Krankengeschichten1895-005/1925/2
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    Miß Lucy R., dreißig Jahre

    Ende 1892 wies ein befreundeter Kollege eine junge Dame
    an mich, die wegen chronisch wiederkehrender eitriger Rhinitiden
    in seiner Behandlung stand. Wie sich später herausstellte, war
    eine Karies des Siebbeines die Ursache der Hartnäckigkeit ihrer
    Beschwerden. Zuletzt hatte sich die Patientin an ihn wegen neuer
    Symptome gewendet, die der kundige Arzt nicht mehr auf lokale
    Affektion schieben konnte. Sie hatte die Geruchswahrnehmung völlig
    eingebüßt und wurde von ein oder zwei subjektiven Geruchs-
    empfindungen fast unausgesetzt verfolgt. Sie empfand dieselben
    sehr peinlich, war außerdem in ihrer Stimmung gedrückt, müde,
    klagte über schweren Kopf, verminderte Eßlust und Leistungs-
    fähigkeit.

    Die junge Dame, die als Gouvernante im Hause eines Fabrik-
    direktors im erweiterten Wien lebte, besuchte mich von Zeit zu
    Zeit in meiner Ordinationsstunde. Sie war Engländerin, von zarter
    Konstitution, pigmentarm, bis auf die Affektion der Nase gesund.
    Ihre ersten Mitteilungen bestätigten die Angaben des Arztes. Sie litt
    an Verstimmung und Müdigkeit, wurde von subjektiven Geruchs-
    empfindungen gequält, zeigte von hysterischen Symptomen eine
    ziemlich deutliche allgemeine Analgesie bei intakter Tastempfind-
    lichkeit, die Gesichtsfelder ergaben bei grober Prüfung (mit der
    Hand) keine Einschränkung. Das Innere der Nase war vollkommen
    analgisch und reflexlos. Berührungen wurden verspürt, die Wahr-
     

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    nehmung dieses Sinnesorganes war sowohl für spezifische wie für
    andere Reize (Ammoniak, Essigsäure) aufgehoben. Der eitrige Nasen-
    katarrh befand sich eben in einer Periode der Besserung.

    Bei dem ersten Bemühen, den Krankheitsfall verständlich zu
    machen, mußten sich die subjektiven Geruchsempfindungen als
    wiederkehrende Halluzinationen der Deutung von hysterischen
    Dauersymptomen fügen. Die Verstimmung war vielleicht der zu
    dem Trauma gehörige Affekt, und es mußte sich ein Erlebnis
    finden lassen, bei dem diese jetzt subjektiv gewordenen Gerüche
    objektiv gewesen waren, dieses Erlebnis mußte das Trauma sein,
    als dessen Symbole in der Erinnerung die Geruchsempfindungen
    wiederkehrten. Vielleicht war es richtiger, die wiederkehrenden
    Geruchshalluzinationen, samt der sie begleitenden Verstimmung,
    als Äquivalente des hysterischen Anfalles zu betrachten; die Natur
    wiederkehrender Halluzinationen macht sie ja zur Rolle von
    Dauersymptomen ungeeignet. Darauf kam es in diesem rudimentär
    ausgebildeten Falle wirklich nicht an; durchaus erforderlich war
    aber, daß die subjektiven Geruchsempfindungen eine solche Spe-
    zialisierung zeigten, wie sie ihrer Herkunft von einem ganz be-
    stimmten realen Objekt entsprechen konnte.

    Diese Erwartung erfüllte sich alsbald. Auf meine Frage, was
    für ein Geruch sie zumeist verfolge, erhielt ich die Antwort: wie
    von verbrannter Mehlspeise. Ich brauchte also nur anzunehmen,
    es sei wirklich der Geruch verbrannter Mehlspeise, der in dem
    traumatisch wirksamen Erlebnisse vorgekommen sei. Daß Geruchs-
    empfindungen zu Erinnerungssymbolen von Traumen gewählt
    werden, ist zwar recht ungewöhnlich, allein es lag nahe, einen
    Grund für diese Auswahl anzugeben. Die Kranke war mit eitriger
    Rhinitis behaftet, darum die Nase und deren Wahrnehmungen
    im Vordergrunde ihrer Aufmerksamkeit. Von den Lebensverhält-
    nissen der Kranken wußte ich nur, daß in dem Hause, dessen
    zwei Kinder sie behütete, die Mutter fehlte, die vor einigen Jahren
    an akuter schwerer Erkrankung gestorben war.

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    Ich beschloß also, den Geruch nach „verbrannter Mehlspeise“
    zum Ausgangspunkte der Analyse zu machen. Die Geschichte
    dieser Analyse will ich so erzählen, wie sie unter günstigen Ver-
    hältnissen hätte vorfallen können; tatsächlich dehnte sich, was eine
    einzige Sitzung hätte werden sollen, auf mehrere aus, da die
    Kranke mich nur in der Sprechstunde besuchen konnte, wo ich
    ihr wenig Zeit zu widmen hatte, und zog sich ein einziges solches
    Gespräch über mehr als eine Woche, da ihre Pflichten ihr auch
    nicht gestatteten, den weiten Weg von der Fabrik zu mir so oft
    zu machen. Wir brachen also mitten in der Unterredung ab, um
    nächstesmal den Faden an der nämlichen Stelle wieder aufzu-
    nehmen.

    Miß Lucy R. wurde nicht somnambul, als ich sie in Hypnose
    zu versetzen versuchte. Ich verzichtete also auf den Somnambu-
    lismus und machte die ganze Analyse mit ihr in einem Zustande
    durch, der sich vom normalen vielleicht überhaupt wenig unter-
    schied.

    Ich muß mich über diesen Punkt in der Technik meines Ver-
    fahrens eingehender äußern. Als ich im Jahre 1889 die Kliniken
    von Nancy besuchte, hörte ich den Altmeister der Hypnose, den
    Dr. Liébeault, sagen: „Ja, wenn wir die Mittel besäßen, jeder-
    mann somnambul zu machen, wäre die hypnotische Heilmethode
    die mächtigste von allen.“ Auf der Klinik Bernheims schien es
    fast, als gäbe es wirklich eine solche Kunst und als könnte man
    sie von Bernheim lernen. Sobald ich aber diese Kunst an meinen
    eigenen Kranken zu üben versuchte, merkte ich, daß wenigstens
    meinen Kräften in dieser Hinsicht enge Schranken gezogen seien
    und daß, wo ein Patient nicht nach ein bis drei Versuchen som-
    nambul wurde, ich auch kein Mittel besaß, ihn dazu zu machen.
    Der Prozentsatz der Somnambulen blieb aber in meiner Erfahrung
    weit hinter dem von Bernheim angegebenen zurück.

