B. Synthetischer Teil1905-003/1905/M2
  • S.

    B. Synthetischer Teil.

    IV. Der Lustmechanismus und die Psychogenese
    des Witzes.

          Aus welchen Quellen die eigentümliche Lust fließt, welche
    uns der Witz bereitet, das stellen wir nun als gesicherte Erkenntnis
    voran. Wir wissen, daß wir der Täuschung unterliegen können,
    unser Wohlgefallen am Gedankeninhalt des Satzes mit der eigent-
    lichen Witzeslust zu verwechseln, daß aber diese selbst wesentlich
    zwei Quellen hat, die Technik und die Tendenzen des Witzes.
    Was wir nun erfahren möchten, ist, auf welche Weise sich die
    Lust aus diesen Quellen ergibt, der Mechanismus dieser Lust-
    wirkung.

          Es scheint uns, daß sich die gesuchte Aufklärung beim ten-
    denziösen Witz viel leichter ergibt als beim harmlosen. Mit
    ersterem werden wir also beginnen.

          Die Lust beim tendenziösen Witz ergibt sich daraus, daß eine
    Tendenz befriedigt wird, deren Befriedigung sonst unterblieben
    wäre. Daß solche Befriedigung eine Lustquelle ist, bedarf keiner
    weiteren Ausführung. Aber die Art, wie der Witz die Befriedigung
    herbeiführt, ist an besondere Bedingungen geknüpft, aus denen
    vielleicht weiterer Aufschluß zu gewinnen ist. Es sind hier zwei
    Fälle zu unterscheiden. Der einfachere Fall ist, daß der Be-
    friedigung der Tendenz ein äußeres Hindernis im Wege steht,
    welches durch den Witz umgangen wird. So fanden wir es z. B.
    in der Antwort, die Serenissimus auf die Frage erhält, ob die
    Mutter des Angesprochenen je in der Residenz gelebt habe, oder
    in der Äußerung des Kunstkenners, dem die zwei reichen Gauner
    ihre Portraits zeigen: And where is the Saviour? Die Tendenz
    geht in dem einen Fall dahin, einen Schimpf mit Gleichem zu
    erwidern, im anderen, eine Beschimpfung an Stelle des geforder-
    ten Gutachtens von sich zu geben; was ihr entgegensteht, sind
    rein äußerliche Momente, die Machtverhältnisse der Personen, die
    von der Beschimpfung betroffen werden. Es mag uns immerhin
    auffallen, daß diese und analoge Witze tendenziöser Natur, so
    sehr sie uns auch befriedigen, doch nicht im stande sind, einen
    starken Lacheffekt hervorzubringen.

  • S.

    Ersparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsaufwand 99

    Anders, wenn nicht äußere Momente, sondern ein innerliches
    Hindernis der direkten Verwirklichung der Tendenz im Wege steht,
    wenn eine innere Regung sich der Tendenz entgegenstellt. Diese
    Bedingung wäre nach unserer Voraussetzung etwa in den aggres-
    siven Witzen des Herrn N. verwirklicht, in dessen Person eine
    starke Neigung zur Invektive durch hochentwickelte ästhetische
    Kultur in Schach gehalten wird. Mit Hilfe des Witzes wird der
    innere Widerstand für diesen speziellen Fall überwunden, die
    Hemmung aufgehoben. Dadurch wird wie im Falle des äußeren
    Hindernisses die Befriedigung der Tendenz ermöglicht, eine Unter-
    drückung und die mit ihr verbundene „psychische Stauung“ ver-
    mieden; der Mechanismus der Lustentwicklung wäre insoweit für
    beide Fälle der nämliche.

    Wir verspüren an dieser Stelle allerdings die Neigung, in die
    Unterschiede der psychologischen Situation für den Fall des äußeren
    und des inneren Hindernisses tiefer einzugehen, da uns die Mög-
    lichkeit vorschwebt, aus der Aufhebung des inneren Hindernisses
    könne sich ein ungleich höherer Beitrag zur Lust ergeben. Aber
    ich schlage vor, hier genügsam zu bleiben und uns vorläufig mit
    der einen Feststellung zu bescheiden, welche bei dem für uns
    Wesentlichen verbleibt. Die Fälle des äußerlichen und des inneren
    Hindernisses unterscheiden sich nur darin, daß hier eine bereits
    bestehende Hemmung aufgehoben, dort die Herstellung einer
    neuen vermieden wird. Wir nehmen dann die Spekulation nicht
    zu sehr in Anspruch, wenn wir behaupten, daß zur Herstellung
    wie zur Erhaltung einer psychischen Hemmung ein „psychischer
    Aufwand“ erfordert wird. Ergibt sich nun, daß in beiden Fällen
    der Verwendung des tendenziösen Witzes Lust erzielt wird, so liegt
    es nahe anzunehmen, daß solcher Lustgewinn dem er-
    sparten psychischen Aufwand entspreche.

