[Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Eine Krankengeschichte 1918-004/1915.01

Rank, Otto (1918-004/1915.01): [Diskussionsbemerkungen Freuds zu:] Eine Krankengeschichte

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am 17.März 1915

Prof.Freud: Eine Krankengeschichte. Diskussion.

Hitschmann wirft die Frage auf, wieso die Neurose entsteht, wenn diese Ur-
phantasien allgemein sind?
Prof.Freud bemerkt, dass sich eben gegen diese typische unerträglich ge-
wordene Phantasie die Verdrängung richtet.
Nunberg meint, wenn der Mensch auf diese typischen Phantasien nicht rea-
giert, sondern sie fort bestehen lässt, könnte es zur Dementia pr.kommen.
Prof.Freud glaubt, dass in Der Dem.pr. diese bisher verdrängten typischen
Phantasien wieder hervortreten; vorher kann der Mensch darauf reagiert
haben wie der Neurotiker.
Tausk hat Bedenken, eine so komplexe Phantasie  als etwas Ererbtes anzu-
sehen. Es genüge die Annahme einer Vererbung der menschlichen Reaktiopfä-
higkeiten; nebst diesen sei das menschliche Milieu und seien die Triebe
gegeben. Aus diesen Faktoren und der Mechanik der Psyche müssen notwendig
diese gleichmässigen Phantasien folgen. Man kann mit dem Verständnis die-
ser Phantasien in der Ontogenese bleiben. So erlebt z.B. der Knabe die Kas-
trationsdrohung (Verbot und Lust) schon ander Analzone; den Koitus der El-
tern errät das Kind schon auf einer sehr frühen Stufe gefühlsmässig und
ähnlich verhält es sich auch mit dem ontogenetischen Ursprung der anderen
Urphantasien. – Den Unterschied zwischen Phantasie und Erlebnis in der
Bedeutung für die Neurose möchte Redner darin erblicken, dass das trauma-
tische Erlebnis Anlass zu anderen Bildungen gibt (z.B. scheine die melan-
cholische Verstimmung auf Erlebnis und nicht auf Phantasie zurückzugehen).
Federn wendet sich – ebenso wie Hitschmann – gegen den Standpunkt von
Tausk, der den Instinkt für genügend ansehe, um dem Kind eine Ahnung zu ge-
ben, aber nicht erkläre, warum diese immer auf ein und dasselbe gehe. Die
Heredität sei oft bis zu einem erstaunlichen Grade spezialisieert. – (Bei
der Mutterleibsphantasie  sei vielleicht auch ein Anteil von Kannibalis-
mus wirksam). – Auch sei bemerkenswert, dass bei einem Traum aus dem 4. Le-
bensjahre bereits die ganze Umkehrungstechnik verwendet wird und dass
in der Geschichte die menschliche Kehrseite eine grosse Rolle spiele.
In der Frage, ob das Kind wirklich den Sexualverkehr (a posteriori) als Kas-
tration deuten müsse, ist Redener nicht überzeugt; früher hätte der sexuel-
le Eindruck allein genügt, um Angst zu erzeugen.
Friedjung meint, dass man  sich gegen eine These von solcher Bedeutung so
lange sträube, als noch eine andere Erklärung möglich sei. Dies scheine ihm
nur bei der Mutterleibsphantasie nicht der Fall, während er bei den ande-
rantasien nicht überzeugt sei. Speziell die Verführungsphantasie sei durch
ontogenetische Erlebnisse allein sehr wohl möglich.
Rank weist darauf hin, welche Stütze die Freudsche Auffassung von den Ur-
phantasien in der psychologischen Betrachtung der Mythenbildung finde u
gibt ein Beispiel für eine beim Pat. bedeutungsvolle Liebesbedingung
(beim Wäschewaschen). Die ontogenetische Erklärung, wie sie von Tausk vor-
gebracht wurde, erkläre nur den Mechanismus der Phantasiebildung, wie wir
ihn immer verstanden haben, aber nicht gerade das, worauf es hier ankommt:
die Herkunft des wesentlichen Inhalts, der immer konstant bleibt.
  Prof.Freud meint, dass Tausk, obwohl er unseren bisherigen psychoanalyt.
Standpunkt vertrete, doch schon für eine verlorene Sache kämpfe, denn auf
dem Gebiete der Symbolik sei die Entscheidung längst im Sinne der Urphan-
tasien gefallen. Dass die Phantasien aber als solche, als Komplexe vererbt
werden, habe er nie vertreten wollen. Wie Rank bereits gegen Tausk bemerkt
hat ist der Inhalt des Kastrationskomplexes aus der Analerotik nicht zu
erklären. – Im allgemeinen kann man sagen, dass die Phantasie mehr Bed eu-
tung für die Entstehung der Neurose (auch der Melancholie) habe, als das
Erlebnis. – Die Bedeutung der Kastrationsangst ist gegen Federns Bedenken
dadurch zu stützen, dass das Kind zwischen der Tierbeobachtung (Koitus) und
dem Traum das weibliche Genitale entdeckt.
Sachs sucht Tausks Einwendungen durch den Hinweis zu entkräften, dass eben
zur Bildung der Urphant. der Trieb und die Erlebnispuren nicht hinreichen.
Federn meint es spreche für die phantastische Natur der Urszene, dass das
Verhalten des Ichs und nicht der Eindruck selbst im Traum geschildert ist.
Jekels erinnert an das von ihm (nach Rank) geltend gemachte Kriterium, ob
Pat. versuchte, das im späteren Leben zu realisieren oder nicht-

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