    So stand ich vor der Wahl, entweder die kathartische Methode
    in den meisten Fällen, die sich dazu eignen mochten, zu unter-

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    lassen oder den Versuch zu wagen, sie außerhalb des Somnambu-
    lismus in leichten und selbst in zweifelhaften Fällen von hypno-
    tischer Beeinflussung auszuüben. Welchem Grade von Hypnose –
    nach einer der hiefür aufgestellten Skalen – der nicht som-
    nambule Zustand entsprach, schien mir gleichgültig, da ja jede
    Richtung der Suggerierbarkeit von der anderen ohnedies unab-
    hängig ist, und die Hervorrufung von Katalepsie, automatischen
    Bewegungen u. dgl. für eine Erleichterung in der Erweckung
    von vergessenen Erinnerungen, wie ich sie brauchte, nichts prä-
    judiziert. Ich gewöhnte mir auch bald die Vornahme jener Ver-
    suche ab, welche den Grad der Hypnose bestimmen sollen, da
    diese in einer ganzen Reihe von Fällen den Widerstand der
    Kranken rege machten und mir das Zutrauen trübten, das ich
    für die wichtigere psychische Arbeit brauchte. Überdies war ich
    bald müde geworden, auf die Versicherung und den Befehl: „Sie
    werden schlafen, schlafen Sie!“ immer wieder bei leichteren Graden
    von Hypnose den Einspruch zu hören: „Aber, Herr Doktor, ich
    schlafe ja nicht“, um dann die allzu heikle Unterscheidung vor-
    bringen zu müssen: „Ich meine ja nicht den gewöhnlichen Schlaf,
    ich meine die Hypnose. Sehen Sie, Sie sind hypnotisiert, Sie
    können ja die Augen nicht öffnen u. dgl. Übrigens brauche ich
    den Schlaf gar nicht“ u. dgl. Ich bin selbst überzeugt, daß viele
    meiner Kollegen in der Psychotherapie sich aus diesen Schwieri-
    keiten geschickter zu ziehen wissen als ich; die mögen dann auch
    anders verfahren. Ich finde aber, wenn man in solcher Häufigkeit
    darauf rechnen darf, sich durch den Gebrauch eines Wortes Ver-
    legenheit zu bereiten, tut man besser daran, dem Worte und der
    Verlegenheit aus dem Wege zu gehen. Wo also der erste Versuch
    nicht Somnambulismus oder einen Grad von Hypnose mit aus-
    gesprochenen körperlichen Veränderungen ergab, da ließ ich die
    Hypnose scheinbar fallen, verlangte nur „Konzentration“ und
    ordnete die Rückenlage und willkürlichen Verschluß der Augen
    als Mittel zur Erreichung dieser „Konzentration“ an. Ich mag

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    dabei mit leichter Mühe zu so tiefen Graden der Hypnose ge-
    langt sein, als es überhaupt erreichbar war.

    Indem ich aber auf den Somnambulismus verzichtete, beraubte
    ich mich vielleicht einer Vorbedingung, ohne welche die kathar-
    tische Methode unanwendbar schien. Sie beruhte ja darauf, daß
    die Kranken in dem veränderten Bewußtseinszustande solche Er-
    innerungen zur Verfügung hatten und solche Zusammenhänge
    erkannten, die in ihrem normalen Bewußtseinszustande angeblich
    nicht vorhanden waren. Wo die somnambule Erweiterung des
    Gedächtnisses wegfiel, mußte auch die Möglichkeit ausbleiben, eine
    Kausalbestimmung herzustellen, die der Kranke dem Arzte nicht
    als eine ihm bekannte entgegenbrachte, und gerade die patho-
    genen Erinnerungen sind es ja, „die dem Gedächtnisse der Kranken
    in ihrem gewöhnlichen psychischen Zustande fehlen oder nur
    höchst summarisch darin vorhanden sind“. (Vorl. Mitteilung.)

    Aus dieser neuen Verlegenheit half mir die Erinnerung, daß
    ich Bernheim selbst den Beweis hatte erbringen sehen, die Er-
    innerungen des Somnambulismus seien im Wachzustande nur
    scheinbar vergessen und ließen sich durch leichtes Mahnen, ver-
    knüpft mit einem Handgriffe, der einen anderen Bewußtseins-
    zustand markieren sollte, wieder hervorrufen. Er hatte z. B. einer
    Somnambulen die negative Halluzination erteilt, er sei nicht mehr
    anwesend, hatte sich dann auf die mannigfaltigsten Weisen und
    durch schonungslose Angriffe ihr bemerkbar zu machen ver-
    sucht. Es war nicht gelungen. Nachdem die Kranke erweckt
    war, verlangte er zu wissen, was er mit ihr vorgenommen,
    während sie geglaubt habe, er sei nicht da. Sie gab erstaunt
    zur Antwort, sie wisse von nichts, aber er gab nicht nach, be-
    hauptete, sie würde sich an alles erinnern, legte ihr die Hand
    auf die Stirne, damit sie sich besänne, und siehe da, sie erzählte
    endlich alles, was sie im somnambulen Zustande angeblich nicht
    wahrgenommen und wovon sie im Wachzustande angeblich nichts
    gewußt hatte.

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    Dieser erstaunliche und lehrreiche Versuch war mein Vorbild.
    Ich beschloß, von der Voraussetzung auszugehen, daß meine
    Patientin alles, was irgend von pathogener Bedeutung war, auch
    wußte, und daß es sich nur darum handle, sie zum Mitteilen zu
    nötigen. Wenn ich also zu einem Punkte gekommen war, wo
    ich auf die Frage: „Seit wann haben Sie dies Symptom?“ oder
    „Woher rührt es?“ die Antwort bekam: „Das weiß ich wirklich
    nicht“, so verfuhr ich folgendermaßen: Ich legte der Kranken
    die Hand auf die Stirne oder nahm ihren Kopf zwischen meine
    beiden Hände und sagte: „Es wird Ihnen jetzt einfallen unter
    dem Drucke meiner Hand. Im Augenblicke, da ich mit dem
    Drucke aufhöre, werden Sie etwas vor sich sehen oder wird Ihnen
    etwas als Einfall durch den Kopf gehen und das greifen Sie auf.
    Es ist das, was wir suchen. – Nun, was haben Sie gesehen oder
    was ist Ihnen eingefallen?“

    Als ich dieses Verfahren die ersten Male anwendete (es war
    nicht bei Miß Lucy R.), war ich selbst erstaunt, daß es mir ge-
    rade das lieferte, was ich brauchte, und ich darf sagen, es hat
    mich seither kaum jemals im Stiche gelassen, hat mir immer den
    Weg gezeigt, den meine Ausforschung zu gehen hatte, und hat
    mir ermöglicht, jede derartige Analyse ohne Somnambulismus zu
    Ende zu führen. Ich wurde allmählich so kühn, daß ich den
    Patienten, die zur Antwort gaben: „Ich sehe nichts“ oder: „Mir
    ist nichts eingefallen“, erklärte: das sei nicht möglich. Sie hätten
    gewiß das Richtige erfahren, nur glaubten sie nicht daran, daß
    es das sei, und hätten es verworfen. Ich würde die Prozedur
    wiederholen, so oft sie wollten, sie würden jedesmal dasselbe sehen.
    Ich behielt in der Tat jedesmal recht, die Kranken hatten noch
    nicht gelernt, ihre Kritik ruhen zu lassen, hatten die auftauchende
    Erinnerung oder den Einfall verworfen, weil sie ihn für un-
    brauchbar, für eine dazwischenkommende Störung hielten, und
    nachdem sie ihn mitgeteilt hatten, ergab es sich jedesmal, daß
    es der richtige war. Gelegentlich bekam ich auch die Antwort,

