Die Traumdeutung1900-001/1900
  • S.

    VI.

    Die Traumarbeit.

    Alle anderen bisherigen Versuche, die Traumprobleme zu er-
    ledigen, knüpften direct an den in der Erinnerung gegebenen mani-
    festen Trauminhalt an und bemühten sich, aus diesem die Traum-
    deutung zu gewinnen, oder, wenn sie auf eine Deutung verzichteten,
    ihr Urtheil über den Traum durch den Hinweis auf den Trauminhalt
    zu begründen. Nur wir allein stehen einem anderen Sachverhalt
    gegenüber; für uns schiebt sich zwischen den Trauminhalt und die
    Resultate unserer Betrachtung ein neues psychisches Material ein:
    der durch unser Verfahren gewonnene latente Trauminhalt oder
    die Traumgedanken. Aus diesem letzteren, nicht aus dem manifesten
    Trauminhalt entwickelten wir die Lösung des Traumes. An uns tritt
    darum auch als neu eine Aufgabe heran, die es vordem nicht ge-
    geben hat, die Aufgabe, die Beziehungen des manifesten Traum-
    inhaltes zu den latenten Traumgedanken zu untersuchen und nach-
    zuspüren, durch welche Vorgänge aus den letzteren der erstere
    geworden ist.

    Traumgedanken und Trauminhalt liegen vor uns wie zwei Dar-
    stellungen desselben Inhaltes in zwei verschiedenen Sprachen, oder
    besser gesagt, der Trauminhalt erscheint uns als eine Uebertragung
    der Traumgedanken in eine andere Ausdrucksweise, deren Zeichen
    und Fügungsgesetze wir durch die Vergleichung von Original und
    Uebersetzung kennen lernen sollen. Die Traumgedanken sind uns
    ohne weiteres verständlich, sobald wir sie erfahren haben. Der
    Trauminhalt ist gleichsam in einer Bilderschrift gegeben, deren Zeichen
    einzeln in die Sprache der Traumgedanken zu übertragen sind.
    Man würde offenbar in die Irre geführt, wenn man diese Zeichen
    nach ihrem Bilderwerth anstatt nach ihrer Zeichenbeziehung lesen
    wollte. Ich habe etwa ein Bilderräthsel (Rebus) vor mir: ein Haus,
    auf dessen Dach ein Boot zu sehen ist, dann ein einzelner Buchstabe,
    dann eine laufende Figur, deren Kopf wegapostrophirt ist u. dgl.
    Ich könnte nun in die Kritik verfallen, diese Zusammenstellung und
    deren Bestandtheile für unsinnig zu erklären. Ein Boot gehört nicht
    auf das Dach eines Hauses, und eine Person ohne Kopf kann nicht

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    laufen; auch ist die Person grösser als das Haus, und wenn das
    Ganze eine Landschaft darstellen soll, so fügen sich die einzelnen
    Buchstaben nicht ein, die ja in freier Natur nicht vorkommen. Die
    richtige Beurtheilung des Rebus ergibt sich offenbar erst dann, wenn
    ich gegen das Ganze und die Einzelheiten desselben keine solchen
    Einsprüche erhebe, sondern mich bemühe, jedes Bild durch eine Silbe
    oder ein Wort zu ersetzen, welches nach irgend welcher Beziehung
    durch das Bild darstellbar ist. Die Worte, die sich so zusammen-
    finden, sind nicht mehr sinnlos, sondern können den schönsten und
    sinnreichsten Dichterspruch ergeben. Ein solches Bilderräthsel ist
    nun der Traum, und unsere Vorgänger auf dem Gebiete der Traum-
    deutung haben den Fehler begangen, den Rebus als zeichnerische
    Composition zu beurtheilen. Als solche erschien er ihnen unsinnig
    und werthlos.

    a) Die Verdichtungsarbeit.

    Das Erste, was dem Untersucher bei der Vergleichung von
    Trauminhalt und Traumgedanken klar wird, ist, dass hier eine gross-
    artige Verdichtungsarbeit geleistet wurde. Der Traum ist
    knapp, armselig, lakonisch im Vergleich zu dem Umfang und zur
    Reichhaltigkeit der Traumgedanken. Der Traum füllt nieder-
    geschrieben eine halbe Seite; die Analyse, in der die Traumgedanken
    enthalten sind, bedarf das sechs-, acht-, zwölffache an Schriftraum.
    Die Relation ist für verschiedene Träume wechselnd; sie ändert,
    soweit ich es controliren konnte, niemals ihren Sinn. In der Regel
    unterschätzt man das Mass der statthabenden Compression, indem man
    die an’s Licht gebrachten Traumgedanken für das vollständige Material
    hält, während weitere Deutungsarbeit neue, hinter dem Traum ver-
    steckte Gedanken enthüllen kann. Wir haben bereits anführen
    müssen, dass man eigentlich niemals sicher ist, einen Traum voll-
    ständig gedeutet zu haben; selbst wenn die Auflösung befriedigend
    und lückenlos erscheint, bleibt es doch immer möglich, dass sich noch
    ein anderer Sinn durch denselben Traum kundgibt. Die Ver-
    dichtungsquote ist also – streng genommen – unbestimmbar.
    Man könnte gegen die Behauptung, dass aus dem Missverhältnis
    zwischen Trauminhalt und Traumgedanken der Schluss zu ziehen
    sei, es finde eine ausgiebige Verdichtung des psychischen Materiales
    bei der Traumbildung statt, einen Einwand geltend machen, der für
    den ersten Eindruck recht bestechend scheint. Wir haben ja so oft
    die Empfindung, dass wir sehr viel die ganze Nacht hindurch
    geträumt und dann das Meiste wieder vergessen haben. Der Traum,
    den wir beim Erwachen erinnern, wäre dann blos ein Rest der
    gesammten Traumarbeit, welche wohl den Traumgedanken an Umfang
    gleichkäme, wenn wir sie eben vollständig erinnern könnten. Daran
    ist ein Stück sicherlich richtig; man kann sich nicht mit der Beobach-
    tung täuschen, dass ein Traum am getreuesten reproducirt wird,

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    wenn man ihn bald nach dem Erwachen zu erinnern versucht, und
    dass seine Erinnerung gegen den Abend hin immer mehr und mehr
    lückenhaft wird. Zum andern Theil aber lässt sich erkennen, dass
    die Empfindung, man habe sehr viel mehr geträumt als man repro-
    duciren kann, sehr häufig auf einer Illusion beruht, deren Entstehung
    späterhin erläutert werden soll. Die Annahme einer Verdichtung
    in der Traumarbeit wird überdies von der Möglichkeit des Traum-
    vergessens nicht berührt, denn sie wird durch die Vorstellungsmassen
    erwiesen, die zu den einzelnen erhalten gebliebenen Stücken des
    Traumes gehören. Ist thatsächlich ein grosses Stück des Traumes
    für die Erinnerung verloren gegangen, so bleibt uns hiedurch etwa der
    Zugang zu einer neuen Reihe von Traumgedanken versperrt. Es ist
    eine durch nichts zu rechtfertigende Erwartung, dass die unter-
    gegangenen Traumstücke sich gleichfalls nur auf jene Gedanken
    bezogen hätten, die wir bereits aus der Analyse der erhalten geblie-
    benen kennen.
     

    Angesichts der überreichen Menge von Einfällen, welche die
    Analyse zu jedem einzelnen Element des Trauminhaltes beibringt,
    wird sich bei manchem Leser der principielle Zweifel regen, ob man
    denn all das, was Einem bei der Analyse nachträglich einfällt, zu
    den Traumgedanken rechnen darf, d. h. annehmen darf, all diese
    Gedanken seien schon während des Schlafzustandes thätig gewesen
    und hätten an der Traumbildung mitgewirkt? Ob nicht vielmehr
    während des Analysirens neue Gedankenverbindungen entstehen, die
    an der Traumbildung unbetheiligt waren? Ich kann diesem Zweifel nur
    bedingt beitreten. Dass einzelne Gedankenverbindungen erst während
    der Analyse entstehen, ist allerdings richtig; aber man kann sich
    jedesmal überzeugen, dass solche neue Verbindungen sich nur zwischen
    Gedanken herstellen, die schon in den Traumgedanken in anderer
    Weise verbunden sind; die neuen Verbindungen sind gleichsam
    Nebenschliessungen, Kurzschlüsse, ermöglicht durch den Bestand
    anderer und tiefer liegender Verbindungswege. Für die Ueberzahl
    der bei der Analyse aufgedeckten Gedankenmassen muss man zu-
    gestehen, dass sie schon bei der Traumbildung thätig gewesen sind,
    denn wenn man sich durch eine Kette solcher Gedanken, die ausser-
    Zusammenhang mit der Traumbildung scheinen, durchgearbeitet hat,
    stösst man dann plötzlich auf einen Gedanken, der, im Trauminhalt
    vertreten, für die Traumdeutung unentbehrlich ist und doch nicht
    anders als durch jene Gedankenkette zugänglich war. Man vergleiche
    hiezu etwa den Traum von der botanischen Monographie, der als
    das Ergebnis einer erstaunlichen Verdichtungsleistung erscheint,
    wenngleich ich seine Analyse nicht vollständig mitgetheilt habe.
     

    Wie soll man sich aber dann den psychischen Zustand während
    des Schlafens, der dem Träumen vorangeht, vorstellen? Bestehen alle
    die Traumgedanken neben einander, oder werden sie nach einander
    durchlaufen, oder werden mehrere gleichzeitige Gedankengänge von
     

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    verschiedenen Centren aus gebildet, die dann zusammentreffen? Ich
    meine, es liegt noch keine Nöthigung vor, sich von dem psychischen
    Zustand bei der Traumbildung eine plastische Vorstellung zu schaffen.
    Vergessen wir nur nicht, dass es sich um unbewusstes Denken
    handelt, und dass der Vorgang leicht ein anderer sein kann als der,
    welchen wir beim absichtlichen, von Bewusstsein begleiteten, Nach-
    denken in uns wahrnehmen.

    Die Thatsache aber, dass die Traumbildung auf einer Verdich-
    tung beruht, steht unerschütterlich fest. Wie kommt diese Verdich-
    tung nun zu Stande?

    Wenn man erwägt, dass von den aufgefundenen Traumgedanken
    nur die wenigsten durch eines ihrer Vorstellungselemente im Traum
    vertreten sind, so sollte man schliessen, die Verdichtung geschehe
    auf dem Wege der Auslassung, indem der Traum nicht eine
    getreuliche Uebersetzung oder eine Projection Punkt für Punkt der
    Traumgedanken, sondern eine höchst unvollständige und lückenhafte
    Wiedergabe derselben sei. Diese Einsicht ist, wie wir bald finden
    werden, eine sehr mangelhafte. Doch fussen wir zunächst auf ihr
    und fragen uns weiter: Wenn nur wenige Elemente aus den Traum-
    gedanken in den Trauminhalt gelangen, welche Bedingungen be-
    stimmen die Auswahl derselben?

    Um hierüber Aufschluss zu bekommen, wendet man nun seine
    Aufmerksamkeit den Elementen des Trauminhaltes zu, welche die
    gesuchten Bedingungen ja erfüllt haben müssen. Ein Traum, zu
    dessen Bildung eine besonders starke Verdichtung beigetragen wird
    für diese Untersuchung das günstigste Material sein. Ich wähle den
    auf Seite 114 mitgetheilten Traum von der botanischen Monographie.

    Trauminhalt: Ich habe eine Monographie über
    eine (unbestimmt gelassene) Pflanzenart geschrieben.
    Das Buch liegt vor mir, ich blättere eben eine ein-
    geschlagene farbige Tafel um. Dem Exemplar ist ein
    getrocknetes Specimen der Pflanze beigebunden.

    Das augenfälligste Element dieses Traumes ist die botanische
    Monographie. Diese stammt aus den Eindrücken des Traumtages;
    in einem Schaufenster einer Buchhandlung hatte ich thatsächlich eine
    Monographie über die Gattung „Cyclamen“ gesehen. Die
    Erwähnung dieser Gattung fehlt im Trauminhalt, in dem nur die
    Monographie und ihre Beziehung zur Botanik übrig geblieben sind. Die
    „botanische Monographie“ erweist sofort ihre Beziehung zu der
    Arbeit über Cocain, die ich einmal geschrieben habe; vom Cocain
    aus geht die Gedankenverbindung einerseits zur Festschrift und zu
    gewissen Vorgängen in einem Universitätslaboratorium, andererseits zu
    meinem Freund, dem Augenarzt Dr. Königstein, der an der Ver-
    werthung des Cocains seinen Antheil gehabt hat. An die Person des Dr. K.
    knüpft sich weiter die Erinnerung an das unterbrochene Gespräch, das
    ich abends zuvor mit ihm geführt, und die vielfältigen Gedanken über

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    die Entlohnung ärztlicher Leistungen unter Collegen. Dieses Gespräch
    ist nun der eigentliche actuelle Traumerreger; die Monographie über
    Cyclamen ist gleichfalls eine Actualität, aber indifferenter Natur; wie
    ich sehe, erweist sich die „botanische Monographie“ des Traumes
    als ein mittleres Gemeinsames zwischen beiden Erlebnissen des
    Tages, von dem indifferenten Eindruck unverändert übernommen, mit
    dem psychisch bedeutsamen Erlebnis durch ausgiebigste Associations-
    verbindungen verknüpft.

    Aber nicht nur die zusammengesetzte Vorstellung „botanische-
    Monographie“, sondern auch jedes ihrer Elemente „botanisch“ und
    „Monographie“ gesondert geht durch mehrfache Verbindungen tiefer
    und tiefer in das Gewirre der Traumgedanken ein. Zu „botanisch“
    gehören die Erinnerungen an die Person des Professors Gärtner, an
    seine blühende Frau, an meine Patientin, die Flora heisst, und an
    die Dame, von der ich die Geschichte mit den vergessenen Blumen
    erzählt habe. Gärtner führt neuerdings auf das Laboratorium und
    auf das Gespräch mit Königstein; in dasselbe Gespräch gehört
    die Erwähnung der beiden Patientinnen. Von der Frau mit den
    Blumen zweigt ein Gedankenweg zu den Lieblingsblumen meiner
    Frau ab, dessen anderer Ausgang im Titel der bei Tag flüchtig gesehenen
    Monographie liegt. Ausserdem erinnert „botanisch“ an eine Gymna-
    sialepisode und an ein Examen der Universitätszeit, und ein neues
    in jenem Gespräch angeschlagenes Thema, das meiner Liebhabereien,
    knüpft sich durch Vermittlung meiner scherzhaft so genannten
    Lieblingsblume, der „Artischocke“ an die von den vergessenen
    Blumen ausgehende Gedankenkette an; hinter „Artischocke“ steckt
    die Erinnerung an Italien einerseits und an eine Kinderscene anderer-
    seits, in der ich meine seither intim gewordenen Beziehungen zu
    Büchern eröffnet habe. „Botanisch“ ist also ein wahrer Knotenpunkt,
    in welchem für den Traum zahlreiche Gedankengänge zusammen-
    treffen, die, wie ich versichern kann, in jenem Gespräch mit Fug
    und Recht in Zusammenhang gebracht worden sind. Man befindet
    sich hier mitten in einer Gedankenfabrik, in der wie im Weber-
    Meisterstück.

    „Ein Tritt tausend Fäden regt,
    Die Schifflein herüber, hinüber schiessen,
    Die Fäden ungesehen fliessen,
    Ein Schlag tausend Verbindungen schlägt“.

    „Monographie“ im Traum rührt wiederum an zwei Themata,
    an die Einseitigkeit meiner Studien und an die Kostspieligkeit meiner
    Liebhabereien.

    Aus dieser ersten Untersuchung holt man sich den Eindruck,
    dass die Elemente „botanisch“ und „Monographie“ darum in den
    Trauminhalt Aufnahme gefunden haben, weil sie mit den meisten
    Traumgedanken die ausgiebigsten Berührungen aufweisen können,
    also Knotenpunkte darstellen, in denen sehr viele der Traum-

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    gedanken zusammentreffen, weil sie mit Bezug auf die Traumdeutung
    vieldeutig sind. Man kann die dieser Erklärung zu Grunde
    liegende Thatsache auch anders aussprechen und dann sagen: Jedes
    der Elemente des Trauminhaltes erweist sich als überdeterminiert,
    als mehrfach in den Traumgedanken vertreten.
    Wir erfahren mehr, wenn wir die übrigen Bestandtheile des
    Traumes auf ihr Vorkommen in den Traumgedanken prüfen. Die
    farbige Tafel, die ich aufschlage, geht (vergleiche die Analyse Seite
    117) auf ein neues Thema, die Kritik der Collegen an meinen Arbeiten,
    und auf ein bereits im Traum vertretenes, meinen Liebhabercien,
    ausserdem auf die Kindererinnerung, in der ich ein Buch mit farbigen
    Tafeln zerpflücke; das getrocknete Exemplar der Pflanze rührt an
    das Gymnasialerlebnis vom Herbarium und hebt diese Erinnerung
    besonders hervor. Ich sehe also, welcher Art die Beziehung zwischen
    Trauminhalt und Traumgedanken ist: Nicht nur die Elemente des
    Traumes sind durch die Traumgedanken mehrfach determiniert,
    sondern die einzelnen Traumgedanken sind auch im Traum durch
    mehrere Elemente vertreten. Von einem Element des Traumes führt
    der Associationsweg zu mehreren Traumgedanken; von einem Traum
    gedanken zu mehreren Traumelementen. Die Traumbildung erfolgt
    also nicht so, dass der einzelne Traumgedanke oder eine Gruppe
    von welchen eine Abkürzung für den Trauminhalt liefert, und dann
    der nächste Traumgedanke eine nächste Abkürzung als Vertretung,
    etwa wie aus einer Bevölkerung Volksvertreter gewählt werden,
    sondern die ganze Masse der Traumgedanken unterliegt einer ge-
    wissen Bearbeitung, nach welcher die meist- und bestunterstützten
    Elemente sich für den Eintritt in den Trauminhalt herausheben,
    etwa der Wahl durch Listenscrutinium analog. Welchen Traum
    immer ich einer ähnlichen Zergliederung unterziehe, ich finde stets
    die nämlichen Grundsätze bestätigt, dass die Traumelemente aus der
    ganzen Masse der Traumgedanken gebildet werden, und dass jedes
    von ihnen in Bezug auf die Traumgedanken mehrfach determiniert
    erscheint.
    Es ist gewiss nicht überflüssig, diese Relation von Trauminhalt
    und Traumgedanken an einem neuen Beispiel zu erweisen, welches
    sich durch besonders kunstvolle Verschlingung der wechselseitigen
    Beziehungen auszeichnet. Der Traum rührt von einem Patienten her,
    den ich wegen Angst in geschlossenen Räumen behandle. Es wird
    sich bald ergeben, weshalb ich mich veranlasst finde, diese aus-
    nehmend geistreiche Traumleistung in folgender Weise zu über-
    schreiben:

    II. „Ein schöner Traum.“

    Er fährt mit grosser Gesellschaft in die Xstrasse,
    in der sich ein bescheidenes Einkeurthshaus be-
    findet (was nicht richtig ist). In den Räumen desselben

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    wird Theater gespielt; er ist bald Publicum, bald
    Schauspieler. Am Ende heisst es, man müsse sich um
    ziehen, um wieder in die Stadt zu kommen. Ein Theil
    des Personals wird in die Parterreräume verwiesen,
    ein anderer in die des ersten Stockes. Dann entsteht
    ein Streit. Die oben ärgern sich, dass die unten noch
    nicht fertig sind, so dass sie nicht herunter können.
    Sein Bruder ist oben, er unten, und er ärgert sich über
    den Bruder, dass man so gedrängt wird. (Diese Partie un-
    klar.) Es war übrigens schon beim Ankommen bestimmt
    und eingetheilt, wer oben und wer unten sein soll.
    Dann geht er allein über die Anhöhe, welche die Xstrasse
    gegen die Stadt hin macht, und geht so schwer, so müh-
    selig, dass er nicht von der Stelle kommt. Ein älterer
    Herr gesellt sich zu ihm und schimpft über den König
    von Italien. Am Ende der Anhöhe geht er dann viel
    leichter.

    Die Beschwerden beim Steigen waren so deutlich, dass er nach
    dem Erwachen eine Weile zweifelte, ob es Traum oder Wirklich-
    keit war.

    Dem manifesten Inhalt nach wird man diesen Traum kaum
    loben können. Die Deutung will ich regelwidrig mit jenem Stück
    beginnen, welches vom Träumer als das deutlichste bezeichnet wurde.

    Die geträumte und wahrscheinlich im Traum verspürte Be-
    schwerde, das mühselige Steigen unter Dyspnoe, ist eines der Symp-
    tome, die der Patient vor Jahren wirklich gezeigt hatte, und wurde
    damals im Verein mit anderen Erscheinungen auf eine (wahrschein-
    lich hysterisch vorgetäuschte) Tuberculose bezogen. Wir kennen
    bereits diese dem Traum eigenthümliche Sensation der Gehhemmung
    aus den Exhibitionsträumen und finden hier wieder, dass sie als ein
    allezeit bereit liegendes Material zu Zwecken irgend welcher
    anderen Darstellung verwendet wird. Das Stück des Trauminhaltes,
    welches beschreibt, wie das Steigen anfänglich schwer war, und am
    Ende der Anhöhe leicht wurde, erinnerte mich bei der Erzählung des
    Traumes an die bekannte meisterhafte Introduction der „Sappho“ von
    A. Daudet. Dort trägt ein junger Mann die Geliebte die Treppen
    hinauf, anfänglich wie federleicht; aber je weiter er steigt, desto
    schwerer lastet sie auf seinen Armen, und diese Scene ist vorbildlich
    für den Verlauf des Verhältnisses, durch dessen Schilderung Daudet
    die Jugend mahnen will, eine ernstere Neigung nicht an Mädchen
    von niedriger Herkunft und zweifelhafter Vergangenheit zu ver-
    schwenden. Obwohl ich wusste, dass mein Patient vor Kurzem ein
    Liebesverhältniss mit einer Dame vom Theater unterhalten und ge-
    löst hatte, erwartete ich doch nicht, meinen Deutungseinfalt be-
    rechtigt zu finden. Auch war es ja in der Sappho umgekehrt wie
    im Traum; in letzterem war das Steigen anfänglich schwer und

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    späterhin leicht; im Roman diente es der Symbolik nur, wenn das,
    was zuerst leicht genommen wurde, sich am Ende als eine schwere
    Last erwies. Zu meinem Erstaunen bemerkte der Patient, die
    Deutung stimme sehr wohl zum Inhalt des Stückes, das er am
    Abend vorher im Theater gesehen. Das Stück hiess: „Rund um
    Wien“ und behandelte den Lebenslauf eines Mädchens, das zuerst
    anständig, dann zur Demimonde übergeht, Verhältnisse mit hoch
    stehenden Personen anknüpft, dadurch „in die Höhe kommt“, end-
    lich aber immer mehr „herunter kommt“. Das Stück hatte ihn
    auch an ein anderes vor Jahren gespieltes erinnert, welches den
    Titel trug: „Von Stufe zu Stufe“ und auf dessen Ankündigung
    eine aus mehreren Stufen bestehende Stiege zu sehen war.

    Nun die weitere Deutung. In der Xstrasse hatte die Schau-
    spielerin gewohnt, mit welcher er das letzte, beziehungsreiche Ver-
    hältnis unterhalten. Ein Wirthshaus gibt es in dieser Strasse nicht.
    Allein, als er der Dame zuliebe einen Theil des Sommers in Wien
    verbrachte, war er in einem kleinen Hotel in der Nähe abgestiegen.
    Beim Verlassen des Hotels sagte er dem Kutscher: „Ich bin froh,
    dass ich wenigstens kein Ungeziefer bekommen habe.“ (Uebrigens
    auch eine seiner Phobien.) Der Kutscher darauf: „Wie kann man
    aber da absteigen! Das ist ja gar kein Hotel, eigentlich nur ein
    Einkehrwirthshaus.“

    An das Einkehrwirthshaus knüpft sich ihm sofort die Erinne-
    rung eines Citates:

    „Bei einem Wirthe wundermild,
    Da war ich jüngst zu Gaste.“

    Der Wirth im Uhland’schen Gedicht ist aber ein Apfel-
    baum.

    Nun setzt ein zweites Citat die Gedankenkette fort:

    Faust (mit der Jungen tanzend).
    Einst hatt’ ich einen schönen Traum;
    Da sah ich einen Apfelbaum,
    Zwei schöne Aepfel glänzten dran,
    Sie reizten mich, ich stieg hinan.
    Die Schöne.
    Der Aepfelchen begehrt ihr sehr,
    Und schon vom Paradiese her.
    Von Freuden fühl’ ich mich bewegt,
    Dass auch mein Garten solche trägt.

    Es ist nicht der leiseste Zweifel möglich, was unter dem
    Apfelbaum und den Aepfelchen gemeint ist. Ein schöner Busen
    stand auch obenan unter den Reizen, durch welche die Schauspielerin
    meinen Träumer gefesselt hatte.

  • S.

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    Wir hatten nach dem Zusammenhang der Analyse allen Grund
    anzunehmen, dass der Traum auf einen Eindruck aus der Kindheit
    zurückgehe. Wenn dies richtig war, so musste er sich auf die Amme des
    jetzt bald fünfzigjährigen Mannes beziehen. Für das Kind ist der
    Busen der Amme thatsächlich das Einkehrwirthshaus. Die Amme
    sowohl als die Sappho Daudet’s erscheinen als Anspielung auf die
    vor Kurzem verlassene Geliebte.
    Im Trauminhalt erscheint auch der (ältere) Bruder des Patienten,
    und zwar ist dieser oben, er selbst unten. Dies ist wieder eine
    Umkehrung des wirklichen Verhältnisses, denn der Bruder hat,
    wie mir bekannt ist, seine sociale Position verloren, mein Patient
    sie erhalten. Der Träumer vermied bei der Reproduction des Traum-
    inhaltes zu sagen: Der Bruder sei oben, er selbst „parterre“ gewesen.
    Es wäre eine zu deutliche Aeusserung geworden, denn man sagt
    bei uns von einer Person, sie ist „parterre“, wenn sie Vermögen
    und Stellung eingebüsst hat, also in ähnlicher Uebertragung, wie
    man „heruntergekommen“ gebraucht. Es muss nun einen
    Sinn haben, dass an dieser Stelle im Traum etwas umgekehrt
    dargestellt ist. Die Umkehrung muss auch für eine andere Beziehung
    zwischen Traumgedanken und Trauminhalt gelten. Es liegt der
    Hinweis darauf vor, wie diese Umkehrung vorzunehmen ist. Offen-
    bar am Ende des Traumes, wo es sich mit dem Steigen wiederum
    umgekehrt verhält wie in der Sappho. Dann ergibt sich leicht,
    welche Umkehrung gemeint ist: In der Sappho trägt der Mann das
    zu ihm in sexuellen Beziehungen stehende Weib; in den Traum-
    gedanken handelt es sich also umgekehrt um ein Weib, das den
    Mann trägt, und da dieser Fall sich nur in der Kindheit ereignen
    kann, bezieht er sich wieder auf die Amme, die schwer an dem
    Säugling trägt. Der Schluss des Traumes trifft es also, die Sappho
    und die Amme in der nämlichen Andeutung darzustellen.
    Wie der Name Sappho vom Dichter nicht ohne Beziehung auf
    eine lesbische Gewohnheit gewählt ist, so deuten die Stücke des
    Traumes, in denen Personen oben und unten beschäftigt sind,
    auf Phantasien sexuellen Inhalts, die den Träumer beschäftigen und
    als unterdrückte Gelüste nicht ausser Zusammenhang mit seiner
    Neurose stehen. Dass es Phantasien und nicht Erinnerungen der
    thatsächlichen Vorgänge sind, die so im Traum dargestellt werden,
    zeigt die Traumdeutung selbst nicht an; dieselbe liefert uns nur
    einen Gedankeninhalt und überlässt es uns, dessen Realitätswerth
    festzustellen. Wirkliche und phantasirte Begebenheiten erscheinen
    hier – und nicht nur hier, auch bei der Schöpfung wichtigerer
    psychischer Gebilde als der Träume – zunächst als gleichwerthig.
    Grosse Gesellschaft bedeutet, wie wir bereits wissen, Geheimnis.
    Der Bruder ist nichts Anderes, als der in die Kindheitsscene durch
    „Zurückphantasiren“ eingetragene Vertreter aller späteren Neben-
    buhler beim Weibe. Die Episode von dem Herrn, der auf den

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    König von Italien schimpft, bezieht sich durch Vermittlung eines
    recenten und an sich gleichgiltigen Erlebnisses wiederum auf das
    Eindrängen von Personen niederen Standes in höhere Gesellschaft.
    Es ist, als ob der Warnung, welche Daudet dem Jüngling ertheilt,
    eine ähnliche, für das säugende Kind giltige, an die Seite gestellt
    werden sollte.*)

    Um ein drittes Beispiel für das Studium der Verdichtung bei
    der Traumbildung bereit zu haben, theile ich die partielle Analyse
    eines anderen Traumes mit, den ich einer älteren, in psycho-
    analytischer Behandlung stehenden Dame verdanke. Den schweren
    Angstzuständen entsprechend, an denen die Kranke litt, enthielten
    ihre Träume überreichlich sexuelles Gedankenmaterial, dessen Kenntnis-
    nahme sie Anfangs ebenso sehr überraschte wie erschreckte. Da ich
    die Traumdeutung nicht bis an’s Ende führen kann, scheint das
    Traummaterial in mehrere Gruppen ohne sichtbaren Zusammenhang
    zu zerfallen.

    III. Trauminhalt: Sie besinnt sich, dass sie zwei Mai-
    käfer in einer Schachtel hat, denen sie die Freiheit geben
    muss, weil sie sonst ersticken. Sie öffnet die Schachtel,
    die Käfer sind ganz matt; einer fliegt zum geöffneten
    Fenster heraus, der andere aber wird vom Fensterflügel
    zerquetscht, während sie das Fenster schliesst, wie irgend
    jemand von ihr verlangt (Aeusserungen des Ekels).

    Analyse: Ihr Mann ist verreist, die vierzehnjährige Tochter
    schläft im Bette neben ihr. Die Kleine macht sie am Abend auf-
    merksam, dass eine Motte in ihr Wasserglas gefallen ist; sie ver-
    säumt es aber sie herauszuholen und bedauert das arme Thierchen
    am Morgen. In ihrer Abendlectüre war erzählt, wie Buben eine
    Katze in siedendes Wasser werfen, und die Zuckungen des Thieres
    geschildert. Dies sind die beiden an sich gleichgiltigen Traumanlässe.
    Das Thema von der Grausamkeit gegen Thiere beschäftigt sie
    weiter. Ihre Tochter war vor Jahren, als sie in einer gewissen Gegend
    zum Sommer wohnten, sehr grausam gegen das Gethier. Sie legte sich
    eine Schmetterlingssammlung an und verlangte von ihr Arsenik zur
    Tödtung der Schmetterlinge. Einmal kam es vor, dass ein Nacht-
    falter mit der Nadel durch den Leib noch lange im Zimmer herum-
    flog; ein andermal fanden sich einige Raupen, die zur Verpuppung
    aufbewahrt wurden, verhungert. Dasselbe Kind pflegte in noch
    zarterem Alter Käfern und Schmetterlingen die Flügel auszureissen;
    heute würde sie vor all diesen grausamen Handlungen zurück-
    schrecken; sie ist so gutmüthig geworden.

    *)Die phantastische Natur der auf die Amme des Träumers bezüglichen
    Situation wird durch den objectiv erhobenen Umstand erwiesen, dass die Amme in
    diesem Fall die Mutter war. Ich erinnere übrigens an das auf Seite 141 erwähnte
    Bedauern des jungen Mannes der Anekdote, die Situation bei seiner Amme nicht
    besser ausgenützt zu haben, welches wohl die Quelle dieses Traumes ist.

  • S.

    200

    Dieser Widerspruch beschäftigt sie. Er erinnert an einen
    anderen Widerspruch, den zwischen Aussehen und Gesinnung, wie
    er in Adam Bede von der Elliot dargestellt ist. Ein schönes,
    aber eitles und ganz dummes Mädchen, daneben ein hässlicher, aber
    adelig fühlt und sich ebenso benimmt. Man kann das den Leuten nicht
    ansehen. Wer würde ihr ansehen, dass sie von sinnlichen Wünschen
    geplagt wird?

    In demselben Jahre, als die Kleine ihre Schmetterlingssammlung
    anlegte, litt die Gegend arg unter der Maikäferplage. Die Kinder
    wütheten gegen die Käfer, zerquetschten sie grausam. Sie hat damals
    einen Menschen gesehen, der den Maikäfern die Flügel ausriss und
    die Leiber dann verspeiste. Sie selbst ist im Mai geboren, hat auch
    im Mai geheirathet. Drei Tage nach der Hochzeit schrieb sie den
    Eltern einen Brief nach Hause, wie glücklich sie sei. Sie war es
    aber keineswegs.

    Am Abend vor dem Traum hatte sie in alten Briefen gekramt
    und verschiedene ernste und komische Briefe den Ihrigen vorgelesen,
    so einen höchst lächerlichen Brief eines Klavierlehrers, der ihr als
    Mädchen den Hof gemacht hatte, auch den eines aristokratischen
    Verehrers.*)

    Sie macht sich Vorwürfe, dass eine ihrer Töchter ein schlechtes
    Buch von Maupassant in die Hand bekommen.**) Der Arsenik,
    den ihre Kleine verlangt, erinnert sie an die Arsenikpillen, die
    dem Duc de Morà im Nabab die Jugendkraft wiedergeben.

    Zu „Freiheit geben“ fällt ihr die Stelle aus der Zauberflöte ein:
    „Zur Liebe kann ich Dich nicht zwingen,
    Doch geb’ ich Dir die Freiheit nicht.“

    Zu den „Maikäfern“ noch die Rede des Käthchens:***)
    „Verliebt ja bist Du wie ein Käfer mir.“

    Dazwischen Tannhäuser: „Weil Du von böser Lust beseelt –“
    Sie lebt in Angst und Sorge um den abwesenden Mann. Die
    Furcht, dass ihm auf der Reise etwas zustosse, äussert sich in zahl-
    reichen Phantasien des Tages. Kurz vorher hatte sie in ihren
    unbewussten Gedanken während der Analyse eine Klage über seine
    „Greisenhaftigkeit“ gefunden. Der Wunschgedanke, welchen dieser
    Traum verhüllt, lässt sich vielleicht am besten errathen, wenn ich
    erzähle, dass sie mehrere Tage vor dem Traum plötzlich mitten in
    ihren Beschäftigungen durch den gegen ihren Mann gerichteten
    Imperativ erschreckt wurde: Häng’ Dich auf. Es ergab sich, dass

    *)Dies ist der eigentliche Traumerreger.

    **)Zu ergänzen: Solche Lectüre sei Gift für ein junges Mädchen. Sie selbst
    hat in ihrer Jugend viel aus verbotenen Büchern geschöpft.

    ***)Ein weiterer Gedankengang führt zur Penthesileia desselben Dichters:
    Grausamkeit gegen den Geliebten.

  • S.

    201

    sie einige Stunden vorher irgendwo gelesen hatte, beim Erhängen
    stelle sich eine kräftige Erection ein. Es war der Wunsch nach
    dieser Erection, der in dieser Schrecken erregenden Verkleidung
    aus der Verdrängung wiederkehrte. „Häng’ Dich auf“, besagte so
    viel als „Verschaff’ Dir eine Erection um jeden Preis.“ Die Arsenik-
    pillen des Dr. Jenkins im Nabab gehören hieher; es war der Patientin
    aber auch bekannt, dass man das stärkste Aphrodisiacum, Cantha-
    riden, durch Zerquetschen von Käfern bereitet (sog. spanische
    Fliegen). Auf diesen Sinn zielt der Hauptbestandtheil des Trauminhaltes.

    Das Fensteröffnen und Schliessen ist eine der ständigen Diffe-
    renzen mit ihrem Manne. Sie selbst schläft aërophil, der Mann
    aërophob. Die Mattigkeit ist das Hauptsymptom, über das sie
    in diesen Tagen zu klagen gehabt hat.

    In allen drei hier mitgetheilten Träumen habe ich durch die
    Schrift hervorgehoben, wo eines der Traumelemente in den Traum-
    gedanken wiederkehrt, um die mehrfache Beziehung der ersteren
    augenfällig zu machen. Da aber für keinen dieser Träume die
    Analyse bis an’s Ende geführt ist, verlohnt es sich wohl auf einen
    Traum mit ausführlicher mitgetheilter Analyse einzugehen, um die
    Ueberdeterminirung des Trauminhaltes an ihm zu erweisen. Ich
    wähle hiefür den Traum von Irma’s Injection. Wir werden an
    diesem Beispiel mühelos erkennen, dass die Verdichtungsarbeit bei
    der Traumbildung sich mehr als nur eines Mittels bedient.

    Die Hauptperson des Trauminhaltes ist die Patientin Irma, die
    mit den ihr im Leben zukommenden Zügen gesehen wurde und also
    zunächst sich selbst darstellt. Die Stellung aber, in welcher ich sie
    beim Fenster untersuche, ist von einer Erinnerung an eine andere
    Person hergenommen, von jener Dame, mit der ich meine Patientin
    vertauschen möchte, wie die Traumgedanken zeigen. Insoferne Irma
    einen diphtheritischen Belag erkennen lässt, bei dem die Sorge um
    meine älteste Tochter erinnert wird, gelangt sie zur Darstellung dieses
    meines Kindes, hinter welchem, durch die Namensgleichheit mit ihr
    verknüpft, die Person einer durch Intoxication verlorenen Patientin
    sich verbirgt. Im weiteren Verlauf des Traumes wandelt sich die
    Bedeutung von Irma’s Persönlichkeit (ohne dass ihr im Traum
    gesehenes Bild sich änderte); sie wird zu einem der Kinder, die wir
    in der öffentlichen Ordination des Kinder-
    Krankeninstitutes unter-
    suchen, wobei meine Freunde die Verschiedenheit ihrer geistigen
    Anlagen erweisen. Der Uebergang wurde offenbar durch die Vor-
    stellung meiner kindlichen Tochter vermittelt. Durch das Sträuben
    beim Mundöffnen wird dieselbe Irma zur Anspielung auf eine andere,
    einmal von mir untersuchte Dame, ferner in demselben Zusammen-
    hang auf meine eigene Frau. In den krankhaften Veränderungen,
    die ich in ihrem Hals entdecke, habe ich überdies Anspielungen auf
    eine ganze Reihe von noch anderen Personen zusammengetragen.

  • S.

    202

    All diese Personen, auf die ich bei der Verfolgung von „Irma“
    gerathe, treten im Traum nicht leibhaftig auf; sie verbergen sich
    hinter der Traumperson „Irma“, welche so zu einem Sammelbild mit
    allerdings widerspruchsvollen Zügen ausgestaltet wird. Irma wird
    zur Vertreterin dieser anderen, bei der Verdichtungsarbeit hin-
    geopferten Personen, indem ich an ihr all das vorgehen lasse, was
    mich Zug für Zug an diese Personen erinnert.
    Ich kann mir eine Sammelperson auch auf andere Weise für
    die Traumverdichtung herstellen, indem ich actuelle Züge zweier oder
    mehrerer Personen zu einem Traumbilde vereinige. Solcher Art ist
    der Dr. M. meines Traumes entstanden, er trägt den Namen des
    Dr. M., spricht und handelt wie er; seine weibliche Charakteristik
    und sein Leiden sind die einer anderen Person, meines ältesten
    Bruders; ein einziger Zug, das blasse Aussehen, ist doppelt
    determinirt, indem er in der Realität beiden Personen gemeinsam ist.
    Eine ähnliche Mischperson ist der Dr. R. meines Onkeltraumes.
    Hier aber ist das Traumbild noch auf andere Weise bereitet. Ich
    habe nicht Züge, die dem Einen eigen sind, mit Zügen des Anderen
    vereinigt und dafür das Erinnerungsbild jedes Einen um gewisse
    Züge verkürzt, sondern ich habe das Verfahren eingeschlagen, nach
    welchem Galton seine Familienporträts erzeugt, nämlich beide
    Bilder auf einander projicirt, wobei die gemeinsamen Züge verstärkt
    hervortreten, die nicht zusammen stimmenden einander auslöschen
    und im Bilde undeutlich werden. Im Onkeltraum hebt sich so als
    verstärkter Zug aus den zwei Personen gehörigen und darum ver-
    schwommenen Physiognomie der blonde Bart hervor, der überdies
    eine Anspielung auf meinen Vater und auf mich enthält, vermittelt
    durch die Beziehung zum Ergrauen.
    Die Herstellung von Sammel- und Mischpersonen ist eines der
    Hauptarbeitsmittel der Traumverdichtung. Es wird sich bald der
    Anlass ergeben, sie in einem anderen Zusammenhange zu behandeln.
    Der Einfall „Dysenterie“ im Injectionstraum ist gleichfalls mehr-
    fach determinirt, einerseits durch den paraphasischen Gleichklang
    mit Diphtherie, andererseits durch die Beziehung auf den von mir
    in den Orient geschickten Patienten, dessen Hysterie verkannt wird.
    Als ein interessanter Fall von Verdichtung erweist sich auch
    die Erwähnung von „Propylen“ im Traum. In den Traumgedanken
    war nicht „Propylen“ sondern „Amylen“ enthalten. Man könnte
    meinen, dass hier eine einfache Verschiebung bei der Traumbildung
    Platz gegriffen hat. So ist es auch, allein diese Verschiebung dient
    den Zwecken der Verdichtung, wie folgenden Nachtrag zur Traum-
    analyse zeigt. Wenn meine Aufmerksamkeit bei dem Worte
    „Propyläen“ noch einen Moment Halt macht, so fällt mir der Gleich-
    klang mit dem Worte „Propyläen“ ein. Die Propyläen befinden
    sich aber nicht nur in Athen, sondern auch in München. In dieser
    Stadt habe ich ein Jahr vor dem Traum meinen damals schwer-

  • S.

    203

    kranken Freund aufgesucht, dessen Erwähnung durch das bald auf
    Propylen folgende Trimethylamin des Traumes unverkenn-
    bar wird.

    Ich gehe über den auffälligen Umstand hinweg, dass hier und
    anderswo bei der Traumanalyse Associationen von der verschiedensten
    Werthigkeit, wie gleichwerthig, zur Gedankenverbindung benutzt
    werden und gebe der Versuchung nach, mir den Vorgang bei der
    Ersetzung von Amylen in den Traumgedanken durch Propylen
    in dem Trauminhalt gleichsam plastisch vorzustellen.

    Hier befinde sich die Vorstellungsgruppe meines Freundes Otto,
    der mich nicht versteht, mir Unrecht gibt und mir nach Amylen
    duftenden Liqueur schenkt; dort durch Gegensatz verbunden die
    meines Berliner Freundes, der mich versteht, mir Recht geben
    würde, und dem ich soviel werthvolle Mittheilungen, auch über die
    Chemie der Sexualvorgänge, verdanke.

    Was aus der Gruppe Otto meine Aufmerksamkeit besonders
    erregen soll, ist durch die recenten, den Traum erregenden Anlässe
    bestimmt; das Amylen gehört zu diesen ausgezeichneten, für den
    Trauminhalt prädestinirten Elementen. Die reiche Vorstellungs-
    gruppe „Wilhelm“ wird geradezu durch den Gegensatz zu Otto
    belebt und die Elemente in ihr hervorgehoben, welche an die bereits
    erregten in Otto anklingen. In diesem ganzen Traum recurrire ich
    ja von einer Person, die mein Missfallen erregt, auf eine andere,
    die ich ihr nach Wunsch entgegenstellen kann, rufe ich Zug für
    Zug den Freund gegen den Widersacher auf. So erweckt das
    Amylen bei Otto auch in der anderen Gruppe Erinnerungen aus
    dem Kreis der Chemie; das Trimethylamin, von mehreren Seiten her
    unterstützt, gelangt in den Trauminhalt. Auch „Amylen“ könnte
    unverwandelt in den Trauminhalt kommen, es unterliegt aber der
    Einwirkung der Gruppe „Wilhelm“, indem aus dem ganzen Erinnerungs-
    umfang, den dieser Name deckt, ein Element hervorgesucht wird,
    welches eine doppelte Determinirung für Amylen ergeben kann.
    In der Nähe von Amylen liegt für die Association „Propylen“;
    aus dem Kreise „Wilhelm“ kommt ihm München mit den Propyläen
    entgegen. In Propylen-Propyläen treffen beide Vorstellungs-
    kreise zusammen. Wie durch einen Compromiss gelangt dieses mitt-
    lere Element dann in den Trauminhalt. Es ist hier ein mittleres
    Gemeinsames geschaffen worden, welches mehrfache Determinirung
    zulässt. Wir greifen so mit Händen, dass die mehrfache Determi-
    nirung das Durchdringen in den Trauminhalt erleichtern muss. Zum
    Zwecke dieser Mittelbildung ist unbedenklich eine Verschiebung
    der Aufmerksamkeit von dem eigentlich Gemeinten zu einem in der
    Association nahe Liegenden vorgenommen worden.

