S.
Miß Lucy R., dreißig Jahre
Ende 1892 wies ein befreundeter Kollege eine junge Dame
an mich, die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Rhinitiden
in seiner Behandlung stand. Wie sich später herausstellte, war
eine Karies des Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer
Beschwerden. Zuletzt hatte sich die Patientin an ihn wegen neuer
Symptome gewendet, die der kundige Arzt nicht mehr auf lokale
Affektion schieben konnte. Sie hatte die Geruchswahrnehmung völlig
eingebüßt und wurde von ein oder zwei subjektiven Geruchs-
empfindungen fast unausgesetzt verfolgt. Sie empfand dieselben
sehr peinlich, war außerdem in ihrer Stimmung gedrückt, müde,
klagte über schweren Kopf, verminderte Eßlust und Leistungs-
fähigkeit.Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabrik-
direktors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu
Zeit in meiner Ordinationsstunde. Sie war Engländerin, von zarter
Konstitution, pigmentarm, bis auf die Affektion der Nase gesund.
Ihre ersten Mitteilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt
an Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjektiven Geruchs-
empfindungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine
ziemlich deutliche allgemeine Analgesie bei intakter Tastempfind-
lichkeit, die Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der
Hand) keine Einschränkung. Das Innere der Nase war vollkommen
analgisch und reflexlos. Berührungen wurden verspürt, die Wahr-
S.
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nehmung dieses Sinnesorganes war sowohl für spezifische wie für
andere Reize (Ammoniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eitrige Nasen-
katarrh befand sich eben in einer Periode der Besserung.Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu
machen, mußten sich die subjektiven Geruchsempfindungen als
wiederkehrende Halluzinationen der Deutung von hysterischen
Dauersymptomen fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu
dem Trauma gehörige Affekt, und es mußte sich ein Erlebnis
finden lassen, bei dem diese jetzt subjektiv gewordenen Gerüche
objektiv gewesen waren, dieses Erlebnis mußte das Trauma sein,
als dessen Symbole in der Erinnerung die Geruchsempfindungen
wiederkehrten. Vielleicht war es richtiger, die wiederkehrenden
Geruchshalluzinationen, samt der sie begleitenden Verstimmung,
als Äquivalente des hysterischen Anfalles zu betrachten; die Natur
wiederkehrender Halluzinationen macht sie ja zur Rolle von
Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem rudimentär
ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich war
aber, daß die subjektiven Geruchsempfindungen eine solche Spe-
zialisierung zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz be-
stimmten realen Objekt entsprechen konnte.Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was
für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie
von verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anzunehmen,
es sei wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem
traumatisch wirksamen Erlebnisse vorgekommen sei. Daß Geruchs-
empfindungen zu Erinnerungssymbolen von Traumen gewählt
werden, ist zwar recht ungewöhnlich, allein es lag nahe, einen
Grund für diese Auswahl anzugeben. Die Kranke war mit eitriger
Rhinitis behaftet, darum die Nase und deren Wahrnehmungen
im Vordergrunde ihrer Aufmerksamkeit. Von den Lebensverhält-
nissen der Kranken wußte ich nur, daß in dem Hause, dessen
zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehlte, die vor einigen Jahren
an akuter schwerer Erkrankung gestorben war.S.
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Ich beschloß also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise“
zum Ausgangspunkte der Analyse zu machen. Die Geschichte
dieser Analyse will ich so erzählen, wie sie unter günstigen Ver-
hältnissen hätte vorfallen können; tatsächlich dehnte sich, was eine
einzige Sitzung hätte werden sollen, auf mehrere aus, da die
Kranke mich nur in der Sprechstunde besuchen konnte, wo ich
ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und zog sich ein einziges solches
Gespräch über mehr als eine Woche, da ihre Pflichten ihr auch
nicht gestatteten, den weiten Weg von der Fabrik zu mir so oft
zu machen. Wir brachen also mitten in der Unterredung ab, um
nächstesmal den Faden an der nämlichen Stelle wieder aufzu-
nehmen.Miß Lucy R. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose
zu versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den Somnambu-
lismus und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande
durch, der sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unter-
schied.Ich muß mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver-
fahrens eingehender äußern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken
von Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den
Dr. Liébeault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besäßen, jeder-
mann somnambul zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode
die mächtigste von allen.“ Auf der Klinik Bernheims schien es
fast, als gäbe es wirklich eine solche Kunst und als könnte man
sie von Bernheim lernen. Sobald ich aber diese Kunst an meinen
eigenen Kranken zu üben versuchte, merkte ich, daß wenigstens
meinen Kräften in dieser Hinsicht enge Schranken gezogen seien
und daß, wo ein Patient nicht nach ein bis drei Versuchen som-
nambul wurde, ich auch kein Mittel besaß, ihn dazu zu machen.
Der Prozentsatz der Somnambulen blieb aber in meiner Erfahrung
weit hinter dem von Bernheim angegebenen zurück.So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode
in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unter-S.