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    wenn ich die Mitteilung nach dem dritten oder vierten Druck
    erzwungen hatte: „Ja, das habe ich schon beim ersten Male ge-
    wußt, aber gerade das habe ich nicht sagen wollen“, oder „Ich
    habe gehofft, das wird es nicht sein.“
    Mühevoller war diese Art, das angeblich verengte Bewußtsein
    zu erweitern, immerhin weit mehr als das Ausforschen im Som-
    nambulismus, aber sie machte mich doch vom Somnambulismus
    unabhängig und gestattete mir eine Einsicht in die Motive, die
    häufig für das „Vergessen“ von Erinnerungen ausschlaggebend
    sind. Ich kann behaupten, dieses Vergessen ist oft ein beabsich-
    tigtes, gewünschtes. Es ist immer ein nur scheinbar gelungenes.
    Vielleicht noch merkwürdiger ist mir erschienen, daß man an-
    geblich längst vergessene Zahlen und Daten durch ein ähnliches
    Verfahren wiederbringen und so eine unvermutete Treue des
    Gedächtnisses erweisen kann.
    Die geringe Auswahl, die man bei der Suche nach Zahlen und
    Daten hat, gestattet nämlich, den aus der Lehre von der Aphasie
    bekannten Satz zur Hilfe zu nehmen, daß Erkennen eine geringere
    Leistung des Gedächtnisses ist als sich spontan besinnen.
    Man sagt also dem Patienten, der sich nicht erinnern kann, in
    welchem Jahre, Monate und an welchem Tage ein gewisses Ereignis
    vorfiel, die Jahreszahlen, um die es sich handeln kann, die zwölf
    Monatsnamen, die einunddreißig Zahlen der Monatstage vor und
    versichert ihm, daß bei der richtigen Zahl oder beim richtigen
    Namen sich seine Augen von selbst öffnen würden, oder daß er
    dabei fühlen werde, welche Zahl die richtige sei. In den aller-
    meisten Fällen entscheiden sich dann die Kranken wirklich für
    ein bestimmtes Datum und häufig genug (so bei Frau Cäcilie N.)
    ließ sich durch vorhandene Aufzeichnungen aus jener Zeit nach-
    weisen, daß das Datum richtig erkannt war. Andere Male und
    bei anderen Kranken ergab sich aus dem Zusammenhange der
    erinnerten Tatsachen, daß das so gefundene Datum unanfechtbar
    war. Die Kranke bemerkte zum Beispiel, nachdem man ihr das

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    durch „Auszählen“ gewonnene Datum vorgehalten hatte: „Das
    ist ja der Geburtstag des Vaters“ und setzte dann fort: „Ja gewiß,
    weil es der Geburtstag des Vaters war, habe ich ja das Ereignis,
    von dem wir sprachen, erwartet.“
    Ich kann dieses Thema hier nur streifen. Der Schluß, den ich
    aus all diesen Erfahrungen zog, war der, daß die als pathogen
    wichtigen Erlebnisse mit all ihren Nebenumständen treulich
    vom Gedächtnisse festgehalten werden, auch wo sie vergessen
    scheinen, wo dem Kranken die Fähigkeit fehlt, sich auf sie zu
    besinnen.1)


    1)Ich will als Beispiel für die oben geschilderte Technik des Ausforschens im
    nicht somnambulen Zustande, also bei nicht erweitertem Bewußtsein, einen Fall er-
    zählen, den ich gerade in den letzten Tagen analysiert habe. Ich behandle eine Frau
    von achtunddreißig Jahren, die an Angstneurose (Agoraphobie, Todesangstanfällen
    u. dgl.) leidet. Sie hat, wie so viele dieser Kranken, eine Abneigung zuzugestehen,
    daß sie dieses Leiden in ihrem ehelichen Leben akquiriert hat, und möchte es gerne
    in ihre frühe Jugend zurückschieben. So berichtet sie mir, daß sie als siebzehnjähriges
    Mädchen den ersten Anfall von Schwindel mit Angst und Ohnmachtsgefühl auf der
    Straße ihrer kleinen Heimatstadt bekommen hat und daß diese Anfälle sich zeitweise
    wiederholt haben, bis sie vor wenigen Jahren dem jetzigen Leiden den Platz räumten.
    Ich vermute, daß diese ersten Schwindelanfälle, bei denen sich die Angst immer mehr
    verwischte, hysterische waren, und beschließe, in die Analyse derselben einzugehen. Sie
    weiß zunächst nur, daß dieser erste Anfall sie überfiel, während sie ausgegangen war,
    in den Läden der Hauptstraße Einkäufe zu machen. – Was wollten Sie denn einkaufen?
    Verschiedenes, ich glaube, für einen Ball, zu dem ich eingeladen war. – Wann sollte
    dieser Ball stattfinden? – Es kommt mir vor, zwei Tage später. – Da muß doch
    einige Tage vorher etwas vorgefallen sein, was Sie aufregte, was Ihnen einen
    Eindruck machte. – Ich weiß aber nichts, es sind einundzwanzig Jahre her. – Das
    macht nichts, Sie werden sich doch erinnern. Ich drücke auf Ihren Kopf, und wenn
    ich mit dem Druck nachlasse, werden Sie an etwas denken oder werden etwas sehen;
    das sagen Sie dann … Ich nehme die Prozedur vor; sie schweigt aber. – Nun,
    ist Ihnen nichts eingefallen? – Ich habe an etwas gedacht, aber das kann doch
    keinen Zusammenhang damit haben. – Sagen Sie’s nur. – Ich habe an eine Freundin
    gedacht, ein junges Mädchen, die gestorben ist; aber die ist gestorben, wie ich
    achtzehn Jahre alt war, also ein Jahr später. – Wir werden sehen, bleiben wir jetzt
    dabei. – Was war mit dieser Freundin? – Ihr Tod hat mich sehr erschüttert, weil
    ich viel mit ihr verkehrte. Einige Wochen vorher war ein anderes junges Mädchen
    gestorben, das hat viel Aufsehen in der Stadt gemacht; also dann war es doch, wie
    ich Siebzehn Jahre alt war. – Sehen Sie, ich habe Ihnen gesagt, man kann sich auf
    die Dinge verlassen, die einem unter dem Drucke der Hand einfallen. Nun erinnern
    Sie sich, was für ein Gedanke war dabei, als Sie den Schwindelanfall auf der Straße
    bekamen? – Es war gar kein Gedanke dabei, nur ein Schwindel. – Das ist nicht
    möglich, solche Zustände gibt es nicht ohne eine begleitende Idee. Ich werde wieder
    drücken, und der Gedanke von damals wird Ihnen wiederkommen. – Also was ist