    Das Studium des Injectionstraumes gestattet uns bereits einige
    Uebersicht über die Verdichtungsvorgänge bei der Traumbildung
    zu gewinnen. Wir konnten die Auswahl der mehrfach in den

  • S.

    204

    Traumgedanken vorkommenden Elemente, die Bildung neuer Ein-
    heiten (Sammelpersonen, Mischgebilde) und die Herstellung von
    mittleren Gemeinsamen als Einzelheiten der Verdichtungsarbeit
    erkennen. Wozu die Verdichtung dient und wodurch sie gefordert
    wird, werden wir uns erst fragen, wenn wir die psychischen Vor-
    gänge bei der Traumbildung im Zusammenhange erfassen wollen.
    Begnügen wir uns jetzt mit der Feststellung der Traumverdichtung
    als einer bemerkenswerthen Relation zwischen Traumgedanken und
    Trauminhalt.

    Am greifbarsten wird die Verdichtungsarbeit des Traumes,
    wenn sie Worte und Namen zu ihren Objecten gewählt hat. Worte
    werden vom Traum überhaupt häufig wie Dinge behandelt und
    erfahren dann dieselben Zusammensetzungen, Verschiebungen, Er-
    setzungen und also auch Verdichtungen wie die Dingvorstellungen.
    Komische und seltsame Wortschöpfungen sind das Ergebnis solcher
    Träume. Als mir einmal ein College einen von ihm verfassten
    Aufsatz überschickte, in welchem eine physiologische Entdeckung
    der Neuzeit nach meinem Urtheil überschätzt und vor Allem in
    überschwänglichen Ausdrücken abgehandelt war, da träumte ich
    die nächste Nacht einen Satz, der sich offenbar auf diese Abhandlung
    bezog: „Das ist ein wahrhaft norekdaler Styl.“ Die Auf-
    lösung des Wortgebildes bereitete mir anfänglich Schwierigkeiten;
    es war nicht zweifelhaft, dass es den Superlativen „kolossal,
    pyramidal“ parodistisch nachgeschaffen war; aber woher es stammte,
    war nicht leicht zu sagen. Endlich zerfiel mir das Ungethüm in
    die beiden Namen Nora und Ekdal aus zwei bekannten Schau-
    spielen von Ibsen. Von demselben Autor, dessen letztes Opus ich
    im Traum also kritisirte, hatte ich vorher einen Zeitungsaufsatz über
    Ibsen gelesen.

    II. Eine meiner Patientinnen theilt mir einen kurzen Traum mit,
    der in eine unsinnige Wortcombination ausläuft. Sie befindet sich
    mit ihrem Manne bei einer Bauernfestlichkeit und sagt dann: Das
    wird in einen allgemeinen „Maistollmütz“ ausgehen. Dabei
    im Traum der dunkle Gedanke, das sei eine Mehlspeise aus Mais, eine
    Art Polenta. Die Analyse zerlegt das Wort in Mais-
    toll-
    Olmütz, welche Stücke sich sämmtlich als Reste einer Con-
    versation bei Tisch mit ihren Verwandten erkennen lassen. Hinter
    Mais verbargen sich ausser der Anspielung auf die eben eröffnete
    Jubiläumsausstellung die Worte: Meissen (eine Meissner Porzellan-
    figur, die einen Vogel darstellt), Miss (die Engländerin ihrer Ver-
    wandten war nach Olmütz gereist) mies=ekel, übel im scherzhaft
    gebrauchten jüdischen Jargon, und eine lange Kette von Gedanken
    und Anknüpfungen ging von jeder der Silben des Wortklumpens ab.

    III. Ein junger Mann, bei dem ein Bekannter spät Abends ange-
    läutet hat, um eine Besuchskarte abzugeben, träumt in der darauf-
    folgenden Nacht: Ein Geschäftsmann wartet spät Abends,

  • S.

    205

    um den Zimmertelegraphen zu richten. Nachdem er weg-
    gegangen ist, läutet es noch immer nicht continuirlich,
    sondern nur in einzelnen Schlägen. Der Diener holt
    den Mann wieder, und der sagt: Es ist doch merk-
    würdig, dass auch Leute, die sonst tuterein sind, solche
    Angelegenheiten nicht zu behandeln verstehen.
    Der indifferente Traumanlass deckt, wie man sieht, nur eines
    der Elemente des Traumes. Zur Bedeutung ist er überhaupt nur
    gekommen, indem er sich an ein früheres Erlebnis des Träumers
    angereiht hat, das, an sich auch gleichgiltig, von seiner Phantasie
    mit stellvertretender Bedeutung ausgestattet wurde. Als Knabe, der
    mit seinem Vater wohnte, schüttete er einmal schlaftrunken ein
    Glas Wasser auf den Boden, so dass das Kabel des Zimmer-
    telegraphen duränkt wurde, und das continuirliche Läuten
    den Vater im Schlaf störte. Da das continuirliche Läuten dem Nass-
    werden entspricht, so werden dann „einzelne Schläge“ zur Dar-
    stellung des Tropfenfallens verwendet. Das Wort „tuterein“
    zerlegt sich aber noch drei Richtungen und zielt damit auf drei
    der in den Traumgedanken vertretenen Materien. „Tutel“=Cu-
    ratel bedeutet Vormundschaft; Tutel (vielleicht „Tuttel“) ist
    eine vulgäre Bezeichnung der weiblichen Brust, und der Bestandtheil
    „rein“ übernimmt die ersten Silben des Zimmertelegraphen um
    „Zimmerrein“ zu bilden, was mit dem Nassmachen des Fuss-
    bodens viel zu thun hat und überdies an einen der in der Fa-
    milie des Träumers vertretenen Namen anklingt.*)
    IV. In einem längeren wüsten Traum von mir, der eine Schiffs-
    reise zum scheinbaren Mittelpunkt hat, kommt es vor, dass die
    nächste Station Hearsing heisst, die nächst weitere aber Fliess.
    Letzteres ist der Name meines Freundes in B., der oft das Ziel
    meiner Reise gewesen ist. Hearsing aber ist combinirt aus den
    Ortsnamen unserer Wiener Localstrecke, die so häufig auf ing ausgehen:
    Hietzing, Liesing, Mödling (Medelitz, „meae deliciae“ der alte

    *)Die nämliche Zerlegung und Zusammensetzung der Silben – eine wahre
    Silbenchemie – dient uns im Wachen zu mannigfachen Scherzen. „Wie gewinnt
    man auf die Milligate Art Silber? Man begibt sich in eine Allee, in der Silber-
    pappeln stehen, gebietet Schweigen, dann hört das „Pappeln“ (Schwätzen) auf und
    das Silber wird frei.“ Der erste Leser und Kritiker dieses Buches hat mir den
    Einwand gemacht, den die späteren wahrscheinlich wiederholen werden, „dass der
    Träumer oft zu witzig erscheine“. Das ist richtig, so lange es nur auf den Träumer
    bezogen wird, involvirt einen Vorwurf nur dann, wenn es auf den Traumdeuter über-
    greifen soll. In der wachen Wirklichkeit kann ich wenig Anspruch auf das Prädicat
    „witzig“ erheben; wenn meine Träume witzig erscheinen, so liegt es nicht an meiner
    Person, sondern an den eigenthümlichen psychologischen Bedingungen, unter denen
    der Traum gearbeitet wird und hängt mit der Theorie des Witzigen und Komischen
    intim zusammen. Der Traum wird witzig, weil ihm der gerade und nächste Weg
    zum Ausdruck seiner Gedanken gesperrt ist; er wird es nothgedrungen. Die Leser
    können sich überzeugen, dass die Träume meiner Patienten den Eindruck des Witzigen
    (Witzelnden) im selben und im höheren Grade machen wie die meinen.

  • S.

    206

    Name, also „meine Freud“) und dem englischen Hearsay=Hören
    sagen, was auf Verleumdung deutet und die Beziehung zu dem
    indifferenten Traumreger des Tages herstellt, einem Gedicht in
    den „Fliegenden Blättern“ von einem verleumderischen Zwerg,
    „Sagter Hatergesag“. Durch Beziehung der Endsilbe „ing“ zum
    Namen Fliess gewinnt man „Vlissingen“, wirklich die Station
    der Seereise, die mein Bruder berührt, wenn er von England zu
    uns auf Besuch kommt. Der englische Name von Vlissingen
    lautet aber Flushing, was in englischer Sprache Erröthen bedeutet
    und an die Patientin mit „Erröthensangst“ mahnt, die ich behandle,
    auch an eine recente Publication Bechterews über diese Neurose,
    die mir Anlass zu ärgerlichen Empfindungen gegeben hat.

    V. Ein anderes Mal habe ich einen Traum, der aus zwei gesonderten
    Stücken besteht. Das erste ist das lebhaft erinnerte Wort „Auto
    didasker“, das andere deckt sich getreu mit einer vor Tagen
    producirten, kurzen und harmlosen Phantasie des Inhalts, dass ich
    dem Professor N., wenn ich ihn nächstens sehe, sagen muss: „Der
    Patient, über dessen Zustand ich Sie zuletzt consultirt habe, leidet
    wirklich nur an einer Neurose, ganz wie Sie vermuthet haben.“
    Das neugebildete „Autodidasker“ hat nun nicht nur der Anforderung
    zu genügen, dass es comprimirten Sinn enthält oder vertritt, es soll
    auch dieser Sinn in gutem Zusammenhange mit meinem aus dem
    Wachen wiederholten Vorsatze stehen, dem Professor N. jene Genug
    thuung zu geben.

    Nun zerlegt sich Autodidasker leicht in Autor, Autodidakt
    und Lasker, an den sich der Name Lasalle schliesst. Die ersten
    dieser Worte führen zu der – dieses Mal bedeutsamen – Veran
    lassung des Traumes. Ich hatte meiner Frau mehrere Bände eines
    bekannten Autors mitgebracht, mit dem mein Bruder befreundet ist,
    und der, wie ich erfahren habe, aus demselben Orte stammt wie
    ich (J. J. David). Eines Abends sprach sie mit mir über den
    tiefen Eindruck, den ihr die ergreifend traurige Geschichte eines
    verkommenen Talentes in einer der David’schen Novellen gemacht
    hatte, und unsere Unterhaltung wendete sich darauf den Spuren von
    Begabung zu, die wir an unseren eigenen Kindern wahrnehmen.
    Unter der Herrschaft des eben Gelesenen äusserte sie eine Besorgnis,
    die sich auf die Kinder bezog, und ich tröstete sie mit der Bemer
    kung, dass gerade solche Gefahren durch die Erziehung abgewendet
    werden können. In der Nacht ging mein Gedankengang weiter,
    nahm die Besorgnisse meiner Frau auf und erwarb allerlei Anderes
    damit. Eine Aeusserung, die der Dichter gegen meinen Bruder
    in Bezug auf das Heirathcn gethan hatte, zeigte meinen Gedanken
    einen Nebenweg, der zur Darstellung im Traum führen konnte.
    Dieser Weg leitete nach Breslau, wohin eine uns sehr befreundete
    Dame geheirathet hatte. Für die Besorgnis, am Weibe zu Grunde zu
    gehen, die den Kern meiner Traumgedanken bildete, fand ich in

  • S.

    207

    Breslau die Exempel Lasker und Lasalle auf, die mir gleich-
    zeitig die beiden Arten dieser Beeinflussung zum Unheil darzustellen
    gestatteten.*) Das „Cherchez la femme“, in dem sich diese Gedanken
    zusammenfassen lassen, bringt mich in anderem Sinn auf meinen noch
    unverheiratheten Bruder, der Alexander heisst. Nun merke ich,
    dass Alex, wie wir den Namen abkürzen, fast wie eine Umstellung
    von Lasker klingt, und dass dieses Moment mitgewirkt haben
    muss, meinen Gedanken die Umwegsrichtung über Breslau mit-
    zutheilen.

    Die Spielerei mit Namen und Silben, die ich hier treibe, enthält aber
    noch einen weiteren Sinn. Sie vertritt den Wunsch eines glücklichen
    Familienlebens für meinen Bruder und zwar auf folgendem Weg.
    In dem Künstlerroman L'oeuvre, der meinen Traumgedanken inhalt-
    lich nahe liegen muss, hat der Dichter bekanntlich sich selbst und
    sein eigenes Familienglück episodisch mitgeschildert und tritt darin unter
    dem Namen Sandoz auf. Wahrscheinlich hat er bei der Namensver-
    wandlung folgenden Weg eingeschlagen. Zola gibt umgekehrt
    (wie die Kinder so gerne zu thun pflegen) Aloz. Das war ihm
    wohl noch zu unverhüllt; darum ersetzte sich ihm die Silbe Al, die
    auch den Namen Alexander einleitet, durch die dritte Silbe desselben
    Namens sand, und so kam Sandoz zu Stande. So ähnlich entstand
    also auch mein Autodidasker.

    Meine Phantasie, dass ich Professor N. erzähle, der von uns
    Beiden gesehene Kranke leide nur an einer Neurose, ist auf folgende
    Weise in den Traum gekommen. Kurz vor Schluss meines Arbeits-
    jahres bekam ich einen Patienten, bei dem mich meine Diagnostik
    im Stiche liess. Es war ein schweres organisches Leiden, vielleicht
    eine Rückenmarksveränderung anzunehmen, aber nicht zu beweisen.
    Eine Neurose zu diagnosticiren wäre verlockend gewesen und hätte
    allen Schwierigkeiten ein Ende bereitet, wenn nicht die sexuelle
    Anamnese, ohne die ich keine Neurose anerkennen will, vom Kranken
    so energisch in Abrede gestellt worden wäre. In meiner Verlegen-
    heit rief ich den Arzt zur Hilfe, den ich menschlich am meisten
    verehre (wie Andere auch), und vor dessen Autorität ich mich am
    ehesten beuge. Er hörte meine Zweifel an, hiess sie berechtigt
    und meinte dann: „Beobachten Sie den Mann weiter, es wird eine
    Neurose sein.“ Da ich weiss, dass er meine Ansichten über die
    Aetiologie der Neurosen nicht theilt, hielt ich meinen Widerspruch
    zurück, verbarg aber nicht meinen Unglauben. Einige Tage später
    machte ich dem Kranken die Mittheilung, dass ich mit ihm nichts
    anzufangen wisse, und rieth ihm, sich an einen Anderen zu wenden.
    Da begann er zu meiner höchsten Ueberraschung, mich um Ver-
    zeihung zu bitten, dass er mich belogen habe; er habe sich so sehr


    *)Lasker starb an progressiver Paralyse, also an den Folgen der beim
    Weib erworbenen Infection (Lues); Lasalle, wie bekannt, im Duell wegen einer Dame.

  • S.

    208

    VI. Die Traumarbeit.

    geschämt, und nun enthüllte er mir gerade das Stück sexueller
    Aetiologie, das ich erwartet hatte, und dessen ich zur Annahme
    einer Neurose bedurfte. Mir war es eine Erleichterung, aber auch
    gleichzeitig eine Beschämung; ich musste mir zugestehen, dass mein
    Consiliarius, durch die Berücksichtigung der Anamnese unbeirrt,
    richtiger gesehen hatte. Ich nahm mir vor, es ihm zu sagen, wenn
    ich ihn wiedersehe, ihm zu sagen, dass er Recht gehabt habe und
    ich Unrecht.

    Gerade dies thue ich nun im Traum. Aber was für Wunsch-
    erfüllung soll es denn sein, wenn ich bekenne, dass ich Unrecht
    habe? Gerade das ist mein Wunsch: ich möchte Unrecht haben
    mit meinen Befürchtungen, resp. ich möchte, dass meine Frau, deren
    Befürchtungen ich in den Traumgedanken mir angeeignet habe,
    Unrecht behält. Das Thema, auf welches sich das Recht- oder
    Unrechtbehalten im Traum bezieht, ist von dem für die Traum-
    gedanken wirklich interessanten nicht weit ab gelegen. Dieselbe
    Alternative der organischen oder der functionellen Schädigung
    durch das Weib, eigentlich durch das Sexualleben: Tabes-Paralyse
    oder Neurose, an welch letztere sich die Art des Unterganges von
    Lasalle lockerer anreiht.

    Professor N. spielt in diesem festgefügten (und bei sorgfältiger
    Deutung ganz durchsichtigen) Traum nicht nur wegen dieser Analogie
    und wegen meines Wunsches, Unrecht zu behalten, eine Rolle –
    auch nicht wegen seiner nebenher gehenden Beziehungen zu Breslau
    und zur Familie unserer dorthin verheiratheten Freundin – sondern
    auch wegen folgender kleinen Begebenheit, die sich an unsere
    Consultation anschloss. Nachdem er mit jener Vermuthung die
    ärztliche Aufgabe erledigt hatte, wandte sich sein Interesse persön-
    lichen Dingen zu. „Wie viel Kinder haben Sie jetzt?“ – „Sechs.“
    – Eine Geberde von Respect und Bedenklichkeit. – „Mädel,
    Buben?“ – „Drei und drei, das ist mein Stolz und mein Reich-
    thum.“ – „Nun, geben Sie Acht, mit den Mädeln geht es ja gut,
    aber die Buben machen Einem später Schwierigkeiten in der
    Erziehung.“ – Ich wendete ein, dass sie bis jetzt recht zahm
    geblieben sind; offenbar behagte mir diese zweite Diagnose über die
    Zukunft meiner Buben ebenso wenig wie die früher gefällte, dass
    mein Patient nur eine Neurose habe. Diese beiden Eindrücke sind
    also durch Contiguität, durch das Erleben in einem Zuge verbunden,
    und wenn ich die Geschichte von der Neurose in den Traum nehme,
    ersetze ich durch sie die Rede über die Erziehung, die noch mehr
    Zusammenhang mit den Traumgedanken aufweist, da sie so nahe
    an die später geäusserten Besorgnisse meiner Frau rührt. So finde
    selbst meine Angst, dass N. mit den Bemerkungen über die Erziehungs-
    schwierigkeiten bei den Buben Recht behalten möge, Eingang in
    den Trauminhalt, indem sie sich hinter der Darstellung meines
    Wunsches, dass ich mit solchen Befürchtungen Unrecht haben möge,

  • S.

    209

    verbirgt. Dieselbe Phantasie dient unverändert der Darstellung
    beider gegensätzlichen Glieder der Alternative.
    Diese Wortverbildungen des Traumes ähneln sehr den bei der
    Paranoia bekannten, die aber auch bei Hysterie und Zwangsvor-
    stellungen nicht vermisst werden. Die Sprachkünste der Kinder,
    die zu gewissen Zeiten die Worte thatsächlich wie Objecte behandeln,
    auch neue Sprachen und arteficielle Wortfügungen erfinden, sind
    für den Traum wie für die Psychoneurosen hier die gemeinsame Quelle.
    Wo in einem Traum Reden vorkommen, die ausdrücklich
    als solche von Gedanken unterschieden werden, da gilt als aus-
    nahmslose Regel, dass Traumrede von erinnerter Rede im Traum-
    material abstammt. Der Wortlaut der Rede ist entweder unversehrt
    erhalten oder leise im Ausdruck verschoben; häufig ist die Traum-
    rede aus verschiedenen Redeerinnerungen zusammengestückelt; der
    Wortlaut dabei das sich gleich gebliebene, den Sinn wo möglich mehr
    oder andersdeutig verändert. Die Traumrede dient nicht selten als
    blosse Anspielung auf ein Ereignis, bei dem die erinnerte Rede vorfiel.

    b) Die Verschiebungsarbeit.

    Eine andere, wahrscheinlich nicht minder bedeutsame, Relation
    musste uns bereits auffallen, während wir die Beispiele für die
    Traumverdichtung sammelten. Wir konnten bemerken, dass die
    Elemente, welche im Trauminhalt sich als die wesentlichen Bestand-
    theile hervordrängen, in den Traumgedanken keineswegs die gleiche
    Rolle spielen. Als Correlat dazu kann man auch die Umkehrung
    dieses Satzes aussprechen. Was in den Traumgedanken offenbar
    der wesentliche Inhalt ist, braucht im Traum gar nicht vertreten zu
    sein. Der Traum ist gleichsam anders centrirt, sein Inhalt um
    andere Elemente als Mittelpunkt geordnet als die Traumgedanken.
    So z. B. ist im Traum von der botanischen Monographie Mittelpunkt
    des Trauminhaltes offenbar das Element „botanisch“; in den Traum-
    gedanken handelt es sich um die Complicationen und Conflicte, die
    sich aus verpflichtenden Leistungen zwischen Collegen ergeben,
    in weiterer Folge um den Vorwurf, dass ich meinen Liebhabereien
    allzu grosse Opfer zu bringen pflege, und das Element „botanisch“
    findet in diesem Kern der Traumgedanken überhaupt keine Stelle,
    wenn es nicht durch eine Gegensätzlichkeit locker damit verbunden
    ist, denn Botanik hatte niemals einen Platz unter meinen Lieblings-
    studien. In dem Sapphotraum meines Patienten ist das Auf- und
    Niedersteigen, Oben- und Untensein zum Mittelpunkt gemacht;
    der Traum handelt aber von den Gefahren sexueller Beziehungen zu
    niedrig stehenden Personen, so dass nur eines der Elemente der Traum-
    gedanken, dies aber in ungebührlicher Verbreiterung, in den Traum-
    inhalt eingegangen scheint. Aehnlich ist im Traum von den Maikäfern,
    welcher die Beziehungen der Sexualität zur Grausamkeit zum Thema
    hat, zwar das Moment der Grausamkeit im Trauminhalt wieder-
     

  • S.

    210

    VI. Die Traumarbeit.

    erschienen, aber in andersartiger Verknüpfung und ohne Erwähnung
    des Sexuellen, also aus dem Zusammenhang gerissen und dadurch
    zu etwas Fremdem umgestaltet. In dem Onkeltraum wiederum
    scheint der blonde Bart, der dessen Mittelpunkt bildet, ausser aller
    Sinnbeziehung zu den Grössenwünschen, die wir als den Kern der
    Traumgedanken erkannt haben. Solche Träume machen dann mit
    gutem Recht einen „verschobenen“ Eindruck, im vollen Gegensatz
    zu diesen Beispielen zeigt dann der Traum von Irma’s Injection,
    dass bei der Traumbildung die einzelnen Elemente auch wohl den
    Platz behaupten können, den sie in den Traumgedanken einnehmen.
    Die Kenntnisnahme dieser neuen, in ihrem Sinne durchaus inkonstanten,
    Relation zwischen Traumgedanken und Trauminhalt ist zunächst
    geeignet, unsere Verwunderung zu erregen. Wenn wir bei einem
    psychischen Vorgang des Normallebens finden, dass eine Vor-
    stellung aus mehreren anderen herausgegriffen wurde und für das
    Bewusstsein besondere Lebhaftigkeit erlangt hat, so pflegen wir
    diesen Erfolg als Beweis dafür anzusehen, dass der siegenden Vor-
    stellung eine besonders hohe psychische Werthigkeit (ein gewisser
    Grad von Interesse) zukommt. Wir machen nun die Erfahrung, dass
    diese Werthigkeit der einzelnen Elemente in den Traumgedanken
    für die Traumbildung nicht erhalten bleibt oder nicht in Betracht
    kommt. Es ist ja kein Zweifel darüber, welches die höchstwerthigen
    Elemente der Traumgedanken sind; unser Urtheil sagt es uns
    unmittelbar. Bei der Traumbildung können diese wesentlichen, mit
    intensivem Interesse betonten Elemente nun so behandelt werden, als
    ob sie minderwerthig wären, und an ihre Stelle treten im Traum
    andere Elemente, die in den Traumgedanken sicherlich minder-
    werthig waren. Es macht zunächst den Eindruck, als käme die
    psychische Intensität*) der einzelnen Vorstellungen für die Traumaus-
    wahl überhaupt nicht in Betracht, sondern blos die mehr oder minder
    vielseitige Determinirung derselben. Nicht was in den Traum-
    gedanken wichtig ist, kommt in den Traum, sondern was in ihnen
    mehrfach enthalten, könnte man meinen; das Verständnis der
    Traumbildung wird aber durch diese Annahme nicht sehr gefördert,
    denn von vorne herein wird man nicht glauben können, dass die
    beiden Momente der mehrfachen Determinirung und der eigenen
    Werthigkeit bei der Traumauswahl anders als gleichsinnig wirken
    können. Jene Vorstellungen, welche in den Traumgedanken die
    wichtigsten sind, werden wohl auch die am häufigsten in ihnen
    wiederkehrenden sein, da von ihnen wie von Mittelpunkten die
    einzelnen Traumgedanken ausstrahlen. Und doch kann der Traum
    diese intensiv betonten und vielseitig unterstützten Elemente ablehnen
    und andere Elemente, denen nur die letztere Eigenschaft zukommt,
    in seinen Inhalt aufnehmen.

    *)Psychische Intensität, Werthigkeit, Interessebetonung einer Vorstellung ist
    natürlich von ähnlicher Intensität, Intensität des Vorgestellten, gesondert zu halten.

  • S.

    211

    Zur Lösung dieser Schwierigkeit wird man einen anderen
    Eindruck verwenden, den man bei der Untersuchung der Ueber-
    determinirung des Trauminhaltes empfangen hat. Vielleicht hat
    schon mancher Leser dieser Untersuchung bei sich geurtheilt, die
    Ueberdeterminirung der Traumelemente sei kein bedeutsamer Fund,
    weil sie ein selbstverständlicher ist. Man geht ja bei der Analyse
    von den Traumelementen aus und verzeichnet alle Einfälle, die sich
    an dieselben knüpfen; kein Wunder dann, dass in dem so gewonnenen
    Gedankenmaterial eben diese Elemente sich besonders häufig wieder-
    finden. Ich könnte diesen Einwand nicht gelten lassen, werde aber
    selbst etwas ihm ähnlich Klingendes zur Sprache bringen: Unter den
    Gedanken, welche die Analyse zu Tage fördert, finden sich viele,
    die dem Kern des Traumes ferner stehen und die sich wie künst-
    liche Einschaltungen zu einem gewissen Zwecke ausnehmen. Der
    Zweck derselben ergibt sich leicht; gerade sie stellen eine Ver-
    bindung, oft eine gezwungene und gesuchte Verbindung, zwischen
    Trauminhalt und Traumgedanken her, und wenn diese Elemente
    aus der Analyse ausgemerzt würden, entfiele für die Bestandtheile
    des Trauminhaltes oftmals nicht nur die Ueberdeterminirung, sondern
    überhaupt eine genügende Determinirung durch die Traumgedanken.
    Wir werden so zum Schlusse geleitet, dass die mehrfache Deter-
    minirung, die für die Traumausswahl entscheidet, wohl nicht immer
    ein primäres Moment der Traumbildung, sondern oft ein secundäres
    Ergebnis einer uns noch unbekannten psychischen Macht ist. Sie
    muss aber bei alledem für das Eintreten der einzelnen Elemente
    in den Traum von Bedeutung sein, denn wir können beobachten,
    dass sie mit einem gewissen Aufwand hergestellt wird, wo sie sich
    aus dem Traummateríal nicht ohne Nachhilfe ergibt.

    Es liegt nun der Einfall nahe, dass bei der Traumarbeit eine
    psychische Macht sich äussert, die einerseits die psychisch hoch-
    werthigen Elemente ihrer Intensität entkleidet, und andererseits
    auf dem Wege der Ueberdeterminirung aus minderwerthigen
    neue Werthigkeiten schafft, die dann in den Traumgedanken gelangen.
    Wenn das so zugeht, so hat bei der Traumbildung eine Ueber-
    tragung und Verschiebung der psychischen Intensitäten
    der einzelnen Elemente stattgefunden, als deren Folge die Textver-
    schiedenheit von Trauminhalt und Traumgedanken erscheint. Der
    Vorgang, den wir so supponiren, ist geradezu das wesentliche Stück
    der Traumarbeit; er verdient den Namen der Traumver-
    schiebung. Traumverschiebung und Traumverdichtung
    sind die beiden Werkmeister, deren Thätigkeit wir die Gestaltung des
    Traumes hauptsächlich zuschreiben dürfen.

    Ich denke, wir haben es auch leicht, die psychische Macht,
    die sich in den Thatsachen der Traumverschiebung äussert, zu
    erkennen. Der Erfolg dieser Verschiebung ist, dass der Traum-
    inhalt dem Kern der Traumgedanken nicht mehr gleich sieht, dass

  • S.

    212

    der Traum nur eine Entstellung des Traumwunsches im Unbewussten
    wiedergibt. Die Traumentstellung aber ist uns bereits bekannt; wir haben
    sie auf die Censur zurückgeführt, welche die eine psychische Instanz
    im Gedankenleben gegen eine andere ausübt. Die Traumverschiebung
    ist eines der Hauptmittel zur Erzielung dieser Entstellung. Is fecit,
    cui profuit. Wir dürfen annehmen, dass die Traumverschiebung
    durch den Einfluss jener Censur, der endopsychischen Abwehr, zu
    Stande kommt.

    In welcher Weise die Momente der Verschiebung, Verdichtung
    und Ueberdeterminirung bei der Traumbildung in einander spielen,
    welches der übergeordnete und welches der nebensächliche Factor
    wird, das würden wir späteren Untersuchungen vorbehalten. Vorläufig
    können wir als eine zweite Bedingung, der die in den Traum ge-
    langenden Elemente genügen müssen, angeben, dass sie der Censur
    des Widerstandes entzogen seien. Die Traumverschiebung
    aber wollen wir von nun an als unzweifelhafte Thatsache bei der
    Traumdeutung in Rechnung ziehen.

    c) Die Darstellungsmittel des Traumes.

    Ausser den beiden Momenten der Traumverdichtung und
    Traumverschiebung, die wir bei der Verwandlung des latenten
    Gedankenmateriales in den manifesten Trauminhalt als wirksam auf
    gefunden haben, werden wir bei der Fortführung dieser Untersuchung
    noch zwei weiteren Bedingungen begegnen, die unzweifelhaften Ein-
    fluss auf die Auswahl des in den Traum gelangenden Materiales
    üben. Vorher möchte ich, selbst auf die Gefahr hin, dass wir auf
    unserem Wege Halt zu machen scheinen, einen ersten Blick auf
    die Vorgänge bei der Ausführung der Traumdeutung werfen. Ich
    verhehle mir nicht, dass es am ehesten gelingen würde, dieselben
    klarzustellen und ihre Zuverlässigkeit gegen Einwendungen zu sichern,
    wenn ich einen einzelnen Traum zum Muster nähme. Seine Deutung
    entwickle, wie ich es in Abschnitt II. bei dem Traum von
    Irma’s Injection gezeigt habe, dann aber die Traumgedanken, die
    ich aufgedeckt habe, zusammenstelle, und nun die Bildung des
    Traumes aus ihnen reconstruire, also die Analyse der Träume durch
    eine Synthese derselben ergänze. Diese Arbeit habe ich an mehreren
    Beispielen zu meiner eigenen Belehrung vollzogen; ich kann sie
    aber hier nicht aufnehmen, weil mannigfache und von jedem billig-
    Denkenden gutheissende Rücksichten auf das psychische Material
    zu dieser Demonstration mich daran verhindern. Bei der Analyse
    der Träume störten diese Rücksichten weniger, denn die Analyse
    durfte unvollständig sein und behielt ihren Werth, wenn sie auch
    nur ein Stück weit in das Gewebe des Traumes hineinführte. Von
    der Synthese wüsste ich es nicht anders, als dass sie, um zu über-
    zeugen, vollständig sein muss. Eine vollständige Synthese könnte ich
    nur von Träumen solcher Personen geben, die dem lesenden Publicum

  • S.

    213

    unbekannt sind. Da aber nur Patienten, Neurotiker, mir dazu die
    Mittel bieten, so muss dies Stück Darstellung des Traumes einen
    Aufschub erfahren, bis ich – an anderer Stelle – die psychologische
    Aufklärung der Neurose so weit führen kann, dass der Anschluss
    an unser Thema herzustellen ist.

    Aus meinen Versuchen, Träume aus den Traumgedanken
    synthetisch herzustellen, weis ich, dass das bei der Deutung sich er-
    gebende Material von verschiedenartigem Werth ist. Den einen Theil
    desselben bilden die wesentlichen Traumgedanken, die also den Traum
    voll ersetzen und allein zu dessen Ersatz hinreichen würden, wenn
    es für den Traum keine Censur gäbe. Den anderen Theil kann man
    unter dem Namen „Collateralen“ zusammenfassen; in ihrer Ge-
    sammheit stellen sie die Wege dar, auf denen der wirkliche Wunsch,
    der sich aus den Traumgedanken erhebt, in den Traumwunsch
    übergeführt wird. Von diesen „Collateralen“ besteht ein erster An-
    theil aus Anknüpfungen an die eigentlichen Traumgedanken, welche,
    schematisch genommen, Verschiebungen vom Wesentlichen auf’s
    Nebensächliche entsprechen. Ein zweiter Antheil umfasst die Ge-
    danken, welche diese durch Verschiebung bedeutsam gewordenen,
    nebensächlichen Materialien unter sich verbinden und von ihnen bis zum
    Trauminhalt reichen. Ein dritter Antheil endlich enthält die Einfälle
    und Gedankenverbindungen, durch die man bei der Deutungsarbeit
    vom Trauminhalt zu den mittleren Collateralen geräth, und die nothwendig sämmtlich auch bei der Traumbildung betheiligt
    gewesen sein müssen.

    Uns interessiren an dieser Stelle ausschliesslich die wesentlichen
    Traumgedanken. Diese enthüllen sich zumeist als ein Complex von
    Gedanken und Erinnerungen vom allerverwickeltsten Aufbau mit
    allen Eigenschaften des uns aus dem Wachen bekannten Gedanken-
    gänge. Nicht selten sind es Gedankenzüge, die von mehr als einem
    Centrum ausgehen, aber der Berührungspunkte nicht entbehren;
    fast regelmässig steht neben einem Gedankengang sein contradictio-
    risches Widerspiel, durch Contrastassociation mit ihm verbunden.

    Die einzelnen Stücke dieses complicirten Gebildes stehen
    natürlich in den mannigfaltigsten logischen Relationen zu einander.
    Sie bilden Vorder- und Hintergrund, Abschweifungen und Erläute-
    rungen, Bedingungen, Beweisgänge und Einsprüche. Wenn dann
    die ganze Masse dieser Traumgedanken der Pressung der Traum-
    arbeit unterliegt, wobei die Stücke gedreht, zerbröckelt und zu-
    sammengeschoben werden, etwa wie treibendes Eis, so entsteht die
    Frage, was aus den logischen Banden wird, welche bishin das Ge-
    füge gebildet hatten. Welche Darstellung erfahren im Traum das
    „Wenn, weil, gleichwie, obgleich, entweder – oder und alle anderen
    Präpositionen, ohne die wir Satz und Rede nicht verstehen können?“

    Man muss zunächst darauf antworten, der Traum hat für diese
    logischen Relationen unter den Traumgedanken keine Mittel der Darstel-

  • S.

    214

    lung zur Verfügung. Zumeist lässt er all' diese Präpositionen unberück-
    sichtigt und übernimmt nur den sachlichen Inhalt der Traumgedanken
    zur Bearbeitung. Der Traumdeutung bleibt es überlassen, den Zu-
    sammenhang wieder herzustellen, den die Traumarbeit vernichtet hat.

    Es muss am psychischen Material liegen, in dem der Traum
    gearbeitet ist, wenn ihm diese Ausdrucksfähigkeit abgeht. In einer
    ähnlichen Beschränkung befinden sich ja die darstellenden Künste
    Malerei und Plastik im Vergleich zur Poesie, die sich der Rede be-
    dienen kann, und auch hier liegt der Grund des Unvermögens in
    dem Material, durch dessen Bearbeitung die beiden Künste etwas
    zum Ausdruck zu bringen streben. Ehe die Malerei zur Kenntnis
    der für sie giltigen Gesetze des Ausdrucks gekommen war, bemühte
    sie sich noch, diesen Nachtheil auszugleichen. Aus dem Munde der
    gemalten Personen liess man auf alten Bildern Zettelchen heraus-
    hängen, welche als Schrift die Rede brachten, die im Bilde darzu-
    stellen der Maler verzweifelte.

    Vielleicht wird sich hier ein Einwand erheben, der für den Traum
    den Verzicht auf die Darstellung logischer Relationen bestreitet. Es
    gibt ja Träume, in welchen die complicirtesten Geistesoperationen vor
    sich gehen, begründet und widersprochen, gewitzelt und verglichen wird
    wie im wachen Denken. Allein auch hier trügt der Schein; wenn man
    auf die Deutung solcher Träume eingeht, erfährt man, dass das alles
    Traummaterial ist, nicht Darstellung intellectueller
    Arbeit im Traum. Der Inhalt der Traumgedanken ist
    durch das scheinbare Denken des Traumes wiedergegeben, nicht die
    Beziehungen der Traumgedanken zu einander, in deren
    Feststellung das Denken besteht. Ich werde hiefür Beispiele erbringen.
    Am leichtesten ist es aber zu constatiren, dass alle Reden, die in
    Träumen vorkommen und die ausdrücklich als solche bezeichnet
    werden, unveränderte oder nur wenig modificirte Nachbildungen von
    Reden sind, die sich ebenso in den Erinnerungen des Traummateriates
    vorfinden. Die Rede ist oft nur eine Anspielung auf ein in den Traum-
    gedanken enthaltenes Ereignis; der Sinn des Traumes ein ganz anderer.

    Allerdings werde ich nicht bestreiten, dass auch kritische Denk-
    arbeit, die nicht einfach Material aus den Traumgedanken wiederholt,
    ihren Antheil an der Traumbildung nimmt. Den Einfluss dieses
    Factors werde ich zu Ende dieser Erörterung beleuchten müssen.
    Es wird sich dann ergeben, dass diese Denkarbeit nicht durch die
    Traumgedanken, sondern durch den in gewissem Sinne bereits
    fertigen Traum hervorgerufen wird.

    Es bleibt also vorläufig dabei, dass die logischen Relationen zwischen
    den Traumgedanken im Traume eine besondere Darstellung nicht
    finden. Wo sich z. B. Widerspruch im Traum findet, da ist es ent-
    weder Widerspruch gegen den Traum oder Widerspruch aus dem
    Inhalt eines der Traumgedanken; einem Widerspruch zwischen
    den Traumgedanken, entspricht der Widerspruch im Traum nur
    in höchst indirect vermittelter Weise.

  • S.

    215

    Wie es aber endlich der Malerei gelungen ist, wenigstens die
    Redeabsicht der dargestellten Personen, Zärtlichkeit, Drohung,
    Verwarnung u. dgl. anders zum Ausdruck zu bringen als durch
    den flatternden Zettel, so hat sich auch für den Traum die Möglich-
    keit ergeben, einzelnen der logischen Relationen zwischen seinen
    Traumgedanken durch eine zugehörige Modification der eigentüm-
    lichen Traumdarstellung Rücksicht zuzuwenden. Man kann die Er-
    fahrung machen, dass die verschiedenen Träume in dieser Berück-
    sichtigung verschieden weit gehen; während sich der eine Traum
    über das logische Gefüge seines Materials völlig hinaussetzt, sucht
    ein anderer dasselbe möglichst vollständig anzudeuten. Der Traum
    entfernt sich hierin mehr oder weniger weit von dem ihm zur Be-
    arbeitung vorliegenden Text. Aehnlich wechselnd benimmt sich der
    Traum übrigens auch gegen das zeitliche Gefüge der Traumgedanken,
    wenn ein solches im Unbewussten hergestellt ist (wie z. B. im Traum
    von Irma’s Injection).

    Durch welche Mittel vermag aber die Traumarbeit die schwer
    darstellbaren Relationen im Traummaterial anzudeuten? Ich werde
    versuchen, sie einzeln aufzuzählen.

    Zunächst wird der Traum dem unleugbar vorhandenen Zu-
    sammenhang zwischen allen Stücken der Traumgedanken dadurch
    im Ganzen gerecht, dass er dieses Material in einer Zusammenfassung
    als Situation oder Vorgang vereinigt. Er gibt logischen Zu-
    sammenhang wieder als Gleichzeitigkeit; er verfährt darin
    ähnlich wie der Maler, der alle Philosophen oder Dichter zum Bild
    einer Schule von Athen oder des Parnass zusammenstellt, die
    niemals in einer Halle oder auf einem Berggipfel beisammen gewesen
    sind, wohl aber für die denkende Betrachtung eine Gemeinschaft
    bilden.

    Diese Darstellungsweise setzt der Traum in’s Einzelne fort. So
    oft er zwei Elemente nahe bei einander zeigt, bürgt er für einen
    besonders innigen Zusammenhang zwischen ihren Entsprechenden in
    den Traumgedanken. Es ist, wie in unserem Schriftsystem, ab be-
    deutet, dass die beiden Buchstaben in einer Silbe ausgesprochen
    werden sollen. a und b nach einer freien Lücke lässt a als den
    letzten Buchstaben des einen Wortes und b als den ersten eines
    anderen Wortes erkennen. Demzufolge bilden sich die Traumcombi-
    nationen nicht aus beliebigen, völlig disparaten Bestandtheilen des
    Traummaterials, sondern aus solchen, die auch in den Traumgedanken
    in innigerem Zusammenhange stehen.

    Die Causalbeziehungen darzustellen hat der Traum zwei Ver-
    fahren, die im Wesen auf dasselbe hinauslaufen. Die häufigere Dar-
    stellungsweise, wenn die Traumgedanken etwa lauten: Weil dies so
    und so war, musste dies und jenes geschehen, besteht darin, den
    Nebensatz als Vortraum zu bringen und dann den Hauptsatz als
    Haupttraum anzufügen. Wenn ich recht gedeutet habe, kann die

  • S.

    216

    Zeitfolge auch die
    der breiter ausgeführte Theil des Traumes.

    Ein schönes Beispiel von solcher Darstellung der Causalität
    hat mir einmal eine Patientin geliefert, deren Traum ich späterhin
    vollständig mittheilen werde. Er bestand aus einem kurzem Vorspiel
    und einem sehr weitläufigen Traumstück, das in hohem Grade cen--
    trirt war und etwa überschrieben werden konnte: Durch die Blume.
    Der Vortraum lautete so: Sie geht in die Küche zu den
    beiden Mädchen und tadelt sie, dass sie nicht fertig
    werden „mit dem Bissel Essen“.1) Dabei sieht sie sehr
    viel grobes Küchengeschirr zum Abtropfen umgestürzt
    in der Küche stehen, und zwar in Haufen auf einander
    gestellt. Die beiden Mägde gehen Wasser holen und
    müssen dabei wie in einen Fluss steigen, der bis an’s
    Haus oder in den Hof reicht.

    Dann folgt der Haupttraum, der sich so einleitet: Sie steigt
    von hoch herab, über eigenthümlich gebildete Geländer,
    und freut sich, dass ihr Kleid dabei nirgends hängen
    bleibt u. s. w. Der Vortraum bezieht sich nun auf das elterliche
    Haus der Dame. Die Worte in der Küche hat sie wohl oft so von
    ihrer Mutter gehört. Die Haufen von rohem Geschirr stammen aus
    der einfachen Geschirrhandlung, die sich in demselben Hause befand.
    Der zweite Theil des Traumes enthält eine Anspielung auf den Vater,
    der sich viel mit Dienstmädchen zu schaffen machte und dann bei
    einer Überschwemmung – das Haus stand nahe am Ufer des
    Flusses – sich eine tödtliche Erkrankung holte. Der Gedanke, der
    sich hinter diesem Vortraum verbirgt, heisst also: Weil ich aus diesem
    Hause, aus so kleinlichen und unerquicklichen Verhältnissen stamme.
    Der Haupttraum nimmt denselben Gedanken wieder auf und bringt
    ihn in durch Wunscherfüllung verwandelter Form: Ich bin von
    hoher Abkunft. Eigentlich also: Weil ich von so niedriger Abkunft
    bin, war mein Lebenslauf so und so.

    Soviel ich sehe, bedeutet eine Theilung des Traumes in zwei
    ungleiche Stücke nicht jedesmal eine causale Beziehung zwischen den
    Gedanken der beiden Stücke. Oft scheint es, als ob in den beiden
    Träumen dasselbe Material von verschiedenen Gesichtspunkten aus
    dargestellt würde; oder die beiden Träume sind aus gesonderten Centren
    im Traummaterial hervorgegangen und überschneiden einander im
    Inhalt, so dass in dem einen Traumcentrum ist, was im anderen als
    Andeutung mitwirkt und umgekehrt. In einer gewissen Anzahl von
    Träumen bedeutet aber die Spaltung in kürzeren Vor- und längeren
    Nachtraum thatsächlich causale Beziehung zwischen beiden Stücken.
    Die andere Darstellungsweise des Causalverhältnisses findet Anwendung
    bei minder umfangreichem Material und besteht darin, dass ein Bild
    im Traume, sei es einer Person oder einer Sache, sich in ein anderes
    verwandelt. Nur wo wir diese Verwandlung im Traume vor sich

  • S.

