Der Socialismus 1880-081/1880

Mill, John Stuart (1880-081/1880): Der Socialismus

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    D.C. Muner, Coyiaenzuur.
     

    Der Socialismus. *)
    Einleitung.
     

    In dem gewaltigen Gemeinwesen jenseits des atlantischen
    Oceans, welches das mächtigste Land der Erde nahezu schon ist
    und in Bälde unzweifelhaft sein wird, herrscht das allgemeine
    Männer Stimmrecht. Auf demselben Grunde ruht, seit 1848,
    das politische Leben Frankreichs und nunmehr auch des deutschen
    Bundesstaates, wenngleich nicht aller Einzelstaaten Deutschlands.
    In Großbritannien ist die Ausdehnung des Stimmrechts noch nicht
    ganz so weit gediehen; aber die legte Reformacte hat für einen
    großen Theil derjenigen, die von Wochenlohn leben, die Schranken
    der Verfassung so weit geöffnet, daß sie, sobald und so oft sie als
    ein einheitliches Ganzes aufzutreten und die ihnen eingeräumte
    Macht für ein gemeinsames Ziel aufzubieten gewillt sind, die
    Gesetzgebung, wenn auch nicht völlig beherrschen, so doch wesentlich
    beeinflussen müssen. Gerade diese Leute sind es nun, von denen
    die höheren Stände zu sagen pflegen, daß ihnen am Wohlergehen
    des Landes nichts gelegen sei, weil sie dabei nichts zu verlieren
    haben. In Wahrheit haben sie jedoch selbstverständlicher Weise
    dabei am meisten zu verlieren, da ihr tägliches Brod von dem
    Gedeihen des Landes abhängt. Nur das ist richtig, daß sie durch
    fein eigenes Sonder-Interesse dafür eingenommen wir dürfen
    vielleicht sagen, bestochen sind, für die Erhaltung des Eigenthums
    in seiner gegenwärtigen Gestalt, oder gar für die Erhaltung der
    Ungleichheiten in der Vertheilung des Eigenthums einzustehen.
    Soweit ihre Macht jetzt reicht oder späterhin reichen mag, werden
    die das Eigenthumsverhältniß regelnden Geseze ihre Stütze in
     

    *) Fortnightly Review, Februar-April 1879. Es sind dieß
    Bruchstücke eines im Jahre 1869 begonnenen, nicht über den ersten Entwurf
    hinaus gediehenen Werfes, welche Miß Helen Taylor, des Verfassers Stief=
    tochter, trotz ihrer augenfälligen Unfertigkeit der Welt nicht vorenthalten
    wollte und deren Aufnahme in diese Sammlung uns von derselben gütigst
    gestattet ward.]
     

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    Der Socialismus.
     

    Erwägungen allgemeiner Natur, in dem Urtheil über die Zweck-
    dienlichkeit derselben für das allgemeine Beste, nicht in rein
    persönlichen Beweggründen der herrschenden Classen zu suchen haben.
     

    Es scheint mir, daß die Bedeutung dieses Umschwungs noch
    keineswegs vollständig gewürdigt worden ist, weder von denen,
    welche unsere lette Verfassungsreform durchgeführt, noch von
    Jenen, welche sich ihr widersetzt haben. Die Wahrheit zu sagen:
    der Scharfblick der Engländer für die Tragweite politischer
    Neuerungen hat sich in letzter Zeit einigermaßen abgeſtumpft. Sie
    haben viele Neuerungen mit angesehen, welche, so lange sie noch
    in Aussicht standen, zu großen Erwartungen guter sowohl als
    schlimmer Art Anlaß gaben, während der wirkliche Erfolg in
    dem einen wie in dem anderen Betracht hinter jenen Voraus=
    sagungen weit zurück blieb. Dieß hat eine Vorstellung von der
    Art erzeugt, als läge es in der Natur politischer Neuerungen,
    die an sie geknüpften Erwartungen nicht zu erfüllen, und man ist,
    ohne sich davon genaue Rechenschaft zu geben, in den Glauben
    verfallen, daß solche Neuerungen, wenn sie ohne eine gewaltsame
    Revolution erfolgen, den gewöhnlichen Lauf der Dinge nicht
    erheblich oder dauernd zu verändern vermögen. Diese Auffassung
    beruht jedoch auf einer oberflächlichen Beurtheilung der Vergangen-
    heit sowohl als der Zukunft. Die mannigfachen Reformen der letzten
    zwei Generationen sind an schwerwiegenden Folgen mindestens so
    fruchtbar gewesen, wie man vorhergesagt hatte. Die Voraus-
    sagen waren allerdings oft irrig in Bezug auf die Raschheit,
    mit der diese Erfolge eintraten, und selbst mitunter in Bezug auf
    deren Natur. Wir belächeln jetzt die eiteln Erwartungen der
    jenigen, die da meinten, daß die Emancipation der Katholiken
    Irland beruhigen oder mit der englischen Herrschaft aussöhnen
    werde. Als die ersten zehn Jahre nach der Reformacte von 1832
    verstrichen waren, hielten Wenige mehr die Meinung aufrecht, daß
    dieselbe alle bedeutenden praktischen Uebelstände beseitigen würde,
    oder daß sie dem allgemeinen Stimmrecht das Thor geöffnet
    hätte. Aber die weiteren fünf und zwanzig Jahre ihrer Wirksam-
    feit haben ihren mittelbaren Ergebnissen, welche weit gewichtiger
    find als ihre unmittelbaren Folgen, zu einer reichen Entfaltung
    verholfen. Plötzliche Wirkungen find im geschichtlichen Leben gewöhn-
    lich von oberflächlicher Art. Ursachen, welche tief in die Wurzeln
    fünftiger Ereignisse eindringen, bringen den bedeutendsten Theil
    ihrer Wirkung nur allmählich hervor und haben daher Zeit, mit
    der gewohnten Ordnung der Dinge zu verschmelzen, ehe die all-
    gemeine Aufmerksamkeit sich auf die Veränderungen lenkt, die sie
     

    Mill, ges. Werke. XII.
     

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    hervorrufen. Daher sind zur Zeit, da die bewirkten Veränderungen
    flar zu Tage liegen, oberflächliche Beobachter oft nicht mehr im
    Stande deren Verknüpfung mit der Ursache zu erkennen. Die
    entfernteren Folgen einer neuen politischen Thatsache werden selten
    als solche erkannt und richtig beurtheilt, ausgenommen in dem Falle,
    wenn sie schon vorher in's Auge gefaßt worden sind.
     

    Diese rechtzeitige Würdigung wird uns besonders leicht in
    Betreff der Tragweite der Wandlung, welche die Reformacte von
    1867 in unseren Einrichtungen hervorgebracht hat. Der große
    Machtzuwachs, welchen diese Erweiterung des Wahlrechts den
    arbeitenden Classen gewährt hat, ist von dauernder Art; die Um-
    stände, welche dieselben bisher veranlaßt haben, von dieser Macht
    einen sehr beschränkten Gebrauch zu machen, sind ihrer Natur
    nach nur von zeitweiliger Geltung. Selbst der unaufmerkſamſte
    Beobachter muß wissen, daß die arbeitenden Classen politische
    Ziele besitzen und voraussichtlich auch besitzen werden, die ihnen
    in ihrer Eigenschaft als Arbeiter am Herzen liegen, und in Bezug
    auf welche sie mit Recht oder Unrecht glauben, daß die
    Interessen und Ansichten der anderen mächtigen Classen den ihrigen
    zuwiderlaufen. So sehr sie auch für den Augenblick in der Ver-
    folgung dieser Ziele durch den Mangel einer politischen Organisa-
    tion, durch innere Zwistigkeiten oder durch den Umstand aufgehalten
    sein mögen, daß sie bisher ihre Wünsche in keine hinreichend be-
    stimmte praktische Form gekleidet haben, so ist es doch so gewiß,
    als irgend etwas in politischen Dingen sein kann, daß sie binnen
    furzer Zeit Mittel und Wege finden werden, ihre gesammte
    Macht als Wähler in wirksamer Weise der Förderung ihrer ge-
    meinsamen Ziele dienstbar zu machen. Und wenn sie dieß thun,
    werden sie nicht in der planlosen und unzweckmäßigen Weise vor-
    gehen, wie sie Leute kennzeichnet, die den Mechanismus der
    Gesetze und der Verfassung nicht zu benützen verstehen; auch
    werden sie dabei nicht blos einem rohen nivellirenden Triebe ge=
    horchen. Die Presse, das Vereins- und Versammlungswesen, und
    die Entsendung einer möglichst großen Anzahl von Männern in's
    Parlament, welche für die Bestrebungen der arbeitenden Classen
    in Pflicht genommen sind, -dieß sind die Werkzeuge, deren sie sich
    bedienen werden. Die politischen Zielpunkte selbst werden durch
    scharf ausgeprägte staatsrechtliche Lehren bestimmt werden; denn die
    politischen Fragen werden gegenwärtig vom Standpunkt der arbeiten-
    den Classen aus in wissenschaftlicher Weise behandelt, und Ansichten,
    welche zu Gunsten der besonderen Interessen diesen Classen auf-
    gestellt wurden, werden jetzt zu Systemen und Glaubenslehren
     

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    verarbeitet, welche, mit demselben Rechte wie die Lehren älterer
    Denker, einen Platz im Bereiche der Staatswissenschaft für
    sich in Anspruch nehmen. Es ist auf's dringendste zu wünschen,
    daß alle denkenden Menschen sich bei Zeiten die Frage vorlegen,
    wie diese volksthümlichen Glaubenssysteme wahrscheinlicher Weise
    beschaffen sein werden, und daß sie auf jeden einzelnen Artikel
    derselben das Licht der gründlichsten Untersuchung und Erörterung
    fallen lassen, damit, wenn der rechte Augenblick gekommen ist,
    alles Richtige an ihnen, wenn möglich, einmüthig angenommen,
    und alles unrichtige ebenso einmüthig verworfen werde, und damit
    ein feindlicher Zusammenstoß physischer oder auch nur mora-
    lischer Art - zwischen dem Alten und dem Neuen vermieden,
    und die besten Bestandtheile beider zu einem verjüngten Aufbau
    der Gesellschaft vereinigt werden können. Bei der Langsamkeit,
    mit welcher sich gewöhnlich solche große sociale Wandlungen, die
    nicht durch physische Gewalt herbeigeführt werden, vollziehen, haben
    wir noch einen Zeitraum von ungefähr einem Menschenalter vor
    uns, von dessen gehöriger Verwendung es abhängt, ob die An-
    passung der socialen Einrichtungen an den veränderten Zustand
    der menschlichen Gesellschaft das Werk weiser Voraussicht oder
    das Ergebniß des Widerstreites von einander entgegengesetzten
    Vorurtheilen werden soll. Die Zukunft des Menschengeschlechtes
    wird ernstlich bedroht sein, wenn man zugiebt, daß die Entschei
    dung so gewaltiger Fragen zwischen der unwissenden Neuerungs-
    sucht und dem unwissenden Widerstreben gegen jede Neuerung
    ausgefochten werde.
     

    Die Untersuchung aber, welche jetzt Noth thut, muß bis auf
    die allerobersten Principien der gegenwärtigen Gesellschaftsordnung
    zurückgehen, denn die fundamentalen Lehren, welche früheren
    Generationen als unbestreitbar galten, werden nunmehr in Zweifel
    gezogen. Bis auf unser Zeitalter ist die Institution des Eigen-
    thums in der Form, wie sie von Alters her auf uns gekommen
    ist, von Niemandem außer von einigen wenigen speculativen Denkern
    ernstlich in Frage gestellt worden; denn die Conflicte der Ver-
    gangenheit haben sich zwischen Classen abgespielt, welchen insge-
    sammt an der Erhaltung der bestehenden Eigenthumsordnung
    gelegen war. Damit ist es nun zu Ende. Wenn Classen eine
    Stimme bei der Erörterung haben, welche so viel wie gar kein
    Eigenthum besitzen, und welche an dieser Institution blos insoferne
    interessirt sind, als sie dem allgemeinen Wohle dient, werden
    diese niemals zugeben, daß irgend ein Princip als ausgemacht
    hingestellt werde, am wenigsten das des Privateigenthums,
     

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    dessen Rechtmäßigkeit und Ersprießlichkeit von vielen Denkern, die
    sich auf den Standpunkt der arbeitenden Classen stellen, bestritten
    wird. Diese Classen werden sicherlich verlangen, daß der Gegen-
    stand in allen seinen Theilen neuerdings von Grund aus erörtert
    werde, daß alle Vorschläge, diese Einrichtung zu beseitigen, und
    alle in Aussicht genommenen Modificationen derselben, welche ihrem
    Interesse günstig zu sein scheinen, die eingehendste Prüfung und
    Berücksichtigung erfahren, bevor man sich dafür entscheidet, daß es
    beim Alten sein Bewenden haben müsse. So weit England in
    Betracht kommt, haben die arbeitenden Classen bis jetzt nur gegen
    gewisse Außenwerke des Systems des Privateigenthums feindselige
    Gesinnungen gezeigt. Viele verlangen, daß das unbeschränkte
    Recht der Vertragschließung, welches eines der gewöhnlichen
    Attribute des Privateigenthums ist, für alle Fragen aufgehoben
    werde, die sich auf die Arbeitslöhne beziehen. Die anspruchs-
    volleren unter ihnen stellen in Abrede, daß der Boden ein
    geeigneter Gegenstand privater Aneignung sein könne, und haben
    eine Agitation für die Zurücknahme desselben durch den Staat in's
    Werk gesetzt. Dazu kommt die Anklage gegen den sogenannten
    ,,Wucher", welche einige der Agitatoren in ihren Kundgebungen
    erheben, ohne aber irgend genauer zu bestimmen, was sie darunter
    verstehen; auch scheint dieser Ruf nicht heimischen Ursprungs zu
    sein, sondern dem kürzlich durch die Arbeitercongresse und die
    Internationale mit den Socialisten des Continents angebahnten
    Verkehr zu entstammen; denn diese erklären sich gegen alle von
    Geld genommenen Zinsen und bestreiten die Rechtmäßigkeit
    jedes Einkommens, das in irgend welcher Form von Eigenthum
    allein, ohne Arbeit, abgeleitet ist. Es sind bis jetzt keine An-
    zeichen dafür vorhanden, daß diese Lehre in Großbritannien er-
    heblichen Anklang gefunden hätte, aber der Boden ist für die
    Aufnahme solcher Saat vortrefflich vorbereitet, und diese wird von
    jenen Ländern her weithin ausgestreut, in denen umfassende all-
    gemeine Theorien und vielverheißende Entwürfe nicht Mißtrauen
    erregen, sondern für die Popularität einer Bewegung unerläßlich
    sind. Ich denke dabei an Frankreich, Deutschland und die Schweiz,
    in welchen Ländern eigenthumsfeindliche Lehren im weitesten Sinne
    des Wortes eine beträchtliche Verbreitung in den Kreisen der Ar-
    beiter gefunden haben. Dort nennen sich fast alle diejenigen,
    welche eine Reform der Gesellschaft zu Gunsten der arbeitenden
    Claffen anstreben, Socialisten, eine Bezeichnung, unter welcher
    Bestrebungen von sehr verschiedener Natur zusammengefaßt und
    zusammengeworfen werden, welche aber doch zum mindesten die
     

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    Geneigtheit zu einer Umgestaltung des Privateigenthums in sich
    schließt, die in der Regel einer Abschaffung desselben nahekommt.
    Und man dürfte wahrscheinlich finden, daß selbst in England die
    hervorragenderen und eifrigeren Arbeiterführer gewöhnlich im
    Stillen Socialisten der einen oder der anderen Färbung sind,
    obgleich sie ihre praktischen Bemühungen näher liegenden zielen
    zuwenden und es zufrieden sind, mit ihren extremen Theorien so
    lange zurückzuhalten, bis dieselben Principien in kleinerem Maß-
    stabe erprobt sind; denn sie besißen, gleich den meisten am öffent-
    lichen Leben theilnehmenden Engländern, ein besseres Verständniß
    als ihre festländischen Genossen für die Unmöglichkeit, große und
    dauernde Wandlungen in den fundamentalen Ideen der Menschheit
    durch einen Handstreich zu bewirken. Se lange dieß der Charakter
    der englischen Arbeiter bleibt wie es der Charakter der Eng-
    länder im Allgemeinen ist - - steht nicht zu befürchten, daß sie
    blindlings auf die unbesonnenen Extravaganzen einiger auswärtiger
    Socialisten eingehen werden, welche selbst in der nüchternen
    Schweiz öffentlich ihre Geneigtheit aussprechen, mit dem
    bloßen Umsturz zu beginnen und den darauf folgenden Wiederauf-
    bau sich selbst zu überlassen; und unter Umsturz verstehen sie
    nicht blos die Vernichtung jedweder Art von Regierung, sondern
    desgleichen die Confiscation alles Eigenthums, welches den Händen
    der Besitzer entzogen und zum allgemeinen Besten verwendet
    werden soll. In welcher Weise aber dieses zu geschehen habe,
    darüber, so meinen sie, werde man späterhin eine Entscheidung
    treffen können.
     

    Es ist eines der merkwürdigsten Zeichen der Zeit, daß man
    solch einer Lehre in einer öffentlichen Zeitschrift, dem Organ einer
    Arbeiterverbindung (dem in Neufchâtel erscheinenden Blatt: „La
    Solidarité") begegnen kann. Bon den Führern der englischen
    Arbeiter deren Delegirte auf den Congressen von Genf und
    Basel zu dem Quantum von gesundem Wienschenverstand, welches
    daselbst anzutreffen war, weitaus die stärkste Beisteuer geliefert
    haben, steht es nicht zu erwarten, daß sie vorsätzlich mit der
    Anarchie beginnen werden, ohne sich eine Meinung darüber gebildet
    zu haben, welche neue Form der Gesellschaft an die Stelle der
    alten treten solle. Aber es ist klar, daß wir alle ihre etwaigen
    Vorschläge nur dann richtig würdigen und die Gründe unseres
    Urtheils nur dann in einer für die Masse des Volkes überzeugen-
    den Weise darlegen können, wenn wir zuvor die beiden gegnerischen
    Theorien die des Socialismus und die des Privateigen-
    thums durchmustert haben, da wir einer von beiden noth-
     

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    wendiger Weise die Mehrzahl der Prämissen für unsere Unter-
    suchung entnehmen müssen. Bevor wir daher mit Nutzen daran
    gehen können, diese Reihe von Fragen im Einzelnen zu erörtern,
    wird es räthlich sein, die allgemeineren Fragen, welche der Socia-
    lismus aufwirst, von Grund aus zu prüfen. Bei dieser Prüfung
    sollten wir uns von jedem feindseligen Vorurtheil fern halten.
    Denn als so unwiderleglich auch die Argumente zu Gunsten der
    Gesetze des Privateigenthums denen gelten mögen, in deren Augen
    fie den doppelten Zauber besitzen, welchen das unvordenkliche Her=
    kommen und das persönliche Interesse verleiht, so ist doch
    nichts natürlicher, als daß sie einem Arbeiter, welcher über poli-
    tische Dinge nachzudenken begonnen hat, in ganz anderem Lichte
    erscheinen. Nachdem die vom Glück minder begünstigten Classen
    von „volljährigen Männern" nach harten Kämpfen in einigen
    Ländern vollständig, in anderen nahezu die Grenze erreicht haben,
    über welche hinaus, wenigstens für sie, fein weiterer Fortschritt in
    Bezug auf rein politische Rechte möglich ist, sollten sie sich da
    nicht die Frage stellen, ob denn damit aller Fortschritt zu Ende
    sein müsse? Trotz alle dem, was für die Ausdehnung freiheitlicher
    Rechte bisher geschehen ist und voraussichtlich noch geschehen wird,
    giebt es doch eine kleine Minderzahl, die zu großem Reichthum
    geboren ist, während die Mehrzahl zu einer Dürftigkeit bestimmt
    ist, die durch den Contrast nur noch verschärft wird. Die große
    Mehrheit der Menschen ist zwar nicht mehr auf Grund der Gesetze
    gefnechtet oder in einem Zustand von Abhängigkeit erhalten, wohl aber
    auf Grund ihrer Armuth: sie sind immer noch an einen Ort, an eine
    Beschäftigung und an den beherrschenden Willen eines Arbeit-
    gebers gefettet; und der Zufall der Geburt schließt sie von den
    Genüssen sowohl als von den intellectuellen und moralischen Vor-
    theilen aus, welche Andere ohne eigene Anstrengung und unab-
    hängig von jedem Verdienste ererben. Mit Recht halten dieß die
    Armen für ein Uebel, kaum geringer als irgend eines, mit welchem
    die Menschheit bisher gerungen hat. Ist es ein nothwendiges Uebel?
    Dafür geben es diejenigen aus, welche es nicht fühlen, welche in
    der Lotterie des Lebens die großen Preise gewonnen haben. Aber
    auch die Sclaverei, der Despotismus, alle Vorrechte der Oligar-
    chie wurden für nothwendig erklärt. Alle die stufenweiſen Er-
    rungenschaften der ärmeren Classen, welche dieselben theils den
    edleren Gefühlen der Machthaber, theils ihrer Furcht verdanken,
    und zum Theil mit Geld erkauft oder als Gegenleistung für die
    Unterstützung erlangt haben, welche sie einem Theil der Mächtigen
    in seinen Streitigkeiten mit einem anderen gewährten, hatten von
     

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    vornherein die stärksten Vorurtheile gegen sich; aber ihre Er-
    langung war ein Zeichen der Erstarkung der unteren Classen,
    mithin ein Mittel weiteren Machterwerbes; sie verschaffte diesen
    Classen daher einen gewissen Antheil an dem Ansehen, das die
    Wacht genießt, und rief eine entsprechende Wandlung in dem Ur-
    theil der Gesellschaft hervor. Alle Rechte, deren Erwerbung ihnen
    geglückt war, wurden nun als ihr rechtmäßiges Eigenthum be-
    trachtet; derjenigen hingegen, die sie noch nicht erlangt hatten,
    galten sie immer noch als unwürdig. Daher haben die Classen,
    welche das herrschende sociale System in eine untergeordnete
    Stellung versetzt, wenig Grund, irgend einem der Sätze Glauben
    zu schenken, welche dieses selbige System als Principien aufgestellt
    haben mag. Wenn man in Betracht zieht, wie wunderbar ge-
    schmeidig sich die Meinungen der Menschen erwiesen haben, wie
    sie immer darauf abzielten, das Bestehende zu heiligen und das
    noch nicht Bestehende entweder für gemeingefährlich oder für un-
    ausführbar zu erklären, da darf man wohl die Frage aufwerfen,
    welche Gewähr denn jene Classen dafür besitzen, daß es mit der
    Unterscheidung zwischen Arm und Reich eine andere Bewandtniß
    habe, daß dieselbe auf einer zwingenderen Nothwendigkeit beruhe
    als jene anderen altherkömmlichen Thatsachen, welche jetzt, da sie
    beseitigt sind, selbst von Jenen verurtheilt werden, welche ehemals
    aus ihnen Nutzen zogen. Die bloße Versicherung einer be-
    theiligten Partei kann die Frage nicht entscheiden. Die arbeitenden
    Classen haben das Recht zu verlangen, daß das ganze Gebiet der
    socialen Einrichtungen von neuem geprüft und jede Frage so er-
    wogen werde, als ob sie jetzt zum ersten Male aufgeworfen würde,
    wobei man nie vergessen darf, daß es nicht Jene zu überzeugen
    gilt, welche ihr Lebensbehagen und ihr Ansehen dem gegenwärtigen
    Systeme verdanken, sondern Jene, welche ohne jedes Sonder-
    Interesse nur von dem Streben nach voller Gerechtigkeit und nach
    Förderung des Gesammtwohls beseelt sind. Es sollte das Ziel
    der Untersuchung sein, festzustellen, welcherlei Verfügungen in
    Bezug auf das Eigenthum ein vorurtheilsfreier, zwischen Besitzen-
    den und Nicht-Besitzenden völlig unparteiisch in der Mitre stehen-
    der Gesetzgeber treffen würde, dieselben nur mit solchen Gründen
    zu vertheidigen und zu rechtfertigen, welche für einen derartigen
    Gesetzgeber wirklich bestimmend wären, und nicht mit solchen, die
    den Eindruck machen, daß sie zu Gunsten des bereits Bestehenden
    zusammengesucht sind. Alle Rechte oder Privilegien des Eigen-
    thums, welche dieser Prüfung nicht Stand halten, werden -
    oder später aufgegeben werden müssen. Außerdem sollten
     

    früher
     

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    alle Einwendungen gegen die Institution des Eigenthums selbst
    unparteiisches Gehör finden. Alle die Uebel und Mißstände, welche
    mit der Einrichtung, selbst in ihrer besten Gestalt, verknüpft sind,
    sollten freimüthig eingeräumt werden, und die beste Abhilfe oder
    Linderung, welche menschlicher Scharfsinn zu erdenken vermag, da-
    gegen zur Anwendung kommen. Endlich sollten alle, welchen
    Namen immer habenden, Entwürfe, die von Socialreformatoren
    vorgebracht wurden, um die durch die Einrichtung des Eigenthums
    bezweckten Vortheile ohne deren Uebelstände zu erreichen, mit
    gleicher Unbefangenheit geprüft und keiner derselben von vornherein
    als ungereimt oder unausführbar verworfen werden.
     

    Die Einwürfe der Socialisten gegen die bestehende
    Gesellschafts-Ordnung.
     

    Wie bei allen Reformvorschlägen zwei Stücke in Betracht
    zu ziehen sind, nämlich was von der Umgestaltung betroffen wer-
    den und worin die Umgestaltung bestehen soll, so sind auch am
    Socialismus, als Ganzes genommen, und an jeder seiner Abarten
    für sich, zwei Seiten zu unterscheiden: die kritische oder zerstörende
    und die positive oder schaffende. Wir haben zunächst das Ur-
    theil des Socialismus über die bestehenden Einrichtungen und
    Uebungen und über deren Erfolge, und an zweiter Stelle die man-
    nigfachen Pläne in's Auge zu fassen, welche derselbe entworfen hat,
    um zu Vollkommenerem zu gelangen. In Betreff des ersten
    Punktes stimmen alle die verschiedenen socialistischen Schulen
    überein. Die Einwendungen, die sie gegen die bestehende wirth-
    schaftliche Ordnung der Gesellschaft erheben, sind fast genau dieselben.
    Bis zu einem gewissen Punkte fallen auch ihre allgemeinen Vor-
    stellungen von der Abhilfe, die dagegen zu treffen ist, zusammen;
    aber in den Einzelheiten gehen ihre Meinungen, trotz dieser all-
    gemeinen Uebereinstimmung, weit aus einander. Wenn wir daran
    gehen, uns ein Urtheil über ihre Lehren zu bilden, werden wir
    es ebenso naturgemäß als zweckdienlich finden, mit dem negativen,
    ihnen allen gemeinsamen, Theile derselben zu beginnen und von
    ihren Meinungsverschiedenheiten erst dann zu handeln, wenn wir
    zu ihren positiven Bestrebungen gelangen, in denen allein sich
    ernste Differenzpunkte zwischen ihnen ergeben.
     

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    Der Socialismus.
     