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    Ich kehre nach dieser langen, aber unabweisbaren Abschweifung
    zur Geschichte von Miß Lucy R. zurück. Sie wurde also beim
    Versuche der Hypnose nicht somnambul, sondern lag bloß ruhig
    da in irgend einem Grade leichterer Beeinflussung, die Augen
    stetig geschlossen, die Miene etwas starr, ohne mit einem Gliede
    zu rühren. Ich fragte sie, ob sie sich erinnere, bei welchem An-
    lasse die Geruchsempfindung der verbrannten Mehlspeise entstanden

    Ihnen eingefallen? – Mir ist eingefallen: Jetzt bin ich die Dritte. – Was heißt
    das? – Ich muß bei dem Schwindelanfall gedacht haben: Jetzt sterbe ich auch wie
    die beiden andern jungen Mädchen. – Das war also die Idee; Sie haben bei dem
    Anfall an die Freundin gedacht. Da muß Ihnen also ihr Tod einen großen Eindruck
    gemacht haben. – Ja gewiß, ich erinnere mich jetzt, wie ich von dem Todesfalle
    gehört habe, war es mir schrecklich, daß ich auf einen Ball gehen soll, während
    sie tot ist. Aber ich habe mich so auf den Ball gefreut und war so beschäftigt mit
    der Einladung; ich habe gar nicht an das traurige Ereignis denken wollen. (Man
    bemerke hier die absichtliche Verdrängung aus dem Bewußtsein, welche die Erinne-
    rung an die Freundin pathogen macht.)

    Der Anfall ist jetzt einigermaßen aufgeklärt, ich bedarf aber noch eines okka-
    sionellen Momentes, welches die Erinnerung gerade damals provoziert, und bilde mir
    darüber eine zufällig glückliche Vermutung. – Sie erinnern sich genau, durch welche
    Straße Sie damals gegangen sind? – Freilich, die Hauptstraße mit ihren alten
    Häusern, ich sehe sie vor mir. – Nun, und wo hatte die Freundin gewohnt? – In
    derselben Straße, ich war eben vorbeigegangen, zwei Häuser weiter ist mir der An-
    fall gekommen. – Dann hat sie also das Haus, während Sie vorbeigingen, an die
    tote Freundin erinnert und der Kontrast, von dem Sie damals nichts wissen wollten,
    Sie neuerdings gepackt.

    Ich gebe mich noch immer nicht zufrieden. Vielleicht war doch noch etwas anderes
    im Spiele, was bei dem bis dahin normalen Mädchen die hysterische Disposition
    wachgerufen oder verstärkt hat. Meine Vermutungen lenken sich auf das periodische
    Unwohlsein als ein dazu geeignetes Moment, und ich frage: Wissen Sie, wann in dem
    Monate die Periode kam? – Sie wird unwillig: Das soll ich auch noch wissen?
    Ich weiß nur, sie war um diese Zeit sehr selten und sehr unregelmäßig. Wie ich
    siebzehn Jahre alt war, hatte ich sie nur einmal. – Also, wir werden auszählen,
    wann dieses eine Mal war. – Sie entscheidet sich beim Auszählen mit Sicherheit
    für einen Monat und schwankt zwischen zwei Tagen unmittelbar vor einem Datum,
    das einem fixen Festtag angehört. – Stimmt das irgendwie mit der Zeit des Balles?
    Sie antwortet kleinlaut: Der Ball war – an dem Feiertag. Und jetzt erinnere ich
    mich auch, es hat mir einen Eindruck gemacht, daß die einzige Periode, die ich in
    diesem Jahre hatte, gerade vor dem Balle kommen mußte. Es war der erste, zu dem
    ich geladen war.

    Man kann sich jetzt den Zusammenhang der Begebenheiten unschwer rekonstruieren
    und sieht in den Mechanismus dieses hysterischen Anfalles hinein. Dieses Ergebnis
    war freilich mühselig genug gewonnen und bedurfte des vollen Zutrauens in die
    Technik von meiner Seite und einzelner leitender Einfälle, um solche Einzelheiten
    eines vergessenen Erlebnisses nach einundzwanzig Jahren bei einer ungläubigen,
    eigentlich wachen Patientin wiederzuerwecken. Dann aber stimmte alles zusammen.

    Freud, I.

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    sei. – O ja, das weiß ich ganz genau. Es war vor ungefähr
    zwei Monaten, zwei Tage vor meinem Geburtstage. Ich war mit
    den Kindern im Schulzimmer und spielte mit ihnen (zwei
    Mädchen) Kochen, da wurde ein Brief hereingebracht, den der
    Briefträger eben abgegeben hatte. Ich erkannte an Poststempel
    und Handschrift, daß der Brief von meiner Mutter in Glas-
    gow sei, wollte ihn öffnen und lesen. Da kamen die Kinder auf mich los-
    gestürzt, rissen mir den Brief aus der Hand und riefen: Nein, du
    darfst ihn jetzt nicht lesen, er ist gewiß für deinen Geburtstag,
    wir werden ihn dir aufheben. Während die Kinder so um mich
    spielten, verbreitete sich plötzlich ein intensiver Geruch. Die
    Kinder hatten die Mehlspeise, die sie kochten, im Stiche gelassen,
    und die war angebrannt. Seit damals verfolgt mich dieser Geruch,
    er ist eigentlich immer da und wird stärker bei Aufregung.
    Sie sehen diese Szene deutlich vor sich? – Greifbar, wie ich sie
    erlebt habe. – Was konnte Sie denn daran so aufregen? – Es
    rührte mich, daß die Kinder so zärtlich gegen mich waren. –
    Waren sie das nicht immer? – Ja, aber gerade als ich den Brief
    der Mutter bekam. – Ich verstehe nicht, inwiefern die Zärtlich-
    keit der Kleinen und der Brief der Mutter einen Kontrast er-
    geben haben sollen, den Sie doch anzudeuten scheinen. – Ich
    hatte nämlich die Absicht, zu meiner Mutter zu reisen, und da
    fiel es mir so schwer aufs Herz, diese lieben Kinder zu verlassen.
    – Was ist’s mit Ihrer Mutter? Lebt sie wohl so einsam und hat
    Sie zu sich beschieden? Oder war sie krank um diese Zeit und
    Sie erwarteten Nachricht von ihr? – Nein, sie ist kränklich,
    aber nicht gerade krank und hat eine Gesellschafterin bei sich. –
    Warum mußten Sie also die Kinder verlassen? – Es war im
    Hause nicht mehr auszuhalten. Die Haushälterin, die Köchin und
    die Französin scheinen geglaubt zu haben, daß ich mich in meiner
    Stellung überhebe, haben sich zu einer kleinen Intrige gegen
    mich vereinigt, dem Großpapa (der Kinder) alles mögliche über
    mich hinterbracht, und ich fand an den beiden Herren nicht die
     

  • S.