    217

    Causalrelation, Alternative, Widerspruch.

    gehen sehen, wird der causale Zusammenhang ernstlich behauptet;
    nicht wo wir blos merken, es sei an Stelle des Einen jetzt das Andere
    gekommen. Ich sagte, die beiden Verfahren, Causalbeziehung darzu-
    stellen, liefen auf dasselbe hinaus; in beiden Fällen wird die Ver-
    ursachung dargestellt durch ein Nacheinander, einmal durch
    das Aufeinanderfolgen der Träume, das andere Mal durch die un-
    mittelbare Verwandlung eines Bildes in ein anderes. In den aller-
    meisten Fällen freilich wird die Causalrelation überhaupt nicht dar-
    gestellt, sondern fällt unter das auch im Traumvorgang unvermeidliche
    Nacheinander der Elemente.

    Die Alternative „Entweder–Oder“ kann der Traum überhaupt
    nicht ausdrücken; er pflegt die Glieder derselben wie gleichberechtigt
    in einen Zusammenhang aufzunehmen. Ein classisches Beispiel hiefür
    enthält der Traum von Irma’s Injection. In dessen latenten Gedanken
    heisst es offenbar: Ich bin unschuldig an dem Fortbestand von Irma’s
    Schmerzen; die Schuld liegt entweder an ihrem Sträuben gegen
    die Annahme der Lösung oder daran, dass sie unter ungünstigen
    sexuellen Bedingungen lebt, die ich nicht ändern kann, oder ihre
    Schmerzen sind überhaupt nicht hysterischer, sondern organischer
    Natur. Der Traum vollzieht aber alle diese einander fast aus-
    schliessenden Möglichkeiten und nimmt keinen Anstoss, aus dem
    Traumwunsch eine vierte solche Lösung hinzuzufügen. Das Ent-
    weder–Oder habe ich dann nach der Traumdeutung in den
    Zusammenhang der Traumgedanken eingesetzt.

    Wo aber der Erzähler bei der Reproduction des Traumes
    ein Entweder–Oder gebrauchen möchte: Es war entweder ein
    Garten oder ein Wohnzimmer u. s. w., da kommt in den Traum-
    gedanken nicht etwa eine Alternative, sondern ein „und“, eine einfache
    Anreihung, vor. Mit Entweder–Oder beschreiben wir zumeist
    einen noch auflösbaren Charakter von Verschwommenheit an einem
    Traumelemente. Die Deutungsregel für diesen Fall lautet: Die
    einzelnen Glieder der scheinbaren Alternative sind einander gleich-
    zu setzen und durch „und“ zu verbinden. Ich träume z. B., nach-
    dem ich längere Zeit vergeblich auf die Adresse meines in Italien
    weilenden Freundes gewartet habe, dass ich ein Telegramm erhalte,
    welches mir diese Adresse mittheilt. Ich sehe sie in blauem Druck
    auf den Papierstreifen des Telegrammes; das erste Wort ist ver-
    schwommen, etwa Via,
    oder Villa, das zweite deutlich: Sezerno.
    oder sogar (Casa).

    Das zweite Wort, das an italienische Namen anklingt, und mich
    an unsere etymologischen Besprechungen erinnert, drückt auch
    meinen Aerger aus, dass er seinen Aufenthalt so lange vor mir
    geheim gehalten; jedes der Glieder aber des Ternavorschlages
    zum ersten Wort lässt sich bei der Analyse als selbständiger und
    gleichberechtigter Ausgangspunkt der Gedankenverkettung erkennen.

  • S.

    218

    In der Nacht vor dem Begräbnis meines Vaters träume ich
    von einer bedruckten Tafel, einem Placat oder Anschlagezettel,
    etwa wie die das Rauchverbot verkündenden Zetteln in den Warte-
    sälen der Eisenbahnen – auf dem zu lesen ist, entweder:

    Man bittet, die Augen zuzudrücken.
    oder

    Man bittet, ein Auge zuzudrücken.

    was ich in folgender Form darzustellen gewohnt bin:

    Man bittet, die Auge(n) zuzudrücken.

    Jede der beiden Fassungen hat ihren besonderen Sinn und
    führt in der Traumdeutung auf besondere Wege. Ich hatte das
    Ceremoniell möglichst einfach gewählt, weil ich wusste, wie der Ver-
    storbene über solche Veranstaltungen gedacht hatte. Andere Familien-
    mitglieder waren aber mit solch puritanischer Einfachheit nicht
    einverstanden; sie meinten, man werde sich vor den Trauergästen
    schämen müssen. Daher bittet der eine Wortlaut des Traumes,
    „ein Auge zuzudrücken“, d. h. Nachsicht zu üben. Die Bedeutung
    der Verschwommenheit, die wir mit einem Entweder–Oder
    beschrieben, ist hier besonders leicht zu erfassen. Es ist der Traum-
    arbeit nicht gelungen, einen einheitlichen, aber dann zweideutigen,
    Wortlaut für die Traumgedanken herzustellen. So sondern sich die
    beiden Hauptgedankenzüge schon im Trauminhalt von einander.

    In einigen Fällen drückt die Zweitheilung des Traumes in zwei
    gleich grosse Stücke die schwer darstellbare Alternative aus.

    Höchst auffällig ist das Verhalten des Traumes gegen die Kategorie
    von Gegensatz und Widerspruch. Dieser wird schlechtweg
    vernachlässigt, das „Nein“ scheint für den Traum nicht zu existiren.
    Gegensätze werden mit besonderer Vorliebe zu einer Einheit zusammen-
    gezogen oder in einem dargestellt. Der Traum nimmt sich ja auch
    die Freiheit, ein beliebiges Element durch seinen Wunschgegensatz
    darzustellen, so dass man zunächst von keinem eines Gegentheils
    fähigen Elemente weiss, ob es in den Traumgedanken positiv oder
    negativ enthalten ist. In dem einen der letzterwähnten Träume, dessen
    Vordersatz wir bereits gedeutet haben, („weil ich von solcher Abkunft
    bin“), steigt die Träumerin über ein Geländer herab und hält dabei einen
    blühenden Zweig in den Händen. Da ihr zu diesem Bilde einfällt, wie
    der Engel einen Lilienstengel auf den Bildern von Mariä Verkündigung
    (sie heisst selbst Maria) in der Hand trägt, und wie die weiss-
    gekleideten Mädchen bei der Frohnleichnamsprocession gehen, während
    die Strassen mit grünen Zweigen geschmückt sind, so ist der blühende
    Zweig im Traume ganz gewiss eine Anspielung auf sexuelle Unschuld.
    Der Zweig ist aber dicht mit rothen Blüten besetzt, von denen jede
    einzelne einer Camelie gleicht. Am Ende ihres Weges heisst es im

  • S.

    219

    Traum weiter, sind die Blüten schon ziemlich abgefallen; dann folgen
    unverkennbare Anspielungen auf die Periode. Somit ist der nämliche
    Zweig, der getragen wird wie eine Lilie und wie von einem un-
    schuldigen Mädchen, gleichzeitig eine Anspielung auf die Camelien-
    dame, die, wie bekannt, stets eine weiße Camelia trug; zur Zeit der
    Periode aber eine rothe. Der nämliche Blütenzweig („des Mädchens
    Blüthen“ in den Liedern von der Müllerin bei Goethe) stellt die
    sexuelle Unschuld dar und auch ihr Gegentheil. Der nämliche Traum
    auch, welcher die Freude ausdrückt, dass es ihr gelungen, unbefleckt
    durch’s Leben zu gehen, lässt an einigen Stellen (wie an der vom Ab-
    fallen der Blüten) den gegensätzlichen Gedankengang durchschimmern,
    dass sie sich verschiedene Sünden gegen die sexuelle Reinheit habe
    zu Schulden kommen lassen (in der Kindheit nämlich). Wir können
    bei der Analyse des Traumes deutlich die beiden Gedankengänge
    unterscheiden, von denen der tröstliche oberflächlich, der vorwurfs-
    volle tiefer gelagert scheint, die einander schnurstracks zuwiderlaufen,
    und deren gleiche aber gegentheilige Elemente durch die nämlichen
    Traumelemente Darstellung gefunden haben.

    Einer einzigen unter den logischen Relationen kommt der
    Mechanismus der Traumbildung im höchsten Ausmasse zu Gute. Es
    ist dies die Relation der Aehnlichkeit, Uebereinstimmung, Berührung,
    das „Gleichwie“, die im Traume wie keine andere mit mannigfachen
    Mitteln dargestellt werden kann. Die im Traummaterial vorhandenen
    Deckungen oder Fälle von „Gleichwie“ sind ja die ersten Stützpunkte
    der Traumbildung, und ein nicht unbeträchtliches Stück der Traum-
    arbeit besteht darin, neue solche Deckungen zu schaffen, wenn die
    vorhandenen der Widerstandscensur wegen nicht in den Traum ge-
    langen können. Das Verdichtungsbestreben der Traumarbeit kommt
    der Darstellung der Aehnlichkeitsrelation zu Hilfe.

    Aehnlichkeit, Uebereinstimmung, Gemeinsamkeit
    wird vom Traum ganz allgemein dargestellt durch Zusammenziehung
    zu einer Einheit, welche entweder im Traummaterial bereits vor-
    gefunden oder neu gebildet wird. Den ersten Fall kann man als
    Identificirung, den zweiten als Mischbildung benennen. Die
    Identificirung kommt zur Anwendung, wo es sich um Personen handelt;
    die Mischbildung, wo Dinge das Material der Vereinigung sind, doch
    werden Mischbildungen auch von Personen hergestellt. Oertlichkeiten
    werden oft wie Personen behandelt.

    Die Identificirung besteht darin, dass nur eine der durch ein
    Gemeinsames verknüpften Personen im Trauminhalt zur Darstellung
    gelangt, während die zweite oder die anderen Personen für den Traum
    unterdrückt scheinen. Diese eine deckende Person geht aber im
    Traum in alle die Beziehungen und Situationen ein, welche sich von
    ihr oder von den gedeckten Personen ableiten. Bei der Mischbildung,
    die sich auf Personen erstreckt, sind bereits im Traumbild Züge, die
    den Personen eigenthümlich, aber nicht gemeinsam sind, vorhanden,

  • S.

    220

    so dass durch die Vereinigung dieser Züge eine neue Einheit, eine
    Mischperson, bestimmt erscheint. Die Mischung selbst kann auf ver-
    schiedenen Wegen zu Stande gebracht werden. Entweder die Traum-
    person hat von der Einen ihrer Beziehungspersonen den Namen, –
    wir wissen dann in einer Art, die dem Wissen im Wachen ganz
    analog ist, dass diese oder jene Person gemeint ist – während die
    visuellen Züge der anderen Person angehören; oder das Traumbild
    selbst ist aus visuellen Zügen, die sich in Wirklichkeit auf Beide
    vertheilen, zusammengesetzt. Anstatt durch visuelle Züge kann der
    Antheil der zweiten Person auch vertreten werden durch die Geberden,
    die man ihr zuschreibt, die Worte, die man sie sprechen lässt, oder
    die Situation, in welche man sie versetzt. Bei der letzteren Art der
    Kennzeichnung beginnt der scharfe Unterschied zwischen Identificirung
    und Mischpersonbildung sich zu verflüchtigen.

    Das Gemeinsame, welches die Vereinigung der beiden Personen
    rechtfertigt, d. h. veranlasst, kann im Traum dargestellt sein oder
    fehlen. In der Regel dient die Identificirung oder Mischpersonbildung
    eben dazu, die Darstellung dieses Gemeinsamen zu ersparen. Anstatt
    zu wiederholen: A ist mir feindlich gesinnt, B aber auch, bilde ich
    im Traum eine Mischperson aus A und B, oder stelle mir A vor in
    einer andersartigen Action, welche uns B charakterisirt. Die so ge-
    wonnene Traumperson tritt mir im Traum in irgend welcher neuen
    Verknüpfung entgegen, und aus dem Umstande, dass sie sowohl A
    als auch B bedeutet, schöpfe ich dann die Berechtigung, in die be-
    treffende Stelle der Traumdeutung einzusetzen, was den Beiden ge-
    meinsam ist, nämlich das feindselige Verhältniss zu mir. Auf solche
    Weise erziele ich oft eine ganz ausserordentliche Verdichtung für den
    Trauminhalt; ich kann mir die directe Darstellung sehr complicirter
    Verhältnisse, die mit einer Person zusammenhängen, ersparen, wenn
    ich zu dieser Person eine andere gefunden habe, die auf einen Theil
    dieser Beziehungen den gleichen Anspruch hat. Es ist leicht zu ver-
    stehen, inwieferne diese Darstellung durch Identificirung auch dazu
    dienen kann, die Widerstandscensur zu umgehen, welche die Traum-
    arbeit unter so harte Bedingungen setzt. Der Anstoss für die Censur
    mag gerade in jenen Vorstellungen liegen, welche im Material mit
    der einen Person verknüpft sind; ich finde nun eine zweite Person,
    welche gleichfalls Beziehungen zu dem beanstandeten Material hat,
    aber nur zu einem Theil desselben. Die Berührung in jenem nicht
    censurfreien Punkte gibt mir jetzt das Recht, eine Mischperson zu
    bilden, die nach beiden Seiten hin durch indifferente Züge charak-
    terisirt ist. Diese Misch- oder Identificirungsperson ist nun als censur-
    frei zur Aufnahme in den Trauminhalt geeignet, und ich habe durch
    Anwendung der Traumverdichtung den Anforderungen der Traum-
    censur genügt.

    Wo im Traum auch ein Gemeinsames der beiden Personen dar-
    gestellt ist, da ist dies gewöhnlich ein Wink, nach einem anderen

  • S.

    221

    Mannigfache Verwerthung der Mischbildungen.

    verhüllten Gemeinsamen zu suchen, dessen Darstellung durch die
    Censur unmöglich gemacht wird. Es hat hier gewissermassen zu
    Gunsten der Darstellbarkeit eine Verschiebung in Betreff des Gemein-
    samen stattgefunden. Daraus, dass mir die Mischperson mit einem
    indifferenten Gemeinsamen im Traum gezeigt wird, soll ich ein anderes
    keineswegs indifferentes Gemeinsame in den Traumgedanken er-
    schliessen.

    Die Identificirung oder Mischpersonbildung dient demnach im Traum
    verschiedenen Zwecken, erstens der Darstellung eines beiden Personen
    Gemeinsamen, zweitens der Darstellung einer verschobenen Ge-
    meinsamkeit, drittens aber noch, um eine blos gewünschte Ge-
    meinsamkeit zum Ausdrucke zu bringen. Da das Herbeiwünschen
    einer Gemeinsamkeit zwischen zwei Personen häufig mit einem Ver-
    tauschen desselben zusammenfällt, so ist auch diese Relation
    im Traum durch Identificirung ausgedrückt. Ich wünsche im Traume
    von Irma’s Injection diese Patientin mit einer anderen zu vertauschen,
    wünsche also, dass die andere meine Patientin sein möge, wie es
    die eine ist; der Traum trägt diesem Wunsche Rechnung, indem er
    mir eine Person zeigt, die Irma heisst, die aber in einer Position
    untersucht wird, wie ich sie nur bei der anderen zu sehen Gelegen-
    heit hatte. Im Onkel-
    traum ist diese Vertauschung zum Mittelpunkt
    des Traumes gemacht; ich identificire mich mit dem Minister, indem
    ich meine Collegen nicht besser als er behandle und beurtheile.

    Es ist eine Erfahrung, von der ich keine Ausnahme gefunden
    habe, dass jeder Traum die eigene Person behandelt. Träume sind
    absolut egoistisch. Wo im Trauminhalt nicht mein Ich, sondern nur
    eine fremde Person vorkommt, da darf ich ruhig annehmen, dass
    mein Ich durch Identificirung hinter jener Person versteckt ist. Ich
    darf mein Ich ergänzen. Andere Male, wo mein Ich im Traum er-
    scheint, lehrt mich die Situation, in der es sich befindet, dass hinter
    dem Ich eine andere Person durch Identificirung sich verbirgt. Der
    Traum soll mich dann mahnen, in der Traumdeutung etwas, was
    dieser Person anhängt, das verhüllte Gemeinsame, auf mich zu über-
    tragen. Es gibt auch Träume, in denen mein Ich nebst anderen
    Personen vorkommt, die sich durch Lösung der Identificirung wiederum
    als mein Ich enthüllen. Ich soll dann mit meinem Ich vermittelst
    dieser Identificirungen gewisse Vorstellungen vereinigen, gegen deren
    Aufnahme sich die Censur erhoben hat. Ich kann also mein Ich in
    einem Traum mehrfach darstellen, das eine Mal direct, das andere
    Mal vermittelst der Identificirung mit fremden Personen. Mit mehreren
    solchen Identificirungen lässt sich ein ungemein reiches Gedanken-
    material verdichten.*)

    *)Wenn ich im Zweifel bin, hinter welcher der im Traume auftretenden Per-
    sonen ich mein Ich zu suchen habe, so halte ich mich an folgende Regel: Die
    Person, die im Traume einem Affect unterliegt, den ich als Schlafender verspüre, die
    verbirgt mein Ich.

  • S.

    222

    Durchsichtiger noch als bei Personen gestaltet sich die Auflösung
    der Identificirungen bei mit Eigennamen bezeichneten Oertlichkeiten,
    da hier die Störung durch das im Traume übermächtige Ich entfällt.
    In einem meiner Romträume (Seite 134) heisst der Ort, an dem ich mich
    befinde, Rom; ich erstaune aber über die Menge von deutschen
    Placaten an einer Strassenecke. Letzteres ist eine Wunscherfüllung,
    zu der mir sofort Prag einfällt; der Wunsch selbst mag aus einer
    heute überwundenen deutschnationalen Periode der Jugendzeit stammen.
    Um die Zeit, da ich träumte, war in Prag ein Zusammentreffen mit
    meinem Freunde in Aussicht genommen; die Identificirung von Rom
    und Prag erklärt sich also durch eine gewünschte Gemeinsamkeit;
    ich möchte meinen Freund lieber in Rom treffen als in Prag, für
    diese Zusammenkunft Prag und Rom vertauschen.

    Die Möglichkeit, Mischbildungen zu schaffen, steht obenan unter
    den Zügen, welche den Träumen so oft ein phantastisches Gepräge
    verleihen, indem durch sie Elemente in den Trauminhalt eingeführt
    werden, welche niemals Gegenstand der Wahrnehmung sein konnten.
    Der psychische Vorgang bei der Mischbildung im Traume ist offenbar
    der nämliche, wie wenn wir im Wachen einen Centauren oder Drachen
    uns vorstellen oder nachbilden. Der Unterschied liegt nur darin,
    dass bei der phantastischen Schöpfung im Wachen der beabsichtigte
    Eindruck des Neugebildes selbst das Massgebende ist, während die
    Mischbildung des Traumes durch ein Moment, welches ausserhalb
    ihrer Gestaltung liegt, das Gemeinsame in den Traumgedanken, de-
    terminirt wird. Die Mischbildung des Traumes kann in sehr mannig-
    faltiger Weise ausgeführt werden. In der kunstlosesten Ausführung
    werden nur die Eigenschaften des einen Dinges dargestellt, und diese
    Darstellung ist von einem Wissen begleitet, dass sie auch für ein
    anderes Object gelte. Eine sorgfältigere Technik vereinigt Züge des
    einen wie des anderen Objectes zu einem neuen Bilde und bedient
    sich dabei geschickt der etwa in der Realität gegebenen Aehnlichkeiten
    zwischen beiden Objecten. Das Neugebildete kann gänzlich absurd
    ausfallen oder selbst als phantastisch gelungen erscheinen, je nachdem
    Material und Witz bei der Zusammensetzung es ermöglichen. Sind
    die Objecte, welche zu einer Einheit verdichtet werden sollen, gar
    zu disparat, so begnügt sich die Traumarbeit oft damit, ein Misch-
    gebilde mit einem deutlicheren Kern zu schaffen, an den sich un-
    deutliche Bestimmungen anfügen. Die Vereinigung zu einem Bilde
    ist hier gleichsam nicht gelungen; die beiden Darstellungen über-
    decken einander und erzeugen etwas wie einen Wettstreit der visuellen
    Bilder. Wenn man sich die Bildung eines Begriffes aus individuellen
    Wahrnehmungsbildern vorführen wollte, könnte man zu ähnlichen
    Darstellungen in einer Zeichnung gelangen.

    Es wimmelt natürlich in den Träumen von solchen Mischgebilden;
    einige Beispiele habe ich in den bisher analysirten Träumen bereits
    mitgetheilt; ich werde nun weitere hinzufügen. In dem Traum auf

  • S.

    223

    Seite 216, welcher der Lebenslauf der Patientin „durch die Blume“
    oder „verblümt“ beschreibt, trägt das Traum-Ich einen blühenden
    Zweig in der Hand, der, wie wir erfahren haben, gleichzeitig Unschuld
    und sexuelle Sündigkeit bedeutet. Der Zweig erinnert durch die
    Art, wie die Blüten stehen, ausserdem an Kirschblüten; die Blüten
    selbst, einzeln genommen, sind Camelien, wobei dabei das Ganze noch
    den Eindruck eines exotischen Gewächses macht. Das Gemeinsame
    an den Elementen dieses Mischgebildes ergiebt sich aus den Traum-
    gedanken. Der blühende Zweig ist aus Anspielungen an Geschenke
    zusammengesetzt, durch welche sie bewogen wurde oder werden sollte,
    sich gefällig zu erweisen. So in der Kindheit die Kirschen, in
    späteren Jahren ein Camelienstock; das Exotische ist eine Anspielung
    auf einen vielgereisten Naturforscher, welcher mit einer Blumen-
    zeichnung um ihre Gunst werben wollte. Eine andere Patientin
    schafft sich im Traum ein Mittelding aus Badecabinen im Seebad,
    ländlichen Aborthäuschen und den Bodenkammern unserer städti-
    schen Wohnhäuser. Den beiden ersten Elementen ist die Beziehung auf
    menschliche Nacktheit und Entblössung gemeinsam; es lässt sich aus
    der Zusammensetzung mit dem dritten Element schliessen, dass (in
    ihrer Kindheit) auch die Bodenkammer der Schauplatz von Entblössung
    war. Eine Andere träumt, nachdem der ältere Bruder versprochen
    hat, sie mit Caviar zu regaliren, von diesem Bruder, dass dessen Beine
    von den schwarzen Caviarperlen übersät sind. Die Elemente
    „Ansteckung“ im moralischen Sinn und die Erinnerung an einen
    Ausschlag der Kindheit, der die Beine mit rothen anstatt mit
    schwarzen Pünktchen übersät erscheinen liess, haben sich hier mit
    den Caviarperlen zu einem neuen Begriff vereinigt, dessen „was
    sie von ihrem Bruder bekommen hat“. Theile des menschlichen
    Körpers werden in diesem Traum behandelt wie Objecte, wie auch in
    sonstigen Träumen.

    Ich habe vorhin behauptet, dass der Traum kein Mittel hat, die
    Relation des Widerspruches, Gegensatzes, das „Nein“ auszudrücken.
    Ich gehe daran, dieser Behauptung zum ersten Male zu widersprechen.
    Ein Theil der Fälle, die sich als „Gegensatz“ zusammenfassen lassen,
    findet seine Darstellung einfach durch Identificirung, wie wir gesehen
    haben, wenn nämlich mit der Gegenüberstellung ein Vertauschen, an
    die Stelle setzen, verbunden werden kann. Davon haben wir wiederholt
    Beispiele erwähnt. Ein anderer Theil der Gegensätze in den Traum-
    gedanken, der etwa unter die Kategorie „Umgekehrt, im Gegen-
    theile“ fällt, gelangt zu seiner Darstellung im Traum auf folgende
    merkwürdige, beinahe witzig zu nennende Weise. Das „Umgekehrt“
    gelangt nicht für sich in den Trauminhalt, sondern äussert seine
    Anwesenheit im Material dadurch, dass ein aus sonstigen Gründen
    nahe liegendes Stück des schon gebildeten Trauminhaltes – gleich-
    sam nachträglich – umgekehrt wird. Der Vorgang ist leichter
    zu illustriren als zu beschreiben. Im schönen Traum von „Auf und
    Nieder“ (Seite 195) ist die Traumdarstellung des Steigens umgekehrt wie

  • S.

    224

    Das Vorbild in den Traumgedanken, nämlich die Introductions-
    scene der Sappho Daudets; es geht im Traume anfangs schwer, später
    leicht, während in der Scene das Steigen anfangs leicht, später immer
    schwerer wird. Auch das „Oben“ und „Unten“ in Bezug auf den
    Bruder ist verkehrt im Traum dargestellt. Dies deutet auf eine
    Relation von Umkehrung oder Gegensatz, die zwischen zwei Stücken
    des Materiales in den Traumgedanken besteht, und die wir darin
    gefunden haben, dass in der Kindheitsphantasie des Träumers er
    von seiner Amme getragen wird, umgekehrt wie im Roman der Held
    die Geliebte trägt. Auch mein Traum von Goethes Angriff gegen
    Herrn M. (Seite 252) enthält ein solches „Umgekehrt“, das erst redressirt
    werden muss, ehe man auf die Deutung des Traumes gelangen kann. Im
    Traum hat Goethe einen jungen Mann Herrn N. angegriffen; in
    der Realität, wie sie die Traumgedanken enthalten, ist ein bedeutender
    Mann, mein Freund, von einem unbekannten jungen Autor angegriffen
    worden. Im Traum rechne ich vom Sterbedatum Goethes an; in
    der Wirklichkeit ging die Rechnung vom Geburtsjahr des Paralytikers
    aus. Der Gedanke, der in dem Traummaterial massgebend ist, ergibt
    sich als der Widerspruch dagegen, dass Goethe behandelt werden
    soll, als sei er ein Verrückter. Umgekehrt, sagt der Traum, wenn
    du das Buch nicht verstehst, bist du der Schwachsinnige, nicht der
    Autor. In all diesen Träumen von Umkehrung scheint mir überdies
    eine Beziehung auf die verächtliche Wendung („einem die Kehr-
    seite zeigen“) enthalten zu sein (die Umkehrung in Bezug auf den
    Bruder im Sapphotraum).

    Will man die Beziehungen zwischen Trauminhalt und Traum-
    gedanken weiter verfolgen, so nimmt man jetzt am besten den Traum-
    selbst zum Ausgangspunkt und stellt sich die Frage, was gewisse
    formale Charaktere der Traumdarstellung in Bezug auf die Traum-
    gedanken bedeuten. Zu diesen formalen Charakteren, die uns im
    Traume auffallen müssen, gehören vor Allem die Unterschiede in der
    sinnlichen Intensität der einzelnen Traumgebilde und in der Deutlichkeit
    einzelner Traumpartien oder ganzer Träume unter einander verglichen.
    Die Unterschiede in der Intensität der einzelnen Traumgebilde um-
    fassen eine ganze Scala von einer Schärfe der Ausprägung, die man
    – wiewohl ohne Gewähr – geneigt ist, über die der Realität zu
    stellen, bis zu einer ärgerlichen Verschwommenheit, die man als
    charakteristisch für den Traum erklärt, weil sie eigentlich mit keinem
    der Grade der Undeutlichkeit, die wir gelegentlich an den Objecten
    der Realität wahrnehmen, vollkommen zu vergleichen ist. Gewöhnlich
    bezeichnen wir überdies den Eindruck, den wir von einem undeut-
    lichen Traumobject empfangen, als „flüchtig“ während wir von den
    deutlicheren Traumbildern meinen, dass sie auch durch längere Zeit
    der Wahrnehmung Stand gehalten haben. Es fragt sich nun, durch

  • S.

    225

    welche Bedingungen im Traummmaterial diese Unterschiede in der
    Lebhaftigkeit der einzelnen Stücke des Trauminhaltes hervorgerufen
    werden.

    Man hat hier zunächst gewissen Erwartungen entgegenzutreten,
    die sich wie unvermeidlich einstellen. Da zu dem Material des
    Traumes auch wirkliche Sensationen während des Schlafes gehören
    können, wird man wahrscheinlich voraussetzen, dass diese oder die
    von ihnen abgeleiteten Traumelemente im Trauminhalt durch besondere
    Intensität hervorstechen, oder umgekehrt, dass, was im Traum ganz
    besonders lebhaft ausfällt, auf solche reale Schlafsensationen zurück-
    führbar sein wird. Meine Erfahrung hat dies aber niemals bestätigt.
    Es ist nicht richtig, dass die Elemente des Traumes, welche Ab-
    kömmlinge von realen Eindrücken während des Schlafes (Nerven-
    reizen) sind, sich vor den anderen, die aus Erinnerungen stammen,
    durch Lebhaftigkeit auszeichnen. Das Moment der Realität geht für
    die Intensitätsbestimmung der Traumbilder verloren.

    Ferner könnte man an der Erwartung festhalten, dass die sinnliche
    Intensität (Lebhaftigkeit) der einzelnen Traumbilder eine Beziehung
    habe zur psychischen Intensität der ihnen entsprechenden Elemente in
    den Traumgedanken. In den letzteren fällt Intensität mit psychischer
    Werthigkeit zusammen; die intensivsten Elemente sind keine anderen
    als die bedeutsamsten, welche den Mittelpunkt der Traumgedanken bil-
    den. Nun wissen wir zwar, dass gerade diese Elemente der Censur wegen
    meist keine Aufnahme in den Trauminhalt finden. Aber es könnte
    doch sein, dass ihre sie vertretenden nächsten Abkömmlinge im Traum
    einen höheren Intensitätsgrad aufbringen, ohne dass sie darum das
    Centrum der Traumdarstellung bilden müssten. Auch diese Erwartung
    wird indess durch die vergleichende Betrachtung von Traum und
    Traummmaterial zerstört. Die Intensität der Elemente hier hat mit
    der Intensität der Elemente dort nichts zu schaffen; es findet zwischen
    Traummmaterial und Traum thatsächlich eine völlige „Umwerthung
    aller psychischen Werthe“ statt. Gerade in einem flüchtig
    hingehauchten, durch kräftigere Bilder verdeckten Element des
    Traumes kann man oft einzig und allein einen directen Abkömmling
    dessen entdecken, was in den Traumgedanken übermässig dominirte.
    Die Intensität der Elemente des Traumes zeigt sich anders
    determinirt, und zwar durch zwei von einander unabhängige Momente.
    Zunächst ist es leicht zu sehen, dass jene Elemente besonders
    intensiv dargestellt sind, durch welche die Wunscherfüllung sich aus-
    drückt. Dann aber lehrt die Analyse, dass von den lebhaftesten
    Elementen des Traumes auch die meisten Gedankengänge ausgehen,
    dass die lebhaftesten gleichzeitig die bestdeterminirten sind. Es ist
    keine Aenderung des Sinnes, wenn wir den letzten empirisch ge-
    nommenen Satz in nachstehender Form aussprechen: Die grösste
    Intensität zeigen jene Elemente des Traumes, für deren Bildung die
    ausgiebigste Verdichtungsarbeit in Anspruch genommen wurde.

    Freud, Traumdeutung.

  • S.

    226

    Wir dürfen dann erwarten, dass diese Bedingung und die andere
    der Wunscherfüllung auch in einer einzigen Formel ausgedrückt
    werden können.

    Das Problem, das ich jetzt behandelt habe, die Ursachen der
    grösseren oder geringeren Intensität oder Deutlichkeit der einzelnen
    Traumelemente, möchte ich vor Verwechslung mit einem anderen
    Problem schützen, welches sich auf die verschiedene Deutlichkeit
    ganzer Träume oder Traumabschnitte bezieht. Dort ist der Gegen-
    satz von Deutlichkeit: Verschwommenheit, hier Verworrenheit. Es
    ist allerdings unverkennbar, dass in beiden Scalen die steigenden und
    fallenden Qualitäten einander im Vorkommen begleiten. Eine Partie
    des Traumes, die uns klar erscheint, enthält zumeist intensive
    Elemente; ein unklarer Traum ist im Gegentheil aus wenig inten-
    siven Elementen zusammengesetzt. Doch ist das Problem, welches
    die Scala vom anscheinend Klaren bis zum Undeutlich-
    Verworrenen
    bietet, weit complicirter als das der Lebhaftigkeitsschwankungen der
    Traumelemente; ja ersteres entzieht sich aus später anzuführenden
    Gründen hier noch der Erörterung. In einzelnen Fällen merkt man
    nicht ohne Ueberraschung, dass der Eindruck von Klarheit oder
    Undeutlichkeit, den man von einem Traum empfängt, überhaupt nichts
    für das Traumgefüge bedeutet, sondern aus dem Traummaterial als
    ein Bestandtheil desselben herrührt. So erinnere ich mich an einen
    Traum, der mir nach dem Erwachen so besonders gut gefügt, lücken-
    los und klar erschien, dass ich noch in der Schlaftrunkenheit mir
    vorsetzte, eine neue Kategorie von Träumen zuzulassen, die nicht
    dem Mechanismus der Verdichtung und Verschiebung unterlegen
    wären, sondern als „Phantasien während des Schlafens“ bezeichnet
    werden dürften. Nähere Prüfung ergab, dass dieser rare Traum
    dieselben Risse und Sprünge in seinem Gefüge zeigte wie jeder
    andere; ich liess darum die Kategorie der Traumphantasien auch
    wieder fallen. Der reducirte Inhalt des Traumes war aber, dass ich
    meinem Freunde eine schwierige und lange gesuchte Theorie der
    Bisexualität vortrug, und die wunscherfüllende Kraft des Traumes
    hatte es zu verantworten, dass uns diese Theorie (die übrigens im
    Traum nicht mitgetheilt wurde) klar und lückenlos erschien. Was
    ich also für ein Urtheil über den fertigen Traum gehalten hatte, war
    ein Stück, und zwar das wesentliche Stück des Trauminhaltes. Die
    Traumarbeit griff hier gleichsam in das erste wache Denken über und
    übermittelte mir als Urtheil über den Traum jenes Stück des Traum-
    materiales, dessen genaue Darstellung im Traum ihr nicht gelungen war.
    Ein vollkommenes Gegenstück hiezu erlebte ich einmal bei einer Patientin,
    die einen in die Analyse gehörigen Traum zuerst überhaupt nicht
    erzählen wollte, „weil er so undeutlich und verworren sei“, und
    endlich unter wiederholten Protesten gegen die Sicherheit ihrer Dar-
    stellung angab, es seien im Traum mehrere Personen vorgekommen,
    sie, ihr Mann und ihr Vater, und als ob sie nicht gewusst hatte, ob

  • S.

    227

    ihr Mann ihr Vater sei, oder wer eigentlich ihr Vater sei oder so
    ähnlich. Die Zusammenstellung dieses Traumes mit ihren Einfällen
    in der Sitzung ergab als unzweifelhaft, daß es sich um die ziemlich
    alltägliche Geschichte eines Dienstmädchens handle, welches bekennen
    mußte, daß sie ein Kind erwarte, und nun Zweifel zu hören
    bekomme, „wer eigentlich der Vater (des Kindes) sei.“*) Die
    Unklarheit, die der Traum zeigte, war also auch hier ein Stück aus
    dem traumerregenden Material. Ein Stück dieses Inhaltes war in
    der Form des Traumes dargestellt worden.

    In solche Lage, Klarheit oder Verworrenheit des Traumes auf
    Sicherheit oder Zweifel im Traummaterial umdeuten zu können,
    kommt man aber nach meiner Erfahrung nur in wenigen Fällen. Ich
    werde späterhin den bisher nicht erwähnten Factor bei der Traum-
    bildung aufzudecken haben, von dessen Einwirkung diese Qualitäten-
    scala des Traumes wesentlich abhängt.

    In manchen Träumen, die ein Stück weit eine gewisse Situation
    und Scenerie festhalten, kommen Unterbrechungen vor, die mit
    folgenden Worten beschrieben werden: „Es ist dann aber, als wäre
    es gleichzeitig ein anderer Ort und dort ereignete sich dies und jenes.“
    Was in solcher Weise die Haupthandlung des Traumes unterbricht,
    die nach einer Weile wieder fortgesetzt werden kann, das stellt sich
    im Traummaterial als ein Nebensatz, als ein eingeschobener Gedanke
    heraus. Die Condition in den Traumgedanken wird im Traum durch
    Gleichzeitigkeit dargestellt (wenn – wann).

    Was bedeutet die so häufig im Traum erscheinende Sensation
    der gehemmten Bewegung, die so nahe an Angst streift? Man will
    gehen und kommt nicht von der Stelle, will etwas herrichten und
    stößt fortwährend auf Hindernisse. Der Eisenbahnzug will sich in
    Bewegung setzen, und man kann ihn nicht erreichen; man hebt die
    Hand, um eine Beleidigung zu rächen, und sie versagt u. s. w. Wir
    sind dieser Sensation im Traume schon bei den Exhibitionsträumen
    begegnet, haben ihre Deutung aber noch nicht ernstlich versucht.
    Es ist bequem aber unzureichend, zu antworten, im Schlaf bestehe
    motorische Lähmung, die sich durch die erwähnte Sensation bemerk-
    bar macht. Wir dürfen fragen: Warum träumt man dann nicht
    beständig von solchen gehemmten Bewegungen? und wir dürfen
    erwarten, daß diese im Schlaf jederzeit hervorzurufende Sensation
    irgend welchen Zwecken der Darstellung diene und nur durch das
    im Traummaterial gegebene Bedürfnis nach dieser Darstellung
    erweckt werde.

    Das Nichts-zu-Stande-
    bringen tritt im Traum nicht immer als
    Sensation, sondern auch einfach als Stück des Trauminhaltes auf.
    Ich halte einen solchen Fall für besonders geeignet, uns über die

    *)Begleitende hysterische Symptome: Ausbleiben der Periode und große
    Verstimmung, das Hauptleiden dieser Kranken.

  • S.

    228

    Bedeutung dieses Traumrequisites aufzuklären. Ich werde verkürzt
    einen Traum mittheilen, in dem ich der Unredlichkeit beschuldigt
    erscheine. Die Oertlichkeit ist ein Gemenge aus einer
    Privatheilanstalt und mehreren anderen Localen. Ein
    Diener erscheint, um mich zu einer Untersuchung zu
    rufen. Im Traum weiss ich, dass etwas vermisst wird,
    und dass die Untersuchung wegen des Verdachtes er--
    folgt, dass ich mir das Verlorene angeeignet. Die Ana--
    lyse zeigt, dass Untersuchung zweideutig zu nehmen ist
    und ärztliche Untersuchung mit einschliesst. Im Bewusst--
    sein meiner Unschuld und meiner Consiliarfunction in
    diesem Hause gehe ich ruhig mit dem Diener. An einer
    Thüre empfängt uns ein anderer Diener und sagt, auf
    mich deutend: Den haben Sie mitgebracht, der ist ja ein
    anständiger Mensch. Ich gehe dann ohne Diener in
    einen grossen Saal, in dem Maschinen stehen, der mich
    an ein Inferno mit seinen höllischen Strafaufgaben erin--
    nert. An einem Apparat sehe ich einen Collegen ein--
    gespannt, der allem Grund hätte, sich um mich zu be--
    kümmern; er beachtet mich aber nicht. Es heisst dann,
    dass ich jetzt gehen kann. Da finde ich meinen Hut
    nicht und kann doch nicht gehen.

    Es ist offenbar die Wunscherfüllung des Traumes, dass ich als
    ehrlicher Mann anerkannt werde und gehen darf; in den Traum--
    gedanken muss also allerlei Material vorhanden sein, welches den
    Widerspruch dagegen enthält. „Dass ich gehen darf, ist das Zeichen
    meiner Absolution; wenn also der Traum am Ende ein Ereignis
    bringt, das mich im Gehen aufhält, so liegt es wohl nahe zu
    schliessen, dass durch diesen Zug das unterdrückte Material des
    Widerspruches sich zur Geltung bringt. Dass ich den Hut nicht
    finde, bedeutet also: Du bist doch kein ehrlicher Mensch. Das Nicht--
    zustande-bringen des Traumes ist ein Ausdruck des Wider--
    spruches, ein „Nein“, wonach also die frühere Behauptung zu
    corrigiren ist, dass der Traum das Nein nicht auszudrücken vermag.*)

    In anderen Träumen, welche das Nicht-zu-Stande-kommen der
    Bewegung nicht blos als Situation sondern als Sensation enthalten,


    *)Eine Beziehung zu einem Kindheitserlebnis ergiebt sich in der vollständigen
    Analyse durch folgende Vermittlung: – Der Mohr hat seine Schuldigkeit gethan,
    der Mohr kann gehen. Und dann die Scherzfrage: Wie alt ist der Mohr, wenn
    er seine Schuldigkeit gethan hat? Ein Jahr, dann kann er gehen. (Ich soll
    soviel wirres schwarzes Haar mit zur Welt gebracht haben, dass mich die junge
    Mutter für einen kleinen Mohren erklärte.) – Dass ich den Hut nicht finde, ist ein
    mehrsinnig verwertbares Tageserlebnis. Unser im Aufbewahren geniales Stuben--
    mädchen hatte ihn versteckt. – Auch die Ablehnung trauriger Todesgedanken ver--
    birgt sich hinter diesem Traumende: Ich habe meine Schuldigkeit noch lange nicht
    gethan; ich darf noch nicht gehen. – Geburt und Tod wie in dem kurz vorher
    erfolgten Traume von Goethe und dem Paralytiker (Seite 252).

  • S.

    229

    ist derselbe Widerspruch durch die Sensation der Bewegungshemmung
    kräftiger ausgedrückt, als ein Wille, dem ein Gegenwille sich
    widersetzt. Die Sensation der Bewegungshemmung stellt also einen
    Willensconflict dar. Wir werden später hören, dass gerade die
    motorische Lähmung im Schlaf zu den fundamentalen Bedingungen
    des psychischen Vorganges während des Traumes gehört. Der auf
    die motorischen Bahnen übertragene Impuls ist nun nichts anderes
    als der Wille, und dass wir sicher sind, im Schlaf diesen Impuls als
    gehemmt zu empfinden, macht den ganzen Vorgang so überaus
    geeignet zur Darstellung des Wollens und des „Nein“, das sich ihm
    entgegensetzt. Nach meiner Erklärung der Angst begreift es sich
    auch leicht, dass die Sensation der Willenshemmung der Angst so
    nahe steht und sich im Traume so oft mit ihr verbindet. Die Angst
    ist ein libidinöser Impuls, der vom Unbewussten ausgeht und vom
    Vorbewussten gehemmt wird. Wo also im Traume die Sensation der
    Hemmung mit Angst verbunden ist, da muss es sich um ein Wollen
    handeln, das einmal fähig war Libido zu entwickeln, um eine
    sexuelle Regung.

    d) Die Rücksicht auf Darstellbarkeit.

    Wir haben es bisher mit der Untersuchung zu thun gehabt,
    wie der Traum die Relationen zwischen den Traumgedanken darstellt,
    griffen dabei aber mehrfach auf das weitere Thema zurück, welche
    Veränderung das Traummaterial überhaupt für die Zwecke der
    Traumbildung erfährt. Wir wissen nun, dass das Traummaterial
    seiner Relationen zum guten Theile entblösst, einer Compression
    unterliegt, während gleichzeitig Intensitätsverschiebungen zwischen sei-
    nen Elementen eine psychische Umwerthung dieses Materiales erzwingen.
    Die Verschiebungen, die wir berücksichtigt haben, erwiesen sich als Er-
    setzungen einer bestimmten Vorstellung durch eine andere ihr in der
    Association irgendwie nahestehende, und sie wurden der Verdichtung
    dienstbar gemacht, indem auf solche Weise anstatt zweier Elemente
    ein mittleres Gemeinsames zwischen ihnen zur Aufnahme in den
    Traum gelangte. Von einer anderen Art der Verschiebung haben
    wir noch keine Erwähnung gethan. Aus den Analysen erfährt man
    aber, dass eine solche besteht, und dass sie sich in einer Ver-
    tauschung des sprachlichen Ausdruckes für den betreffenden
    Gedanken kund gibt. Es handelt sich beide Male um Verschiebung
    längs einer Associationskette, aber der gleiche Vorgang findet in ver-
    schiedenen psychischen Sphären statt, und das Ergebnis dieser Ver-
    schiebung ist das eine Mal, dass ein Element durch ein anderes
    substituirt wird, während im anderen Falle ein Element seine Wort-
    fassung gegen eine andere vertauscht.

    Diese zweite Art der bei der Traumbildung vorkommenden
    Verschiebungen hat nicht nur grosses theoretisches Interesse, sondern
    ist auch besonders gut geeignet, den Anschein phantastischer Ab-

  • S.