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lassen oder den Versuch zu wagen, sie außerhalb des Somnambu-
lismus in leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypno-
tischer Beeinflussung auszuüben. Welchem Grade von Hypnose –
nach einer der hiefür aufgestellten Skalen – der nicht som-
nambule Zustand entsprach, schien mir gleichgültig, da ja jede
Richtung der Suggerierbarkeit von der anderen ohnedies unab-
hängig ist, und die Hervorrufung von Katalepsie, automatischen
Bewegungen u. dgl. für eine Erleichterung in der Erweckung
von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte, nichts prä-
judiziert. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener Ver-
suche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da
diese in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der
Kranken rege machten und mir das Zutrauen trübten, das ich
für die wichtigere psychische Arbeit brauchte. Überdies war ich
bald müde geworden, auf die Versicherung und den Befehl: „Sie
werden schlafen, schlafen Sie!“ immer wieder bei leichteren Graden
von Hypnose den Einspruch zu hören: „Aber, Herr Doktor, ich
schlafe ja nicht“, um dann die allzu heikle Unterscheidung vor-
bringen zu müssen: „Ich meine ja nicht den gewöhnlichen Schlaf,
ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie sind hypnotisiert, Sie
können ja die Augen nicht öffnen u. dgl. Übrigens brauche ich
den Schlaf gar nicht“ u. dgl. Ich bin selbst überzeugt, daß viele
meiner Kollegen in der Psychotherapie sich aus diesen Schwieri-
keiten geschickter zu ziehen wissen als ich; die mögen dann auch
anders verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit
darauf rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Ver-
legenheit zu bereiten, tut man besser daran, dem Worte und der
Verlegenheit aus dem Wege zu gehen. Wo also der erste Versuch
nicht Somnambulismus oder einen Grad von Hypnose mit aus-
gesprochenen körperlichen Veränderungen ergab, da ließ ich die
Hypnose scheinbar fallen, verlangte nur „Konzentration“ und
ordnete die Rückenlage und willkürlichen Verschluß der Augen
als Mittel zur Erreichung dieser „Konzentration“ an. Ich magS.
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dabei mit leichter Mühe zu so tiefen Graden der Hypnose ge-
langt sein, als es überhaupt erreichbar war.Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte
ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welche die kathar-
tische Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, daß
die Kranken in dem veränderten Bewußtseinszustande solche Er-
innerungen zur Verfügung hatten und solche Zusammenhänge
erkannten, die in ihrem normalen Bewußtseinszustande angeblich
nicht vorhanden waren. Wo die somnambule Erweiterung des
Gedächtnisses wegfiel, mußte auch die Möglichkeit ausbleiben, eine
Kausalbestimmung herzustellen, die der Kranke dem Arzte nicht
als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und gerade die patho-
genen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtnisse der Kranken
in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder nur
höchst summarisch darin vorhanden sind“. (Vorl. Mitteilung.)Aus dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, daß
ich Bernheim selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die Er-
innerungen des Somnambulismus seien im Wachzustande nur
scheinbar vergessen und ließen sich durch leichtes Mahnen, ver-
knüpft mit einem Handgriffe, der einen anderen Bewußtseins-
zustand markieren sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer
Somnambulen die negative Halluzination erteilt, er sei nicht mehr
anwesend, hatte sich dann auf die mannigfaltigsten Weisen und
durch schonungslose Angriffe ihr bemerkbar zu machen ver-
sucht. Es war nicht gelungen. Nachdem die Kranke erweckt
war, verlangte er zu wissen, was er mit ihr vorgenommen,
während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab erstaunt
zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach, be-
hauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand
auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte
endlich alles, was sie im somnambulen Zustande angeblich nicht
wahrgenommen und wovon sie im Wachzustande angeblich nichts
gewußt hatte.S.
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Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild.
Ich beschloß, von der Voraussetzung auszugehen, daß meine
Patientin alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch
wußte, und daß es sich nur darum handle, sie zum Mitteilen zu
nötigen. Wenn ich also zu einem Punkte gekommen war, wo
ich auf die Frage: „Seit wann haben Sie dies Symptom?“ oder
„Woher rührt es?“ die Antwort bekam: „Das weiß ich wirklich
nicht“, so verfuhr ich folgendermaßen: Ich legte der Kranken
die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen meine
beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen unter
dem Drucke meiner Hand. Im Augenblicke, da ich mit dem
Drucke aufhöre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen
etwas als Einfall durch den Kopf gehen und das greifen Sie auf.
Es ist das, was wir suchen. – Nun, was haben Sie gesehen oder
was ist Ihnen eingefallen?“Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war
nicht bei Miß Lucy R.), war ich selbst erstaunt, daß es mir ge-
rade das lieferte, was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat
mich seither kaum jemals im Stiche gelassen, hat mir immer den
Weg gezeigt, den meine Ausforschung zu gehen hatte, und hat
mir ermöglicht, jede derartige Analyse ohne Somnambulismus zu
Ende zu führen. Ich wurde allmählich so kühn, daß ich den
Patienten, die zur Antwort gaben: „Ich sehe nichts“ oder: „Mir
ist nichts eingefallen“, erklärte: das sei nicht möglich. Sie hätten
gewiß das Richtige erfahren, nur glaubten sie nicht daran, daß
es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde die Prozedur
wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal dasselbe sehen.