    Somit wären wir wiederum auf das Prinzip der Ersparung
    gestoßen, dem wir zuerst bei der Technik des Wortwitzes begegnet
    sind. Während wir aber zunächst die Ersparung in dem Gebrauch
    von möglichst wenig oder möglichst den gleichen Worten zu finden
    glaubten, ahnt uns hier der weit umfassendere Sinn einer Er-
    sparung an psychischem Aufwand überhaupt, und wir müssen es
    für möglich halten, durch nähere Bestimmung des noch sehr un-
    klaren Begriffes „psychischer Aufwand“ dem Wesen des Witzes
    näher zu kommen.

    Eine gewisse Unklarheit, die wir bei der Behandlung des
    Lustmechanismus beim tendenziösen Witze nicht überwinden konn-
    ten, nehmen wir als billige Strafe dafür, daß wir versucht haben,

    7*

  • S.

    100 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.

    das Kompliziertere vor dem Einfacheren, den tendenziösen Witz
    vor dem harmlosen aufzuklären. Wir merken uns, daß „Er-
    sparung an Hemmungs- oder Unterdrückungsauf-
    wand“ das Geheimnis der Lustwirkung des tendenziösen Witzes
    zu sein schien, und wenden uns dem Mechanismus der Lust beim
    harmlosen Witze zu.

    Aus geeigneten Beispielen harmlosen Witzes, bei denen keine
    Störung unseres Urteils durch Inhalt oder Tendenz zu befürchten
    stand, mußten wir den Schluß ziehen, daß die Techniken des
    Witzes selbst Lustquellen sind, und wollen nun prüfen, ob sich
    diese Lust etwa auf Ersparung an psychischem Aufwand zurück-
    führen lasse. In einer Gruppe dieser Witze (den Wortspielen)
    bestand die Technik darin, unsere psychische Einstellung auf den
    Wortklang anstatt auf den Sinn des Wortes zu richten, die
    (akustische) Wortverstellung selbst an Stelle ihrer durch Rela-
    tionen zu den Dingvorstellungen gegebenen Bedeutung treten zu
    lassen. Wir dürfen wirklich vermuten, daß damit eine große
    Erleichterung der psychischen Arbeit gegeben ist, und daß wir uns
    bei der ernsthaften Verwendung der Worte durch eine gewisse
    Anstrengung von diesem bequemen Verfahren abhalten müssen.

    Wir können beobachten, daß krankhafte Zustände der Denk-
    tätigkeit, in denen die Möglichkeit, psychischen Aufwand auf eine
    Stelle zu konzentrieren, wahrscheinlich eingeschränkt ist, tatsäch-
    lich die Wortklangvorstellung solcher Art gegen die Wortbedeutung
    in den Vordergrund rücken lassen, und daß solche Kranke in
    ihren Reden nach den „äußeren“ anstatt nach den „inneren“
    Assoziationen der Wortvorstellung, wie die Formel lautet, fort-
    schreiten. Auch beim Kinde, welches ja die Worte noch als
    Dinge zu behandeln gewohnt ist, bemerken wir die Neigung,
    hinter gleichem oder ähnlichem Wortlaut gleichen Sinn zu suchen,
    die zur Quelle vieler von den Erwachsenen belachter Irrtümer
    wird. Wenn es uns dann im Witz ein unverkennbares Vergnügen
    bereitet, durch den Gebrauch des nämlichen Wortes oder eines
    ihm ähnlichen aus dem einen Vorstellungskreis in einen anderen
    entfernten zu gelangen (wie bei Home-Roulard aus dem der Küche
    in der der Politik), so ist dies Vergnügen wohl mit Recht auf
    die Ersparung an psychischem Aufwand zurückzuführen. Die
    Witzeslust aus solchem „Kurzschluß“ scheint auch um so größer
    zu sein, je fremder die beiden durch das gleiche Wort in Ver-
    bindung gebrachten Vorstellungskreise einander sind, je weiter ab
    sie von einander liegen, je größer also die Ersparung an Gedanken-
    weg durch das technische Mittel des Witzes ausfällt. Merken wir

  • S.