    230

    surdität, mit dem der Traum sich verkleidet, aufzuklären. Die Ver-
    schiebung erfolgt in der Regel nach der Richtung, dass ein farbloser
    und abstracter Ausdruck des Traumgedankens gegen einen bildlichen
    und concreten eingetauscht wird. Der Vorteil, und somit die
    Absicht dieses Ersatzes, liegt auf der Hand. Das Bildliche ist für
    den Traum darstellungsfähig, lässt sich in eine Situation einfügen,
    wo der abstracte Ausdruck der Traumdarstellung ähnliche Schwierig-
    keiten bereiten würde, wie etwa ein politischer Leitartikel einer
    Zeitung der Illustration. Aber nicht nur die Darstellbarkeit, auch
    die Interessen der Verdichtung und der Censur können bei diesem
    Tausche gewinnen. Ist erst der abstract ausgedrückt, unbrauchbare
    Traumgedanke in eine bildliche Sprache umgeformt, so ergeben sich
    zwischen diesem neuen Ausdruck und dem übrigen Traummateriale
    leichter als vorher die Berührungen und Identitäten, welcher die
    Traumarbeit bedarf, und die sie schafft, wo sie nicht vorhanden sind,
    dem die concreten Termini sind in jeder Sprache ihrer Entwicklung
    zufolge anknüpfungsreicher als die begrifflichen. Man kann sich vor-
    stellen, dass ein gutes Stück der Zwischenarbeit bei der Traum-
    bildung, welche die gesonderten Traumgedanken auf möglichst
    knappen und einheitlichen Ausdruck im Traume zu reduciren sucht,
    auf solche Weise, durch passende sprachliche Umformung der einzel-
    nen Gedanken vor sich geht. Der eine Gedanke, dessen Ausdruck
    etwa aus anderen Gründen fest steht, wird dabei vertheilend und
    auswählend auf die Ausdrucksmöglichkeiten des anderen einwirken, und
    dies vielleicht von vorne herein, ähnlich wie bei der Arbeit des Dichters.
    Wenn ein Gedicht in Reimen entstehen soll, so ist die zweite Reim-
    zeile an zwei Bedingungen gebunden; sie muss den ihr zukommenden
    Sinn ausdrücken, und ihr Ausdruck muss den Gleichklang mit der
    ersten Reimzeile finden. Die besten Gedichte sind wohl die, wo man
    die Absicht den Reim zu finden nicht merkt, sondern wo beide
    Gedanken von vornherein durch gegenseitige Inducirung den sprach-
    lichen Ausdruck gewählt haben, der mit leichter Nachbearbeitung
    den Gleichklang entstehen lässt.

    In einigen Fällen dient die Ausdrucksvertauschung der Traum-
    verdichtung noch auf kürzerem Wege, indem sie eine Wortfügung
    finden lässt, welche als zweideutig mehr als einem der Traumgedanken
    Ausdruck gestattet. Das ganze Gebiet des Wortwitzes wird so der
    Traumarbeit dienstbar gemacht. Man darf sich über die Rolle,
    welche dem Worte bei der Traumbildung zufällt, nicht wundern.
    Das Wort, als der Knotenpunkt mehrfacher Leistungen, ist sozu-
    sagen eine prädestinirte Vieldeutigkeit, und die Neurosen (Zwangs-
    vorstellungen, Phobien) benützen die Vortheile, die das Wort so
    zur Verdichtung und Verkleidung bietet, nicht minder ungescheut wie
    der Traum. Dass die Traumverstellung bei der Verschiebung des
    Ausdruckes mitprofitirt, ist leicht zu zeigen. Es ist ja irreführend,
    wenn ein zweideutiges Wort anstatt zweier eindeutiger gesetzt wird;

  • S.

    231

    und der Ersatz der alltäglich nüchternen Ausdrucksweise durch eine
    bildliche hält unser Verständnis auf, besonders da der Traum niemals
    aussagt, ob die von ihm gebrachten Elemente wörtlich oder im über-
    tragenen Sinne zu deuten sind, direct oder durch Vermittlung ein-
    geschobener Redensarten auf das Traummateríal bezogen werden sollen.
    Beispiele von Darstellungen im Traume, die nur durch Zweideutigkeit
    des Ausdruckes zusammengehalten werden, habe ich bereits mehrere
    angeführt („Der Mund geht gut auf“ im Injectionstraum; „Ich kann
    noch nicht gehen“ im letzten Traum S. 228) u. s. w. Ich werde nun
    einen Traum mittheilen, in dessen Analyse die Verbildlichung des ab-
    stracten Gedankens eine grössere Rolle spielt. Der Unterschied solcher
    Traumdeutung von der Deutung mittelst Symbolik lässt sich noch immer
    scharf bestimmen; bei der symbolischen Traumdeutung wird der Schlüssel
    der Symbolisirung vom Traumdeuter willkürlich gewählt; in unseren
    Fällen von sprachlicher Verkleidung sind diese Schlüssel allgemein
    bekannt und durch feststehende Sprachübungen gegeben. Verfügt man über
    den richtigen Einfall zur rechten Gelegenheit, so kann man Träume
    dieser Art auch unabhängig von den Angaben des Träumers ganz
    oder stückweise auflösen.

    Eine mir befreundete Dame träumt: Sie befindet sich in
    der Oper. Es ist eine Wagner-Vorstellung, die bis
    3/8 Uhr morgens gedauert hat. Im Parquet und Parterre
    stehen Tische, an denen gespeist und getrunken wird.
    Ihr eben von der Hochzeitsreise heimgekehrter Vetter
    sitzt an einem solchen Tische mit seiner jungen Frau;
    neben ihnen ein Aristokrat. Von diesem heisst es, die
    junge Frau habe sich ihn von der Hochzeitsreise mit-
    gebracht, ganz offen, etwa wie man einen Hut von der
    Hochzeitsreise mitbringt. Inmitten des Parquets befindet
    sich ein hoher Thurm, der oben eine Plattform trägt,
    die mit einem eisernen Gitter umgeben ist. Dort hoch
    oben ist der Dirigent mit den Zügen Hans Richter’s;
    er läuft beständig hinter seinem Gitter herum, schwitzt
    furchtbar und leitet von diesem Posten aus das unten
    um die Basis des Thurmes angeordnete Orchester. Sie
    selbst sitzt mit einer (mir bekannten) Freundin in einer
    Loge. Ihre jüngere Schwester will ihr aus dem Parquet
    ein grosses Stück Kohle hinaufreichen mit der Moti--
    virung, sie habe doch nicht gewusst, dass es so lange
    dauern werde, und müsse jetzt wohl erbärmlich frieren.
    (Etwa als ob die Logen während der langen Vorstellung
    geheizt werden müssten.)

    Der Traum ist wohl unsinnig genug, obwohl sonst gut auf eine
    Situation gebracht. Der Thurm mitten im Parquet, von dem aus der
    Dirigent das Orchester leitet; vor allem aber die Kohle, die ihr die
    Schwester hinaufreicht! Ich habe von diesem Traume absichtlich keine

  • S.

    232

    Analyse verlangt; mit etwas Kenntnis von den persönlichen Be-
    ziehungen der Träumerin, gelang es mir Stücke von ihm selbständig
    zu deuten. Ich wusste, dass sie viel Sympathie für einen Musiker
    gehabt hatte, dessen Laufbahn vorzeitig durch Geisteskrankheit unter-
    brochen worden war. Ich entschloss mich also, den Thurm im Parquet
    wörtlich zu nehmen. Dann kam heraus, dass der Mann, den sie an
    Hans Richter’s Stelle zu sehen gewünscht hätte, die übrigen Mitglie-
    der des Orchester’s thurmhoch überragt. Dieser Thurm ist als ein
    Mischgebilde durch Apposition zu bezeichnen; mit seinem
    Unterbau stellt er die Grösse des Mannes dar, mit dem Gitter oben,
    hinter dem er wie ein Gefangener oder wie ein Thier im Käfig
    (Anspielung auf den Namen des Unglücklichen) herumläuft, das spätere
    Schicksal desselben. „Narrenthurm“ wäre etwa das Wort, in dem
    die beiden Gedanken hätten zusammentreffen können.

    Nachdem so die Darstellungsweise des Traumes aufgedeckt war,
    konnte man versuchen, die zweite scheinbare Absurdität, die mit den
    Kohlen, die ihr von der Schwester gereicht werden, mit demselben
    Schlüssel aufzulösen. „Kohle“ musste „heimliche Liebe“ bedeuten

    „Kein Feuer, keine Kohle
    kann brennen so heiss,
    als wie heimliche Liebe,
    von der niemand was weiss.“

    Sie selbst und ihre Freundin waren sitzen geblieben; die
    jüngere Schwester, die noch Aussicht hat zu heirathen, reicht ihr die
    Kohle hinauf, „weil sie doch nicht gewusst habe, dass es so lange
    dauern wird“. Was so lange dauern wird, ist im Traume
    nicht gesagt; in einer Erzählung würden wir ergänzen: die Vor-
    stellung; im Traume dürfen wir den Satz für sich in’s Auge fassen,
    ihn für zweideutig erklären und hinzufügen, „bis sie heirathet“.
    Die Deutung „heimliche Liebe“ wird dann unterstützt durch die Er-
    wähnung des Vetters, der mit seiner Frau im Parquet sitzt, und durch
    die dieser letzteren angedichtete offene Liebschaft. Die Gegen-
    sätze zwischen heimlicher und offener Liebe, zwischen ihrem Feuer
    und der Kälte der jungen Frau beherrscht den Traum. Hier wie dort
    übrigens ein „Hochstehender“ als Mittelwort zwischen dem
    Aristokraten und dem zu grossen Hoffnungen berechtigenden Musiker.

    Mit den vorstehenden Erörterungen haben wir endlich ein drittes
    Moment aufgedeckt, dessen Antheil bei der Verwandlung der Traum-
    gedanken in den Trauminhalt nicht gering anzuschlagen ist: Die
    Rücksicht auf die Darstellbarkeit in dem eigenthüm-
    lichen psychischen Material, dessen sich der Traum
    bedient, also zumeist in visuellen Bildern. Unter den verschiedenen
    Nebenanknüpfungen an die wesentlichen Traumgedanken wird diejenige
    bevorzugt werden, welche eine visuelle Darstellung erlaubt, und die
    Traumarbeit scheut nicht die Mühe, den spröden Gedanken etwa zuerst
    in eine andere sprachliche Form umzugiessen, sei diese auch die

  • S.

    233

    ungewöhnlichere, wenn sie nur die Darstellung ermöglicht und so der
    psychologischen Bedrängnis des eingeklemmten Denkens ein Ende macht.
    Diese Umleerung des Gedankeninhaltes in eine andere Form kann sich
    aber gleichzeitig in den Dienst der Verdichtungsarbeit stellen und Bezie-
    hungen zu einem anderen Gedanken schaffen, die sonst nicht vorhanden
    wären. Dieser andere Gedanke mag etwa selbst zum Zwecke des Ent-
    gegenkommens vorher seinen ursprünglichen Ausdruck verändert haben.
    (Angesichts der Rolle, welche Witzworte, Citate, Lieder und
    Sprichwörter im Gedankenleben der Gebildeten spielen, wäre es voll-
    kommen der Erwartung gemäss, wenn Verkleidungen solcher Art
    überaus häufig für Darstellung der Traumgedanken verwendet werden
    sollten. Was bedeuten z. B. im Traume Wagen, von denen jeder mit
    anderem Gemüse angefüllt ist? Es ist der Wunschgegensatz von „Kraut
    und Rüben“, also „Durcheinander“ und bedeutet demnach „Unordnung“.
    Ich habe mich gewundert, dass mir dieser Traum nur ein einziges
    Mal berichtet worden ist. Nur für wenige Materien hat sich eine
    allgemein giltige Traumsymbolik herausgebildet, auf Grund allgemein
    bekannter Anspielungen und Wortersetzungen. Ein gutes Theil dieser
    Symbolik hat übrigens der Traum mit den Psychoneurosen, den Sagen
    und Volksgebräuchen gemeinsam.

    Ja, wenn man genauer zusieht, muss man erkennen, dass die
    Traumarbeit mit dieser Art von Ersetzung überhaupt nichts originelles
    leistet. Zur Erreichung ihrer Zwecke, in diesem Falle der censur-
    freien Darstellbarkeit, wandelt sie eben nur die Wege, die sie im un-
    bewussten Denken bereits gebahnt vorfindet, bevorzugt sie jene Um-
    wandlungen des verdrängten Materials, die als Witz und Anspielung auch
    bewusst werden dürfen, und mit denen alle Phantasien der Neurotiker
    erfüllt sind. Hier eröffnet sich dann plötzlich ein Verständnis für
    die Traumdeutungen Scherner’s, deren richtigen Kern ich an anderer
    Stelle1) verteidigt habe. Die Phantasiebeschäftigung mit dem eigenen
    Körper ist keineswegs dem Traume allein eigenthümlich oder für ihn
    charakteristisch. Meine Analysen haben mir gezeigt, dass sie im un-
    bewussten Denken der Neurotiker ein regelmässiges Vorkommnis ist
    und auf die sexuelle Neugierde zurückgeht, deren Gegenstand die
    Genitalien des anderen, aber doch auch des eigenen Geschlechtes für
    den heranwachsenden Jüngling oder für die Jungfrau werden. Wie
    aber Scherner und Volkelt ganz zutreffend hervorheben, ist das
    Haus nicht der einzige Vorstellungskreis, der zur Symbolisirung der
    Leiblichkeit verwendet wird – im Traume so wenig wie im un-
    bewussten Phantasiren der Neurose. Ich kenne Patienten, die aller-
    dings die architektonische Symbolik des Körpers und der Genitalien
    (reicht doch das sexuelle Interesse weit über das Gebiet der äusseren
    Genitalien hinaus) beibehalten haben, denen Pfeiler und Säulen Be-
    deuten (wie im Hohen Lied), die jedes Thor an eine der Körperöffnungen
    („Loch“), die jede Wasserleitung an den Harnapparat denken lässt u. s. w.
    Aber ebenso gerne wird der Vorstellungskreis des Pflanzenlebens oder

  • S.

    234

    der Küche zum Versteck sexueller Bilder gewählt; im ersteren Falle
    hat der Sprachgebrauch, der Niederschlag von Phantasievergleichungen
    ältester Zeiten, reichlich vorgearbeitet (der „Weinberg“ des Herrn, der
    „Samen“ der „Garten“ des Mädchens im Hohen Lied).1) In scheinbar
    harmlosen Anspielungen an die Verrichtungen der Küche lassen sich
    die hässlichsten wie die intimsten Einzelheiten des Sexuallebens denken
    und träumen, und die Symptomatik der Hysterie wird geradezu un-
    deutbar, wenn man vergisst, dass sich sexuelle Symbolik hinter dem
    Alltäglichen und Unauffälligen als seinem besten Versteck verbergen
    kann. Es hat seinen guten sexuellen Sinn, wenn neurotische Kinder
    kein Blut und kein rohes Fleisch sehen wollen, bei Eiern und Nudeln
    erbrechen, wenn die dem Menschen natürliche Furcht vor der Schlange
    beim Neurotiker eine ungeheuerliche Steigerung erfährt, und überall
    wo die Neurose sich solcher Verhüllung bedient, wandelt sie die
    Wege, die einst in alten Culturperioden die ganze Menschheit be-
    gangen hat, und von deren Existenz unter leichter Verschüttung heute
    noch Sprachgebrauch, Aberglaube und Sitte Zeugnis ablegen.2)

    Ich füge hier den angekündigten Blumentraum einer Patientin
    ein, in dem ich alles, was sexuell zu deuten ist, unterstreiche. Der
    schöne Traum wollte der Träumerin nach der Deutung gar nicht
    mehr gefallen.

    a) Vortraum: Sie geht in die Küche zu den beiden Mäd-
    chen und tadelt sie, dass sie nicht fertig werden „mit
    dem Bissel Essen“ und sieht dabei soviel umgestürztes
    Geschirr zum Abtropfen stehen, grobes Geschirr in
    Haufen zusammengestellt. Späterer Zusatz: Die beiden
    Mädchen gehen Wasser holen, und müssen dabei wie in
    einen Fluss steigen, der bis in’s Haus oder in den Hof
    reicht.*)

    b) Haupttraum:**) Sie steigt von hoch herab***) über eigen-
    thümliche Geländer oder Zäune, die zu grossen Carreau’s
    vereinigt sind und aus Flechtwerk von kleinen Qua-
    draten bestehen.†) Es ist eigentlich nicht zum Steigen
    eingerichtet; sie hat immer Sorge, dass sie Platz für
    den Fuss findet, und freut sich, dass ihr Kleid dabei
    nirgends hängen bleibt, dass sie im Gehen so anständig
    bleibt.††) Dabei trägt sie einen grossen Ast in der Hand,†††)
    eigentlich wie einen Baum, der dick mit rothen Blüthen††††)

    *) Zur Deutung dieses als „causal“ zu nehmenden Vortraumes siehe S. 216.

    **) Ihr Lebenslauf.

    ***) Hohe Abkunft, Wunschgegensatz zum Vortraume.

    †) Mischgebilde, das zwei Localitäten vereinigt, den sogenannten Boden des
    Vaterhauses, auf dem sie mit dem Bruder spielte, dem Gegenstande ihrer späteren
    Phantasien, und den Hof eines schlimmen Onkels, der sie zu necken pflegte.

    ††) Wunschgegensatz zu einer realen Erinnerung vom Hofe des Onkels, dass
    sie sich im Schlafe zu entblössen pflegte.

    †††) Wie der Engel in der Verkündigung Mariä einen Liliengengel.

  • S.

    235

    besetzt ist, verzweigt und ausgebreitet.*) Dabei ist die
    Idee Kirschblüthen, sie sehen aber auch aus wie gefüllte
    Camelien, die freilich nicht auf Bäumen wachsen. Während
    des Herabgehens hat sie zuerst einen, dann plötzlich
    zwei, später wieder einen.**) Wie sie unten anlangt, sind
    die unteren Blüthen schon ziemlich abgefallen. Sie sieht
    dann, unten angelangt, einen Hausknecht, der einen eben
    solchen Baum, sie möchte sagen – kämmt, d. h. mit einem
    Holz dicke Haarbüschel, die wie Moos von ihm herab
    hängen, rauft. Andere Arbeiter haben solche Aeste aus
    einem Garten abgehauen und auf die Strasse geworfen,
    wo sie herumliegen, so dass viele Leute sich davon nehmen.
    Sie fragt aber, ob das recht ist, ob man sich auch einen
    nehmen kann.***) Im Garten steht ein junger Mann (von ihr
    bekannter Persönlichkeit, ein Fremder), auf den sie zugeht, um
    ihn zu fragen, wie man solche Aeste in ihren eigenen Garten
    umsetzen könne.†) Er umfängt sie, worauf sie sich
    sträubt und ihn fragt, was ihm einfällt, ob man sie denn
    so umfangen darf. Er sagt, das ist kein Unrecht, das ist
    erlaubt.††) Er erklärt sich dann bereit, mit ihr in den
    anderen Garten zu gehen, um ihr das Einsetzen zu zeigen,
    und sagt ihr etwas, was sie nicht recht versteht: Es
    fehlen mir ohnedies drei Meter – (später sagt sie: Quadrat-
    meter) oder drei Klafter Grund. Es ist, als ob er für
    seine Bereitwilligkeit etwas von ihr verlangen würde,
    als ob er die Absicht hätte, sich in ihrem Garten zu ent-
    schädigen, oder als wollte er irgend ein Gesetz betrügen,
    einen Vortheil davon haben, ohne dass sie einen Schaden
    hat. Ob er ihr dann wirklich etwas zeigt, weiss sie nicht.
    Ich muss noch einen anderen Vorstellungskreis erwähnen, der
    in den Träumen wie in der Neurose häufig zur Verhüllung sexuel-
    len Inhalts dient. Ich meine den des Wohnungswechsels. Seine
    Wohnung wechseln ersetzt sich leicht durch Ausziehen, also durch
    ein mehrdeutiges Wort, das in den Vorstellungskreis der Kleidung
    führt. Ist dann noch im Traume ein Lift dabei, so erinnert man
    sich, dass „to lift“ im Englischen aufheben bedeutet, also „Kleider
    aufheben“.

    Ich habe natürlich gerade an solchem Material Ueberfluss, aber
    dessen Mittheilung würde zu tief in die Erörterung neurotischer Ver-
    hältnisse führen. Alles leitete zum gleichen Schluss, dass man keine

    *) Die Erklärung dieses Mischgebildes siehe S. 223: Unschuld, Periode,
    Cameliendame.

    **) Auf die Mehrheit der ihrer Phantasien dienenden Personen.

    ***) Ob man sich auch einen herunterreissen darf i. e. masturbiren.

    †) Der Ast hat längst die Vertretung des männlichen Genitales übernommen,
    enthält übrigens eine sehr deutliche Anspielung an den Familiennamen.

    ††) Bezieht sich wie das Nächstfolgende auf eheliche Vorsichten.

  • S.

    236

    besondere symbolisirende Thätigkeit der Seele bei der Traumarbeit
    anzunehmen braucht, sondern dass der Traum sich solcher Symboli-
    sirungen, welche im unbewussten Denken bereits fertig enthalten
    sind, bedient, weil sie wegen ihrer Darstellbarkeit, zumeist auch
    wegen ihrer Censurfreiheit, den Anforderungen der Traumbildung
    besser genügen.

    e) Beispiele – Rechnen und Reden im Traum.

    Ehe ich nun das vierte der die Traumbildung beherrschenden
    Momente an die ihm gebührende Stelle setze, will ich aus meiner
    Traumsammlung einige Beispiele heranziehen, welche theils das Zu-
    sammenwirken der drei uns bekannten Momente erläutern, theils
    Beweise für frei hingestellte Behauptungen nachtragen oder unab-
    weisbare Folgerungen aus ihnen ausführen können. Es ist mir ja
    in der vorstehenden Darstellung der Traumarbeit recht schwer ge-
    worden, meine Ergebnisse an Beispielen zu erweisen. Die Beispiele
    für die einzelnen Sätze sind nur im Zusammenhange einer Traum-
    deutung beweiskräftig; aus dem Zusammenhange gerissen büssen sie
    ihre Schönheit ein, und eine auch nur wenig vertiefte Traumdeutung
    wird bald so umfangreich, dass sie den Faden der Erörterung, zu
    deren Illustrirung sie dienen soll, verlieren lässt. Dieses technische
    Motiv mag entschuldigen, wenn ich nun allerlei an einander reihe,
    was nur durch die Beziehung auf den Text des vorstehenden Abschnittes
    zusammengehalten wird.

    Zunächst einige Beispiele von besonders eigenthümlichen oder
    von ungewöhnlichen Darstellungsweisen im Traume. Im Traume einer
    Dame heisst es: Ein Stubenmädchen steht auf der Leiter
    wie zum Fensterputzen und hat einen Schimpanse und
    eine Gorillakatze (später corrigirt: Angorakatze) bei sich.
    Sie wirft die Thiere auf die Träumerin; der Schimpanse
    schmiegt sich an die letztere an, und das ist sehr ekel-
    haft. Dieser Traum hat seinen Zweck durch ein höchst einfaches
    Mittel erreicht, indem er nämlich eine Redensart wörtlich nahm und
    nach ihrem Wortlaute darstellte. „Affe“ wie Thiernamen überhaupt
    und Schimpfworte, und die Traumsituation besagt nichts anderes
    als „mit Schimpfworten um sich werfen“. Diese selbe
    Sammlung wird alsbald weitere Beispiele für die Anwendung dieses
    einfachen Kunstgriffes bei der Traumarbeit bringen.

    Ganz ähnlich verfährt ein anderer Traum: Eine Frau mit einem
    Kind, das einen auffällig missbildeten Schädel hat; von
    diesem Kinde hat sie gehört, dass er durch die Lage im
    Mutterleibe so geworden. Man könnte den Schädel, sagt
    der Arzt, durch Compression in eine bessere Form brin-
    gen, allein das würde dem Gehirn schaden. Sie denkt,
    da es ein Bub ist, schadet es ihm weniger. – Dieser Traum

  • S.

    237

    enthält die plastische Darstellung des abstracten Begriffes: „Kinder-
    eindrücke“, den die Träumerin in den Erklärungen zur Cur gehört.

    Einen etwas anderen Weg schlägt die Traumarbeit im folgenden
    Beispiel ein. Der Traum enthält die Erinnerung an einen Ausflug
    zum Hilmteich bei Graz: Es ist ein schreckliches Wetter-
    draussen; ein armseliges Hôtel, von den Wänden tropft
    das Wasser, die Betten sind feucht. (Letzteres Stück des
    Inhalts ist minder direct im Traum, als ich es bringe.) Der Traum
    bedeutet „überflüssig“. Das Abstractum, das sich in den Traum-
    gedanken fand, ist zunächst etwas gewaltsam äquivok gemacht
    worden, etwa durch „überfliessend“ ersetzt oder durch „flüssig und
    überflüssig“ und dann durch eine Häufung gleichartiger Eindrücke
    zur Darstellung gebracht. Wasser draussen, Wasser innen an den
    Wänden, Wasser als Feuchtigkeit in den Betten, alles flüssig und
    „über“flüssig. –

    Es wäre eine besondere Arbeit, solche Darstellungsweisen
    zu sammeln und nach den ihnen zu Grunde liegenden Principien
    zu ordnen.

    Der Traumarbeit gelingt oft auch die Darstellung von sehr
    sprödem Material, wie es etwa Eigennamen sind, durch gezwungene
    Verwerthung sehr entlegener Beziehungen. In einem meiner Träume
    hat mir der alte Brücke eine Aufgabe gestellt. Ich
    fertige ein Präparat an und klaube etwas heraus, was
    wie zerknülltes Silberpapier aussieht. (Von diesem Traume
    noch später mehr.) Der nicht leicht auffindbare Einfalt dazu ergibt:
    „Stanniol“, und nun weiss ich, dass ich den Autornamen Stannius
    meine, den eine von mir in früheren Jahren mit Ehrfurcht betrachtete
    Abhandlung über das Nervensystem der Fische trägt. Die erste
    wissenschaftliche Aufgabe, die mir mein Lehrer gestellt, bezog sich
    wirklich auf das Nervensystem eines Fisches, des Ammocoetes.
    Letzterer Name war im Bilderräthsel offenbar gar nicht zu gebrauchen.

    Worin die Traumarbeit besteht und wie sie mit ihrem Material,
    den Traumgedanken, umspringt, lässt sich in lehrreicher Weise an
    den Zahlen und Rechnungen zeigen, die in Träumen vorkommen.
    Geträumte Zahlen gelten überdies dem Aberglauben als besonders
    verheissungsvoll. Ich werde also einige Beispiele solcher Art aus
    meiner Sammlung heraussuchen.

    I. Aus dem Traum einer Dame, kurz vor Beendigung ihrer Cur:
    Sie will irgend etwas bezahlen; ihre Tochter nimmt
    ihr 3 fl. 65 kr. aus der Geldtasche; sie sagt aber: Was
    thust Du? Es kostet ja nur 21 kr. Dieses Stückchen Traum
    war mir durch die Verhältnisse der Träumerin ohne weitere Auf-
    klärung ihrerseits verständlich. Die Dame war eine Fremde, die
    ihre Tochter in einem Wiener Erziehungsinstitute untergebracht hatte
    und meine Behandlung fortsetzen konnte, so lange ihre Tochter in
    Wien blieb. In drei Wochen war deren Schuljahr zu Ende und

  • S.

    238

    damit endete auch die Cur. Am Tage vor dem Traum hatte ihr die
    Institutsvorsteherin nahe gelegt, ob sie sich nicht entschliessen könnte,
    das Kind noch ein weiteres Jahr bei ihr zu lassen. Sie hatte dann
    offenbar bei sich diese Anregung dahin fortgesetzt, dass sie in diesem
    Falle auch die Behandlung um ein Jahr verlängern könnte. Darauf
    bezieht sich nun der Traum, denn ein Jahr ist gleich 365 Tagen,
    die drei Wochen bis zum Abschluss des Schuljahres und der Cur
    lassen sich ersetzen durch 21 Tage (wenngleich nicht ebensoviele
    Behandlungsstunden). Die Zahlen, die in den Traumgedanken bei
    Zeiten standen, werden im Traum Geldwerthen beigesetzt, nicht ohne
    dass damit ein tieferer Sinn zum Ausdruck käme, denn „Time is
    money“, Zeit hat Geldwerth. 365 Kreuzer sind dann allerdings
    3 Gulden 65 Kreuzer. Die Kleinheit der im Traum erscheinenden
    Summen ist offenkundige Wunscherfüllung; der Wunsch hat die
    Kosten der Behandlung wie des Lehrjahres im Institut verkleinert.
    II. Zu complicirteren Beziehungen führen die Zahlen in einem
    anderen Traum. Eine junge, aber schon seit einer Reihe von Jahren
    verheirathete Dame erfährt, dass eine ihr fast gleichaltrige Bekannte,
    Elise L., sich eben verlobt hat. Daraufhin träumt sie: Sie sitzt
    mit ihrem Manne im Theater, eine Seite des Parquets
    ist ganz unbesetzt. Ihr Mann erzählt ihr, Elise L. und
    ihr Bräutigam hätten auch gehen wollen, hätten aber
    nur schlechte Sitze bekommen, 3 fl. 50 kr.1), und die
    konnten sie ja nicht nehmen. Sie meint, es wäre auch
    kein Unglück gewesen.
    Woher rühren die 1 fl. 50 kr.2) Aus einem eigentlich indiffe-
    renten Anlass des Vortages. Ihre Schwägerin hatte von ihrem Manne
    150 fl. zum Geschenk bekommen und sich beeilt, sie los zu werden,
    indem sie sich einen Schmuck dafür kaufte. Wir wollen anmerken,
    dass 150 fl. 100 mal mehr als 1 fl. 50 kr. Woher die 3, die bei
    den Theatersitzen steht? Dafür ergibt sich nur die eine Anknüpfung,
    dass die Braut um ebensoviel Monate – drei – jünger ist als sie.
    Zur Auflösung des Traumes führt dann die Erkundigung, was der
    Zug im Traum, dass eine Seite des Parquets leer bleibt, bedeuten
    kann. Derselbe ist eine unveränderte Anspielung auf eine kleine
    Begebenheit, die ihrem Manne guten Grund zur Neckerei gegeben
    hat. Sie hatte sich vorgenommen, zu einer der angekündigten
    Theatervorstellungen der Woche zu gehen und war so vorsorglich,
    mehrere Tage vorher Karten zu nehmen, für die sie Vorkaufsgebühr
    zu zahlen hatte. Als sie dann in’s Theater kamen, fanden sie, dass
    die eine Seite des Hauses fast leer war; sie hätte es nicht nöthig
    gehabt, sich so sehr zu beeilen.
    Ich werde jetzt den Traum durch die Traumgedanken ersetzen:
     

    „Ein Unsinn war es doch, so früh zu heirathen, ich hätte es nicht
    nöthig gehabt, mich so zu beeilen; An dem Beispiele der
    Elise L. sehe ich, dass ich noch immer einen Mann bekommen hätte.

  • S.

    239

    Und zwar einen hundertmal besseren (Mann, Schatz), wenn ich
    nur gewartet hätte (Gegensatz zu dem Beeilen der Schwägerin).
    Drei solche Männer hätte ich für das Geld (die Mitgift) kaufen
    können!“ Wir werden darauf aufmerksam, dass in diesem Traum die
    Zahlen in weit höherem Grade Bedeutung und Zusammenhang ver-
    ändert haben, als im vorher behandelten. Die Umwandlungs- und
    Entstellungsarbeit des Traumes ist hier ausgiebiger gewesen, was wir
    so deuten, dass diese Traumgedanken bis zu ihrer Darstellung ein
    besonders hohes Mass von innerpsychischem Widerstand zu über-
    winden hatten. Wir wollen auch nicht übersehen, dass in diesem
    Traum ein absurdes Element enthalten ist, nämlich, dass zwei
    Personen drei Sitze nehmen sollen. Wir greifen in die Deutung
    der Absurdität im Traume über, wenn wir anführen, dass dieses
    absurde Detail des Trauminhaltes den meistbetonten der Traum-
    gedanken darstellen soll: Ein Unsinn war es, so früh zu heirathen.
    Die in einer ganz nebensächlichen Beziehung der beiden verglichenen
    Personen enthaltene 3 (3 Monate Unterschied im Alter) ist dann
    geschickt zur Reduction des für den Traum erforderlichen Unsinns
    verwendet worden. Die Verkleinerung der realen 150 fl. auf 1 fl. 50
    entspricht der Geringschätzung des Mannes (oder Schatzes) in
    den unterdrückten Gedanken der Träumerin.

    III. Ein anderes Beispiel führt uns die Rechenkunst des Traumes
    vor, die ihm soviel Missachtung eingetragen hat. Ein Mann träumt:
    Er sitzt bei B . . . (einer Familie seiner früheren Bekanntschaft)
    und sagt: Es war ein Unsinn, dass Sie mir die Mali nicht
    gegeben haben. Darauf fragt er das Mädchen: Wie alt
    sind Sie denn? Antwort: Ich bin 1882 geboren. – Ah,
    dann sind Sie 28 Jahre alt.

    Da der Traum im Jahre 1898 vorfällt, so ist das offenbar
    schlecht gerechnet, und die Rechenschwäche des Träumers darf der
    des Paralytikers an die Seite gestellt werden, wenn sie sich etwa
    nicht anders aufklären lässt. Mein Patient gehörte zu jenen Personen,
    deren Gedanken kein Frauenzimmer, das sie sehen, in Ruhe lassen
    können. Seine Nachfolgerin in meinem Ordinationszimmer war einige
    Monate hindurch regelmässig eine junge Dame, der er begegnete,
    nach der er sich häufig erkundigte, und mit der er durchaus höflich
    sein wollte. Diese war es, deren Alter er auf 28 Jahre schätzte.
    Soviel zur Aufklärung des Resultates der scheinbaren Rechnung.
    1882 war aber das Jahr, in dem er geheirathet hatte. Er hatte es
    nicht unterlassen können, auch mit den beiden anderen weiblichen
    Personen, die er bei mir traf, Gespräche anzuknüpfen, den beiden
    keineswegs jugendlichen Mädchen, die ihm abwechselnd die Thüre
    zu öffnen pflegten, und als er die Mädchen wenig zutraulich fand,
    sich die Erklärung gegeben, sie hielten ihn wohl für einen älteren
    „gesetzten“ Herrn.

    Wenn wir diese und ähnliche (später folgende Beispiele) zu-
    sammenhalten, dürfen wir sagen: Die Traumarbeit rechnet überhaupt

  • S.

    240

    nicht, weder richtig noch falsch; sie fügt nur Zahlen, die in den
    Traumgedanken vorkommen und als Anspielungen auf ein nicht
    darstellbares Material dienen können, in der Form einer Rechnung
    zusammen. Sie behandelt dabei die Zahlen in genau der nämlichen
    Weise als Material zum Ausdruck ihrer Absichten wie alle anderen
    Vorstellungen, wie auch die Namen und die als Wortvorstellungen
    kenntlichen Reden.

    Denn die Traumarbeit kann auch keine Rede neu schaffen.
    So viel von Rede und Gegenrede in den Träumen vorkommen mag,
    die an sich sinnig oder unvernünftig sein können, die Analyse zeigt
    uns jedesmal, dass der Traum dabei nur Bruchstücke von wirklich
    geführten oder gehörten Reden den Traumgedanken entnommen hat
    und höchst willkürlich mit ihnen verfahren ist. Er hat sie nicht
    nur aus ihrem Zusammenhange gerissen und zerstückt, das eine Stück
    aufgenommen, das andere verworfen, sondern auch oft neu zusammen--
    gefügt, so dass die zusammenhängend scheinende Traumrede bei der
    Analyse in drei oder vier Brocken zerfällt. Bei dieser Neu-
    verwendung hat er oft den Sinn, den die Worte in den Traum-
    gedanken hatten, bei Seite gelassen, und dem Wortlaut einen völlig
    neuen Sinn abgewonnen. Bei näherem Zusehen unterscheidet man
    an der Traumrede deutlichere, compacte Bestandtheile von anderen,
    die als Bindemittel dienen und wahrscheinlich ergänzt worden sind,
    wie wir ausgelassene Buchstaben und Silben beim Lesen ergänzen.
    Die Traumrede hat so den Aufbau eines Brecciengesteines, in dem
    grössere Brocken verschiedenen Materials durch eine erhärtete
    Zwischenmasse zusammengehalten werden.

    In voller Strenge richtig ist diese Beschreibung allerdings nur
    für jene Reden im Traum, die etwas vom sinnlichen Charakter der
    Rede haben und als „Reden“ beschrieben werden. Die anderen, die
    nicht gleichsam als gehört oder als gesagt empfunden werden (keine
    akustische oder motorische Mitbetonung im Traum haben), sind
    einfach Gedanken, wie sie in unserer wachen Denkthätigkeit vor--
    kommen und unverändert in viele Träume übergehen. Für das
    indifferent gehaltene Redematerial des Traumes scheint auch die
    Lectüre eine reich fliessende und schwer zu verfolgende Quelle ab--
    zugeben. Alles aber, was im Traum als Rede irgendwie auffällig
    hervortritt, unterwirft sich der Zurückführung auf reale, selbst ge--
    haltene oder gehörte Rede.

    Beispiele für die Ableitung solcher Traumreden haben wir
    bereits bei der Analyse von Träumen gefunden, die zu anderen
    Zwecken mitgetheilt worden sind. So in dem „harmlosen Markt--
    traum“ auf Seite 125, in dem die Rede: Das ist nicht mehr zu
    haben, dazu dient, mich mit dem Fleischhauer zu identificiren,
    während ein Stück der anderen Rede: Das kenne ich nicht, das
    nehme ich nicht, geradezu die Aufgabe erfüllt, den Traum harmlos
    zu machen. Die Träumerin hatte nämlich am Vortage irgendwelche

  • S.

    241

    Zumuthung ihrer Köchin mit den Worten zurückgewiesen: Das
    kenne ich nicht, benehmen Sie sich anständig, und nun von
    dieser Rede das indifferente erste Stück in den Traum ge-
    nommen, um mit ihm auf das spätere Stück anzuspielen, das in die
    Phantasie, welche dem Traum zu Grunde lag, sehr wohl gepasst, aber
    auch dieselbe verrathen hätte.

    Ein ähnliches Beispiel an Stelle vieler, die ja alle das nämliche
    ergeben:

    Ein grosser Hof, in dem Leichen verbrannt werden.
    Er sagt: ‚Da geh’ ich weg, das kann ich nicht sehen.
    (Keine deutliche Rede.) Dann trifft er zwei Fleischhauer-
    buben und fragt: ‚Na, hat’s geschmeckt?‘ Der eine
    antwortet: ‚Na, nöt gut war’s.‘ Also bes Menschenfleisch
    gewesen wäre.

    Der harmlose Anlass dieses Traumes ist folgender: Er macht
    nach dem Nachtmahl mit seiner Frau einen Besuch bei den braven,
    aber keineswegs appetitlichen Nachbarsleuten. Die gastfreund-
    liche alte Dame befindet sich eben bei ihrem Abendessen und
    nöthigt ihn (man gebraucht dafür scherzhaft unter Männern ein
    zusammengesetztes, sexuell bedeutsames Wort) davon zu kosten. Er
    lehnt ab, er habe keinen Appetit mehr. „Aber gehen’s weg, das
    werden Sie noch vertragen“ oder so ähnlich. Er muss also kosten
    und rühmt dann das Gebotene vor ihr. „Das ist aber gut.“ Mit seiner
    Frau wieder allein, schimpft er dann sowohl über die Aufdringlichkeit
    der Nachbarin, als auch über die Qualität der gekosteten Speise.
    „Das kann ich nicht sehen“, das auch im Traum nicht als eigent-
    liche Rede auftritt, ist ein Gedanke, der sich auf die körperlichen
    Reize der einladenden Dame bezieht, und zu übersetzen wäre, dass
    er diese zu schauen nicht begehrt.

    Lehrreicher wird sich die Analyse eines anderen Traumes
    gestalten, den ich wegen der sehr deutlichen Rede, die seinen Mittel-
    punkt bildet, schon an dieser Stelle mittheile, aber erst bei der
    Würdigung der Affecte im Traume aufklären werde. Ich träume sehr
    klar: Ich bin Nachts in’s Brücke’sche Laboratorium
    gegangen und öffne auf ein leises Klopfen an der Thüre
    dem (verstorbenen) Professor Fleischl, der mir mehreren
    Fremden eintritt und sich nach einigen Worten an
    seinen Tisch setzt. Dann folgt ein zweiter Traum: Mein
    Freund Fl. ist in Juli unauffällig nach Wien gekommen;
    ich begegne ihn auf der Strasse im Gespräch mit
    meinem (verstorbenen) Freunde P. und gehe mit ihnen
    irgendwohin, wo sie einander wie an einem kleinen
    Tisch gegenübersitzen, ich an der schmalen Seite des
    Tischchens vorne. Fl. erzählt von seiner Schwester und
    sagt: In 3/4 Stunden war sie todt, und dann etwas wie:
    Das ist die Schwelle. Da P. ihn nicht versteht, wendet

  • S.

    242

    sich Fl. an mich und fragt mich, wieviel von seinen
    Dingen ich P. denn mitgetheilt habe. Darauf ich, von
    merkwürdigen Affecten ergriffen, Fl. mittheilen will,
    dass P. (ja gar nichts wissen kann, weil er) gar nicht am
    Leben ist. Ich sage aber, den Irrthum selbst bemerkend:
    Non vixit. Ich sehe dann P. durchdringend an, unter
    meinem Blicke wird er bleich, verschwommen, seine
    Augen werden krankhaft blau – und endlich löst er
    sich auf. Ich bin ungemein erfreut darüber, verstehe
    jetzt, dass auch Ernst Fleischl nur eine Erscheinung,
    ein Revenant war, und finde es ganz wohl möglich,
    dass eine solche Person nur so lange besteht, als man
    es mag, und dass sie durch den Wunsch des Anderen
    beseitigt werden kann.

    Dieser schöne Traum vereinigt so viele der am Trauminhalt
    räthselhaften Charaktere, – die Kritik während des Traumes selbst,
    dass ich meinen Irrthum, Non vixit zu sagen anstatt Non vivit, selbst
    bemerke; den angefangenen Verkehr mit Verstorbenen, die der Traum
    selbst für verstorben erklärt; die Absurdität der Schlussfolgerung
    und die hohe Befriedigung, die dieselbe mir bereitet, – dass ich „für
    mein Leben gern“ die volle Lösung dieser Räthsel mittheilen möchte.
    Ich bin aber in Wirklichkeit unfähig, das zu thun – was ich
    nämlich im Traum thue – die Rücksicht auf so theure Personen
    meinem Ehrgeiz aufzuopfern. Bei jeder Verhüllung wäre aber der
    mir wohlbekannte Sinn des Traumes zu Schaden geworden. So
    begnüge ich mich denn, zuerst hier, und dann an späterer Stelle
    einige Elemente des Traumes zur Deutung herauszugreifen.

    Das Centrum des Traumes bildet eine Scene, in der ich P.
    durch einen Blick vernichte. Seine Augen werden dabei so merk-
    würdig und unheimlich blau, und dann löst er sich auf. Diese
    Scene ist die unverkennbare Nachbildung einer wirklich erlebten.
    Ich war Demonstrator am physiologischen Institut, hatte den Dienst
    in den Frühstunden, und Brücke hatte erfahren, dass ich einige
    Male zu spät in’s Schülerlaboratorium gekommen war. Da kam er
    einmal pünktlich zur Eröffnung und wartete mich ab. Was er mir
    sagte, war karg und bestimmt; es kam aber gar nicht auf die Worte
    an. Das Ueberwältigende waren die fürchterlichen blauen Augen
    mit denen er mich ansah, und vor denen ich verging – wie P. im
    Traum, der zu meiner Erleichterung die Rollen verwechselt hat.
    Wer sich an die bis in’s hohe Greisenalter wunderschönen Augen
    des grossen Meisters erinnern kann und ihn je im Zorn gesehen hat,
    wird sich in die Affecte des jugendlichen Sünders von damals leicht
    versetzen können.

    Es wollte mir aber lange nicht gelingen, das „Non vixit“ ab-
    zuleiten, mit dem ich im Traum jene Justiz übe, bis ich mich besann,
    dass diese zwei Worte nicht als gehörte oder gerufene, sondern als

  • S.

    243

    gesehene so hohe Deutlichkeit im Traum besessen hatten. Dann wusste
    ich sofort, woher sie stammten. Auf dem Postament des Kaiser Josef-
    Denkmals in der Wiener Hofburg sind die schönen Worte zu lesen:
     

    Saluti patriae vixit
    non diu sed totus.