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    Stütze, die ich erwartet hatte, als ich bei ihnen Klage führte.
    Darauf habe ich dem Herrn Direktor (dem Vater der Kinder)
    meine Demission angeboten, er antwortete sehr freundlich, ich
    sollte es mir doch zwei Wochen überlegen, ehe ich ihm meinen
    definitiven Entschluß mitteilte. In dieser Zeit der Schwebe war
    ich damals; ich glaubte, ich würde das Haus verlassen. Ich bin
    seither geblieben. – Und fesselte Sie etwas Besonderes an die
    Kinder außer deren Zärtlichkeit gegen Sie? – Ja, ich hatte der
    Mutter, die eine entfernte Verwandte meiner Mutter war, auf
    ihrem Totenbette versprochen, daß ich mich der Kleinen mit allen
    Kräften annehmen, daß ich sie nicht verlassen und ihnen die
    Mutter ersetzen werde. Dieses Versprechen hatte ich gebrochen,
    als ich gekündigt hatte.

    So schien denn die Analyse der subjektiven Geruchsempfindung
    vollendet; dieselbe war in der Tat dereinst eine objektive gewesen,
    und zwar innig assoziiert mit einem Erlebnisse, einer kleinen Szene,
    in welcher widerstreitende Affekte einander entgegengetreten waren,
    das Bedauern, diese Kinder zu verlassen, und die Kränkungen,
    welche sie doch zu diesem Entschlusse drängten. Der Brief der
    Mutter hatte sie begreiflicherweise an die Motive zu diesem Ent-
    schlusse erinnert, da sie von hier zu ihrer Mutter zu gehen ge-
    dachte. Der Konflikt der Affekte hatte den Moment zum Trauma
    erhoben, und als Symbol des Traumas war ihr die damit ver-
    bundene Geruchsempfindung geblieben. Es bedurfte noch der Er-
    klärung dafür, daß sie von all den sinnlichen Wahrnehmungen
    jener Szene gerade den einen Geruch zum Symbole ausgewählt
    hatte. Ich war aber schon darauf vorbereitet, die chronische Er-
    krankung ihrer Nase für diese Erklärung zu verwerten. Auf mein
    direktes Fragen gab sie auch an, sie hätte gerade zu dieser Zeit
    wieder an einem so heftigen Schnupfen gelitten, daß sie kaum
    etwas roch. Den Geruch der verbrannten Mehlspeise nahm sie
    aber in ihrer Erregung doch wahr, er durchbrach die organisch
    begründete Anosmie.

  • S.

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    Ich gab mich mit der so erreichten Aufklärung nicht zufrieden.
    Es klang ja alles recht plausibel, aber es fehlte mir etwas, ein an-
    nehmbarer Grund, weshalb diese Reihe von Erregungen und dieser
    Widerstreit der Affekte gerade zur Hysterie geführt haben mußte.
    Warum blieb das Ganze nicht auf dem Boden des normalen
    psychischen Lebens? Mit anderen Worten, woher die Berechtigung
    zu der hier vorliegenden Konversion? Warum erinnerte sie sich
    nicht beständig an die Szene selbst, anstatt an die mit ihr ver-
    knüpfte Sensation, die sie als Symbol für die Erinnerung bevor-
    zugte? Solche Fragen mochten vorwitzig und überflüssig sein, wo
    es sich um eine alte Hysterika handelte, welcher jener Mechanis-
    mus der Konversion habituell war. Dieses Mädchen hatte aber erst
    bei diesem Trauma oder wenigstens bei dieser kleinen Leidens-
    geschichte Hysterie akquiriert.

    Nun wußte ich bereits aus der Analyse ähnlicher Fälle, daß, wo
    Hysterie neu akquiriert werden soll, eine psychische Bedingung
    hiefür unerläßlich ist, nämlich daß eine Vorstellung absichtlich
    aus dem Bewußtsein verdrängt, von der assoziativen Ver-
    arbeitung ausgeschlossen werde.

    In dieser absichtlichen Verdrängung erblicke ich auch den
    Grund für die Konversion der Erregungssumme, sei sie eine
    totale oder partielle. Die Erregungssumme, die nicht in psychische
    Assoziation treten soll, findet um so eher den falschen Weg zu
    einer körperlichen Innervation. Grund der Verdrängung selbst
    konnte nur eine Unlustempfindung sein, die Unverträglichkeit der
    einen zu verdrängenden Idee mit der herrschenden Vorstellungs-
    masse des Ich. Die verdrängte Vorstellung rächt sich aber dadurch,
    daß sie pathogen wird.

    Ich zog also daraus, daß Miß Lucy R. in jenem Momente der
    hysterischen Konversion verfallen war, den Schluß, daß unter den
    Voraussetzungen jenes Traumas eine sein müsse, die sie absichtlich
    im unklaren lassen wolle, die sie sich bemühe zu vergessen. Nahm
    ich die Zärtlichkeit für die Kinder und die Empfindlichkeit gegen

  • S.

    101


    die anderen Personen des Haushaltes zusammen, so ließ dies alles
    nur eine Deutung zu. Ich hatte den Mut, der Patientin diese
    Deutung mitzuteilen. Ich sagte ihr: „Ich glaube nicht, daß dies
    alle Gründe für Ihre Empfindung gegen die beiden Kinder sind;
    ich vermute vielmehr, daß Sie in Ihren Herrn, den Direktor,
    verliebt sind, vielleicht, ohne es selbst zu wissen, daß Sie die
    Hoffnung in sich nähren, tatsächlich die Stelle der Mutter einzu-
    nehmen, und dazu kommt noch, daß Sie so empfindlich gegen
    die Dienstleute geworden sind, mit denen Sie jahrelang friedlich
    zusammengelebt haben. Sie fürchten, daß diese etwas von Ihrer
    Hoffnung merken und Sie darüber verspotten werden.“
    Ihre Antwort war in ihrer wortkargen Weise: Ja, ich glaube,
    es ist so. – Wenn Sie aber wußten, daß Sie den Direktor lieben,
    warum haben Sie es mir nicht gesagt? – Ich wußte es ja nicht
    oder besser, ich wollte es nicht wissen, wollte es mir aus dem
    Kopfe schlagen, nie mehr daran denken, ich glaube, es ist mir auch
    in der letzten Zeit gelungen.1)
    Warum wollten Sie sich diese Neigung nicht eingestehen?
    Schämten Sie sich dessen, daß Sie einen Mann lieben sollten? –
    O nein, ich bin nicht unverständig prüde, für Empfindungen
    ist man ja überhaupt nicht verantwortlich. Es war mir nur darum
    peinlich, weil es der Herr ist, in dessen Dienst ich stehe, in dessen
    Haus ich lebe, gegen den ich nicht wie gegen einen andern die


