Rank, Otto (1911-429/1911.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Klages ›Zur Psychologie der Handschrift‹
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Der Vortragende geht von der Tatsache aus,dass sich manche Per-
sonen mit ihrer Schrift dem zur VVerfügung stehenden Raume anpassen,
andere nicht.Schliessen wir,dass diese unwillkürliche Anpassung
auch in anderen Lebenslagen platzgreifen wird,so habebn wir aus der
Handschrift einen Schluss auf den Charakter gezogen und dabei das
physiognomische Verfahren angewendet.Denn die Psychologie der
Handschrift ist nur ein Teil der Physiognomik der Funktion der Or-
gane(die andere Gruppe,die Physiognomik der Organe bleibt hier ganz
beiseite),für die folgendes allgemeine Schema gilt.Wir nehmen an,
dass es Bewegungen gibt,die aus einem Willensakt hervorgehen ;hinter
dem Willensakt können wir uns aber nur denken eine Persönlichkeit
im Zustande des Wollens und dann stammt die Bewegung direkt aus der
Persönlichkeit.Wären wir auf das Wie der Bewegung zu achten gewohnt,
so wäre es uns möglich aus jeder willkürlichen Bewegung das Wesen
der Persönlichkeit abzulesen.Die Handschrift bildet darum den un-
zweifelhaftesten Angriffspunkt der Bewegungsdiagnostik,weil sie uns
die flüchtige Bewegung aufbewahrt.Wir können die Handschrift des-
kriptiv genau erfassen;von quantitativen Schrifteigenschaften kom-
men in Betracht: Grösse,Eile,Nachdruck.-Das Hauptgesetz der Beziehungen zwischen der Person und der H
Handschrift ist das Gesetz der Abhängigkeit aller Bewegungen von
der Psyche.Das erste dieser Gesetzte fand Piderit(Mimik und Physiog-
nomik,1865);es lautete: Zu jeder inneren Tätigkeit gehört die ihr ana-
loge Bewegung,zu jeder Tätigkeitsdisposition die ihr analoge Bewe-
gungstendenz.In unserem Gebrauch des Wortes Gemütsbewegung(für Affek
liegt der Beweis für diesen Satz.Erläutert wird das Gesetz am
Affekt des Zornes und hierauf die Anwendung auf die Schreibbewegung
gemacht.Es werden die affektiven Charaktere den nichtaffektiven
gegenübergestellt und nach dem Gesetz den affektiven Charakteren
eine ungleichmässige Schrift zugesprochen.Von den affektiven Charak-
teren werden zwei Typen unterschieden: die expansiven und die depres-
siven.Die ersten haben eine ausgiebige,eilige,wuchtige Schrift,die
durch gewisse Eigentümlichkeiten gekennzeichnet ist.Das zweite Gesetz,das erst auf Grund der Analyse der Schrift
gefunden wurde,lautet: Das gesamte Ausdrucksleben wird bestimmt durch
das Bild,das der Mensch unbewusst von dem jeweiligen Ausdruck erwar-S.
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tet.Unser individueller Raumsinn wirkt unbewusst modelnd auf un-
sere Schreibbewegung ein.Der Vortragende bespricht anschliessend
daran die Funktion der Zwischenräume (Klammer,Unterstreichungen)
zur Markierung der begrifflichen und lautlichen Einheit und ihre
verschiedene Ausprägung verschieden veranlagten Charakteren.Schliesslich unternimmt der Votr.einen Haupteinwand vorweg-
zunehmen und zu widerlegen.Der häufig vorgebrachte Einwand,dass
man sich das alles willkürlich angewöhnen könne,trifft nicht die
Sache,um die es sich hier handelt.Wir können mit unseren Methoden
das Erworbene von dem Ursprünglichen unterscheiden und so das will
kürlich Erworbene von einer andern Seite her unseren diagnostischen
Zwecken dienstbar machen.*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*
D I S K U S S I O N.Tausk bemerkt,der zweite Teil des Vortrags habenkaum etwas anderes
gesagt,als was wir in der Psychoanalyse gelernt haben: nämlich,das
Unbewusste drückt sich aus und es findet jedes Mittel dazu gut ge-
nug.Die vorgetragenen Prinzipien sind sicher anwendbar und aufklä-
rend.Es wäre nur zu wünschen gewesen,dass sich der Vortragende vor-
her mit der Psychoanalyse vertraut gemacht und sich mit uns über
den Ausdruck des Unbewussten geeinigt hätte;er hätte uns dann mehr
von den methodologischen Details,die sehr wertvoll und interessant
seien,mitteilen können.DR.Klages erwidert,es sei gar nicht in seiner Absicht gelegen ge-
wesen,vom Standpunkt der Psychoanalyse aus das uns Interessieren-
de zu besprechen,sondern er wollte lediglich eine Einführung in
die Handschriftendiagnostik geben.Dass eine Verwandtschaft der
Interessen-und Forschungsrichtung vorliegt habe ihn zu dem Vortrag
bestimmt.Sachs findet es schwer einen inhaltlich und formell so abgeschlos-
senen Vortrag zu kritisieren;es müsse dabei Notwendig eine Unge-
rechtigkeit mit unterlaufen,da er nicht für Psychonanlytiker be-
stimmt,aber von ihnen kritisiert werden soll.Die weitestgehende
Uebereinstimmung mit der Psychoanalyse sei darin zu finden,dass
für den Vortr.alle psychischen Ausserungen determiniert seien.