    Aus dieser Inschrift hatte ich herausgeklaubt, was zu der einen,
    feindseligen, Gedankenreihe in meinen Traumgedanken passte, und
    was heissen sollte: „Der Kerl hat ja gar nichts dreinzureden, er lebt
    ja gar nicht.“ Und nun musste ich mich erinnern, dass der Traum
    wenige Tage nach der Enthüllung des Fleischldenkmals in den
    Arkaden der Universität geträumt worden war, wobei ich das Denk-
    mal Brücke’s wiedergesehen hatte und (im Unbewussten) mit
    Bedauern erwogen haben muss, wie mein hochbegabter, und ganz der
    Wissenschaft ergebener Freund P. durch einen allzufrühen Tod
    seinen begründeten Anspruch auf ein Denkmal in diesen Räumen
    verloren. So setzte ich ihm dies Denkmal im Traum; mein Freund
    P. hiess mit dem Vornamen Josef.*)

     

    Nach den Regeln der Traumdeutung wäre ich nun noch immer
    nicht berechtigt, das non vixit, das ich brauche, durch non vixit,
    das mir die Erinnerung an das Josefsmonument zur Verfügung stellt,
    zu ersetzen. Ein anderes Element der Traumgedanken muss dies
    durch seinen Beitrag ermöglicht haben. Es heisst mich nun etwas darauf
    achten, dass in der Traumscene eine feindselige und eine zärtliche
    Gedankenströmung gegen meinen Freund P. zusammentreffen, die
    erstere oberflächlich, die letztere verdeckt, und in den nämlichen
    Worten: Non vixit ihre Darstellung erreichen. Weil er sich um
    die Wissenschaft verdient gemacht hat, errichte ich ihm ein Denkmal;
    aber weil er sich eines bösen Wunsches schuldig gemacht hat (der am
    Ende des Traumes ausgedrückt ist), darum vernichte ich ihn. Ich habe
    da einen Satz von ganz besonderem Klang gebildet, bei dem mich
    ein Vorbild beeinflusst haben muss. Wo findet sich nur eine ähnliche
    Antithese, ein solches Nebeneinanderstellen zweier entgegengesetzter
    Reactionen gegen dieselbe Person, die beide den Anspruch erheben,
    voll berechtigt zu sein, und doch einander nicht stören wollen? An
    einer einzigen Stelle, die sich aber dem Leser tief einprägt; in der
    Rechtfertigungsrede des Brutus in Shakespeare’s Julius
    Cäsar: „Weil Cäsar mich liebte, wein’ ich um ihn; weil er glück-
    lich war, freue ich mich; weil er tapfer war, ehr’ ich ihn, aber weil
    er herrschsüchtig war, erschlug ich ihn.“ Ist das nicht der nämliche
    Satzbau und Gedankengegensatz wie in dem Traumgedanken, den
    ich aufgedeckt habe? Ich spiele also den Brutus im Traum. Wenn
    ich nur von dieser überraschenden Collateralverbindung noch eine
    andere bestätigende Spur im Trauminhalt auffinden könnte! Ich denke,


    *)Als Beitrag zur Ueberdeterminirung: Meine Entschuldigung für mein
    Zuspätkommen lag darin, dass ich nach langer Nachtarbeit am Morgen den weiten
    Weg von der Kaiser Josefstrasse in die Währingerstrasse zu machen hatte.

  • S.

    244

    dies könnte folgende sein: Mein Freund Fl. kommt im Juli nach
    Wien. Diese Einzelheit findet gar keine Stütze in der Wirklichkeit.
    Mein Freund ist im Monat Juli meines Wissens niemals in Wien
    gewesen. Aber der Monat Juli ist nach Julius Cäsar benannt und
    könnte darum sehr wohl die von mir gesuchte Anspielung auf den
    Zwischengedanken, dass ich den Brutus spiele, vertreten.*)

    Merkwürdiger Weise habe ich nun wirklich einmal den Brutus
    gespielt. Ich habe die Scene Brutus und Cäsar aus Schiller’s
    Gedichten vor einem Auditorium von Kindern aufgeführt, und zwar
    als 14jähriger Knabe im Verein mit meinem um ein Jahr älteren
    Neffen, der damals aus England zu uns gekommen war, – auch so
    ein Revenant – denn es war der Gespiele meiner ersten Kinderjahre,
    der mit ihm wieder auftauchte. Bis zu meinem vollendeten dritten
    Jahre waren wir unzertrennlich gewesen, hatten einander geliebt und
    mit einander gerauft, und diese Kinderbeziehung hat, wie ich schon
    einmal angedeutet, über all’ meine späteren Gefühle im Verkehr mit
    Altersgenossen entschieden. Mein Neffe John hat seither sehr viele
    Incarnationen gefunden, die bald diese, bald jene Seite seines in
    meiner unbewussten Erinnerung unauslöschlich fixirten Wesens
    wiederbelebten. Er muss mich zeitweilig sehr schlecht behandelt
    haben, und ich muss Muth bewiesen haben gegen meinen Tyrannen,
    denn es ist mir in späteren Jahren oft eine kurze Rechtfertigungsrede
    wiedererzählt worden, mit der ich mich vertheidigte, als mich der
    Vater – sein Grossvater – zur Rede stellte: Warum schlägst Du
    den John? Sie lautete in der Sprache des noch nicht Zweijährigen:
    Ich habe ihn ge(sch)lagt, weil er mich ge(sch)lagt hat.
    Diese Kinderscene muss es sein, die non vixit zum non vixit
    ablenkt, denn in der Sprache späterer Kinderjahre heisst ja das
    Schlagen – Wichsen; die Traumarbeit verschmäht es nicht, sich
    solcher Zusammenhänge zu bedienen. Die in der Realität so wenig
    begründete Feindseligkeit gegen meinen Freund P., der mir vielfach
    überlegen war und darum auch eine Neuausgabe des Kinderspielen
    abgeben konnte, geht sicherlich auf die complicirte infantile Beziehung
    zu John zurück.

    Ich werde also auf diesen Traum noch zurückkommen.

    f) Absurde Träume. Die intellektuellen Leistungen im
    Traum.

    Bei unseren bisherigen Traumdeutungen sind wir so oft auf das Ele-
    ment der Absurdität im Trauminhalt gestossen, dass wir die Unter-
    suchung nicht länger aufschieben wollen, woher dasselbe rührt, und was es
    etwa bedeutet. Wir erinnern uns ja, dass die Absurdität der Träume
    den Gegnern der Traumschätzung ein Hauptargument bot, um im

    *)Dazu noch Cäsar-Kaiser.

  • S.

    245

    Traum nichts anderes als ein sinnloses Product einer reducirten und
    zerbröckelten Geistestätigkeit zu sehen.

    Ich beginne mit einigen Beispielen, in denen die Absurdität des
    Trauminhaltes nur ein Anschein ist, der bei besserer Vertiefung in
    den Sinn des Traumes sofort verschwindet. Es sind einige Träume,
    die – wie man zuerst meint, zufällig – vom todten Vater handeln.

    I. Der Traum des Patienten, der seinen Vater vor sechs Jahren
    verloren:

    Dem Vater ist ein grosses Unglück widerfahren. Er
    ist mit dem Nachtzug gefahren, da ist eine Entgleisung
    erfolgt, die Sitze sind zusammengekommen, und ihm
    ist der Kopf quer zusammengedrückt worden. Er sieht
    ihn dann auf dem Bette liegen, mit einer Wunde über
    dem Augenbrauenrand links, die vertical verläuft. Er
    wundert sich darüber, dass der Vater verunglückt ist
    (da er doch schon todt ist, wie er bei der Erzählung ergänzt).
    Die Augen sind so klar.

    Nach der herrschenden Beurtheilung der Träume hätte man
    sich diesen Trauminhalt so aufzuklären: Der Träumer hat zuerst,
    während er sich den Unfall seines Vaters vorstellt, vergessen, dass
    dieser schon seit Jahren im Grabe ruht; im weiteren Verlaufe des
    Traums wächst diese Erinnerung auf und bewirkt, dass er sich
    über den eigenen Traum noch selbst träumend verwundert. Die
    Analyse lehrt aber, dass es vor Allem überflüssig ist, nach solchen
    Erklärungen zu greifen. Der Träumer hatte bei einem Künstler eine
    Büste des Vaters bestellt, die er zwei Tage vor dem Traume in
    Augenschein genommen hat. Diese ist es, die ihm verunglückt
    vorkommt. Der Bildhauer hat den Vater nie gesehen, er arbeitet
    nach ihm vorgelegten Photographien. Am Tage vor dem Traume
    selbst hat der pietätvolle Sohn einen alten Diener der Familie in’s
    Atelier geschickt, ob auch der dasselbe Urtheil über den marmornen
    Kopf fällen wird, nämlich dass er zu schmal in der Querrichtung
    von Schläfe zu Schläfe ausgefallen ist. Nun folgt das Erinnerungs-
    material, das zum Aufbau dieses Traumes beigetragen hat. Der
    Vater hatte die Gewohnheit, wenn geschäftliche Sorgen oder
    Schwierigkeiten in der Familie ihn quälten, sich beide Hände gegen
    die Schläfen zu drücken, als ob er seinen Kopf, der ihm zu weit
    würde, zusammenpressen wollte. – Als Kind von vier Jahren war
    unser Träumer zugegen, wie das Losgehen einer zufällig geladenen
    Pistole dem Vater die Augen schwärzte (die Augen sind so
    klar). – An der Stelle, wo der Traum die Verletzung des Vaters
    zeigt, trug der Lebende, wenn er nachdenklich oder traurig war,
    eine tiefe Längsfurche zur Schau. Dass diese Furche im Traum
    durch eine Wunde ersetzt ist, deutet auf die zweite Veranlassung
    des Traumes hin. Der Träumer hatte sein kleines Töchterchen

  • S.

    246

    photographirt; die Platte war ihm aus der Hand gefallen und zeigte,
    als er sie aufhob, einen Sprung, der wie eine senkrechte Furche
    über die Stirne der Kleinen lief und bis zum Augenbrauenbogen
    reichte. Da konnte er sich aberglaubischer Ahnungen nicht erwehren,
    denn einen Tag vor dem Tode der Mutter war ihm die photographische
    Platte mit deren Abbild gesprungen.

    Die Absurdität dieses Traumes ist also blos der Erfolg einer
    Nachlässigkeit des sprachlichen Ausdruckes, der die Büste und die
    Photographie von der Person nicht unterscheiden will. Wir sind alle
    gewöhnt so zu reden: Findest Du den Vater nicht getroffen? Freilich
    wäre der Anschein der Absurdität in diesem Traume leicht zu ver-
    meiden gewesen. Wenn man schon nach einer einzigen Erfahrung
    urtheilen dürfte, so möchte man sagen, dieser Anschein von Absurdität
    ist ein zugelassener oder gewollter.

    II. Ein zweites ganz ähnliches Beispiel aus meinen eigenen
    Träumen: (Ich habe meinen Vater im Jahre 1896 verloren.)

    Der Vater hat nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, sie politisch geeinigt,
    wozu ich ein kleines undeutliches Bild sehe: eine Menschenmenge
    wie im Reichstag; eine Person, die auf einem oder auf zwei
    Stühlen steht, Andere um ihn herum. Ich erinnere mich
    daran, dass er auf dem Todtenbette Garibaldi so ähnlich
    gesehen hat, und freue mich, dass diese Verheissung
    doch wahr geworden ist.

    Das ist doch absurd genug. Es ist zur Zeit geträumt, da die
    Ungarn durch parlamentarische Obstruction in den gesetzlosen
    Zustand geriethen und jene Krise durchmachten, aus der Koloman
    Szell sie befreite. Der geringfügige Umstand, dass die im Traum
    gesehene Scene aus so kleinen Bildern besteht, ist nicht ohne Be-
    deutung für die Aufklärung dieses Elementes; die gewöhnliche visuelle
    Traumdarstellung unserer Gedanken ergibt Bilder, die uns etwa den
    Eindruck der Lebensgrösse machen; mein Traumbild ist aber die
    Reproduction eines in den Text einer illustrirten Geschichte Oesterreichs
    eingeschobenen Holzschnittes, der Maria Theresia auf dem Reichstage
    von Pressburg darstellt; die berühmte Scene des „Moriamur pro rege
    nostro“*). Wie dort Maria Theresia so steht im Traume der Vater
    von der Menge umringt; er steht aber auf einem oder zwei Stühlen,
    also als Stuhlrichter. (Er hat sie geeinigt: – hier vermittelt die
    Redensart: Wir werden keinen Richter brauchen.) Dass er auf
    dem Todtenbette Garibaldi so ähnlich sah, haben wir Umstehenden
    wirklich alle bemerkt. Er hatte postmortale Temperatursteigerung,

    *)Ich weiss nicht mehr, bei welchem Autor ich einen Traum erwähnt ge
    funden habe, in dem es von ungewöhnlich kleinen Gestalten wimmelte, und als
    dessen Quelle sich einer der Stiche Jacques Callot’s herausstellte, die der Träumer
    bei Tag betrachtet hatte. Diese Stiche enthalten allerdings eine Unzahl sehr kleiner
    Figuren; eine Reihe derselben behandelt die Greuel des 30jährigen Krieges.

  • S.

    247

    Einzelne Absurditäten im Traume.

    seine Wangen glühten roth und röther1) unwillkürlich setzen wir
    fort: Und hinter ihm, in wesenlosem Scheine lag, was uns alle bändigt,
    das Gemeine.

    Diese Erhebung unserer Gedanken bereitet uns darauf vor, dass wir
    gerade mit dem „Gemeinen“ zu thun bekommen sollen. Das „post-
    mortale“ der Temperaturerhöhung entspricht den Worten „nach
    seinem Tode“ im Trauminhalt. Das Quälendste seiner Leiden war
    die völlige Darmlähmung (Obstruction) der letzten Wochen ge-
    wesen. An diese knüpfen allerlei unehrbietige Gedanken an. Einer
    meiner Altersgenossen, der seinen Vater noch als Gymnasiast verlor,
    bei welchem Anlass ich ihm dann tief erschüttert meine Freundschaft
    antrug, erzählte mir einmal höhnend von dem Schmerz einer Ver-
    wandten, deren Vater auf der Strasse gestorben und nach Hause ge-
    bracht worden war, wo sich dann bei der Entkleidung der Leiche
    fand, dass im Moment des Todes oder postmortal eine Stuhl-
    entleerung stattgefunden hatte. Die Tochter war so tief unglück-
    lich darüber, dass ihr dieses hässliche Detail die Erinnerung an den
    Vater stören musste. Hier sind wir nun zu dem Wunsch vorgedrungen,
    der sich in diesem Traume verkörpert. Nach seinem Tode rein
    und gross vor seinen Kindern dastehen, wer möchte das
    nicht wünschen? Wohin ist die Absurdität dieses Traumes gerathen?
    Ihr Anschein ist nur dadurch zu Stande gekommen, dass eine völlig
    zulässige Redensart, bei welcher wir gewöhnt sind über die Absurdität
    hinwegzusehen, die zwischen ihren Bestandteilen vorhanden sein mag,
    im Traume getreulich dargestellt wird. Auch hier können wir den
    Eindruck nicht abweisen, dass der Anschein der Absurdität ein ge-
    wollter, absichtlich hervorgerufener, ist.

    III. In dem Beispiel, das ich jetzt anführe, kann ich die Traumarbeit
    dabei ertappen, wie sie eine Absurdität, zu der im Material gar kein
    Anlass ist, absichtlich fabricirt. Es stammt aus dem Traume, den mir
    die Begegnung mit dem Grafen Thun vor meiner Ferialreise ein-
    gegeben hat. „Ich fahre in einem Einspänner und gebe
    Auftrag zu einem Bahnhof zu fahren. „Auf der Bahn-
    strecke selbst kann ich natürlich nicht mit Ihnen fahren“
    sage ich, nachdem er einen Einwand gemacht, als ob ich
    ihn übermüdet hätte; dabei ist es so, als wäre ich schon
    eine Strecke mit ihm gefahren, die man sonst mit der
    Bahn fährt. Zu dieser verworrenen und unsinnigen Geschichte
    gibt die Analyse folgende Aufklärungen: Ich hatte am Tage einen
    Einspänner genommen, der mich nach Dornbach in eine entlegene
    Strasse führen sollte. Er kannte aber den Weg nicht und fuhr nach
    Art dieser guten Leute immer weiter, bis ich es merkte und ihm den
    Weg zeigte, wobei ich ihm einige spöttische Bemerkungen nicht er-
    sparte. Von diesem Kutscher spinnt sich eine Gedankenverbindung
    zu den Aristokraten an, mit der ich später noch zusammentreffen
    werde. Vorläufig nur die Andeutung, dass uns bürgerlichem Plebs

  • S.

    248

    die Aristokratie dadurch auffällig wird, dass sie sich mit Vorliebe an
    die Stelle des Kutschers setzt. Graf Thun lenkt ja auch den Staats-
    wagen von Oesterreich. Der nächste Satz im Traum bezieht sich
    aber auf meinen Bruder, den ich also mit dem Einspännerkutscher
    identificire. Ich hatte ihm heuer die gemeinsame Italienfahrt ab-
    gesagt („Auf die Bahnstrecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“),
    und diese Absage war eine Art Bestrafung für seine sonstige Klage,
    dass ich ihn auf diesen Reisen zu übermüden pflege (was unver-
    ändert in den Traum gelangt), indem ich ihm zu rasche Ortsveränderung,
    zuviel des Schönen an einem Tage, zumuthe. Mein Bruder hatte
    mich an diesem Abend zum Bahnhofe begleitet, war aber kurz vorher
    bei der Stadtbahnstation Westbahnhof ausgesprungen, um mit der
    Stadtbahn nach Purkersdorf zu fahren. Ich hatte ihm bemerkt, er
    könne noch eine Weile länger bei mir bleiben, indem er nicht mit
    der Stadtbahn, sondern mit der Westbahn nach Purkersdorf fahre.
    Davon ist in den Traum gekommen, dass ich mit dem Wagen eine
    Strecke gefahren bin, die man sonst mit der Bahn fährt. In
    Wirklichkeit war es umgekehrt (und „Umgekehrt ist auch ge-
    fahren“); ich hatte meinem Bruder gesagt: Die Strecke, die Du mit
    der Stadtbahn fährst, kannst Du auch in meiner Gesellschaft in der
    Westbahn fahren. Die ganze Traumverwirrung richte ich dadurch
    an, dass ich anstatt „Stadtbahn“ – „Wagen“ in den Traum einsetze, was
    allerdings zur Zusammenziehung des Kutschers mit dem Bruder gute
    Dienste leistet. Dann bekomme ich im Traume etwas Unsinniges
    heraus, was bei der Erklärung kaum entwirrbar scheint, und beinahe
    einen Widerspruch mit einer früheren Rede von mir („Auf die Bahn-
    strecke selbst kann ich mit Ihnen nicht fahren“), herstellt. Da ich
    aber Stadtbahn und Einspännerwagen überhaupt nicht zu verwechseln
    brauche, muss ich diese ganze räthselhafte Geschichte im Traume ab-
    sichtlich so gestaltet haben.

    In welcher Absicht aber? Wir sollen nun erfahren, was die
    Absurdität im Traume bedeutet, und aus welchen Motiven sie zugelassen
    oder geschaffen wird. Die Lösung des Geheimnisses im vorliegenden
    Falle ist Folgende: Ich brauche im Traume eine Absurdität und etwas
    Unverständliches in Verbindung mit dem „Fahren“, weil ich in den
    Traumgedanken ein gewisses Urtheil habe, das nach Darstellung ver-
    langt. An einem Abende bei jener gastfreundlichen und geistreichen
    Dame, die in einer anderen Scene des nämlichen Traumes als „Haus-
    hälterin“ auftritt, hatte ich zwei Räthsel gehört, die ich nicht auflösen
    konnte. Da sie der übrigen Gesellschaft bekannt waren, machte ich
    mit meinen erfolglosen Bemühungen die Lösung zu finden eine etwas
    lächerliche Figur. Es waren zwei Aequivoke mit „Nachkommen“
    und „Vorfahren“.

    Sie lauteten, glaube ich, so:
    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher thut’s.
    Ein Jeder hat’s,
    Im Grabe ruht’s. (Vorfahren.)

  • S.

    249

    Die Absurdität ist eine absichtlich hergestellte.

    Verwirrend wirkte es, dass das zweite Räthsel zur einen Hälfte
    identisch mit dem ersten war:

    Der Herr befiehlt’s,
    Der Kutscher thut’s.
    Nicht Jeder hat’s,
    In der Wiege ruht’s. (Nachkommen.)

    Als ich nun den Grafen Thun so grossmüthig vorfahren
    sah, in die Figaro-Stimmung gerieth, die das Verdienst der hohen
    Herren darin findet, dass sie sich die Mühe gegeben haben, ge-
    boren zu werden (Nachkommen zu sein), wurden diese beiden
    Räthsel zu Zwischengedanken für die Traumarbeit. Da man Aristokraten
    leicht mit Kutschern verwechseln kann, und man dem Kutscher
    früher einmal in unseren Landen „Herr Schwager“ zu sagen pflegte,
    konnte die Verdichtungsarbeit meinen Bruder in dieselbe Darstellung
    einbeziehen. Der Traumgedanke aber, der dahinter gewirkt hat, lautet:
    Es ist ein Unsinn, auf seine Vorfahren stolz zu sein.
    Lieber bin ich selber ein Vorfahr, ein Ahnherr. Wegen
    dieses Urtheils: Es ist ein Unsinn, also der Unsinn im Traum. Jetzt
    löst sich wohl auch das letzte Räthsel dieser dunklen Traumstelle,
    dass ich mit dem Kutscher schon vorher gefahren, mit ihm schon
    vorgefahren.

    Der Traum wird also dann absurd gemacht, wenn in den Traum-
    gedanken als eines der Elemente des Inhalts das Urtheil vorkommt:
    Das ist ein Unsinn, wenn überhaupt Kritik und Spott einen der un-
    bewussten Gedankenzüge des Träumers motiviren. Das Absurde wird
    somit eines der Mittel, durch welches die Traumarbeit den Wider-
    spruch darstellt, wie die Umkehrung einer Materialbeziehung zwischen
    Traumgedanken und Trauminhalt, wie die Verwerthung der motorischen
    Hemmungsempfindung. Das Absurde des Traumes ist aber nicht mit
    einem einfachen „Nein“ zu übersetzen, sondern soll die Disposition
    der Traumgedanken wiedergeben, gleichzeitig mit dem Widerspruch
    zu höhnen oder zu lachen. Nur in dieser Absicht liefert die Traum-
    arbeit etwas Lächerliches. Sie verwandelt hier wiederum ein Stück
    des latenten Inhaltes in eine manifeste Form.*)

    Eigentlich sind wir einem überzeugenden Beispiel von solcher
    Bedeutung eines absurden Traumes schon begegnet. Jener ohne
    Analyse gedeutete Traum von der Wagnervorstellung, die bis morgens
    3/8 Uhr dauert, bei der das Orchester von einem Thurme aus dirigirt

    *)Die Traumarbeit parodirt also den ihr als lächerlich bezeichneten Gedanken,
    indem sie etwas Lächerliches in Beziehung mit ihm erschafft. So ähnlich verfährt
    Heine, wenn er die schlechten Verse des Baierkönigs verspotten will. Er thut es
    in noch schlechteren:

    Herr Ludwig ist ein grosser Poet,
    Und singt er, so stürzt Apollo
    Vor ihm auf die Knie und bittet und fleht,
    „Halt ein, ich werde sonst toll oh!“

  • S.

    250

    wird u. s. w. (siehe Seite 231) will offenbar besagen: Das ist eine
    verdrehte Welt und eine verrückte Gesellschaft. Wer’s verdient,
    den trifft es nicht, und wer sich nichts daraus macht, der hat’s, womit
    sie ihr Schicksal im Vergleich zu dem ihrer Cousine meint. – Dass
    sich uns als Beispiele für die Absurdität der Träume zunächst solche
    vom todten Vater dargeboten haben, ist auch keineswegs ein Zufall.
    Hier finden sich die Bedingungen für die Schöpfung absurder Träume
    in typischer Weise zusammen. Die Autorität, die dem Vater eigen
    ist, hat frühzeitig die Kritik des Kindes hervorgerufen; die strengen
    Anforderungen, die er gestellt, haben das Kind veranlasst, zu seiner
    Erleichterung auf jede Schwäche des Vaters scharf zu achten; aber
    die Pietät, mit der die Person des Vaters besonders nach seinem Tode
    für unser Denken umgeben ist, verschärft die Censur, welche die
    Aeusserungen dieser Kritik vom Bewusstwerden abdrängt.

    IV. Ein neuer absurder Traum vom todten Vater:

    Ich erhalte eine Zuschrift vom Gemeinderath
    meiner Geburtsstadt betreffend die Zahlungskosten
    für eine Unterbringung im Spital im Jahre 1851, die
    wegen eines Anfalls bei mir nothwendig war. Ich mache
    mich darüber lustig, denn erstens war ich 1851 noch
    nicht am Leben, zweitens ist mein Vater, auf den es
    sich beziehen kann, schon todt. Ich gehe zu ihm in’s
    Nebenzimmer, wo er auf dem Bette liegt und erzähle
    es ihm. Zu meiner Ueberraschung erinnert er sich,
    dass er damals 1851 einmal betrunken war und ein
    gesperrt oder verwahrt werden musste. Es war, als er
    für das Haus T… gearbeitet. Du hast also auch ge-
    trunken, frage ich. Bald darauf hast Du geheirathet?
    Ich rechne, dass ich ja 1856 geboren bin, was mir als
    unmittelbar folgend vorkommt.

    Die Aufdringlichkeit, mit welcher dieser Traum seine Absurditäten
    zur Schau trägt, werden wir nach den letzten Erörterungen nur als
    Zeichen einer besonders erbitterten und leidenschaftlichen Polemik in
    den Traumgedanken übersetzen. Mit um so grösserer Verwunderung
    constatiren wir aber, dass in diesem Traum die Polemik offen betrieben
    und der Vater als diejenige Person bezeichnet ist, die zum Ziele
    des Gespöttes gemacht wird. Solche Offenheit scheint unseren Vor-
    aussetzungen über die Censur bei der Traumarbeit zu widersprechen.

    Zur Aufklärung dient aber, dass hier der Vater nur eine vor-
    geschobene Person ist, während der Streit mit einer anderen geführt
    wird, die im Traume durch eine einzige Anspielung zum Vorschein
    kommt. Während sonst der Traum von Auflehnung gegen andere
    Personen handelt, hinter denen sich der Vater verbirgt, ist es hier
    umgekehrt; der Vater wird ein Strohmann zur Deckung Anderer,
    und der Traum darf darum so unverhüllt sich mit seiner sonst ge-
    heiligten Person beschäftigen, weil dabei ein sicheres Wissen mitspielt,

  • S.

    251

    Die Absurdität drückt Spott und Hohn aus.

    dass er nicht in Wirklichkeit gemeint ist. Man erfährt diesen Sach-
    verhalt aus der Veranlassung des Traumes. Er erfolgte nämlich,
    nachdem ich gehört hatte, ein älterer College, dessen Urtheil für un-
    antastbar gilt, äußere sich abfällig und verwundert darüber, dass
    einer meiner Patienten die psychoanalytische Arbeit bei mir jetzt schon
    in’s fünfte Jahr fortsetze. Die einleitenden Sätze des Traumes
    deuten in durchsichtiger Verhüllung darauf hin, dass dieser College eine
    Zeit lang die Pflichten übernommen, die der Vater nicht mehr erfüllen
    konnte (Zahlungskosten, Unterbringung im Spitale); und als
    unsere freundschaftlichen Beziehungen sich zu lösen begannen, gerieth
    ich in denselben Empfindungsconflict, der im Falle einer Misshelligkeit
    zwischen Vater und Sohn durch die holle und die früheren Leistungen
    des Vaters erzwungen wird. Die Traumgedanken wehren sich nun
    erbittert gegen den Vorwurf, dass ich nicht schneller vorwärts
    komme, der von der Behandlung dieses Patienten her sich dann
    auch auf anderes erstreckt. Kennt er denn jemanden, der das schneller
    machen kann? Weiss er nicht, dass Zustände dieser Art sonst über-
    haupt unheilbar sind und lebenslange dauern? Was sind vier bis
    fünf Jahre gegen die Dauer eines ganzen Lebens, zumal, wenn
    dem Kranken die Existenz während der Behandlung so sehr erleichtert
    worden ist?

    Das Gepräge der Absurdität wird in diesem Traume zum guten
    Theile dadurch erzeugt, dass Sätze aus verschiedenen Gebieten der Traum-
    gedanken ohne vermittelnden Uebergang an einander gereiht werden. So
    verlässt der Satz: Ich gehe zu ihm in’s Nebenzimmer etc.
    das Thema, aus dem die vorigen Sätze geholt sind, und reproducirt
    getreulich die Umstände, unter denen ich dem Vater meine eigen-
    mächtige Verlobung mitgetheilt habe. Er will mich also an die vor-
    nehme Uneigennützigkeit mahnen, die der alte Mann damals bewies,
    und diese in Gegensatz zu dem Benehmen eines Anderen, einer neuen
    Person, bringen. Ich merke hier, dass der Traum darum den Vater
    verspotten darf, weil er in den Traumgedanken in voller Anerkennung
    Anderen als Muster vorgehalten wird. Es liegt im Wesen jeder Censur,
    dass man von den unerlaubten Dingen das, was unwahr ist, eher sagen
    darf als die Wahrheit. Der nächste Satz, dass er sich erinnert,
    einmal betrunken und darum eingesperrt gewesen zu sein,
    enthält nichts mehr, was sich in der Realität auf den Vater bezieht.
    Die von ihm gedeckte Person ist hier niemand geringerer als der
    große – Meynert, dessen Spuren ich mit so hoher Verehrung ge-
    folgt bin, und dessen Benehmen gegen mich nach einer kurzen Periode
    der Bevorzugung in unverhüllte Feindseligkeit umschlug. Der Traum
    erinnert mich an seine eigene Mittheilung, er habe in jungen Jahren ein-
    mal der Gewohnheit gefröhnt, sich mit Chloroform zu berauschen,
    und habe darum die Anstalt aufsuchen müssen, und an ein zweites
    Erlebnis mit ihm kurz vor seinem Ende. Ich hatte einen erbitterten
    litterarischen Streit mit ihm geführt in Sachen der männlichen Hysterie,
    die er leugnete, und als ich ihn als Todtkranken besuchte und nach

  • S.

    252

    seinem Befinden fragte, verweilte er bei der Beschreibung seiner Zustände
    und schloss mit den Worten: „Sie wissen, ich war immer einer der
    schönsten Fälle von männlicher Hysterie“. So hatte er zu meiner Genu-
    thuung und zu meinem Erstaunen zugegeben, wogegen er sich so
    lange hartnäckig gesträubt. Dass ich aber in dieser Scene des Traumes
    Meynert durch meinen Vater verdecken kann, hat seinen Grund nicht
    in einer zwischen beiden Personen aufgefundenen Analogie, sondern ist
    die knappe, aber völlig zureichende Darstellung eines Conditionalsatzes
    in den Traumgedanken, der ausführlich lautet: Ja, wenn ich zweite
    Generation, der Sohn eines Professors oder Hofrathes, wäre, dann wäre ich
    freilich rascher vorwärts gekommen. Im Traume mache ich nun
    meinen Vater zum Hofrath und Professor. Die gröbste und störendste
    Absurdität des Traumes liegt in der Behandlung der Jahreszahl 1851,
    die mir von 1856 gar nicht verschieden vorkommt, als würde die
    Differenz von fünf Jahren gar nichts bedeuten. Gerade
    das soll aber aus den Traumgedanken zum Ausdruck gebracht werden.
    Vier bis fünf Jahre, das ist der Zeitraum, während dessen ich
    die Unterstützung des Eingangs erwähnten Collegen genoss, aber auch
    die Zeit, während welcher ich meine Braut auf die Heirath warten liess
    und durch ein zufälliges, von den Traumgedanken gern ausgenütztes
    Zusammentreffen auch die Zeit, während welcher ich jetzt meinen ver-
    trautesten Patienten auf die völlige Heilung warten lasse. „Was
    sind fünf Jahre?“ fragen die Traumgedanken. „Das ist für
    mich keine Zeit, das kommt nicht in Betracht. Ich habe
    Zeit genug vor mir, und wie jenes endlich geworden ist, was Ihr
    auch nicht glauben wolltet, so werde ich auch dies zu Stande bringen“.
    Ausserdem aber ist die Zahl 51, vom Jahrhundert abgelöst, noch
    anders und zwar im gegensätzlichen Sinne determinirt; sie kommt
    darum auch mehrmals im Traume vor. 51 ist das Alter, in dem der
    Mann besonders gefährdet erscheint, in dem ich Collegen plötzlich
    habe sterben sehen, darunter einen, der nach langem Harren einige
    Tage vorher zum Professor ernannt worden war.

    V. Ein anderer absurder Traum, der mit Zahlen spielt.
    Einer meiner Bekannten, Herr M., ist von keinem
    Geringeren als von Goethe in einem Aufsatze an
    gegriffen worden, wie wir alle meinen, mit ungerecht-
    fertigt grosser Heftigkeit. Herr M. ist durch diesen
    Angriff natürlich vernichtet. Er beklagt sich darüber
    bitter bei einer Tischgesellschaft; seine Verehrung für
    Goethe hat aber unter dieser persönlichen Erfahrung
    nicht gelitten. Ich suche mir die zeitlichen Verhältnisse,
    die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig auf
    zuklären. Goethe ist 1832 gestorben, da sein Angriff
    auf M. natürlich früher erfolgt sein muss, so war
    Herr M. damals ein ganz junger Mann. Es kommt mir
    plausibel vor, dass er 18 Jahre alt war. Ich weiss aber

  • S.

    253

    nicht sicher, welches Jahr wir gegenwärtig schreiben,
    und so versinkt die ganze Berechnung im Dunkel. Der
    Angriff ist übrigens in dem bekannten Aufsatz von
    Goethe „Natur“ enthalten.

    Wir werden bald die Mittel in der Hand haben, den Blödsinn
    dieses Traumes zu rechtfertigen. Herr M., den ich aus einer Tisch-
    gesellschaft kenne, hatte mich unlängst aufgefordert seinen
    Bruder zu untersuchen, bei dem sich Zeichen von paralytischer
    Geistesstörung bemerkbar machten. Die Vermutung war richtig;
    es ereignete sich bei diesem Besuch das Peinliche, dass der Kranke
    ohne jeden Anlass im Gespräch den Bruder durch Anspielung auf
    dessen Jugendstreiche blossstellte. Den Kranken hatte ich nach
    seinem Geburtsjahre gefragt und ihn wiederholt zu kleinen Be-
    rechnungen veranlasst, um seine Gedächtnisschwäche klar zu legen;
    Proben, die er übrigens noch recht gut bestand. Ich merke schon,
    dass ich mich im Traume benehme wie ein Paralytiker. (Ich weiss
    nicht sicher, welches Jahr wir schreiben.) Anderes Material
    des Traumes stammt aus einer anderen recenten Quelle. Ein mir
    befreundeter Redacteur einer medicinischen Zeitschrift hatte eine
    höchst ungnädige, eine „vernichtende“ Kritik über das letzte
    Buch meines Freundes Fl. in Berlin in sein Blatt aufgenommen, die
    ein recht jugendlicher und wenig urtheilsfähiger Referent verfasst
    hatte. Ich glaubte ein Recht zur Einmengung zu haben und stellte
    den Redacteur zur Rede, der die Aufnahme der Kritik lebhaft be-
    dauerte, aber eine Remedur nicht versprechen wollte. Daraufhin
    brach ich meine Beziehungen zur Zeitschrift ab und hob in meinem
    Absagebriefe die Erwartung hervor, dass unsere persönlichen
    Beziehungen unter diesem Vorfall nicht leiden würden.
    Die dritte Quelle dieses Traumes ist die damals frische Erzählung
    einer Patientin von der psychischen Erkrankung ihres Bruders, der
    mit dem Ausrufe „Natur, Natur“ in Tobsucht verfallen war.
    Die Aerzte hatten gemeint, der Ausruf stamme aus der Lectüre jenes
    schönen Aufsatzes von Goethe und deute auf die Ueberarbeitung
    des Erkrankten bei seinen naturphilosophischen Studien. Ich zog es
    vor, an den sexuellen Sinn zu denken, in dem auch die Minder-
    gebildeten bei uns von der „Natur“ reden, und dass der Unglückliche
    sich später an den Genitalien verstümmelte, schien mir wenigstens
    nicht Unrecht zu geben. 18 Jahre war das Alter dieses Kranken,
    als jener Tobsuchtsanfall sich einstellte.

    Wenn ich noch hinzufüge, dass das so hart kritisirte Buch
    meines Freundes („Man fragt sich, ist der Autor verrückt oder ist
    man es selbst,“ hatte ein anderer Kritiker geäussert) sich mit den
    zeitlichen Verhältnissen des Lebens beschäftigt und auch
    Goethe’s Lebensdauer auf ein Vielfaches einer für die Biologie be-
    deutsamen Zahl zurückführt, so ist es leicht einzusehen, dass ich
    mich im Traume an die Stelle meines Freundes setze. (Ich suche

  • S.

    254

    mir die zeitlichen Verhältnisse, ein wenig auf
    zuklären.) Ich benehme mich aber wie ein Paralytiker und der
    Traum schwelgt in Absurdität. Das heisst also, die Traumgedanken
    sagen ironisch: „Natürlich, er ist der Narr, der Verrückte, und Ihr
    seid die genialen Leute, die es besser verstehen. Vielleicht aber
    doch umgekehrt?“ Und diese Umkehrung ist nun ausgiebig im
    Trauminhalt vertreten, indem Goethe den jungen Mann angegriffen
    hat, was absurd ist, während leicht ein ganz junger Mensch noch
    heute den unsterblichen Goethe angreifen könnte, und indem ich
    vom Sterbejahre Goethe’s an rechne, während ich den Para-
    lytiker von seinem Geburtsjahre an rechnen liess.

    Ich habe aber auch versprochen zu zeigen, dass kein Traum
    von anderen als egoistischen Regungen eingegeben wird. Somit muss
    ich rechtfertigen, dass ich in diesem Traume die Sache meines
    Freundes zu der meinigen mache und mich an seine Stelle setze.
    Meine kritische Ueberzeugung im Wachen reicht hiefür nicht aus.
    Nun spielt aber die Geschichte des 18 jährigen Kranken und die ver-
    schiedenartige Deutung seines Ausrufes „Natur“ auf den Gegensatz
    an, in den ich mich mit meiner Behauptung einer sexuellen Aetiologie
    für die Psychoneurosen zu den meisten Aerzten gebracht habe. Ich
    kann mir sagen: So wie Deinem Freunde, so wird es auch Dir mit der
    Kritik ergehen, ist Dir zum Theil auch bereits so ergangen, und nun
    darf ich das „Er“ in den Traumgedanken durch ein „Wir“ ersetzen.
    „Ja, Ihr habt Recht, wir zwei sind die Narren“. Dass „mea res agitur“,
    daran mahnt mich energisch die Erwähnung des kleinen, unvergleichlich
    schönen Aufsatzes von Goethe, denn der Vortrag dieses Aufsatzes
    in einer populären Vorlesung war es, der mich schwankenden Abi-
    turienten zum Studium der Naturwissenschaft drängte.

    VI. Ich bin es schuldig geblieben, noch von einem anderen Traume,
    in dem mein Ich nicht vorkommt, zu zeigen, dass er egoistisch ist.
    Ich erwähnte auf Seite 186 einen kurzen Traum, dass Professor L.
    sagt: „Mein Sohn, der Myop...“ und gab an, das sei nur ein
    Vortraum zu einem anderen, in dem ich eine Rolle spiele. Hier ist
    der fehlende Haupttraum, der uns eine absurde und unverständliche
    Wortbildung zur Aufklärung bietet:

    Wegen irgend welcher Vorgänge in der Stadt Rom
    ist es nothwendig, die Kinder zu flüchten, was auch ge-
    schieht. Die Scene ist dann vor einem Thore, Doppel-
    thor nach antiker Art (die Porta romana in Siena, wie
    ich noch im Traume weiss). Ich sitze auf dem Rand eines
    Brunnens und bin sehr betrübt, weine fast. Eine weib-
    liche Person – Wärterin, Nonne – bringt die zwei
    Knaben heraus und übergiebt sie dem Vater, der nicht
    ich bin. Der Aeltere der Beiden ist deutlich mein
    Aeltester, das Gesicht des Anderen sehe ich nicht; die
    Frau, die den Knaben bringt, verlangt zum Abschied

  • S.

    255

    einen Kuss von ihm. Sie zeichnet sich durch eine rothe
    Nase aus. Der Knabe verweigert-
    ihr den Kuss, sagt aber
    ihr zum Abschied die Hand reichend: Auf Geseres und zu
    uns Beiden (oder zu einem von uns): Auf Ungeseres. Ich
    habe die Idee, dass letzteres einen Vorzug bedeutet.1)
    Dieser Traum baut sich auf einem Knäuel von Gedanken auf,
    die durch ein im Theater gesehenes Schauspiel „Das neue Ghetto“2)
    angeregt wurden. Die Judenfrage, die Sorge um die Zukunft der
    Kinder, denen man ein Vaterland nicht geben kann, die Sorge, sie
    so zu erziehen, dass sie freizügig werden können, sind in den zuge-
    hörigen Traumgedanken leicht zu erkennen.
    „An den Wässern Babel’s sassen wir und weinten.“
    Siena ist wie Rom durch seine schönen Brunnen berühmt; für Rom
    muss ich im Traume (vgl. Seite 138) mir irgend einen Ersatz aus be-
    kannten Oertlichkeiten suchen. Nahe der Porta Romana von Siena
    sahen wir ein grosses, hell erleuchtetes Haus. Wir erfuhren, dass
    es das Manicomio, die Irrenanstalt sei. Kurz vor dem Traume hatte
    ich gehört, dass ein Glaubensgenosse seine mühselig erworbene An-
    stellung an einer staatlichen Irrenanstalt hatte aufgeben müssen.3)
    Unser Interesse erweckt die Rede: Auf Geseres, wo man nach
    der im Traume festgehaltenen Situation erwarten müsste: Auf Wieder-
    sehen, und ihr ganz sinnloser Gegensatz: Auf Ungeseres.
    Geseres ist nach den Auskünften, die ich mir bei Schrift-
    gelehrten geholt habe, ein echt hebräisches Wort, abgeleitet von
    einem Verbum goiser und lässt sich am besten durch „anbefohle-
    nen Leiden, Verhängnis“ wiedergeben. Nach der Verwendung des Wortes
    im Jargon sollte man meinen, es bedeute „Klagen und Jammern“.4)
    Ungeseres ist meine eigenste Wortbildung und zieht meine Aufmerk-
    samkeit zuerst auf sich, macht mich aber auch zunächst rathlos. Die
    kleine Bemerkung zu Ende des Traumes, dass Ungeseres einen Vor-
    zug gegen Geseres bedeute, öffnet den Einfällen und damit dem Ver-
    ständnis die Pforten. Ein solches Verhältnis findet ja beim Caviar
    statt; der ungesalzene wird höher geschätzt als der gesalzene.
    Caviar für’s Volk, „noble Passionen“: darin liegt eine scherzhafte An-
    spielung an eine der Personen meines Haushaltes verborgen, von
    der ich hoffe, dass sie, jünger als ich, die Zukunft meiner Kinder
    in Acht nehmen wird. Dazu stimmt es dann, dass eine andere Person
    meines Haushaltes, unsere brave Kinder-
    frau, in der Wärterin (oder
    Nonne) im Traume wohl kenntlich gezeigt wird. Zwischen dem
    Paar gesalzen-ungesalzen und Geseres–Ungeseres fehlt es
    aber noch an einem vermittelnden Ueber-
    gang. Dieser findet sich in
    „gesäuert und ungesäuert“; bei ihrem flucht-
    artigen Auszug
    aus Aegypten hatten die Kinder Israel’s nicht die Zeit, ihren
    Brodteig gähren zu lassen, und essen zur Erinnerung daran noch
    heute ungesäuertes Brod zur Oster-
    zeit. Hier kann ich auch den
    plötzlichen Einfall unterbringen, der mir während dieses Stückes

  • S.

    256

    der Analyse gekommen ist. Ich erinnerte mich, wie wir in den
    letzten Ostertagen, in den Straßen der uns fremden Stadt Breslau
    herumspazierten, mein Freund aus Berlin und ich. Ein kleines
    Mädchen fragte mich um den Weg in eine gewisse Straße; ich musste
    mich entschuldigen, dass ich ihn nicht wisse, und äußerte dann zu
    meinem Freunde: Hoffentlich beweist die Kleine später im Leben
    mehr Scharfblick bei der Auswahl der Personen, von denen sie sich
    leiten lässt. Kurz darauf fiel mir ein Schild in die Augen:
    Dr. Herodes, Sprechstunde -
    College nicht gerade Kinderarzt. Mein Freund hatte mir unterdessen
    seine Ansichten über die biologische Bedeutung der bilateralen
    Symmetrie entwickelt und einen Satz mit der Einleitung begonnen:
    „Wenn wir das eine Auge mitten auf der Stirne trügen wie der
    Cyclop -
    Mein Sohn, der Myop. Und nun bin ich zur Hauptquelle für
    das Geseres geworden. Vor vielen Jahren, als dieser Sohn des
    Professors L., der heute ein selbständiger Denker ist, noch auf der
    Schulbank sass, erkrankte er an einer Augenaffection, die der Arzt
    für Besorgnis erweckend erklärte. Er meinte, so lange sie ein
    seitig bleibe, habe sie nichts zu bedeuten, sollte sie aber auch auf
    das andere Auge übergreifen, so wäre es ernsthaft. Das Leiden
    heilte auf dem einen Auge schadlos ab; kurz darauf stellten sich
    aber die Zeichen für die Erkrankung des zweiten wirklich ein. Die
    entsetzte Mutter liess sofort den Arzt in die Einsamkeit ihres Land-
    aufenthaltes kommen. Der Schlag sich aber jetzt auf die andere
    Seite. „Was machen Sie für Geseres?“ herrschte er die Mutter
    an. Ist es auf der einen Seite gut geworden, so wird es auch auf
    der anderen gut werden“. Und so ward es auch.