    1)Eine andere und bessere Schilderung des eigentümlichen Zustandes, in dem man
    etwas weiß und gleichzeitig nicht weiß, konnte ich nie erzielen. Man kann das
    offenbar nur verstehen, wenn man sich selbst in solch einem Zustande befunden hat.
    Ich verfüge über eine sehr auffällige Erinnerung dieser Art, die mir lebhaft vor
    Augen steht. Wenn ich mich bemühe, mich zu erinnern, was damals in mir vorging,
    so ist meine Ausbeute recht armselig. Ich sah damals etwas, das mir gar nicht in
    die Erwartung paßte, und ließ mich durch das Gesehene nicht im mindesten in
    meiner bestimmten Absicht beirren, während doch diese Wahrnehmung meine Ab-
    sicht hätte aufheben sollen. Ich wurde mir des Widerspruches nicht bewußt, und
    ebensowenig merkte ich etwas von dem Affekt der Abstoßung, der doch unzweifel-
    haft Schuld daran war, daß jene Wahrnehmung zu gar keiner psychischen Geltung
    gelangte. Ich war mit jener Blindheit bei sehenden Augen geschlagen, die man an
    Müttern gegen ihre Töchter, an Männern gegen ihre Ehefrauen, an Herrschern
    gegen ihre Günstlinge so sehr bewundert.

  • S.

    102

    volle Unabhängigkeit in mir fühle. Und weil ich ein armes Mäd-
    chen und er ein reicher Mann aus vornehmer Familie ist; man
    würde mich ja auslachen, wenn man etwas davon ahnte.

    Ich finde nun keinen Widerstand, die Entstehung dieser Nei-
    gung zu beleuchten. Sie erzählt, sie habe die ersten Jahre arglos
    in dem Hause gelebt und ihre Pflichten erfüllt, ohne auf un-
    erfüllbare Wünsche zu kommen. Einmal aber begann der ernste,
    überbeschäftigte, sonst immer gegen sie reservierte Herr ein Ge-
    spräch mit ihr über die Erfordernisse der Kindererziehung. Er
    wurde weicher und herzlicher als gewöhnlich, sagte ihr, wie sehr
    er bei der Pflege seiner verwaisten Kinder auf sie rechne, und
    blickte sie dabei besonders an … In diesem Momente begann
    sie ihn zu lieben und beschäftigte sich selbst sehr gerne mit der er-
    freulichen Hoffnung, die sie aus jenem Gespräche geschöpft hatte.
    Erst, als dann nichts mehr nachfolgte, als trotz ihres Wartens
    und Harrens keine zweite Stunde von vertraulichem Gedanken-
    austausche kam, beschloß sie, sich die Sache aus dem Sinne zu
    schlagen. Sie gibt mir ganz recht, daß jener Blick im Zusammen-
    hange des Gespräches wohl dem Andenken seiner verstorbenen
    Frau gegolten hat, ist sich auch völlig klar darüber, daß ihre
    Neigung völlig aussichtslos ist.

    Ich erwarte von diesem Gespräche eine gründliche Änderung
    ihres Zustandes, diese blieb aber einstweilen aus. Sie war weiter-
    hin gedrückt und verstimmt; eine hydropathische Kur, die ich
    sie gleichzeitig nehmen ließ, frischte sie des Morgens ein wenig
    auf, der Geruch der verbrannten Mehlspeise war nicht völlig ge-
    schwunden, wohl aber seltener und schwächer geworden; er kam,
    wie sie sagte, nur, wenn sie sehr aufgeregt war.

    Das Fortbestehen dieses Erinnerungssymbols ließ mich vermuten,
    daß dasselbe außer der Hauptszene die Vertretung der vielen
    kleinen Nebenträumen auf sich genommen, und so forschten wir
    denn nach allem, was sonst mit der Szene der verbrannten Mehl-
    speise in Zusammenhang stehen mochte, gingen das Thema der

  • S.

    103

    häuslichen Reibungen, des Benehmens des Großvaters u. a. durch.
    Dabei schwand die Empfindung des brenzligen Geruches immer
    mehr. Auch eine längere Unterbrechung fiel in diese Zeit, ver-
    ursacht durch neuerliche Erkrankung der Nase, die jetzt zur
    Entdeckung der Karies des Siebbeines führte.

    Als sie wiederkam, berichtete sie auch, daß Weihnachten ihr
    so zahlreiche Geschenke von seiten der beiden Herren und selbst
    von den Dienstleuten des Hauses gebracht habe, als ob alle be-
    strebt seien, sie zu versöhnen und die Erinnerung an die Kon-
    flikte der letzten Monate bei ihr zu verwischen. Dies offenkundige
    Entgegenkommen habe ihr aber keinen Eindruck gemacht.

    Als ich wieder ein anderes Mal nach dem Geruche der ver-
    brannten Mehlspeise fragte, bekam ich die Auskunft, der sei zwar
    ganz geschwunden, allein an seiner Stelle quäle sie ein anderer
    und ähnlicher Geruch, wie von Zigarrenrauch. Derselbe sei wohl
    auch früher dagewesen, aber wie gedeckt durch den Geruch der
    Mehlspeise. Jetzt sei er rein hervorgetreten.

    Ich war nicht sehr befriedigt von dem Erfolge meine Therapie.
    Da war also eingetroffen, was man einer bloß symptomatischen
    Therapie immer zur Last legt, man hatte ein Symptom weg-
    genommen, bloß damit ein neues an die freie Stelle rücken
    könne. Indes machte ich mich bereitwillig an die analytische Be-
    seitigung dieses neuen Erinnerungssymbols.

    Diesmal wußte sie aber nicht, woher die subjektive Geruchs-
    empfindung stamme, bei welcher wichtigen Gelegenheit sie eine
    objektive gewesen sei. „Es wird täglich geraucht bei uns,“ meinte
    sie, „ich weiß wirklich nicht, ob der Geruch, den ich verspüre,
    eine besondere Gelegenheit bedeutet.“ Ich beharrte nun darauf,
    daß sie versuche, sich unter dem Drucke meiner Hand zu er-
    innern. Ich habe schon erwähnt, daß ihre Erinnerungen plasti-
    sche Lebhaftigkeit hatten, daß sie eine „Visuelle“ war. In der
    Tat tauchte unter meinem Drängen ein Bild in ihr auf, anfangs
    zögernd und nur stückweise. Es war das Speisezimmer ihres

  • S.