    Dieser erste Theil unserer Aufgabe bietet keinerlei Schwierig-
    teiten, da er blos in einer Aufzählung vorhandener Uebel besteht.
    An diesen ist wahrlich kein Mangel und die Mehrzahl von ihnen
    liegt klar und unverhüllt zu Tage. Ja, viele darunter bilden die
    alltäglichsten Gemeinpläße der Moralisten, obwohl die Wurzeln
    derselben in eine Tiefe hinabreichen, zu der die Moralisten nur
    selten vorzubringen versuchen. Sie sind von so mannigfaltiger
    Art, daß die einzige Schwierigkeit darin liegt, ein annähernd er-
    schöpfendes Verzeichniß derselben zu geben. Wir werden uns für
    den Augenblick damit begnügen, einige wenige von den wichtigsten
    zu erwähnen. Eines aber muß der Leser fortwährend im Auge
    behalten. Wenn ein Punkt der Aufzählung nach dem anderen vor
    seinem geistigen Auge vorüberzieht, und wenn er eine Thatsache
    nach der anderen, die er zu den Naturnothwendigkeiten zu rechnen
    gewohnt war, zur Anklage gegen die socialen Einrichtungen ver-
    wendet sieht, hat er kein Recht, das Verfahren ein unbilliges zu
    schelten und zu versichern, daß die gerügten Uebelstände dem
    Menschen und der Gesellschaft nothwendig anhaften und durch
    keinerlei sociale Anordnungen zu beseitigen seien. Denn das
    hieße nichts anderes thun, als die strittige Frage umgehen.
    Niemand gesteht bereitwilliger zu als die Secialisten - ja sie
    behaupten es sogar mit weit mehr Entschiedenheit, als durch den
    wirklichen Sachverhalt gerechtfertigt scheint daß die Uebel, über
    welche sie Beschwerde führen, innerhalb der gegenwärtigen Verfassung
    der Gesellschaft feine Heilung gestatten. Sie wollen, daß man
    erwäge, ob sich nicht irgend eine andere Form der Gesellschaft
    ausfindig machen ließe, welcher diese Uebelstände gar nicht oder in
    viel geringerem Maße anhaften würden. Alle diejenigen, welche
    die gegenwärtige Ordnung der Gesellschaft, als ein Ganzes, an-
    greifen, und die Möglichkeit einer vollständigen Umgestaltung in's
    Auge fassen, haben das Recht, alle die Uebelstände, welche sich
    gegenwärtig in der Gesellschaft vorfinden, als Argumente zu
    Gunsten ihrer Sache aufzuführen, gleichviel ob die socialen Ein-
    richtungen an ihnen Schuld zu tragen scheinen oder nicht,
    vorausgesetzt, daß sie nicht das Ergebniß von Naturgesetzen sind,
    denen menschliche Macht nicht gewachsen ist oder die Wissen-
    schaft noch nicht zu begegnen gelernt hat. Moralische und solche
    physische Uebelstände, welche beseitigt wären, wenn alle Menschen
    handelten, wie sie sollten, lassen sich füglich gegen den Zustand
    der Gesellschaft, welcher sie zuläßt, in's Feld führen, und
    können so lange als triftige Argumente gelten, bis der Nach-
    weis geführt wird, daß jeder andere Zustand der Gesellschaft ein
     

    =
     

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    gleiches oder ein größeres Maß von derartigen Uebeln in seinem
    Gefolge hätte. Nach der Meinung der Socialisten haben die
    gegenwärtigen gesellschaftlichen Einrichtungen in Betreff des Eigen-
    thums und der Hervorbringung und Vertheilung des Vermögens,
    als Mittel zur Förderung des allgemeinen Wohls betrachtet, ihre
    Aufgabe völlig verfehlt. Sie sagen, daß diese Einrichtungen einer
    ungeheuren Masse von Elend und Schlechtigkeit gegenüber sich
    machtlos erweisen; daß das moralische oder physische Gute, was
    sie zu Wege bringen, im Vergleiche zur aufgewandten Mühe, er-
    bärmlich gering ist, und daß selbst dieses wenige Gute durch Mittel
    erzeugt wird, welche an verderblichen Consequenzen, sittlicher wie
    physischer Art, überaus ergiebig sind.
     

    Obenan unter den bestehenden socialen Uebeln steht die
    Armuth. Die Institution des Eigenthums wird hauptsächlich
    darum gerühmt und vertheidigt, weil man in ihr das Mittel
    erblickt, durch welches der Arbeit und Genügsamkeit ihre Beloh-
    nung gesichert und die Menschheit in den Stand gesetzt wird, sich
    über die Stufe der Dürftigkeit zu erheben. Dieß mag sich wirklich
    so verhalten, und die meisten Socialisten gestehen zu, daß es sich
    in früheren Perioden der Geschichte so verhielt. Aber wenn diese
    Einrichtung, so sagen sie, in dieser Hinsicht nicht mehr oder nichts
    Vollkommeneres leisten kann, als sie bisher geleistet hat, dann ist
    ihr Leistungsvermögen ein sehr beschränktes zu nennen. Wie klein
    ist nicht, selbst in den civilisirtesten Ländern Europa's, der Bruch-
    theil der Bevölkerung, welchem ein nur einigermaßen nennens
    werther persönlicher Vortheil aus den Segnungen des Eigenthums
    erwächst! Man kann sagen, daß auch die Anderen ihr tägliches
    Brod entbehren müßten, wenn sich nicht Eigenthum in den Händen
    ihrer Arbeitgeber vorfände; aber wenn man dieß auch einräumt,
    so ist doch das tägliche Bred das Einzige, was sie haben, und
    dieß oft in unzureichender Menge, fast immer von ungenügender
    Güte, und ohne jede Sicherheit, daß sie es in Zukunft überhaupt
    erhalten werden; denn ein überaus großer Theil der arbeitenden
    Classen ist zu irgend einer Lebens Epoche (wenigstens zeitweilig)
    auf öffentliche oder private Mildthätigkeit angewiesen, und die
    Gesammtheit ist stets der Gefahr ausgesetzt, in eine derartige
    Lage zu gerathen. Es wäre überflüssig, hier den Jammer der
    Armuth zu schildern, oder die Anzahl von Menschen, welche selbst
    in den fortgeschrittensten Ländern in dauernder Weise den aus
    ihr entspringenden physischen und moralischen Leiden preisgegeben
    sind, abschätzen zu wollen. Dieß mag den Philanthropen über-
    lassen bleiben, welche dieses Elend mit hinreichend starken Farben
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    171
     

    ausgemalt haben. Für uns genüge die Bemerkung, daß im
    civilisirten Europa, und selbst in England und Frankreich,
    der Zustand großer Massen von Menschen ein elenderer ist,
    als bei den meisten uns bekannt gewordenen Stämmen von
    Wilden.
     

    Man kann einwenden, daß Niemand ein Recht habe, sich über
    dieses harte Loos zu beschweren, weil es nur Solche trifft, die
    wegen ihrer geringeren Thatkraft oder Klugheit von Anderen über-
    holt werden. Aber selbst wenn dieß wahr wäre, läge darin doch
    nur ein recht armseliger Trost. Wenn ein Nero oder Domitian
    hundert Menschen zwingen würde, einen Wettlauf zu unternehmen,
    bei welchem die fünfzig oder zwanzig zuletzt Ankommenden dem
    Tode verfallen sollten, so wäre das Unrecht darum fein geringeres,
    weil die Stärksten oder die Flinksten sicher wären, wenn kein
    ungünstiger Zufall sie aufhält, zu entrinnen. Das Jammervolle
    und Verbrecherische bestünde darin, daß überhaupt irgend welche
    dem Tode verfielen. Nicht anders steht es im Haushalt der
    Gesellschaft; wenn es irgend welche Menschen giebt, welche unter
    materiellen Entbehrungen oder sittlicher Herabwürdigung leiden,
    deren leibliche Bedürfnisse entweder gar nicht oder in einer Weise,
    die nur thierischen Geschöpfen genügen kann, befriedigt werden,
    so beweist dieß, wenngleich nicht nothwendiger Weise ein Verbrechen
    der Gesellschaft, so doch pro tanto einen Mißerfolg ihrer Ein-
    richtungen. Und es heißt zum Unglück nur den Hohn hinzufügen,
    wenn man eine Verkleinerung des Uebels darin erblicken will,
    daß die also Leidenden die in moralischer oder physischer Hinsicht
    schwächeren Mitglieder des Gemeinwesens sind. Ist denn die Schwäche
    eines Wesens ein Grund, Leiden über dasselbe zu verhängen?
    Gewährt sie nicht vielmehr einen geradezu unabweislichen Anspruch
    auf Schutz vor Leiden? Könnten die Glücklichen, wenn ihr Geist
    und Gemüth von der rechten Art wäre, ihres Glückes froh werden,
    wenn um dieses Glückes willen auch nur einem einzigen Menschen
    in ihrer Nähe aus einer anderen Ursache als durch eigenes Ver-
    schulden die Bedingungen eines begehrenswerthen Daseins entzogen
     

    würden?
     

    Es giebt eine Bedingung, unter welcher, falls sie zutreffen
    sollte, die socialen Einrichtungen von jeder Verantwortlichkeit für
    die erwähnten llebel freigesprochen werden müßten. Da die mensch-
    liche Gattung keine anderen Mittel zur Sicherung einer genuß-
    reichen Existenz, oder der Existenz überhaupt, hat, als sie durch
    ihre eigene Arbeit und Enthaltsamkeit hervorbringt, so entfiele
    jeder Grund zur Beschwerde gegen die Gesellschaft, wenn Jeder,
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    172
     

    der bereit ist, einen angemessenen Theil dieser Arbeit und Ent-
    haltsamkeit auf sich zu nehmen, auch einen angemessenen Antheil
    an dem Ertrage derselben erhielte. Aber ist dieß der Fall? Ist
    nicht vielmehr das Gegentheil davon der Fall? Anstatt daß die
    Belohnung der Arbeit und Enthaltsamkeit des Einzelnen ent-
    spräche, steht sie nahezu in umgekehrtem Verhältnisse zu der-
    selben: diejenigen, welche an Arbeit und Enthaltsamkeit am
    meisten leisten, erhalten am wenigsten. Sogar die arbeitsscheuen,
    gedanken- und gewissenlosen Armen, von denen man am ehesten
    behaupten kann, daß sie ihre Lage selbst verschulden, unterziehen
    sich oft größerer und schwererer Arbeit, nicht nur als diejenigen,
    welche zu wirthschaftlicher Unabhängigkeit geboren sind, sondern
    selbst als fast alle besser entlohnten unter denen, die ihren Unter-
    halt erwerben; ja, die, wenn auch unzulängliche, Selbstbeherrschung,
    der sich der arme Arbeitsmann unterzieht, kostet ihm mehr
    Opfer und Anstrengung, als fast jemals von den begünstigteren
    Mitgliedern der Gesellschaft erfordert wird. Jeder Gedanke einer
    austheilenden Gerechtigkeit, oder eines angemessenen Verhältnisses
    zwischen Erfolg und Verdienst, oder zwischen Erfolg und An-
    strengung, ist bei dem gegenwärtigen Zustande der Gesellschaft so
    augenscheinlich chimärischer Art, daß man ihn in das Reich der
    Träume verweisen muß. Allerdings ist das Loos des Einzelnen
    nicht ganz unabhängig von seiner Tugend und seiner Einsicht;
    diese wirken in der That zu seinen Gunsten, aber sie thun dieß
    in viel geringerem Maße als viele andere Dinge, die mit Ver-
    dienst nicht das Mindeste zu schaffen haben. Der großen Mehr-
    zahl fällt ihr Loos durch die Geburt zu. Einige werden zu Reich-
    thum ohne Arbeit geboren, Andere zu Stellungen, in denen sie
    durch Arbeit reich werden können, die große Mehrheit zu harter
    Arbeit und lebenslanger Armuth, gar Viele zum Elend. Zunächst
    nach der Geburt entscheiden Zufall und Gelegenheit über den Er-
    folg im Leben. Wenn es demandem, der nicht zu Reichthum geboren
    ist, gelingt, solchen zu erwerben, so hat sein Fleiß und seine
    Geschicklichkeit an diesem Erfolge gewöhnlich einen Antheil; aber
    Fleiß und Geschicklichkeit allein hätten dazu nicht ausgereicht, wenn
    nicht auch eine Gunst der Umstände und Zufälle mitgewirkt hätte,
    wie diese nur wenigen Menschen zu Theil wird. Wenn es wahr
    ist, daß Manchen ihre Tugenden bei ihrem Fortkommen zu gute
    kommen, so gereichen Anderen, und vielleicht ebenso vielen, ihre Laster
    zum Vortheil: ihre Kriecherei und ihr Intriguengeist, ihre hart-
    herzige knickerische Selbstsucht, desgleichen der Spielgeist, die er-
    laubten Lügen und Kniffe des kaufmännischen Verkehrs, und nicht
     

  • S.

    173
     

    Der Socialismus.
     

    selten auch die ächte und rechte Schurkerei. Thatkraft und Talent
    sind für den Erfolg im Leben von viel größerem Belang als
    Tugend; und wenn der Eine dadurch sein Glück macht, daß er
    seine Thatkraft und sein Talent einem Unternehmen widmet, das
    allgemeinen Nutzen bringt, so gedeiht dagegen ein Anderer, indem
    er dieselben Eigenschaften dazu verwendet, einen Rivalen aus dem
    Sattel zu heben und zu Grunde zu richten. Das Aeußerste, was ein
    Moralist zu behaupten wagen kann, ist dieß, daß unter sonst gleichen
    Umständen Ehrlichkeit die beste Politik ist, und daß bei Gleich-
    heit der übrigen Vortheile die Aussichten des ehrlichen Mannes
    günstiger stehen als jene des Schuftes; aber selbst dieß ist in
    vielen Lagen und Lebensstellungen fraglich, und von mehr als
    diesem kann überhaupt keine Rede sein. Man kann nicht behaupten,
    daß die Ehrlichkeit als Förderungsmittel auch nur so viel zählt,
    als der Vorsprung um eine einzige Sprosse auf der Stufenleiter
    der Gesellschaft. Der Zusammenhang zwischen Glück und Wohl-
    verhalten ist der Hauptsache nach folgender: es giebt einen Grad
    der Schlechtigkeit oder vielmehr einiger Arten von Schlechtigkeit,
    welcher die reichste Gunst des Schicksals wettzumachen vermag;
    aber das Gegenstück zu diesem Sage fehlt: bei der Lage, in der
    sich die meisten Menschen befinden, ist auch der höchste Grad des
    Wohlverhaltens häufig unvermögend, sie ohne die Mithilfe glück-
    licher Zufälle in der Welt emporzuheben.
     

    Dieses Uebel also, große Armuth, und zwar eine Armuth,
    welche mit dem Verdienste sehr wenig zu thun hat, ist der erste
    große Mißerfolg der bestehenden Einrichtungen der Gesellschaft.
    Der zweite ist das menschliche Mißverhalten: Verbrechen, Laster
    und Thorheit mit all den Leiden, die sie in ihrem Gefolge haben.
    Denn nahezu alle Arten des menschlichen Mißverhaltens, es mag
    sich um Vergehen gegen uns selbst oder gegen Andere handeln,
    lassen sich auf eine von drei Ursachen zurückführen: auf Armuth
    und die sie begleitenden Versuchungen bei der großen Menge, auf
    Müssiggang und Mangel an Beschäftigung bei den Wenigen, deren
    Lebensumstände sie nicht zur Arbeit nöthigen, und auf schlechte oder
    mangelnde Erziehung bei Beiden. Die beiden ersten Factoren müssen
    zum mindesten als Mißerfolge der socialen Einrichtungen angesehen
    werden, während man im dritten jezt allgemein das Verschulden
     

    man möchte fast sagen, die verbrecherische Schuld derselben
    Einrichtungen erkennt. Ich behandle den Gegenstand hier nur
    obenhin und in großen Zügen; eine tiefere Erforschung der
    Quellen menschlicher Charaktermängel und Irrungen würde viel
    deutlicher das ursächliche Band darlegen, welches dieselben mit
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    174
     

    einer fehlerhaften Organisation der Gesellschaft verknüpft, aber
    freilich auch die Bedingtheit dieses mangelhaften Zustandes der
    Gesellschaft durch einen unentwickelten Zustand des menschlichen
    Geistes darthun.
     

    Bei diesem Punkte machten die bloßen Gleichmacher früherer
    Zeiten in der Aufzählung der Uebel der Gesellschaft Halt; ihre
    tieferblickenden Nachfolger aber, die heutigen Socialisten, gehen
    weiter. In ihren Augen ist die ganze eigentliche Basis des mensch-
    lichen Lebens, wie es gegenwärtig bestellt ist, das Grundprincip,
    welches die Erzeugung und Vertheilung aller materiellen Güter
    beherrscht, seinem inneren Wesen nach verwerflich und gesellschafts-
    feindlich. Es ist dieß der Grundsatz des Individualismus und der
    Concurrenz: Jeder für sich und gegen alle Anderen. Derselbe ist
    auf den Widerstreit, nicht auf die Harmonie der Interessen gegründet,
    und unter seiner Herrschaft ist es der Kampf, der Jedem seinen
    Platz anweist: er drängt Andere zurück oder wird von ihnen
    zurückgedrängt. Die Socialisten betrachten dieses System des
    Privatkrieges (wie man es nennen möchte) zwischen einem Jeden
    und allen Anderen als besonders verhängnißvoll in wirthschaftlicher
    wie in sittlicher Rücksicht. Vom Standpunkt der Moral sind dessen
    Uebel augenfällig. Ihm entstammt Neid, Haß und jede Art der
    Lieblosigkeit, es macht Jedermann zum natürlichen Feind aller
    Anderen, welche seinen Pfad kreuzen, und Jedermann muß dieß fort-
    während von Jedem erwarten. Unter dem gegenwärtigen System
    kann kaum irgend Einer gewinnen, ohne daß ein Anderer oder
    viele Andere verlieren oder ihre Hoffnungen getäuscht sehen. In
    einer wohleingerichteten Gesellschaft müßten die vom Erfolg ge-
    krönten Bemühungen des Einen jedem Anderen zum Vortheil
    gereichen, während jetzt das Gegentheil stattfindet; und die Quelle
    bes größten Gewinnes ist die schlimmste von allen, der Tod: der Tod
    jener Wesen, welche uns am nächsten stehen und am theuersten sein
    sollten. In Betreff seiner rein ökonomischen Wirksamkeit erfährt
    der Grundsatz der individuellen Concurrenz von Seiten der Social-
    Reformatoren eine nicht minder unbedingte Verurtheilung, wie in
    sittlicher Rücksicht. In der Concurrenz der Arbeiter erblicken sie
    die Ursache der niedrigen Arbeitslöhne, in der Concurrenz der
    Producenten die Ursache des Ruins und Bankerottes, und beide
    Uebel so behaupten sie besitzen die Tendenz, in dem Maße
    als Bevölkerung und Vermögen zunehmen, beständig zu wachsen.
    Nach ihrer Meinung schädigt dieser Proceß Alle, mit Ausnahme
    der großen Landeigenthümer, der Besizer von firen Geldein-
    kommen und einiger weniger großer Capitalisten, deren Reichthum
     

  • S.

    175
     

    Der Socialismus.
     

    sie nach und nach in den Stand setzt, alle anderen Producenten
    an Wohlfeilheit zu überbieten, alle Unternehmungen der Gewerb-
    thätigkeit unter ihre Herrschaft zu bringen, alle concurrirenden
    Arbeitgeber vom Markte zu verdrängen, und die Arbeiter in eine
    Art von Sclaven oder Leibeigenen zu verwandeln, welche in Betreff
    ihrer Subsistenzmittel von ihnen abhängen und gezwungen sind,
    diese unter jenen Bedingungen entgegenzunehmen, die es ihnen
    zu stellen beliebt. Mit einem Wort: die Gesellschaft eilt, nach
    der Ansicht dieser Denker, einer neuen Art von Feudalherrschaft,
    jener der großen Capitalisten, entgegen.
     

    Da ich in späteren Abschnitten dieses Buches reichliche Gelegen-
    heit finden werde, meine eigene Meinung über diese und viele andere
    mit ihnen verknüpfte und ihnen untergeordnete Themen auszusprechen,
    will ich jetzt ohne weitere Vorbereitung daran gehen, die Ansichten
    hervorragender Socialisten über die bestehenden Einrichtungen der
    Gesellschaft in einer Auswahl von Stellen aus ihren Schriften
    darzulegen. Ich wünsche zunächst nur als ein Berichterstatter zu
    gelten, der die Ansichten Anderer mittheilt. Es wird sich später
    zeigen, wie viel von dem, was ich anführe, mit meinen eigenen
    Ueberzeugungen zusammentrifft oder denselben widerspricht.
     

    Die klarste, bündigste, bestimmteste und detaillirteste Formu-
    lirung der Anklagen, welche die Socialisten im Allgemeinen mit
    Bezug auf das wirthschaftliche Gebiet der menschlichen Angelegen-
    heiten gegen die bestehende Gesellschafts-Ordnung erheben, findet
    sich in dem kleinen Werke von Louis Blanc, betitelt,,Organi-
    sation du travail". Meine ersten hierauf Bezug habenden An-
    führungen sollen daher dieser Abhandlung entnommen sein.
     

    ,,Die Concurrenz ist für das Volk ein System der Ausrottung."*)
    „Ist der Arme ein Mitglied oder ein Feind der Gesellschaft? Wir
    bitten um Antwort."
     

    Rings um sich findet er den Boden in Beschlag genommen. Darf
    er die Erde zu seinem eigenen Nußen bebauen? Nein; denn das Recht des
    ersten Besitzergreifers ift Eigenthumsrecht geworden. Darf er die Früchte
    pflücken, welche die Hand Gottes auf dem Pfade der Menschen reifen läßt?
    Nein; denn die Früchte sind gleich dem Boden Eigenthum geworden. Darf
    er sich der Jagd oder dem Fischfang widmen? Nein; denn das ist ein Recht,
    welches die Regierung verpachtet. Darf er Wasser schöpfen aus einer Quelle,
    welche inmitten eines Feldes liegt? Nein; denn der Eigenthümer des Feldes
    ist Kraft des Zuwachsrechtes auch Besitzer der Quelle. Darf er, sterbend vor
    Hunger und Durst, die Hand ausstrecken, um das Mitleid seiner Neben-
    menschen anzurufen? Nein; denn es giebt Gesetze gegen den Bettel. Darf
     

    *L. Blanc, Organisation du travail, 4. Aufl., 1845, S. 7.
     

  • S.

    176
     

    Der Socialismus.
     

    er, obdachlos und von Müdigkeit erschöpft, sein Haupt auf das Straßen-
    pflafter niederlegen, um zu schlafen? Nein; denn es giebt Gefeße gegen das
    Bagabundenthum. Darf er dieß grausame Baterland, in dem ihm alles versagt
    wird, fliehen und seinen Lebensunterhalt fern von dem Orte suchen, wo seine
    Wiege stand? Nein; denn es ist nicht gestattet, in die Fremde zu ziehen,
    außer unter gewissen Bedingungen, die er unmöglich erfüllen kann."
     

    Was wird dieser Unglückliche beginnen? Er wird sagen: "Ich habe
    zwei Arme, um zu arbeiten, ich habe Verstand, Jugend und Stärke; nehmt
    all dieß und gebt mir dafür ein Stückchen Brod. So thun und sagen heute die
    Proletarier. Aber selbst hier kann er die Antwort hören: 'Ich habe Dir keine
    Arbeit zu geben. Und was kann er dann beginnen?
     

    Was ist die Concurrenz vom Standpunkt des Arbeiters?*) Sie ist
    die Versteigerung der Arbeit. Ein Unternehmer braucht einen Arbeiter; drei
    bieten sich ihm an. 'Wie viel verlangst du für Deine Arbeit? "Drei
    Francs, ich habe Weib und Kind zu ernähren. Gut, und Du'?
    Zwei Francs und einen halben. Ich habe ein Weib, aber keine Kinder.
    Bortrefflich. Und Du?
    "Mir genügen zwei Francs. Ich stehe
    allein'. Du bist mein Mann'. Es ist geschehen, der Handel ist ge-
    schlossen. Was wird nun mit den beiden zurückgewiesenen Arbeitern ge-
    schehen? Wir wollen hoffen, daß sie ruhig verhungern werden. Aber wenn
    fie Diebe werden sollten? Oh, es ist nichts zu besorgen, dafür haben wir
    die Polizei. Und wenn Mörder? Dafür haben wir den Henker. Was den
    glücklichsten von den Dreien betrifft, so wird sein Triumph vielleicht nicht
    lange währen. Es kann ein Vierter kommen, der fräftig genug ist, um
    jeden zweiten Tag zu faften, und dann gleitet der Preis rasch das letzte Stück
    der schiefen Ebene herab, dann giebt es einen neuen Pariah, vielleicht einen
    neuen Recruten für die Galeere."
     

    "Wird man uns entgegnen, daß diese traurigen Ergebnisse auf Ueber-
    treibung beruhen, daß sie jedenfalls nur dann möglich sind, wenn die Arbeit
    nicht für alle Arme ausreicht, welche Arbeit suchen? Dann will ich meiner=
    seits fragen, ob vielleicht die Concurrenz in sich selbst die Kraft trägt, das
    Eintreten diefes mörderischen Mißverhältnisses zu verhüten? Wer fann mir
    bei der ungeheuern, durch die allgemeine Concurrenz geschaffenen Verwirrung
    dafür einstehen, daß, wenn das eine Gewerbe Mangel an Arbeitskräften hat,
    ein anderes nicht mit solchen überladen ist? Und wenn von vier und dreißig
    Millionen Menschen auch nur zwanzig genöthigt sind zu stehlen um zu leben,
    so reicht dieß hin, um das Princip zu verdammen."
     

    Aber wer wäre so blind, nicht einzusehen, daß unter der Herrschaft der
    uneingeschränkten Concurrenz das stetige Sinten der Arbeitslöhne nothwendig
    eine allgemeine Thatsache und durchaus kein ausnahmsweises Vorkommniß
    ist? Giebt es etwa eine Grenze für die Bevölkerung, welche dieselbe niemals
    überschreiten fann? Steht es vielleicht in unserer Macht, zur Industrie, die
    den Launen der individuellen Selbstsucht preisgegeben ist, zu dieser Industrie,
    welche einem mit Trümmern bedeckten Meere gleicht, zu sagen: Bis hieher
    und nicht weiter? Die Bevölkerung mehrt sich unablässig. Gebietet doch
    der Mutter des Armen, unfruchtbar zu werden und hadert mit Gott, der
    fie fruchtbar werden ließ; denn wenn ihr das nicht thut, wird der Ringplat
    bald zu enge sein für die Masse der Kämpfer! Eine Maschine ist erfunden
    worden; gebietet doch, daß man sie zerbreche und thut die Wissenschaft in
     

    I
     

    *) a. a. D. S. 9.
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    177
     

    Bann; denn sonst werden die tausend Arbeiter, welche die neue Maschine
    verdrängt, bei der nächsten Werkstätte anpochen und die Löhne ihrer Camera-
    den herabdrücken. Ein consequentes Sinken der Arbeitslöhne, das schließlich
    zur Vernichtung einer gewiffen Zahl von Arbeitern führt, das ist die unver-
    meidliche Folge der freien Concurrenz. Sie ist ein System der Gewerb-
    thätigkeit, durch welches die Arbeiter gezwungen find, fich wechselseitig aus-
    zurotten.
     

