S.
1936
PROF. DR. FREUD
WIEN IX., BERGGASSE 19Am 5ten Februar dieses Jahres starb
eines sanften Todes in ihrem Häus=
chen in Göttingen Frau Lou Andreas=
Salomé, nahezu 76 Jahre alt. Die
letzten 25 Lebensjahre dieser außer=
ordentlichen Frau gehörten der
Psychoanalyse an, zu der sie wert=
volle[?]wissenschaftliche Arbeiten beitrug und die sie auch
praktisch ausübte. Ich sage nicht zu viel,
wenn ich bekenne, daß wir es alle
als eine Ehre empfanden, als sie in
die Reihen unserer Mitarbeiter und
Mitkämpfer eintrat, und gleichzeitig
als eine neue Gewähr für den
Wahrheitsgehalt der analytischen
Lehren.
Man wußte von ihr, daß sie als junges
Mädchen eine intensive Freundschaft
mit Fr. Nietzsche unterhalten hatte,
gegründet auf ihr tiefes Verständnis
für die kühnen Ideen des Philosophen.
Dies Verhältnis fand ein plötzliches
Ende, als sie den Heiratsantrag ab=
lehnte, den er ihr gemacht hatte. Aus
späteren Jahrzehnten wurde bekannt,
daß sie dem großen, im Leben
ziemlich hilflosen Dichter Rainer
Maria Rilke zugleich Muse und
sorgsame Mutter gewesen war.
Aber sonst blieb ihre Persönlichkeit
im Dunkel. Sie war von unge=
wöhnlicher Bescheidenheit und Dis=
kretion.S.
Von ihren eigenen poetischen und literarischen
Produktionen sprach sie nie. Sieschien
wußte offenbar, wo die wirklichen Lebens=
werte zu suchen sind. Wer ihr näher kam,
bekam den stärksten Eindruck von der Echt=
heit und der Harmonie ihres Wesens
und konnte zu seinem Erstaunen
feststellen, daß ihr alle weiblichen,
vielleicht die meisten menschlichen
Schwächen fremdwarenoder im Lauf
des Lebens von ihr überwunden worden
waren.
In Wien hatte sich dereinst das ergreifendste
Stück ihres weiblichen Schicksals abgespielt.
1912 kam sie nach Wien zurück, um sich
in die Psychoanalyse einführen zu
lassen. Meine Tochter, die mit ihr ver=
traut war, hat sie bedauern gehört,
daß sie die Psychoanalyse nicht in ihrer
Jugend kennen gelernt hatte. Freilich
gab es damals noch keine.Sigm. Freud
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[Lou Andreas-Salomé †]
1937-051/1937.01
1937-051/1937.01