    Lust beim Wiederfinden des Bekannten. 101

    übrigens an, daß sich der Witz hier eines Mittels der Verknüpfung
    bedient, welches vom ernsthaften Denken verworfen und sorgfaltig
    vermieden wird.*)

    Eine zweite Gruppe technischer Mittel des Witzes — Uni-
    fizierung, Gleichklang, mehrfache Verwendung, Modifikation be-
    kannter Redensarten, Anspielung auf Zitate — låBt als gemein-
    samen Charakter herausheben, daB jedesmal etwas Bekanntes
    wiedergefunden wird, wo man anstatt dessen etwas Neues håtte
    erwarten können. Dieses Wiederfinden des Bekannten ist lust-
    voll, und es kann uns wiederum nicht schwer fallen, solche Lust
    als Ersparungslust zu erkennen, auf die Ersparung an psychischem
    Aufwand zu beziehen.

    Daß das Wiederfinden des Bekannten, das , Wiedererkennen“
    lustvoll ist, scheint allgemein zugestanden zu werden. Groos**)
    sagt: (S. 153) ,Das Wiedererkennen ist nun iiberall, wo es nicht
    allzusehr mechanisiert ist (wie etwa beim Ankleiden, wo..... )
    mit Lustgefiihlen verbunden. Schon die bloBe Qualitåt der Be-
    kanntheit ist leicht von jenem sanften Behagen begleitet, das
    Faust erfüllt, wie er nach einer unheimlichen Begegnung wieder

    *) Wenn ich mir hier gestatten darf, der Darstellung im Texte vorzu-
    greifen, so kann ich an dieser Stelle ein Licht auf die Bedingung werfen,
    welche für den Sprachgebrauch maßgebend scheint, um einen Witz einen
    „guten“ oder einen „schlechten“ zu heißen. Wenn ich mittels eines doppel-
    sinnigen oder wenig modifizierten Wortes auf kurzem Wege aus einem
    Vorstellungskreis in einen anderen geraten bin, während sich zwischen
    den beiden Vorstellungskreisen nicht auch gleichzeitig eine sinnvolle Ver-
    knüpfung ergibt, dann habe ich einen „schlechten Witz“ gemacht. In diesem
    schlechten Witze ist das eine Wort, die „Pointe“, die einzig vorhandene
    Verknüpfung zwischen den beiden disparaten Vorstellungen. Ein solcher
    Fall ist das oben verwendete Beispiel: Home-Roulard. Ein „guter Witz“
    kommt aber zu stande, wenn die Kindererwartung Recht behält und mit
    der Ahnlichkeit der Worte wirklich gleichzeitig eine andere, wesentliche
    Ähnlichkeit des Sinnes angezeigt ist wie im Beispiel: Traduttore-Traditore.
    Die beiden disparaten Vorstellungen, die hier durch eine äußerliche Asso-
    ziation verknüpft sind, stehen außerdem in einem sinnreichen Zusammen-
    hang, welcher eine Wesensverwandtschaft von ihnen aussagt. Die äußer-
    liche Assoziation ersetzt nur den innerlichen Zusammenhang; sie dient
    dazu, ihn anzuzeigen oder klarzustellen. Der „Übersetzer“ heißt nicht nur
    ähnlich wie der Verräter; er ist auch eine Art von Verräter, er führt
    gleichsam mit Recht seinen Namen,

    Der hier entwickelte Unterschied fällt mit der später einzuführenden
    Scheidung von „Scherz“ und „Witz“ zusammen. Es wire aber Unrecht,
    Beispiele wie Home-Roulard von der Erörterung über die Natur des
    Witzes auszuschließen. So wie wir die eigentiimliche Lust des Witzes in
    Betracht ziehen, finden wir, daß die „schlechten“ Witze keineswegs als
    Witze schlecht, d. h. ungeeignet zur Erzeugung von Lust sind,

    *) Die Spiele der Menschen, 1899.

  • S.