    Und nun die Beziehung zu mir und den meinigen. Die Schul-
    bank, auf der der Sohn des Professors L. seine erste Weisheit erlernt,
    ist durch Schenkung der Mutter in das Eigenthum meines Aeltesten
    übergegangen, dem ich im Traume die Abschiedsworte in den Mund
    lege. Der eine der Wünsche, die sich an diese Uebertragung knüpfen
    lassen, ist nun leicht zu errathen. Diese Schulbank soll aber auch
    durch ihre Construction das Kind davor schützen, kurzsichtig und
    einseitig zu werden. Daher im Traum Myop, (dahinter Cyclop)
    und die Erörterungen über Bilateralität. Die Sorge um die Ein-
    seitigkeit ist eine mehrdeutige; es kann neben der körperlichen Ein-
    seitigkeit die der intellectuellen Entwicklung gemeint sein. Ja, scheint
    es nicht, dass die Traumscene in ihrer Tollheit gerade dieser Sorge
    widerspricht? Nachdem das Kind nach der einen Seite hin sein
    Abschiedswort gesprochen, ruft es nach der anderen hin das Ge-
    gentheil davon, wo er um das Gleichgewicht herzustellen. Es handelt
    gleichsam in Beobachtung der bilateralen Symmetrie!

    So ist der Traum oft am tiefsinnigsten, wo er am tollsten er-
    scheint. Zu allen Zeiten pflegten die, welche etwas zu sagen hatten

  • S.

    257

    Keine Urtheilsleistung im Traume.

    und es nicht gefahrlos sagen konnten, gerne die Narrenkappe auf
    zusetzen. Der Hörer, für den die untersagte Rede bestimmt war,
    duldete sie eher, wenn er dabei lachen und sich mit dem Urtheil
    schmeicheln konnte, dass das Unliebsame offenbar etwas Närrisches sei.
    Ganz so wie in Wirklichkeit der Traum, verfährt im Schauspiel der
    Prinz, der sich zum Narren verstellen muss, und darum kann man
    auch vom Traume aussagen, was Hamlet, wobei er die eigentlichen
    Bedingungen durch witzig-unverständliche ersetzt, von sich behauptet:
    „Ich bin nur toll bei Nord-Nord-West; weht der Wind aus Süden,
    so kann ich einen Reiher von einem Falken unterscheiden.“*)

    Ich habe also das Problem der Absurdität des Traumes dahin
    aufgelöst, dass die Traumgedanken niemals absurd sind, – wenigstens
    nicht von den Träumen geistesgesunder Menschen – und dass die
    Traumarbeit absurde Träume und Träume mit einzelnen absurden
    Elementen producirt, wenn ihr in den Traumgedanken Kritik,
    Spott und Hohn zur Darstellung in ihrer Ausdrucksform vorliegt.
    Es liegt mir nun daran zu zeigen, dass die Traumarbeit überhaupt
    durch das Zusammenwirken der drei erwähnten Momente – und
    eines vierten noch zu erwähnenden – erschöpft ist, dass sie sonst
    nichts leistet als eine Uebersetzung der Traumgedanken unter Be-
    achtung der vier ihr vorgeschriebenen Bedingungen, und dass die
    Frage, ob die Seele im Traume mit all ihren geistigen Fähigkeiten
    arbeitet oder nur mit einem Theile derselben, schief gestellt ist und an
    den thatsächlichen Verhältnissen abgleitet. Da es aber reichlich
    Träume gibt, in deren Inhalt geurtheilt, kritisirt und anerkannt wird,
    in denen Verwunderung über ein einzelnes Element des Traumes
    auftritt, Erklärungsversuche gemacht und Argumentationen angestellt
    werden, muss ich die Einwendungen, die aus solchen Vorkommnissen
    sich ableiten, an ausgewählten Beispielen erledigen.

    Meine Erwiderung lautet: Alles, was sich als scheinbare
    Bethätigung der Urtheilsfunction in den Träumen vor-
    findet, ist nicht etwa als Denkleistung der Traumarbeit
    aufzufassen, sondern gehört dem Material der Traum-
    gedanken an und ist von dorther als fertiges Gebilde
    in den manifesten Trauminhalt gelangt. Ich kann meinen
    Satz zunächst noch überbieten. Auch von den Urtheilen, die man
    nach dem Erwachen über den erinnerten Traum fällt, den
    Empfindungen, die die Reproduction dieses Traumes in uns hervor-
    ruft gehört ein guter Theil dem latenten Trauminhalt an und ist in
    die Deutung des Traumes einzufügen.

    *)Dieser Traum gibt auch ein gutes Beispiel für den allgemein giltigen Satz,
    dass die Träume derselben Nacht, wenngleich in der Erinnerung getrennt, auf dem
    Boden des nämlichen Gedankenmateriales erwachsen sind. Die Traumsituation, dass
    ich meine Kinder aus der Stadt Rom flüchte, ist übrigens durch die Rückbeziehung
    auf einen analogen, in meiner Kindheit fallenden, Vorgang gestellt. Der Sinn ist,
    dass ich Verwandte beneide, denen sich bereits vor vielen Jahren ein Anlass geboten
    hat, ihre Kinder auf einen anderen Boden zu versetzen.

    Freud, Traumdeutung.17

  • S.

    258

    VI. Die Traumarbeit.

    I. Ein auffälliges Beispiel hiefür habe ich bereits angeführt. Eine
    Patientin will ihren Traum nicht erzählen, weil er zu unklar ist.
    Sie hat eine Person im Traume gesehen, und weiss nicht, ob es
    der Mann oder der Vater war. Dann folgt ein zweites Traum-
    stück, in dem ein „Mistrügerl“ vorkommt, an das folgende Erinnerung
    sich anschliesst. Als junge Hausfrau äusserte sie einmal scherzhaft
    vor einem jungen Verwandten, der im Hause verkehrte, dass ihre
    nächste Sorge die Anschaffung eines neuen Mistrügerls sein müsse.
    Sie bekam am nächsten Morgen ein solches zugeschickt, das aber mit
    Maiglöckchen gefüllt war. Dieses Stück Traum dient der Darstellung
    der Redensart „Nicht auf meinem eigenen Mist gewachsen“. Wenn
    man die Analyse vervollständigt, erfährt man, dass es sich in den
    Traumgedanken um die Nachwirkung einer in der Jugend gehörten
    Geschichte handelt, dass ein Mädchen ein Kind bekommen, von
    dem es unklar war, wer eigentlich der Vater sei. Die Traum-
    darstellung greift also hier in’s Wachdenken über und lässt eines der
    Elemente der Traumgedanken durch ein im Wachen gefälltes Urtheil
    über den ganzen Traum vertreten sein.

    II. Ein ähnlicher Fall: Einer meiner Patienten hat einen Traum,
    der ihm interessant vorkommt, denn er sagt sich unmittelbar nach
    dem Erwachen: Das muss ich dem Doctor erzählen. Der
    Traum wird analysirt und ergibt die deutlichsten Anspielungen auf
    ein Verhältniss, das er während der Behandlung begonnen, und von
    dem er sich vorgenommen hatte, mir nichts zu erzählen.

    III. Ein drittes Beispiel aus meiner eigenen Erfahrung:
    Ich gehe mit P. durch eine Gegend, in der Häuser
    und Gärten vorkommen, in’s Spital. Dabei die Idee, dass
    ich diese Gegend schon mehrmals im Traume gesehen
    habe. Ich kenne mich nicht sehr gut aus; er zeigt mir
    einen Weg, der durch eine Ecke in eine Restauration
    führt (Saal, nicht Garten); dort frage ich nach Frau
    Doni und höre, sie wohnt im Hintergrunde in einer
    kleinen Kammer mit drei Kindern. Ich gehe hin und
    treffe schon vorher eine unleidliche Person mit meinen
    zwei kleinen Mädchen, die ich dann mit mir nehme, nach
    dem ich eine Weile mit ihnen gestanden bin. Eine Art
    Vorwurf gegen meine Frau, dass sie sie dort gelassen hat.

    Beim Erwachen fühle ich dann grosse Befriedigung, die ich
    damit motivire, dass ich jetzt aus der Analyse erfahren werde, was es
    bedeutet: Ich habe schon davon geträumt.*) Die Analyse
    lehrt mich aber nichts darüber; sie zeigt mir nur, dass die Befriedi-
    gung zum latenten Trauminhalt und nicht zu einem Urtheile über
    den Traum gehört. Es ist die Befriedigung darüber, dass

    *) Ein Thema, über welches sich eine weitläufige Discussion in den letzten
    Jahrgängen der Revue philosophique angesponnen hat (Paramnesie im Traume).

  • S.

    259

    ich in meiner Ehe Kinder bekommen habe. P. ist eine
    Person, mit der ich ein Stück weit im Leben den gleichen Weg
    gegangen bin, die mich dann social und materiell weit überholt hat,
    die aber in ihrer Ehe kinderlos geblieben ist. Die beiden Anlässe
    des Traumes können den Beweis durch eine vollständige Analyse er-
    setzen. Tags zuvor las ich in der Zeitung die Todesanzeige einer
    Frau Dona A..y (woraus ich Doni mache), die im Kindbett
    gestorben; ich hörte von meiner Frau, dass die Verstorbene von der
    selben Hebamme gepflegt worden sei wie sie selbst bei unseren beiden
    Jüngsten. Der Name Dona war mir aufgefallen, denn ich hatte ihn
    kurz vorher in einem englischen Romane zum ersten Mal gefunden.
    Der andere Anlass des Traumes ergibt sich aus dem Datum des
    selben; es war die Nacht vor dem Geburtstage meines ältesten, wie
    es scheint, dichterisch begabten Knaben.

    IV. Dieselbe Befriedigung verbleibt mir nach dem Erwachen aus
    dem absurden Traum, dass der Vater nach seinem Tode eine politische
    Rolle bei den Magyaren gespielt, und motivirt sich durch die Fort-
    dauer der Empfindung, die den letzten Satz des Traumes begleitete:
    „Ich erinnere mich daran, dass er auf dem Todtenbett
    Garibaldi so ähnlich gesehen, und freue mich darüber, dass
    es doch wahr geworden ist1)2)3)4)5)6)7)8)9)10)11)12)13)

  • S.

    260

    nisse, die mir unwahrscheinlich vorkommen, ein wenig
    aufzuklären. Sieht das nicht einer kritischen Regung gegen den
    Unsinn gleich, dass Goethe einen jungen Mann meiner Bekannt-
    schaft literarisch angegriffen haben soll? „Es kommt mir plau-
    sibel vor, dass er 18 Jahre alt war.“ Das klingt doch ganz wie das
    Ergebnis einer allerdings schwachsinnigen Berechnung; und „ich
    weiss nicht sicher, welches Jahr wir schreiben“, wäre
    ein Beispiel von Unsicherheit oder Zweifel im Traum.

    Nun weiss ich aber aus der Analyse dieses Traumes, dass diese
    scheinbar erst im Traume vollzogenen Urtheilsacte in ihrem Wort-
    laute eine andere Auffassung zulassen, durch welche sie für die Traum-
    deutung unentbehrlich werden und gleichzeitig jede Absurdität ver-
    mieden wird. Mit dem Satze: „Ich suche mir die zeitlichen
    Verhältnisse ein wenig aufzuklären“, setze ich mich an die
    Stelle meines Freundes, der wirklich die zeitlichen Verhältnisse des
    Lebens aufzuklären sucht. Der Satz verliert hiemit die Bedeutung
    eines Urtheils, welches sich gegen den Unsinn der vorhergehenden
    Sätze sträubt. Die Einschaltung „die mir unwahrscheinlich
    vorkommt“, gehört zusammen mit dem späteren „Es kommt
    mir plausibel vor“. Ungefähr mit den gleichen Worten habe ich
    der Dame, die mir die Krankengeschichte ihres Bruders erzählte,
    erwidert: Es kommt mir unwahrscheinlich vor, dass der
    Ausruf „Natur, Natur“ etwas mit Goethe zu thun hatte; es ist
    mir viel plausibler, dass er die Ihnen bekannte sexuelle Bedeu-
    tung gehabt hat.“ Es ist hier allerdings ein Urtheil gefällt worden,
    aber nicht im Traum, sondern in der Realität, bei einer Veranlassung,
    die von den Traumgedanken erinnert und verwerthet wird. Der
    Trauminhalt eignet sich dieses Urtheil an wie irgend ein anderes
    Bruchstück der Traumgedanken.

    Die Zahl 18, mit der das Urtheil im Traume unsinniger Weise
    in Verbindung gesetzt ist, bewahrt noch die Spur des Zusammen-
    hanges, aus dem das reale Urtheil gerissen wurde. Endlich dass „ich
    nicht sicher bin, welches Jahr wir schreiben“, soll nichts
    anderes als meine Identificirung mit dem Paralytiker durchsetzen, in
    dessen Examen sich dieser eine Anhaltspunkt wirklich ergeben hatte.
    Bei der Auflösung der scheinbaren Urtheilsacte des Traumes
    kann man sich an die Eingangs gegebene Regel für die Ausführung
    der Deutungsarbeit mahnen lassen, dass man den im Traume herge-
    stellten Zusammenhang der Traumbestandtheile als einen unwesent-
    lichen Schein bei Seite lassen und jedes Traumelement für sich der
    Zurückführung unterziehen möge. Der Traum ist ein Conglomerat,
    das für die Zwecke der Untersuchung wieder zerbröckelt werden
    soll. Man wird aber andererseits aufmerksam gemacht, dass sich in
    den Träumen eine psychische Kraft äussert, welche diesen scheinbaren
    Zusammenhang herstellt, also das durch die Traumarbeit gewonnene
    Material einer secundären Bearbeitung unterzieht. Wir haben

  • S.

    261

    hier Aeusserungen jener Macht vor uns, die wir als das vierte der
    bei der Traumbildung betheiligten Momente später würdigen werden.
    VI. Ich suche nach anderen Beispielen von Urtheilsarbeit in den
    bereits mitgetheilten Träumen. In dem absurden Traum von der
    Zuschrift des Gemeinderathes frage ich: Bald darauf hast Du
    geheirathet? Ich rechne, dass ich ja 1856 geboren bin,
    was mir unmittelbar folgend vorkommt. Das kleidet sich
    ganz in die Form einer Schlussfolge. Der Vater hat bald nach dem
    Anfall im Jahre 1851 geheirathet, ich bin ja der Aelteste, 1856 geboren;
    also das stimmt. Wir wissen, dass dieser Schluss durch die Wunsch-
    erfüllung verfälscht ist, dass der in den Traumgedanken herrschende
    Satz lautet: 4 oder 5 Jahre, das ist kein Zeitraum, das ist
    nicht zu rechnen. Aber jedes Stück dieser Schlussfolge ist nach
    Inhalt wie nach Form aus den Traumgedanken anders zu determiniren.
    Es ist der Patient, über dessen Geduld der College sich beschwert, der
    unmittelbar nach Beendigung der Cur zu heirathen gedenkt. Die Art,
    wie ich mit dem Vater im Traume verkehre, erinnert an ein Verhör
    oder ein Examen, und damit an einen Universitätslehrer, der in der
    Inscriptionsstunde ein vollständiges Nationale aufzunehmen pflegte: Ge-
    boren, wann? 1856 – Prüf-
    mit lateinischer Endung, und wir Studenten nahmen an, der Hofrath ziehe
    aus dem Vornamen des Vaters Schlüsse, die ihm der Vorname des Inscri-
    birten nicht jedesmal gestattet hätte. Somit wäre das Schlussziehen des
    Traumes nur die Wiederholung des Schlussziehens, das als ein Stück
    Material in den Traumgedanken auftritt. Wir erfahren hieraus etwas
    Neues. Wenn im Trauminhalte ein Schluss vorkommt, so kommt er ja
    sicherlich aus den Traumgedanken; in diesen mag er aber enthalten sein
    als ein Stück des erinnerten Materials oder er kann als logisches Band eine
    Reihe von Traumgedanken mit einander verknüpfen. In jedem Falle stellt
    der Schluss im Traume einen Schluss aus den Traumgedanken dar.*)

  • S.

    262

    VI. Die Traumarbeit.

    kann. Und diese Argumentation ist nicht einmal absurd, sie könnte
    ebensowohl dem wachen Denken angehören. Ich mache mich im
    Traume über die Zuschrift des Gemeinderathes lustig,
    denn erstens war ich 1851 noch nicht auf der Welt,
    zweitens ist mein Vater, auf den es sich beziehen
    kann, schon tot. Beides ist nicht nur an sich richtig, sondern
    deckt sich auch völlig mit den wirklichen Argumenten, die ich
    im Falle einer derartigen Zuschrift in Anwendung bringen würde.
    Wir wissen aus der früheren Analyse (Seite 250), dass dieser Traum
    auf dem Boden von tief erbitterten und hohngestärkten Traumgedanken
    erwachsen ist; wenn wir ausserdem noch die Motive zur Censur als recht
    starke annehmen dürfen, so werden wir verstehen, dass die Traumarbeit
    eine tadellose Widerlegung einer unsinnigen Zumuthung
    nach dem in den Traumgedanken enthaltenen Vorbild zu schaffen
    allen Anlass hat. Die Analyse zeigt uns aber, dass der Traumarbeit
    hier doch keine freie Nachschöpfung auferlegt worden ist, sondern
    dass Material aus den Traumgedanken dazu verwendet werden musste.
    Es ist, als kämen in einer algebraischen Gleichung ausser den Zahlen
    ein ± und –, ein Potenz- und ein Wurzelzeichen vor, und jemand,
    der diese Gleichung abschreibt, ohne sie zu verstehen, nähme die
    Operationszeichen wie die Zahlen in seine Abschrift hinüber, würfe
    aber dann beiderlei durch einander. Die beiden Argumente lassen
    sich auf folgendes Material zurückführen. Es ist mir peinlich zu
    denken, dass manche der Voraussetzungen, die ich meiner psycholo-
    gischen Auffassung der Psychoneurosen zu Grunde lege, wenn sie erst
    bekannt geworden sind, Unglauben und Gelächter hervorrufen werden.
    So muss ich behaupten, dass bereits Eindrücke aus dem zweiten
    Lebensjahr, mitunter auch schon aus dem ersten, eine bleibende Spur
    im Gemüthsleben der später Kranken zurücklassen und – obwohl
    von der Erinnerung vielfach verzerrt und übertrieben – die erste und
    unterste Begründung für ein hysterisches Symptom abgeben können.
    Patienten, denen ich dies an passender Stelle auseinandersetze, pflegen
    die neugewonnene Aufklärung zu parodiren, indem sie sich bereit
    erklären, nach Erinnerungen aus der Zeit zu suchen, da sie noch
    nicht am Leben waren. Eine ähnliche Aufnahme dürfte nach
    meiner Bewertung die Aufdeckung der ungeahnten Rolle finden, welche
    bei weiblichen Kranken der Vater in den frühesten sexuellen Regungen
    spielt. (Vgl. die Auseinandersetzung Seite 177.) Und doch ist nach
    meiner gut begründeten Ueberzeugung Beides wahr. Ich denke zur
    Bekräftigung an einzelne Beispiele, bei denen der Tod des Vaters in
    ein sehr frühes Alter des Kindes fiel, und spätere sonst unerklärbare
    Vorfälle bewiesen, dass das Kind doch Erinnerungen an die ihm so
    früh entschwundene Person unbewusst bewahrt hatte. Ich weiss, dass
    meine beiden Behauptungen auf Schlüssen beruhen, deren Giltigkeit
    man anfechten wird. Es ist also eine Leistung der Wunscherfüllung,
    wenn gerade das Material dieser Schlüsse, deren Beanständung

  • S.

    263

    ich fürchte, von der Traumarbeit zur Herstellung einwandfreier
    Schlüsse verwendet wird.

    VII. In einem Traum, den ich bisher nur gestreift habe, wird Eingangs
    die Verwunderung über das auftauchende Thema deutlich ausgesprochen.
    Der alte Brücke muss mir irgend eine Aufgabe ge-
    stellt haben; sonderbar genug bezieht sie sich auf Prä-
    paration meines eigenen Untergestells, Becken und
    Beine, das ich vor mir sehe wie im Secirsaal, doch ohne
    den Mangel am Körper zu spüren, auch ohne Spur von
    Grauen. Louise N. steht dabei und macht die Arbeit bei
    mir. Das Becken ist ausgeweidet, man sieht bald die
    obere, bald die untere Ansicht desselben, was sich ver-
    mengt. Dicke, fleischrothe Knollen (bei denen ich noch
    im Traume an Hämorrhoiden denke) sind zu sehen. Auch
    musste etwas sorgfältig ausgeklaubt werden, was darüber
    lag und zerknülltem Silberpapier glich.*) Dann war ich
    wieder im Besitz meiner Beine und machte einen Weg
    durch die Stadt, nahm aber (aus Müdigkeit) einen Wagen.
    Der Wagen fuhr zu meinem Erstaunen in ein Hausthor
    hinein, das sich öffnete und ihn durch einen Gang passi-
    ren liess, der am Ende abgeknickt, schliesslich weiter
    ins Freie führte.**) Schliesslich wanderte ich mit einem
    alpinen Führer, der mein Sachen trug, durch wech-
    selnde Landschaften. Auf einer Strecke trug er mich
    mit Rücksicht auf meine müden Beine. Der Boden war
    sumpfig; wir gingen am Rand hin; Leute sassen am
    Boden, ein Mädchen unter ihnen, wie Indianer oder Zigeu-
    ner. Vorher hatte ich auf dem schlüpfrigen Boden mich
    selbst weiter bewegt unter steter Verwunderung, dass
    ich es nach der Präparation so gut kann. Endlich kamen
    wir zu einem kleinen Holzhaus, das in ein offenes Fenster
    ausging. Dort setzte mich der Führer ab und legte zwei
    bereit stehende Holzbretter auf das Fensterbrett, um so
    den Abgrund zu überbrücken, der vom Fenster aus zu
    überschreiten war. Ich bekam jetzt wirklich Angst für
    meine Beine. Anstatt des erwarteten Ueberganges sah
    ich aber zwei erwachsene Männer auf Holzbänken liegen,
    die an den Wänden der Hütte waren, und wie zwei Kinder
    schlafend neben ihnen. Als ob nicht die Bretter, sondern
    die Kinder den Uebergang ermöglichen sollten. Ich er-
    wache mit Gedankenschreck.

    Wer sich nur einmal einen ordentlichen Eindruck von der Aus-
    giebigkeit der Traumverdichtung geholt hat, der wird sich leicht vor-

    *)Stanniol, Anspielung auf Stannius, Nervensystem der Fische, vgl. Seite 237.

    **)Die Oertlichkeit im Flur meines Wohnhauses, wo die Kinderwagen der
    Parteien stehen; sonst aber mehrfach überbestimmt.

  • S.

    264

    stellen können, welche Anzahl von Blättern die ausführliche Analyse
    dieses Traumes einnehmen muss. Zum Glück für den Zusammen-
    hang entlehne ich dem Traume aber blos das eine Beispiel für die
    Verwunderung im Traum, die sich in der Einschaltung „sonderbar
    genug“ kundgibt. Ich gehe auf den Anlass des Traumes ein. Es
    ist ein Besuch jener Dame Louise N., die auch im Traum der
    Arbeit assistirt. „Leih’ mir etwas zum Lesen.“ Ich biete ihr „She“
    von Rider Haggard an, „Ein sonderbares Buch, aber voll von
    verstecktem Sinn“, will ich ihr auseinandersetzen „das ewig Weibliche,
    die Unsterblichkeit unserer Affecte.“ – „Da unterbricht sie mich:
    Das kenne ich schon. Hast Du nichts Eigenes? – „Nein, meine
    eigenen unsterblichen Werke sind noch nicht geschrieben.“ – Also
    wann erscheinen denn Deine sogenannten letzten Aufklärungen, die,
    wie Du versprichst, auch für uns lesbar sein werden? fragt sie etwas
    anzüglich. Ich merke jetzt, dass mich ein Anderer durch ihren
    Mund mahnen lässt und verstumme. Ich denke an die Ueberwindung,
    die es mich kostet, auch nur die Arbeit über den Traum, in der ich
    soviel vom eigenen intimen Wesen preisgeben muss, in die Oeffent-
    lichkeit zu schicken. „Das Beste, was Du wissen kannst, darfst Du den
    Buben doch nicht sagen.“ Die Präparation am eigenen Leib, die
    mir im Traume aufgetragen wird, ist also die mit der Mittheilung der
    Träume verbundene Selbstanalyse. Der alte Brücke kommt mit
    Recht hiezu; schon in diesen ersten Jahren wissenschaftlicher
    Arbeit traf es sich, dass ich einen Fund liegen liess, bis sein
    energischer Auftrag mich zur Veröffentlichung zwang. Die weiteren
    Gedanken aber, die sich an die Unterredung mit Louise N. anspinnen,
    greifen zu tief und bewusst zu werden; sie erfahren eine Ablenkung
    über das Material, das in mir nebstbei durch die Erwähnung der
    „She“ von Rider Haggard geweckt worden ist. Auf dieses Buch und
    auf ein zweites desselben Autors, „Heart of the world“, geht das
    Urtheil „sonderbar genug“ und zahlreiche Elemente des Traumes
    sind den beiden phantastischen Romanen entnommen. Der sumpfige
    Boden, über den man getragen wird, der Abgrund, der mittelst der
    mitgebrachten Bretter zu überschreiten ist, stammen aus der „She“;
    die Indianer, das Mädchen, das Holzhaus aus „Heart of the world“.
    In beiden Romanen ist eine Frau die Führerin, in beiden handelt es sich
    um gefährliche Wanderungen, in She um einen abenteuerlichen Weg in’s
    Unentdeckte, kaum je Betretene. Die müden Beine sind nach einer Notiz,
    die ich bei dem Traum finde, reale Sensation jener Tage gewesen.
    Wahrscheinlich entsprach ihnen eine müde Stimmung und die
    zweifelnde Frage: Wie weit werden mich meine Beine noch tragen?
    In der „She“ endet das Abenteuer damit, dass die Führerin, anstatt
    sich und den Anderen die Unsterblichkeit zu holen, im geheimnis-
    vollen Centralfeuer den Tod findet. Eine solche Angst hat sich
    unverkennbar in den Traumgedanken geregt. Das „Holzhaus“ ist
    sicherlich auch der Sarg, also das Grab. Aber in der Darstellung

  • S.

    265

    dieses unerwünschtesten aller Gedanken durch eine Wunscherfüllung
    hat die Traumarbeit ihr Meisterstück geleistet. Ich war nämlich
    schon einmal in einem Grabe, aber es war ein ausgeräumtes Etrusker-
    grab bei Orvieto, eine schmale Kammer mit zwei Steinbänken an
    den Wänden, auf denen die Skelete von zwei Erwachsenen gelagert
    waren. Genau so sieht das Innere des Holzhauses im Traume aus,
    nur ist Stein durch Holz ersetzt. Der Traum scheint zu sagen:
    „Wenn Du schon im Grabe weilen sollst, so sei es das Etruskergrab“
    und mit dieser Unterschiebung verwandelt er die traurigste Erwartung
    in eine recht erwünschte. Leider kann er, wie wir hören werden, nur
    die den Affect begleitende Vorstellung in ihr Gegentheil verkehren,
    nicht immer auch den Affect selbst. So wache ich denn mit „Gedanken-
    schreck“ auf, nachdem sich noch die Idee Darstellung erzwungen,
    dass vielleicht die Kinder erreichen werden, was dem Vater versagt
    geblieben, eine neuerliche Anspielung an den sonderbaren Roman,
    in dem die Identität einer Person durch eine Generationsreihe von
    2000 Jahren festgehalten wird.

    VIII. In dem Zusammenhange eines anderen Traumes findet sich
    gleichfalls ein Ausdruck der Verwunderung über das im Traume
    Erlebte, aber verknüpft mit einem so auffälligen, weit hergeholten
    und beinahe geistreichen Erklärungsversuche, dass ich blos seinet-
    wegen den ganzen Traum der Analyse unterwerfen müsste, auch
    wenn der Traum nicht noch zwei andere Anziehungspunkte für
    unser Interesse besässe. Ich reise in der Nacht vom 18. auf den
    19. Juli auf der Südbahnstrecke und höre im Schlaf: „Holothurien,
    10 Minuten“ ausrufen. Ich denke sofort an Holothurien
    – ein naturhistorisches Museum –, dass hier ein Ort
    ist, wo sich tapfere Männer erfolglos gegen die Ueber-
    macht ihres Landesherrn gewehrt haben. – Ja, die
    Gegenreformation in Oesterreich! – Als ob es ein Ort
    in Steiermark oder Tirol wäre. Nun sehe ich undeut-
    lich ein kleines Museum, in dem die Reste oder Erwer-
    bungen dieser Männer aufbewahrt werden. Ich möchte
    aussteigen, verzögere es aber. Es stehen Weiber mit
    Obst auf dem Perron, sie kauern auf dem Boden und
    halten die Körbe so einladend hin. – Ich habe gezögert
    aus Zweifel, ob wir noch Zeit haben, und jetzt stehen
    wir noch immer. Ich bin plötzlich in einem anderen
    Coupé, in dem Leder und Sitze so schmal sind, dass man
    mit dem Rücken direct an die Lehne stösst.*) Ich wun-
    dere mich darüber, aber ich kann ja im schlafenden Zustande
    umgestiegen sein. Mehrere Leute, darunter ein englisches
    Geschwisterpaar; eine Reihe Bücher deutlich auf einem

    *)Diese Beschreibung ist für mich selbst nicht verständlich, aber ich folge
    dem Grundsatze, den Traum in jenen Worten wiederzugeben, die mir beim Nieder-
    schreiben einfallen. Die Wortfassung ist selbst ein Stück der Traumdarstellung.

  • S.

    266

    VI. Die Traumarbeit.

    Gestell an der Wand. Ich sehe „Wealth of nations“, „Matter
    and Motion“ (von Maxwell), dick und in braune Lein-
    wand gebunden. Der Mann fragt die Schwester nach
    einem Buch von Schiller, ob sie das vergessen hat. Es
    sind die Bücher bald wie die meinen, bald die der
    Beiden. Ich möchte mich da bestätigend oder unter-
    stützend in’s Gespräch mengen – – – Ich wache, am
    ganzen Körper schwitzend, auf, weil alle Fenster geschlossen sind.
    Der Zug hält in Marburg.

    Während der Niederschrift fällt mir ein Traumstück ein, das
    die Erinnerung übergehen wollte. Ich sage dem Geschwister-
    paare auf ein gewisses Werk: It is from . . . corrigire
    mich aber: It is by . . . Der Mann bemerkt zur Schwester:
    Er hat es ja richtig gesagt.

    Der Traum beginnt mit dem Namen der Station, der mich wohl
    unvollständig geweckt haben muss. Ich ersetze diesen Namen, der
    Marburg lautete, durch Hollthurn. Dass ich Marburg beim
    ersten oder vielleicht bei einem späteren Ausrufen gehört habe,
    beweist die Erwähnung Schiller’s im Traum, der ja in Marburg,
    wenngleich nicht im steirischen, geboren ist. Nun reiste ich diesmal,
    obwohl erster Classe, unter sehr unangenehmen Verhältnissen. Der
    Zug war überfüllt, in dem Coupé hatte ich einen Herrn und eine
    Dame angetroffen, die sehr vornehm schienen und nicht die Lebens-
    art besassen oder es nicht der Mühe werth hielten, ihr Missvergnügen
    über den Eindringling irgendwie zu verbergen. Mein höflicher
    Gruss wurde nicht erwidert; obwohl Mann und Frau neben einander
    sassen (gegen die Fahrrichtung), beeilte sich die Frau doch, den
    Platz ihr gegenüber am Fenster vor meinen Augen mit einem Schirm
    zu belegen; die Thüre wurde sofort geschlossen, demonstrative Reden
    über das Oeffnen der Fenster gewechselt. Wahrscheinlich sah man
    mir den Lufthunger bald an. Es war eine heisse Nacht und die
    Luft im allseitig abgeschlossenen Coupé bald zum Ersticken. Nach
    meinen Reiseerfahrungen kennzeichnet ein so rücksichtslos über-
    greifendes Benehmen Leute, die ihre Karte nicht oder nur halb
    bezahlt haben. Als der Conducteur kam und ich mein theuer erkauftes
    Billet vorzeigte, tönte es aus dem Munde der Dame unnahbar und
    wie drohend: Mein Mann hat Legitimation. Sie war eine stattliche
    Erscheinung mit missvergnügten Zügen, im Alter nicht weit von der
    Zeit des Verfalls weiblicher Schönheit; der Mann kam überhaupt
    nicht zu Worte, er sass regungslos da. Ich versuchte zu schlafen.
    Im Traume nehme ich fürchterliche Rache an meinen unliebens-
    würdigen Reisegefährten; man würde nicht ahnen, welche Be-
    schimpfungen und Demüthigungen sich hinter den abgerissenen
    Brocken der ersten Traumhälfte verbergen. Nachdem dies Bedürfnis
    befriedigt war, machte sich der zweite Wunsch geltend, das Coupé
    zu wechseln. Der Traum wechselt so oft die Scene, und ohne dass

  • S.

    267

    der mindeste Anstoß an der Veränderung genommen wird, dass es
    nicht im Geringsten auffällig gewesen wäre, wenn ich mir alsbald
    meine Reisegesellschaft durch eine angenehmere aus meiner Erinne-
    rung ersetzt hätte. Hier aber tritt der Fall ein, dass irgend etwas
    den Wechsel der Scene beanständete und es für nothwendig hielt,
    ihn zu erklären. Wie kam ich plötzlich in ein anderes Coupé? Ich
    konnte mich doch nicht erinnern umgestiegen zu sein. Da gab es nur eine
    Erklärung: ich musste im schlafenden Zustande den Wagen
    verlassen haben, ein seltenes Vorkommnis, wofür aber doch die Er-
    fahrung des Neuropathologen Beispiele liefert. Wir wissen von Per-
    sonen, die Eisenbahnfahrten in einem Dämmerzustand unternehmen,
    ohne durch irgend ein Anzeichen ihren abnormen Zustand zu ver-
    rathen, bis sie an irgend einer Station der Reise voll zu sich kommen
    und dann die Lücke in ihrer Erinnerung bestaunen. Für einen solchen
    Fall von „Automatisme ambulatoire“ erkläre ich also noch
    im Traume den meinigen.

    Die Analyse gestattet eine andere Auflösung zu geben. Der
    Erklärungsversuch, der mich so frappirt, wenn ich ihn der Traum-
    arbeit zuschreiben müsste, ist nicht originell, sondern aus der Neurose
    eines meiner Patienten copirt. Ich erzählte bereits an anderer Stelle
    von einem hochgebildeten und im Leben weichherzigen Manne, der
    kurz nach dem Tode seiner Eltern begann, sich mörderischer
    Neigungen anzuklagen, und nun unter den Vorsichtsmassregeln litt,
    die er zur Sicherung gegen dieselben treffen musste. Es war ein
    Fall von schweren Zwangsvorstellungen bei voll erhaltener Einsicht.
    Zuerst wurde ihm das Passiren der Strasse durch den Zwang ver-
    leidet, sich von allen Begegnenden Rechenschaft abzulegen, wohin
    sie verschwunden seien; entzog sich Einer plötzlich seinem ver-
    folgenden Blick, so blieb ihm die peinliche Empfindung und die Möglich-
    keit in Gedanken, er könnte ihn beseitigt haben. Es war unter Anderem
    eine Kainsphantasie dahinter, denn „alle Menschen sind Brüder“.
    Wegen der Unmöglichkeit, diese Aufgabe zu erledigen, gab er das
    Spazierengehen auf und verbrachte sein Leben eingekerkert zwischen
    seinen vier Wänden. In sein Zimmer gelangten aber durch die
    Zeitung beständig Nachrichten von Mordthaten, die draussen geschehen
    waren, und sein Gewissen wollte ihm in der Form des Zweifels nahe
    legen, dass er der gesuchte Mörder sei. Die Gewissheit, dass er ja
    seit Wochen seine Wohnung nicht verlassen habe, schützte ihn eine
    Weile gegen diese Anklagen, bis ihm eines Tages die Möglichkeit
    durch den Sinn fuhr, dass er sein Haus im bewusstlosen
    Zustand verlassen und so den Mord begangen haben könne,
    ohne etwas davon zu wissen. Von da an schloss er die Hausthüre
    ab, übergab den Schlüssel der alten Haushälterin und verbot ihr
    eindringlich, denselben auch nicht auf sein Verlangen in seine Hände
    gelangen zu lassen.

    Daher stammt also der Erklärungsversuch, dass ich im bewusst-
    losen Zustande umgestiegen bin, – er ist aus dem Material der

  • S.

    268

    Traumgedanken fertig in den Traum eingetragen worden und soll
    im Traume offenbar dazu dienen, mich mit der Person jenes Patienten
    zu identificiren. Die Erinnerung an ihn wurde in mir durch nahe
    liegende Association geweckt. Mit diesem Manne hatte ich einige
    Wochen vorher die letzte Nachtreise gemacht. Er war geheilt, be-
    gleitete mich in die Provinz zu seinen Verwandten, die mich
    beriefen; wir hatten ein Coupé für uns, liessen alle Fenster die Nacht
    hindurch offen und hatten uns, so lange ich wach blieb, vortrefflich
    unterhalten. Ich wusste, dass feindselige Impulse gegen seinen Vater
    aus seiner Kindheit in sexuellem Zusammenhange die Wurzel seiner
    Erkrankung gewesen waren. Indem ich mich also mit ihm identi-
    ficirte, wollte ich mir etwas Analoges eingestehen. Die zweite Scene
    des Traumes löst sich auch wirklich in eine übermüthige Phantasie
    auf, dass meine beiden ältlichen Reisegefährten sich darum so ab-
    weisend gegen mich benehmen, weil ich sie durch mein Kommen an
    dem beabsichtigten nächtlichen Austausch von Zärtlichkeiten gehindert
    habe. Diese Phantasie aber geht auf eine frühe Kinderscene zurück,
    in der das Kind, wahrscheinlich von sexueller Neugierde getrieben,
    in das Schlafzimmer der Eltern eindringt und durch das Machtwort
    des Vaters daraus vertrieben wird.

    Ich halte es für überflüssig, weitere Beispiele zu häufen. Sie
    würden alle nur bestätigen, was wir aus den bereits angeführten
    entnommen haben, dass ein Urtheilsact im Traume nur die Wieder-
    holung eines Vorbildes aus dem Traumgedanken ist. Zumeist eine
    übel angebrachte, in unpassendem Zusammenhange eingefügte Wieder-
    holung, gelegentlich aber, wie in unseren letzten Beispielen, eine so
    geschickt verwendete, dass man zunächst den Eindruck einer selbst-
    ständigen Denkthätigkeit im Traume empfangen kann. Von hier
    aus könnten wir unser Interesse jener psychischen Thätigkeit zuwen-
    den, die zwar nicht regelmässig bei der Traumbildung mitzuwirken-
    scheint, die aber, wo sie es thut, bemüht ist, die nach ihrer Herkunft
    disparaten Traumelemente widerspruchsfrei und sinnvoll zu ver-
    schmelzen. Wir empfinden es aber vorher noch als dringlich, uns
    mit den Affectäusserungen zu beschäftigen, die im Traume auftreten,
    und dieselben mit den Affecten zu vergleichen, welche die Analyse
    in den Traumgedanken aufdeckt.

    g) Die Affecte im Traume.

    Eine scharfsinnige Bemerkung von Strieker77) hat uns auf-
    merksam gemacht, dass die Affectäusserungen des Traumes nicht
    die geringschätzige Art der Erledigung gestatten, mit der wir erwacht
    den Trauminhalt abzuschütteln pflegen. „Wenn ich mich im Traume
    vor Räubern fürchte, so sind die Räuber zwar imaginär, aber die
    Furcht ist real“, und ebenso geht es, wenn ich mich im Traume
    freue. Nach dem Zeugnis unserer Empfindung ist der im Traume

  • S.

    269

    erlebte Affect keineswegs minderwerthig gegen den im Wachen
    erlebten von gleicher Intensität, und energischer als mit seinem Vor-
    stellungsinhalte, erhebt der Traum mit seinem Affectinhalt den Anspruch,
    unter die wirklichen Erlebnisse unserer Seele aufgenommen zu werden.
    Wir bringen diese Einreihung nun im Wachen nicht zu Stande,
    weil wir einen Affect nicht anders psychisch zu würdigen verstehen,
    als in der Verknüpfung mit einem Vorstellungsinhalte. Passen Affect
    und Vorstellung der Art und der Intensität nach nicht zu einander,
    so wird unser waches Urtheil irre.

    An den Träumen hat immer Verwunderung erregt, dass Vor-
    stellungsinhalte nicht die Affectwirkung mit sich bringen, die wir
    als nothwendig im wachen Denken erwarten würden. Strümpell
    äusserte, im Traume seien die Vorstellungen von ihren psychischen
    Werthen entblösst. Es fehlt im Traume aber auch nicht am gegen-
    theiligen Vorkommen, dass intensive Affectäusserung bei einem
    Inhalte auftritt, der zur Entbindung von Affect keinen Anlass zu
    bieten scheint. Ich bin im Traume in einer grässlichen, gefahrvollen,
    ekelhaften Situation, verspüre aber dabei nichts von Furcht oder
    Abscheu; hingegen entsetze ich mich andere Male über harmlose,
    und freue mich über kindische Dinge.

    Dieses Räthsel des Traumes verschwindet uns so plötzlich und
    so vollständig wie vielleicht kein anderes der Traumräthsel, wenn
    wir vom manifesten Trauminhalt zum latenten übergehen. Wir
    werden mit seiner Erklärung nichts zu schaffen haben, denn es
    besteht nicht mehr. Die Analyse lehrt uns, dass die Vorstel-
    lungsinhalte Verschiebungen und Ersetzungen erfahren
    haben, während die Affecte unverrückt geblieben sind.
    Kein Wunder, dass der durch die Traumstellung veränderte Vor-
    stellungsinhalt zum erhalten gebliebenen Affect dann nicht mehr passt;
    aber auch keine Verwunderung mehr, wenn die Analyse den richti-
    gen Inhalt an seine frühere Stelle eingesetzt hat.

    An einem psychischen Complex, welcher die Beeinflussung der
    Widerstandscensur erfahren hat, sind die Affecte der resistente
    Antheil, der uns allein den Fingerzeig zur richtigen Ergänzung
    geben kann. Deutlicher noch als beim Traum enthüllt sich dies
    Verhältniss bei den Psychoneurosen. Der Affect hat hier immer
    Recht, wenigstens seiner Qualität nach; seine Intensität ist ja durch
    Verschiebungen der neurotischen Aufmerksamkeit zu steigern. Wenn
    der Hysteriker sich wundert, dass er sich vor einer Kleinigkeit so
    sehr fürchten muss, oder der Mann mit Zwangsvorstellungen, dass
    ihm aus einer Nichtigkeit ein so peinlicher Vorwurf erwächst, so
    gehen Beide irre, indem sie den Vorstellungsinhalt – die Kleinig-
    keit oder die Nichtigkeit – für das Wesentliche nehmen, und sie
    wehren sich erfolglos, indem sie diesen Vorstellungsinhalt zum Aus-
    gangspunkt ihrer Denkarbeit machen. Die Psychoanalyse zeigt
    ihnen dann den richtigen Weg, indem sie im Gegentheile den Affect

  • S.

    270

    als berechtigt anerkennt, und die zu ihm gehörige, durch eine
    Ersetzung verdrängte Vorstellung aufsucht. Voraussetzung ist dabei,
    dass Affectentbindung und Vorstellungsinhalt nicht diejenige unauf-
    lösbare organische Einheit bilden, als welche wir sie zu behandeln
    gewöhnt sind, sondern dass beide Stücke aneinander gelöthet sein
    können, so dass sie durch Analyse von einander lösbar sind. Die
    Traumdeutung zeigt, dass dies in der That der Fall ist.

    Ich bringe zuerst ein Beispiel, in dem die Analyse das schein-
    bare Ausbleiben des Affectes bei einem Vorstellungsinhalte aufklärt,
    der Affectentbindung erzwingen sollte.

    I.

    Sie sieht in einer Wüste drei Löwen, von denen
    einer lacht, fürchtet sich aber nicht vor ihnen. Dann
    muss sie doch vor ihnen geflüchtet sein, denn sie will
    auf einen Baum klettern, findet aber ihre Cousine, die
    französische Lehrerin ist, schon oben u. s. w.

    Dazu bringt die Analyse folgendes Material: Der indifferente
    Anlass zum Traum ist ein Satz ihrer englischen Aufgabe geworden:
    Die Mähne ist der Schmuck des Löwen. Ihr Vater trug einen
    solchen Bart, der wie eine Mähne das Gesicht umrahmte. Ihre
    englische Sprachlehrerin heisst Miss Lyons (Lions = Löwen). Ein
    Bekannter hat ihr die Balladen von Loewe zugeschickt. Das sind
    also die drei Löwen; warum sollte sie sich vor ihnen fürchten?
    – Sie hat eine Erzählung gelesen, in welcher ein Neger, der die
    Anderen zum Aufstand aufgehetzt, mit Bluthunden gejagt wird und
    zu seiner Rettung auf einen Baum klettert. Dann folgen in über-
    müthigster Stimmung Erinnerungsbrocken wie die: Die Anweisung,
    wie man Löwen fängt, aus den „Fliegenden Blättern“: Man nehme
    eine Wüste und siebe sie durch, dann bleiben die Löwen übrig.
    Ferner die höchst lustige, aber nicht sehr anständige Anekdote von
    einem Beamten, der gefragt wird, warum er sich denn nicht um die
    Gunst seines Chefs ausgiebiger bemühe, und der zur Antwort gibt, er
    habe sich wohl bemüht da hineinzukriechen, aber sein Vordermann war
    schon oben. Das ganze Material wird verständlich, wenn man
    erfährt, dass die Dame am Traumtage den Besuch des Vorgesetzten
    ihres Mannes empfangen hatte. Er war sehr höflich mit ihr, küsste
    ihr die Hand, und sie fürchtete sich gar nicht vor ihm,
    obwohl er ein sehr „grosses Thier“ ist und in der Hauptstadt ihres
    Landes die Rolle eines „Löwen der Gesellschaft“ spielt.
    Dieser Löwe ist also vergleichbar dem Löwen im Sommernachts-
    traum, der sich als Schnock, der Schreiner demaskirt, und so sind
    alle Traumlöwen, vor denen man sich nicht fürchtet.