Ich behielt in der Tat jedesmal recht, die Kranken hatten noch
nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende
Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für un-
brauchbar, für eine dazwischenkommende Störung hielten, und
nachdem sie ihn mitgeteilt hatten, ergab es sich jedesmal, daß
es der richtige war. Gelegentlich bekam ich auch die Antwort,S.
95
wenn ich die Mitteilung nach dem dritten oder vierten Druck
erzwungen hatte: „Ja, das habe ich schon beim ersten Male ge-
wußt, aber gerade das habe ich nicht sagen wollen“, oder „Ich
habe gehofft, das wird es nicht sein.“
Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewußtsein
zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Som-
nambulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambulismus
unabhängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die
häufig für das „Vergessen“ von Erinnerungen ausschlaggebend
sind. Ich kann behaupten, dieses Vergessen ist oft ein beabsich-
tigtes, gewünschtes. Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes.
Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, daß man an-
geblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches
Verfahren wiederbringen und so eine unvermutete Treue des
Gedächtnisses erweisen kann.
Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und
Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie
bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, daß Erkennen eine geringere
Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen.
Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in
welchem Jahre, Monate und an welchem Tage ein gewisses Ereignis
vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf
Monatsnamen, die einunddreißig Zahlen der Monatstage vor und
versichert ihm, daß bei der richtigen Zahl oder beim richtigen
Namen sich seine Augen von selbst öffnen würden, oder daß er
dabei fühlen werde, welche Zahl die richtige sei. In den aller-
meisten Fällen entscheiden sich dann die Kranken wirklich für
ein bestimmtes Datum und häufig genug (so bei Frau Cäcilie N.)
ließ sich durch vorhandene Aufzeichnungen aus jener Zeit nach-
weisen, daß das Datum richtig erkannt war. Andere Male und
bei anderen Kranken ergab sich aus dem Zusammenhange der
erinnerten Tatsachen, daß das so gefundene Datum unanfechtbar
war. Die Kranke bemerkte zum Beispiel, nachdem man ihr dasS.
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durch „Auszählen“ gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das
ist ja der Geburtstag des Vaters“ und setzte dann fort: „Ja gewiß,
weil es der Geburtstag des Vaters war, habe ich ja das Ereignis,
von dem wir sprachen, erwartet.“
Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluß, den ich
aus all diesen Erfahrungen zog, war der, daß die als pathogen
wichtigen Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich
vom Gedächtnisse festgehalten werden, auch wo sie vergessen
scheinen, wo dem Kranken die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu
besinnen.1)
1)Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens im
nicht somnambulen Zustande, also bei nicht erweitertem Bewußtsein, einen Fall er-
zählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysiert habe. Ich behandle eine Frau
von achtunddreißig Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, Todesangstanfällen
u. dgl.) leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen,
daß sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben akquiriert hat, und möchte es gerne
in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, daß sie als siebzehnjähriges
Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachtsgefühl auf der
Straße ihrer kleinen Heimatstadt bekommen hat und daß diese Anfälle sich zeitweise
wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen Leiden den Platz räumten.
Ich vermute, daß diese ersten Schwindelanfälle, bei denen sich die Angst immer mehr
verwischte, hysterische waren, und beschließe, in die Analyse derselben einzugehen. Sie
weiß zunächst nur, daß dieser erste Anfall sie überfiel, während sie ausgegangen war,
in den Läden der Hauptstraße Einkäufe zu machen. – Was wollten Sie denn einkaufen?
Verschiedenes, ich glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. – Wann sollte
dieser Ball stattfinden? – Es kommt mir vor, zwei Tage später. – Da muß doch
einige Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen
Eindruck machte. – Ich weiß aber nichts, es sind einundzwanzig Jahre her. – Das
macht nichts, Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn
ich mit dem Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen;
das sagen Sie dann … Ich nehme die Prozedur vor; sie schweigt aber. – Nun,
ist Ihnen nichts eingefallen? – Ich habe an etwas gedacht, aber das kann doch
keinen Zusammenhang damit haben. – Sagen Sie’s nur. – Ich habe an eine Freundin
gedacht, ein junges Mädchen, die gestorben ist; aber die ist gestorben, wie ich
achtzehn Jahre alt war, also ein Jahr später. – Wir werden sehen, bleiben wir jetzt
dabei. – Was war mit dieser Freundin? – Ihr Tod hat mich sehr erschüttert, weil
ich viel mit ihr verkehrte. Einige Wochen vorher war ein anderes junges Mädchen
gestorben, das hat viel Aufsehen in der Stadt gemacht; also dann war es doch, wie
ich Siebzehn Jahre alt war. – Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, man kann sich auf
die Dinge verlassen, die einem unter dem Drucke der Hand einfallen. Nun erinnern
Sie sich, was für ein Gedanke war dabei, als Sie den Schwindelanfall auf der Straße
bekamen? – Es war gar kein Gedanke dabei, nur ein Schwindel. – Das ist nicht
möglich, solche Zustände gibt es nicht ohne eine begleitende Idee. Ich werde wieder
drücken, und der Gedanke von damals wird Ihnen wiederkommen. – Also was istS.
