit
    der Mutter identifiziert. Diesen gegenüber ist er impotent, weil sie
    ihm das Bild der Mutter vorgaukeln. Der Dirne gegenüber ist er
    gewalttätig. Er hat die Mutter geliebt u. den Vater gehasst u.
    dieser Hass ist ihm zur Kenntnis gekommen. Im Kinde sieht er
    die Vergeltung des Schicksals dafür hereinbrechen. Das gibt ihm
    das Recht zu seiner Eifersucht. Diese Eifersucht ist so psychol.
    vollkommen gerechtfertigt u. es seien ihm selbst einige solche
    Fälle aus seiner Praxis bekannt.

        Man müsse also den Dichter gegen die missverständlichen An-
    griffe in Schutz nehmen. Der Charakter des Neurotikers auf
    sadist.-masochist. Grundlage sei außerordentlich geschildert.
    Dann sehen wir auch, dass die Eifersucht intime Beziehungen
    zum Sadismus hat. Sie ist, könnte man sagen, ein gegen die
    eigene Person gerichteter Sadismus, der nach Gelegenheiten
    sucht, um die geliebte Person zu quälen. Der sadist. Zug treibt
    die Leute dazu, sich Objekte der Eifersucht zu suchen. Als an-
    dere Wurzel habe die Eifersucht die Projektion der eigenen
    Unzuverlässigkeit auf die andere Person. —

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    Diskussion:

    Prof. Freud, der das Drama erst aus dem Vortrag kennen lernte, möchte
    die uns heute zur Beurteilung vorliegenden Momente in 3 Gruppen
    einteilen: 1. das Thema Hauptmann, 2. Stekel, 3. das Problem.
    ad 1. habe er sich wie heute so schon oft gefragt, woher es komme, dass
    Hauptmann ein so unsympathischer Kerl sei: Trotz aller Bedenken
    gegen dieses neue Drama müsse man zugestehen, dass ein interessantes
    Problem dahinter stecke. Es wäre nun H. Aufgabe gewesen nicht
    uns dieses Problem zu zeigen, sondern es in einer poetischen Darstellung
    vorzuführen, die uns fessele, anregen könnte. Diese Kunst
    aber scheine H. nicht zu besitzen. Die nackte Brutalität, mit der
    er seine Dramen behandle, wirke, ebenso wie in Griselda wieder,
    abstossend. Von poetischen Schönheiten des Dramas habe er
    nichts gemerkt. Der Held sei ein verrückter Hund, der ins
    Irrenhaus gehöre. Da er von H. geschaffen sei, so müsse dem
    Dichter der Vorwurf gemacht werden, dass er es nicht ver-
    steht, psychol. Probleme in der uns ergreifenden Weise vor-
    zuführen. Die Kunst des Dichters besteht nicht darin (wie Bach
    vor wenigen Tagen in einem Feuilleton der Arbeiter Zeitung
    gelegentlich der Elektra Aufführung sehr richtig bemerkte),
    Probleme zu finden u. zu behandeln. Das soll er den Psychologen
    überlassen. Sondern seine Kunst besteht darin, dichterische
    Wirkungen aus solchen Problemen zu gewinnen u. die Er-
    fahrung zeigt, dass diese Probleme, wenn sie solche Wirkungen
    hervorbringen sollen, verkleidet sein müssen u. dass die
    Wirkung nicht darunter leidet, wenn man die Probleme
    nur bloss ahnt u. sich keinem der Leser oder Hörer darüber klar
    werden kann, worin die Wirkung besteht. Die Kunst des Dichters
    besteht also wesentlich in der Verhüllung. Das Unbewusste
    darf aber nicht ohne weiters bewusst gemacht werden; es
    muss allerdings bis zu einem gewissen Grade bewusst sein,
    u. zw. so, dass es noch auf uns wirkt ohne dass wir uns in be-

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    wussten Gedanken damit beschäftigen können. Im Moment, wo
    das möglich ist, hört die Kunst auf. Wir haben wohl das
    Recht ein Dichterwerk zu analysieren aber es ist vom Dichter
    nicht recht unsere Analysen zu poetisieren. Das scheine aber
    ein Zug der Zeit zu sein, die Dichter dilettieren in allen möglichen
    Wissenschaften und bringen dann ihre Kenntnisse zur po-
    etischen Bearbeitung. Das Publikum hat, wenn es diese
    Produkte ablehnt, vollkommen recht. Aber werden wir ihn,
    bestochen durch die psychologische Betrachtungsweise des Problems,
    milder beurteilen.