    104

    Hauses, in dem sie mit den Kindern wartet, bis die Herren aus
    der Fabrik zum Mittagmahl kommen. – Jetzt sitzen wir alle um
    den Tisch herum: die Herren, die Französin, die Haushälterin,
    die Kinder und ich. Das ist aber wie alle Tage. – Sehen Sie
    nur weiter auf das Bild hin, es wird sich entwickeln und speziali-
    sieren. – Ja, es ist ein Gast da, der Oberbuchhalter, ein alter Herr,
    der die Kinder liebt wie eigene Enkel, aber der kommt so oft zu
    Mittag, das ist auch nichts Besonderes. – Haben Sie nur Geduld,
    blicken Sie nur auf das Bild, es wird gewiß etwas vorgehen.

    Es geht nichts vor. Wir stehen vom Tische auf, die Kinder
    sollen sich verabschieden und gehen dann mit uns wie alle Tage
    in den zweiten Stock. – Nun? – Es ist doch eine besondere
    Gelegenheit, ich erkenne die Szene jetzt. Wie die Kinder sich
    verabschieden, will der Oberbuchhalter sie küssen. Der Herr fährt
    auf und schreit ihn geradezu an: „Nicht die Kinder küssen.“
    Dabei gibt es mir einen Stich ins Herz, und da die Herren
    schon rauchen, bleibt mir der Zigarrenrauch im Gedächtnis.

    Dies war also die zweite, tieferliegende Szene, die als Trauma
    gewirkt und ein Erinnerungssymbol hinterlassen hatte. Woher
    rührte aber die Wirksamkeit dieser Szene? – Ich fragte: Was
    ist der Zeit nach früher, diese Szene oder die mit der verbrannten
    Mehlspeise? – Die letzte Szene ist die frühere, und zwar um
    fast zwei Monate. – Warum hat es Ihnen denn einen Stich bei
    dieser Abwehr des Vaters gegeben? Der Verweis richtete sich doch
    nicht gegen Sie? – Es war doch nicht recht, einen alten Herrn
    so anzufahren, der ein lieber Freund und noch dazu Gast ist.
    Man kann das ja auch ruhig sagen. – Also hat Sie nur die
    heftige Form Ihres Herrn verletzt? Haben Sie sich vielleicht für
    ihn geniert oder haben Sie gedacht, wenn er wegen einer solchen
    Kleinigkeit so heftig sein kann mit einem alten Freunde und
    Gaste, wie wäre er es erst mit mir, wenn ich seine Frau wäre? –
    Nein, das ist es nicht. – Es war aber doch wegen der Heftig-
    keit? – Ja, wegen des Küssens der Kinder, das hat er nie

  • S.

    105

    gemocht. – Und nun taucht wieder unter dem Drucke meiner
    Hand die Erinnerung an eine noch ältere Szene auf, die das
    eigentlich wirksame Trauma war und die auch der Szene mit
    dem Oberbuchhalter die traumatische Wirksamkeit verliehen hatte.

    Es hatte sich wieder einige Monate vorher zugetragen, daß eine
    befreundete Dame auf Besuch kam, die beim Abschiede beide
    Kinder auf den Mund küßte. Der Vater, der dabei stand, über-
    wand sich wohl, der Dame nichts zu sagen, aber nach ihrem
    Fortgehen brach sein Zorn über die unglückliche Erzieherin los.
    Er erklärte ihr, er mache sie dafür verantwortlich, wenn jemand
    die Kinder auf den Mund küsse, es sei ihre Pflicht, es nicht zu
    dulden, und sie sei pflichtvergessen, wenn sie es zulasse. Wenn
    es noch einmal geschähe, würde er die Erziehung der Kinder
    anderen Händen anvertrauen. Es war die Zeit, als sie sich noch
    geliebt glaubte und auf eine Wiederholung jenes ersten freund-
    lichen Gespräches wartete. Diese Szene knickte ihre Hoffnungen.
    Sie sagte sich: wenn er wegen einer so geringen Sache, und wo
    ich überdies ganz unschuldig bin, so auf mich losfahren kann,
    mir solche Drohungen sagen kann, so habe ich mich geirrt, so
    hat er nie eine wärmere Empfindung für mich gehabt. Die würde
    ihn Rücksicht gelehrt haben. – Offenbar war es die Erinnerung
    an diese peinliche Szene, die ihr kam, als der Oberbuchhalter
    die Kinder küssen wollte und dafür vom Vater zurechtgewiesen
    wurde.

    Als Miß Lucy mich zwei Tage nach dieser letzten Analyse
    wieder besuchte, mußte ich sie fragen, was mit ihr Erfreuliches
    vorgegangen sei.

    Sie war wie verwandelt, lächelte und trug den Kopf hoch.
    Einen Augenblick dachte ich daran, ich hätte doch die Verhält-
    nisse irrig beurteilt und aus der Gouvernante der Kinder sei jetzt
    die Braut des Direktors geworden. Aber sie wehrte meine Ver-
    mutungen ab: „Es ist gar nichts vorgegangen. Sie kennen mich
    eben nicht, Sie haben mich nur krank und verstimmt gesehen.

  • S.

    106

    Ich bin sonst immer so heiter. Wie ich gestern früh erwacht bin,
    war der Druck von mir genommen und seither bin ich wohl.“ –
    Und wie denken Sie über Ihre Aussichten im Hause? – Ich bin
    ganz klar, ich weiß, daß ich keine habe, und werde nicht un-
    glücklich darüber sein. – Und werden Sie sich jetzt mit den
    Hausleuten vertragen? – Ich glaube, da hat meine Empfindlich-
    keit das meiste dazu getan. – Und lieben Sie den Direktor
    noch? – Gewiß, ich liebe ihn, aber das macht mir weiter nichts.
    Man kann ja bei sich denken und empfinden, was man will.

    Ich untersuchte jetzt ihre Nase und fand die Schmerz- und
    Reflexempfindlichkeit fast völlig wiedergekehrt, sie unterschied
    auch Gerüche, aber unsicher und nur, wenn sie intensiver waren.
    Ich muß aber dahingestellt lassen, inwieweit an dieser Anosmie
    die Erkrankung der Nase beteiligt war.

    Die ganze Behandlung hatte sich über neun Wochen erstreckt.
    Vier Monate später traf ich die Patientin zufällig in einer unserer
    Sommerfrischen. Sie war heiter und bestätigte die Fortdauer ihres
    Wohlbefindens.

    Depression also.

    Epikrise

    Ich möchte den hier erzählten Krankheitsfall nicht gering
    schätzen, wenngleich er einer kleinen und leichten Hysterie ent-
    spricht und nur über wenige Symptome verfügt. Vielmehr er-
    scheint es mir lehrreich, daß auch eine solche, als Neurose arm-
    selige Erkrankung so vieler psychischer Voraussetzungen bedarf,
    und bei eingehenderer Würdigung dieser Krankengeschichte bin
    ich versucht, sie als vorbildlich für einen Typus der Hysterie hin-
    zustellen, nämlich für die Form von Hysterie, die auch eine nicht
    hereditär belastete Person durch dazu geeignete Erlebnisse er-
    werben kann. Wohlgemerkt, ich spreche nicht von einer Hysterie,
    die unabhängig von jeder Disposition wäre; eine solche gibt es
    wahrscheinlich nicht, aber von solcher Art von Disposition sprechen
    wir erst, wenn die Person hysterisch geworden ist, sie ist vorher

  • S.