97
Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung
zur Geschichte von Miß Lucy R. zurück. Sie wurde also beim
Versuche der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloß ruhig
da in irgend einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen
stetig geschlossen, die Miene etwas starr, ohne mit einem Gliede
zu rühren. Ich fragte sie, ob sie sich erinnere, bei welchem An-
lasse die Geruchsempfindung der verbrannten Mehlspeise entstandenIhnen eingefallen? – Mir ist eingefallen: Jetzt bin ich die Dritte. – Was heißt
das? – Ich muß bei dem Schwindelanfall gedacht haben: Jetzt sterbe ich auch wie
die beiden andern jungen Mädchen. – Das war also die Idee; Sie haben bei dem
Anfall an die Freundin gedacht. Da muß Ihnen also ihr Tod einen großen Eindruck
gemacht haben. – Ja gewiß, ich erinnere mich jetzt, wie ich von dem Todesfalle
gehört habe, war es mir schrecklich, daß ich auf einen Ball gehen soll, während
sie tot ist. Aber ich habe mich so auf den Ball gefreut und war so beschäftigt mit
der Einladung; ich habe gar nicht an das traurige Ereignis denken wollen. (Man
bemerke hier die absichtliche Verdrängung aus dem Bewußtsein, welche die Erinne-
rung an die Freundin pathogen macht.)Der Anfall ist jetzt einigermaßen aufgeklärt, ich bedarf aber noch eines okka-
sionellen Momentes, welches die Erinnerung gerade damals provoziert, und bilde mir
darüber eine zufällig glückliche Vermutung. – Sie erinnern sich genau, durch welche
Straße Sie damals gegangen sind? – Freilich, die Hauptstraße mit ihren alten
Häusern, ich sehe sie vor mir. – Nun, und wo hatte die Freundin gewohnt? – In
derselben Straße, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser weiter ist mir der An-
fall gekommen. – Dann hat sie also das Haus, während Sie vorbeigingen, an die
tote Freundin erinnert und der Kontrast, von dem Sie damals nichts wissen wollten,
Sie neuerdings gepackt.Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden. Vielleicht war doch noch etwas anderes
im Spiele, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Disposition
wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermutungen lenken sich auf das periodische
Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage: Wissen Sie, wann in dem
Monate die Periode kam? – Sie wird unwillig: Das soll ich auch noch wissen?
Ich weiß nur, sie war um diese Zeit sehr selten und sehr unregelmäßig. Wie ich
siebzehn Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. – Also, wir werden auszählen,
wann dieses eine Mal war. – Sie entscheidet sich beim Auszählen mit Sicherheit
für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen unmittelbar vor einem Datum,
das einem fixen Festtag angehört. – Stimmt das irgendwie mit der Zeit des Balles?
Sie antwortet kleinlaut: Der Ball war – an dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich
mich auch, es hat mir einen Eindruck gemacht, daß die einzige Periode, die ich in
diesem Jahre hatte, gerade vor dem Balle kommen mußte. Es war der erste, zu dem
ich geladen war.Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer rekonstruieren
und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein. Dieses Ergebnis
war freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen Zutrauens in die
Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um solche Einzelheiten
eines vergessenen Erlebnisses nach einundzwanzig Jahren bei einer ungläubigen,
eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte alles zusammen.Freud, I.
S.
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sei. – O ja, das weiß ich ganz genau. Es war vor ungefähr
zwei Monaten, zwei Tage vor meinem Geburtstage. Ich war mit
den Kindern im Schulzimmer und spielte mit ihnen (zwei
Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief hereingebracht, den der
Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte an Poststempel
und Handschrift, daß der Brief von meiner Mutter in Glas-
gow sei, wollte ihn öffnen und lesen. Da kamen die Kinder auf mich los-
gestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen: Nein, du
darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiß für deinen Geburtstag,
wir werden ihn dir aufheben. Während die Kinder so um mich
spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die
Kinder hatten die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen,
und die war angebrannt. Seit damals verfolgt mich dieser Geruch,
er ist eigentlich immer da und wird stärker bei Aufregung.
Sie sehen diese Szene deutlich vor sich? – Greifbar, wie ich sie
erlebt habe. – Was konnte Sie denn daran so aufregen? – Es
rührte mich, daß die Kinder so zärtlich gegen mich waren. –
Waren sie das nicht immer? – Ja, aber gerade als ich den Brief
der Mutter bekam. – Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlich-
keit der Kleinen und der Brief der Mutter einen Kontrast er-
geben haben sollen, den Sie doch anzudeuten scheinen. – Ich
hatte nämlich die Absicht, zu meiner Mutter zu reisen, und da
fiel es mir so schwer aufs Herz, diese lieben Kinder zu verlassen.
– Was ist’s mit Ihrer Mutter? Lebt sie wohl so einsam und hat
Sie zu sich beschieden? Oder war sie krank um diese Zeit und
Sie erwarteten Nachricht von ihr? – Nein, sie ist kränklich,
aber nicht gerade krank und hat eine Gesellschafterin bei sich. –
Warum mußten Sie also die Kinder verlassen? – Es war im
Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haushälterin, die Köchin und
die Französin scheinen geglaubt zu haben, daß ich mich in meiner
Stellung überhebe, haben sich zu einer kleinen Intrige gegen
mich vereinigt, dem Großpapa (der Kinder) alles mögliche über
mich hinterbracht, und ich fand an den beiden Herren nicht die
S.