    ,Wenn es eine unbestreitbare Thatsache giebt, so ist es die, daß die
    Bevölkerungszunahme unter den Armen viel rascher vor sich geht, als unter
    den Reichen *). Der Statistik zufolge betragen die Geburten in den reichsten
    Stadttheilen von Paris nur ein Zweiunddreißigftel der Bevölkerung, während
    fie fich in anderen Quartieren bis auf ein Sechsundzwanzigstel erheben. Dieses
    Mißverhältniß ist eine allgemeine Thatsache, und Hr. Sismondi hat in seinem
    Werke fiber politische Dekonomie eine sehr gute Erklärung für sie gegeben,
    indem er sie der Unfähigkeit der Tagelöhner zuschreibt, fich von Hoffnung und
    von Vorbedacht beeinflussen zu lassen. Nur der, welcher sich als Herr des
    nächsten Tages weiß, kann die Zahl seiner Kinder der Größe seines Ein-
    kommens anpassen; aber wer nur von einem Tag zum andern lebt, der
    trägt das Joch eines geheimnißvollen Fatalismus, dem er seine Nachkommen
    weiht, wie er ihm selbst geweiht ward. Ueberbieß giebt es Armenhäuser,
    welche die Welt mit einer wahren Ueberschwemmung von Bettlern bedrohen?
    Welches Mittel haben wir, um diesem Unheil zu entgehen?
     

    Ist es doch einleuchtend, daß jede Gesellschaft, in der die Lebensmittel weniger
    rasch zunehmen als die Anzahl der Menschen, am Rande eines Abgrundes
    steht."
     

    Concurrenz erzeugt Elend, das ist durch Zahlen bewiesen **). Das
    Elend ist entsetzlich fruchtbar, auch das ist durch Zahlen bewiesen. Die Frucht-
    barkeit des Armen stößt unglückliche Geschöpfe in's Leben hinaus, welche
    Arbeit benöthigen und keine finden können; dieß ist wiederum durch Zahlen
    bewiesen. Eine Gesellschaft, die so weit gekommen ist, hat nur die Wahl,
    die Armen zu tödten oder fie ohne Gegenleistung zu erhalten; sie hat die
    Wahl zwischen Grausamkeit und Wahnsinn."
     

    So viel in Betreff der Armen. Wir wenden uns nun zu
    den Mittelclassen.
     

    Wohlfeilheit, das ist das große Wort, in welches sich, nach den
    Volkswirthen aus der Schule der Say's und Smith's, alle Bortheile der
    freien Concurrenz zusammenfassen lassen ***). Aber warum steift man sich
    darauf, die Wirkungen der Wohlfeilheit nur mit Rücksicht auf den augen-
    blicklichen Vortheil, welchen sie dem Consumenten gewährt, in's Auge zu
    faffen? Die Wohlfeilheit nügt den Consumenten nur, indem sie den Samen
    der verderblichsten Anarchie unter den Producenten ausstreut. Die Wohl-
    feilheit ist die Keule, mit der die reichen Producenten ihre ärmeren Rivalen
    zermalmen. Die Wohlfeilheit ist der Hinterhalt, in den die verwegenen
    Speculanten die Männer der harten Arbeit locken. Die Wohlfeilheit ist das
    Todesurtheil des Fabricanten, der nicht die Kosten einer theuern Maschine
    bestreiten kann, welche seine reicheren Nebenbuhler sich mit Leichtigkeit verschaffen
     

    *) a. a. D. S. 53.
     

    ** Ebend. S. 59.
    ***) Ebend. S. 59.
    Mill, ges. Werte. XII.
     

    12
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    178
     

    fönnen. Die Wohlfeilheit ist der Büttel des Monopols, sie ist der
    Schlund, welcher den kleinen Fabricanten, den kleinen Händler, den tleinen
    Befizer verschlingt. Sie ist mit einem Worte die Vernichtung der Mittel-
    claffen zu Gunsten einiger industrieller Oligarchen."
     

    Sollten wir also die Wohlfeilheit an und für sich als ein Unheil
    betrachten? Niemand würde wagen, solchen Widersinn zu behaupten. Aber
    es ist die Eigenthümlichkeit der schlechten Principien, Gut in Böse zu ver-
    wandeln und alles zu verfälschen. Unter dem System der Concurrenz ist die
    Wohlfeilheit nur ein furzlebiger und trügerischer Segen. Sie erhält sich so
    lange, als der Kampf währt; sobald der Reichste alle seine Rivalen aus dem
    Felde geschlagen hat, beginnen die Preise wieder zu steigen. Die Concurrenz
    führt zum Monopol; aus demselben Grunde führt die Wohlfeilheit zur
    höchsten Anspannung der Preise. So wird das, was zuerst eine Waffe im
    Kampfe der Producenten unter. einander war, früher oder später eine Ursache
    der Berarmung für die Consumenten selbst. Und wenn wir zu dieser Ursache
    alle anderen bereits aufgezählten, darunter in erster Linie die schrankenlose
    Volksvermehrung, hinzunehmen, müssen wir nothgedrungen die Verarmung
    der Masse der Consumenten als eine directe Folge der Concurrenz anerkennen.
     

    „Aber dieselbe Concurrenz, welche die Quellen des Consums verstegen
    zu machen strebt, treibt andererseits die Production zu einer fieberhaften
    Thätigkeit. Die Verwirrung, welche der Kampf Aller gegen Alle hervorruft,
    entzieht jedem Producenten die Kenntniß des Marktes. Er muß im Finstern
    erzeugen, und für den Absatz seiner Waaren sich auf den Zufall verlassen.
    Warum sollte er sich also eine Beschränkung auferlegen, zumal es ihm
    freisteht, seine Berluste auf die in so hohem Maße nachgiebigen Arbeitslöhne
    zu übertragen. Nicht einmal diejenigen, welche mit Verlust arbeiten, stellen
    die Production ein, weil sie ihre Maschinen, Geräthschaften, Rohstoffe und
    Gebäude nicht brach liegen lassen und den Rest ihrer Kundschaft nicht
    aufgeben wollen; und da die Industrie unter der Herrschaft des Prin-
    cips der Concurrenz nur mehr ein Hazardspiel ist, will der Spieler nicht
    auf die Aussicht verzichten, durch einen glücklichen Wurf wieder empor-
    zukommen."
     

    "Daraus folgt also, und wir wüßten diesen Punkt nicht nachdrücklich
    genug hervorzuheben, daß die Concurrenz die Production zur Zunahme und
    ben Verbrauch zur Abnahme zwingt, daß sie das genaue Gegentheil von
    dem bewirkt, was das Ziel der ökonomischen Wissenschaft ist, und daß sie
    demnach nicht blos eine Bedrückung ist, sondern auch eine Thorheit."
     

    ,um nicht bei Gemeinplägen und bei solchen Wahrheiten zu verweilen,
    welche gerade ihrer Wahrheit wegen den Eindruck bloßer Phrasen machen,
    habe ich nichts von der schrecklichen sittlichen Fäulniß gesagt, welche die
    heutige Organisation oder vielmehr Desorganisation der Industrie in
    das Herz des Bürgerthums getragen hat*). Alles ist fäuflich geworden, und
    die Concurrenz ist selbst bis in das Reich der Gedanken vorgedrungen."
     

    Die Werkstätte erdrückt durch die Fabrik; der bescheidene Laben ver-
    drängt durch das prunkhafte Waarenlager; der Handwerker, der sein eigener
    Herr ist, ersetzt durch den Tagelöhner, der es nicht ist; die Arbeit des Spatens
    durch die Arbeit des Pfluges beseitigt und dadurch das Feld des armen
     

    *) a. a. D. S. 65.
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    179
     

    Mannes unter die schmähliche Herrschaft des Wucherers gebracht; die Banke-
    rotte vermehrt; die Gewerbthätigkeit durch die regellose Ausdehnung des
    Credits in ein Spiel des Zufalls verwandelt, bei welchem Niemand, selbst
    nicht der Schurke, des Gewinnes sicher ist; und endlich durch diese riesige
    Verwirrung, welche so sehr dazu angethan ist, Mißtrauen, Eifersucht, Haß
    in jeder Seele zu wecken, alle hochherzigen Bestrebungen allmählich ertödtet
    und alle Quellen der Treue, der Hingebung, der Poefte ausgetrocknet: dieß
    ist das entsetzliche, aber nur allzu wahrhafte Gemälde der Erfolge, welche die
    Anwendung des Princips der Concurrenz erzielt hat."
     

    Die Fourieristen zählen durch ihren hervorragendsten Wort-
    führer, Hrn. Considérant, die Uebel der bestehenden Civilisation
    in nachstehender Reihenfolge auf.
     

    Für's Erste werfen sie ihr vor, daß sie einen ungeheuern Be-
    trag von Arbeit und menschlicher Thatkraft unproductiv oder zu
    Zwecken der Zerstörung verwendet *).
     

    ,,Da ist zunächst das Heer, welches in Frankreich, wie in allen anderen
    Ländern, die stärksten und gesündesten, eine große Anzahl der begabtesten und
    intelligentesten Männer und einen ansehnlichen Theil der öffentlichen Ein-
    fünfte an sich reißt
    Der gegenwärtige Zustand der Gesell-
    schaft züchtet in seiner unlauteren Atmosphäre eine unzählige Menge von
    Auswürflingen, deren Arbeit nicht nur unproductiv, sondern geradezu de-
    structiv zu nennen ist, wie: Abenteurer, Prostituirte, Leute ohne nachweis-
    baren Erwerb, Bettler, Sträflinge, Schwindler, Diebe und andere, deren
    Zahl eher in Zunahme als in Abnahme begriffen ist."
     

    "Zu der Liste von unproductiven Arbeitern, welche die heutige Ein-
    richtung der Gesellschaft erfordert, sind noch hinzuzufügen die als Obrigkeiten,
    als Advocaten, in den Gerichtshöfen Beschäftigten, die Polizei, Kerkermeister,
    Henter u. f. w. lauter Verrichtungen, welche die heutige Gesellschaft nicht
    entbehren kann."
     

    Ebenso die Mitglieder der sogenannten 'guten Gesellschaft'; alle die
    ihr Leben mit Nichtsthun zubringen; die Müffiggänger aus allen Ständen."
    „Ebenso die zahllosen Zollbeamten, Steuereinnehmer, Accifebeamten ;
    furz, das ganze Heer von Leuten, welche beaufsichtigen, Rechnung führen,
    nehmen, aber nichts erzeugen."
     

    "Ebenso die Arbeiten der Sophisten (Philosophen, Metaphysiker, Boli-
    tifer) welche auf Irrwegen wandeln, welche nichts thun, um die Wissen-
    schaft zu fördern und nichts hervorbringen außer Aufregung und unfrucht-
    baren Wortstreit; der Nebeschwall der Advocaten, Vertheidiger, Zeugen 2c."
     

    Und endlich alle kaufmännische Thätigkeit, von der der Banquiers und
    Mäkler bis zu jener des Krämers hinter seinem Ladentisch."
     

    Zweitens behaupten sie, daß selbst die Thätigkeit und die
    Kräfte, welche unter dem gegenwärtigen System auf die Produc-
     

    *) Considérant, Destinée Sociale. tome I. p. 35, 36, 37, 3me éd.
    Paris, 1848. [ p. 52-55 der zweiten Auflage (1847), die uns allein zu
    Gebote stand.]
     

    12*
     

  • S.

    180
     

    Der Socialismus.
     

    tion verwendet werden, blos einen kleinen Theil von dem hervor-
    bringen, was fie bei besserer Ausnüßung und Leitung hervor
    bringen könnten:
     

    Welchem Menschen, der nur etwas Einsicht und Unparteilichkeit besitzt,
    fönnte es entgehen, wie sehr die Zusammenhanglosigkeit, die Unordnung, der
    Mangel an Eintracht, die Zerstückelung der Arbeit und deren gänzliche
    Ueberlassung an die Thätigkeit Einzelner, ohne jede Organisation, ohne
    irgend welche große oder allgemeine Gefichtspunkte, zur Einschränkung der
    Production beitragen und die Mittel für unser Schaffen zerstören oder
    wenigstens vergeuden? Führt nicht die Unordnung zur Armuth, wie Ord-
    nung und gute Wirthschaft zum Reichthum? Ist nicht Mangel an ein-
    trächtigem Zusammenwirken eine Quelle der Schwäche, wie die Eintracht
    eine Quelle der Stärke ist? Und wer kann behaupten, daß die Arbeit
    unserer Zeit, die landwirthschaftliche, die häusliche, die Fabrikarbeit, die wissen-
    schaftliche, fünstlerische oder kaufmännische Thätigkeit, sei es im Staate oder
    innerhalb der Gemeinden, organisirt ist? Wer fann behaupten, daß alle auf
    irgend einem dieser Gebiete geleistete Arbeit in Unterordnung unter allgemeine
    Gesichtspunkte, oder mit Voraussicht, Sparsamkeit und Ordnung verrichtet
    wird? Oder wer fann behaupten, daß es bei der gegenwärtigen Einrichtung
    der Gesellschaft möglich ist, bei jedem Mitglied derselben alle Fähigkeiten,
    welche ihm die Natur verliehen hat, durch eine gute Erziehung auszubilden,
    und jedermann mit solchen Verrichtungen zu beschäftigen, für welche er eine
    Vorliebe empfinden, für welche er sich am fähigsten erweisen und welche er
    daher mit dem größten Nußen für sich selbst und Andere ausüben würde?
    Hat man auch nur daran gedacht, sich mit den Problemen zu beschäftigen,
    welche die Charakterverschiedenheiten der Menschen darbieten, mit der Aufgabe,
    wie die Verschiedenheit der Berufsarten mit der Mannigfaltigkeit natürlicher
    Anlagen in Einklang zu bringen und demgemäß zu regeln ist? Leider nein!
    Es ist ein vermessener Traum der glühendsten Philanthropen, fünf und zwanzig
    Millionen Franzosen lesen und schreiben zu lehren. Und, wie die Dinge jetzt
    stehen, dürfen wir fühnlich behaupten, daß selbst dieß ihnen nicht gelingen wird.
     

    Und ist es nicht auch ein seltsames Schauspiel, ein Schauspiel, das
    uns mit Scham erfüllen muß, daß bei einem Zustand der Gesellschaft, bei
    welchem der Boden schlecht oder mitunter gar nicht bebaut ist, und die
    Menschen schlecht gekleidet sind und schlecht wohnen, doch große Menschen-
    mengen beständig an Arbeit Mangel leiden, und Elend schmachten, weil
    sie dieselbe nicht bekommen fönnen? Wahrlich, wir müssen anerkennen, daß
    die Völker nicht darum arm sind und darben, weil die Natur ihnen die
    Mittel, Wohlstand zu erwerben, versagt hat, sondern weil wir bei der
    Ausmuzung dieser Mittel ohne Plan und Ordnung vorgehen; mit anderen
    Worten, weil die Gesellschaft elend eingerichtet und die Arbeit nicht orga=
    nifirt ift."
     

    Aber das ist noch nicht alles, und man macht sich eine allzu schwache
    Vorstellung von dem Uebel, wenn man nicht in Betracht zieht, daß zu all
    den Freveln der Gesellschaft, welche die Quellen des Reichthums und des
    Glückes verschütten, noch die Kämpfe und Zwiftigkeiten hinzukommen, mit
    einem Worte der Krieg, welchen die Gesellschaft unter mannigfachen Namen
    und Formen zwischen ihren Mitgliedern pflegt und fördert. Diese Kämpfe
    und Zwiftigkeiten entsprechen eingewurzelten Gegenfäßen, tiefgreifenden Wider-
    sprüchen zwischen verschiedenen Intereffen. Genau so start, als die Claffen-
    oder Standesunterschiede innerhalb einer Nation find, so stark sind auch die
     

  • S.

    181
     

    Der Socialismus.
     

    Gegensätze der Interessen und die offene oder versteckte Befehdung in ihrem
    Innern, und dieß gilt auch, wenn man blos das Gebiet des Handels und
    der Gewerbe in Betracht zieht" *).
     

    Einer der leitenden Gedanken dieser Schule ist die Betonung
    der Kostspieligkeit und gleichzeitigen Unfittlichkeit der Einrichtungen,
    welche gegenwärtig die Vertheilung des Ertrags des Landes unter
    die verschiedenen Consumenten bezwecken, des ungeheuern
    Ueberflusses an Zwischenhändlern: Großhändlern, Ladenhältern,
    Krämern und ihren unzähligen Bediensteten, gleichwie des ver-
    derblichen Einflusses, den eine derartige Zersplitterung der Be-
    schäftigungen ausübt.
     

    1
     

    „Es ist klar, daß das Interesse des Händlers dem des Producenten wie
    dem des Consumenten entgegengesetzt ist. Hat er nicht denselben Gegenstand.
    in seinem Verkehr mit dem Producenten nach Möglichkeit entwerthet und so
    wohlfeil als er nur fonnte gekauft, den er euch jetzt unter Anpreisungen
    seiner Vortrefflichkeit so theuer als möglich verkauft? So ist auch das
    Interesse der Kaufmannschaft, das der Gesammtheit und jedes Einzelnen
    darunter, dem Interesse des Producenten und des Consumenten, das heißt,
    dem Interesse der Gesammtheit der Gesellschaft entgegengesetzt."
     

    "Der Händler ist eine Mittelsperson, welche aus der allgemeinen Anarchie
    und Planlosigkeit der Industrie Nußen zieht. Er fauft Producte, er kauft
    alles andere auf, er eignet sich alles an und legt auf alles Beschlag, so
    daß er:
     

    Erstens, sowohl die Production als auch die Consumtion unter sein
    Joch beugt, denn beide müssen sich an ihn wenden, entweder um zuletzt die
    fertigen Waaren, oder um zuerst das Rohmaterial, welches verarbeitet
    werden soll, zu beziehen. Der Handel mit all seinen Schlichen des Auffauss,
    der Preiserhöhung und Preisherabsetzung, mit seinen unzähligen Praktiken und
    dem Einfluß, den er den Vermittlern, durch deren Hände alles geht, verleiht,
    erhebt rechts und links Abgaben, und schreibt der Production und der Con-
    fumtion, deren gehorsamer Diener er sein sollte, eigenmächtig Gesetze vor."
     

    „Er beraubt, zweitens, die Gesellschaft durch seinen ungeheuern
    Gewinn, einen Gewinn, welcher auf dem Consumenten wie auf dem
    Producenten lastet, und ganz außer Verhältniß zu den geleisteten Diensten
    steht, für welche der zwanzigste Theil der gegenwärtig bamit beschäftigten
    Personen ausreichen würde.
     

    „Drittens beraubt er die Gesellschaft durch die Verminderung ihrer
    productiven Kräfte, indem er neunzehn Zwanzigstel der Handelsleute, welche
    weiter nichts als Schmaroßer sind, der productiven Arbeit entzieht. So
    schädigt der Handel die Gesellschaft, nicht nur, indem er sich einen übergroßen
    Antheil am Gesammtvermögen aneignet, sondern auch, indem er die Produc-
    tionskraft der socialen Werkstätte bedeutend herabsetzt. Die überwiegende
    Mehrzahl der Händler würde zur productiven Arbeit zurückkehren, wenn ein
    vernünftig organisirtes System des Handelsverkehrs an Stelle des jest be=
    ftehenden unentwirrbaren Chaos treten würde."
     

    Viertens schädigt er die Gesellschaft durch die Verfälschung der
    Waaren, welche gegenwärtig alle Grenzen übersteigt. Und in der That, es
     

    *) a. a. D., 38-40 [56-59].
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    182
     

    ist klar, daß, wenn hundert Gewürzträmer fich in einer Stadt niederlassen,
    in welcher es vorher nur zwanzig gab, die Leute darum nicht anfangen
    werden, fünfmal soviel Gewürze zu verbrauchen. Deshalb werden nun die
    hundert vortrefflichen Gewürzhändler mit einander um den Gewinn balgen
    müssen, welchen früher die zwanzig auf redliche Weise gemacht haben; die Con-
    currenz zwingt fie, sich auf Kosten des Consumenten schablos zu halten, entweder
    indem sie, wie mitunter geschieht, die Preise erhöhen, oder indem sie, was immer
    geschieht, die Waaren verfälschen. Wenn es so weit gekommen ist, ist es mit
    aller Redlichkeit zu Ende. Schlechtere oder verfälschte Waaren werden jedes-
    mal als gute oder ächte verkauft, wenn der Kunde nicht zu gewißigt ist, um
    sich betrügen zu lassen. Und wenn der Kunde gründlich hintergangen
    ward, tröstet sich das kaufmännische Gewissen mit dem Gedanken: Ich gebe
    meinen Preis an, die Leute können den Artikel nehmen oder stehen lassen,
    niemand ift gezwungen zu kaufen. Der Schade, welchen die Consumenten
    durch die schlechte Qualität oder die Verfälschung der Waaren erleiden, ist
    ganz unberechenbar."
     

    „Er beraubt die Gesellschaft, fünftens, durch Waarenanhäufungen, seien
    es nun fünstliche oder nicht, in Folge deren große Mengen von Gütern, die
    an einem Orte angesammelt liegen, beschädigt werden und wegen Mangels an
    Abnehmern zu Grunde gehen. Fourier fagt (Théorie des Quatre Mouve-
    ments, p. 334, erste Ausgabe): Das fundamentale Princip der Handels-
    systeme, daß den Kaufleuten volle Freiheit zu gewähren set,
    giebt ihnen ein unbeschränktes Eigenthumsrecht auf die Güter, mit denen sie
    Handeln; sie haben das Recht, fie vollständig vom Markt zurückzuziehen, fie
    dem Verbrauche vorzuenthalten und selbst sie zu verbrennen, wie dieß die
    Orientalische Gesellschaft zu Amsterdam mehr als einmal gethan hat, indem
    fie große Mengen Zimmt öffentlich verbrannte, um den Preis des Artikels
    zu heben. Was sie mit Zimmt that, hätte sie auch mit Korn gethan; nur
    die Furcht, von der Bevölkerung gesteinigt zu werden, hielt sie davon ab,
    einen Theil ihres Korns zu verbrennen, um den Reft zu viermal höherem
    Preise zu verkaufen. Es ist in der That in Hafenstädten ein ganz alltägliches
    Vorkommniß, daß Getreidevorräthe in's Meer geworfen werden, weil die
    Händler sie verfaulen ließen, während sie ein Steigen der Preise abwarteten.
    Ich hatte selbst, als ich Commis war, für die Vollziehung dieser schmählichen
    Handlungen zu forgen, und eines Tages mußte ich etwa zwanzigtausend
    Centner Reis in's Meer werfen lassen, welche mit gutem Nutzen hätten ver-
    tauft werden können, wäre der Händler weniger geldgierig gewefen. Die
    Gesellschaft trägt die Kosten dieser Vergendung, welche unter dem Schutz
    des philosophischen Grundsazes,volle Freiheit für die Kaufleute"
    alle Tage stattfindet."
     

    Sechstens, der Handel beraubt die Gesellschaft außerdem durch alle
    die Verluste, Beschädigungen und Vergendungen, welche sich aus der außer-
    ordentlichen Zerstreuung der Güter in Millionen von Läden und aus der
    Vervielfältigung und den Verwicklungen des Transportes ergeben."
     

    Siebentens, der Handel beraubt die Gesellschaft durch schamlosen und
    zügellofen Wucher, durch Wucher von geradezu Entsetzen erregender Art.
    Der Händler betreibt sein Geschäft mit einem fictiven Capital, welches sein
    wirkliches Capital weit übersteigt. Ein Händler mit einem Capital von
    30000 Francs wird sich mit Hilfe von Credit und Wechseln auf Unter-
    nehmungen von 100, 200, 300taufend Francs einlassen. Auf diese Weise
    zieht er aus einem Capital, das er gar nicht besißt, einen wucherischen
     

  • S.

    183
     

    Der Socialismus.
     

    Zins, welcher zu dem Capital, das er wirklich sein eigen nennt, in gar
    feinem Verhältniß steht."
     

    ,,Achtens, er beraubt die Gesellschaft durch unzählige Bankerotte;
    denn die täglichen Unfälle unseres taufmännischen Systems, politische Er-
    schütterungen und jede andere Art von Störung muß schließlich einen Tag
    herbeiführen, an dem der Händler, welcher seine Mittel übersteigende Ver-
    bindlichkeiten auf sich genommen hat, nicht länger im Stande ist, ihnen
    gerecht zu werden; und sein Concurs
    er mag nun ein betrügerischer sein
    oder nicht muß ein schwerer Schlag für seine Gläubiger sein. Der
    Bankerott des Einen zieht den Bankerott Anderer nach sich, und bald folgt
    ein Zusammensturz dem anderen, das Verderben in weite Kreise tragend.
    Und immer find es der Consument und der Producent, welche darunter
    leiden, denn der Handel, als ein Ganzes betrachtet, bringt kein Vermögen
    hervor und verwendet im Verhältniß zu der Geldmenge, die durch seine Hände
    geht, sehr wenig Capital. Wie viele Fabriken werden durch diese Schläge
    zertrümmert, wie viele ergiebige Quellen des Reichthums durch diese Manöver
    und diese Unglücksfälle verschüttet!"
     

    „Der Producent liefert die Waaren; der Consument giebt das Geld her;
    der Handel bringt den Credit hinzu, der auf wenig oder gar kein wirkliches
    Capital begründet ist, und die einzelnen Glieder der handeltreibenden
    Gemeinschaft find in feiner Weise für einander verantwortlich. Dieß ist in
    wenigen Worten die ganze Theorie des Gegenstandes."
     

    „Neuntens, der Handel beraubt die Gesellschaft durch die Unab-
    hängigkeit und Unverantwortlichkeit, welche ihm verstattet, zu
    solchen Zeiten zu kaufen, in denen die Producenten genöthigt sind, zu verkaufen
    und mit einander zu concurriren, um sich Geld für ihren Miethzins und
    für die zur Production nothwendigen Ausgaben zu verschaffen. Wenn der
    Markt überfüllt und die Waaren wohlfeil find, dann kauft der Handel.
    Dadurch erzeugt er ein Steigen der Preise und plündert so durch diesen
    einfachen Kunstgriff sowohl den Producenten als auch den Consumenten."
     

    „Er beraubt, zehntens, die Gesellschaft, indem er ihr Capital ent-
    zieht, welches zur productiven Verwendung zurückkehren wird, wenn der
    Handel den ihm zukommenden bescheidenen Platz einnimmt und blos zu
    einer Vermittlung des Geschäftsverkehrs zwischen den (mehr oder weniger
    weit entfernten) Producenten und den großen Mittelpunkten der Consum-
    tion den socialistischen Gemeinden wird. Somit würde das für diese
    faufmännischen Speculationen verwendete Capital (welches, so klein es auch
    im Vergleich zu der ungeheuern Geldmenge ist, die durch die Hände der
    Kaufleute geht, doch an und für sich kolossale Summen ausmacht) der
    Production einen neuen Anstoß ertheilen, wenn der Handel des zeitweiligen
    Eigenthumsrechtes auf die Güter beraubt und deren Vertheilung die Auf-
    gabe einer verwaltenden Organisation würde. Das Börsenspiel ist die
    Häßlichste Form, in welcher diese Verderbniß des Handels erscheinen tann."
     