    107


    durch nichts bezeugt gewesen. Neuropathische Disposition, wie
    man sie gewöhnlich versteht, ist etwas anderes; sie ist bereits vor
    der Erkrankung durch das Maß hereditärer Belastung oder die
    Summe individueller psychischer Abnormitäten bestimmt. Von
    diesen beiden Momenten war bei Miß Lucy R., soweit ich unter
    richtet bin, nichts nachzuweisen. Ihre Hysterie darf also eine
    akquirierte genannt werden und setzt nichts weiter voraus als
    die wahrscheinlich sehr verbreitete Eignung – Hysterie zu akqui-
    rieren, deren Charakteristik wir noch kaum auf der Spur sind.
    In solchen Fällen fällt aber das Hauptgewicht auf die Natur des
    Traumas, natürlich im Zusammenhalte mit der Reaktion der Person
    gegen das Trauma. Es zeigt sich als unerläßliche Bedingung für
    die Erwerbung der Hysterie, daß zwischen dem Ich und einer
    an dasselbe herantretenden Vorstellung das Verhältnis der Unver-
    träglichkeit entsteht. Ich hoffe, an anderer Stelle zeigen zu können,
    wie verschiedene neurotische Störungen aus den verschiedenen
    Verfahren hervorgehen, welche das „Ich“ einschlägt, um sich von
    jener Unverträglichkeit zu befreien. Die hysterische Art der Ab-
    wehr – zu welcher eben eine besondere Eignung erfordert wird –
    besteht nun in der Konversion der Erregung in eine körper-
    liche Innervation, und der Gewinn dabei ist der, daß die unver-
    trägliche Vorstellung aus dem Ichbewußtsein gedrängt ist. Dafür
    enthält das Ichbewußtsein die durch Konversion entstandene körper-
    liche Reminiszenz – in unserem Falle die subjektiven Geruchs-
    empfindungen – und leidet unter dem Affekt, der sich mehr
    oder minder deutlich gerade an diese Reminiszenzen knüpft. Die
    Situation, die so geschaffen wird, ist nun nicht weiter veränder-
    lich, da durch Verdrängung und Konversion der Widerspruch auf-
    gehoben ist, der zur Erledigung des Affekts aufgefordert hätte.
    So entspricht der Mechanismus, der die Hysterie erzeugt, einerseits
    einem Akte moralischer Zaghaftigkeit, anderseits stellt er sich als
    eine Schutzeinrichtung dar, die dem Ich zu Gebote steht. Es gibt
    Fälle genug, in denen man zugestehen muß, die Abwehr des

  • S.

    108

    Erregungszuwachses durch Produktion von Hysterie sei auch der
    malen das zweckmäßigste gewesen; häufiger wird man natürlich
    zum Schlusse gelangen, daß ein größeres Maß von moralischem
    Mute ein Vorteil für das Individuum gewesen wäre.
    Der eigentlich traumatische Moment ist demnach jener, in dem
    der Widerspruch sich dem Ich aufdrängt und dieses die Verweisung
    der widersprechenden Vorstellung beschließt. Durch solche Ver-
    weisung wird letztere nicht zunichte gemacht, sondern bloß ins
    Unbewußte gedrängt; findet dieser Vorgang zum ersten Male statt,
    so ist hiemit ein Kern- und Kristallisationsmittelpunkt für die
    Bildung einer vom Ich getrennten psychischen Gruppe gegeben,
    um den sich in weiterer Folge alles sammelt, was die Annahme
    der widerstreitenden Vorstellung zur Voraussetzung hätte. Die
    Spaltung des Bewußtseins in diesen Fällen akquirierter Hysterie
    ist somit eine gewollte, absichtliche, oft wenigstens durch einen
    Willkürakt eingeleitete. Eigentlich geschieht etwas anderes, als das
    Individuum beabsichtigt; es möchte eine Vorstellung aufheben,
    als ob sie gar nie angelangt wäre, es gelingt ihm aber nur, sie
    psychisch zu isolieren.
    In der Geschichte unserer Patientin entspricht der traumatische
    Moment jener Szene, die ihr der Direktor wegen des Küssens der
    Kinder machte. Diese Szene bleibt aber einstweilen ohne sichtliche
    Wirkung, vielleicht daß Verstimmung und Empfindlichkeit damit
    begannen, ich weiß nichts darüber; – die hysterischen Symptome
    entstanden erst später in Momenten, welche man als „auxiliäre“
    bezeichnen kann, und die man dadurch charakterisieren möchte,
    daß in ihnen zeitweilig die beiden getrennten psychischen Gruppen
    zusammenfließen wie im erweiterten somnambulen Bewußtsein.
    Der erste dieser Momente, in denen die Konversion stattfand, war
    bei Miß Lucy R. die Szene bei Tische, als der Oberbuchhalter
    die Kinder küssen wollte. Hier spielte die traumatische Erinnerung
    mit, und sie benahm sich so, als hätte sie nicht alles, was sich
    auf ihre Neigung zu ihrem Herrn bezog, von sich getan. In

  • S.

    109


    anderen Krankengeschichten fallen diese verschiedenen Momente
    zusammen, die Konversion geschieht unmittelbar unter der Ein-
    wirkung des Traumas.

    Der zweite auxiliäre Moment wiederholt ziemlich genau den
    Mechanismus des ersten. Ein starker Eindruck stellt vorübergehend
    die Einheit des Bewußtseins wieder her, und die Konversion geht
    den nämlichen Weg, der sich ihr das erstemal eröffnet hatte.

    Interessant ist es, daß das zu zweit entstandene Symptom das
    erste deckt, so daß letzteres nicht eher klar empfunden wird, als
    bis das erstere weggeschafft ist. Bemerkenswert erscheint mir auch
    die Umkehrung der Reihenfolge, der sich auch die Analyse fügen
    muß. In einer ganzen Reihe von Fällen ist es mir ähnlich er-
    gangen, die später entstandenen Symptome deckten die ersten,
    und erst das letzte, zu dem die Analyse vordrang, enthielt den
    Schlüssel zum Ganzen.

    Die Therapie bestand hier in dem Zwange, der die Vereinigung
    der abgespaltenen psychischen Gruppe mit dem Ichbewußtsein
    durchsetzte. Der Erfolg ging merkwürdigerweise nicht dem Maße
    der geleisteten Arbeit parallel; erst als das letzte Stück erledigt
    war, trat plötzliche Heilung ein.