    II.

    Als zweites Beispiel ziehe ich den Traum jenes Mädchens
    heran, das den kleinen Sohn ihrer Schwester als Leiche im Sarg
    liegen sah, dabei aber, wie ich jetzt hinzufüge, keinen Schmerz und
    keine Trauer verspürte. Wir wissen aus der Analyse, warum nicht.
    Der Traum verhüllte nur ihren Wunsch, den geliebten Mann wieder-

  • S.

    271

    zusehen;-
    nicht auf dessen Verhüllung. Es war also zur Trauer gar kein Anlass.
    In einer Anzahl von Träumen bleibt der Affect wenigstens
    noch in Verbindung mit jenem Vorstellungsinhalte, welcher den zu
    ihm passenden ersetzt hat. In anderen geht die Auflockerung des
    Complexes weiter. Der Affect erscheint völlig gelöst von seiner
    zugehörigen Vorstellung, und findet sich irgendwo anders im Traume
    untergebracht, wo er in die neue Anordnung der Traumelemente
    hineinpasst. Es ist dann ähnlich, wie wir’s bei den Urtheilsacten
    des Traumes erfahren haben. Findet sich in den Traumgedanken
    ein bedeutsamer Schluss, so enthält auch der Traum einen solchen;
    aber der Schluss im Traume kann auf ein ganz anderes Material
    verschoben sein. Nicht selten erfolgt diese Verschiebung nach dem
    Princip der Gegensätzlichkeit.

    Die letztere Möglichkeit erläutere ich an folgendem Traum-
    beispiele, das ich der erschöpfendsten Analyse unterzogen habe.

    III. Ein Schloss am Meere, später liegt es nicht
    direct am Meer, sondern an einem schmalen Canal, der
    in’s Meer führt. Ein Herr P. ist der Gouverneur. Ich
    stehe mit ihm in einem grossen dreifenstrigen Salon, vor
    dem sich Mauervorsprünge wie Festungszinnen erheben.
    Ich bin etwa als freiwilliger Marineofficier der Be-
    satzung zugetheilt. Wir befürchten das Eintreffen von
    feindlichen Kriegsschiffen, da wir uns im Kriegszustande
    befinden. Herr P. hat die Absicht wegzugehen; er er-
    theilt mir Instructionen, was in dem befürchteten Falle
    zu geschehen hat. Seine kranke Frau befindet sich mit
    den Kindern im gefährdeten Schlosse. Wenn das Bom-
    bardement beginnt, soll der grosse Saal geräumt werden.
    Er athmet schwer und will sich entfernen; ich halte ihn
    zurück und frage, auf welche Weise ich ihm nöthigen
    Falls Nachricht zukommen lassen soll. Darauf sagt er
    noch etwas, sinkt aber gleich darauf todt um. Ich habe
    ihn wohl mit den Fragen überflüssiger Weise ange-
    strengt. Nach seinem Tode, der mir weiter keinen Ein-
    druck macht, Gedanken, ob die Witwe im Schlosse bleiben
    wird, ob ich dem Obercommando den Tod anzeigen und
    als der nächste im Befehl die Leitung des Schlosses
    übernehmen soll. Ich stehe nun am Fenster und mustere
    die vorbeifahrenden Schiffe; es sind Kauffahrer, die auf
    dem dunklen Wasser rapid vorbeisausen, einige mit
    mehreren Kaminen, andere mit bauschiger Decke (die
    ganz ähnlich ist, wie die Bahnhofsbauten im [nicht erzählten] Vor-
    traum). Dann steht mein Bruder neben mir und wir schauen
    Beide aus dem Fenster auf den Canal. Bei einem Schiff
    erschrecken wir und rufen: Da kommt das Kriegsschiff.

  • S.

    272

    Es zeigt sich aber, dass nur dieselben Schiffe zurück-
    kehren, die ich schon kenne. Nun kommt ein kleines
    Schiff, komisch abgeschnitten, so dass es mitten in
    seiner Breite endigt; auf Deck sieht man eigenthüm-
    liche becher- oder dosenartige Dinge. Wir rufen wie
    aus einem Munde: Das ist das Frühstücksschiff.

    Die rasche Bewegung der Schiffe, das tiefdunkle Blau des
    Wassers, der braune Rauch der Kamine, das Alles ergiebt zusammen
    einen hochgespannten, düsteren Eindruck.

    Die Oertlichkeiten in diesem Traume sind aus mehreren Reisen
    an die Adria zusammengetragen (Miramare, Duino, Venedig, Aquileja).
    Eine kurze, aber genussreiche Osterfahrt nach Aquileja mit meinem
    Bruder, wenige Wochen vor dem Traume, war mir noch in frischer
    Erinnerung. Auch der Seekrieg zwischen Amerika und Spanien und
    an ihn geknüpfte Besorgnisse um das Schicksal meiner in Amerika
    lebenden Verwandten spielen mit hinein. An zwei Stellen dieses
    Traumes treten Affectwirkungen hervor. An der einen Stelle bleibt
    ein zu erwartender Affect aus, es wird ausdrücklich hervorgehoben,
    das mir der Tod des Gouverneurs keinen Eindruck macht; an einer
    anderen Stelle, wie ich das Kriegsschiff zu sehen glaube, erschrecke
    ich und verspüre im Schlaf alle Sensationen des Schreckens. Die
    Unterbringung der Affecte ist in diesem gut gebauten Traum so
    erfolgt, dass jeder auffällige Widerspruch vermieden ist. Es ist ja
    kein Grund, dass ich beim Tode des Gouverneurs erschrecken sollte,
    und es ist wohl angebracht, dass ich als Commandant des Schlosses
    bei dem Anblicke des Kriegsschiffes erschrecke. Nun weist aber die
    Analyse nach, dass Herr P. nur ein Ersatzmann für mein eigenes
    Ich ist (im Traum bin ich sein Ersatzmann). Ich bin der Gouver-
    neur, der plötzlich stirbt. Die Traumgedanken handeln von der
    Zukunft der Meinigen nach meinem vorzeitigen Tode. Kein anderer
    peinlicher Gedanke findet sich in den Traumgedanken. Der Schreck,
    der im Traume an den Anblick des Kriegsschiffes gelöthet ist, muss
    von dort los gemacht und hieher gesetzt werden. Umgekehrt zeigt
    die Analyse, dass die Region der Traumgedanken, aus der das
    Kriegsschiff genommen ist, mit den heitersten Reminiscenzen erfüllt
    ist. Es war ein Jahr vorher in Venedig; wir standen an einem
    zauberhaft schönen Tag an den Fenstern unseres Zimmers auf der
    Riva Schiavoni und schauten auf die blaue Lagune, in der heute
    mehr Bewegung zu finden war als sonst. Es wurden englische
    Schiffe erwartet, die feierlich empfangen werden sollten, und plötz-
    lich rief meine Frau heiter wie ein Kind: Da kommt das
    englische Kriegsschiff! Im Traume erschrecke ich bei den
    nämlichen Worten; wir sehen wieder, dass Rede im Traum von
    Rede im Leben abstammt. Dass auch das Element „englisch“ in
    dieser Rede für die Traumarbeit nicht verloren gegangen ist, werde
    ich alsbald zeigen. Ich verkehre also hier zwischen Traumgedanken

  • S.

    273

    und Trauminhalt Fröhlichkeit in Schreck, und brauche nur
    anzudeuten, dass ich mit dieser Verwandlung selbst ein Stück des
    latenten Trauminhaltes zum Ausdruck bringe. Das Beispiel beweist
    aber, dass es der Traumarbeit freisteht, den Affectanlass aus seinen
    Verbindungen in den Traumgedanken zu lösen und beliebig wo
    anders im Trauminhalte einzufügen.

    Ich ergreife die nebstbei sich bietende Gelegenheit, das „Früh-
    stücksschiff“, dessen Erscheinen im Traume eine rationell festgehaltene
    Situation so unsinnig abschliesst, einer näheren Analyse zu unter-
    ziehen. Wenn ich das Traumobject besser in’s Auge fasse, so fällt
    mir nachträglich auf, dass es schwarz war und durch sein Ab-
    schneiden in seiner grössten Breite an diesem Ende eine weitgehende
    Aehnlichkeit mit einem Gegenstand erzielte, der uns in den Museen
    etruskischer Städte interessant geworden war. Es war dies eine recht
    eckige Tasse aus schwarzen Thon, mit zwei Henkeln, auf der
    Dinge wie Kaffee- oder Theetassen standen, nicht ganz unähnlich
    einem unserer modernen Service für den Frühstückstisch. Auf Be-
    fragen erfuhren wir, das sei die Toilette einer etruskischen Dame
    mit den Schminke- und Puderbüchsen darauf; und wir sagten uns im
    Scherz, es wäre nicht übel, so ein Ding der Hausfrau mitzubringen.
    Das Traumobject bedeutet also – schwarze Toilette, Trauer und
    spielt direct auf einen Todesfall an. Mit dem anderen Ende mahnt
    das Traumobject an den „Nachen“ vom Stamme νέκυς, wie mein
    sprachgelehrter Freund mir mitgetheilt, auf den in Vorzeiten die
    Leiche gelegt und dem Meer zur Bestattung überlassen wurde.
    Hieran reiht sich, warum im Traume die Schiffe zurückkehren.

    „Still, auf gerettetem Boot, treibt in den Hafen der Greis“.

    Es ist die Rückfahrt nach dem Schiffbruch, das Frühstücksschiff
    ist ja wie in seiner Breite abgebrochen. Woher aber der Name
    „Frühstücks“schiff? Hier kommt nun das „Englische“ zur Ver-
    wendung, das wir bei den Kriegsschiffen erübrigt haben. – Frühstück-
    brecher. Das Brechen gehört wieder
    zum Schiffbruch, das Fasten schliesst sich der schwarzen Toilette an.

    An diesem Frühstücksschiffe ist aber nur der Name vom Traume
    neugebildet. Das Ding hat existirt und mahnt mich an eine der
    heitersten Stunden der letzten Reise. Der Verpflegung in Aquileja
    misstrauend, hatten wir uns von Görz Esswaaren mitgenommen, eine
    Flasche des vorzüglichen Istrianerweines in Aquileja eingekauft, und
    während der kleine Postdampfer durch den Kanal delle Mee langsam
    in die öde Lagunenstrecke nach Grado fuhr, nahmen wir, die ein-
    zigen Passagiere, in heiterster Laune auf Deck das Frühstück ein,
    das uns schmeckte wie selten eines zuvor. Das war also das „Früh-
    stücksschiff“, und gerade hinter dieser Reminiscenz frohesten Lebens-
    genusses verbirgt der Traum die betrübendsten Gedanken an eine
    unbekannte und unheimliche Zukunft.

  • S.

    274

    Die Ablösung der Affecte von den Vorstellungsmassen, die ihre
    Entbindung hervorgerufen haben, ist das Auffälligste, was ihnen bei
    der Traumbildung widerfährt, aber weder die einzige noch die
    wesentlichste Veränderung, die sie auf dem Wege von den Traum
    gedanken zum manifesten Traum erleiden. Vergleicht man die Affecte
    in den Traumgedanken mit denen im Traume, so wird Eines sofort
    klar: Wo sich im Traume ein Affect findet, da findet er sich auch in
    den Traumgedanken, aber nicht umgekehrt. Der Traum ist im All-
    gemeinen affectärmer als das psychische Material, aus dessen Bearbeitung
    er hervorgegangen ist. Wenn ich die Traumgedanken reconstruirt
    habe, so übersehe ich, wie in ihnen regelmässig die intensivsten
    Seelenregungen nach Geltung ringen, zumeist im Kampfe mit anderen,
    die ihnen scharf zuwiderlaufen. Blicke ich dann auf den Traum
    zurück, so finde ich ihn nicht selten farblos, ohne jeden intensiveren
    Gefühlston. Es ist durch die Traumarbeit nicht blos der Inhalt,
    sondern auch oft der Gefühlston meines Denkens auf das Niveau des
    Indifferenten gebracht. Ich könnte sagen, durch die Traumarbeit wird
    eine Unterdrückung der Affecte zu Stande gebracht. Man nehme
    z. B. den Traum von der botanischen Monographie. Ihm entspricht
    im Denken ein leidenschaftlich bewegtes Plaidoyer für meine Freiheit,
    so zu handeln, wie ich handle, mein Leben so einzurichten, wie es
    mir einzig und allein richtig scheint. Der daraus hervorgegangene
    Traum klingt gleichgültig: Ich habe eine Monographie geschrieben,
    sie liegt vor mir, ist mit farbigen Tafeln versehen, getrocknete
    Pflanzen sind jedem Exemplare beigelegt. Es ist wie die Ruhe eines
    Leichenfeldes; man verspürt nichts mehr vom Toben der Schlacht.
    Es kann auch anders ausfallen, in den Traum selbst können
    lebhafte Affectäusserungen eingehen; aber wir wollen zunächst bei der
    unbestreitbaren Thatsache verweilen, dass so viele Träume indifferent
    erscheinen, während man sich in die Traumgedanken nie ohne tiefe
    Ergriffenheit versetzen kann.
    Die volle theoretische Aufklärung dieser Affectunterdrückung
    während der Traumarbeit ist hier nicht zu geben; sie würde das
    sorgfältigste Eindringen in die Theorie der Affecte und in den
    Mechanismus der Verdrängung voraussetzen. Ich will nur zwei Ge-
    danken hier eine Erwähnung gönnen. Die Affectentbindung bin ich
    — aus anderen Gründen — genöthigt mir als einen centrifugalen,
    gegen das Körperinnere gerichteten Vorgang vorzustellen, analog den
    motorischen und secretorischen Innervationsvorgängen. Wie nun im
    Schlafzustande die Aussendung motorischer Impulse gegen die Aussen-
    welt aufgehoben erscheint, so könnte auch die centrifugale Erweckung
    von Affecten durch das unbewusste Denken während des Schlafes
    erschwert sein. Die Affectregungen, die während des Ablaufes der
    Traumgedanken zu Stande kommen, wären also an und für sich
    schwache Regungen, und darum die in den Traum gelangenden auch
    nicht stärker. Nach diesem Gedankengange wäre die „Unterdrückung

  • S.

    275

    Unterdrückung und Aufhebung der Affecte.

    der Affecte“ überhaupt kein Erfolg der Traumarbeit, sondern eine
    Folge des Schlafzustandes. Es mag so sein, aber es kann unmöglich
    Alles sein. Wir müssen auch daran denken, dass jeder zusammen-
    gesetztere Traum sich auch als das Compromiss-Ergebnis eines Wider-
    streites psychischer Mächte enthüllt hat. Einerseits haben die wunsch-
    bildenden Gedanken gegen den Widerspruch einer censurirenden
    Instanz anzukämpfen, andererseits haben wir oft gesehen, dass im un-
    bewussten Denken selbst ein jeder Gedankenzug mit seinem contra-
    dictorischen Gegentheil zusammengespannt war. Da alle diese Ge-
    dankenzüge affectfähig sind, so werden wir im Ganzen und Groben
    kaum irre gehen, wenn wir die Affectunterdrückung auffassen als
    Folge der Hemmung, welche die Gegensätze gegen einander, und die
    Censur gegen die von ihr unterdrückten Strebungen übt. Die
    Affecthemmung wäre dann der zweite Erfolg der Traum-
    censur, wie die Traumentstellung deren erster war.
    Ich will ein Traumbeispiel einfügen, in dem der indifferente
    Empfindungston des Trauminhaltes durch die Gegensätzlichkeit in den
    Traumgedanken aufgeklärt werden kann. Ich habe folgenden kurzen
    Traum zu erzählen, den jeder Leser mit Ekel zur Kenntnis nehmen
    wird:

    IV. Eine Anhöhe, auf dieser etwas wie ein Abort im
    Freien, eine sehr lange Bank, an deren Ende ein grosses
    Abortloch. Die ganze hintere Kante dicht besetzt mit
    Häufchen Koth von allen Grössen und Stufen der Frische.
    Hinter der Bank ein Gebüsch. Ich urinire auf die Bank;
    ein langer Harnstrahl spült alles rein, die Kothpatzen
    lösen sich leicht ab und fallen in die Oeffnung. Als ob
    am Ende noch etwas übrig bliebe.

    Warum empfand ich bei diesem Traume keinen Ekel?
    Weil, wie die Analyse zeigt, an dem Zustandekommen dieses
    Traumes die angenehmsten und befriedigendsten Gedanken mitgewirkt
    hatten. Mir fällt in der Analyse sofort der Augiasstall ein, den
    Herkules reinigt. Dieser Herkules bin ich. Die Anhöhe und das
    Gebüsch gehören nach Aussee, wo jetzt meine Kinder weilen. Ich
    habe die Kindheitsätiologie der Neurosen aufgedeckt und dadurch
    meine eigenen Kinder vor Erkrankung bewahrt. Die Bank ist (bis
    auf das Abortloch natürlich) die getreue Nachahmung eines Möbels,
    das mir eine anhängliche Patientin zum Geschenk gemacht hat. Sie
    mahnt mich daran, wie meine Patienten mich ehren. Ja selbst das
    Museum menschlicher Excremente ist einer herzzerfreuenden Deutung
    fähig. So sehr ich mich dort davor ekle, im Traume ist es eine
    Reminiscenz an das schöne Land Italien, in dessen kleinen Städten
    bekanntlich die W. C. nicht anders ausgestattet sind. Der Harnstrahl,
    der alles rein abspült, ist eine unverkennbare Grössenanspielung. So
    löscht Gulliver bei den Liliputanern den grossen Brand; er zieht
    sich dadurch allerdings das Missfallen der allerkleinsten Königin zu.

    18*

  • S.

    276

    Aber auch Gargantua, der Uebermensch bei Meister Rabelais,
    nimmt so seine Rache an den Parisern, indem er auf Notre-Dame
    reitend seinen Harnstrahl auf die Stadt richtet. In den Garnier’schen
    Illustrationen zum Rabelais habe ich gerade gestern vor dem
    Schlafengehen geblättert. Und merkwürdig wieder ein Beweis, dass
    ich der Uebermensch bin! Die Plattform von Notre-Dame war mein
    Lieblingsaufenthalt in Paris; jeden freien Nachmittag pflegte ich auf
    den Thürmen der Kirche zwischen den Ungethümen und Teufels-
    fratzen dort herumzuklettern. Dass aller Koth vor dem Strahle so
    rasch verschwindet, das ist das Motto: Flavit et dissipati sunt,
    mit dem ich einmal den Abschnitt über Therapie der Hysterie über
    schreiben werde.

    Und nun die wirksame Veranlassung des Traumes. Es war ein
    heisser Nachmittag im Sommer gewesen, ich hatte in den Abend
    stunden meine Vorlesung über den Zusammenhang der Hysterie mit
    den Perversionen gehalten, und alles, was ich zu sagen wusste, miss-
    fiel mir so gründlich, kam mir alles Werthes entkleidet vor. Ich war
    müde, ohne Spur von Vergnügen an meiner schweren Arbeit, sehnte
    mich weg von diesem Wühlen im menschlichen Schmutz, nach meinen
    Kindern und dann nach den Schönheiten Italiens. In dieser Stimmung
    ging ich vom Hörsaal in ein Café, um dort in freier Luft einen be-
    scheidenen Imbiss zu nehmen, denn die Esslust hatte mich verlassen.
    Aber einer meiner Hörer ging mit mir; er bat um die Erlaubnis
    dabei zu sitzen, während ich meinen Café trank und an meinem
    Kipfel würgte, und begann mir Schmeicheleien zu sagen. Wieviel er
    bei mir gelernt, und dass er jetzt Alles mit anderen Augen ansehe,
    dass ich den Augiasstall der Irrthümer und Vorurtheile in der
    Neurosenlehre gereinigt, kurz dass ich ein sehr grosser Mann sei.
    Meine Stimmung passte schlecht zu seinem Lobgesang; ich kämpfte
    mit dem Ekel, ging früher heim, um mich los zu machen, blätterte
    noch vor dem Schlafengehen im Rabelais und las eine Novelle von
    C. F. Meyer „Die Leiden eines Knaben“.

    Aus diesem Material war der Traum hervorgegangen, die Novelle
    von Meyer brachte die Erinnerung an Kindheitsscenen hinzu (vergl.
    den Traum vom Grafen Thun, letztes Bild). Die Tagesstimmung
    von Ekel und Ueberdruss setzte sich im Traume insoferne durch, als
    sie fast sämmtliches Material für den Trauminhalt beistellen durfte.
    Aber in der Nacht wurde die ihr gegensätzliche Stimmung von
    kräftiger und selbst übermässiger Selbstbetonung rege und hob die
    erstere auf. Der Trauminhalt musste sich so gestalten, dass er in
    demselben Material den Kleinheitswahn wie der Selbstüberschätzung
    den Ausdruck ermöglichte. Bei dieser Compromissbildung resultirte
    ein zweideutiger Trauminhalt, aber auch durch gegenseitige Hemmung
    der Gegensätze ein indifferenter Empfindungston.

    Nach der Theorie der Wunscherfüllung wäre dieser Traum nicht
    ermöglicht worden, wenn nicht der gegensätzliche, zwar unterdrückte

  • S.

    277

    aber mit Lust betont, Gedankenzug des Grössenwahnes zu dem des
    Ekels hinzugetreten wäre. Denn Peinliches soll im Traume nicht dar-
    gestellt werden; das Peinliche aus unseren Tagesgedanken kann nur
    dann den Eintritt in den Traum erringen, wenn es seine Einkleidung
    gleichzeitig einer Wunscherfüllung leiht.
    Die Traumarbeit kann mit den Affecten der Traumgedanken
    noch etwas anderes vornehmen, als sie zuzulassen oder zum Nullpunkt
    herabzudrücken. Sie kann dieselben in ihr Gegentheil verkehren.
    Wir haben bereits die Deutungsregel kennen gelernt, dass jedes
    Element des Traumes für die Deutung auch sein Gegentheil darstellen
    kann, ebensowohl wie sich selbst. Man weiss nie im Vorhinein, ob
    das eine oder das andere zu setzen ist; erst der Zusammenhang ent-
    scheidet hierüber. Eine Ahnung dieses Sachverhaltes hat sich offen-
    bar dem Volksbewusstsein aufgedrängt; die Traumbücher verfahren
    bei der Deutung der Träume sehr häufig nach dem Princip des Con-
    trastes. Solche Verwandlung in’s Gegentheil wird durch die innige
    associative Verkettung ermöglicht, die in unserem Denken die Vor- stellung eines Dinges an die ihres Gegensatzes fesselt. Wie jede
    andere Verschiebung dient sie den Zwecken der Censur, ist aber
    auch häufig das Werk der Wunscherfüllung, denn die Wunscherfüllung
    besteht ja in nichts anderem als in der Ersetzung eines unliebsamen
    Dinges durch sein Gegentheil. Ebenso wie die Dingvorstellungen
    können also auch die Affecte der Traumgedanken im Traume in’s
    Gegentheil verkehrt erscheinen, und es ist wahrscheinlich, dass diese
    Affectverkehrung zumeist von der Traumcensur bewerkstelligt wird.
    Affectunterdrückung wie Affectverkehrung dienen ja auch im
    socialen Leben, das uns die geläufige Analogie zur Traumcensur gezeigt
    hat, vor Allem der Verstellung. Wenn ich mündlich mit der Person ver-
    kehre, vor der ich mir Rücksicht auferlegen muss, während ich ihr
    Feindseliges sagen möchte, so ist es beinahe wichtiger, dass ich die
    Aeusserungen meines Affects vor ihr verberge, als dass ich die Wort-
    fassung meiner Gedanken mildere. Spreche ich zu ihr in nicht un-
    höflichen Worten, begleite diese aber mit einem Blick oder einer
    Geberde des Hasses und der Verachtung, so ist die Wirkung, die ich
    bei dieser Person erziele, nicht viel anders, als wenn ich ihr meine
    Verachtung ohne Schonung in’s Gesicht geworfen hätte. Die Censur
    heisst mich also vor Allem meine Affecte unterdrücken, und wenn ich
    ein Meister in der Verstellung bin, werde ich den entgegengesetzten
    Affect heucheln, lächeln, wo ich zürnen, und mich zärtlich stellen,
    wo ich vernichten möchte.
    Wir kennen bereits ein ausgezeichnetes Beispiel solcher Affect-
    verkehrung im Traum im Dienste der Traumcensur. Im Traume
    „von des Onkels Bart“ empfinde ich grosse Zärtlichkeit für meinen
    Freund R., während und weil die Traumgedanken ihn einen Schwach-
    kopf schelten. Aus diesem Beispiele von Verkehrung der Affecte
    haben wir uns den ersten Hinweis auf die Existenz einer Traum-

  • S.

    278

    censur geholt. Es ist auch hier nicht nöthig anzunehmen, dass die
    Traumarbeit einen derartigen Gegenaffect ganz von neuem schafft;
    sie findet ihn gewöhnlich im Materiale der Traumgedanken bereit-
    liegend und erhöht ihn blos mit der psychischen Kraft der Abwehr
    motive, bis er für die Traumbildung überwiegen kann. Im letzt-
    erwähnten Onkeltraum stammt der zärtliche Gegenaffect wahrscheinlich
    aus infantiler Quelle (wie die Fortsetzung des Traumes nahe legt),
    denn das Verhältniß Onkel und Neffe ist durch die besondere Natur
    meiner frühesten Kindererlebnisse (vergl. die Analyse Seite 244) bei
    mir die Quelle aller Freundschaften und alles Hasses geworden.

    Die Complication der Aufhebungs-Substractionen- und Ver-
    kehrungsvorgänge, durch welche endlich aus den Affecten der Traum-
    gedanken die des Traumes werden, lässt sich an geeigneten Syn-
    thesen vollständig analysirter Träume gut überblicken. Ich will hier
    noch einige Beispiele von Affectregung im Traume behandeln, die
    etwa einige der besprochenen Fälle als realisirt erweisen.

    V. In dem Traume von der sonderbaren Aufgabe, die mir der alte
    Brücke stellt, mein eigenes Becken zu präpariren, vermisse ich im
    Traume selbst das dazugehörige Grauen. Dies ist nun Wunsch-
    erfüllung in mehr als einem Sinne. Die Präparation bedeutet die
    Selbstanalyse, die ich gleichsam durch die Veröffentlichung des
    Traumbuches vollziehe, die mir in Wirklichkeit so peinlich war, dass
    ich den Druck des bereitliegenden Manuscriptes um mehr als ein
    Jahr aufgeschoben habe. Es regt sich nun der Wunsch, dass ich mich
    über diese abhaltende Empfindung hinaussetzen möge, darum ver-
    spüre ich im Traume kein Grauen. Das „Grauen“ im anderen
    Sinne möchte ich auch gerne vermissen; es graut bei mir schon
    ordentlich, und dies Grau der Haare mahnt mich gleichfalls, nicht
    länger zurückzuhalten. Wir wissen ja, dass am Schlusse des Traumes
    der Gedanke zur Darstellung durchdringt, ich würde es den Kindern
    überlassen müssen, in der schwierigen Wanderung an’s Ziel zu
    kommen.

    In den zwei Träumen, die den Ausdruck der Befriedigung in
    die nächsten Augenblicke nach dem Erwachen verlegen, ist diese
    Befriedigung das eine Mal motivirt durch die Erwartung, ich werde
    jetzt erfahren, was es heisst, „ich habe schon davon geträumt“, und
    bezieht sich eigentlich auf die Geburt der ersten Kinder, das andere
    Mal durch die Ueberzeugung, es werde jetzt eintreffen, „was sich
    durch ein Vorzeichen angekündigt hat“, und diese Befriedigung ist
    die nämliche, die seinerzeit den zweiten Sohn begrüsst hat. Es sind
    hier im Traume die Affecte verblieben, die in den Traumgedanken
    herrschen, aber es geht wohl in keinem Traume so ganz einfach zu.
    Vertieft man sich ein wenig in beide Analysen, so erfährt man,
    dass diese der Censur nicht unterliegende Befriedigung einen Zuzug
    aus einer Quelle erhält, welche die Censur zu fürchten hat, und
    deren Affect sicherlich Widerspruch erregen würde, wenn er sich

  • S.

    279

    nicht durch den gleichartigen, gerne zugelassenen Befriedigungsaffect
    aus der erlaubten Quelle decken, sich gleichsam hinter ihm ein
    schleichen würde. Ich kann dies leider nicht an dem Traumbeispiel
    selbst erweisen, aber ein Beispiel aus anderer Sphäre wird meine
    Meinung verständlich machen. Ich setze folgenden Fall: Es gäbe
    in meiner Nähe eine Person, die ich hasse, so dass in mir eine leb-
    hafte Regung zu Stande kommt, mich zu freuen, wenn ihr etwas
    widerfährt. Dieser Regung gibt aber das Moralische in meinem
    Wesen nicht nach; ich wage es nicht, den Unglückswunsch zu
    äußern, und nachdem ihr unverschuldet etwas zugestoßen ist, unter
    drücke ich meine Befriedigung darüber und nötige mich zu Aeusse-
    rungen und Gedanken des Bedauerns. Jedermann wird sich in
    solcher Lage schon befunden haben. Nun ereigne es sich aber, dass
    die gehasste Person sich durch eine Ueberschreitung eine wohl
    verdiente Unannehmlichkeit zuziehe; dann darf ich meiner Befriedigung
    darüber freien Lauf lassen, dass sie von der gerechten Strafe ge-
    troffen worden ist, und äußere mich darin übereinstimmend mit vielen
    Anderen, die unparteiisch sind. Ich kann aber die Beobachtung
    machen, dass meine Befriedigung intensiver ausfällt als die der An-
    deren; sie hat einen Zuzug aus der Quelle meines Hasses erhalten,
    der bis dahin von der inneren Censur verhindert war. Affect zu
    liefern, unter den geänderten Verhältnissen aber nicht mehr gehindert
    wird. Dieser Fall trifft in der Gesellschaft allgemein zu, wo anti-
    pathische Personen oder Angehörige einer ungern gesehenen Minorität
    eine Schuld auf sich laden. Ihre Bestrafung entspricht dann ge-
    wöhnlich nicht ihrem Verschulden, sondern dem Verschulden vermehrt
    um das bisher effectlose Uebelwollen, das sich gegen sie richtet. Die
    Strafenden begehen dabei zweifellos eine Ungerechtigkeit; sie werden
    aber an der Wahrnehmung derselben gehindert durch die Befriedigung,
    welche ihnen die Aufhebung einer lange festgehaltenen Unterdrückung
    in ihrem Inneren bereitet. In solchen Fällen ist der Affect seiner
    Qualität nach zwar berechtigt, aber nicht sein Ausmass; und die in
    dem einen Punkt beruhigte Selbstkritik vernachlässigt nur zu leicht
    die Prüfung des zweiten Punktes. Wenn einmal die Thüre geöffnet
    ist, so drängen sich leicht mehr Leute durch, als man ursprünglich
    einzulassen beabsichtigte.
    Der auffällige Zug des neurotischen Charakters, dass affectfähige
    Anlässe bei ihm eine Wirkung erzielen, die qualitativ berechtigt,
    quantitativ über das Mass hinausgeht, erklärt sich auf diese Weise,
    soweit er überhaupt eine psychologische Erklärung zulässt. Der Ueber-
    schuss rührt aber aus unbewusst gebliebenen, bis dahin unterdrückten
    Affectquellen her, die mit dem realen Anlass eine associative Ver-
    bindung herstellen können, und für deren Affectentbindung die ein-
    spruchsfreie und zugelassene Affectquelle die erwünschte Bahnung er-
    öffnet. Wir werden so aufmerksam gemacht, dass wir zwischen der
    unterdrückten und der unterdrückenden seelischen Instanz nicht

  • S.

    280

    ausschließlich die Beziehungen gegenseitiger Hemmung in’s Auge
    fassen dürfen. Ebensoviel Beachtung verdienen die Fälle, in denen
    die beiden Instanzen durch Zusammenwirken, durch gegenseitige Ver-
    stärkung einen pathologischen Effect zu Stande bringen. Diese an-
    deutenden Bemerkungen über psychische Mechanik wolle man nun
    zum Verständnis der Affectäußerungen des Traumes verwenden.
    Eine Befriedigung, die sich im Traume kundgibt, und die natürlich
    alsbald an ihrer Stelle in den Traumgedanken aufzufinden ist, ist
    durch diesen Nachweis allein nicht immer vollständig aufgeklärt.
    In der Regel wird man für sie eine zweite Quelle in den Traum-
    gedanken aufzusuchen haben, auf welche der Druck der Censur
    lastet, und die unter dem Drucke nicht Befriedigung, sondern den
    gegenteiligen Affect ergeben hätte, die aber durch die Anwesenheit
    der ersten Traumquelle in den Stand gesetzt wird, ihren Befriedigungs-
    affect der Verdrängung zu entziehen und als Verstärkung zu der
    Befriedigung aus anderer Quelle stoßen zu lassen. So erscheinen die
    Affecte im Traume als zusammengefasst aus mehreren Zuflüssen und
    als überdeterminirt in Bezug auf das Material der Traumgedanken;
    Affectquellen, die den nämlichen Affect liefern können,
    treten bei der Traumarbeit zur Bildung desselben zusammen.
    Ein wenig Einblick in diese verwickelten Verhältnisse erhält
    man durch die Analyse des schönen Traumes, in dem „Non vixit“
    den Mittelpunkt bildet (vergl. Seite 241). In diesem Traum sind die
    Affectäußerungen von verschiedener Qualität an zwei Stellen des
    manifesten Inhaltes zusammengedrängt. Eindeutige und peinliche
    Beziehungen (im Traume selbst heisst es „von merkwürdigen Affecten
    ergriffen“) überlagern einander dort, wo ich den gegnerischen Freund
    mit den beiden Worten vernichte. Am Ende des Traumes bin ich
    ungemein erfreut und urtheile dann anerkennend über eine im Wachen
    als absurd erkannte Möglichkeit, dass es nämlich Revenants gibt, die
    man durch den bloßen Wunsch beseitigen kann.
    Ich habe die Veranlassung dieses Traumes noch nicht mit-
    getheilt. Sie ist eine wesentliche und führt tief in das Verständnis
    des Traumes hinein. Ich hatte von meinem Freunde in Berlin (den
    ich mit Fl. bezeichnet habe) die Nachricht bekommen, dass er sich
    einer Operation unterziehen werde, und dass in Wien lebende Ver-
    wandte mir die weiteren Auskünfte über sein Befinden geben würden.
    Diese ersten Nachrichten nach der Operation lauteten nicht erfreulich
    und machten mir Sorge. Ich wäre am liebsten selbst zu ihm gereist,
    aber ich war gerade zu jener Zeit mit einem schmerzhaften Leiden
    behaftet, das mir jede Bewegung zur Qual machte. Aus den Traum-
    gedanken erfahre ich nun, dass ich für das Leben des theuern Freundes
    fürchtete. Seine einzige Schwester, die ich nicht gekannt, war, wie ich
    wusste, in jungen Jahren nach kürzester Krankheit gestorben. (Im
    Traum: Fl. erzählt von seiner Schwester und sagt: in
    ¾ Stunden war sie todt.) Ich muss mir eingebildet haben, dass

  • S.

    281

    seine eigene Natur nicht viel resistenter sei, und mir vorgestellt, dass
    ich auf weit schlimmere Nachrichten nun endlich doch reise – und
    zu spät komme, worüber ich mir ewige Vorwürfe machen könnte.*)
    Dieser Vorwurf wegen des Zuspätkommens ist zum Mittelpunkt des
    Traumes geworden, hat sich aber in einer Scene dargestellt, in der
    der verehrte Meister meiner Studentenjahre Brücke mir mit einem
    fürchterlichen Blicke seiner blauen Augen den Vorwurf macht. Was
    diese Ablenkung der Scene zu Stande gebracht, wird sich bald er-
    geben; die Scene selbst kann der Traum nicht so reproduciren,
    wie ich sie erlebt habe. Er lässt zwar dem Anderen die blauen
    Augen, aber er gibt mir die vernichtende Rolle, eine Umkehrung,
    die offenbar das Werk der Wunscherfüllung ist. Die Sorge um das
    Leben des Freundes, der Vorwurf, dass ich nicht zu ihm hinreise, meine
    Beschämung (er ist unauffällig (zu mir) nach Wien gekommen), mein
    Bedürfnis, mich durch meine Krankheit für entschuldigt zu halten, dass
    alles setzt den Gefühlssturm zusammen, der im Schlaf deutlich ver-
    spürt, in jener Region der Traumgedanken tobt.

    An der Traumveranlassung war aber noch etwas Anderes, was
    auf mich eine ganz entgegengesetzte Wirkung hatte. Bei den un-
    günstigen Nachrichten aus den ersten Tagen der Operation erhielt
    ich auch die Mahnung, von der ganzen Angelegenheit Niemandem
    zu sprechen, die mich beleidigte, weil sie ein überflüssiges Misstrauen
    in meine Verschwiegenheit zur Voraussetzung hatte. Ich wusste
    zwar, dass dieser Auftrag nicht von meinem Freunde ausging,
    sondern einer Ungeschicklichkeit oder Uebereilungslosigkeit des ver-
    mittelnden Boten entsprach, aber ich wurde von dem versteckten Vor-
    wurf sehr peinlich berührt, weil er – nicht ganz unberechtigt war.
    Andere Vorwürfe als solche, an denen „etwas daran ist“, haften be-
    kanntlich nicht, haben keine aufregende Kraft. Zwar nicht in der
    Sache meines Freundes, aber früher einmal in viel jüngeren Jahren
    hatte ich zwischen zwei Freunden, die beide auch mich zu meiner
    Ehrung so nennen wollten, überflüssiger Weise etwas ausgeplaudert,
    was der eine über den anderen gesagt hatte. Auch die Vorwürfe,
    die ich damals zu hören bekam, habe ich nicht vergessen. Der eine
    der beiden Freunde, zwischen denen ich damals den Unfriedens-
    stifter machte, war Professor Fleischl; der andere kann durch den
    Vornamen Josef, den auch mein im Traume auftretender Freund
    und Gegner P. dibhte, ersetzt werden.

    Von dem Vorwurf, dass ich nichts für mich zu behalten ver-
    möge, zeugen im Traume die Elemente unauffällig und die Frage
    Fl.’s, wieviel von seinen Dingen ich P. denn mitgetheilt
    habe. Die Einmengung dieser Erinnerung ist es aber, welche den

    *) Diese Phantasie aus den unbewussten Traumgedanken ist es, die gebieterisch
    non vixit anstatt non vixit verlangt. „Du bist zu spät gekommen, er lebt nicht
    mehr.“ Dass auch die manifeste Situation des Traumes auf non vixit zielt, ist
    Seite 243 angegeben worden.

  • S.

    282

    Vorwurf des Zuspätkommens aus der Gegenwart in die Zeit, da ich
    im Brücke'schen Laboratorium lebte, verlegt, und indem ich die
    zweite Person in der Vernichtungsscene des Traumes durch einen
    Josef ersetze, lasse ich diese Scene nicht nur den einen Vorwurf
    darstellen, dass ich zu spät komme, sondern auch den von der Ver-
    drängung stärker Betroffenen, dass ich kein Geheimnis bewahre. Die
    Verdichtungs- und Verschiebungsarbeit des Traumes, sowie deren
    Motive werden hier augenfällig.

    Der in der Gegenwart geringfügige Aerger über die Mahnung,
    nichts zu verrathen, holt sich aber Verstärkungen aus in der Tiefe
    fliessenden Quellen und schwillt so zu einem Strom feindseliger
    Regungen gegen in Wirklichkeit geliebte Personen an. Die Quelle,
    welche die Verstärkung liefert, fliesst im Infan-
    tilen. Ich habe schon
    erzählt, dass meine warmen Freundschaften wie meine Feindschaften
    mit Gleichalterigen auf meinen Kinderverkehr mit einem um ein
    Jahr älteren Neffen zurückgehen, in dem er der Ueberlegene war,
    ich mich frühzeitig zur Wehre setzen lernte, wir unzertrennlich mit
    einander lebten und einander liebten, dazwischen, wie Mittheilungen
    älterer Personen bezeugen, uns rauften und – verklagten. Alle
    meine Freunde sind in gewissem Sinne Incarnationen dieser ersten
    Gestalt, die „früh sich einst dem trüben Blick gezeigt“, Revenants.
    Mein Neffe selbst kam in den Jünglingsjahren wieder, und damals
    führten wir Cäsar und Brutus mit einander auf. Ein intimer Freund
    und ein gehasster Feind waren mir immer nothwendige Erfordernisse
    meines Gefühlslebens; ich wusste Beide mir immer von Neuem zu
    verschaffen, und nicht selten stellte sich das Kindheitsideal so weit
    her, dass Freund und Feind in dieselbe Person zusammenfielen,
    natürlich nicht mehr gleichzeitig oder in mehrfach wiederholter Ab-
    wechslung, wie es in den ersten Kinderjahren der Fall gewesen
    sein mag.

    Auf welche Weise bei so bestehenden Zusammenhängen ein
    recenter Anlass zum Affect bis auf den infantilen zurückgreifen kann,
    um sich durch ihn für die Affectwirkung zu ersetzen, das möchte
    ich hier nicht verfolgen. Es gehört der Psychologie des unbewussten
    Denkens an und fände seine Stelle in einer psychologischen Auf-
    klärung der Neurosen. Nehmen wir für unsere Zwecke der Traum-
    deutung an, dass sich eine Kindererinnerung einstellt, oder eine
    solche phantastisch gebildet wird etwa folgenden Inhaltes: Die bei-
    den Kinder gerathen in Streit mit einander um ein Object, – welches,
    lassen wir dahingestellt, obwohl die Erinnerung oder Erinnerungs-
    täuschung ein ganz bestimmtes im Auge hat; – ein jeder behauptet, er
    sei früher gekommen, habe also das Vorrecht darauf; es kommt zur
    Schlägerei, Macht geht vor Recht; nach den Andeutungen des Trau-
    mes könnte ich gewusst haben, dass ich im Unrecht bin (den Irr-
    thum selbst bemerkend); ich bleibe aber diesmal der Stärkere,
    behaupte das Schlachtfeld, der Unterlegene eilt zum Vater, respective

  • S.

    283

    Grossvater, verklagt mich, und ich vertheidige mich mit den mir
    durch die Erzählung des Vaters bekannten Worten: Ich habe ihn
    gelagt, weil er mich gelagt hat; so ist diese Erinnerung oder
    wahrscheinlicher Phantasie, die sich mir während der Analyse des
    Traumes – ohne weitere Gewähr, ich weiss selbst nicht wie – auf-
    drängt, ein Mittelstück der Traumgedanken, das die in den Traum-
    gedanken waltenden Affectregungen, wie eine Brunnenschale die zu-
    geleiteten Gewässer, sammelt. Von hier aus fliessen die Traumgedanken
    in folgenden Wegen: Es geschieht dir ganz recht, dass du mir den
    Platz hast räumen müssen; warum hast du mich vom Platze ver-
    drängen wollen? Ich brauche dich nicht, ich werde mir schon einen
    anderen verschaffen, mit dem ich spiele u. s. w. Dann eröffnen sich
    die Wege, auf denen diese Gedanken wieder in die Traumdarstellung
    einmünden. Ein solches „Ote-toi que je m’y mette“ musste ich
    seiner Zeit meinem verstorbenen Freunde Josef zum Vorwurf machen.
    Er war in meine Fusstapfen als Aspirant im Brücke’schen Labora-
    torium getreten, aber dort war das Avancement langwierig. Keiner
    der beiden Assistenten rückte von der Stelle, die Jugend wurde un-
    geduldig. Mein Freund, der seine Lebenszeit begrenzt wusste, und
    den kein intimes Verhältniss an seinen Vordermann band, gab seiner
    Ungeduld gelegentlich lauten Ausdruck. Da dieser Vordermann ein
    schwer Kranker war, konnte der Wunsch, ihn beseitigt zu wissen, ausser
    dem Sinn: durch eine Beförderung auch eine unstössige Nebendeu-
    tung zulassen. Natürlich war bei mir einige Jahre vorher der näm-
    liche Wunsch, eine frei gewordene Stelle einzunehmen, noch viel leb-
    hafter gewesen; wo immer es in der Welt Rangordnung und Be-
    förderung gibt, ist ja der Weg für der Unterdrückung bedürftige
    Wünsche eröffnet. Shakespeare’s Prinz Hal kann sich nicht ein-
    mal am Bett des kranken Vaters der Versuchung entziehen, einmal zu
    probiren, wie ihm die Krone steht. Aber der Traum straft, wie be-
    greiflich, diesen rücksichtslosen Wunsch nicht an mir, sondern an ihm.*)
    „Weil er herrschsüchtig war, darum erschlug ich ihn.“ Weil
    er nicht erwarten konnte, dass ihm der andere den Platz räume,
    darum ist er selbst hinweggeräumt worden. Diese Gedanken hege
    ich unmittelbar, nachdem ich in der Universität der Enthüllung des
    dem Anderen gesetzten Denkmales beigewohnt habe. Ein Theil
    meiner im Traume verspürten Befriedigung deutet sich also: Gerechte
    Strafe; es ist dir recht geschehen.
    Bei dem Leichenbegängnis dieses Freundes machte ein junger
    Mann die unpassend scheinende Bemerkung: Der Redner habe so
    gesprochen, als ob jetzt die Welt ohne den einen Menschen nicht
    mehr bestehen könne. Es regte sich in ihm die Auflehnung des

    *)Es wird aufgefallen sein, dass der Name Josef eine so grosse Rolle in
    meinen Träumen spielt (siehe den Onkeltraum). Hinter den Personen, die so heissen,
    kann sich mein Ich im Traume besonders leicht verbergen, denn Josef hiess auch
    der aus der Bibel bekannte Traumdeuter.