99
Stütze, die ich erwartet hatte, als ich bei ihnen Klage führte.
Darauf habe ich dem Herrn Direktor (dem Vater der Kinder)
meine Demission angeboten, er antwortete sehr freundlich, ich
sollte es mir doch zwei Wochen überlegen, ehe ich ihm meinen
definitiven Entschluß mitteilte. In dieser Zeit der Schwebe war
ich damals; ich glaubte, ich würde das Haus verlassen. Ich bin
seither geblieben. – Und fesselte Sie etwas Besonderes an die
Kinder außer deren Zärtlichkeit gegen Sie? – Ja, ich hatte der
Mutter, die eine entfernte Verwandte meiner Mutter war, auf
ihrem Totenbette versprochen, daß ich mich der Kleinen mit allen
Kräften annehmen, daß ich sie nicht verlassen und ihnen die
Mutter ersetzen werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen,
als ich gekündigt hatte.So schien denn die Analyse der subjektiven Geruchsempfindung
vollendet; dieselbe war in der Tat dereinst eine objektive gewesen,
und zwar innig assoziiert mit einem Erlebnisse, einer kleinen Szene,
in welcher widerstreitende Affekte einander entgegengetreten waren,
das Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen,
welche sie doch zu diesem Entschlusse drängten. Der Brief der
Mutter hatte sie begreiflicherweise an die Motive zu diesem Ent-
schlusse erinnert, da sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen ge-
dachte. Der Konflikt der Affekte hatte den Moment zum Trauma
erhoben, und als Symbol des Traumas war ihr die damit ver-
bundene Geruchsempfindung geblieben. Es bedurfte noch der Er-
klärung dafür, daß sie von all den sinnlichen Wahrnehmungen
jener Szene gerade den einen Geruch zum Symbole ausgewählt
hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet, die chronische Er-
krankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten. Auf mein
direktes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser Zeit
wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, daß sie kaum
etwas roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie
aber in ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch
begründete Anosmie.S.
100
Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden.
Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein an-
nehmbarer Grund, weshalb diese Reihe von Erregungen und dieser
Widerstreit der Affekte gerade zur Hysterie geführt haben mußte.
Warum blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen
psychischen Lebens? Mit anderen Worten, woher die Berechtigung
zu der hier vorliegenden Konversion? Warum erinnerte sie sich
nicht beständig an die Szene selbst, anstatt an die mit ihr ver-
knüpfte Sensation, die sie als Symbol für die Erinnerung bevor-
zugte? Solche Fragen mochten vorwitzig und überflüssig sein, wo
es sich um eine alte Hysterika handelte, welcher jener Mechanis-
mus der Konversion habituell war. Dieses Mädchen hatte aber erst
bei diesem Trauma oder wenigstens bei dieser kleinen Leidens-
geschichte Hysterie akquiriert.Nun wußte ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, daß, wo
Hysterie neu akquiriert werden soll, eine psychische Bedingung
hiefür unerläßlich ist, nämlich daß eine Vorstellung absichtlich
aus dem Bewußtsein verdrängt, von der assoziativen Ver-
arbeitung ausgeschlossen werde.In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den
Grund für die Konversion der Erregungssumme, sei sie eine
totale oder partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische
Assoziation treten soll, findet um so eher den falschen Weg zu
einer körperlichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst
konnte nur eine Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der
einen zu verdrängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungs-
masse des Ich. Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch,
daß sie pathogen wird.Ich zog also daraus, daß Miß Lucy R. in jenem Momente der
hysterischen Konversion verfallen war, den Schluß, daß unter den
Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich
im unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm
ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegenS.
101
die anderen Personen des Haushaltes zusammen, so ließ dies alles
nur eine Deutung zu. Ich hatte den Mut, der Patientin diese
Deutung mitzuteilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, daß dies
alle Gründe für Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind;
ich vermute vielmehr, daß Sie in Ihren Herrn, den Direktor,
verliebt sind, vielleicht, ohne es selbst zu wissen, daß Sie die
Hoffnung in sich nähren, tatsächlich die Stelle der Mutter einzu-
nehmen, und dazu kommt noch, daß Sie so empfindlich gegen
die Dienstleute geworden sind, mit denen Sie jahrelang friedlich
zusammengelebt haben. Sie fürchten, daß diese etwas von Ihrer
Hoffnung merken und Sie darüber verspotten werden.“
Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube,
es ist so. – Wenn Sie aber wußten, daß Sie den Direktor lieben,
warum haben Sie es mir nicht gesagt? – Ich wußte es ja nicht
oder besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem
Kopfe schlagen, nie mehr daran denken, ich glaube, es ist mir auch
in der letzten Zeit gelungen.1)
Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen?
