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Eine erfüllte Traumahnung.
Frau B., eine ausgezeichnete, auch kritische Person erzählt in anderem
Zusam̄enhange, keineswegs tendenziös, dass sie einmal vor Jahren
geträumt, sie treffe ihren früheren Hausarzt u Freund, Dr Kapper
in der Kärntnerstrasse vor dem Laden von Hies. Am nächsten Vor-
mittag geht sie durch diese Straße u trifft die bezeichnete Person
wirklich an der geträumten Stelle. Soweit das Argument.Ich bemerke noch, dass dieses wunderbare Zusam̄entreffen seine
Bedeutung durch kein nachfolgendes Ereigniß erwies, also aus
dem Zukünftigen nicht zu rechtfertigen ist.Zur Analyse dient das Examen, welches feststellt, daß der Beweis nicht
zu führen ist, sie hätte diesen Traum am Morgen nach der Traumnacht
überhpt vor dem Spaziergang erin̄ert. Ein solcher Beweis wäre die
Niederschrift oder Mittheilg des Traumes vor seiner Erfüllung
gewesen. Die Dame muß sich vielmehr ohne Einwendung folgende
Darstellung des Sachverhaltes gefallen lassen, die mir die wahr-
scheinlichere ist: Sie ist eines Vormittags in der K.straße spazieren
gegangen und hat vor dem Laden von Hies ihren alten Hausarzt
begegnet. Als sie ihn sah, bekam sie die Überzeugg, sie habe die
letzte Nacht von eben diesem Zusam̄entreffen an der nämlichen
Stelle geträumt. Nach den für die Deutung neurotischer Symptome
geltenden Regeln muß diese Überzeugg eine berechtigte sein.
Der Inhalt derselben darf eine Umdeutung erleiden.Die Vergangenheit der Frau B. enthält folgende Geschichte, zu der Dr
Kapper in Beziehung steht. Sie wurde jung, ohne volle Einwilligg an
einen älteren aber vermögenden Mann verheiratet, der einige
Jahre nachher sein Vermögen verlor, an Tbc erkrankte u starb.
Die junge Frau erhielt sich und den Kranken mehrere Jahre lang
durch Musikunterricht. Sie fand Freunde im Unglück; einer derselben
war der Hausarzt Dr Kapper, der dem Man̄ seine Pflege widmete
u ihr den Weg zu den ersten Lektionen ebnete. Ein anderer war
ein Advokat, auch ein Dr K., der die desolaten Verhältniße des ruinirten
Kaufmannes in Ordnung brachte, dabei aber um die Liebe der
jungen Frau sich bewarb und auch – zum ersten u einzigen Mal –
die Leidenschaft in ihr entflam̄te. Aus dieser Liebesbeziehung,die
wurde kein rechtes Glück; die Bedenken ihrer Erziehung und Denkungs-
art verdarben der Frau und später der Witwe die Hingebung. In
demselben Zusam̄enhange, der obigen Traum einschließt, erzählt
Frau B. von einer wirklichen Begebenheit jener unglücklichen
Zeit, in der sie nach ihrer Schätzg ein merkwürdiges Zusam̄en-
treffen sieht. Sie befand sich in ihrem Zim̄er, auf dem Boden
knieend, den Kopf auf einen Sessel gelegt und schluchzte in leiden-
schaftlicher Sehnsucht nach ihrem Freund u Helfer, dem Advokaten
als dieser im nämlichen Moment die Thüre öffnete, um sie
zu besuchen. Wir werden nichts Merkwürdiges in diesem Zusam̄en-
treffen finden, wen̄ wir überlegen, wie oft sie seiner so gedacht
u wie oft er sie besucht haben mag. Auch finden sich solche
wie verabredete Zufälligkeiten in allen Liebesgeschichten. Doch
ist dieses Zusam̄entreffen wahrscheinlich der eigentliche Inhalt
ihres Traumes u die einzige Begründung ihrer Überzeugung,
daßeinjener Traum eingetroffen sei.S.
Zwischen jener Szene vom Eintreffen des Wunsches u jenem Traum
liegen mehr als 25 Jahre. Frau B. ist unterdeß Witwe eines
zweiten Mannes geworden, der ihr ein Kind u Vermögen hinter-
ließ. Die Neigung der alten Dame hängt im̄er noch an dem
Manne Dr K., der jetzt ihr Rathgeber u der Verwalter ihres
Vermögens ist und den sie häufig zu sehen gewöhnt ist. Nehmen
wir an, sie habe in den Tagen vor dem Traum seinen Besuch
erwartet, er sei aber – es ist ihm nicht mehr so dringlich wie einst –
ausgeblieben. Dann kann sie leicht in der Nacht einen
Sehnsuchtstraum gehabt haben, der sie in frühere Zeiten zurückver-
setzt. Sie träumt dan̄ wahrscheinlich von einem Rendezvous
aus der Zeit der Leidenschaft, u die Kette der Traumgedanken
läuft zurück bis zu jenem Mal, wo er ohne Verabredung gerade
in dem Moment gekom̄en, da sie sich nach ihm gesehnt. Solche
Träume dürften sich jetzt oft bei ihr ereignen; sie sind ein Theil der
späten Bestrafung, die dem Weib für seine Grausamkeit in
jungen Jahren zu Theil wird. Aber als Abköm̄linge einer
unterdrückten Strömung und mit Reminiscenzen an die Rendez-vous
erfüllt, an die sie seit ihrer zweiten Verheiratung nicht gerne
mehr denkt, werden solche Träume nach dem Erwachen wieder
beseitigt. So wird es auch unserem angeblich prophetischen Traum
ergangen sein. Sie geht dan̄ aus u begegnet an einer an sich
gleichgiltigen Stelle der Kärntnerstrasse ihren alten Hausarzt Dr Kapper
Sie hat ihn sehr lange nicht gesehen, er ist mit den Erregungen jener
glücklich unglücklichen Periode in̄ig verknüpft, er war auch ein
Helfer, wir dürfen annehmen, er ist in ihren Gedanken u vielleicht
auch in Träumen eine Deckperson, hinter der sie die geliebtere
des anderen Doktor K. verbirgt. Diese Begegnung will nun
die Erin̄erung an den Traum wecken. Es sollte in ihr heißen: Richtig,
ich habe ja heute von meinem Rendezvous mit Dr K. geträumt.
Aber diese Erin̄erung muß sich dieselbe Entstellg gefallen lassen, der
der Traum nur dadurch entgangen ist, daß er gar nicht in der
Erinnerung bewahrt wurde. Für den geliebten K. schiebt sich der
indifferente K. ein, der an den Traum erin̄ert; der Inhalt des Traumes
das Rendez-vous überträgt sich auf den Glauben, dass sie von dieser
bestim̄ten Stelle geträumt hat, denn ein Rendez-vous besteht darin,
daß zwei Personen zur gleichen Zeit an die nämliche Stelle kom̄en.
Wenn dabei dan̄ der Eindruck zu Stande kom̄t, dass ein Traum in Erfüllg
gegangen ist, so bringt sie mit ihm nur die Erin̄erung zur Geltung,
daß in jener Scene, wo sie sich weinend nach seiner Gegenwart
sehnte, ihre Sehnsucht wirklich sofort in Erfüllung gegangen ist.So ist die nachträgliche Traumschöpfg, die allein die prophetischen Träume
ermöglicht, auch nichts anderes als eine Form der Censurirung,
die dem Traum das Durchdringen zum Bewußtsein ermöglicht.10 Nov.99
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Eine erfüllte Traumahnung
1899-101/1899
1899-101/1899