  • S.

    284

    wahrhaften Menschen, dem man den Schmerz durch Uebertreibung
    stört. Aber an diese Rede knüpfen sich die Traumgedanken an:
    Es ist wirklich niemand unersetzlich; wie viele habe ich schon zum
    Grabe geleitet; ich aber lebe noch, ich habe sie alle überlebt, ich
    behauptete den Platz. Ein solcher Gedanke im Moment, da ich fürchte,
    meinen Freund nicht mehr unter den Lebenden anzutreffen, wenn
    ich zu ihm reise, lässt nur die weitere Entwickelung zu, dass ich mich
    freue wieder jemanden zu überleben, dass nicht ich gestorben bin,
    sondern er, dass ich den Platz behaupte wie damals in der phan-
    tasierten Kinderscene. Diese aus dem Infantilen kommende Befrie-
    digung darüber, dass ich den Platz behaupte, deckt den Hauptantheil
    des in den Traum aufgenommenen Affectes. Ich freue mich darüber,
    dass ich überlebe, ich äussere das mit dem naiven Egoismus der
    Anekdote zwischen Ehegatten: „Wenn eines von uns stirbt, über-
    siedle ich nach Paris“. Es ist für meine Erwartung so selbstver-
    ständlich, dass nicht ich der eine bin.

    Man kann sich nicht verbergen, dass schwere Selbstüberwin-
    dung dazu gehört, seine Träume zu deuten und mitzutheilen. Man
    muss sich als den einzigen Bösewicht enthüllen unter all den Edlen,
    mit denen man das Leben theilt. Ich finde es also ganz begreiflich,
    dass die Revenants nur so lange bestehen, als man sie mag, und dass
    sie durch den Wunsch beseitigt werden können. Das ist also das,
    wofür mein Freund Josef gestraft worden ist. Die Revenants sind
    aber die auf einander folgenden Incarnationen meines Kindheitsfreun-
    des; ich bin also auch befriedigt darüber, dass ich mir diese Person
    immer wieder ersetzt habe, und auch für den, den ich jetzt zu ver-
    lieren im Begriffe bin, wird sich der Ersatz schon finden. Es ist
    niemand unersetzlich.

    Wo bleibt hier aber die Traumcensur? Warum erhebt sie nicht
    den energischesten Widerspruch gegen diesen Gedankengang der
    rohesten Selbstsucht und verwandelt die an ihm haftende Befriedi-
    gung nicht in schwere Unlust? Ich meine, weil andere einwurfs-
    freie Gedankenzüge über die nämlichen Personen gleichfalls in Be-
    friedigung ausgehen und mit ihrem Affect jenen aus der verbotenen
    infantilen Quelle decken. In einer anderen Schicht von Gedanken habe ich
    mir bei jener feierlichen Denkmalsenthüllung gesagt: Ich habe so viele
    theure Freunde verloren, die einen durch Tod, die anderen durch
    Auflösung der Freundschaft; es ist doch schön, dass sie sich mir er-
    setzt haben, dass ich den Einen gewonnen habe, der mir mehr be-
    deutet, als die Anderen konnten, und den ich jetzt in dem Alter, wo
    man nicht mehr leicht neue Freundschaften schliesst, für immer fest-
    halten werde. Die Befriedigung, dass ich diesen Ersatz für die ver-
    lorenen Freunde gefunden habe, darf ich ungestört in den Traum
    hinübernehmen, aber hinter ihr schleicht sich die feindselige Befrie-
    digung aus infantiler Quelle mit ein. Die infantile Zärtlichkeit hilft
    sicherlich die heute berechtigte verstärken; aber auch der infantile
    Hass hat sich seinen Weg in die Darstellung gebahnt.

  • S.

    285

    Im Traume ist aber ausserdem ein deutlicher Hinweis auf einen
    anderen Gedankengang enthalten, der in Befriedigung auslaufen darf.
    Mein Freund hat kurz vorher nach langem Warten ein Töchterchen
    bekommen. Ich weiss, wie sehr er seine früh verlorene Schwester
    betrauert hat, und schreibe ihm, auf dieses Kind würde er die Liebe
    übertragen, die er zur Schwester empfunden; dieses kleine Mädchen
    würde ihm den unersetzlichen Verlust endlich vergessen machen.
    So knüpft auch diese Reihe wieder an den Zwischengedanken
    des latenten Trauminhaltes an, von dem die Wege nach entgegen-
    gesetzten Richtungen auseinandergehen: Es ist niemand unersetzlich.
    Sieh’, nur Revenants; alles was man verloren hat, kommt wieder.
    Und nun werden die associativen Bande zwischen den widerspruchs-
    vollen Bestandtheilen der Traumgedanken enger angezogen durch
    den zufälligen Umstand, dass die kleine Tochter meines Freundes
    denselben Namen trägt wie meine eigene kleine Jugendgespielin,
    die mit mir gleichalterige Schwester meines ältesten Freundes und
    Gegners. Ich habe den Namen „Pauline“ mit Befriedigung gehört,
    und um auf dieses Zusammentreffen anzuspielen, habe ich im Traume
    einen Josef durch einen anderen Josef ersetzt und fand es unmöglich,
    den gleichen Anlaut in den Namen Fleischl und Fl. zu unterdrücken.
    Von hier aus läuft dann ein Gedankenfaden zur Namengebung bei
    meinen eigenen Kindern. Ich hielt darauf, dass ihre Namen nicht
    nach der Mode des Tages gewählt, sondern durch das Andenken an
    theure Personen bestimmt sein sollten. Ihre Namen machen die
    Kinder zu „Revenants“. Und schliesslich, ist Kinder haben nicht
    für uns Alle der einzige Zugang zur Unsterblichkeit?
    Ueber die Affecte des Traumes werde ich nur noch wenige
    Bemerkungen von einem anderen Gesichtspunkte aus anfügen. In der
    Seele des Schlafenden kann eine Affectneigung – was wir Stimmung
    heissen – als dominirendes Element enthalten sein und dann den
    Traum mitbestimmen. Diese Stimmung kann aus den Erlebnissen
    und Gedankengängen des Tages hervorgehen, sie kann somatische
    Quellen haben; in beiden Fällen wird sie von ihren entsprechenden Gedan-
    gängen begleitet sein. Dass dieser Vorstellungsinhalt der Traumgedanken
    das eine Mal primär die Affectneigung bedingt, das andere Mal secundär
    durch die somatisch zu erklärende Gefühlsdisposition geweckt wird,
    bleibt für die Traumbildung gleichgültig. Dieselbe steht alle Male
    unter der Einschränkung, dass sie nur darstellen kann, was Wunsch-
    erfüllung ist, und dass sie nur dem Wunsche ihre psychische Trieb-
    kraft entlehnen kann. Die actuell vorhandene Stimmung wird die
    selbe Behandlung erfahren wie die actuell während des Schlafes auf-
    tauchende Sensation (vergl. Seite 161), die entweder vernachlässigt wird
    oder im Sinne einer Wunscherfüllung umgedeutet. Peinliche Stim-
    mungen während des Schlafes werden zu Triebkräften des Traumes,
    indem sie energische Wünsche wecken, die der Traum erfüllen soll.
    Das Material, an dem sie haften, wird so lange umgearbeitet, bis

  • S.

    286

    es zum Ausdruck der Wunscherfüllung verwendbar ist. Je intensiver
    und je dominirender das Element der peinlichen Stimmung in den
    Traumgedanken ist, desto sicherer werden die stärkst unterdrückten
    Wunschregungen die Gelegenheit zur Darstellung zu kommen be-
    nützen, da sie durch die actuelle Existenz der Unlust, die sie sonst
    aus Eigenem erzeugen müssten, den schwereren Theil der Arbeit
    für ihr Durchdringen zur Darstellung bereits erledigt finden, und
    mit diesen Erörterungen streifen wir wieder das Problem der Angst-
    träume, die sich als der Grenzfall für die Traumleistung heraus-
    stellen werden.

    g) Die secundäre Bearbeitung.

    Wir wollen endlich an die Hervorhebung des vierten der bei
    der Traumbildung betheiligten Momente gehen.

    Setzt man die Untersuchung des Trauminhaltes in der vorhin
    eingeleiteten Weise fort, indem man auffällige Vorkommnisse im
    Trauminhalt auf ihre Herkunft aus den Traumgedanken prüft, so
    stösst man auch auf Elemente, für deren Aufklärung es einer völlig
    neuen Annahme bedarf. Ich erinnere an die Fälle, wo man sich im
    Traume wundert, ärgert, sträubt, und zwar gegen ein Stück des Traum-
    inhaltes selbst. Die meisten dieser Regungen von Kritik im Traum
    sind nicht gegen den Trauminhalt gerichtet, sondern erweisen sich
    als übernommene und passend verwendete Theile des Traummateriales,
    wie ich an geeigneten Beispielen dargelegt habe. Einiges der Art
    fügt sich aber einer solchen Ableitung nicht; man kann das Correlat
    dazu im Traummaterial nicht auffinden. Was bedeutet z. B. die im
    Traum nicht gar seltene Kritik: Das ist ja nur ein Traum? Dies ist
    eine wirkliche Kritik des Traumes, wie ich sie im Wachen üben
    könnte. Gar nicht selten ist sie auch nur die Vorläuferin des Er-
    wachens; noch häufiger geht ihr selbst ein peinliches Gefühl vorher,
    das sich nach der Constatirung des Traumzustandes beruhigt. Der
    Gedanke: „Das ist ja nur ein Traum“ während des Traumes be-
    absichtigt aber dasselbe, was er auf offener Bühne im Munde der
    schönen Helena von Offenbach besagen soll; er will die Bedeutung
    des eben Erlebten herabdrücken und die Duldung des Weiteren er-
    möglichen. Er dient zur Einschläferung einer gewissen Instanz, die
    in dem gegebenen Moment alle Veranlassung hätte, sich zu regen und
    die Fortsetzung des Traumes – oder der Scene – zu verbieten. Es
    ist aber bequemer weiter zu schlafen und den Traum zu dulden,
    „weil’s doch nur ein Traum ist“. Ich stelle mir vor, dass die ver-
    ächtliche Kritik: Es ist ja nur ein Traum, dann im Traum auftritt,
    wenn die niemals ganz schlafende Censur sich durch den bereits
    zugelassenen Traum überrumpelt fühlt. Es ist zu spät ihn zu unter-
    drücken, somit begegnet sie mit jener Bemerkung der Angst- oder der
    peinlichen Empfindung, welche sich auf den Traum hin erhebt. Es ist
    eine Aeusserung des esprit d’escalier von Seiten der psychischen Censur.

  • S.

    287

    An diesem Beispiel haben wir aber einen einwandfreien Beweis
    dafür, daß nicht alles, was der Traum enthält, aus den Traumgedanken
    stammt, sondern dass eine psychische Function, die von unserem wachen
    Denken nicht zu unterscheiden ist, Beiträge zum Trauminhalt liefern
    kann. Es fragt sich nun, kommt dies nur ganz ausnahmsweise vor,
    oder kommt der sonst nur als Censor thätigen psychischen Instanz
    ein regelmässiger Antheil an der Traumbildung zu?

    Man muss sich ohne Schwanken für das Letztere entscheiden.
    Es ist unzweifelhaft, dass die censurirende Instanz, deren Einfluss wir
    bisher nur in Einschränkungen und Auslassungen im Trauminhalte
    erkannten, auch Einschaltungen und Vermehrungen desselben ver-
    schuldet. Diese Einschaltungen sind oft leicht kenntlich; sie werden
    zaghaft berichtet, mit einem „als ob“ eingeleitet, haben an und für
    sich keine besonders hohe Lebhaftigkeit und sind stets an Stellen
    angebracht, wo sie zur Verknüpfung zweier Stücke des Trauminhaltes,
    zur Anbahnung eines Zusammenhanges zwischen zwei Traumpartien
    dienen können. Sie zeigen eine geringere Haltbarkeit im Gedächtnis
    als die echten Abkömmlinge des Traummaterales; unterliegt der
    Traum dem Vergessen, so fallen sie zuerst aus, und ich hege eine
    starke Vermuthung, dass unsere häufige Klage, wir hätten soviel ge-
    träumt, das Meiste davon vergessen und nur Bruchstücke behalten,
    auf den alsbaldigen Ausfall gerade dieser Kittgedanken beruht. Bei
    vollständiger Analyse verrathen sich diese Einschaltungen manchmal
    dadurch, dass sich zu ihnen kein Material in den Traumgedanken
    findet. Doch muss ich bei sorgfältiger Prüfung diesen Fall als den
    selteneren bezeichnen; zumeist lassen sich die Schaltgedanken immerhin
    auf Material in den Traumgedanken zurückführen, welches aber weder
    durch seine eigene Werthigkeit noch durch Ueberdeterminirung An-
    spruch auf Aufnahme in den Traum erheben konnte. Die psychische
    Function bei der Traumbildung, die wir jetzt betrachten, erhebt
    sich, wie es scheint, nur im äussersten Falle zu Neuschöpfungen; so
    lange es noch möglich ist, verwerthet sie, was sie Taugliches im Traum-
    material auswählen kann.

    Was dieses Stück der Traumarbeit auszeichnet und verräth, ist
    seine Tendenz. Diese Function verfährt ähnlich, wie es der Dichter
    boshaft vom Philosophen behauptet; mit ihren Fetzen und Flicken
    stopft sie die Lücken im Aufbau des Traumes. Die Folge ihrer
    Bemühung ist, dass der Traum den Anschein der Absurdität und
    Zusammenhanglosigkeit verliert und sich dem Vorbilde eines ver-
    ständlichen Erlebnisses annähert. Aber die Bemühung ist nicht jedes-
    mal vom vollen Erfolge gekrönt. Es kommen so Träume zu Stande,
    die für die oberflächliche Betrachtung tadellos logisch und correct
    erscheinen mögen; sie gehen von einer möglichen Situation aus, führen
    dieselbe durch widerspruchsfreie Veränderungen fort und bringen es,
    wiewohl dies am seltensten, zu einem nicht befremdenden Abschluss.
    Diese Träume haben die tiefgehendste Bearbeitung durch die dem

  • S.

    288

    wachen Denken ähnliche psychische Function erfahren; sie scheinen
    einen Sinn zu haben, aber dieser Sinn ist von der wirklichen Bedeutung
    des Traumes auch am weitesten entfernt. Analysirt man sie, so über-
    zeugt man sich, dass hier die secundäre Bearbeitung des Traumes am
    freiesten mit dem Material umgesprungen ist, am wenigsten von dessen
    Relationen beibehalten hat. Es sind das Träume, die sozusagen schon
    einmal gedeutet worden-sind, ehe wir sie im Wachen der Deutung
    unterziehen. In anderen Träumen ist diese tendenziöse Bearbeitung
    nur ein Stück weit gelungen; so weit scheint Zusammenhang zu herr-
    schen, dann wird der Traum unsinnig oder verworren, vielleicht um
    sich noch ein zweites Mal in seinem Verlaufe zum Anschein des Ver-
    ständigen zu erheben. In anderen Träumen hat die Bearbeitung über-
    haupt versagt; wir stehen wie hilflos einem sinnlosen Haufen von
    Inhaltsbrocken gegenüber.

    Ich möchte dieser vierten, den Traum gestaltenden Macht, die
    uns ja bald als eine bekannte erscheinen wird – sie ist in Wirk-
    lichkeit die einzige uns auch sonst vertraute unter den vier Traum-
    bildnern –; ich möchte diesem vierten Momente also die Fähigkeit,
    schöpferisch neue Beiträge zum Traume zu liefern, nicht peremptorisch
    absprechen. Sicherlich aber äussert sich auch ihr Einfluss, wie der
    der anderen, vorwiegend in der Bevorzugung und Auswahl von
    bereits gebildetem psychischem Material in den Traumgedanken. Es
    giebt nun einen Fall, in dem ihr die Arbeit, an den Traum gleichsam
    eine Façade anzubauen, zum grösseren Theil dadurch erspart bleibt,
    dass im Materiale der Traumgedanken ein solches Gebilde, seiner Ver-
    wendung harrend, bereits fertig vorgefunden wird. Das Element der
    Traumgedanken, das ich im Auge habe, pflege ich als „Phantasie“
    zu bezeichnen; ich gehe vielleicht Missverständnissen aus dem Wege,
    wenn ich sofort als das Analoge aus dem Wachleben den Tagtraum
    namhaft mache.*) Die Rolle dieses Elementes in unserem Seelenleben ist
    von den Psychiatern noch nicht erschöpfend erkannt und aufgedeckt
    worden; M. Benedikt hat mit dessen Würdigung einen, mir wie scheint,
    vielversprechenden Anfang gemacht. Dem unbeirrten Scharfblick der
    Dichter ist die Bedeutung des Tagtraumes nicht entgangen; allge-
    mein bekannt ist die Schilderung, die A. Daudet im Nabob von
    den Tagträumen einer der Nebenfiguren des Romanes entwirft. Das
    Studium der Psychoneurosen führt zur überraschenden Erkenntnis,
    dass diese Phantasien oder Tagträume die nächsten Vorstufen der
    hysterischen Symptome – wenigstens einer ganzen Reihe von ihnen
    – sind; nicht an den Erinnerungen selbst, sondern an den auf
    Grund der Erinnerungen aufgebauten Phantasien hängen erst die
    hysterischen Symptome. Das häufige Vorkommen bewusster Tages-
    phantasien bringt diese Bildungen unserer Kenntnis nahe; wie es
    aber bewusste solche Phantasien gibt, so kommen überreichlich un-

    *)Rêve, petit roman – day-dream, story.

  • S.

    289

    bewusste vor, die wegen ihres Inhaltes und ihrer Abkunft vom ver-
    drängten Material unbewusst bleiben müssen. Eine eingehendere
    Vertiefung in die Charaktere dieser Tagesphantasien lehrt uns, mit wie
    gutem Rechte diesen Bildungen derselbe Name zugefallen ist, den
    unsere nächtlichen Denkproduktionen tragen, der Name Träume. Sie
    haben einen wesentlichen Theil ihrer Eigenschaften mit den Nacht-
    träumen gemein; ihre Untersuchung hätte uns eigentlich den nächsten
    und besten Zugang zum Verständnis der Nachtträume eröffnen können.
    Wie die Träume sind sie Wunscherfüllungen; wie die Träume
    basiren sie zum guten Theil auf den Eindrücken infantiler Erleb-
    nisse; wie die Träume erfreuen sie sich eines gewissen Nachlasses
    der Censur für ihre Schöpfungen. Wenn man ihrem Aufbau nach-
    spürt, so wird man inne, wie das Wunschmotiv, das sich in ihrer
    Production bethätigt, das Material, aus dem sie gebaut sind,
    durcheinander geworfen, umgeordnet und zu einem neuen Ganzen
    zusammengefügt hat. Sie stehen zu den Kindheitserinnerungen auf
    die sie zurückgehen, etwa in demselben Verhältnis, wie manche
    Barockpaläste Rom’s zu den antiken Ruinen, deren Quadern und Säulen
    das Material für den Bau in moderneren Formen hergegeben haben.
    In der „secundären Bearbeitung“, die wir unserem vierten
    traumbildenden Moment gegen den Trauminhalt zugeschrieben haben,
    finden wir dieselbe Thätigkeit wieder, die sich bei der Schöpfung
    der Tagträume ungehemmt von anderen Einflüssen äussern darf.
    Wir könnten ohne Weiteres sagen, dies unser viertes Moment sucht aus
    dem ihm dargebotenen Material etwas wie einen Tagtraum zu
    gestalten. Wo aber ein solcher Tagtraum bereits im Zusammenhange
    des Traumgedanken gebildet ist, da wird dieser Factor der Traum-
    arbeit sich seiner mit Vorliebe bemächtigen und dahin wirken, dass
    er in den Trauminhalt gelange. Es gibt solche Träume, die nur in
    der Wiederholung einer Tagesphantasie, einer vielleicht unbewusst
    gebliebenen, bestehen, so z. B. der Traum des Knaben, dass er mit
    den Helden des trojanischen Krieges im Streitwagen fährt. In meinem
    Traume „Autodidasker“ ist wenigstens das zweite Traumstück die
    getreue Wiederholung einer an sich harmlosen Tagesphantasie über
    meinen Verkehr mit dem Professor N. Es rührt aus der Compli-
    cation der Bedingungen her, denen der Traum bei seinem Entstehen zu
    genügen hat, dass häufiger die vorgefundene Phantasie nur ein Stück
    des Traumes bildet, oder dass nur ein Stück von ihr zum Traum-
    inhalt hin durchdringt. Im Ganzen wird dann die Phantasie be-
    handelt wie jeder andere Bestandtheil des latenten Materiales; sie ist
    aber oft im Traume noch als Ganzes kenntlich. In meinen Träumen
    kommen oft Partien vor, die sich durch einen von den übrigen ver-
    schiedenen Eindruck hervorheben. Sie erscheinen mir wie fliessend,
    besser zusammenhängend und dabei flüchtiger als andere Stücke
    desselben Traumes; ich weiss, dies sind unbewusste Phantasien, die
    im Zusammenhange in den Traum gelangen, aber ich habe es nie
     

  • S.

    290

    erreicht, eine solche Phantasie zu fixiren. Im Uebrigen werden
    diese Phantasien wie alle anderen Bestandtheile der Traumgedanken
    zusammengeschoben, verdichtet, die eine durch die andere über
    lagert u. dgl.; es gibt aber Uebergänge von dem Falle, wo sie fast
    unverändert den Trauminhalt oder wenigstens die Traumfaçade bilden
    dürfen, bis zu dem entgegengesetzten Fall, wo sie nur durch eines
    ihrer Elemente oder eine entfernte Anspielung an ein solches im
    Trauminhalt vertreten sind. Es bleibt offenbar auch für das Schicksal
    der Phantasien in den Traumgedanken massgebend, welche Vortheile
    sie gegen die Ansprüche der Censur und des Verdichtungszwanges
    zu bieten vermögen.

    Bei meiner Auswahl von Beispielen für die Traumdeutung bin ich
    Träumen, in denen unbewusste Phantasien eine erheblichere Rolle
    spielen, möglichst ausgewichen, weil die Einführung dieses psychischen
    Elementes weitläufige Erörterungen aus der Psychologie des unbe-
    wussten Denkens erfordert hätte. Gänzlich umgehen kann ich
    jedoch die „Phantasie“ auch in diesem Zusammenhange nicht, da
    sie häufig voll in den Traum gelangt und noch häufiger deutlich
    durch ihn durchschimmert. Ich will etwa noch einen Traum an-
    führen, der aus zwei verschiedenen, gegensätzlichen und einander
    an einzelnen Stellen deckenden, Phantasien zusammengesetzt erscheint,
    von denen die eine die oberflächliche ist, die andere gleichsam zur
    Deutung der ersteren wird.

    Der Traum lautet – es ist der einzige, über den ich keine
    sorgfältigen Aufzeichnungen besitze – ungefähr so: Der Träumer
    – ein unverheiratheter junger Mann – sitzt in seinem, richtig ge-
    sehenen, Stammwirthshause; da erscheinen mehrere Personen, ihn
    abzuholen, darunter eine, die ihn verhaften will. Er sagt zu seinen
    Tischgenossen: Ich zahle später, ich komme wieder zurück. Aber
    die rufen hohnlächelnd: Das kennen wir schon, das sagt ein Jeder.
    Ein Gast ruft ihm noch nach: Da geht wieder einer dahin. Er wird
    dann in ein enges Local geführt, wo er eine Frauensperson mit
    einem Kinde auf dem Arm findet. Einer seiner Begleiter sagt: Das
    ist der Herr Müller. Ein Commissär, oder sonst eine Amtsperson,
    blättert in einem Packe von Zetteln oder Schriften und wiederholt
    dabei: Müller, Müller, Müller. Endlich stellt er an ihn eine Frage,
    die er mit Ja beantwortet. Er sieht sich dann nach der Frauens-
    person um und merkt, dass sie einen grossen Bart bekommen hat.
    Die beiden Bestandtheile sind hier leicht zu sondern. Das Ober-
    flächliche ist eine Verhaftungsphantasie, sie scheint uns von der
    Traumarbeit neu gebildet. Dahinter aber wird als das Material, das
    von der Traumarbeit eine leichte Umformung erfahren hat, die Phan-
    tasie der Verheirathung, sichtbar, und die Züge, die beiden ge-
    meinsam sein können, treten wieder wie bei einer Galton’schen
    Mischphotographie besonders deutlich hervor. Das Versprechen des
    bisherigen Junggesellen, seinen Platz am Stammtische wieder aufzu-

  • S.

    291

    suchen, der Unglaube der durch viele Erfahrungen gewitzigten
    Kneipgenossen, der Nachruf: Da geht (heirathet) wieder einer dahin,
    das sind auch für die andere Deutung leicht verständliche Züge.
    Ebenso das Jawort, das man der Amtsperson gibt. Das Blättern in
    einem Stoß von Papieren, wobei man denselben Namen wiederholt,
    entspricht einem untergeordneten, aber gut kenntlichen Zug aus den
    Hochzeitsfeierlichkeiten, dem Vorlesen der stoßweise angelangten
    Glückwunschtelegramme, die ja alle auf denselben Namen lauten.
    In dem persönlichen Auftreten der Braut in diesem Traum hat sogar
    die Heirathsphantasie den Sieg über die sie deckende Verhaftungs-
    phantasie davongetragen. Dass diese Braut am Ende einen Bart
    zur Schau trägt, konnte ich durch eine Erkundigung – zu einer
    Analyse kam es nicht – aufklären. Der Träumer war Tags vorher
    mit einem Freunde, der ebenso ehefeindlich ist wie er, über die
    Strasse gegangen und hatte diesen Freund auf eine brünette Schön-
    heit aufmerksam gemacht, die ihnen entgegen kam. Der Freund
    aber hatte bemerkt: Ja, wenn diese Frauen nur nicht mit den Jahren
    Bärte bekämen wie ihre Väter.

    Natürlich fehlt es auch in diesem Traume nicht an Elementen,
    bei denen die Traumstellung tiefer gehende Arbeit verrichtet hat.
    So mag die Rede: „Ich werde später zahlen“ auf das zu befürchtende
    Benehmen des Schwiegervaters in Betreff der Mitgift zielen. Offenbar
    halten den Träumer allerlei Bedenken ab, sich mit Wohlgefallen
    der Heirathsphantasie hinzugeben. Eines dieser Bedenken, dass man
    mit der Heirath seine Freiheit verliert, hat sich in der Umwandlung
    zu einer Verhaftungsscene verkörpert.

    Wenn wir nochmals darauf zurückkommen wollen, dass die
    Traumarbeit sich gerne einer fertig vorgefundenen Phantasie bedient,
    anstatt eine solche aus dem Material der Traumgedanken erst zu
    sammenzusetzen, so lösen wir mit dieser Einsicht vielleicht eines
    der interessantesten Räthsel des Traumes. Ich habe auf Seite 17
    den Traum von Maury48) erzählt, der von einem Brettchen im Genick
    getroffen mit einem langen Traum, einem completen Roman aus den
    Zeiten der großen Revolution, erwacht. Da der Traum für zusam-
    menhängend ausgegeben wird und ganz auf die Erklärung des Weck-
    reizes angelegt ist, von dessen Eintreffen der Schläfer nichts ahnen
    konnte, so scheint nur die eine Annahme übrig zu bleiben, dass der
    ganze reiche Traum in dem kurzen Zeitraume zwischen dem Auf fallen
    des Brettes auf Maury’s Halswirbel und seinem durch diesen Schlag
    erzwungenen Erwachen componirt worden und stattgefunden haben
    muss. Wir würden uns nicht getrauen, der Denkarbeit im Wachen
    eine solche Raschheit zuzuschreiben, und gelangten so dazu, der
    Traumarbeit eine bemerkenswerthe Beschleunigung des Ablaufes als
    Vorrecht zuzugestehen.

    Gegen diese rasch populär gewordene Folgerung haben neuere
    Autoren (Le Lorrain45), Egger20) u. A.) lebhaften Einspruch er-

    19*

  • S.

    292

    hoben. Sie zweifeln theils die Exactheit des Traumberichtes von Seiten
    Maury’s an, theils versuchen sie darzuthun, dass die Raschheit unserer
    wachen Denkleistungen nicht hinter dem zurückbleibt, was man der
    Traumleistung ungeschmälert lassen kann. Die Discussion rollt prin-
    cipielle Fragen auf, deren Erledigung mir nicht nahe bevorzustehen
    scheint. Ich muss aber bekennen, dass die Argumentation, z. B.
    Egger’s, gerade gegen den Guillotinentraum Maury’s mir keinen
    überzeugenden Eindruck gemacht hat. Ich würde folgende Erklärung
    dieses Traumes vorschlagen: Wie, es denn so sehr unwahrscheinlich,
    dass der Traum Maury’s eine Phantasie darstellt, die in seinem Ge-
    dächtnis seit Jahren fertig aufbewahrt war und in dem Momente geweckt
    – ich möchte sagen: angespielt – wurde, da er den Weckreiz erkannte?
    Es entfällt dann zunächst die ganze Schwierigkeit, eine so lange
    Geschichte mit all ihren Einzelheiten in dem überaus kurzen Zeit-
    raum, der hier dem Träumer zur Verfügung steht, zu componiren;
    sie ist bereits componirt. Hätte das Holz Maury’s Nacken im Wachen
    getroffen, so wäre etwa Raum für den Gedanken gewesen: Das ist
    ja gerade so, als ob man guillotinirt würde. Da er aber im Schlaf
    von dem Brette getroffen wird, so benützt die Traumarbeit den an-
    langenden Reiz rasch zur Herstellung einer Wunscherfüllung, als
    ob sie denken würde (dies ist durchaus figürlich zu nehmen): „Jetzt
    ist eine gute Gelegenheit, die Wunschphantasie wahr zu machen,
    die ich mir zu der und der Zeit bei der Lectüre gebildet habe.“
    Dass der geträumte Roman gerade ein solcher ist, wie ihn der Jüngling
    unter mächtig erregenden Eindrücken zu bilden pflegt, scheint mir nicht
    bestreitbar. Wer hätte sich nicht gefesselt gefühlt – und zumal als Fran-
    zose und Culturhistoriker – durch die Schilderungen aus der Zeit des
    Schreckens, in der der Adel, Männer und Frauen, die Blüthe der
    Nation, zeigte, wie man mit heiterer Seele sterben kann, die Frische
    ihres Witzes und die Feinheit ihrer Lebensformen bis zur verhängnis-
    vollen Abberufung festhielt? Wie verlockend, sich da mitten hinein
    zu phantasiren als einer der jungen Männer, die sich mit einem Hand-
    kuss von der Dame verabschieden, um unerschrocken das Gerüst zu
    besteigen! Oder wenn der Ehrgeiz das Hauptmotiv des Phantasirens
    gewesen ist, sich in eine jener gewaltigen Individualitäten zu ver-
    setzen, die nur durch die Macht ihrer Gedanken und ihrer flam-
    menden Beredsamkeit die Stadt beherrschen, in der damals das Herz
    der Menschheit krampfhaft schlägt, die Tausende von Menschen aus
    Ueberzeugung in den Tod schicken und die Umwandlung Europa’s
    anbahnen, dabei selbst ihrer Häupter nicht sicher sind, und sie eines
    Tages unter das Messer der Guillotine legen, etwa in die Rolle der
    Girondisten oder des Heros Danton? Dass die Phantasie Maury’s
    eine solche ehrgeizige gewesen ist, darauf scheint der in der Er-
    innerung erhaltene Zug hinzuweisen „von einer unübersehbaren
    Menschenmenge begleitet“.
    Diese ganze seit langem fertige Phantasie braucht aber während
    des Schlafes auch nicht durchgemacht zu werden; es genügt, wenn

  • S.

    293

    sie sozusagen „angetupft“ wird. Ich meine das folgendermaßen:
    Wenn ein paar Takte angeschlagen werden und jemand wie im Don
    Juan dazu sagt: Das ist aus Figaro’s Hochzeit von Mozart, so
    wogt es in mir mit einem Male von Erinnerungen, aus denen sich
    im nächsten Moment nichts Einzelnes zum Bewusstsein erheben kann.
    Das Schlagwort dient als Einbruchsstation, von der aus ein Ganzes
    gleichzeitig in Erregung versetzt wird. Nicht anders brauchte es
    im unbewussten Denken zu sein. Durch den Weckreiz wird die
    psychische Station erregt, die den Zugang zur ganzen Guillotinen-
    phantasie eröffnet. Diese wird aber nicht noch im Schlaf durchlaufen,
    sondern erst in der Erinnerung des Erwachten. Erwacht, erinnert
    man jetzt in ihren Einzelheiten die Phantasie, an die als Ganzes im
    Traum gerührt wurde. Man hat dabei kein Mittel zur Versicherung,
    dass man wirklich etwas Geträumtes erinnert. Man kann dieselbe
    Erklärung, dass es sich um fertige Phantasien handelt, die durch
    den Weckreiz als Ganzes in Erregung gebracht werden, noch für
    andere auf den Weckreiz eingestellte Träume verwenden, z. B. für den
    Schlachtentraum Napoleon’s vor der Explosion der Höllenmaschine.
    Ich will nicht behaupten, dass alle Weckträume diese Erklärung zu-
    lassen, oder dass das Problem des beschleunigten Vorstellungsablaufes
    im Traume auf diese Weise überhaupt wegzuräumen ist.

    Es ist unvermeidlich, dass man sich hier um das Verhältnis
    dieser secundären Bearbeitung des Trauminhaltes zu den übrigen
    Factoren der Traumarbeit bekümmere. Geht es etwa so vor sich,
    dass die traumbildenden Factoren, das Verdichtungsbestreben, der
    Zwang der Censur auszuweichen und die Rücksicht auf Dar-
    stellbarkeit in den psychischen Mitteln des Traumes vorerst aus
    dem Material einen vorläufigen Trauminhalt bilden, und das dieser
    dann nachträglich umgeformt wird, bis er den Ansprüchen einer
    zweiten Instanz möglichst genügt? Dies ist kaum wahrscheinlich.
    Man muss eher annehmen, dass die Anforderungen dieser Instanz
    von allem Anfange an eine der Bedingungen abgeben, denen der
    Traum genügen soll, und dass diese Bedingung ebenso wie die der
    Verdichtung, der Widerstandscensur und der Darstellbarkeit gleich-
    zeitig auf das grosse Material der Traumgedanken inducirend und
    auswählend einwirken. Unter den vier Bedingungen der Traumbil-
    dung ist aber die letzterkannte jedenfalls die, deren Anforderungen
    für den Traum am wenigsten zwingend erscheinen. Die Identifi-
    cirung dieser psychischen Function, welche die sogenannte secun-
    däre Bearbeitung des Trauminhaltes vornimmt, mit der Arbeit un-
    seres wachen Denkens ergibt sich mit hoher Wahrscheinlichkeit
    aus folgender Erwägung: Unser waches (vorbewusstes) Denken be-
    nimmt sich gegen ein beliebiges Wahrnehmungsmaterial ganz ebenso
    wie die in Frage stehende Function gegen den Trauminhalt. Es
    ist ihm natürlich, in einem solchen Material Ordnung zu schaffen,
    Relationen herzustellen, es unter die Erwartung eines intelligibeln

  • S.

    294

    Zusammenhanges zu bringen. Wir gehen darin eher zu weit; die
    Kunststücke der Taschenspieler äffen uns, indem sie sich auf diese
    unsere intellectuelle Gewohnheit stützen. In dem Bestreben, die ge-
    botenen Sinneseindrücke verständlich zusammen zu setzen, begehen
    wir oft die seltsamsten Irrthümer oder fälschen selbst die Wahrheit
    des uns vorliegenden Materiales. Die hieher gehörigen Beweise sind
    zu sehr allgemein bekannt, um breiter Anführung zu bedürfen. Wir
    lesen über sinnstörende Druckfehler hinweg, indem wir das Richtige
    illusioniren. Ein Redacteur eines vielgelesenen französischen Journals
    soll die Wette gewagt haben, er werde in jeden Satz eines langen
    Artikels durch den Druck einschalten lassen, „von vorne“ oder „von
    hinten“, ohne dass einer der Leser es bemerken würde. Er gewann
    die Wette. Ein komisches Beispiel von falschem Zusammenhange
    ist mir vor Jahren bei der Zeitungslectüre aufgefallen. Nach jener
    Sitzung der französischen Kammer, in welcher Dupuy durch das
    beherzte Wort: La séance continue den Schreck über das Platzen
    der von einem Anarchisten in den Saal geworfenen Bombe aufhob,
    wurden die Besucher der Galerie als Zeugen über ihre Eindrücke
    von dem Attentat vernommen. Unter ihnen befanden sich zwei
    Leute aus der Provinz, deren einer erzählte, unmittelbar nach Schluss
    einer Rede habe er wohl eine Detonation vernommen, aber gemeint,
    es sei im Parlament Sitte, jedesmal wenn ein Redner geendigt, einen
    Schuss abzufeuern. Der Andere, der wahrscheinlich schon mehrere
    Redner angehört hatte, war in dasselbe Urtheil verfallen, jedoch mit
    der Abänderung, dass solches Schiessen eine Anerkennung sei, die
    nur nach besonders gelungenen Reden erfolge.

    Es ist also wohl keine andere psychische Instanz als unser
    normales Denken, welche an den Trauminhalt mit dem Anspruch
    herantritt, er müsse verständlich sein, ihn einer ersten Deutung
    unterzieht und dadurch das volle Missverständnis desselben herbeiführt.
    Für unsere Deutung bleibt es Vorschrift, den scheinbaren Zusammen-
    hang im Traum, als seiner Herkunft nach verdächtig, in allen Fällen
    unbeachtet zu lassen und vom Klaren wie vom Verworrenen den
    gleichen Weg des Rückganges zum Traummaterial einzuschlagen.

    Wir merken aber dabei, wovon die oben, Seite 226, erwähnte
    Qualitätenscala der Träume von der Verworrenheit bis zur Klarheit
    wesentlich abhängt. Klar erscheinen uns jene Traumpartien, an
    denen die secundäre Bearbeitung etwas ausrichten konnte, verworren
    jene anderen, wo die Kraft dieser Leistung versagt hat. Da die ver-
    worrenen Traumpartien so häufig auch die minder lebhaft ausgeprägten
    sind, so dürfen wir den Schluss ziehen, dass die secundäre Traum-
    arbeit auch für einen Beitrag zur plastischen Intensität der einzelnen
    Traumgebilde verantwortlich zu machen ist.

    Soll ich für die definitive Gestaltung des Traumes, wie sie sich
    unter der Mitwirkung des normalen Denkens ergibt, irgendwo ein
    Vergleichsobject suchen, so bietet sich mir kein anderes als jene

  • S.

    295

    räthselhaften Inschriften, mit denen die „Fliegenden Blätter“ so lange
    ihre Leser unterhalten haben. Für einen gewissen Satz, des Contr-
    astes halber dem Dialect angehörig und von möglichst scurril-
    er Bedeutung, soll die Erwartung erweckt werden, dass er eine lateinische Inschrift
    enthalte. Zu diesem Zwecke werden die Buchstabenelemente der
    Worte aus ihrer Zusammenfügung zu Silben gerissen und neu an-
    geordnet. Hie und da kommt ein echt lateinisches Wort zu Stande,
    an anderen Stellen glauben wir Abkürzungen solcher Worte vor uns
    zu haben, und an noch anderen Stellen der Inschrift lassen wir uns
    mit dem Anscheine von verwitterten Partien oder von Lücken der
    Inschrift über die Sinnlosigkeit der vereinzelt stehenden Buchstaben
    hinwegtäuschen. Wenn wir dem Scherze nicht aufsitzen wollen,
    müssen wir uns über alle Requisite einer Inschrift hinwegsetzen, die
    Buchstaben in’s Auge fassen und sie unbekümmert um die gebotene
    Anordnung zu Worten unserer Muttersprache zusammensetzen.

    Ich gehe nun daran, diese ausgedehnten Erörterungen über die
    Traumarbeit zu resumiren. Wir fanden die Fragestellung vor, ob
    die Seele alle ihre Fähigkeiten in ungehemmter Entfaltung an die
    Traumbildung verwende, oder nur einen in seiner Leistung gehemmten
    Bruchtheil derselben. Unsere Untersuchungen leiten uns dazu, solche
    Fragestellung überhaupt als den Verhältnissen inadäquat zu ver-
    werfen. Sollen wir aber bei der Antwort auf demselben Boden
    bleiben, auf den uns die Frage drängt, so müssen wir beide, ein
    ander scheinbar durch Gegensatz ausschliessenden, Auffassungen be-
    jahen. Die seelische Arbeit bei der Traumbildung zerlegt sich in
    zwei Leistungen: die Herstellung der Traumgedanken und die Um-
    wandlung derselben zum Trauminhalt. Die Traumgedanken sind
    völlig correct und mit allem psychischen Aufwand, dessen wir fähig
    sind, gebildet; sie gehören unserem nicht bewusst gewordenen Denken
    an, aus dem durch eine gewisse Umsetzung auch die bewussten Ge-
    danken hervorgehen. So viel an ihnen auch wissenswerth und
    räthselhaft sein möge, diese Räthsel haben doch keine besondere Be-
    ziehung zum Traume und verdienen nicht, unter den Traumproblemen
    behandelt zu werden. Hingegen ist jenes andere Stück Arbeit,
    welches die unbewussten Gedanken in den Trauminhalt verwandelt,
    dem Traumleben eigenthümlich und für dasselbe charakteristisch.
    Diese eigentliche Traumarbeit entfernt sich nun von dem Vorbild
    des wachen Denkens viel weiter, als selbst die entschiedensten Ver-
    kleinerer der psychischen Leistung bei der Traumbildung gemeint
    haben. Sie ist nicht etwa nachlässiger, incorrecter, vergesslicher,
    unvollständiger als das wache Denken; sie ist etwas davon qualitativ
    völlig Verschiedenes und darum zunächst nicht mit ihm vergleichbar.
    Sie denkt, rechnet, urtheilt überhaupt nicht, sondern sie beschränkt
    sich darauf, umzuformen. Sie lässt sich erschöpfend beschreiben,
    wenn man die Bedingungen in’s Auge fasst, denen ihr Erzeugnis zu
    genügen hat. Dieses Product, der Traum, soll vor Allem der Censur

  • S.

    296

    entzogen werden und zu diesem Zwecke bedient sich die Traumarbeit
    der Verschiebung der psychischen Intensitäten bis zur
    Umwerthung aller psychischen Werthe; es sollen Gedanken aus-
    schliesslich oder vorwiegend in dem Material visueller und akustischer
    Erinnerungsspuren wiedergegeben werden, und aus dieser Anforderung
    erwächst für die Traumarbeit die Rücksicht auf Darstellbar-
    keit, der sie durch neue Verschiebungen entspricht. Es sollen
    (wahrscheinlich) grössere Intensitäten hergestellt werden, als in den
    Traumgedanken natürlich zur Verfügung stehen, und diesem Zwecke
    dient die ausgiebige Verdichtung, die mit den Bestandtheilen der
    Traumgedanken vorgenommen werden. Auf die logischen Relationen
    des Gedankenmateriales entfällt wenig Rücksicht; sie finden schliesslich
    in formalen Eigenthümlichkeiten der Träume eine versteckte Dar-
    stellung. Die Affecte der Traumgedanken unterliegen geringeren
    Veränderungen als deren Vorstellungsinhalt. Sie werden in der
    Regel unterdrückt; wo sie erhalten bleiben, von den Vorstellungen
    abgelöst und nach ihrer Gleichartigkeit zusammengesetzt. Nur ein
    Stück der Traumarbeit, die in ihrem Ausmass inconstante Ueber-
    arbeitung durch das zum Theil geweckte Wachdenken, fügt sich etwa
    der Auffassung, welche die Autoren für die gesammte Thätigkeit
    der Traumbildung geltend machen wollten.