    102 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.

    in sein Studierzimmer tritt“ . . . . „Wenn so der Akt des Wieder-
    erkennens lusterregend ist, so werden wir erwarten dürfen, daß
    der Mensch darauf verfällt, diese Fähigkeit um ihrer selbst willen
    zu üben, also spielend mit ihr zu experimentieren. In der Tat
    hat Aristoteles in der Freude am Wiedererkennen die Grund-
    lage des Kunstgenusses erblickt, und es läßt sich nicht leugnen,
    daß dieses Prinzip nicht übersehen werden darf, wenn es auch
    keine so weittragende Bedeutung hat, wie Aristoteles annimmt.“

    Groos erörtert dann die Spiele, deren Charakter darin be-
    steht, die Freude am Wiedererkennen dadurch zu steigern, daß
    man demselben Hindernisse in den Weg legt, also eine „psychische
    Stauung“ herbeiführt, die mit dem Akt des Erkennens beseitigt
    ist. Sein Erklärungsversuch verläßt aber die Annahme, daß das
    Erkennen an sich lustvoll sei, indem er das Vergnügen am Er-
    kennen mit Berufung auf diese Spiele auf die Freude an der
    Macht, an der Überwindung einer Schwierigkeit zurückführt.
    Ich halte dieses letztere Moment für sekundär und sehe keinen
    Anlaß, von der einfacheren Auffassung abzuweichen, daß das
    Erkennen an sich, d. h. durch Erleichterung des psychischen
    Aufwands, lustvoll ist, und daß die auf diese Lust gegründeten
    Spiele sich eben nur des Stauungsmechanismus bedienen, um
    deren Betrag in die Höhe zu treiben.

    Daß Reim, Alliteration, Refrain und andere Formen der
    Wiederholung ähnlicher Wortklänge in der Dichtung die näm-
    liche Lustquelle, das Wiederfinden des Bekannten, ausnützen, ist
    gleichfalls allgemein anerkannt. Ein „Machtgefühl“ spielt bei
    diesen Techniken, die mit der „mehrfachen Verwendung“ beim
    Witze so große Übereinstimmung zeigen, keine ersichtliche Rolle.

    Bei den nahen Beziehungen zwischen Erkennen und Erinnern
    ist die Annahme nicht mehr gewagt, daß es auch eine Er-
    innerungslust gebe, d. h. daß der Akt des Erinnerns an sich
    von einem Lustgefühl ähnlicher Herkunft begleitet sei. Groos
    scheint einer solchen Annahme nicht abgeneigt zu sein, aber er
    leitet die Erinnerungslust wiederum vom „Machtgefühl“ ab, in
    dem er den Hauptgrund des Genusses bei fast allen Spielen —
    wie ich meine, mit Unrecht — sucht.

    Auf dem „Wiederfinden des Bekannten“ beruht auch die
    Verwendung eines anderen technischen Hilfsmittels des Witzes, von
    dem bisher noch nicht die Rede war. Ich meine das Moment
    der Aktualität, das bei sehr vielen Witzen eine ausgiebige
    Lustquelle darstellt und einige Eigentümlichkeiten in der Lebens-

  • S.

