(/1912): Varia [Mai 1912]
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Varia.
Wieland-Wangerin: „Ein Fall von Libido homosexualis bei
einer Hündin“. (Berlin. tierårztl. Wochenschr. 1910, Nr. 43.) Es wird von einer
Bernhardinerhiindin erzählt, die von ihren Herren (einem anscheinend kinderlosen Ehe-
paar; einziges Kind!) sehr verhiitschelt wird und sehr an ihnen hängt. Gegen Rüden,
die sie belegen wollten, ist sie bissig und lässt sie nicht zur Begattung; auch ein Ver.
such sie mit Gewalt belegen zu lassen, scheiterte. Hingegen trifft sie zweimal alte
Jungfrauen, Bekannte ihrer Besitzer, gegen die sie sehr liebenswiirdig ist und auf
deren Armen sie ausgesprochene Deckbewegungen macht. Marcus.Dr. Boerner: „Ein Beitrag zur Sexualbiologie der Tiere“
(Berliner tierårztliche Wochenschrift 1910, Nr. 48). Ankniipfend an den von Wie-
land mitgeteilten Fall wird iiber eine Zwergrehpinscherhiindin berichtet, die oft
auf dem Arm von Damen, nie von Herren, Deckbewegungen macht. Boerner
hält diesen Vorgang nicht fiir Homosexualität, sondern führt als Analogie an, dass
der Geruch briinstiger Hündinnen andere Hündinnen erregt. Die Akte sind nur
Onanieversuche infolge der Erregung, die durch den „weiblichen Geschlechtsgeruch*
entsteht.Durch Mangel an Gelegenheit zu natürlicher Sexualbetätigung durch ,hitziges
Futter" u. dergl. kommen Oberationen vor, vor allem Onanie der männlichen Haus-
tiere. Nymphomanie kommt bei weiblichen Haustieren vor, wenn man die Deckung
verhindert, bei Wild im Klimakterium. Eine Abart der Onanie ist Sodomie mit
anderen Tieren (auch Masturbation an Menschen ist bei Hunden zu beobachten. Ref.).
Eine Schimpansin wird angefiihrt, die junge Hunde und einen jungen Båren zum
Cunnilingus erzog. — Hengste zeigen manchmal Besonderheiten in der Objektwahl
indem sie eine bestimmte Farbe bevorzugen oder Fohlenstuten verschmihen.Bei Tieren, die ihrer Natur entsprechend leben, diirften pathologische Er-
scheinungen wohl nie vorkommen, ausser etwa wenn eine Organveränderung (?)
vorliegt. Halten wir aber Tiere nicht der Natur gemäss, so werden Variation des
Sexualtriebes auftreten, „allerhóchstens neurasthenische Nachwirkungen, aber nie
solehe Perversionen, wie bei den Vertretern der Spezies homo sapiens, die die
Stärke ihres Sexualtriebes nicht mit den gebotenen Verhältnissen in Einklang
bringen kønnen (!) und ståndig nach neuen Reizmitteln fiir ihr tiberspanntes Nerven-
system ausblicken müssen“. (1) Marcus.Aus den „Aufzeichnungen des Malta Laurids Brigge' von Raine
Maria Rilke (Leipzig, Im Inselverlag 1910; 1. Bändchen, S. 90ff, 26, 126,
139 f, 143 ff). Wer bisher die Fren d`achen Erkenntnisse mit einem iiber-
legenen, geringschiitzigen Liicheln quittiert hat, lese die nachfolgenden Stellen aus
dem Buche eines Dichters, der gewiss nicht im Verdachte steht, Parteiginger der
psychoanalytischen Wissenschaft zu sein, und er wird mit Erstaunen gewahr werden
wie hier ein Poet in bisweilen völlig unverhüllter Form Beobachtungen mitteilt, die
mit denen des Arztes aufs frappanteste übereinstimmen.„Und jetzt auch noch diese Krankheit, die mich immer schon so eigentiimlich
berührt hat. Ich bin sicher, dass man sie unterschätzt. Genau wie man die Be-
deutung anderer Krankheiten iibertreibt. Diese Krankheit hat keine bestimmten
Kigenheiten, sie nimmt die Eigenheiten dessen an, den sie ergreift. Mit einer som
nambulen Sicherheit holt sie aus einem jeden seine tiefste Gefahr heraus, die ver-
gangen schien, und stellt sie wieder vor ihn hin, ganz nah, in die nächste Stunde.
Männer, die einmal in der Schulzeit das hilflose Laster versucht haben, dessen.S.