    Elftens beraubt er die Gesellschaft durch das Auffaufen oder Mono-
    polisiren von Rohstoffen. Denn (so sagt Fourier, a. a. D., S. 359) die
    erhöhten Preise von aufgekauften Artikeln werden schließlich von den Consu-
    menten, wenngleich zunächst von den Fabrikanten getragen, welche ihren
    Betrieb fortzusetzen genöthigt sind, mithin Geldopfer bringen und in der
    Hoffnung auf beffere Zeiten mit geringem Nußen arbeiten; und es dauert
    oft lange, bis sie fich für die hohen Preise, welche der Monopolist sie in
    erster Reihe zu zahlen genöthigt hat, schadlos halten können. . . .
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    184
     

    Alle diese Schäden, sowie viele andere, welche ich übergehe, werden
    noch durch die ungeheure Verwickelung des kaufmännischen Verkehrs verviel-
    facht, denn die Güter gehen nicht nur einmal durch diese gierigen Krallen;
    es giebt deren einige, die zwanzig oder dreißig Mal hin und her gehen müssen,
    bevor sie zum Consumenten gelangen. Zunächst macht das Rohmaterial
    diesen Weg, bevor es zum Fabricanten kommt, der es zuerst verarbeitet;
    dann kehrt es zum Handel zurüd, um von ihm wieder für eine zweite
    Verarbeitung entlassen zu werden; und so geht dieß fort, bis der Gegen-
    stand feine endgiltige Gestalt erreicht hat. Dann gelangt er in die Hände
    der großen Kaufleute, welche denselben den Engroshändlern, und diese wieder
    den großen Detailhändlern der Städte, und diese den fleinen Krämern und
    den Ladenbefizern auf dem Lande verkaufen; und jedesmal, wenn der
    Gegenstand die Hände wechselt, läßt er etwas in denselben zurück."
     

    Einer meiner Freunde, welcher vor kurzem den Jura durch-
    wanderte, wo befanntlich viel Metallarbeiten angefertigt werden, hatte Ge-
    legenheit, in das Haus eines Bauern zu treten, welcher ein Verfertiger von
    Schaufeln war. Er fragte ihn um den Preis. Wir wollen uns verstän-
    digen, antwortete der arme Arbeiter, durchaus kein Nationalökonom, aber
    ein Mann von gesundem Verstand; ich verkaufe sie zu 16 Sous für den
    Handel, welcher sie im Detailverkauf in der Stadt zu 40 Sous abgiebt.
    Wenn Sie einen Weg finden könnten, einen directen Verkehr zwischen dem
    Arbeiter und dem Consumenten zu eröffnen, fönnten Sie dieselben zu
    28 Sous bekommen, und wir würden jeder 12 Sous bei diesem Geschäfte
    gewinnen" *).
     

    Ganz ähnlich äußert sich Owen in dem Book of the New
    Moral World, II. Theil, 3. Capitel**):
     

    "Das heutzutage herrschende System veranlaßt einen großen Theil der
    Gesellschaft, sein Leben der Vertheilung von Gütern in großem, mittlerem
    oder kleinem Maßstab zu widmen und dieselben in größeren oder fleineren
    Mengen von Ort zu Ort zu befördern, um den Mitteln und Bedürfnissen
    der verschiedenen Rangstufen der Gesellschaft und Gruppen von Individuen,
    wie sie jetzt in Städten, Märkten, Dörfern und auf Landfigen wohnen, zu
    entsprechen. Dieses System der Vertheilung schafft eine Classe in der
    Gesellschaft, deren Geschäft es ist, von einigen zu kaufen und an Andere
    zu verkaufen. Dieses Vorgehen versetzt sie in eine Lage, welche es ihnen
    wünschenswerth erscheinen läßt, zu einem Preise einzukaufen, der zur Zeit
    als ein niedriger gilt, und mit dem größtmöglichen dauernden Gewinn zu
    verkaufen. Ihr eigentliches Absehen geht hierbei dahin, sich durch die Differenz
    zwischen dem Einkaufs- und Verkaufspreise so viel als möglich zu bereichern."
     

    Aus dieser Methode der Vertheilung der Güter der Gesellschaft ent-
    springen mit Nothwendigkeit zahllose principielle Irrthümer und praktische
    Üebelſtände."
     

    "Erstens, es entsteht eine Claffe der Vertheiler im Allgemeinen, deren
    Interesse von jenem der Einzelnen, von denen sie kaufen und an die fie
    verkaufen, verschieden und ihm augenscheinlich entgegengesetzt ist."
     

    3weitens, es entstehen drei Classen von Bertheilern, die kleinen, die
    mittleren und die großen Käufer und Verkäufer, oder die Detailhändler, die
    Engroshändler und die großen Kaufleute."
     

    Considérant, a. a. D., S. 43-51 [= 64-71].
     

    [Dieſes Citat konnte ausnahmsweise nicht verificirt werden.]
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    185
     

    Drittens, drei auf diese Weise zu Stande gekommene Classen von
    Käufern stellen die kleinen, die mittleren und die großen Einkäufer dar."
     

    "Durch diese Einreihung in verschiedene Classen von Käufern und Ver-
    fäufern werden die Betreffenden bald zur Wahrnehmung geführt, daß sie
    gesonderte und einander zuwiderlaufende Interessen befizen und verschiedene
    Rangstellungen in der Gesellschaft einnehmen. Auf diese Weise wird eine Un-
    gleichheit der Gesinnung und der Lebenslage geschaffen und aufrecht er-
    halten, welche von all dem Hochmuth und all der kriecherischen Unter-
    würfigkeit begleitet ist, die solche Ungleichheiten jedesmal erzeugen. Die
    Betreffenden empfangen eine regelrechte Schulung in einem allgemeinen
    System der Täuschung, damit ihnen der wohlfeile Einkauf und der theure
    Verkauf beffer gelinge.
     

    Die Kleineren Verkäufer eignen sich dadurch, daß fie oft Stunden lang
    auf Kunden warten, einen schädlichen Hang zum Müffiggang an. Auch
    unter der Classe der Engroshändler macht sich dieser Uebelstand in beträcht-
    lichem Grade fühlbar."
     

    4
     

    Infolge dieser Einrichtung giebt es auch in den Städten, Märkten und
    Dörfern weit mehr Verkaufsläden, als nothwendig sind, und ein sehr großes
    Capital geht so ohne Nutzen für die Gesellschaft zu Grunde. Und da sie sich
    wegen ihrer großen Anzahl überall die Kunden streitig machen, streben sie da-
    nach, einander an Wohlfeilheit zu überbieten, und bemühen sich daher beständig,
    den Producenten durch die Eröffnung von sogenannten billigen Läden und
    Magazinen zu schädigen; und um sich in seiner Rolle zu behaupten, muß
    der Herr oder müssen seine Bediensteten beständig die Gelegenheit erspähen,
    gute Käufe zu machen, das heißt, Güter um weniger, als ihre Productions-
    kosten betragen, an sich zu bringen."
     

    „Die fleinen, mittleren und großen Vertheiler müssen insgesammt von
    den Producenten erhalten werden, und je größer die Zahl der ersteren im
    Vergleich mit der Zahl der letzteren ist, desto schwerer wird die Last, welche
    der Producent zu tragen hat; denn in dem Maße, als die Zahl der Ver-
    theiler zunimmt, muß die Ansammlung von Vermögen abnehmen und müssen
    größere Anforderungen an den Producenten gestellt werden."
     

    "Unter dem gegenwärtigen System bilden die Vertheiler des Vermögens
    eine die Producenten erdrückende Laft und zugleich einen sehr wirksamen
    Factor der Entfittlichung der Gesellschaft. Die abhängige Stellung, in der
    sie sich beim Beginne ihrer Laufbahn befinden, lehrt oder veranlaßt sie, gegen
    ihre Kunden friecherisch zu sein, und so bleiben sie auch, so lange sie durch
    wohlfeilen Einkauf und theuren Verkauf Reichthümer zu sammeln fortfahren.
    Sobald sie aber so viel erworben haben, als sie ausreichend erachten, um
    nach ihrem Sinne unabhängig, das heißt frei von Geschäften zu leben,
    zeigen sie sich nur allzu oft im höchsten Grade dummstolz, und voll An-
    maßung gegen ihre Untergebenen."
     

    „Diese Einrichtung ist eine für die Gesellschaft ganz und gar unzwed-
    mäßige; denn in ihrem Interesse liegt es, die größte Menge von Gütern der
    besten Qualität zu erzeugen, während das gegenwärtige System der Ver-
    theilung nicht blos eine große Zahl von Menschen von der Production
    abzieht, um sie zu Zwischenhändlern zu machen, sondern überdieß den Con-
    fumenten mit all dem Aufwand belastet, den eine höchst kostspielige und ver-
    schwenderische Art der Vertheilung verursacht; denn die letztere kommt dem
    Consumenten um ein mehrfaches theurer zu stehen als der ursprüngliche
    Kostenpreis des gekauften Gutes betrug."
     

    "Ferner kommt der Verkäufer durch die Lage, in welche ihn die in ihm
     

  • S.

    186
     

    Der Socialismus.
     

    wachgerufene Gewinnsucht auf der einen und die Concurrenz von Rivalen,
    welche ähnliche Erzeugnisse verkaufen, auf der anderen Seite versetzt, in starte
    Versuchung, die Waaren, welche er zum Verkaufe feilbietet, zu verfälschen;
    und falls dieß Lebensmittel sind sei es im Lande erzeugte oder aus der
    Frembe eingeführte, so übt die Verfälschung auf die Gesundheit und mithin
    auf das Wohlbefinden und Glück der Consumenten oft eine überaus verderb-
    liche Wirkung, erzeugt zahlreiche vorzeitige Todesfälle, besonders unter den
    arbeitenden Claffen, welche als die Käufer der geringeren oder wohlfeileren
    Artikel in diesem Betracht vielleicht am meisten zu leiden haben
     

    "Die Kosten einer solchen Vertheilung von Gütern in Großbritannien
    und Frland betragen im Lauf eines Jahres mit Einschluß der Beförderungs-
    spesen von Ort zu Ort und mit Berücksichtigung aller auf diesem Gebiete
    direct und indirect beschäftigten Personen schwerlich viel weniger als
    hundert Millionen Pfund, wobei wir die Verschlechterung der Qualität
    vieler Güter nicht in Rechnung ziehen, welche durch den Transport, durch
    allzu große Parzellirung, und durch Aufbewahrung in ungeeigneten Maga-
    zinen und an Orten verursacht wird, wo die Luft der Erhaltung dieser
    Waaren in einem für den Gebrauch erträglich geeigneten, geschweige denn in
    dem besten Zustande wenig günstig ist."
     

    Zur ferneren Beleuchtung des Interessengegensatzes zwischen
    Individuen und Classen, welcher die gegenwärtige Verfassung der
    Gesellschaft durchdringt, bemerkt Hr. Considérant des weiteren:
     

    Wenn der Weinbauer Freihandel wünscht, so richtet andererseits diese
    Freiheit den Getreidebauer, den Eisen-, Tuch- und Baumwollwaarenfabri-
    canten und wie wir hinzufügen müssen auch den Schmuggler und
    den Zollbeamten zu Grunde. Wenn es im Interesse der Consumenten liegt,
    daß Maschinen erfunden werden, welche durch die Herabsetzung der Produc-
    tionskosten den Preis ermäßigen, so rauben eben diese Maschinen Tausenden
    von Arbeitern, welche keine andere Arbeit zu finden wissen und sie auch nicht
    sogleich finden können, ihre Beschäftigung. In diesem Beispiel haben wir
    also wieder einen der unzähligen circuli vitiosi der Civilisation vor Augen
    denn es giebt tausend Thatsachen, von denen jede für sich den
    Beweis liefert, daß bei unserem heutigen socialen System die Einführung
    von etwas Gutem immer irgend ein Uebel im Gefolge hat."
     

    "Endlich, wenn wir noch tiefer herabsteigen, bis zu den Einzelheiten des
    Alltagslebens, so finden wir, daß es im Interesse von Schneidern, Schuftern
    und Hutmachern liegt, wenn Röcke, Schuhe und Hüte bald abgetragen
    werden, daß den Glasern die Hagelwetter zu Gute kommen, welche die Fenster
    zertrümmern, daß die Steinmeze und Baumeister aus Feuersbrünsten
    Nuzen ziehen, daß die Advocaten durch Processe bereichert werden, die Aerzte
    durch Krankheiten, die Weinhändler durch Trunkenheit, und die öffentlichen
    Dirnen durch Ausschweifungen. Und welch ein schwerer Schicksalsschlag
    wäre es für die Richter, die Polizeidiener und die Kerkermeister, ebenso wie
    für die Bertheidiger und Rechtsanwälte, wenn es mit allen Verbrechen, Ver-
    gehen und Processen plötzlich zu Ende wäre" *).
     

    Im folgenden lernen wir eine der Hauptlehren dieser Schule
    fennen:
     

    *) Considérant, Destinée Sociale, I, 59-60 [87-89].
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    187
     

    „Und zu all dem kommt noch, daß die Civilisation, welche auf allen
    Seiten Kampf und Zwift säet, welche einen großen Theil ihrer Kräfte un-
    productiv oder zu Zwecken der Zerstörung verwendet, welche weiterhin den
    gemeinsamen Reichthum durch die unnöthige Reibung und Zwietracht, welche
    fie in die Gewerbthätigkeit einführt, verringert, es kommt noch hinzu,
    sage ich, daß dieses selbe sociale System die besondere Eigenthümlichkeit hat,
    ein Widerstreben gegen die Arbeit, eine Scheu vor der Thätigkeit zu er-
    zeugen."
     

    Allerorten hört man den Arbeiter, den Hand- wie den Kopfarbeiter,
    über seine Stellung und Beschäftigung flagen, während dieselben sehnsüchtig
    bie Zeit erwarten, da sie die ihnen durch die Verhältnisse aufgezwungene
    Arbeit abschütteln können. Daß sie abstoßend ist, daß sie kein anderes Motiv,
    feinen anderen Hebel als die Furcht vor dem Hungertode kennt, das ist das
    große, das verhängnißvolle Merkmal der civilisirten Arbeit. Wer in ihrem
    Dienste steht, ist zur Zwangsarbeit verurtheilt. So lange die productive
    Arbeit so organisirt bleibt, daß sie, anstatt mit Vergnügen, mit Schmerz,
    Ueberdruß und Widerwillen verknüpft ist, werden sich ihr jederzeit Alle,
    die es irgend vermögen, entziehen. Von seltenen Ausnahmen abgesehen,
    werden sich nur diejenigen der Arbeit widmen, welche die Noth dazu zwingt.
    Daher werden die zahlreichsten Classen, die Urheber des Reichthums der
    Gesellschaft, die emfigen directen Erzeuger jeder Bequemlichkeit und jedes
    Lurus stets zu einem Loose verurtheilt sein, welches der nächste Nachbar der
    Armuth und des Hungers ist; sie werden immer die Sclaven der Unwissen-
    heit und Verderbtheit sein; sie werden immer jene große Heerde von Last-
    thieren bleiben, welche wir, leiblich verkümmert und durch Krankheiten decimirt,
    in der großen Werkstätte der Gesellschaft über den Pflug oder über den
    Arbeitstisch gebeugt sehen, um die leckeren Speisen und die üppigen Genüſſe
    der oberen Classen zu beschaffen."
     

    "So lange tein Mittel gefunden wird, die Arbeit anziehend zu machen,
    so lange wird es wahr bleiben, daß es viele Arme geben muß, damit
    wenige Reiche bestehen können, ein niedriger und gehäffiger Ausspruch, auf
    den sich gleichwie auf eine ewige Wahrheit Tag für Tag Personen berufen,
    die fich Christen oder Philosophen nennen! Es ist sehr leicht einzusehen, daß
    Unterdrückung, Betrug, und vor allem Armuth das bleibende, verhängniß-
    volle Erbtheil eines jeden Zustandes der Gesellschaft sein muß, dessen fenn-
    zeichnendes Merkmal die Arbeitsschen ist; denn in diesem Falle ist es die
    Armuth allein, welche die Menschen zur Arbeit zwingen kann. Und der
    Beweis dafür liegt darin, daß, wenn alle Arbeiter, wenn alle Welt plötzlich
    reich würde, morgen niemand mehr arbeiten wollte."*)
     

    Nach der Meinung der Fourieristen zielt die gegenwärtige
    Einrichtung der Gesellschaft auf die Vereinigung des Reichthums
    in den Händen von verhältnißmäßig wenigen, unermeßlich reichen
    Individuen oder Genossenschaften und auf die vollständige Unter-
    werfung der Uebrigen unter deren Gewalt ab. Fourier hat diesen
    Zustand la féodalité industrielle genannt.
     

    „Dieser Feudalismus," sagt Hr. Confidérant, wäre dann erreicht,
    wenn der größte Theil des industriellen und des Bodenbefißes der Nation
     

    *) a. a. D. I, 60-61 [89-91].
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    188
     

    einer Minderheit gehörte, welche das ganze Einkommen derselben mit Beschlag
    belegt, während die große Mehrheit, an den Arbeitstisch oder an den Pflug
    gebannt, sich mit den Brosamen begnügen muß, die man ihr zuwirft*).
     

    Dieses unheilvolle Ergebniß soll zum Theil durch die bloße
    Fortentwicklung der Concurrenz herbeigeführt werden, wie dieselbe
    in unserem früheren Auszug aus L. Blanc geschildert wurde, zum
    Theil soll die Vergrößerung der Staatsschulden dazu beitragen,
    welche Hr. Considérant als Verpfändungen des ganzen Bodens
    und des gesammten Capitals des Landes betrachtet, so daß,,les
    capitalistes prêteurs" in immer größerem Maßstabe Miteigen-
    thümer desselben werden und ohne Mühewaltung und Gefahr einen
    stets wachsenden Antheil des Gesammteinkommens an sich reißen.
     

    Prüfung der socialistischen Einwürfe gegen die gegenwärtige
    Gesellschafts-Ordnung.
     

    Es läßt sich unmöglich in Abrede stellen, daß die Er-
    wägungen, welchen wir im vorausgehenden Abschnitt unsere Auf-
    merksamkeit zugewendet haben, eine entsetzliche Anklage, entweder
    gegen die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft oder aber gegen
    die Stellung des Menschen in dieser Welt enthalten. Wie viel
    dem Einen und wie viel dem Anderen zur Last fällt, das ist die
    hauptsächliche theoretische Frage, die es nunmehr zu lösen gilt.
    Aber selbst die stärkste Sache ist der Uebertreibung fähig; und
    es wird vielen Lesern schon aus den Stellen, welche ich angeführt
    habe, klar geworden sein, daß es an solchen Uebertreibungen in
    den Darstellungen der verständigsten und redlichsten Socialisten
    keineswegs fehlt. Obgleich viele von ihren Behauptungen un-
    widerleglich sind, so beruhen doch nicht wenige auf nationalökono=
    mischen Irrthümern, worunter ich, um es hier ein- für allemal zu
    sagen, nicht die Verwerfung irgend welcher von Nationalökonomen
    aufgestellten Regeln für das praktische Handeln, sondern mangelnde
    Einsicht in wirthschaftliche Thatsachen und in die Ursachen ver-
    stehe, welche die ökonomischen Erscheinungen der bestehenden Gesell-
    schaft thatsächlich hervorbringen.
     

    *) a. a. D. I, 134 [198].
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    189
     

    Zunächst muß leider zugegeben werden, daß die Löhne für
    gewöhnliche Arbeit in allen Ländern Europa's die materiel-
    len und sittlichen Bedürfnisse der Bevölkerung in noch so beschei-
    denem Maße zu befriedigen ganz und gar unzulänglich sind.
    Wenn aber weiterhin gesagt wird, daß selbst diese unzulängliche
    Vergütung die Tendenz hat zu sinken, daß, um mit Hrn. Louis
    Blanc zu reden, une baisse continue des salaires stattfindet,
    so steht diese Behauptung im Widerspruch mit allen verläßlichen
    Nachrichten und vielen allgemein bekannten Thatsachen. Es ist
    noch zu beweisen, daß es ein Land in der civilisirten Welt giebt,
    in welchem die gewöhnlichen Arbeitslöhne, nach Geld oder nach
    Verbrauchsgegenständen bemessen, im Sinken begriffen sind, während
    es feststeht, daß sie in vielen Ländern im Großen und Ganzen im
    Ansteigen begriffen sind, und zwar in einem Ansteigen, welches sich
    fortwährend beschleunigt, anstatt sich zu verlangsamen. Es kommt
    gelegentlich vor, daß irgend welche Industriezweige von anderen
    allmählich verdrängt werden; und in diesen bleiben dann die Arbeits-
    löhne so lange niedrig, bis die Production sich der Nachfrage an-
    gepaßt hat; dieß ist allerdings ein Uebel, aber ein nur zeitweiliges
    und ein solches, welches selbst beim gegenwärtigen wirthschaftlichen
    System bedeutende Linderung zuläßt. Eine auf diese Weise her-
    vorgebrachte Berringerung der Arbeitsvergütung in irgend einer
    besonderen Beschäftigung ist die Folge und das Anzeichen einer er-
    höhten Vergütung oder einer neuen Quelle der Vergütung in
    einer anderen Beschäftigung, wobei der Gesammtbetrag und
    der Durchschnitt der Vergütung unvermindert bleibt und selbst
    zunehmen kann. (Wer eine Erniedrigung des Lohnsatzes in
    irgend einem einflußreichen Zweig der Gewerbthätigkeit zu er-
    weisen trachtet, findet es immer nothwendig, den Stand der
    Arbeitslöhne während eines Monats oder eines Jahres, in welchem
    das Geschäft zeitweilig darnieder liegt, mit dem durchschnittlichen
    oder selbst mit einem ausnahmsweise hohen Stande zu einer früheren
    Zeit zu vergleichen.) *) Diese Wechselfälle sind ohne Zweifel ein
    großes Uebel; aber sie waren in früheren Epochen der Volks-
    wirthschaft ebenso hart und ebenso häufig wie jetzt. Der ausge
    dehntere Maßstab des Handelsverkehrs und die größere An-
    zahl von Personen, welche von jeder Schwankung betroffen
     

    *) [Der eingeklammerte Satz unterbricht den Zusammenhang in em-
    pfindlicher Weise und wäre vom Verfasser bei einer Ausarbeitung dieses
    Entwurfes sicherlich nicht an seiner jezigen Stelle belassen worden.]
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    190
     

    werden, lassen dieselbe vielleicht größer erscheinen; aber obwohl
    bei einer zahlreicheren Bevölkerung sich mehr Personen vorfinden,
    welche darunter leiden, so lastet doch das Unglück darum nicht
    schwerer auf jedem Einzelnen. Viele Thatsachen sprechen für
    eine Verbesserung, und gar keine, die irgend welchen Glauben
    verdienen, für eine Verschlechterung in der Lebensweise der
    arbeitenden Bevölkerung Europa's; und wo der Anschein für das
    Gegentheil spricht, da betrifft die Verschlechterung immer nur eine
    besondere Dertlichkeit oder ein besonderes Gewerbe, und läßt sich
    jedesmal entweder auf den zeitweiligen Druck, welchen ein un-
    glückliches Ereigniß ausübt, oder auf ein schlechtes Gesetz oder
    eine unverständige Regierungsmaßregel zurückführen, welche der
    Berichtigung zugänglich sind, während die dauernd wirkenden Ur-
    fachen insgesammt zu Gunsten der Verbesserung thätig sind.
     

    Während also Hr. Louis Blanc sich viel aufgeklärter als die
    alte Schule von Demokraten und Gleichmachern zeigt, indem er
    den Zusammenhang zwischen niedrigen Arbeitslöhnen und der
    allzu raschen Bevölkerungszunahme anerkennt, scheint er doch in
    denselben Irrthum verfallen zu sein, den Malthus und seine An-
    hänger anfänglich begangen haben. Diese glaubten nämlich, daß, weil
    die Bevölkerung die Tendenz besitzt, stärker zu wachsen als die
    Subsistenzmittel, auch ihr Andrängen gegen die Subsistenzmittel
    immer heftiger werden müsse. Der Unterschied ist nur der, daß
    die ältere Malthusianische Schule diese Tendenz für unbesiegbar
    hielt, während Hr. Louis Blanc der Meinung ist, daß sie, aber
    nur unter einem communistischen Systeme, unterdrückt werden
    könne. Es ist schon ein großer Gewinn für die Wahrheit, wenn
    die Einsicht um sich greift, daß die Tendenz zur Uebervölkerung eine
    Thatsache ist, mit welcher der Communismus eben so zu rechnen
    hätte, wie die bestehende Verfassung der Gesellschaft; und es ist
    überaus erfreulich, daß diese Nothwendigkeit von den angesehenſten
    Häuptern aller socialistischen Schulen der Gegenwart anerkannt wird.
    Owen und Fourier treffen in diesem Eingeständniß mit Hrn. Louis
    Blanc zusammen, und jeder von ihnen hält sein eigenes System für
    vorzugsweise geeignet, dieser Schwierigkeit zu begegnen. Allein dem
    sei wie ihm wolle, die Erfahrung zeigt uns, daß das Andrängen der
    Bevölkerung gegen die Subsistenzmittel die Hauptursache der
    niedrigen Arbeitslöhne - in dem gegenwärtigen Zustande der Gesell-
    schaft zwar ein großes, aber doch kein wachsendes Uebel ist; der Fort-
    schritt alles dessen, was man unter dem Namen der Civilisation zu-
    sammenfaßt, zielt vielmehr darauf ab, dieses Uebel zu verringern, zum
    Theil durch die raschere Vermehrung der Mittel zur Beschäftigung und
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    191
     

    Ernährung der Arbeitenden, zum Theil durch die erhöhte Leichtigkeit,
    welche der Arbeit geboten wird, sich nach neuen Ländern und auf bis-
    her unangebaute Arbeitsgebiete zu übertragen, und zum Theil durch
    einen allgemeinen Fortschritt in der Einsicht und Bedachtsamkeit
    der Bevölkerung. Dieser Fortschritt geht ohne Zweifel langsam
    von statten, aber es ist schon viel, daß überhaupt ein solcher statt-
    findet, während wir noch am Anfange jener großen, die Erziehung
    des ganzen Volkes anstrebenden Bewegung stehen, welche in ihrer
    weiteren Entwicklung die Wirksamkeit der beiden früher angeführten
    Ursachen des Fortschritts in hohem Grade verstärken muß. Es
    bleibt natürlich eine offene Frage, welche Form der Gesellschaft
    die beste Eignung besitzt, dem Andrängen der Bevölkerung gegen
    die Subsistenzmittel erfolgreich zu widerstehen, und es ließe sich
    in dieser Hinsicht Vieles zu Gunsten des Socialismus vor-
    bringen; was man lange für die verwundbarste Stelle desselben
    gehalten hat, wird sich vielleicht als eine seiner stärksten Seiten er-
    weisen. Aber der Socialismus hat keinen begründeten Anspruch,
    für das einzige Mittel zu gelten, das die allgemeine und wachsende
    Erniedrigung der großen Masse der Menschen verhüten kann, welche
    die Frucht jener eigenthümlichen Tendenz der Armuth ist, Ueber-
    völkerung zu erzeugen. Auch wie die Gesellschaft gegenwärtig
    eingerichtet ist, sinkt sie keineswegs immer tiefer in diesen Pfuhl
    hinab, sondern sie erhebt sich aus demselben, zwar langsam, aber
    stetig; auch steht es zu erwarten, daß dieser Proceß, falls er
    nicht durch schlechte Gesetze gestört wird, andauern und an Ge-
    schwindigkeit zunehmen wird.
     