    Das Moment der Aktualität.                    103

    geschichte der Witze erklärt. Es gibt Witze, die von dieser Be-
    dingung vollkommen frei sind, und in einer Abhandlung über den
    Witz sind wir genötigt, uns fast ausschließlich solcher Beispiele
    zu bedienen. Wir können aber nicht daran vergessen, daß wir
    vielleicht noch stärker als über solche perennierende Witze über
    andere gelacht haben, deren Verwendung uns jetzt schwer fällt,
    weil sie lange Kommentare erfordern und auch mit deren Nach-
    hilfe die einstige Wirkung nicht erreichen würden. Diese letzteren
    Witze enthielten nun Anspielungen auf Personen und Begeben-
    heiten, die zur Zeit „aktuell“ waren, das allgemeine Interesse
    wach gerufen hatten und noch in Spannung erhielten. Nach dem
    Erlöschen dieses Interesses, nach der Erledigung der betreffenden
    Affäre hatten auch diese Witze einen Teil ihrer Lustwirkung, und
    zwar einen recht beträchtlichen Teil, eingebüßt. So z. B. erscheint
    mir der Witz, den mein freundlicher Gastgeber machte, als er
    die herumgereichte Mehlspeise einen „Home-Roulard“ nannte,
    heute lange nicht so gut wie damals, als Home Rule eine ständige
    Rubrik in den politischen Nachrichten unserer Zeitungen war. Ver-
    suche ich jetzt das Verdienst dieses Witzes durch die Beschreibung
    zu würdigen, daß uns das eine Wort mit Ersparung eines großen
    Denkumweges aus dem Vorstellungskreis der Küche in den so
    ferne liegenden der Politik führe, so hätte ich diese Beschreibung
    damals abändern müssen, „daß uns dieses Wort aus dem Vor-
    stellungskreis der Küche in den ihm selbst so ferne liegenden
    Kreis der Politik führe, der aber unseres lebhaften Interesses
    sicher sei, weil er uns eigentlich unausgesetzt beschäftige.“ Ein
    anderer Witz: „Dieses Mädchen erinnert mich an Dreyfus; die
    Armee glaubt nicht an ihre Unschuld“ ist heute, trotzdem alle
    seine technischen Mittel unverändert geblieben sein müssen,
    gleichfalls verblaßt. Die Verblüffung durch den Vergleich und
    die Zweideutigkeit des Wortes „Unschuld“ können es nicht wett
    machen, daß die Anspielung, die damals an eine mit frischer
    Erregung besetzte Angelegenheit rührte, heute an ein erledigtes
    Interesse erinnert. Ein noch aktueller Witz wie z. B. folgender:
    „Kronprinzessin Louise hatte sich an das Krematorium in Gotha
    mit der Anfrage gewendet, was eine Verbrennung koste. Die
    Verwaltung gab ihr die Antwort: Sonst 5000 Mark, ihr werde
    man aber nur 3000 Mark berechnen, da sie schon einmal durch-
    gebrannt sei“; ein solcher Witz erscheint heute unwiderstehlich;
    in einiger Zeit wird er in unserer Schätzung sehr erheblich ge-
    sunken sein, und noch eine Weile später, wenn man ihn nicht
    erzählen kann, ohne in einem Kommentar hinzuzusetzen, wer die

  • S.

    104 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.

    Prinzessin Louise war, und wie ihr „Durchgebranntsein* gemeint
    ist, wird er trotz des guten Wortspiels wirkungslos bleiben.

    Eine groBe Zahl der im Umlauf befindlichen Witze gelangt
    so zu einer gewissen Lebensdauer, eigentlich zu einem Lebens-
    lauf, der sich aus einer Bliitezeit und einer Verfallzeit zusammen-
    setzt und in völliger Vergessenheit endigt. Das Bedürfnis der
    Menschen, Lust aus ihren Denkvorgången zu gewinnen, schafft
    dann immer neue Witze unter Anlehnung an die neuen Interessen
    des Tages. Die Lebenskraft der aktuellen Witze ist keine ihnen
    eigene, sie wird auf dem Wege der Anspielung jenen anderen
    Interessen entlehnt, deren Ablauf auch das Schicksal des Witzes
    bestimmt. Das Moment der Aktualitåt, welches als eine ver-
    gångliche Lustquelle zwar, aber als besonders ergiebige zu den
    eigenen des Witzes hinzutritt, kann nicht einfach dem Wieder-
    finden des Bekannten gleichgesetzt werden. Es handelt sich viel
    mehr um cine besondere Qualifikation des Bekannten, dem die
    Eigenschaft des Frischen, Rezenten, nicht vom Vergessen Be-
    rührten zukommen muß. Auch bei der Traumbildung begegnet
    man einer besonderen Bevorzugung des Rezenten und kann sich
    der Vermutung nicht erwehren, daß die Assoziation mit dem
    Rezenten durch eine eigenartige Lustpråmie belohnt, also er-
    leichtert wird.

    Die Unifizierung, die ja nur die Wiederholung auf dem
    Gebiete des Gedankenzusammenhanges anstatt des Materials ist,
    hat bei G. Th. Fechner eine besondere Anerkennung als Lust-
    quelle des Witzes gefunden. Fechner äußert (Vorschule der
    Ästhetik I, XVII): „Meines Erachtens spielt in dem Felde, was
    wir hier vor Augen haben, das Prinzip der einheitlichen Ver-
    kniipfung des Mannigfaltigen die Hauptrolle, bedarf aber noch
    unterstitzender Nebenbedingungen, um das Vergnügen, was die
    hicher gehörigen Fille gewähren können, mit seinem eigentiimlichen
    Charakter über die Schwelle zu treiben.“*)