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betrogene Vertraute die armen, harten Knabenhände sind, finden sich wieder darüber,
oder es fängt eine Krankheit, die sie als Kinder überwunden haben, wieder in ihnen
an; oder eine verlorene Gewohnheit ist wieder da, ein gewisses zögerndes Wenden
des Kopfes, das ihnen vor Jahren eigen war. Und mit dem, was kommt, hebt sich
ein ganzes Gewirr irrer Erinnerungen, das daranhängt wie nasser Tang an einer
versunkenen Sache. Leben, von denen man nie erfahren hätte, tauchen empor und
mischen sich unter das, was wirklich gewesen ist, und verdrängen Vergangenes,
das man zu kennen glaubte: denn in dem, was aufsteigt, ist eine ausgeruhte, neue
Kraft, das aber, was immer da war, ist müde von zu oftem Erinnern,Ich liege in meinem Bett, fünf Treppen hoch, und mein Tag, den nichts
unterbricht, ist wie ein Zifferblatt ohne Zeiger. Wie ein Ding, das lange verloren
war, eines Morgens auf seiner Stelle liegt, geschont und gut, neuer fast als zur
Zeit des Verlustes, ganz als ob es bei irgend jemandem in Pflege gewesen wäre —;
so liegt da auf meiner Bettdecke Verlorenes aus der Kindheit und ist wie neu.
Alle verlorenen Ängste sind wieder da,Die Angst, dass ein kleiner Wollfaden, der aus dem Saum der Decke heraus-
steht, hart sei, hart und scharf wie eine stählerne Nadel; die Angst, dass dieser
kleine Knopf meines Nachthemdes grösser sei als mein Kopf, gross und schwer:
die Angst, dass dieses Krümchen Brot, das jetzt von meinem Bette fällt, gläsern
und zerschlagen unten ankommen würde, und die drückende Sorge, dass damit alles
zerbrochen sei, alles für immer; die Angst, dass der Streifen Rand eines aufgerissenen
Briefes etwas Verbotenes sei, das niemand sehen dürfe, etwas unbeschreiblich Kostbares,
für das keine Stelle in der Stube sicher genug sei; die Angst, dass ich, wenn ich einschliefe,
das Stück Kohle verschlucken würde, das vor dem Ofen liegt; die Angst, dass irgend eine
Zahl in meinem Gehirn zu wachsen beginnt, bis sie nicht mehr Raum hat in mir;
die Angst, dass das Granit sei, worauf ich liege, grauer Granit; die Angst, dass ich
schreien könnte und dass man vor meiner Türe zusammenliefe und sie schliesslich
aufbrüche; die Angst, dass ich mich verraten könnte und alles das sagen, wovor
ich mich fürchte, und die Angst, dass ich nichts sagen könnte, weil alles unsagbar
ist, 一 und die anderen Ängste . . die Ängste. Ich habe um meine Kindheit gebeten,
und sie ist wiedergekommen, und ich fühle, dass sie immer noch so schwer ist wie
damals und dass es nichts genützt hat, älter zu werden“. —„Es genügt auch noch nicht, dass man Erinnerungen hat. Man muss sie ver-
gessen können, wenn. es viele sind, und man muss die grosse Geduld haben, zu
warten, dass sie wiederkommen. Denn die Erinnerungen selbst sind es noch nicht.
Erst wenn sie Blut werden in uns, Blick und Gebärde, namenlos und nicht mehr zu
unterscheiden von uns selbst, erst dann kann es geschehen, dass in einer sehr
seltenen Stunde das erste Wort eines Verses aufsteht in ihrer Mitte und aus ihnen
ausgeht.“„Vergiss nie, dir etwas zu wünschen, Malte, Wünschen, das soll man nicht
aufgeben. Ich glaube, es gibt keine Erfüllung, aber es gibt Wünsche, die lange vor-
halten, das ganze Leben lang, so dass man die Erfüllung doch gar nicht abwarten
könnte."„Und dann kam eine von diesen Krankheiten, die darauf ausgingen, mir zu beweisen,
dass dies nicht das erste eigene Erlebnis war. Das Fieber wühlte in mir und holte von ganz
unten Erfahrungen, Bilder, Tatsachen heraus, von denen ich nicht gewusst hatte;
ich lag da, überhäuft mit mir und wartete auf den Augenblick, da mir befohlen
würde, dies alles wieder in mich hineinzuschichten, ordentlich, der Reihe nach, Ich
begann, aber es wuchs mir unter den Händen, es sträubte sich, es war viel zu viel.