    ad 2. könne er sich erfreulicher äußern. Die Aufdeckung des
    Themas sei sehr dankenswert u. er habe das Werk gewiss in zu-
    treffender Weise kommentiert, wobei ihm der Umstand unter-
    stützt, dass der Dichter selbst fast alles mit einer aufdring-
    lichen Deutlichkeit unterstreicht. Dr. Sek. hat sich auch
    die weise Zurückhaltung des Erläuterers auferlegt u. auch seine
    Folgerungen sind einwandfrei, wenn er das Werk nicht
    als dichterische Schöpfung sondern als „Fall“ behandle.
    Kleinigkeiten möchte man etwa anders auffassen. Der Graf
    sei nicht impotent gegen die vornehmen Damen, sondern
    er hasse sie, d.h. er kann seiner Mutter nicht verzeihen, dass
    sie den Vater ihm vorgezogen habe.

    ad 3. Was das Problem selbst betrifft, müsse man H. den Vor-
    wurf machen, dass er zwei Probleme, die nichts mit ein-
    ander zu tun hätten, verschmolzen habe: zwischen dem Thema
    der Eifersucht auf den Sohn und dem Thema der sadistischen
    Ehe besteht keine rechte innere Beziehung. Zu den Aufgaben
    des Dichters gehöre es auch, uns die Einfühlung in seine Helden
    zu erleichtern, nicht aber den Menschen so abstossend zu zeichnen,
    dass wir kein Interesse an seinem Schicksal nehmen können.
    Diese Problemverschmelzung, aus dem auch zwei Versöhnungen ent-

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    sprechen, sei dichterisch sehr unzweckmässig. Der Schluss sei
    bes. misslungen u. inkonsequent, da das Problem der Eifer-
    sucht zwischen Vater u. Kind unlösbar sei. —

        Hinzufügen wäre auch noch, dass die Geburt des Knaben eine
    Heldengeburt sei (Mythus von der Geburt des Helden), der ganze
    ruhe auf der Voraussetzung der Feindseligkeit des Vaters gegen ihn.
    Man sehe hier deutlich wie organisch berechtigt diese Annahme sei
    u. wie der Vater dem Sohn recht gibt darin. —

        Die orientalische Eifersucht auf den Arzt sei hier ganz depla-
    ciert u. wirke darum toll.

        Die Doppelauffassung des Helden einerseits als männlichsten
    Mann, als Sadisten, anderseits als zartfühlenden Schwächling, mache
    uns ihn unverständlich. Solche komplizierte Charaktere dar-
    zustellen ist Sache einer Krankengeschichte. Der Theater-
    mensch müsse eine einfache Charakterbildung mitbringen u.
    der Dichter müsse es verstehen, so hochkomplizierte seelische
    Vorgänge zu simplifizieren. —

    Stekel hält es für überflüssig H. als Dichter zu verteidigen. Wenn
    man es nach dem patholog. Gerippe nicht beurteilen könne, sei
    selbstverständlich. — Auch die Verquickung von zwei Problemen
    könne man ihm nicht vorwerfen.

        Hauptmann kam auf diesen Stoff, weil er der zarte sensible
    Mensch ist, den er in Grafen darstellen konnte. Häufig spiele
    in seinen Werken die Flucht in die Einsamkeit eine Rolle.
    Berechtigt sei der Vorwurf, dass die Sache nicht verhüllter
    gemacht sei. —

    Adler bestätigt, dass das Stück einen kolossalen Eindruck mache,
    auch in poetischer Beziehung, vor allem aber wohl darum, weil es tiefe
    allgemein-menschliche Probleme enthält. Das wichtigste dieser
    Probleme sei die Eifersucht.

        An Hauptmann sehe man deutlich, wie die Neurose nicht

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    Bedingung sondern Störung der dichterischen Schaffenskraft
    sei. H. kämpfe mit schweren unbewussten Hemmungen, einen
    Kampf, der sich in fast allen seinen Werken, besonders in den
    Familiendramen verrät (Michael Kramer, Friedensfest, Einsame Men-
    schen).