    Es muß weiterhin bemerkt werden, daß die Socialisten- und
    das gilt selbst von den verständigsten derselben im Allgemeinen
    eine sehr unvollkommene und einseitige Einsicht in die Wirksamkeit
    der Concurrenz besitzen. Sie sehen die eine Hälfte ihrer Wirkungen
    und übersehen die andere; sie erblicken in ihr einen Factor, welcher
    die Vergütung eines Jeden mehr und mehr verkleinert und ihn
    zwingt, weniger Lohn für seine Arbeit oder einen geringeren
    Preis für seine Waaren anzunehmen; was doch nur dann richtig
    wäre, wenn Jeder seine Arbeit oder seine Waaren an einen großen
    Monopolisten verkaufen müßte, und die Concurrenz ausschließlich
    auf einer Seite stattfände. Sie vergessen, daß die Concurrenz
    eine Ursache hoher Preise und Werthe ebenso wohl als niedriger
    ist, daß die Käufer der Arbeit und der Waaren ebenso gut mit
    einander concurriren wie die Verkäufer, und daß, wenn die
    Concurrenz es ist, welche die Preise der Arbeit und der Waaren
    so niedrig erhält, wie sie sind, es doch auch wieder die Concurrenz
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    192
     

    ist, welche dieselben hindert, noch tiefer zu sinken. In Wirklichkeit
    besitzt die Concurrenz, wenn sie auf beiden Seiten eine voll-
    kommen freie iſt, keine besondere Tendenz, den Preis der Güter
    zit, heben oder herabzusetzen, sondern sie strebt dahin, die Preise
    auszugleichen, Ungleichheiten der Vergütung aufzuheben, und
    alles auf einen mittleren Durchschnitt zu bringen, ein Erfolg,
    der soweit er erreicht wird (und er wird ohne Zweifel nur in
    sehr unvollkommener Weise erreicht), den Grundsätzen der Socia
    listen zufolge ein wünschenswerther ist. Aber wenn wir einstweilen
    von der preissteigernden Wirkung der Concurrenz absehen und
    unsere Aufmerksamkeit nur auf ihre entgegengesette Wirksamkeit
    richten und ferner die letztere nur mit Rücksicht auf die Interessen
    der arbeitenden Classen in's Auge fassen, so ersieht man doch
    leicht, daß, wenn die Concurrenz die Löhne niedrig. erhält und
    dadurch den Arbeitern den Wunsch einflößt, den Arbeitsmarkt,
    wenn möglich, ihrem ungehemmten Einfluß zu entziehen, eben die
    Concurrenz doch auch dahin wirkt, die Preise der Güter, für welche
    die Arbeitslöhne verausgabt werden, niedrig zu erhalten; und dieß
    kommt den lohnempfangenden Claffen in hohem Maße zu Gute.
    Um diese Ueberlegung zu entkräften, sehen sich die Socialisten,
    wie unser Citat aus Louis Blanc gezeigt hat, zur Behauptung
    genöthigt, daß die durch die Concurrenz hervorgerufenen niedrigen
    Waarenpreise trügerischer Art sind, und daß dieselben schließlich
    wieder zu einem höheren als ihrem ursprünglichen Stande ge=
    langen, und zwar aus dem Grunde, weil der reichste Concurrent,
    nachdem er alle seine Rivalen beseitigt hat, den Markt beherrscht
    und jeden beliebigen Preis verlangen kann. Nun zeigt aber die
    alltäglichste Erfahrung, daß bei wirklich freier Concurrenz ein
    solcher Zustand der Dinge von ganz imaginärer Art ist. Der
    reichste Concurrent wird und kann sich nicht seiner sämmtlichen
    Rivalen entledigen, um sich zum alleinigen Herrn des Marktes zu
    machen, und es ist niemals vorgekommen, daß ein wichtiger Zweig
    der Gewerbthätigkeit oder des Handels, an dem früher Biele Theil
    hatten, das Monopol Weniger geworden ist, oder irgend eine
    Tendenz gezeigt hat, es zu werden.
     

    Ein Verfahren, wie es eben geschildert wurde, kann nur in
    einigen wenigen Fällen, z. B. in dem der Eisenbahnen, Platz
    greifen, wo feine andere Concurrenz als die zwischen zwei oder
    drei großen Gesellschaften möglich ist, weil es sich hier um Unter-
    nehmungen in so großem Style handelt, daß capitalbesitzende
    Individuen ihnen nicht gewachsen sind; und dieß ist auch einer der
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    193
     

    Gründe, weshalb Unternehmungen, welche nur durch große Gesell-
    schaften mit gemeinsamem Capitale betrieben werden können, nicht
    der Concurrenz anheimgegeben werden dürfen; vielmehr sollen sie
    (falls nicht der Staat selbst sich dieselben vorbehält) von Staats- +
    wegen festgesetzten und von Zeit zu Zeit abgeänderten Bedingungen
    unterworfen werden, damit dem Publicum eine wohlfeilere Be-
    friedigung seiner Bedürfnisse gesichert werde, als das private
    Interesse der Unternehmer, in Ermangelung einer ausreichenden
    Concurrenz, gewährleisten würde. In den gewöhnlichen Zweigen der
    Gewerbthätigkeit aber hat ein reicher Concurrent niemals die
    Macht, alle kleineren zu verdrängen. einige Geschäfte zeigen
    allerdings die Tendenz, aus den Händen einer großen Anzahl von
    kleinen Händlern oder Producenten in die einer kleineren Zahl
    von größeren Geschäftsleuten überzugehen; aber dieß tritt nur in
    solchen Fällen ein, in denen der Besitz eines größeren Capitals
    die Anschaffung von kostspieligeren, aber auch leistungsfähigeren
    Maschinen gestattet oder eine besser organisirte und sparsamere
    Geschäftsführung ermöglicht, und so den großen Producenten oder
    Händler ganz natürlicher und berechtigter Weise in den Stand setzt,
    die Waare dauernd wohlfeiler zu liefern, als bei einem kleineren Be-
    triebe möglich ist. Dieß gereicht den Consumenten, also auch den
    arbeitenden Classen, zu großem Vortheil, und thut in so weit jener
    Vergendung der Hilfsmittel der Gesellschaft Einhalt, über welche
    die Socialisten so sehr klagen, der unnöthigen Vermehrung der
    bloßen Zwischenhändler und der verschiedenen anderen Classen,,
    welche Fourier die Schmarotzer des Gewerbfleißes genannt hat.
    Auch nachdem diese Wandlung vollzogen ist, ist die Zahl der
    größeren Capitalisten, unter welche sich das Geschäft vertheilt, ob
    sie nun selbständig oder in Actiengesellschaften vereinigt arbeiten
    mögen, in einem wichtigeren Zweige des Handels selten, wenn
    überhaupt jemals, eine so geringe, daß die Concurrenz ihre Wirk-
    samkeit ganz und gar verliert; und in Folge dessen kommt die
    Kostenersparniß, welche es ihnen ermöglicht hat, die kleinen Händler
    zu verdrängen, auch späterhin wie zu Anfang ihren Kunden in
    Form von niedrigeren Preisen zugute. Der Einfluß der Con-
    currenz auf die Ermäßigung der Waaren Preise (mit Einschluß
    jener Artikel, für welche die Arbeitslöhne verausgabt werden) ist
    demnach kein trügerischer, sondern ein thatsächlicher, und wir
    dürfen hinzufügen, daß er nicht im Abnehmen, sondern im An-
    steigen begriffen ist.
     

    Aber es giebt andere Punkte von gleicher Wichtigkeit, in
    Bezug auf welche die von den Socialisten gegen die Concurrenz
    Mill, ges. Werke. XII.
     

    13
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    194
     

    erhobenen Anklagen keine so vollständige Widerlegung gestatten.
    Die Concurrenz ist die beste Bürgschaft für die Wohlfeilheit, aber
    durchaus keine Bürgschaft für die Güte der Waaren. In früheren
    Zeiten, als die Zahl der Consumenten wie der Producenten eine
    geringere war, konnte sie Beides verbürgen. Der Markt war nicht
    ausgedehnt und das Ankündigungs-Wesen nicht ausgebildet genug,
    um einen Verkäufer in den Stand zu setzen, durch beständiges
    Heranziehen neuer Kunden ein Vermögen zu erwerben; sein Erfolg
    beruhte darauf, daß die Kunden, welche er besaß, ihm treu blieben;
    ob ein Verkäufer gute oder ob er schlechte Waaren lieferte,
    wurde denen, welche es anging, bald bekannt, und er erwarb
    einen Ruf von geschäftlicher Redlichkeit oder Unredlichkeit, welcher
    für ihn belangreicher war als der Gewinn, den er durch die
    Uebervortheilung gelegentlicher Käufer erzielen konnte. Aber bei
    dem großen Maßstab des modernen Handelsverkehrs, bei der
    bedeutenden Steigerung der Concurrenz und der ungeheuren Aus-
    dehnung des Geschäftsverkehrs, auf welchen die Concurrenz
    sich erstreckt, hängen die Verkäufer so wenig von ständigen Kunden
    ab, daß ihr Ruf viel weniger belangreich für sie wird, während
    sie auch mit viel geringerer Sicherheit darauf rechnen können, den
    Ruf zu erhalten, den sie verdienen. Auf tausend Menschen,
    denen die niedrigen Preise, welche der Händler ankündigt, bekannt
    werden, kommt ein einziger, der selbst entdeckt oder von Anderen
    erfahren hat, daß die schlechte Qualität der Waaren ihren niedrigen
    Breis mehr als ausgleicht; und gleichzeitig machen die viel größeren
    Reichthümer, welche heutzutage einige Händler erwerben, die Hab-
    sucht aller rege, und die Gier nach raschem Gewinn verdrängt
    bei ihnen den bescheidenen Wunsch, sich von ihrem Geschäfte zu
    ernähren. Auf diese Weise dringt in dem Maße, als der Wohl-
    stand zunimmt und immer lockendere Aussichten sich eröffnen, die
    Spielwuth mehr und mehr in das kaufmännische Leben; und wo diese
    die Oberhand gewinnt, werden nicht nur die einfachsten Regeln
    der Klugheit vernachlässigt, sondern es empfangen auch alle, selbst
    die gefährlichsten Formen der kaufmännischen Unredlichkeit einen
    Impuls von erschreckender Stärke. Eben dieß hat man im Sinne,
    wenn man von der Intensität der heutigen Concurrenz spricht.
    Es ist fernerhin zu bemerken, daß wenn diese Intensität eine
    gewisse Höhe erreicht und wenn ein Theil der Producenten oder
    Verkäufer einer Waare zu einer der betrügerischen Proceduren
    gegriffen hat, über deren zunehmende Häufigkeit jetzt so viel ge-
    flagt wird, wie: Verfälschung, Verkürzung des richtigen Maßes
    u. s. w., die Versuchung, diese betrügerischen Kniffe nachzuahmen,
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    195
     

    auch auf Solche übermächtig wirkt, welche von selbst nie auf Aehn-
    liches verfallen wären; denn das Publicum kennt zwar die nied-
    rigen Preise, welche in Folge der Fälschungen allein möglich ge-
    worden sind, aber es entdeckt nicht sofort und entdeckt mitunter
    überhaupt nicht daß die Waare selbst den niedrigeren Preis
    nicht werth ist; und da es sich nicht dazu versteht, einen höheren
    Preis für eine bessere Waare zu bezahlen, so befindet sich der
    redliche Händler dem unredlichen gegenüber im empfindlichsten
    Nachtheil. So werden diese betrügerischen Praktiken, sobald erst
    Einige damit begonnen haben, zu Handelsüsancen und die Sitt-
    lichkeit der handeltreibenden Classen sinkt tiefer und tiefer.
     

    In dieser Hinsicht also haben die Socialisten die Existenz
    eines Uebels dargethan, welches nicht nur ein beträchtliches ist,
    sondern überdieß auch mit der Zunahme von Bevölkerung und
    Bermögen wächst und zu wachsen strebt. Man muß jedoch darauf
    hinweisen, daß die Gesellschaft sich bisher noch gar nicht der Mittel
    bedient hat, welche ihr für die Bekämpfung dieses Uebels schon
    jetzt zu Gebote stehen. Die Gesetze gegen kaufmännischen Betrug
    find sehr mangelhaft und ihre Ausführung ist es noch mehr. Ge-
    setze von dieser Art haben nur dann Aussicht, ernstlich durchgeführt
    zu werden, wenn ihre Durchführung zur speciellen Aufgabe be-
    stimmter Personen gemacht wird; sie erfordern mehr als andere
    einen öffentlichen Ankläger. Es bleibt noch zu ermitteln, in wie-
    weit es möglich ist, vermittelst des Strafgesetzes eine Classe von
    Vergehen zu unterdrücken, welche jetzt nur selten vor die Gerichte
    gebracht werden, und gegen welche, wenn dieß geschieht, die eng-
    lische Rechtspflege eine höchst ungehörige Milde an den Tag legt.
    Aber gegen jene Classe dieser betrügerischen Handlungen, welche
    für die große Masse die wichtigste ist, jene Fälschungen nämlich,
    welche den Preis oder die Güte von Gegenständen des täglichen Ver-
    brauchs berühren, kann die Bildung von Consumvereinen einen er-
    heblichen Schuh gewähren. Durch diese Maßregel wird jede An-
    zahl von Consumenten, welche eine Verbindung zu diesem Zwecke
    eingeht, in den Stand gesetzt, die Detail-Händler zu übergehen
    und die Waaren unmittelbar vom Großhändler, oder noch besser
    (da es gegenwärtig Engros Consumagenturen giebt) vom Pro-
    ducenten zu beziehen, wodurch sie sich von der schweren Abgabe,
    die sie jetzt an die Vermittler entrichten, befreien und gleich-
    zeitig den gewöhnlichen Urhebern der Fälschungen und anderer
    Betrügereien aus dem Wege gehen. Die Aufgabe der Verthei-
    lung wird auf diese Weise durch Mittelpersonen besorgt, welche
    von Leuten, die nichts Anderes als die Wohlfeilheit und Güte der
     

    13*
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    196
     

    Waaren im Auge haben, ausgewählt und bezahlt werden, und es wird
    gleichzeitig möglich, die Anzahl der mit dieser Aufgabe Beschäftigten
    so sehr zu verringern, als es die Größe der zu erledigenden Arbeit
    nur irgend zuläßt. Die schwache Seite dieses Systems liegt in der
    bei den Dirigenten erforderlichen Geschicklichkeit und Verläßlichkeit und
    in der unvollkommenen Natur der Ober-Aufsicht, welche die Gesammit-
    heit über sie ausüben kann. Aber der große Erfolg und die rasche
    Verbreitung des Systems beweisen, daß diese Schwierigkeiten sich
    in ziemlich befriedigender Weise überwinden lassen. Obgleich man
    nun bei diesem Vorgehen auf die wohlthätige, der Förderung der
    Wohlfeilheit dienliche, Tendenz der Concurrenz zwischen den Detail-
    händlern verzichten und dieselbe durch andere Bürgschaften er-
    setzen muß, so entgeht man doch auf jeden Fall der schädlichen
    Tendenz, welche eben dieselbe Concurrenz in Bezug auf die Ver-
    schlechterung der Qualität äußert; und das Gedeihen der Consum
    vereine beweist, daß dieser Vortheil nichts weniger als auf Kosten
    der Wohlfeilheit erreicht wird; denn der Gewinn des Unternehmens
    setzt dieselben in den Stand, den Kunden eine bedeutende Er-
    mäßigung beim Preise eines jeden ihnen gelieferten Artikels zu
    gewähren. Soweit also diese Classe von Uebeln in Betracht kommt,
    ist bereits eine wirksame Abhilfe in Thätigkeit, welche, obwohl sie
    von socialistischen Principien an die Hand gegeben und zum Theil
    auf dieselben gegründet ist, doch mit der gegenwärtigen Eigenthums-
    ordnung wohl vereinbar ist.
     

    Gegen jene größeren und auffälligeren betrügerischen Hand-
    lungen im wirthschaftlichen Leben, oder gegen jene einem Betrug
    gleichkommenden Manöver, welche von Kaufleuten und Banquiers
    gegen einander oder zum Nachtheil von Personen begangen werden,
    die ihnen Geld anvertraut haben, und von denen so viele beklagens-
    werthe Fälle kund geworden sind, steht uns kein Hilfsmittel wie
    das im Vorigen beschriebene zu Gebote, und die einzige Abhilfe,
    welche die gegenwärtige Einrichtung der Gesellschaft verstattet, ist
    eine strengere Verurtheilung derselben durch die öffentliche Meinung
    und eine kräftigere Repression durch das Gesez. Keines dieser
    beiden Mittel ist bisher in einer auch nur annähernd durch-
    greifenden Weise erprobt worden. Die Gelegenheit, bei welcher
    diese unredlichen Praktiken gewöhnlich an den Tag kommen, ist das
    Eintreten der Zahlungsunfähigkeit; aber die Urheber dieser Schlechtig
    feiten werden nicht zu den Verbrechern, sondern zu den insolventen
    Schuldnern gezählt, und die Geseze Englands und anderer Länder
    waren in früherer Zeit so grausam gegen die einfache Zahlungs-
    unfähigkeit, daß man in Folge einer jener Reactionen, denen
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    197
     

    die Ansichten der Menschen unterworfen sind, nunmehr in dem in-
    solventen Schuldner vorwiegend einen Gegenstand des Mitleids
    erblickt, und zu denken scheint, daß das Gesetz und die öffentliche
    Meinung kaum schonend genug mit ihm verfahren kann. Vermöge
    eines Irrthums von entgegengesetter Art, als ihn unsere Gesetze
    sonst zu begehen pflegen (denn diese lassen bei der Bestrafung von
    Bergehen die Frage der Wiedergutmachung des zugefügten Schadens
    gemeiniglich gänzlich außer Acht), hatte die auf Bankerotte bezüg=
    liche Gesetzgebung lange Zeit hindurch nur das eine Ziel im Auge:
    den Gläubigern zu den Resten ihres Eigenthums zu verhelfen.
    Der Bestrafung des Bankerottirers hingegen für andere Vergehen
    als jene, die dieser Absicht direct entgegenwirken, wurde so gut
    als gar kein Gewicht beigelegt. In den letzten drei oder vier
    Jahren hat sich ein leiser Rückschlag geltend gemacht, und es ist
    mehr als eine Bankerott - Acte erlassen worden, welche mit dem
    Bankerottirer etwas weniger glimpflich verfährt; allein der Haupt-
    Accent wird immer noch auf das pecuniäre Interesse der Gläubiger
    gelegt; und von einer geringen Zahl scharf umschriebener Hand-
    lungen abgesehen, wird den Verbrechen des Bankerottirers fast völlige
    Straflosigkeit zu Theil. Man darf daher zuversichtlich behaupten,
    daß, wenigstens in Großbritannien, die Gesellschaft die ihr zustehende
    Gewalt, kaufmännische Unredlichkeit in eine Gefahr für den Un-
    redlichen zu verwandeln, keineswegs ausgenützt hat. Dieselbe gleicht
    vielmehr dem dreisten Wagestück eines Spielers, bei welchem alle
    Vortheile auf seiner Seite stehen; wenn der Streich gelingt, macht
    er sein Glück oder befestigt es; wenn er mißlingt, ist er höchstens
    ein armer Mann geworden, was ihm vielleicht bereits drohte, als
    er sich entschloß, sein Glück zu versuchen; und er wird von denen,
    die der Sache nicht auf den Grund sehen, und selbst von Vielen,
    die dieß thun, nicht als ein Ehrloser, sondern als ein Unglück-
    licher betrachtet. So lange nicht eine sittlich strengere und ver
    nünftigere Behandlung der schuldbaren Crida versucht worden ist
    und fehlgeschlagen hat, kann man die kaufmännische Unredlichkeit
    nicht zu den Uebeln zählen, deren Herrschaft von dem Bestand
    der kaufmännischen Concurrenz untrennbar ist.
     

    Ein anderer Punkt, in welchem sich bei den Socialisten, den
    Unionisten und anderen Parteigängern der Arbeit im Kampfe gegen
    das Capital zahlreiche Mißverständnisse zeigen, hat auf das Ver-
    hältniß Bezug, in dem sich der Gesammtertrag der Production in Wirk-
    lichkeit vertheilt, und auf den Theilbetrag desselben, welcher den Pro-
    ducenten wirklich entzogen wird, um Andere zu bereichern. Ich unter-
    lasse es hier, vom Grund und Boden zu sprechen, da dieser Gegen-
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    198
     

    stand eine besondere Behandlung erheischt. Aber in Betreff des
    im Geschäft verwendeten Capitals enthält die populäre Auffassung
    ein gutes Stück Irrthum. Wenn z. B. ein Capitalist £20,000
    in seinem Geschäft anlegt und daraus ein Einkommen von, sagen
    wir, 2000 jährlich bezieht, so macht dieß auf die Menge den
    Eindruck, als ob er sowohl aus den 20,000 wie aus den
     

    2000 den vollen Genuß zöge, während die Arbeiter nichts
    als ihre Löhne zu eigen haben. Aber in Wahrheit erhält er die
    2000 nur unter der Bedingung, daß er von den £20,000
    nichts für seinen eigenen Gebrauch verwendet. Er hat zwar die
    gesetzliche Verfügung darüber und kann sie, wenn es ihm beliebt,
    verschwenden, aber wenn er dieß thut, fann er nicht auch die
    £2000 jährlich beziehen. So lange er von seinem Capital ein
    Einkommen erhalten will, liegt es nicht in seinem Belieben, es dem
    Gebrauche Anderer vorzuenthalten. Soweit sein angelegtes Capital
    in Gebäuden, Maschinen und anderen Werkzeugen der Production
    besteht, ist es für die Production verwendet und nicht für den
    Lebensbedarf oder den Genuß irgend welcher Personen verfügbar.
    Der Theil, welcher also verfügbar ist (mit Einschluß dessen, was
    für die In-Stand-Haltung und Wiederherstellung der Gebäude und
    Werkzeuge verausgabt wird), wird an Arbeiter ausbezahlt und
    bildet ihre Vergütung und den auf sie fallenden Antheil am Er-
    trage der Production. So weit es sich um persönliche Verwendung
    handelt, haben sie das Capital, und er blos den Gewinn, der ihm
    nur unter der Bedingung zu Theil wird, daß er das Capital zur
    Befriedigung nicht der eigenen Bedürfnisse, sondern jener der Arbeiter
    verwende. Das Verhältniß, in welchem der Capitalgewinn ge-
    meiniglich zum Capital selbst (oder vielmehr zum umlaufenden Theil
    desselben) steht, ist auch das Verhältniß, in welchem der Antbeil
    des Capitalisten am Ertrag zum Gesammtantheil der Arbeiter steht.
    Selbst von seinem eigenen Antheil erhält er nur einen kleinen
    Theil in seiner Eigenschaft als Besizer des Capitals. Denn der
    Theil des Ertrags, welcher dem Capital als solchem zufällt, wird
    durch die Capitalzinsen gemessen, da dieß alles ist, was der Be-
    fizer des Capitals erhält, wenn er weiter nichts als das Capital
    selbst zur Production beisteuert. Nun betragen die Interessen von
    jenem Capital, das in Staatspapieren angelegt ist (und diese gelten
    als die sicherste Anlage), bei dem gegenwärtigen seit vielen
    Jahren nur wenig veränderten Zinsfuß ungefähr 3 Per-
    cent. Auch bei dieser Anlage ist ein gewisses geringes Risico
    vorhanden: die Gefahr eines Staatsbankerottes, die Gefahr,
    inmitten einer Handelskrisis die Papiere zu niedrigen Preisen
     

  • S.

    199
     

    Der Socialismus.
     

    verkaufen zu müssen. Veranschlagen wir nun diese Gefahren mit
    1½ Percent, so bleiben 3 Percent übrig, welche wir als die Ver-
    gütung des Capitals nach Abzug der Versicherungsprämie ansehen
    können. Auf die Sicherheit einer Hypothek erhält man gewöhnlich
    4 Percent, aber bei diesem Geschäfte sind beträchtlich größere Ge-
    fahren in Rechnung zu ziehen: die Unsicherheit des Rechtstitels
    auf Grund und Boden unter unserer schlechten Gesetzgebung, die
    Möglichkeit, das Pfandobject mit großen Auslagen an Gerichts-
    kosten veräußern zu müssen, und die Verzögerung in der Be=
    zahlung der Interessen, der man sich selbst dann, wenn das Capital
    ungefährdet ist, aussetzt. Wo Geld, unabhängig von jeder per-
    sönlichen Bemühung, ein größeres Einkommen abwirft, wie dieß
    manchmal, z. B. bei den Actien von Eisenbahn- und anderen
    Gesellschaften der Fall ist, da bietet doch der Ueberschuß kaum
    jemals eine Entschädigung für die Gefahr, das Capital ganz oder
    theilweise durch Mißwirthschaft einzubüßen, wie es bei der Brigh-
    ton'er Eisenbahn-Gesellschaft geschah, deren Dividenden, nachdem
    sie 6 Percent jährlich betragen hatten, auf einen Stand zwischen
    Null und 1 Percent herabsanken, und deren Actien, die zu 120
    gekauft worden waren, nicht höher als zu ungefähr 43 verkauft
    werden konnten. Wenn Geld zu den hohen Zinsen, von denen man
    gelegentlich hört, ausgeliehen wird, Zinsen, welche nur Verschwender
    und Personen in Geldverlegenheiten bewilligen, so geschieht dieß
    darum, weil die Gefahr des Verlustes hier so groß ist, daß nur wenige,
    die Geld besitzen, dazu bewogen werden können, ihnen überhaupt zu
    leihen. So wenig berechtigt ist das Geschrei über den,,Wucher" als
    eine der drückenden Lasten, welche die Arbeiterbevölkerung zu tragen
    hat! Von dem Gewinn also, den ein Fabricant oder ein anderer Ge-
    schäftsmann aus seinem Capital zieht, kann nicht mehr als etwa 3 Per-
    cent als Ertrag des Capitals selbst veranschlagt werden. Wenn
    er bereit und im Stande wäre, diese ganze Summe seinen Arbeitern
    zu überlassen, unter welche sich bereits sein ganzes Capital, wie es
    von Jahr zu Jahr neu hervorgebracht wird, vertheilt, so könnte
    ihnen daraus nur eine unbedeutende Erhöhung ihres Wochenlohnes
    erwachsen. Ein großer Theil dessen, was er über die 3 Per-
    cent hinaus erhält, bildet eine Versicherungsprämie gegen die
    mannigfaltigen Verluste, denen er ausgesetzt ist; diesen Betrag kann
    er solider Weise nicht für seinen eigenen Bedarf verausgaben,
    sondern muß daraus eine Reserve bilden, um jene Verluste vor-
    kommenden Falles zu decken. Der Rest gilt mit Fug als die Ver-
    gütung für seine Geschicklichkeit und seinen Fleiß als der Lohn für
    seine Arbeit als Oberaufseher. Allerdings wird, wenn er sehr viel
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    200
     

    Glück im Geschäft hat, dieser Lohn ungemein reichlich ausfallen
    und in gar keinem Verhältniß zu dem Betrage stehen, den dieselbe
    Mühewaltung und Geschicklichkeit als Honorar erzielen würde.
    Aber andererseits setzt er sich einer schlimmeren Gefahr aus als dem
    Verluste seiner Stellung, der Gefahr nämlich, die Arbeit zu ver-
    richten, ohne irgend etwas dadurch zu verdienen, der Gefahr, die Mühe
    und die Sorgen zu tragen und des Lohnes zu entrathen. Ich behaupte
    nicht, daß die Mißlichkeiten seiner Stellung ihre Vorrechte auf-
    wiegen, oder daß ihm kein Vortheil aus seiner Lage erwächst, die
    ihn, anstatt zu einem geschickten Beaufsichtiger, der seine Dienste
    Anderen vermiethet, zu einem Capitalisten und Arbeitgeber macht;
    aber für die Schätzung dieses Vortheils dürfen die großen Treffer
    in der Lotterie des Geschäftslebens nicht allein maßgebend sein.
    Wenn wir vom Gewinn der Einen den Verlust der Anderen ab-
    ziehen und von dem verbleibenden Ueberschuß eine, auf Grund
    des Marktpreises fachmännischer Beaufsichtigung berechnete, ent-
    sprechende Vergütung für die Arbeit, Geschicklichkeit und die Sorgen
    Beider in Abrechnung bringen, dann wird der Rest ohne Zweifel
    noch immer ein beträchtlicher sein, aber im Vergleich zu dem -
    alljährlich reproducirten und in Gestalt von Arbeitslöhnen zur
    Bertheilung gelangenden - Gesammt Capital stellt er sich viel
    geringfügiger dar, als er der Phantasie des Publicums erscheint;
    und wollte man ihn ganz und gar zum Antheil der Arbeiter schlagen,
    so würde dieser einen geringeren Zuwachs erfahren, als ihm
    durch irgendeine wichtige Erfindung im Maschinenwesen oder durch
    die Beseitigung von überflüssigen Zwischenhändlern oder anderen
    Schmaroßern des Gewerbfleißes" zu Theil werden kann. Um
    jedoch den Antheil am Productionsertrage, welcher dem Ca-
    pital als Vergütung anheimfällt, nicht in unvollständiger Weise
    abzuschätzen, dürfen wir nicht bei den Interessen stehen bleiben,
    die das gegenwärtig für die Production verwendete Capital aus
    dem Ertrag derselben bezieht, sondern müssen auch jene Zahlungen
    mit einschließen, welche an die früheren Eigner von Capital,
    welches unproductiv verausgabt wurde und jetzt nicht mehr vor-
    handen ist, geleistet werden und die natürlicherweise aus dem Er-
    trag anderen Capitals bestritten werden Von dieser Art sind die
    Interessen der Staatsschuld, welche eine Ausgabe darstellen, mit
    der die Nation in Folge der Gefahren und Bedrängnisse ver-
    gangener Zeiten oder in Folge des Unverstandes oder Leicht-
    finns ihrer ehemaligen Herrscher belastet ist, an denen sie selbst einen
    mehr oder weniger großen Antheil gehabt hat. Hieher sind ferner
    die Interessen von den Schulden der Landeigenthümer und anderer
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    201
     

    unproductiver Consumenten insoweit zu rechnen, als das entlehnte
    Geld nicht zu lohnenden Verbesserungen der productiven Kräfte
    des Bodens angewendet worden ist. Was das Grundeigenthum
    selbst betrifft -die Ueberweisung der Grundrente an einzelne
    Privat-Personen als deren Eigenthum, so spare ich, wie schon
    erwähnt, diese Frage für eine spätere Erörterung auf; denn die Art
    und Weise des Grundbesizes könnte in jeder als wünschenswerth
    erachteten Weise verändert, alles Land könnte sogar für Staats-
    Eigenthum erklärt werden, ohne daß dadurch das Eigenthumsrecht
    auf all das, was ein Erzeugniß menschlicher Arbeit und Enthalt=
    samkeit ist, irgendwie beeinträchtigt würde.
     