Dann packte mich die Wut, und ich warf alles in Haufen in mich hinein und presste
es zusammen; aber ich ging nicht wieder darüber zu. Und da schrie ich, halb offen88*
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wie ich war, schrie ich und schrie. Und wenn ich anfing hinauszusehen aus mir,
so standen sie seit lange um mein Bett und hielten mir die Hinde, und eine Kerze
war da, und ihre grossen Schatten rührten sich hinter ihnen. Und mein Vater be-
fahl mir zu sagen, was es gäbe. Es war ein freundlicher, gedämpfter Befehl, aber
ein Befehl war es immerhin. Und er wurde ungeduldig, wenn ich nicht ant-
wortete.Maman kam nie in der Nacht —, oder doch, einmal kam sie. Ich hatte ge-
schrien und geschrien, und Mademoiselle war gekommen und Sieversen, die Haus-
hälterin und Georg, der Kutscher; aber das hatte nichts genutzt. Und da hatten
sie endlich den Wagen nach den Eltern geschickt, die auf einem grossen Balle waren,
ich glaube beim Kronprinzen. Und auf einmal hörte ich ihn hereinfahren in den
Hof, und ich wurde still, sass und sah nach der Tiir. Und da rauschte es ein wenig
in den anderen Zimmern und Maman kam herein in der grossen Hofrobe, die sie gar
nicht in acht nahm, und lief beinah und liess ihren weissen Pelz hinter sich fallen
und nahm mich in ihre blossen Arme. Und ich beftillte, erstaunt und entzückt wie
noch nie, ihr Haar und ihr kleines, gepflegtes Gesicht und die kalten Steine an ihren
Ohren und die Seide am Rand ihrer Schultern, die nach Blumen dufteten. Und wir
blieben so und weinten zärtlich und küssten uns, bis wir fühlten, dass der Vater da
war und dass wir uns trennen mussten. „Er hat hohes Fieber“, hørte ich Mama
schiichtern sagen, und der Vater griff nach meiner Hand und. zåhlte den Puls. Er
war in der Jägermoisteruniform mit dem schönen, breiten, gewisserten blauen Band
des Elefanten, „Was für ein Unsinn uns zu rufen“, sagte er ins Zimmer hinein,
ohne mich anzusehen. Sie hatten versprochen, zurückzukehren, wenn es nichts
Ernstliches wire. Und Ernstliches war es ja nicht. Auf meiner Decke aber fand
ich Mamas Tanzkarte und weisse Kamelien, die ich noch nie gesehen hatte und die
ich mir auf die Augen legte, als ich merkte, wie kühl sie waren.“„Wenn Mama mal eine halbe Stunde kam und Märchen vorlas, so war das
nicht um der Märchen willen. Denn wir waren einig darüber, dass wir Märchen
nicht liebten. Wir hatten einen anderen Begriff vom Wunderbaren. Wir fanden,
wenn alles mit natürlichen Dingen zuginge, so wäre das immer am wunderbarsten.
Wir gaben nicht viel darauf, durch die Luft zu fliegen, die Feen. enttiuschten uns,
und von den Verwandlungen in etwas anderes erwarteten wir uns nur eine sehr
oberfiichliche Abwechslung. Aber wir lasen doch ein bischen, um beschäftigt aus-
zusehen; es war uns nicht angenehm, wenn irgend jemand eintrat, erst erklären zu
müssen, was wir gerade taten; besonders Vater gegenüber waren wir von einer
übertriebenen Deutlichkeit. Nur wenn wir ganz sicher waren, nicht gestört zu sein,
und es dämmerte draussen, konnte es geschehen, dass wir uns Erinnerungen hin-
gaben, gemeinsamen Erinnerungen, die uns beiden alt schienen und tiber die wir
låchelten, denn wir waren beide gross geworden seither. Es fiel uns ein, dass es
eine Zeit gab, wo Mama wiinschte, dass ich ein kleines Midchen wire und nicht
dieser Junge, der ich nun einmal war. Ich hatte das irgendwo erraten und ich war
auf den Gedanken gekommen, manchmal nachmittags an Mamas Tür zu klopfen.
Wenn sie dann fragte, wer da wire, so war ich glücklich draussen „Sophie“ zu
rufen, wobei ich meine kleine Stimme so zierlich machte, dass sie mich in der Kehlekitzelte.* A. W.
Aus „Uber Liebe und Glück“. Aphorismen von Gabriele Reuter.