Schämten Sie sich dessen, daß Sie einen Mann lieben sollten? –
O nein, ich bin nicht unverständig prüde, für Empfindungen
ist man ja überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum
peinlich, weil es der Herr ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen
Haus ich lebe, gegen den ich nicht wie gegen einen andern die
1)Eine andere und bessere Schilderung des eigentümlichen Zustandes, in dem man
etwas weiß und gleichzeitig nicht weiß, konnte ich nie erzielen. Man kann das
offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zustande befunden hat.
Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art, die mir lebhaft vor
Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was damals in mir vorging,
so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals etwas, das mir gar nicht in
die Erwartung paßte, und ließ mich durch das Gesehene nicht im mindesten in
meiner bestimmten Absicht beirren, während doch diese Wahrnehmung meine Ab-
sicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir des Widerspruches nicht bewußt, und
ebensowenig merkte ich etwas von dem Affekt der Abstoßung, der doch unzweifel-
haft Schuld daran war, daß jene Wahrnehmung zu gar keiner psychischen Geltung
gelangte. Ich war mit jener Blindheit bei sehenden Augen geschlagen, die man an
Müttern gegen ihre Töchter, an Männern gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern
gegen ihre Günstlinge so sehr bewundert.S.
102
volle Unabhängigkeit in mir fühle. Und weil ich ein armes Mäd-
chen und er ein reicher Mann aus vornehmer Familie ist; man
würde mich ja auslachen, wenn man etwas davon ahnte.Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Nei-
gung zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos
in dem Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf un-
erfüllbare Wünsche zu kommen. Einmal aber begann der ernste,
überbeschäftigte, sonst immer gegen sie reservierte Herr ein Ge-
spräch mit ihr über die Erfordernisse der Kindererziehung. Er
wurde weicher und herzlicher als gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr
er bei der Pflege seiner verwaisten Kinder auf sie rechne, und
blickte sie dabei besonders an … In diesem Momente begann
sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst sehr gerne mit der er-
freulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräche geschöpft hatte.
Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens
und Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedanken-
austausche kam, beschloß sie, sich die Sache aus dem Sinne zu
schlagen. Sie gibt mir ganz recht, daß jener Blick im Zusammen-
hange des Gespräches wohl dem Andenken seiner verstorbenen
Frau gegolten hat, ist sich auch völlig klar darüber, daß ihre
Neigung völlig aussichtslos ist.Ich erwarte von diesem Gespräche eine gründliche Änderung
ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiter-
hin gedrückt und verstimmt; eine hydropathische Kur, die ich
sie gleichzeitig nehmen ließ, frischte sie des Morgens ein wenig
auf, der Geruch der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig ge-
schwunden, wohl aber seltener und schwächer geworden; er kam,
wie sie sagte, nur, wenn sie sehr aufgeregt war.Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols ließ mich vermuten,
daß dasselbe außer der Hauptszene die Vertretung der vielen
kleinen Nebenträumen auf sich genommen, und so forschten wir
denn nach allem, was sonst mit der Szene der verbrannten Mehl-
speise in Zusammenhang stehen mochte, gingen das Thema derS.
103
häuslichen Reibungen, des Benehmens des Großvaters u. a. durch.
Dabei schwand die Empfindung des brenzligen Geruches immer
mehr. Auch eine längere Unterbrechung fiel in diese Zeit, ver-
ursacht durch neuerliche Erkrankung der Nase, die jetzt zur
Entdeckung der Karies des Siebbeines führte.Als sie wiederkam, berichtete sie auch, daß Weihnachten ihr
so zahlreiche Geschenke von seiten der beiden Herren und selbst
von den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle be-
strebt seien, sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Kon-
flikte der letzten Monate bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige
Entgegenkommen habe ihr aber keinen Eindruck gemacht.Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Geruche der ver-
brannten Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar
ganz geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer
und ähnlicher Geruch, wie von Zigarrenrauch. Derselbe sei wohl
auch früher dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der
Mehlspeise. Jetzt sei er rein hervorgetreten.Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meine Therapie.
Da war also eingetroffen, was man einer bloß symptomatischen
Therapie immer zur Last legt, man hatte ein Symptom weg-
genommen, bloß damit ein neues an die freie Stelle rücken
könne. Indes machte ich mich bereitwillig an die analytische Be-
seitigung dieses neuen Erinnerungssymbols.Diesmal wußte sie aber nicht, woher die subjektive Geruchs-
empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine
objektive gewesen sei. „Es wird täglich geraucht bei uns,“ meinte
sie, „ich weiß wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre,
eine besondere Gelegenheit bedeutet.“ Ich beharrte nun darauf,
daß sie versuche, sich unter dem Drucke meiner Hand zu er-
innern. Ich habe schon erwähnt, daß ihre Erinnerungen plasti-
sche Lebhaftigkeit hatten, daß sie eine „Visuelle“ war. In der
Tat tauchte unter meinem Drängen ein Bild in ihr auf, anfangs
zögernd und nur stückweise. Es war das Speisezimmer ihresS.