    Es schien mir wünschenswerth, die Erörterung der Frage des
    Socialismus mit diesen Bemerkungen, welche die Uebertreibungen
    der Socialisten auf ihr wahres Maß zurückführen sollen, zu be-
    ginnen, damit die in Wirklichkeit zwischen dem Socialismus und
    der bestehenden Gesellschaftsordnung schwebenden Streitfragen keine
    unrichtige Auffassung erfahren. Es ist nicht wahr, daß uns das
    gegenwärtige sociale System wie viele Socialisten glauben -
    cinem Zustand von allgemeinem Elend und allgemeiner Unfreiheit
    entgegentreibt, vor dem der Socialismus allein uns bewahren
    kann. Die Uebel und Ungerechtigkeiten, die unter dem gegen-
    wärtigen System bestehen, sind groß; aber sie sind nicht im Wachsen
    begriffen; im Gegentheil, die herrschende Tendenz zielt auf ihre,
    wenngleich langsame, Verminderung ab. Ueberdieß würde die
    Ausgleichung der in der Theilung des Productionsertrags zwischen
    Capital und Arbeit bestehenden Ungleichheiten, so sehr diese
    auch das natürliche Rechtsgefühl verlegen mögen, keineswegs einen
    so großen für die Hebung des niederen Lohnſtandes verwendbaren
    Fonds ergeben, wie die Socialisten und Viele, die nicht Socialisten
    find, anzunehmen geneigt sind. Es steht nicht so, daß man irgend
    einen in der gegenwärtigen Gesellschaft herrschenden Mißbrauch
    oder irgend eine derartige Ungerechtigkeit nur zu beseitigen brauchte,
    damit die Menschheit ihrer Leiden ledig und der Glückseligkeit theil-
    haft werde. Was uns zu thun obliegt, ist vielmehr dieses: wir
    haben zwei verschiedene Gesellschaftssysteme in leidenschaftloser
    Weise mit einander zu vergleichen, um entscheiden zu können,
    welches derselben die reichsten Hilfsquellen zur Ueberwindung der
    unvermeidlichen Bedrängnisse des Lebens darbietet. Und wenn wir
    finden sollten, daß die Beantwortung dieser Frage schwieriger ist
    und in höherem Maße als man gemeiniglich annimmt von mora-
    lischen und intellectuellen Bedingungen abhängt, so kann uns die
    Erwägung trösten, daß wahrscheinlich ein nicht allzu knapp be-
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    202
     

    messener Zeitraum vor uns liegt, innerhalb dessen das Problem
    auf experimentellem Wege, durch den thatsächlichen Versuch, seine
    Lösung erhalten kann. Wir werden, so denke ich, finden, daß es
    für die Ausführbarkeit und Ersprießlichkeit der socialistischen Ent-
    würfe keine andere stichhaltige Probe geben kann; desgleichen aber
    auch, daß die intellectuellen und sittlichen Grundlagen des Socialis-
    mus das aufmerksamste Studium verdienen, weil sie uns in vielen
    Fällen die leitenden Grundsätze für die Reformen an die Hand
    geben, welche unerläßlich sind, damit das gegenwärtige wirthschaft-
    liche System der Gesellschaft in den Stand gesetzt werde, unter
    den denkbar günstigsten Umständen seine Lebens- und Leistungsfähig-
    feit zu erproben.
     

    Die Schwierigkeiten des Socialismus.
     

    Wir können Alle, die sich den Namen Socialisten beilegen,
    in zwei Gruppen sondern. Das Werk der ersten Gruppe sind
    jene Entwürfe einer neuen, das Privateigenthum und die indivi-
    duelle Concurrenz beseitigenden, und durch andere Triebfedern des
    Handelns ersetzenden Gesellschaftsordnung, welche auf die Verhält-
    niffe je einer Dorf- oder Stadtgemeinde berechnet sind; und nur
    durch Vervielfältigung solcher wirthschaftlicher Einheiten könnte
    die neue Ordnung der Dinge schließlich auf ein ganzes Land aus-
    gedehnt werden. Von dieser Art sind die Systeme Owen's,
    Fourier's und der besonneneren und mehr philosophisch gearteten
    Socialisten überhaupt. Die andere Gruppe, welche auf dent
    Continent mehr als in Großbritannien zu Hause ist und die
    revolutionäre Schule der Socialisten heißen kann, hat sich ein
    weit fühneres Ziel gesezt. Es ist dieß die Verwaltung der ge-
    sammten productiven Hilfsquellen eines Volkes durch eine gemein-
    same Behörde, die Centralregierung des Landes. Und im Hin-
    blick auf dieses Ziel erklären manche unter ihnen es auch für
    wünschenswerth, daß die arbeitenden Classen oder irgend Jemand
    zu deren Gunsten von dem gesammten Eigenthum des Landes
    Besitz ergreife und darüber zum allgemeinen Besten verfüge.
     

    Welches immer die Schwierigkeiten der ersten dieser beiden
    Formen des Socialismus sein mögen, es ist klar, daß die zweite
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    203
     

    mit eben denselben und außerdem noch mit vielen andern zu ringen
    bat. Die erste besitzt überdieß den großen Vorzug, daß sie sich
    schrittweise verwirklichen und daß ihre Tauglichkeit sich durch den
    Versuch erproben läßt. Sie kann zuerst an einem auserlesenen
    Kreise erprobt und dann in dem Maße ausgedehnt werden, als
    die Erziehungs- und Bildungsstufe der Menschen es gestattet.
    Sie muß nicht nothwendig ein Werkzeug des Umsturzes sein (und
    würde es im natürlichen Lauf der Dinge auch nicht werden), ehe
    sie sich fähig erwiesen hat, als ein Mittel des Wiederaufbaues
    zu dienen. Aber dieß gilt mit nichten von der anderen Form.
    Denn diese beabsichtigt die alte Ordnung mit einem Schlage durc
    die neue zu ersetzen, auf all das Gute zu verzichten, welches durch
    das gegenwärtige System verwirklicht wird (gleichwie auf all das-
    jenige, welches die weitere Vervollkommnung des Systems in
    reichem Maß in Aussicht stellt), und dafür ohne jegliche Vor-
    bereitung das Problem in seiner schwierigsten Form in Angriff
    zu nehmen, wie man den Kreislauf des socialen Lebens ohne die
    Triebfraft fortführen könnte, welche denselben bisher allezeit unter-
    halten hat. Man muß gestehen, daß diejenigen, welche auf die
    Stärke ihrer subjectiven, bisher durch keinerlei thatsächliche Er-
    probung bekräftigten, Ueberzeugung hin ein so gefährliches Spiel
    wagen wollen, welche Alle, die jetzt ein behagliches Dasein
    genießen, der einzigen ihnen zu Gebote stehenden Mittel, dasselbe
    fortzusetzen, mit Gewalt berauben, und das entsetzliche Elend und
    Blutvergießen, welches im Falle eines Widerstandes gegen diesen
    Versuch erfolgen müßte, auf sich nehmen wollen, daß diese Per-
    sonen, sage ich, einerseits ein ungetrübtes Vertrauen in ihre
    eigene Weisheit und andererseits eine Gleichgiltigkeit gegen die
    Leiden Anderer besitzen müssen, welche Robespierre und St. Just,
    die bisher als mustergiltig für die Vereinigung dieser beiden
    Attribute galten, kaum erreicht haben dürften. Trotzdem ist es
    wohl begreiflich, daß dieser Plan sich einer ausgedehnteren Popu-
    larität erfreut als die vorsichtigere und vernunftgemäßere Form
    des Socialismus; denn er verspricht das, was er sich vorsetzt,
    rasch durchzuführen, und eröffnet schwärmerischen Anhängern die
    Aussicht, alle ihre Bestrebungen zu ihren Lebzeiten und mit einem
    Male verwirklicht zu sehen.
     

    Wir werden jedoch am zweckmäßigsten verfahren, wenn wir
    die Besonderheiten der revolutionären Form des Socialismus
    erst dann in Betracht ziehen, nachdem wir die auf beide Formen
    gleichmäßig anwendbaren Erwägungen vorgebracht und nach Gebühr
    geprüft haben.
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    204
     

    Der Ertrag der Erde würde auch nicht annähernd seine
    gegenwärtige Größe erreicht haben oder für die Erhaltung einer
    Zahl, wie die ihrer jeßigen Bewohner, genügen, wenn nicht zwei
    Bedingungen erfüllt wären: das Vorhandensein einer Fülle von
    kostspieligen Maschinen, Gebäuden und anderen Productions-Werk-
    zeugen, und das Vermögen, große Unternehmungen zu beginnen
    und beträchtliche Zeit auf ihre Früchte zu warten. Mit anderen
    Worten, es ist eine bedeutende Ansammlung von Capital
    erforderlich, sowohl von solchem, das in Geräthschaften und
    Gebäuden fest angelegt ist, als auch von umlaufendem, das heißt,
    von derartigem Capital, welches zur Erhaltung der Arbeiter
    und ihrer Familien während der Zeit verwendet wird, welche
    verstreichen muß, ehe die productiven Verrichtungen vollendet
    und ihre Erzeugnisse eingeheimst sind. Diese Nothwendigkeit ent-
    springt aus Naturgesetzen und ist mit den Bedingungen des
    menschlichen Lebens unlösbar verknüpft; aber diese Erfordernisse
    der Production, das umlaufende und das stehende Capital des
    Landes (wozu noch der Boden und Alles, was darin mitinbegriffen
    ist, hinzukommt) fann entweder das gemeinsame Eigenthum der-
    jenigen sein, die davon Gebrauch machen, oder einzelnen Personen
    angehören; und es fragt sich, welche von diesen Einrichtungen für
    das Glück der Menschheit am zuträglichsten ist. Das charakteri
    stische Merkmal des Socialismus besteht darin, daß die Werkzeuge
    und Mittel der Production allen Mitgliedern der Gesellschaft ge=
    meinsam angehören, woraus sich die Folge ergiebt, daß die Ver-
    theilung des Ertrags unter die Gesammtheit der Eigenthümer
    eine öffentliche Angelegenheit ist, die in Uebereinstimmung mit
    Regeln erfolgt, welche die Gesellschaft festseßt. Der Socialismus
    schließt durchaus nicht das Privateigenthum an Verbrauchsgegen
    ständen aus, das uneingeschränkte Recht jedes (männlichen oder
    weiblichen) Individuums auf seinen Antheil am Erträgniß und
    auf dessen Verwendung zum Verbrauch, zum Austausch oder zu
    Geschenken. Es könnte z. B. der Boden durchaus Eigenthum des
    Gemeinwesen zu landwirthschaftlichen oder anderen productiven
    Zwecken sein und auf gemeinsame Rechnung bearbeitet werden,
    und doch könnte die jedem Einzelnen oder jeder Familie als ein
    Theil ihrer Vergütung zugewiesene Behausung ihnen ebenso aus-
    schließlich angehören (so lange sie ihr Theil zur gemeinsamen
    Arbeit beizusteuern fortfahren), als dieß jetzt mit irgend welcher
    Wohnstätte der Fall ist; und nicht allein vom Wohnhaus könnte dieß
    gelten, sondern desgleichen von jedem Stück Landes, welches die
    Verhältnisse der Gemeinde dem Hause als Ziergarten zu Zwecken
     

  • S.

    205
     

    Der Socialismus.
     

    des Vergnügens zuzuweisen gestatten. Die unterscheidende Eigen-
    thümlichkeit des Socialismus ist also nicht darin zu suchen,
    daß alle Dinge Gemeingut sind, sondern blos darin, daß die
    Production auf gemeinsame Kosten betrieben und die Productions-
    Mittel als gemeinschaftliches Eigenthum betrachtet werden. Die
    praktische Ausführbarkeit der socialistischen Einrichtungen
    im Umfange von Fourier's oder Owen's Gemeinden unter-
    liegt mithin (then) gar keinem Zweifel. Eine ganz andere Be-
    wandtniß hat es freilich mit dem Plan, die gesammte Production
    eines Volkes durch eine einheitliche oberste Leitung zu regeln;
    aber eine aus Ackerbautreibenden und Fabrikarbeitern bestehende
    Vereinigung von etwa zwei bis viertausend Mitgliedern dürfte,
    falls die klimatischen und Boden-Verhältnisse nicht ganz besonders
    ungünstig sind, leichter zu leiten sein als so manche Actiengesell-
    schaft. Die Frage ist nur die, ob dieser gemeinsame Betrieb Aus-
    sicht hat, ebenso erfolgreich zu wirken wie die selbständige
    Thätigkeit Einzelner mit eigenen Capitalien; und diese Frage
    muß von zwei Gesichtspunkten, erstens mit Rücksicht auf die
    Leistungsfähigkeit des oder der leitenden Männer und zweitens
    mit Rücksicht auf die Leistungsfähigkeit der gewöhnlichen Arbeiter
    geprüft werden. Um die Frage möglichst zu vereinfachen, wollen
    wir annehmen, daß die zu beurtheilende Form des Socialismus
    der einfache Communismus sei, das heißt: die gleiche Vertheilung
    des Ertrags unter alle Theilhaber oder, dem noch höheren Stand-
    punkt der Gerechtigkeit zufolge, für den Hr. Louis Blanc eintritt,
    die Vertheilung je nach der Verschiedenheit der Bedürfnisse, wobei
    aber die Natur der Pflichten sowie die (wirklichen oder schein-
    baren) Verdienste oder Leistungen des Einzelnen keinen Einfluß
    auf die ihm zufallende Vergütung äußern. Es giebt andere
    Formen des Socialismus, vor allen den Fourierismus, welche
    aus Rücksichten der Gerechtigkeit oder Ersprießlichkeit für ver-
    schiedene Arten oder Grade von Leistungen verschiedene Vergütungen
    gestatten; aber die Prüfung dieser Abarten wollen wir uns für
    später aufsparen.
     

    Wenn man das System des Privateigenthums mit dem des
    Communismus vertauschen wollte, würde die Verschiedenheit der
    wirthschaftlichen Triebfedern sich nirgends stärker geltend machen
    als bei den Leitern der Geschäfte. Unter dem gegenwärtigen
    System, wo die Leitung gänzlich in den Händen einer oder
    mehrerer Personen liegt, welche das Capital entweder selbst
    besitzen oder doch die persönliche Verantwortlichkeit für dasselbe
    tragen, fällt aller Gewinn, durch den die beste Verwaltung sich
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    206
     

    von der schlechtesten (bei der das Geschäft eben noch fortbestehen
    kann) unterscheidet, diesen leitenden Personen zu; sie ernten die
    ganze Belohnung für gute Wirthschaft, soweit sie nicht durch ihr
    eigenes Interesse oder durch Wohlwollen veranlaßt werden, die-
    selbe mit ihren Untergebenen zu theilen; und sie tragen den ganzen
    Schaden für Mißwirthschaft, soweit nicht durch denselben ihr
    Vermögen, weiterhin Arbeiter zu beschäftigen, beeinträchtigt wird.
    Dieses starke persönliche Motiv, alle ihre Kräfte für die Einträg-
    lichkeit und Wirthschaftlichkeit des Geschäftsbetriebes einzusetzen,
    würde unter der Herrschaft des Communismus in Wegfall ge-
    rathen, da die Geschäftsleiter keine andere Dividende als die
    übrigen Mitglieder des Gemeinwesens bezögen. Was in Kraft
    bliebe, wäre nur das Allen gemeinsame Interesse an einer Ge-
    schäftsführung, welche diese Dividende so ansehnlich als möglich
    macht, die Triebfedern des Gemeingeistes, der Gewissenhaftigkeit
    und das Streben nach Ehre und Ansehen auf Seiten der Leiter.
    Diese Beweggründe besitzen, insbesondere in ihrer Vereinigung,
    eine bedeutende Macht. Allein dieselbe ist von sehr verschiedener
    Stärke bei verschiedenen Personen und ist nach gewissen Richtungen
    weit größer als nach anderen. Nach der Aussage der Erfahrung
    sind, auf der niedrigen Stufe sittlicher Vollkommenheit, welche die
    Menschheit bisher erreicht hat, die Beweggründe der Gewissen-
    haftigkeit, der Ehre und des guten Rufes selbst dann, wenn sie zu
    einiger Stärke gediehen sind, doch in der Regel weit wirksamer als
    Hemmungen denn als thätige Antriebe; man darf mehr von ihnen
    erwarten, wo es gilt, Unrecht hintanzuhalten, als wo es sich darum
    handelt, alle Kräfte für die Verrichtungen des täglichen Lebens
    anzuspannen. Für die meisten Menschen giebt es nur einen ein-
    zigen Antrieb, welcher sich nachhaltig und unverwüstlich genug
    erwiesen hat, um die niemals fehlende Trägheit und Bequemlich-
    keit zu überwinden und sie zu drängen, sich ohne Unterlaß einer,
    an sich zumeist reiz- und anregungslosen, Arbeit hinzugeben. Dieß
    ist die Hoffnung auf Besserung ihrer Vermögenslage und jener
    ihrer Familie, und je enger ein Mehraufwand von Mühe mit
    einer entsprechenden Vermehrung ihres Ertrages verknüpft ist,
    desto gewaltiger wird sich dieser Antrieb erweisen. Wer das
    Gegentheil behauptet, hat damit auch gesagt, daß Ehre und Pflicht-
    gefühl für die meisten Menschen wie sie gegenwärtig sind -
    fräftigere Triebfedern des Handelns sind als ihre persönlichen
    Interessen, nicht etwa nur in Betreff einzelner Handlungen und
    Unterlassungen, rücksichtlich welcher dieser Gefühle eine ausnahms-
    weise Pflege erfahren haben, sondern mit Rücksicht auf die ge-
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    207
     

    sammte Lebensführung; und zu solch einer Ansicht wird sich, wie
    ich glaube, Niemand bekennen. Man kann hier einwerfen, daß
    diese verhältnißmäßige Schwäche des Gemeinsinns nichts Unver-
    meidliches, sondern nur das natürliche Ergebniß einer unzulänglichen
    Erziehung ist. Ich gestehe dieß bereitwillig zu, wie ich auch zugebe,
    daß es selbst heute viele Menschen giebt, welche diese allgemeine
    Schwäche nicht theilen. Aber es muß viel Zeit dahinfließen, be-
    vor diese Ausnahmen zu einer Mehrheit oder selbst nur zu einer
    beträchtlichen Minderheit anwachsen können. Die Erziehung
    menschlicher Wesen ist eine der allerschwierigsten Künste, und dieß
    ist einer der Punkte, betreffs deren sie bisher am allerwenigsten
    erreicht hat; überdieß können Verbesserungen in der Erziehung nicht
    anders als sehr allmählich stattfinden, da die künftige Genera-
    tion von der gegenwärtigen erzogen wird und die sittlichen Mängel
    der Lehrer ihrer Fähigkeit, die Schüler zu besseren Menschen, als
    sie selbst sind, zu erziehen, eine unüberschreitbare Schranke setzen.
    Wenn wir es also nicht mit einem auserlesenen Theil der Bes
    völkerung zu thun haben, müssen wir uns darauf gefaßt machen,
    daß für die sorgfältigste und eifrigste Besorgung der gewerblichen
    Aufgaben der Gesellschaft das persönliche Interesse noch lange Zeit
    hindurch ein wirksamerer Sporn sein wird als Beweggründe
    eblerer Natur. Man wird sagen, daß die Gier nach persönlicher
    Bereicherung heutzutage durch ihre eigenen Ausschreitungen, durch
    die unbesonnenen und oft unredlichen Wagnisse, zu denen sie ver-
    leitet, sich selbst entgegenarbeitet. Dieß ist richtig, und unter
    einem communistischen System würde diese Quelle des Uebels
    zum größten Theil verstopft sein. Ja, es ist selbst wahrscheinlich,
    daß Unternehmungslust, sei es von guter oder von verwerflicher
    Art, nur in geringem Maße vorhanden wäre, und daß der Ge-
    schäftsbetrieb im Allgemeinen der Herrschaft der Routine an-
    heimfiele; umſomehr, als die Pflichterfüllung in solchen Ge-
    meinwesen durch äußere Sanctionen erzwungen werden muß, und
    es um so leichter ist, jeden Einzelnen zur Erfüllung seiner Pflicht
    anzuhalten, je vollständiger sich dieselbe auf feste Regeln zurück-
    führen läßt. Ein Umstand, welcher dieses Ergebniß noch wahr-
    scheinlicher macht, ist die beschränkte Befugniß zu selbständigem
    Handeln, welche den Leitern zukäme. Sie würden ihre Stellung
    natürlich blos der Wahl der Gemeinde verdanken, welche sie
    jederzeit von ihren Functionen entheben könnte, und dieses Ver-
    hältniß würde ihnen, selbst wenn es nicht so in der Verfassung
    des Gemeinwesens vorgesehen wäre, die Nothwendigkeit auferlegen,
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    208
     

    sich der allgemeinen Zustimmung der Menge zu versichern, bevor
    sie eine Aenderung in der hergebrachten Weise des Geschäftsbe-
    triebes eintreten lassen. Die Schwierigkeit, eine zahlreiche Körper-
    schaft zu Abänderungen der gewohnten Arbeitsweise zu vermögen,
    welche oft große Störungen mit sich bringen, und deren Gefahren
    weit augenfälliger sind als ihre Vortheile, würde sehr dahin
    wirken, alle Dinge in ihren gewohnten Geleisen zu erhalten.
    Andererseits hat die Erwählung dieser Leiter durch Personen,
    welche an dem Gedeihen der Unternehmung unmittelbar betheiligt
    sind, und welche eigene Erfahrung und hinreichende Gelegenheit
    sich ein Urtheil zu bilden besitzen, im Durchschnitt mehr Aussicht,
    eine geschickte Verwaltung zu erzielen als die Zufälligkeiten der
    Geburt, welche heutzutage so oft darüber entscheiden, wer der Eigen-
    thümer des Capitals wird. Dieß mag richtig sein; und wenn man
    auch erwiedern kann, daß der Besitzer ererbten Capitals ganz ebenso
    gut wie die Gemeinde einen Geschäftsleiter, welcher tauglicher ist
    als er selbst, verwenden kann, so verschafft er sich dadurch doch
    nur ebenso günstige, und nicht günstigere Bedingungen, als jene.
    Zu Gunsten der gegnerischen Seite muß nun aber gesagt werden,
    daß unter dem communistischen System die zur Leitung am meisten be-
    fähigten Personen wahrscheinlich nur selten bereit sein würden, dieselbe
    zu übernehmen. Gegenwärtig genießt der Geschäftsleiter, selbst wenn
    er nur ein besoldeter Beamter ist, eine ungleich höhere Vergütung,
    als die anderen bei dem Geschäfte verwendeten Personen, und seinem
    Ehrgeiz stehen noch höhere sociale Stellungen offen, für welche ihm
    seine Thätigkeit als Geschäftsleiter die Wege ebnet. In einer
    communistischen Gesellschaft wären ihm alle diese Vortheile ver-
    sagt, er würde vom Erträgniß der Arbeit des Gemeinwesens
    feinen anderen Antheil empfangen als jedes andere Mitglied; er
    hätte nicht mehr die Hoffnung, aus der Classe der Entlohnten in
    jene der Capitalisten aufzusteigen; und während er in keiner Hin-
    sicht besser gestellt wäre als ein anderer Arbeiter, würden seine
    Sorgen und seine Verantwortlichkeit um so viel größer sein,
    daß wahrscheinlich gar Viele die minder beschwerliche Stellung
    vorziehen würden. In dieser Schwierigkeit hat bereits Plato
    einen möglichen Einwand gegen das in seiner Republik borge-
    schlagene System der Gütergemeinschaft innerhalb einer herrschen-
    den Classe erkannt; und das Motiv, von dem er erwartete, daß
    es die geeigneten Männer veranlassen würde, trotz des Fehlens
    aller gewöhnlichen Lockmittel die Lasten und Sorgen der Herrschaft
    auf sich zu nehmen, war fein anderes als die Furcht, von schlech-
     

  • S.

    . Der Socialismus.
     