Der Mann, der seiner Mutter und Schwester feindlich gegeniibersteht, wird
auch seine Gattin niemals mit rechter Innigkeit lieben kónnen. Alle Friichte derLiebe ziehen ihre Kraft aus derselben Wurzel.
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In dem Verhältnis der Eltern zu ihren Kindern vermag sich der ganze Kreis
menschlicher Empfindungsfihigkeiten aus Torheiten, Lastern und göttlichen Herrlich-
keiten zu vollenden. Dr. B. Dattner.Ein Ausspruch Diderots. (Ubersetzt von Goethe) Wire der kleine Wilde
sich selbst überlassen, und bewahrte seine ganze Schwäche, vereinigte mit der ge-
ringen Vernunft des Kindes in der Wiege die Gewalt der Leidenschaften des Mannes
von dreissig Jahren, so bräch’er seinem Vater den Hals und entehrte seine
Mutter. « M. Petersen.Nietzsche schreibt in seinem Jugendwerk: „Die Geburt der Tragödie aus dem
Geiste der Musik“, wo er den Traum als eine der Quellen der Kunst preist: „Wie
nun der Philosoph zur Wirklichkeit des Daseins, so verhiilt sich der kiinstlerisch er-
regbare Mensch zur Welt des Traumes; er sieht genau und gerne zu: denn aus
diesen Bildern deutet er sich das Leben, an diesen Vorgängen übt er sich fiir das Leben.
Nicht nur etwa die angenehmen und freundlichen Bilder sind es, die er mit jener Allver-
ständigkeit an sich erfährt: auch das Ernste, Triibe, Traurige, Finstere, die plôtz-
lichen Hemmungen, die Neckereien des Zufalls, die binglichen Erwartungen, kurz
die ganze „göttliche Komödie“ des Lebens, mit dem Inferno zieht an ihm vorbei,
nicht nur wie ein Schattenspiel, denn er lebt und leidet mit in diesen Szenen — und
doch auch nicht ohne jene flüchtige Empfindung des Scheins; und vielleicht erinnert
sich mancher, gleich mir, in den Gefihrlichkeiten und Schrecken des Traumes sich
mitunter ermutigend und mit Erfolg zugerufen zu haben: „Es ist ein Traum! Ich
will ihn weiter träumen!‘ Wie man mir auch von Personen erzählt hat, die die
Kausalität eines und desselben Traumes über drei und mehr aufeinanderfolgende Nächte `
hin fortzasetzen imstande waren: Tatsachen, welche deutlich Zeugnis dafür abgeben,
dass unser innerstes Wesen, der gemeinsame Untergrund von uns allen, mit tiefer
Lust und freudiger Notwendigkeit den Traum an sich erfährt“, Rank.Menstruation und infantile Sexualtheorien. Ich treffe gestern meine
kleine dreizehnjährige Freundin weinend in ihrem Zimmer. „Was fehlt dir denn mein
liebes Kind?“ — „Gar nichts!‘ — „Warum weinst du dann, wenn dir gar nichts
fehlt?“ — Dagmar bleibt dabei, dass ihr gar nichts fehle, sie habe „nur so“ vor sich
hingeweint. Endlich gesteht sie, sie sei so erschrocken, weil sie plötzlich das
Periodenblut bemerkt habe. — Wie ich mit ihr weiterspreche und es nicht begreifen
konnte, dass ihr die Menstruation so viel Herzeleid verursachen könne, platzt sie
heraus: ,Glaubst du nicht, dass ich ein Kind bekomme?* „Ein Kind?“
Ich verneine die Möglichkeit. Dagmar aber schüttelt den Kopf und meint, es sei
doch etwas „geschehen“. Unter fürchterlichem Weinen gesteht sie dann, in der
letzten Religionsstunde habe der Religionslehrer seine Hand auf ihren Kopf gelegt
und den Kopf sanft zurückgebogen. Dann habe er ihr tief in die Augen geblickt und
die Worte gesprochen: „Du bist ein liebes Mädchen, Dagmar!" Dabei wäre sie rot
geworden und wie mit Blut ,iibergossen“. Dann trug der Katechet in der
Stunde die unbefleckte Empfängnis Marias vor. (Das Kind heisst nämlich Dagmar
Maria). Der Lehrer hätte sie dabei nicht aus den Augen gelassen. Plötzlich fühlte
die Kleine das Menstruationsblut fliessen. „Glaubst dunicht, Tante, stammelte
Dagmar Maria, dass der heilige Geist über mich gekommen ist?“Margarete Petersen.