Vorwort des Uebersetzers 1886-061/1886

Freud, Sigmund (1886-061/1886): Vorwort des Uebersetzers

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    Vorwort des Uebersetzers.

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         Ein Unternehmen wie das vorliegende, welches bezweckt,
    den Lehren eines klinischen Meisters Eingang in weitere ärzt-
    liche Kreise zu verschaffen, wird wohl keiner Rechtfertigung
    bedürfen. Ich gedenke daher nur wenige Worte über die Ent-
    stehung dieser Uebersetzung sowie über den Inhalt der darin
    wiedergegebenen Vorlesungen zu sagen.

         Als ich im Winter 1885 zu fast halbjährigem Aufenthalte
    nach der Salpêtrière kam, fand ich, dass der — mit 60 Jahren in
    voller Jugendfrische arbeitende — Prof. Charcot sich von dem
    Studium der in organischen Veränderungen begründeten Nerven-
    krankheiten abgewendet habe, um sich ausschliesslich der Er-
    forschung der Neurosen — und zwar besonders der Hysterie —
    zu widmen. Diese Wandlung hatte an die in der Eröffnungs-
    vorlesung dieses Buches geschilderten Veränderungen an-
    geknüpft, welche im Jahre 1882 in den Arbeits- und Lehr-
    bedingungen Charcot’s eingetreten waren.

         Nachdem ich das anfängliche Befremden über die Er-
    gebnisse der neueren Untersuchungen Charcot’s überwunden
    und die hohe Bedeutung derselben würdigen gelernt hatte, bat
    ich Herrn Prof. Charcot um die Erlaubniss, die Vorlesungen,
    in welchen diese neuen Lehren enthalten sind, in’s Deutsche
    zu übertragen. Ich habe ihm an dieser Stelle nicht nur für die
    Bereitwilligkeit zu danken, mit welcher er mir diese Erlaubniss
    ertheilte, sondern auch für seine weitere Unterstützung, durch
    die es möglich wurde, die deutsche Ausgabe sogar mehrere
    Monate vor der französischen der Öffentlichkeit zu übergeben.

  • S.

    Eine kleine Anzahl von Anmerkungen — zumeist Nachträge zu
    der Geschichte der im Texte behandelten Kranken — habe ich
    im Auftrage des Verfassers hinzugefügt.

         Den Kern des Buches bilden die meisterhaften und
    grundlegenden Vorlesungen über Hysterie, von denen man mit
    dem Verfasser die Herbeiführung einer neuen Epoche in der
    Würdigung der wenig bekannten und dafür arg verleumdeten
    Neurose erwarten darf. Ich habe daher im Einverständnisse
    mit Prof. Charcot den Titel des im Französischen als „Leçons
    sur les maladies du système nerveux. Tome troisième“ be-
    zeichneten Buches verändert, und die Hysterie unter den darin
    behandelten Gegenständen hervorgehoben.

         Wen diese Vorlesungen zu weiterem Eingehen auf die
    Forschungen der französischen Schule über Hysterie anregen,
    den darf ich auf das 1885 in zweiter Auflage erschienene, in
    mehr als einer Hinsicht bemerkenswerthe Buch von P. Richer,
    „Études cliniques sur la grande hystérie“, verweisen.

         Wien, 18. Juli 1886.