28. Sitzung, am 26. April 1911. Diskussion über das Buch von W. Stekel: Die Sprache des Traumes. (Wiesbaden 1911.) 1911-516//1911-772

Rank, Otto (1911-516//1911-772): 28. Sitzung, am 26. April 1911. Diskussion über das Buch von W. Stekel: Die Sprache des Traumes. (Wiesbaden 1911.)

Zurück zum Werk
S.

519

Aus Vereinen und Versammlungen.


Akts, wo ihm Lionors heimlich und in aller Eile und Hast doch endlich angetraut
wird, liegen für den Psychoanalytiker die Hauptaugenpunkte des Dramas.
Stucken's **Lanval** ist die dichterische Fassung der allgemein menschlichen
Tragödie des psychisch-impotenten Schulterneurotikers, der an seiner eigenen
Potenz zweifelt und an seinen hartnäckigsten Festhalten am **Ödipuskomplex** zugrunde
geht. Lanvals Gegenspieler ist **Agravain**, die Darstellung des Potenten, des Männ-
lichen, des Mannes mit den grossen moralischen Schranken und dem Uebergefühls,
vor Lanval wegen seiner Impotenz verachtet und seine Schwester eifersüchtig
vor Lanval hütet (Motiv des feindlichen Brüder, Kampf um die Schwester vgl.
Schiller's Braut von Messina). Überall sieht man bei Stucken Verdrängung
und Zensur direkt am Werk, alles Unsexuose und Anstossige ist wohl getarnt
und verschleiert. Dargestellt wird Lanval eigentlich durch den Gegensatz, nämlich
als der grosse Fraueneroberer; allein **Masturbation** und ausschweifende, jederzeit
disponible Libido schliessen sich nicht aus, gehören vielmehr eng zusammen;
andererseits lassen sich wiederum für Lanvals Darstellung des impotenten Mastur-
basten zahlreiche Beziehungen aus dem Drama beibringen (z. Bsp. die Beschreibung
durch Agravain, I. Akt, 1. Szene). Die übrigen Personen des Dramas passen sich
durchwegs in den obigen Zusammenhang ein, besonders das vanspyrische Wesen
Freidas. Der Bischof Baldwin bedeutet wohl nichts anderes als eine Abspaltung
vom Ueberkomplex und zwar stellt er jenen Vater dar, gegen den sich die intel-
lektuelle Kritik des Sohnes wendet und über den sich der Sohn lustig macht.
König Artus ist bei Stucken der gütige, allzeit befreiende und verzeihende
Vater. Das Drama schliesst im Gegensatz zur Sage mit Lanvals Läuterung, ist also
einseitiger als diese, wie überhaupt das ganze Stück nicht befriedigt.

Diese **Deutung des Stückes** ist sicher nicht erschöpfend, sondern sie ist
bloss ein Versuch, sie herzustellen einigen aus zahlreichen **Deutungsmöglichkeiten**.
mit dem Absicht, das Stück nur auf einen besonders in die Augen springenden
**Hauptkomplex** zu beschränken und zu reduzieren und gerade an der Uebertragung
der alten Sage durch den modernen Dichter zu zeigen, wie dieser Hauptkomplex
von ihm gehandhabt wurde. (Autorreferat.)
 


28. Sitzung, am 26. April 1911.

Diskussion über das Buch von W. Stekel: Die Sprache des
Traumes. (Wiesbaden 1911.)
 


29. Sitzung, am 3. Mai 1911.

Dr. J. Sadger: Über Haut-, Schleimhaut- und Muskel-
Erotik.
 


Von den **erogenen Zonen** Freud's unterzieht der Vortragende zwei einer
besonderen Besprechung: die **Haut** mit ihrer Differenzierung in **Schleimhaut** und
**Sinnesorgane** und die **Muskulatur**. Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik kommen
gewöhnlich zusammen vor, doch lebt es auch Fälle reiner Hauterotik, bei denen
allerdings mitunter auch die Infantilsexualität stark mitspielt. Eine typische Äusserung
der **Hautsexualität** ist das **Kitzelgefühl**, das sich in eminenter Weise bei Menschen
findet, die noch keinen regelmässigen Sexualverkehr haben. Auch verschiedene
**Dermatozen** (Pruritus, manche Formen von Urticaria und Ekzem) haben nahen
Beziehungen zur Hauterotik. Eine **Neurose der letzteren** ist die **Akrodynie** bei
Friedrich Schultze. Haut-, Schleimhaut- und Muskel-Erotik erklären zum Teil
auch die **Stigmen** der Hysterie und **traumatischen Neurose** (Rückkehr zur infantilen
Hauterotik). Es werden dann einige für die Erotik der Sinnesorgane charakte-
ristische Erscheinungen besprochen (Nasenbohren, nervöse Seh- und Hörstörungen).