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Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis die Herren aus
der Fabrik zum Mittagmahl kommen. – Jetzt sitzen wir alle um
den Tisch herum: die Herren, die Französin, die Haushälterin,
die Kinder und ich. Das ist aber wie alle Tage. – Sehen Sie
nur weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und speziali-
sieren. – Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr,
der die Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu
Mittag, das ist auch nichts Besonderes. – Haben Sie nur Geduld,
blicken Sie nur auf das Bild, es wird gewiß etwas vorgehen.Es geht nichts vor. Wir stehen vom Tische auf, die Kinder
sollen sich verabschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage
in den zweiten Stock. – Nun? – Es ist doch eine besondere
Gelegenheit, ich erkenne die Szene jetzt. Wie die Kinder sich
verabschieden, will der Oberbuchhalter sie küssen. Der Herr fährt
auf und schreit ihn geradezu an: „Nicht die Kinder küssen.“
Dabei gibt es mir einen Stich ins Herz, und da die Herren
schon rauchen, bleibt mir der Zigarrenrauch im Gedächtnis.Dies war also die zweite, tieferliegende Szene, die als Trauma
gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher
rührte aber die Wirksamkeit dieser Szene? – Ich fragte: Was
ist der Zeit nach früher, diese Szene oder die mit der verbrannten
Mehlspeise? – Die letzte Szene ist die frühere, und zwar um
fast zwei Monate. – Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei
dieser Abwehr des Vaters gegeben? Der Verweis richtete sich doch
nicht gegen Sie? – Es war doch nicht recht, einen alten Herrn
so anzufahren, der ein lieber Freund und noch dazu Gast ist.
Man kann das ja auch ruhig sagen. – Also hat Sie nur die
heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben Sie sich vielleicht für
ihn geniert oder haben Sie gedacht, wenn er wegen einer solchen
Kleinigkeit so heftig sein kann mit einem alten Freunde und
Gaste, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau wäre? –
Nein, das ist es nicht. – Es war aber doch wegen der Heftig-
keit? – Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nieS.
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gemocht. – Und nun taucht wieder unter dem Drucke meiner
Hand die Erinnerung an eine noch ältere Szene auf, die das
eigentlich wirksame Trauma war und die auch der Szene mit
dem Oberbuchhalter die traumatische Wirksamkeit verliehen hatte.Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, daß eine
befreundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschiede beide
Kinder auf den Mund küßte. Der Vater, der dabei stand, über-
wand sich wohl, der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem
Fortgehen brach sein Zorn über die unglückliche Erzieherin los.
Er erklärte ihr, er mache sie dafür verantwortlich, wenn jemand
die Kinder auf den Mund küsse, es sei ihre Pflicht, es nicht zu
dulden, und sie sei pflichtvergessen, wenn sie es zulasse. Wenn
es noch einmal geschähe, würde er die Erziehung der Kinder
anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit, als sie sich noch
geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes ersten freund-
lichen Gespräches wartete. Diese Szene knickte ihre Hoffnungen.
Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache, und wo
ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann,
mir solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geirrt, so
hat er nie eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde
ihn Rücksicht gelehrt haben. – Offenbar war es die Erinnerung
an diese peinliche Szene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter
die Kinder küssen wollte und dafür vom Vater zurechtgewiesen
wurde.Als Miß Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse
wieder besuchte, mußte ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches
vorgegangen sei.Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch.
Einen Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhält-
nisse irrig beurteilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt
die Braut des Direktors geworden. Aber sie wehrte meine Ver-
mutungen ab: „Es ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich
eben nicht, Sie haben mich nur krank und verstimmt gesehen.S.
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Ich bin sonst immer so heiter. Wie ich gestern früh erwacht bin,
war der Druck von mir genommen und seither bin ich wohl.“ –
Und wie denken Sie über Ihre Aussichten im Hause? – Ich bin
ganz klar, ich weiß, daß ich keine habe, und werde nicht un-
glücklich darüber sein. – Und werden Sie sich jetzt mit den
Hausleuten vertragen? – Ich glaube, da hat meine Empfindlich-
keit das meiste dazu getan. – Und lieben Sie den Direktor
noch? – Gewiß, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts.
Man kann ja bei sich denken und empfinden, was man will.Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz- und
Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt, sie unterschied
auch Gerüche, aber unsicher und nur, wenn sie intensiver waren.
Ich muß aber dahingestellt lassen, inwieweit an dieser Anosmie
die Erkrankung der Nase beteiligt war.Die ganze Behandlung hatte sich über neun Wochen erstreckt.
Vier Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer
Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres
Wohlbefindens.Depression also.
Epikrise
Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering
schätzen, wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie ent-
spricht und nur über wenige Symptome verfügt. Vielmehr er-
scheint es mir lehrreich, daß auch eine solche, als Neurose arm-
selige Erkrankung so vieler psychischer Voraussetzungen bedarf,
und bei eingehenderer Würdigung dieser Krankengeschichte bin
ich versucht, sie als vorbildlich für einen Typus der Hysterie hin-
zustellen, nämlich für die Form von Hysterie, die auch eine nicht
hereditär belastete Person durch dazu geeignete Erlebnisse er-
werben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von einer Hysterie,
die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine solche gibt es
wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition sprechen
wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist, sie ist vorherS.