Allerdings fassen wir das Unbewusste nicht in dem Sinne auf,wieS.
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es der Vortr.tut.Wir nehem das Ub/dynamisch als das Verdrängte,
während der Vortr.alles,was sich der momentanen Erkenntnis entzieht
dazu rechnet.Ferner sieht er in der Persönlichkeit des Menschen,
die unsimetwas fortwährend Wechselndes zerfällt,etwasFestesund
Einheitliches.Die Resultate,zu denen er komme,werden wohl auch in
unserem Sinne verwertbar sein.Besonders interessieren würde uns
das Kapitel der Familienschrift;die Aenderungen in der Pubertät und
die Angleichungen an die Verwandten.Klages gibt den Unterschied in der Auffassung des Unbewussten zu,
hebt jedoch als wichtiger hervor,dass wir von Bewusstseinstatsachen
er jedoch von Ausdruckstatsachen ausgehen und dass wir beide Dahin-
ter etwas anderes suchen.-Was die Differenz in bezug auf die Per-
sönlichkeit anbelange,so müssen auch wir zu der Persönlichkit in
seinem Sinne kommen,die nicht anderes als den Begriff der Anlage
involviere.Reitler konstatiert,dass wir nicht nur von Bewusstseinstatsachen
sondern auch von Symptomen ausgehen in der Psychopathologie des
Alltagslebens.Die Ausführungen des Vortragenden erschienen wie eine
spezielle Anwendung der dort verwendeten Gesichtspunkte.,und manches
was der Vortr.als Ausdruck der Schrift fasste hat die grösste Aehn-
lichkeitmit unseren Fehlleistungen.Klages sieht in diesen Ausführungen ein völliges Verkennen seiner
Absichten,die von der gegenteiligen Auffassung ausgehen.Dem Ver-
sprechen entspreche das Verschreiben aber nicht die individuelle Ge-
staltung der Schrift.Wo wir vom Ausdruck aus gehen,gehört das zum patho
logischen Teil der Ausdruckslehre.-Es gibt Fälle,wo jemand bis zur
Pubertät odernachherso schreibt wie sein Vater oder seine Mutter;
das zeigt,dass irgend eine psychische Beziehung bestand,die dann
stabil wurde. -Das "ALLtagsleben "kenne er nicht.Sadger betont,dass der Hinweis auf das Psychopathologische im All-
tagsleben irreführen könnte.Das Schreiben liesse sich sehr wohl als
eine Symptomhandlung auffassen.Die Wandlungen der Schrift zur Puber-
tätszeit treten sehr häufig ein,meistens in Form der auffälligen
Linksschrift,was wie der Vortr.ausführte,eine revolutionäre Aufleh-
nung andeutet.Es wäre sehr wertvoll,wenn wir auf diese Weise Be-S.