    209
     

    teren Männern regiert zu werden. Dieß ist in der That der
    Beweggrund, auf den man sich der Hauptsache nach verlassen
    müßte; die zur Leitung tauglichsten Männer würden sich zur
    Uebernahme derselben bereit finden lassen, damit diese nicht in
    unfähigere Hände gerathe. Und dieser Beweggrund würde sich
    wahrscheinlich dann wirksam erweisen, wenn der Eindruck vor-
    herrschte, daß das Gemeinwesen durch unfähige Leitung dem Unter-
    gange oder auch nur einer unverkennbaren Verschlechterung seiner
    Lage entgegengeht. Aber man dürfte in der Regel nicht erwarten,
    daß dieses Motiv auch dort zur Geltung fäme, wo es sich darum
    handelte, nicht den Verfall hintanzuhalten, sondern nur den Fort-
    schritt zu fördern; es wäre denn im Falle von Erfindern oder
    Projectanten, welche begierig sind, irgend einen Plan, von dem
    sie sich große und sofortige Vortheile versprechen, zu erproben.
    Und Leute dieser Art sind sehr oft durch ihr allzu sanguinisches Tem-
    perament und mangelhaftes Urtheil schlecht dazu befähigt, an der
    Spitze der Geschäfte zu stehen; überdieß haben sie, selbst wenn sie
    diese Befähigung befizen, zu allermeist mit den Vorurtheilen der
    Durchschnittsmenschen zu kämpfen. Sie würden es daher in vielen
    Fällen nicht einmal bis zur Ueberwindung der ersten Schwierig
    keiten und dahin bringen, daß die Genossenschaft ihre Entwürfe
    annähme und ihnen die Geschäftsleitung übertrüge. Der communi-
    stische Betrieb würde somit allem Anschein nach weniger als der
    Privatbetrieb jenes Eröffnen neuer Bahnen und jene Aufopferung
    augenblicklicher Vortheile für entferntere und ungewisse begünstigen,
    welche zwar selten völlig gefahrlos, aber trotzdem eine unerläßliche
    Bedingung für das Zustandekommen großer Verbesserungen im
    wirthschaftlichen Loose der Menschheit ist, ja sogar für die Er-
    haltung des gegenwärtigen Zustandes, im Hinblick auf die stets an-
    wachsende Zahl der zu ernährenden Bevölkerung.
     

    Wir haben bisher die verschiedenen Beweggründe blos in
    Rücksicht ihrer Einwirkung auf die leitenden Männer der Ge-
    nossenschaft in Betracht gezogen. Sehen wir nun zu, wie es sich
    in dieser Hinsicht mit den gewöhnlichen Arbeitern verhielte.
     

    Das einzige persönliche Interesse, welches dieselben unter der
    Herrschaft des Communismus an der redlichen und eifrigen Ver-
    richtung ihrer Arbeit hätten, wäre ihr Antheil an dem Gesammt=
    Interesse. Doch stünde es in dieser Hinsicht nicht schlimmer, als
    es gegenwärtig in Betreff der großen Mehrheit der Mitglieder
    der arbeitenden Classen steht. Denn da dieselben heutzutage feste
    Löhne erhalten, sind sie von einem unmittelbaren persönlichen
    Interesse an der Ergiebigkeit ihrer Arbeit so weit entfernt, daß
     

    Mill, gef. Werke. XII.
     

    14
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    210
     

    sie nicht einmal jenen Antheil am allgemeinen Interesse haben,
    welcher unter einem communistischen System jedem Arbeiter zu-
    täme. Demzufolge ist auch die geringe Leistungsfähigkeit der ge-
    mietheten Arbeit und die unvollkommene Art und Weise, in welcher
    dieselbe die wirklichen Fähigkeiten der Arbeiter zur Entfaltung
    bringt, ein Punkt, in Betreff dessen alle Welt einig ist. Der
    Ruf, in dem ein Lohnarbeiter steht, ist für diesen freilich keines-
    wegs gleichgiltig. Findet doch der gute Arbeiter leichter Beschäf=
    tigung und mitunter auch höhere Entlohnung. Auch ist für ihn
    die Möglichkeit vorhanden, sich zur Stellung eines Aufsehers oder
    eines anderen untergeordneten Beamten emporzuschwingen, welche
    nicht nur besser als gewöhnliche Arbeit bezahlt wird, sondern ihm
    mitunter auch den Weg zu noch vortheilhafteren Posten eröffnet.
    Aber dagegen ist für die andere Seite in Rechnung zu bringen,
    daß unter der Herrschaft des Communismus die allgemeine Ge-
    sinnung der Gemeinde, welche ja aus den Cameraden bestünde, unter
    deren Augen jedermann arbeitete, sicherlich gute und angestrengte
    Arbeit begünstigen würde und der Trägheit, Nachlässigkeit und Ver-
    geudung abhold wäre. Dieß ist unter dem gegenwärtigen System
    so wenig der Fall, daß die öffentliche Meinung der arbeitenden
    Claffen im Allgemeinen in der gerade entgegengesetzten Richtung
    thätig ist. Die Satzungen mancher Gewerkvereine verbieten
    geradezu ihren Mitgliedern, in ihren Leistungen ein gewisses Maß
    zu überschreiten, damit nicht die für die Ausführung der Arbeit
    erforderliche Anzahl von Arbeitern verringert werde, und aus
    demselben Grunde stößt die Einführung von arbeit-sparenden
    Einrichtungen oft auf heftigen Widerstand. Wenn man dagegen
    einen Zustand eintauschte, in welchem jedermann ein Interesse
    daran hätte, jeden Anderen so geschickt, thätig und sorgsam als
    möglich zu machen (wie dieß unter der Herrschaft des Communis-
    mus der Fall wäre), so würde dieß eine sehr entschiedene Wand-
    lung zum Beſſeren bedeuten.
     

    Es lassen sich jedoch und diese Thatsache verdient ernste
    Beachtung die Hauptmängel des gegenwärtigen Systems in
    Rücksicht auf die Ergiebigkeit der Arbeit verbessern und die Haupt-
    sächlichen Vorzüge des Communismus erreichen, ohne daß man es
    nöthig hätte zu Einrichtungen zu greifen, welche mit dem Privat-
    eigenthum und der freien Concurrenz unvereinbar sind. Ein an-
    sehnlicher Fortschritt ist bereits durch die Einführung der Stück-
    Arbeit in jenen Gewerben, welche dieselbe zulassen, erzielt worden.
    Dadurch wird das persönliche Interesse des Arbeiters mit der
    Quantität der von ihm geleisteten Arbeit enge verknüpft,
     

    - aller-
     

  • S.

    211
     

    Der Socialismus.
     

    dings weniger mit der Qualität derselben, für welche immer noch
    die Wachsamkeit des Arbeitgebers die einzige Sicherheit bietet;
    auch steht die Stückarbeit durchaus nicht in besonderer Gunst bei
    den Arbeitern selbst, welche, im Gegentheile, sich ihr oft ernstlich
    widersetzen, weil sie dieselbe für ein Mittel zur Einschränkung des
    Arbeits-Marktes halten Und sie haben in der That guten Grund
    zu ihrer Abneigung, wenn es, wie versichert wird, ein beliebter
    Kunstgriff der Arbeitgeber ist, zuerst durch Stück - Arbeit das
    Maximum dessen, was ein guter Arbeiter leisten kann, zu ermitteln,
    und dann den Preis der Stück-Arbeit so niedrig anzusetzen, daß
    er durch diese auf's Aeußerste gespannte Thätigkeit nicht mehr er-
    werben kann, als was sie ihm als Taglohn für gewöhnliche Arbeit
    hätten zahlen müssen.
     

    Es giebt aber eine weit vollständigere Abhilfe gegen die
    Nachtheile der gemietheten Arbeit, als die Einführung der Stück-
    Arbeit gewähren kann. Dieselbe besteht in der sogenannten in-
    dustriellen Theilhaberschaft (industrial partnership), in der Heran-
    ziehung der ganzen Masse der Arbeiter zur Theilnahme am Geschäfts-
    gewinn, indem man nach Abzug einer gewissen Vergütung für
    den Capitalisten den gesammten Reinertrag oder einen bestimmten
    Theil desselben, in Form eines nach Percenten bemessenen zu-
    schlags zu den Löhnen, unter alle bei der Arbeit mitwirkenden
    Personen vertheilt. Diese Maßregel hat sich in England sowohl
    als anderswo in vorzüglichster Weise bewährt. Sie hat sämmt-
    liche in solch einem Unternehmen beschäftigte Arbeiter dazu be-
    stimmt, dem Gedeihen desselben die sorgfältigste Pflege zu widmen;
    sie hat ebenso sehr die eifrige Mühewaltung gefördert als der
    Vergeudung Einhalt gethan, und dadurch in den Geschäften, in
    denen dieses System eingeführt wurde, die Vergütung für jede
    Art von Arbeitsleistung sehr wesentlich gehoben. Es ist einleuch
    tend, daß dasselbe einer unbeschränkten Ausdehnung fähig ist und
    eine unbegrenzte Steigerung des den Arbeitern zufallenden Ge-
    winnantheils gestattet, so lange nur den Leitern der erforderliche
    Grad von persönlichem Interesse an dem Gelingen des Unter-
    nehmens gewahrt bleibt. Es ist sogar, wenn erst derartige Ein-
    richtungen sich eingebürgert haben, nicht unwahrscheinlich, daß viele
    solche Unternehmungen zu irgend welcher Zeit (anläßlich des
    Ablebens des Chefs oder seines Rücktritts vom Geschäfte) durch
    freies Uebereinkommen in reine cooperative Genossenschaften werden
    verwandelt werden.
     

    Es stellt sich also heraus, daß der Communismus in Bezug
    auf die Beweggründe, welche die große Masse der Arbeiter zur
     

    14 *
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    212
     

    Kraftanstrengung bestimmen, keinen Vorzug besitzt, den sich nicht
    auch das System des Privateigenthums zu eigen machen könnte;
    daß er hingegen in Bezug auf die leitenden Männer weit un-
    günstigere Verhältnisse als das letztere darbietet.
    Es haften
    ihm auch einige, wie es scheint unabwendbare, Uebelſtände in
    Folge der Nothwendigkeit an, über gewisse Fragen in einer mehr
    oder weniger willkürlichen Weise zu entscheiden, welche sich unter
    dem bestehenden System, oft zwar schlecht genug, aber doch von
    selbst erledigen.
     

    bei der Au
     

    Allen, welche bei der Arbeit mitwirken, gleiche Entlohnung
    zu geben, ist eine einfache und von gewissen Gesichtspunkten aus
    eine gerechte Vorschrift. Aber es ist das eine sehr unvollkommene
    Gerechtigkeit, wenn nicht auch Jedem eine gleich große Arbeits-
    leistung zugetheilt ist. Nun sind aber die mannigfachen Arten
    von Arbeitsleistungen, deren jede Gesellschaft bedarf, sehr ver-
    schieden an Schwierigkeit und Unannehmlichkeit. Diese gegen
    einander so abzumessen, daß man qualitative Unterschiede in
    quantitative umsetzen kann, ist so schwierig, daß die Communiſten
    gewöhnlich vorschlagen, ein Jeder solle in einer gewissen Reihen-
    folge jede Art von Arbeit verrichten. Aber dieß würde einen
    fast völligen Verzicht auf die wirthschaftlichen Vortheile der
    Arbeitstheilung bedeuten, welche Vortheile zwar von den National-
    ökonomen häufig überschätzt werden (oder richtiger, sie unterschätzen
    vielfach die Bedeutung der diesen Vortheilen gegenüberstehenden
    Nachtheile), die aber doch mit Rücksicht auf die Ergiebigkeit der
    Arbeit sehr beträchtlich sind, und zwar aus zwei Gründen: einmal
    weil dieses Zusammenwirken von Beschäftigungen es ermöglicht,
    daß die Arbeit sich mit einiger Rücksichtnahme auf die specielle
    Eignung und Fähigkeit der Arbeiter unter diese vertheilt, und
    dann, weil jeder Arbeiter dadurch, daß er sich auf eine Art von
    Arbeit beschränkt, in derselben größere Geschicklichkeit und Flink-
    heit erreichen kann. Demnach wäre diese Einrichtung, welche man
    als die unerläßliche Bedingung einer gerechten Vertheilung ansieht,
    wahrscheinlich ein sehr großer Nachtheil für die Production. Es
    hieße aber überdieß einen sehr mangelhaften Maßstab der Gerech=
    tigfeit anlegen, wenn man von Jedem den gleichen Betrag von
    Arbeit verlangte. Verschiedene Menschen besitzen eine ungleiche,
    geistige und körperliche, Befähigung zur Arbeit, und was für den
    Einen fast ein Spiel ist, das ist eine unerträgliche Bürde für den
    Anderen. Es wird deshalb einer Behörde bedürfen, welche die
    Befugniß besitzt, Nachlässe von dem gewöhnlichen Arbeitsquantum
    zu gewähren, und die den Einzelnen zugetheilten Aufgaben einiger-
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    213
     

    maßen mit ihren Fähigkeiten in Einklang zu bringen. So lange es
    aber träge oder eigennüßige Personen giebt, welche lieber für sich
    arbeiten lassen, als selbst arbeiten, werden häufig genug Versuche
    unternommen werden, solche Nachlässe durch Protection oder durch
    falsche Vorspiegelungen zu erlangen, und die Vereitlung dieser
    Versuche wird erhebliche Schwierigkeiten verursachen und keines-
    wegs allemal gelingen. In Genossenschaften allerdings, welche aus
    auserlesenen Personen bestehen, denen an dem Erfolg des Unter-
    nehmens ernstlich gelegen ist, werden sich diese Uebelstände, wenig-
    stens eine Zeit lang, wenig fühlbar machen; aber Pläne für die
    Neugestaltung der Gesellschaft müssen mit dem Durchschnitts-
    menschen rechnen und außerdem mit der großen Zahl von
    Menschen, welche an persönlichen und socialen Tugenden weit
    unter dem Durchschnitt stehen. Die Händel und die Erbitterung,
    welche sich bei der Vertheilung der Arbeit überall, wo solche
    Personen in's Spiel kommen, unfehlbar ergeben würden, müßten
    den Frieden und die Eintracht schwer erschüttern, welche, nach der
    Erwartung der Communisten, unter den Mitgliedern ihrer Ge-
    nossenschaften herrschen werden. Selbst unter den günstigsten Ver-
    hältnissen würde dieses gute Einvernehmen schwereren Störungen
    ausgesetzt sein, als die Communisten vorauszusetzen pflegen. Ihre
    Verfassung verhütet zwar, daß Streitigkeiten über materielle Inter-
    essen ausbrechen können; aus diesem Gebiet des menschlichen Strebens
    ist der Individualismus verbannt. Aber es giebt andere Gebiete,
    aus denen er sich durch keine Gesetzes - Bestimmung verbannen
    läßt; auch unter einem communistischen System wird der Wett-
    streit um Ansehen und persönliche Macht nicht ausbleiben. Wenn
    den selbstsüchtigen Tendenzen das Gebiet des Gelderwerbs und
    der materiellen Interessen, welches ihr gewöhnlichster Tummelplatz
    ist, entzogen wird, so werden sie das ihnen noch verbleibende
    Terrain desto nachdrücklicher behaupten; und wir dürfen er-
    warten, daß die Kämpfe um Vorrang und Einfluß auf die
    Verwaltung mit um so größerer Erbitterung werden geführt
    werden, da die aus ihrer gewohnten Bahn gelenkten selbstischen
    Triebe der Menschen nunmehr nur auf diesem Wege ihre Be-
    friedigung werden suchen müssen. Aus allen diesen Gründen
    steht zu vermuthen, daß die communistischen Gemeinden gar oft
    nichts weniger als jenes bestechende Gemälde gegenseitiger Liebe
    und Einmüthigkeit des Willens und der Gesinnung aufweisen
    würden, welches die Communisten entwerfen, gleichwie daß Par-
    teiungen dieselben häufig spalten und nicht selten auch zerreißen
    würden
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    214
     

    Andere und zahlreiche Keime der Zwietracht trägt die dem
    communistischen Princip innewohnende Nothwendigkeit in ihrem
    Schooße, Fragen von dem höchsten Belang für jeden Einzelnen,
    welche gegenwärtig dem individuellen Ermessen überlassen bleiben
    fönnen und wirklich überlassen bleiben, durch die öffentliche
    Stimme zu entscheiden. Man denke z. B. an die Frage der Er-
    ziehung. Alle Socialisten sind in ihrer Anerkennung der uner-
    meßlichen Bedeutung der Jugend-Erziehung einig. Es steht hier-
    bei von den Gründen abgesehen, die für alle Welt gelten
    für ihr gesellschaftliches System, welches an die Einsicht und Sitt-
    lichkeit des einzelnen Bürgers so ungleich höhere Ansprüche stellt,
    noch weit mehr als für jedes andere auf dem Spiele. Unter der
    Herrschaft des Communismus wäre es nun die Sache der Ge-
    fammtheit, die hierauf bezüglichen, für Alle ohne Ausnahme gelten-
    den Anordnungen zu treffen; denn Eltern, welche ihre Kinder in
    irgend welcher anderer Weise erzogen zu sehen wünschten, würden
    der hiefür erforderlichen Geldmittel entrathen und wären auf den
    Einfluß beschränkt, den ihr eigener persönlicher Unterricht zu üben
    vermöchte. Allein jedes volljährige Mitglied der Gemeinde hätte
    bei der Wahl des zur allgemeinen Anwendung bestimmten Syſtems
    eine gleichberechtigte Stimme. Hier liegt uns denn eine überaus
    ergiebige Quelle des Zwiespaltes vor Augen. Alle die in Betreff
    der Erziehung ihrer eigenen Kinder irgend welche besondere Mei-
    nungen oder Wünsche hegten, fönnten dieselben nur dann zu ver-
    wirklichen hoffen, wenn es ihnen gelänge, die Entscheidung des
    Gemeinwesens in ihrem Sinne zu beeinflussen.
     

    Es thut nicht Noth eine Reihe anderer wichtiger Fragen,
    bezüglich deren sich wahrscheinlich tiefgreifende und oft unversöhn-
    liche Meinungsverschiedenheiten ergeben würden (z. B. die Ver-
    wendungsweise der productiven Hilfsquellen der Genossenschaft, die
    Bedingungen des socialen Lebens, die Beziehungen der Gemeinde
    zu anderen Genossenschaften u. s. w.), in erschöpfender Weise auf-
    zuzählen. Allein selbst die zu erwartenden Zwistigkeiten wären
    für die Zukunft der Menschheit weit weniger gefahrdrohend als
    jene trügerische Einmüthigkeit, welche dadurch entstünde, daß alle
    individuellen Meinungen und Wünsche durch das Machtgebot der
    Mehrheit in den Staub getreten würden. Die Hindernisse, welche
    sich dem menschlichen Fortschritt in den Weg stellen, sind allezeit
    groß, und es bedarf eines Zusammentreffens glücklicher Umstände,
    damit sie überwunden werden. Allein hiefür ist es unerläßlich,
    daß die menschliche Natur die Möglichkeit besitze, sich nach mannig-
    fachen Richtungen, im Denken wie im Handeln, frei und un-
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    215
     

    gehemmt zu entfalten, daß die Menschen für sich selber denken und
    für sich selber Versuche anstellen und nicht ihren Herrschern (diese
    mögen nun im Namen einiger Weniger oder der Mehrzahl re-
    gieren) die Befugniß übertragen, für sie zu denken und ihnen vor-
    zuschreiben, wie sie zu handeln haben. In einem communistischen
    Gemeinwesen wäre jedoch das Privatleben in einem geradezu bei-
    spiellosen Maße der Herrschaft der öffentlichen Gewalten unter-
    worfen, und der individuellen Geistes- und Charakter-Entwicklung
    wären engere Grenzen gesteckt, als dieß bisher unter den Voll-
    bürgern irgend eines Staates der Fall war, der zu den fort-
    schrittlichen Zweigen der menschlichen Gattung gezählt hat. Schon
    jetzt macht sich der einengende Druck, welchen die Mehrheit auf
    die Individualität ausübt, als ein großes und in Zunahme be-
    griffenes Uebel fühlbar; der Communismus würde dasselbe wahr
    scheinlich noch bedeutend steigern, und eine Milderung des Uebels
    ließe sich vielleicht nur dann erwarten, wenn die Einzelnen das
    Recht hätten, nach freier Wahl in eine Genossenschaft von Gleich-
    gesinnten einzutreten.
     

    Ich häufe diese Erwägungen nicht in der Absicht, um kraft
    derselben die Möglichkeit zu bestreiten, daß die communistische Pro-
    ductionsweise in irgend einem fünftigen Zeitalter die den Bedürf-
    nissen und Verhältnissen der Menschheit am meisten entsprechende
    Gesellschaftsform sein wird. Dieß ist, wie ich denke, eine offene
    Frage und wird es lange Zeit bleiben; neues Licht wird fortwährend
    auf dieselbe fallen, sowohl auf Grund von Versuchen, die man
    unternehmen wird, um das communistische Princip unter günstigen
    Umständen zu erproben, als in Folge der Verbesserungen, welche
    das gegenwärtige System, das des Privatbesitzes, stufenweise
    erfahren wird. Nur das Eine ist gewiß, daß der Communis-
    mus zu seinem Gedeihen einer hohen Stufe der sittlichen wie der
    geistigen Bildung in allen Mitgliedern des Gemeinwesens bedarf,
    der sittlichen, damit sie es lernen, ohne jede Aussicht auf Privat-
    vortheil, nur auf Grund ihres Antheils am gemeinsamen Inter-
    esse der Genossenschaft, ihrer pflichtmäßigen Ergebenheit und ihrer
    Anhänglichkeit an dieselbe, die ihnen obliegende Lebensarbeit recht-
    schaffen und eifrig zu vollbringen, der geistigen, damit sie im
    Stande seien, entfernte Interessen richtig abzuschäßen und auf ver
    wickelte Erwägungen einzugehen, zum mindesten so weit als dieß
    nöthig ist, um hierauf bezügliche gute Rathschläge von schlechten
    zu unterscheiden. Nun verwerfe ich zwar ganz und gar die
    Meinung, daß es unmöglich sei, eine Geistes- und Gemüths-
    bildung, wie sie zu diesen Zwecken erforderlich ist, zum Erbgut
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    216
     

    eines jeden Mitglieds der Nation zu machen; allein ich bin über-
    zeugt, daß diese Aufgabe eine überaus schwierige und daß der
    Weg, der von unseren heutigen Zuständen dahin führt, ein sehr
    weiter ist. Ich lasse den Einwand gelten, daß der gegenwärtige
    Gesellschaftszustand in Rücksicht jener sittlichen Eigenschaften, auf
    welchen das Gedeihen des Communismus beruht, geradezu schädi
    gend wirkt und daß nur ein communistisches Zusammenleben die
    Menschen mit Erfolg für den Communismus erziehen kann. Die
    Sache des Communismus ist es somit, seine sittenbildende Gewalt
    mittelst des praktischen Versuches zu erweisen. Versuche allein
    können darthun, ob bereits jezt irgend ein Theil der Bevölkerung
    ein hinlänglich hohes Niveau sittlicher Bildung erreicht hat, damit
    der Communismus gedeihen und die nächste Generation dieses
    Kreises die Erziehung erhalten könne, ohne welche sich dieses hohe
    Niveau nicht dauernd behaupten läßt. Wenn communistische Ge-
    nossenschaften zeigen, daß sie Bestand haben und gedeihen können,
    so werden sie sich vervielfältigen und voraussichtlich in den vor-
    geschritteneren Ländern immer weitere Volkskreise für sich ge<
    winnen, sobald dieselben die für diese Lebensordnung erforderliche
    sittliche Reife erlangt haben. Allein eine unzureichend vorbereitete
    Bevölkerung - etwa unter dem Einfluß einer diesem Beginnen
    günstigen politischen Umwälzung in communistische Genossen=
    schaften zwängen zu wollen, dieß wäre ein Unternehmen, welches
    nur zu argen Enttäuschungen führen könnte.
     

    Wenn der praktische Versuch nothwendig ist um die Leistungs-
    fähigkeit des Communismus zu erproben, so gilt dieß nicht minder
    von jenen Formen des Socialismus, welche auf der Anerkennung
    der Schwierigkeiten des Communismus beruhen und diese durch
    die Anwendung geeigneter Mittel zu überwinden trachten. Die
    bedeutendste unter denselben ist der Fourierismus, welcher - wenn
    auch nur als eine Probe erfindsamen Scharfsinns in hohem
    Maße die Aufmerksamkeit eines Jeden verdient, der die mensch-
    liche Natur oder die Gesellschaft zum Gegenstande seines Studiums
    gewählt hat. Es giebt kaum eine Einwendung oder Schwierigkeit,
    welche Fourier nicht vorhergesehen und der er nicht durch Veran-
    staltungen, die den Charakter von sich-selbst-regulirenden Apparaten
    besitzen, zuvorzukommen gesucht hätte, wobei er jedoch ein weniger
    hohes Princip der austheilenden Gerechtigkeit als das rein com-
    munistische zu Grunde legt, denn er läßt Ungleichheiten der Ver-
    theilung und individuellen Capitalbesig, wenngleich nicht die will-
    türliche Verfügung über denselben, bestehen. Das große Problem,
    dem er beizukommen strebt, ist die Frage, wie man die Arbeit
     

  • S.

    217
     

    Der Socialismus.
     

    anziehend machen könnte; denn gelänge dieß, so wäre die Haupt-
    sächliche Schwierigkeit des Socialismus überwunden. Er behauptet,
    daß keine Art von nützlicher Arbeit an sich selbst oder für alle
    Menschen lästig und widerwärtig ist, und daß sie dieß nur dann
    wird, wenn ein Uebermaß von Anstrengung gefordert, wenn ihr
    der Neiz der Geselligkeit und der Sporn des Wetteifers entzogen
    oder wenn sie von den Menschen mit Geringschäzung betrachtet
    wird. Die Arbeiter eines Fourieristischen Dorfes sollen sich nach
    freier Wahl in Gruppen theilen, von denen sich jede einer anderen
    Art von Beschäftigung widmet, und dieselbe Person darf einer
    beliebigen Zahl solcher Gruppen angehören. Nachdem zunächst
    ein gewisses Minimum für den Unterhalt eines jeden Gemeinde-
    gliedes, dasselbe mag nun arbeitsfähig sein oder nicht, bei Seite
    gesetzt ist, vertheilt die Gesellschaft den Rest des Productions-
    Ertrages unter die verschiedenen Gruppen nach jenem Maßstab,
    der sich erfahrungsmäßig geeignet erweist, jeder Gruppe das er-
    forderliche Quantum von Arbeitskräften, und kein größeres als
    dieses, zuzuführen; wenn sich ein allzu großer Zulauf zu gewissen
    Gruppen ergiebt, so gilt dieß als ein Anzeichen, daß sie im Ver-
    hältniß zu anderen allzu hoch entlohnt werden; finden irgend
    welche Gruppen zu wenig Zuspruch, so muß ihre Entlohnung
    erhöht werden. Die jeder Gruppe zugewiesene Quote wird in
    festen Verhältnissen unter drei Elemente: Arbeit, Capital und
    Talent vertheilt, wobei die Zuerkennung des auf das Talent ent-
    fallenden Antheils auf Grund einer Abstimmung der Gruppen-
    Mitglieder selbst erfolgt. Fourier spricht die Hoffnung aus, daß
    angesichts der Mannigfaltigkeit menschlicher Anlagen Jeder oder
    fast Jeder im Stande sein wird, sich in einer oder der anderen
    Gruppe hervorzuthun. Die Vergütung für das Capital soll so
    bemessen werden, daß sie die Einzelnen zu Ersparungen an ihrem
    Verbrauche in solchem Maße veranlaßt, daß dadurch das gemein-
    same Capital bis zur wünschenswerthen Höhe vermehrt wird.
    Bon erstaunlichem Scharfsinn zeugen die zahlreichen Vorrichtungen,
    welche dazu dienen sollen, kleineren Schwierigkeiten zu begegnen
    und geringere Uebelſtände hinwegzuräumen. Im Hinblick auf diese
    mannigfachen Vorkehrungen geben sich die Fourieristen der Er-
    wartung hin, daß die persönlichen Beweggründe zu gemeinnütziger
    Arbeit keineswegs beseitigt, sondern in hohem Maße verstärkt
    würden, da jede Mehranstrengung weit sicherer als heutzutage,
    wo so viel von den Zufällen der gesellschaftlichen Stellung ab-
    hängt, zu einer Mehrentlohnung führen würde. Die Ergiebigkeit
    der Arbeit wäre daher, wie sie meinen, eine beispiellose; und eine
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    218
     

    nicht minder außerordentliche Arbeitersparniß würde sich daraus
    ergeben, daß Alles, was jetzt für nußlose oder schädliche Dinge
    vergeudet wird, nützlichen Verwendungen zu gute käme, und daß
    ferner eine ungeheure Zahl nuzloser Vermittler entfiele, indem
    das Geschäft des Ein- und Verkaufs durch eine einzige Behörde
    für die ganze Gemeinde besorgt würde. Die individuelle Selbst-
    bestimmung und freie Verfügung der Individuen über ihr Leben
    würde durchaus nicht mehr beschränkt werden, als nöthig erscheint,
    um der Gesammtheit die vollen Vortheile des Zusammenwirkens
    der Arbeit auf dem Gebiete der gewerblichen Verrichtungen zu
    sichern. Alles in allem gewährt solch eine Fourieristische Gemeinde
    an sich ein anziehendes Bild, und überdieß muthet sie der ge-
    wöhnlichen Menschennatur weit weniger zu als irgend ein anderes
    socialistisches System, das wir kennen. Es ist dringend zu
    wünschen, daß dieser Entwurf bald Gelegenheit finde, seinen Werth
    durch ein vollgiltiges Experiment zu erproben; denn auf keinem
    anderen Wege läßt sich über die Lebensfähigkeit eines neuen socialen
    Systems entscheiden *).
     