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durch nichts bezeugt gewesen. Neuropathische Disposition, wie
man sie gewöhnlich versteht, ist etwas anderes; sie ist bereits vor
der Erkrankung durch das Maß hereditärer Belastung oder die
Summe individueller psychischer Abnormitäten bestimmt. Von
diesen beiden Momenten war bei Miß Lucy R., soweit ich unter
richtet bin, nichts nachzuweisen. Ihre Hysterie darf also eine
akquirierte genannt werden und setzt nichts weiter voraus als
die wahrscheinlich sehr verbreitete Eignung – Hysterie zu akqui-
rieren, deren Charakteristik wir noch kaum auf der Spur sind.
In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht auf die Natur des
Traumas, natürlich im Zusammenhalte mit der Reaktion der Person
gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerläßliche Bedingung für
die Erwerbung der Hysterie, daß zwischen dem Ich und einer
an dasselbe herantretenden Vorstellung das Verhältnis der Unver-
träglichkeit entsteht. Ich hoffe, an anderer Stelle zeigen zu können,
wie verschiedene neurotische Störungen aus den verschiedenen
Verfahren hervorgehen, welche das „Ich“ einschlägt, um sich von
jener Unverträglichkeit zu befreien. Die hysterische Art der Ab-
wehr – zu welcher eben eine besondere Eignung erfordert wird –
besteht nun in der Konversion der Erregung in eine körper-
liche Innervation, und der Gewinn dabei ist der, daß die unver-
trägliche Vorstellung aus dem Ichbewußtsein gedrängt ist. Dafür
enthält das Ichbewußtsein die durch Konversion entstandene körper-
liche Reminiszenz – in unserem Falle die subjektiven Geruchs-
empfindungen – und leidet unter dem Affekt, der sich mehr
oder minder deutlich gerade an diese Reminiszenzen knüpft. Die
Situation, die so geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränder-
lich, da durch Verdrängung und Konversion der Widerspruch auf-
gehoben ist, der zur Erledigung des Affekts aufgefordert hätte.
So entspricht der Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits
einem Akte moralischer Zaghaftigkeit, anderseits stellt er sich als
eine Schutzeinrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt
Fälle genug, in denen man zugestehen muß, die Abwehr desS.
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Erregungszuwachses durch Produktion von Hysterie sei auch der
malen das zweckmäßigste gewesen; häufiger wird man natürlich
zum Schlusse gelangen, daß ein größeres Maß von moralischem
Mute ein Vorteil für das Individuum gewesen wäre.
Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem
der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung
der widersprechenden Vorstellung beschließt. Durch solche Ver-
weisung wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloß ins
Unbewußte gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt,
so ist hiemit ein Kern- und Kristallisationsmittelpunkt für die
Bildung einer vom Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben,
um den sich in weiterer Folge alles sammelt, was die Annahme
der widerstreitenden Vorstellung zur Voraussetzung hätte. Die
Spaltung des Bewußtseins in diesen Fällen akquirierter Hysterie
ist somit eine gewollte, absichtliche, oft wenigstens durch einen
Willkürakt eingeleitete. Eigentlich geschieht etwas anderes, als das
Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vorstellung aufheben,
als ob sie gar nie angelangt wäre, es gelingt ihm aber nur, sie
psychisch zu isolieren.
In der Geschichte unserer Patientin entspricht der traumatische
Moment jener Szene, die ihr der Direktor wegen des Küssens der
Kinder machte. Diese Szene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche
Wirkung, vielleicht daß Verstimmung und Empfindlichkeit damit
begannen, ich weiß nichts darüber; – die hysterischen Symptome
entstanden erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre“
bezeichnen kann, und die man dadurch charakterisieren möchte,
daß in ihnen zeitweilig die beiden getrennten psychischen Gruppen
zusammenfließen wie im erweiterten somnambulen Bewußtsein.
Der erste dieser Momente, in denen die Konversion stattfand, war
bei Miß Lucy R. die Szene bei Tische, als der Oberbuchhalter
die Kinder küssen wollte. Hier spielte die traumatische Erinnerung
mit, und sie benahm sich so, als hätte sie nicht alles, was sich
auf ihre Neigung zu ihrem Herrn bezog, von sich getan. InS.
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anderen Krankengeschichten fallen diese verschiedenen Momente
zusammen, die Konversion geschieht unmittelbar unter der Ein-
wirkung des Traumas.Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den
Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend
die Einheit des Bewußtseins wieder her, und die Konversion geht
den nämlichen Weg, der sich ihr das erstemal eröffnet hatte.Interessant ist es, daß das zu zweit entstandene Symptom das
erste deckt, so daß letzteres nicht eher klar empfunden wird, als
bis das erstere weggeschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir auch
die Umkehrung der Reihenfolge, der sich auch die Analyse fügen
muß. In einer ganzen Reihe von Fällen ist es mir ähnlich er-
gangen, die später entstandenen Symptome deckten die ersten,
und erst das letzte, zu dem die Analyse vordrang, enthielt den
Schlüssel zum Ganzen.Die Therapie bestand hier in dem Zwange, der die Vereinigung
der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewußtsein
durchsetzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maße
der geleisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt
war, trat plötzliche Heilung ein.
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Krankengeschichten1895-005/1925/2
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