        Aus seinem Privatleben sei ihm bekannt, dass H. seine erste
    Frau, die mit abgöttischer Liebe an ihm hing, verlassen hat,
    u. zw. so dass ihre 4 Söhne bei ihm bleiben mussten u. sie
    dieselben auch nicht einmal sehen durfte. Man könne nichts
    Grausameres gegen eine Frau tun. Auf seine zweite Frau war
    er so wahnsinnig eifersüchtig, dass er ihr — sie ist Violinvir-
    tuosin — nie erlaubt hat öffentlich aufzutreten. Sie müsse
    immer um ihn sein, ja er weckt sie oft bei Nacht, damit sie
    ihm einen Einfall notiere. Für seine Sucht nach der Ein-
    samkeit spreche der Umstand, dass er sich 8 Landhäuser
    an verschiedenen Orten erbaut habe, wo er abgeschlossen
    u. ungestört arbeiten kann. —

        Aus der Bemerkung dem Arzt gegenüber, es sei keine freie
    Kunst, liesse sich schliessen, dass er eine Ahnung von den
    Freudschen Lehren habe.

        Im Stücke handle es sich um den reinen Inzestwunsch u. der
    könne wohl mit dem Problem der Eifersucht zusammen-
    hängen. Er hasst nicht die Frau auf die er sich verlassen
    kann u. da er sieht, wie sie sich gegen alle wehrt ist sie
    gerade die rechte. Griselda selbst ist keine „Sadistin“ son-
    dern sie wehrt sich nur, wie jedes Weib, gegen den Mann u.
    gibt diese Abwehr auf sobald sie ihren Herrn gefunden hat.
    Ein als pervers zu deutender Sadismus kann bei Griselda nicht
    gefunden werden. — Der blosse Sexualsadist kann daneben
    ein sehr empfindlicher Mensch sein.

        Den von Stekel supponierten homosexuellen Zug möchte er bestreiten.

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    Ebenso die Stekelsche Definition der Eifersucht. Die Eifersucht sei
    zuletzt eigentlich nur elementare Angst um das Weib.

    Hitschmann meint, man müsse das Problem des keine Kinder
    wollens auch heranziehen, einem Wunsch, dem man nicht
    selten begegne auch abgesehen von materiellen Interessen.
    Das im Liebesverkehr nicht gestört sein wollen, spiele dabei
    gewiss eine grosse Rolle u. vielleicht könne man sich die Psycho-
    logie des Grafen Ulrich auch so zurechtlegen. Diese Störung des
    Liebesverkehrs im Verein mit der dadurch bewirkten Abkühlung
    haben ihn vielleicht in die akute Psychose hineingetrieben
    u. es sei begreiflich, dass er beim Wegfall dieser Schwierigkeiten
    genese. Die Eifersucht wäre dann wirklich nur eine Art Angst
    ums Weib.

        Man müsse sagen, dass H. wirklich nicht alle Stücke geglückt
    sind. Am tiefsten stehen noch diese rein poetischen, ohne die
    subtilen Probleme wie Hannele u. a.

        Seine Frau in zweiter Ehe soll die Schwester oder Schwägerin der
    ersten sein. —

    Rank vertritt, ganz abgesehen von den dichterischen Qualitäten H.,
    sein Recht auf psycholog. Beurteilung. Es zeige uns ein
    Blick auf die Werke H. u. bes. auf das letzte, dass er, nicht
    wie Stekel meint, der zartfühlende Mensch sei, sondern
    seinem innersten vermutlich verdrängten Wesen nach,
    ein grausamer, gewalttätiger, sadistischer Charakter. Im
    Leben, rein äusserlich, dürfte er wie schon sein Bild zeigt,
    ein schwächliches, weibliches, weiches mitleidiges Wesen
    zeigen. Die robusten gewalttätigen Kerle, die er immer
    in seinen Dramen zeichnet (Moritz Jäger, der Florian Geyer,
    Fuhrmann Henschel, den ersten Vergewaltiger der Rosa Bernd, welches
    Stück übrigens ebenfalls mit einer Vergewaltigung beginnt wie
    Griselda) sind als Menschen, wie er sich selbst wünscht, wie