    Unsere Durchmusterung der mannigfachen Schwierigkeiten, mit
    welchen der Socialismus behaftet ist, hat mithin zu dem folgenden
    Endergebniß geführt. Die verschiedenen Vorschläge, welche dahin
    zielen, die Hilfsquellen eines Landes durch collective statt durch
    private Thätigkeit auszubeuten, verdienen alle Beachtung und
    scheinen eines Versuches wohl werth zu sein; auch werden einige
    derselben möglicherweise dereinst sich fähig und würdig zeigen, die
    gegenwärtige Gesellschafts-Ordnung zu ersetzen. Doch lassen sich
    derartige Bersuche zunächst nur mit auserlesenen Kräften in Angriff
    nehmen, und jene Entwürfe haben erst ihre Fähigkeit zu erweisen,
    die Menschheit im Großen und Ganzen zu der Entwicklungsstufe
    emporzuheben, welche eine unerläßliche Voraussetzung ihres gedeih-
    lichen Wirkens bildet. Dieß muß selbstverständlicher Weise in
     

    *) Die Grundsäße des Fourierismus hat Hr. Victor Considérant_in
    seinen verschiedenen Schriften, insbesondere in dem Werke, welches La
    destinée sociale betitelt ist, mit ebenso viel Kraft als Klarheit dargestellt
    und vertheidigt. Doch sollte der Forscher es nicht unterlassen, die Schriften
    Fourier's selbst zu studiren, wo er unverkennbaren Spuren des Genies mitten
    unter den zügellosesten und unwissenschaftlichsten Phantasien über die physische
    Welt und sehr interessanten, aber voreiligen Speculationen über die Schick-
    sale des Menschengeschlechtes in der Vergangenheit und Zukunft begegnen
    wird. Wir wollen nicht verschweigen, daß Fourier über einige wichtige
    sociale Fragen, wie z. B. über die Ehe, eigenthümliche Ansichten aufstellt,
    welche aber, wie er selbst erklärt, von seinem System der Gewerbthätigkeit
    ganz unabhängig und von demselben leicht zu trennen find.
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    219
     

    noch viel höherem Maße von dem weit vermesseneren Plane gelten,
    der dahin geht, den gesammten Boden und das ganze Capital
    eines Landes mit Beschlag zu belegen und sofort auf Rechnung
    der Gesammtheit zu verwalten. Auch wenn wir ganz und gar
    von dem Unrecht absehen, welches damit gegen die gegenwärtigen
    Besitzer verübt würde, ist der Gedanke, die gesammte Gewerb-
    thätigkeit eines Landes von einem einzigen Mittelpunkte aus zu
    leiten, ein so augenfällig chimärischer, daß Niemand es bisher
    gewagt hat, in Betreff der Art und Weise seiner Verwirklichung
    irgend einen Vorschlag zu machen. Auch würden die revolutio=
    nären Socialisten, selbst wenn sie ihr nächstes Ziel erreicht hätten
    und den Gesammt-Besitz eines Landes in Händen hielten, es fast
    sicherlich unthunlich finden, in anderer Weise über denselben zu
    verfügen, als indem sie die Gesammtmasse zerschlügen und jeden
    derartigen Bruchtheil einer kleinen socialistischen Gemeinde zur
    Verwaltung überwiesen. Das Problem der Verwaltung, welches
    wir auch mit Rücksicht auf eine ausgewählte und für diese Auf-
    gabe wohl vorbereitete Bevölkerung so überaus schwierig fanden,
    müßte jetzt ohne jegliche Vorbereitung, so gut es eben ginge, durch
    Vereinigungen von Menschen gelöst werden, welche kein anderes
    Band als das der örtlichen Nähe mit einander verknüpfte, oder
    die auf gut Glück aus der Gesammt-Bevölkerung herausgegriffen
    wären, welche alle Uebelthäter, alle Arbeitsscheuen und Laster-
    haften, alle Jene, die an Ausdauer, Voraussicht und Selbst-
    beherrschung am tiefsten stehen, in sich schließt, und deren Mehrheit
    zwar nicht ebenso tief gesunken, aber gerade in Rücksicht der für
    den Erfolg des Socialismus wesentlichen sittlichen Eigenschaften,
    wie die Socialisten selbst versichern, durch den gegenwärtigen
    Gesellschaftszustand schwer geschädigt ist. Es heißt keineswegs zu
    viel behaupten, wenn man meint, daß die Einführung des Socia
    lismus unter solchen Umständen zu nichts Anderem führen könnte
    als zu einem unheilvollen Zusammenbruch. Seinen Aposteln
    bliebe nur der Trost, daß die jetzt bestehende Gesellschaftsordnung
    noch vorher in Trümmer gegangen wäre, und daß Alle, die aus
    ihr Nutzen ziehen, in das gemeinsame Verderben mitgerissen würden.
    Es würde dieß wahrscheinlich für Manche unter ihnen ein wirklich
    tröstlicher Gedanke sein; denn wenn der Anschein nicht trügt, so
    ist die innerste Triebfeder gar vieler revolutionärer Socialisten
    nichts anderes als der Haß, ein Haß, der keiner Entschuldigung
    bedarf, in so weit er sich gegen die gegenwärtig bestehenden Uebel
    richtet, der sich jedoch unseliger Weise in der gewaltsamen Zer-
    störung des socialen Gebäudes um jeden Preis und selbst zum
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    220
     

    Schaden der jetzt leidenden Classen Luft machen möchte, - von
    der Hoffnung getrieben, es werde aus dem Chaos eine neue,
    bessere Welt erstehen, und an jeder Möglichkeit einer anderen, mehr
    schrittweisen Verbesserung verzweifelnd. Diese Ungeduldigen ver-
    gessen jedoch, daß das Chaos die denkbar ungünstigste Vorbe-
    reitung für den Aufbau eines Kosmos ist, und daß lange
    Jahrhunderte des Kampfes, der Gewaltthätigkeit und der tyran-
    nischen Bedrückung der Schwachen durch die Starken dahin gehen
    müßten, ehe ein solcher auch nur möglich würde. Sie wissen
    nicht, daß sie die Menschheit in jenen Natur-Zustand stürzen
    würden, in dem jedermann jedermanns Feind ist und den Hobbes *)
    mit so lebhaften Farben geschildert hat:
     

    Unter solchen Verhältnissen ist kein Raum für regelmäßige
    Arbeit, weil die Früchte derselben unsicher sind, und demgemäß
    giebt es keinen Anbau des Bodens, keine Schifffahrt, keinen
    Verbrauch von Gütern, welche zur See eingeführt werden, keine
    behagliche Wohnstätte, keine Werkzeuge, um Dinge, welche viel
    Kraft erfordern, in Bewegung zu setzen oder von der Stelle zu
    rücken, keine Kenntniß von der Oberfläche der Erde, keine Zeit-
    rechnung, keine Wissenschaft, keine Kunst, keine Gesellschaft, und,
    was das Schlimmste ist, beständige Gefahr und Furcht vor einem
    gewaltsamen Tode in einem furzen, einsamen, armseligen, ekeln
    und thierischen Leben."
     

    Wenn es richtig ist, daß die ärmsten und elendesten Mit-
    glieder der sogenannten civilisirten Gesellschaft sich jetzt ebenso
    schlecht befinden, als sich unter jener schlimmsten Form der Barbarei,
    welche aus der Zertrümmerung der Civilisation hervorgeht, ein
    jeder befände, so folgt daraus doch keineswegs, daß man den
    geeigneten Weg einschlägt, um die ersteren aus diesem Elend zu
    erheben, wenn man alle Anderen in dasselbe hinabstürzt. Im
    Gegentheile: nur durch die Hilfe der Ersten, welche sich empor-
    gearbeitet haben, sind so viele Andere dem allgemeinen Loos ent-
    gangen, und nur von einer besseren Organisation desselben Pro-
    cesses ist eine endliche Erhebung auch der Uebrigen zu erwarten.
     

    *) Leviathan, Theil I, Cap. 13.
     

  • S.

    221
     

    Der Socialismus.
     

    Der Begriff des Privateigenthums ist kein fester, sondern
    ein wandelbarer.
     

    Die voranstehenden Betrachtungen scheinen hinreichend zu be=
    weisen, daß eine gänzliche Erneuerung des socialen Gebäudes,
    wie sie der Socialismus plant, der die ökonomische Verfassung
    der Gesellschaft auf ganz andere Grundlagen als Privateigenthum
    und freie Concurrenz stellen will, daß eine solche Erneuerung,
    sage ich, so werthvoll sie auch als ein Ideal und selbst als eine
    Verkündigung des in ferner Zukunft zu Erreichenden sein mag,
    doch für die Linderung der gegenwärtig bestehenden Uebel nichts zu
    leisten vermag. Denn sie erheischt von den Trägern der neuen Ord-
    nung sittliche und intellectuelle Eigenschaften, welche bei Allen erst
    zu erproben und bei den Meisten erst zu schaffen wären; und dieß
    läßt sich nicht durch eine Parlamentsacte, sondern im günstigsten
    Falle erst nach Ablauf eines langen Zeitabschnitts erreichen.
    Geraume Zeit hindurch wird mithin auch in Zukunft das Princip
    des Privateigenthums das Feld behaupten; und selbst wenn in
    irgend einem Lande eine Volksbewegung Socialisten an die Spitze
    einer revolutionären Regierung bringen sollte, so würde doch allen
    möglichen Verlegungen des Privateigenthums zum Troße diese
    Institution selbst fortbestehen und entweder von denselben ange-
    nommen oder nach ihrer Vertreibung wieder eingesetzt werden;
    aus dem einfachen Grunde, weil die Menschen das Einzige, worauf
    fie heutzutage für ihre Sicherheit und ihren Lebensunterhalt an-
    gewiesen sind, nicht fahren lassen werden, ehe ein Ersatz dafür
    nicht nur ersonnen, sondern auch in thatsächliche Wirksamkeit
    getreten ist. Selbst diejenigen, welche das Eigenthum Anderer
    unter sich getheilt hätten - wenn es solche geben sollte
    würden danach streben, das was sie erlangt haben, zu behalten,
    und dem Eigenthum in den Händen der neuen Inhaber die Heilig-
    keit wiederzugeben, die sie ihm in den Händen der früheren Be-
    fizer aberkannten.
     

    Allein obgleich die Institution des Privateigenthums aus
    diesen Gründen voraussichtlich eine lange, wenn auch vielleicht
    keine ewige, Dauer zu gewärtigen hat, so folgt daraus doch keines-
    wegs, daß dieselbe während dieses ganzen Zeitraums völlig unver-
    ändert bleiben muß, oder daß alle Rechte, welche man zur Zeit
    als zum Begriff des Eigenthums gehörig ansieht, wesentliche
    Elemente desselben sind und so lange bestehen müssen, als dieses
    selbst besteht. Es ist im Gegentheil denjenigen, welche aus den
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    222
     

    die Eigenthumsverhältnisse regelnden Gesetzen den unmittelbarsten
    Nutzen ziehen, sowohl durch ihre Pflicht als durch ihr Interesse
    geboten, allen Vorschlägen, welche diese Geseze für die Mehrzahl
    der Menschen irgend weniger drückend zu machen streben, unpar-
    teiisches Gehör zu schenken. Dieß wäre unter allen Umständen
    eine Pflicht der Gerechtigkeit, aber es ist überdieß eine Vorschrift
    der Klugheit, um sich den sicherlich nicht ausbleibenden Ver-
    suchen gegenüber nicht in's Unrecht zu setzen, welche dahin zielen
    werden die socialistischen Gesellschaftsformen vorzeitig in's Leben
    zu rufen.
     

    Zu den Irrthümern, welche am häufigsten begangen werden
    und die größten praktischen Fehlgriffe in der Behandlung der
    menschlichen Angelegenheiten nach sich ziehen, gehört die Annahme,
    daß derselbe Name immer dieselbe Gruppe von Vorstellungen
    bezeichne. Kein Ausdruck ist diesem Mißverständniß öfter aus-
    gesetzt gewesen, als das Wort Eigenthum. Es bedeutet für jeden
    Zustand der Gesellschaft die weiteste Befugniß des ausschließlichen
    Gebrauchs oder der ausschließlichen Verfügung über Sachen (und
    mitunter leider auch über Personen), welche das Gesetz gewährt
    oder das jeweilige Herkommen anerkennt; aber diese Befugnisse
    sind sehr wandelbarer Natur und in verschiedenen Ländern und
    Gesellschaftszuständen ungemein verschieden.
     

    So zum Beispiel schloß das Eigenthumsrecht in alten Zeiten
    nicht das Recht der lettwilligen Verfügung in sich. Dieses Recht
    ist in den meisten Ländern Europa's erst spät eingeführt worden;
    und noch lange, nachdem es zur Geltung gelangt war, erfuhr es
    Einschränkungen zu Gunsten der sogenannten natürlichen Erben.
    Wo es nicht erlaubt ist, über sein Vermögen testamentarisch zu
    verfügen, dort ist das Privateigenthum nichts anderes als ein
    lebenslänglicher Nießbrauch. Und in der That lag es, wie Sir
    Henry Maine in seinem überaus lehrreichen Buch über „das alte
    Recht" so trefflich und eingehend dargethan hat, ursprünglich in
    dem Begriff des Eigenthums, daß es der Familie und nicht dem
    Einzelnen angehöre. Das Familienhaupt verwaltete dasselbe und
    war derjenige, der die Eigenthumsrechte thatsächlich ausübte. Wie
    in anderen Hinsichten, so beherrschte der Patriarch auch in dieser
    die Familie mit nahezu despotischer Gewalt. Aber es stand nicht
    in seiner Macht, den Miteigenthümern ihren Antheil zu entziehen;
    er konnte auch über das Eigenthum nicht derart verfügen, daß er
    ihnen die gemeinsame Nutznießung schmälerte oder ihr Erbrecht in
    Frage stellte. Nach den Gesetzen und dem Herkommen einiger
    Nationen konnte das Eigenthum nicht ohne die Zustimmung der
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    223
     

    männlichen Nachkommen veräußert werden; in anderen Fällen
    war das Kind berechtigt, eine Theilung des Eigenthums und
    die Ausfolgung des ihm gebührenden Antheils zu verlangen, wie
    dieß in der Legende vom Verlorenen Sohn geschieht. Wenn die
    Familienglieder auch nach dem Tode des Oberhauptes vereinigt
    blieben, so erhielt dasselbe einen Nachfolger, der nicht immer einer
    seiner Söhne sein mußte; es konnte auch das älteste Mitglied der
    Familie, der Stärkste oder derjenige sein, den die Uebrigen dazu
    erforen; und im Uebrigen blieb alles beim Alten. Wenn anderer-
    seits die Gemeinschaft sich in verschiedene Familiengruppen auflöſte,
    nahm jede derselben ein Stück des Eigenthums mit sich. Ich
    sage des Eigenthums, und nicht des Erbes, denn es handelte sich
    hier nur um die Fortdauer von bereits bestehenden Rechten und
    nicht um die Entstehung von neuen; nur der Antheil des ver-
    storbenen Oberhauptes fiel den Ueberlebenden durch Erbschaft zu.
     

    Fassen wir das unbewegliche Eigenthum als solches in's
    Auge (die für ein primitives Zeitalter weitaus wichtigste Art des
    Eigenthums), so finden wir, daß dasselbe in Bezug auf Dauer
    und Ausdehnung großen Veränderungen unterlag. Nach jüdischem
    Gesetze war das Eigenthum an unbeweglichen Gütern blos von
    zeitweiliger Art; im Jubeljahr fielen dieselben wieder zum Behuf
    einer neuen Vertheilung an den Staat zurück; doch dürfte
    man diese Vorschrift in der historischen Periode des jüdischen
    Staates vermuthlich mit Erfolg umgangen haben. In vielen
    Ländern Asiens bestand vor dem Eindringen europäischer Ideen
    nichts, worauf der Ausdruck Landeigenthum, wie wir ihn ver-
    stehen, streng anwendbar gewesen wäre. Die Eigenthumsrechte
    waren unter verschiedene Parteien zersplittert und mehr durch
    Herkommen als durch Gesetze geregelt. Zuerst kam der Staat,
    der eine sehr bedeutende Grundrente erheben durfte. Die Höhe
    derselben war durch die Sitte und sogar durch alte Satzungen
    auf einen gewissen Theil des Rohertrags beschränkt, aber thatsäch-
    lich gab es keine feste Grenze. Der Staat konnte diesen seinen
    Antheil auf einen Einzelnen übertragen, welcher dadurch das
    Recht der Einsammlung und alle anderen Rechte des Staates,
    aber keines der an dem Boden haftenden Rechte einer Privat-
    person erwarb. Diese Privatrechte waren von verschiedener Art.
    Die wirklichen Bebauer des Bodens, oder doch diejenigen unter
    ihnen, welche lange Zeit daselbst seßhaft gewesen waren, hatten
    ein Recht, ihren Besitz zu behaltenes galt für ungesetzlich, sie zu
    vertreiben, so lange sie ihre Grunbrente bezahlten, die gewöhnlich
    nicht durch ein Uebereinkommen, sondern durch das in der bes
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    224
     

    treffenden Gegend geltende Herkommen bestimmt war. Zwischen
    den wirklichen Landbauern und dem Staat, oder dem Stellvertreter
    des Staates, welchem er seine Rechte übertragen hatte, standen
    Mittelspersonen mit Rechten von wechselndem Umfang. Es gab
    Regierungs-Beamte, welche den Antheil des Staates am Ertrag,
    oft in großen Gebieten, einsammelten; und obgleich sie verpflichtet
    waren, alles, was sie eingesammelt hatten, nach Abzug eines
    Bercent-Antheils, der Regierung auszuliefern, war doch diese
    Stellung in ihrer Familie oftmals erblich. Es gab auch nicht
    selten Dorfgemeinden, welche aus den angeblichen Nachkommen
    der ersten Ansiedler bestanden. Diese theilten das Land oder den
    Ertrag desselben nach herkömmlichen Regeln unter sich; sie be-
    bauten den Boden entweder selbst oder ließen ihn durch Andere
    bebauen, und ihre Stellung kam der eines Landeigenthümers nach
    englischer Auffassung überaus nahe. Doch war dieß kein indivi-
    duelles, sondern Collectiv-Eigenthum; es war unveräußerlich (der
    Antheil der einzelnen Theilhaber konnte nur mit Zustimmung
    der Gesammtheit verkauft oder verpfändet werden) und wurde
    nach festen Regeln verwaltet. Im mittelalterlichen Europa wurde
    fast alles Land als Lehen für militärische oder landwirthschaft-
    liche Dienstleistungen von dem Landesfürsten empfangen, und
    in Großbritannien anerkennt die Theorie des Gesetzes selbst jetzt noch,
    wo die Dienstpflicht und alle dem Souverän vorbehaltenen Rechte
    längst in Vergessenheit gerathen oder gegen Steuern vertauscht worden
    sind, bei keinem Privatmann ein uneingeschränktes Eigenthumsrecht
    auf den Boden; denn derjenige, der dieses Recht im vollsten
    Maße ausübt, der Besitzer eines Freigutes, wird nur ein,,Lehens-
    mann" der Krone genannt. In Rußland war selbst zur Zeit, als
    die Bebauer des Bodens Leibeigene des Grundherrn waren,
    das Eigenthumsrecht des letzteren durch die Rechte der ersteren
    beschränkt, welche sie als eine Körperschaft, die ihre Angelegen-
    heiten selbst verwaltete, besaßen, und in die er nicht eingreifen
    durfte. Ebenso blieben in den meisten Ländern des Festlandes
    von Europa nach der Abschaffung oder dem Erlöschen der Hörig-
    keit diejenigen, welche früher als Hörige den Boden bebaut hatten,
    im Besitz von Rechten, wie andererseits auch gewisse Verpflich-
    tungen auf ihnen lasteten. Die großen Agrar-Reformen Stein's
    und seiner Nachfolger in Preußen bestanden in der Aufhebung
    dieser Rechte wie der ihnen entsprechenden Verpflichtungen und in
    der factischen Theilung des Bodens zwischen den ehemaligen
    Herren und den Bauern, welche an die Stelle des früheren
    beschränkten Besitzrechts beider Parteien auf das Ganze trat.
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    225
     

    In anderen Ländern, wie in Toscana, ist der Halbpächter (métayer)
    thatsächlich der Miteigenthümer des Grundherrn, da das Her-
    kommen, wenn auch nicht das Gesetz, ihm, so lange er die üblichen
    Bedingungen erfüllt, die Fortdauer des Besizes und die Hälfte
    des Rohertrags gewährleistet.
     

    Und ferner, gleichwie die Ausdehnung der Eigenthumsrechte,
    die sich auf dieselben Objecte beziehen, zu verschiedenen Zeiten
    eine verschiedene ist, so findet ein gleicher Wandel auch in Betreff
    dieser Objecte selbst statt. In allen Ländern erstreckte sich das
    Recht des Eigenthums in früherer Zeit, und in vielen erstreckt
    es sich noch heute, auf den Besitz von menschlichen Wesen. Es hat
    oft Eigenthum an öffentlichen Aemtern, so z. B. in Frankreich vor
    der Revolution an Richterstellen und zahllosen anderen obrigkeit-
    lichen Würden, gegeben; in Großbritannien haben wir immer noch
    einige fäufliche Aemter, obwohl sie, wie ich glaube, kraft einer
    gesetzlichen Bestimmung mit dem Tode der gegenwärtigen Inhaber
    erlöschen werden; und wir gehen eben erst daran, die Käuflichkeit
    der Offizierspatente in der Armee aufzuheben. Deffentliche
    Körperschaften, welche für gemeinnützige Zwecke gestiftet und mit
    Gütern ausgestattet wurden, rufen für ihren Besitzstand das
    gleiche unverletzliche Eigenthumsrecht an, wie Privatpersonen für
    den ihrigen; und obwohl eine gesunde politische Moral diesen
    Anspruch nicht billigen kann, wird er doch vom Gesetze anerkannt.
    Wir sehen also, daß das Eigenthumsrecht in verschiedenen Län-
    dern und zu verschiedenen Zeiten verschieden ausgelegt und
    ihm eine wechselnde Ausdehnung gegeben wurde, und daß der
    Begriff Eigenthum ein veränderlicher ist, der oftmals Wandlungen
    erfahren hat und noch weitere Wandlungen zu erwarten haben mag.
    Es muß auch bemerkt werden, daß die Umgestaltungen, von denen
    er bisher in der fortschreitenden Entwickelung der Gesellschaft be-
    troffen wurde, in der Regel Verbesserungen waren. Wenn
    daher von irgend einer Seite, gleichviel ob mit Recht oder Un-
    recht, behauptet wird, daß eine bestimmte Veränderung oder
    Modification der Befugnisse, welche den rechtmäßigen Eigen-
    thümern gewiffer Dinge über dieselben zustehen, dem allgemeinen
    "Wohl zuträglich und für den Fortschritt förderlich wäre, so
    ist es jedenfalls kein entscheidendes Gegen - Argument, wenn
    man darauf erwiedert, daß die in Vorschlag gebrachte Neue-
    rung dem Begriff des Eigenthums widerstreite. Der Eigen-
    thumsbegriff ist nicht etwas, das sich im ganzen Lauf der Ge-
    schichte unabänderlich gleich geblieben ist und keinerlei Modi-
    ficationen zuläßt; er ist vielmehr so wandelbar wie alle anderen
     

    Mill, ges. Werte. XII.
     

    15
     

  • S.

    Der Socialismus.
     

    226
     

    Schöpfungen des menschlichen Geistes. Das Wort Eigenthum iſt
    jedesmal ein bündiger Ausdruck für die durch das Gesetz oder
    Herkommen einer gegebenen Gesellschaft zu einer bestimmten Zeit
    verliehenen dinglichen Rechte; aber weder in dieser, noch in irgend
    welcher anderer Hinsicht können Gesetz und Herkommen eines gegebe-
    nen Landes und einer gegebenen Zeit den Anspruch auf ewige und un-
    wandelbare Geltung erheben. Ein Reformvorschlag ist nicht nothwen-
    dig darum verwerflich, weil seine Annahme nicht die Anpassung
    aller menschlichen Angelegenheiten an die zur Zeit geltende Idee
    des Eigenthums, sondern die Anpassung der zur Zeit geltenden
    Idee des Eigenthums an die Entwicklung und Verbesserung der
    menschlichen Angelegenheiten in sich schlösse. Diese Bemerkung
    soll dem billigen Anspruch der Eigenthümer auf staatliche Ent-
    schädigung für alle gesetzlichen Eigenthumsrechte, die ihnen im
    Interesse des öffentlichen Nutzens entzogen würden, keinerlei Ein-
    trag thun. Dieser billige Anspruch, seine Begründung und die
    Schranken, innerhalb deren er zu gelten hat, sind ein besonderer
    Gegenstand, der als solcher späterhin abgehandelt werden soll. Mit
    diesem Vorbehalt aber ist die Gesellschaft vollkommen berechtigt,
    jedes besondere Eigenthumsrecht aufzuheben oder abzuändern,
    welches ihr nach reiflicher Ueberlegung als ein Hinderniß für das
    öffentliche Wohl erscheint. Und die furchtbare Anklage, welche,
    die Socialisten (wie wir in einem früheren Abschnitt sahen)
    gegen die bestehende Wirthschaftsordnung erheben und zu erhärten
    vermögen, nöthigt uns sicherlich, alle jene Mittel aufzusuchen
    nnd ernstlichst in Betracht zu ziehen, deren Anwendung die
    Institution des Privat-Eigenthums möglicherweise in den Stand
    segen kann, auch über jene weiten Volkskreise, die gegenwärtig
    an ihren unmittelbaren Wohlthaten nur einen sehr geringen An-
    theil haben, einen reicheren Segen zu verbreiten.