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stätigungen unserer auf andere Weise gewonnenen Ansichten
eberhalten
könnten.So wäre es interessant zu erfahren,wie der Autoerotismus
sich in der Schrift ausdrückt.Klages bestätigt die Ausführungen über die Pubertätsänderungen,fasst
jedoch die sexuellen Tatsachen(Autoerotismus)auch nur als Symptome
des Charakters,der in einer tieferen Schichte liegt.Die puerile
Schrift von Sadgers Autoerotiker sei ein häufiger Fall,der Autoero-
tismus dabei negativ zu deuten.Stekel hat sich seit vielen Jahren damit beschäftigt,
alsder Schrift
gewisse sexuelle Eigentümlichkeiten herauszulesen.Trotzdem habe er
die die Graphologie in seine Arbeitsmethoden nicht aufgenommen,weil
sie uns wenig sage.Was der Vortr.unter dem Charakter verstehe,sei
für uns ein Produkt aus Trieb und Hemmung .Darin seien wir einig
mit dem Vortr.dass sich das Geheime in jeder Handlung ausdrücken
müsse.-Die Schrift eines Analysierten ändert sich in der Behandlung;
die meisten Neurotiker haben eine kindliche Schrift,weil sie infan-
til sind.Den verdrängten Charakter,der sich ja auch in der Schrift
ausdrückt,den kann die Graphologie nicht ermitteln.-Schliesslich
versucht Redner eine Analyse des Vortr.auf Grund seiner Schrift.Klages bekennt sich darauf zu einem prinzipiell vollkommen verschie-
denem Boden,indem er der Hoffnung Ausdruck gibt,dass diese Deutungen
nicht das Wesen der Psychoanalyse widerspiegeln/-Die Triebe sind nur
ein Teil dessen,was er Persönlichkeit nennt.Redner gibt nun eine
Kritik der Schriftdeutung Stekels,die vom graphologischen Standpunkt
vollkommen falsch sei.Bei den behandelten Neurotiker,die er bisher
sah,konnte er nicht nur die Schriftidentität,sondernauch die Charak-
teridentität konsttieren.Rosenstein macht einige prinzipielle bemerkungen,die alle zugunsten
des Vortragenden lauten;denn z.T.handelt es sich um Misverständnisse
Z/T.um eine Befangenheit in gewissen psa.Gesichtspunkten,aus der he-
raus die Gegensätze schärfer dargestellt wurden als sie wirkliche
sind.So wird man zugebn müssen,dass es gewisse Anlagen gibt,die nicht
weiter aufzulösen sind.Und bevor man sich der Untersuchung der psy-
chischen Inhalte zuwendet,muss man sich erst mit den psychischen Tä-
tigkeiten beschäftigen(Otto Gross).S.
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Klages findet eine besondere Schwierigkeit der Diskussion darin,
dass man nach Gemeinsamkeiten und Abweichungen sucht.Er präzisiert
dann seinen Begriff der Anlage und betont,dass nur darüber Meinungs-
verschiedenheiten bestehen,welches die zentralen und äusseren Schich-
ten derselben sind.Prof.Freud gedenkt nur ein paar Bemerkungen zu machen,die vielleicht
die gegensätze mildern könnten.Es sei von den Psychoanalytikern,die
offenbar nichts neues annehmen können,nicht Recht,dass sie vom Vortr
ihre eigene Sprache zu hören gewünscht haben;anderseits sei es nicht
Recht von Stekel gewesen,die Deutungen zu geben,die nicht alle für
einwandfrei halten.Die Bedeutung der Graphologie hängt nach dem Urteil des Redners
davon ab,ob die Handschrift als Ausdrucksbewegung der Ausfluss der
ganzen Persönlichkeit oder nur eines Teiles derselben ist.Dann wel-
che Teile das sind und dann ob es bei verschiedenen Personen immmer
die nämlichen Bezirke des Seelenlebens sind.Die Entscheidung darüber
könne nur gefällt werden,nachdem man von den Resultaten der Grapholo-
logie Kenntnis genommen habe.Einzelne Mitteilungen bieten interessante Analogien zu Psychi-
atrischem.So die gewollte und die ungewollte Handschrift zu den
originären und sekundären(unechten,affektierten)Objektbesetzungen
der Normalen und Hysterischen und auf der andern Seite der Dementia
praecox.Solche Analogien könnten sich noch an vielen anderen Stel-
len ergeben.Das Studium der Graphologie gibt uns wichtige Anhalts-
punkte auch für jenen Teil,den wir nicht bearbeiten können.*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*o*