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    er selbst sein möchte u. seiner inneren Natur nach sein könne.
    Diesen Gewaltmenschen steht einerseits eine Gruppe von kindischen
    unterwürfigen jungen Mädchen gegenüber (im Florian Geyer, im
    armen Heinrich u. a.), das Käthchen v. Heilbronn-Problem; ander-
    seits eine Gruppe von robusten Gewaltweibern (Hanne Schäl,
    Rose Bernd u. a.); diesen beiden Weibertypen sind in Griselda
    vereinigt.
        Im Griselda-Problem habe ihn nur das sadistisch-masoch.
    Thema gereizt wie auch bei vielen seiner andern Themen (Armer
    Heinrich etc.). Er wollte es nur psychologisch erklären, was ihm
    glückte, was aber nicht Aufgabe des Dichters sein sein kann
    u. darum auch missglückte. Das Thema der Kindesabnahme
    fand er neben dem des Sadismus in der Überlieferung vor u.
    möchte auch diesen Zug psycholog. ganz einwandfrei aus
    der Eifersucht auf das Kind zu erklären. — Auffällig ist
    dabei, dass Hptm. Interesse für den Geburtsakt ein rein
    sadistisches zu sein scheint, wie schon sein erstes Werk (Vor +
    Sonnenaufgang) verrät; ferner die tierische Geburt der Rose
    Bernd u. a. m. Dieser Zusammenhang der Eifersucht, bes.
    auf das Kind, mit dem Sadismus scheine doch tiefer begründet
    zu sein, denn er finde sich auch bei Hebbel, der auf seinen
    ausserehelichen Sohn Max furchtbar eifersüchtig war. —
        In der Frage der modernen Dichtkunst könne er sich den
    Ausführungen des Herrn Professors nur anschliessen; er habe
    schon im „Künstler“ angedeutet, dass mit dem Be-
    wusstmachen des Unbewussten die Kunst aufhöre zu existieren.
    Das sei aber nicht etwa ein Zeichen der mangelnden dichtbe-
    rischen Befähigung H. sondern ein notwendiges Entwicklungs-
    zeichen der Zeit, die den Verfall der Kunst unter dem
    Fortschreiten des Bewusstseins dokumentiere (Hofmanns-
    thal, Wedekind u. a.). Der Dichter wird mit seinen persönlichen Kon-
    flikten nur fertig, wenn er sie sich so weit als möglich be-

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    wusst mache, dann ist er aber nicht imstande sie allgemein —
    menschlich aufzulösen, sie bleiben zu subjektiv u. es ist be-
    greiflich, dass sie das Publikum ablehnen muss. —
    Sadger meint es fehle H. an Grösse, Charakter u. Gesundheit.
        Auch Hebbel u. Kleist waren beispielsweise stark krankhafte
        Persönlichkeiten aber sie haben daneben doch Grösse bewahrt.
        Trotzdem sie alle ihre Konflikte in ihre Werke hereinge-
        bracht haben, standen sie doch über ihren unbewussten
        Mächten. H. hat keinen grossen Charakter gezeichnet sondern
        lauter schwache Menschen. Trotzdem zeige jedes seiner Dramen
        einen echten Dichter. Er habe nicht vermocht, sich das Ubw.
        herunterzuschreiben um dann von der Neurose geläutert
        dazustehen. Er wird immer von seinem Ubw. beherrscht über
        das er sich nicht zu erheben vermag.
            Den homosex. Zug am Grafen möchte er auch bestreiten. Stekel
        hatte die Wandlung in der Griselda mehr ausführen sollen u.
        die Vorliebe des Helden für das starke Weib erklären sollen.
    Steiner ist der Überzeugung, H. sei der Beweis dafür, dass ein
        Neurotiker sich nicht zum grossen Dichter eigne. Alles an-
        dere mache eher die Neurose den Dichter. Dem Neurotiker
        fehle vor allem die Einheitlichkeit u. so sei es vor allem be-
        greiflich, dass man sich in ihm nicht auskenne.
    Prof. Freud erwidert noch auf einige Versuche, Hauptmann zu
        verteidigen indem man ihm als Neurotiker hinstelle,
        dass man ihn damit eigentlich preisgegeben habe. Er schil-
        dere immer nur sich und niemals das Problem. — Die richtige
        Schätzung finde man nur, wenn man H. mit Ibsen vergleiche.
        Ibsen ist sicher nicht die abnormere Persönlichkeit von
        beiden. Ibsen, mit seiner Geschlossenheit, Einheit, Vereinfachung
        der Probleme, mit seiner Kunst der Konzentration u. des Ver-
        deckens sei ein grosser Dichter, während H. der Neurotiker sei,
        der sich selbst darstellt. —

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    Zugeben könne er nur, dass die beiden Probleme der Eifersucht
    u. des Sadismus nicht bloss äusserlich zusammenhängend seien.
    Es machen aber hier die Komplikationen den Zusammen-
    hang undurchsichtig. An die Auffassung des Grafen als ganzen
    grossen Sadisten schliesse sich die Eifersucht gut an. Aber
    dieser als Sadist markierte Schwächling dürfte der Dichter selbst sein.
    Das für ein Zeichen des Niedergangs der Kunst zu halten liege kein
    Grund vor. Ibsen habe uns erst vor wenigen Jahren den
    Gipfel der modernen Kunst gezeigt. Das sei eine verein-
    zelte Erscheinung über die die Entwicklung bald hinwegge-
    kommen sein werde.



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