    In allen diesen Fållen von Wiederholung des nåmlichen Zu-
    sammenhanges oder des nåmlichen Materials von Worten, von
    Wiederfinden des Bekannten und Rezenten, die dabei verspiirte
    Lust von der Ersparung an psychischem Aufwand abzuleiten, kann
    uns wohl nicht verwehrt werden, wenn dieser Gesichtspunkt sich
    fruchtbar zur Aufklärung von Einzelheiten und zur Gewinnung
    neuer Allgemeinheiten erweist. Wir wissen, daB wir noch die Art,

    *) Abschnitt XVII ist überschrieben: Von sinnreichen und witzigen

    Vergleichen, Wortspielen u, a. Fällen, welche den Charakter der Ergötz-
    lichkeit, Lustigkeit, Lächerlichkeit tragen.

  • S.

    Wortlust und Lust am Unsinn. 105

    wie die Ersparung zu stande kommt, und den Sinn des Ausdrucks
    „psychischer Aufwand" deutlich zu machen haben.

    Die dritte Gruppe der Techniken des Witzes — zumeist des Ge-
    dankenwitzes —, welche die Denkfehler, Verschiebungen, den Wider-
    sinn, die Darstellung durch das Gegenteil u. a. umfaßt, mag für
    den ersten Anschein ein besonderes Gepräge tragen und keine Ver-
    wandtschaf* mit den Techniken des Wiederfindens des Bekannten
    oder des Ersatzes der Gegenstandsassoziationen durch die Wort-
    assoziationen verraten; es ist nichts desto weniger gerade hier
    sehr leicht, den Gesichtspunkt der Ersparung oder Erleichterung
    des psychischen Aufwandes zur Geltung zu bringen.

    Daß es leichter und bequemer ist, von einem eingeschlagenen
    Gedankenweg abzuweichen als ihn festzuhalten, Unterschiedenes
    zusammenzuwerfen als es in Gegensatz zu bringen, und gar be-
    sonders bequem, von der Logik verworfene Schlußweisen gelten
    zu lassen, endlich bei der Zusammenfügung von Worten oder
    Gedanken von der Bedingung abzusehen, daß sie auch einen Sinn
    ergeben sollen: dies ist allerdings nicht zweifelhaft, und gerade
    dies tun die in Rede stehenden Techniken des Witzes. Befremder
    wird aber die Aufstellung erregen, daß solches Tun der Witz-
    arbeit eine Quelle der Lust eröffnet, da wir gegen alle derartigen
    Minderleistungen der Denktätigkeit außerhalb des Witzes nur un-
    lustige Abwehrgefühle verspüren können.

    Die „Lust am Unsinn", wie wir abkürzend sagen können,
    ist im ernsthaften Leben allerdings bis zum Verschwinden ver-
    deckt. Um sie nachzuweisen, müssen wir auf zwei Fälle eingehen,
    in denen sie noch sichtbar ist und wieder sichtbar wird, auf das
    Verhalten des lernenden Kindes und das des Erwachsenen in
    toxisch veränderter Stimmung. In der Zeit, da das Kind den
    Wortschatz seiner Muttersprache handhaben lernt, bereitet es
    ihm ein offenbares Vergnügen, mit diesem Material „spielend zu
    experimentieren‘ (Groos), und es fügt die Worte, ohne sich an
    die Sinnbedingung zu binden, zusammen, um den Lusteffekt des
    Rhythmus oder des Reimes mit ihnen zu erzielen. Dieses Vergnügen
    wird ihm allmählich verwehrt, bis ihm nur die sinnreichen Wort-
    verbindungen als gestattete erübrigen. Noch in spätere Jahre
    ragen dann die Bestrebungen, sich über die erlernten Einschrän-
    kungen im Gebrauche der Worte hinauszusetzen, indem man die-
    selben durch bestimmte Anhängsel verunstaltet, ihre Formen durch
    gewisse Veranstaltungen verändert (Reduplikationen, Zittersprache)
    oder sich sogar für den Gebrauch unter den Gespielen eine eigene

  • S.

    106 IV. Der Lustmechanismus des Witzes.

    Sprache zurecht macht, Bemühungen, welche dann bei den Geistes-
    kranken gewisser Kategorien wieder auftauchen.

    Ich meine, welches immer das Motiv war, dem das Kind
    folgte, als es mit solchen Spielen begann, in weiterer Entwicklung
    gibt es sich ihnen mit dem Bewußtsein, daß sie unsinnig sind,
    hin und findet das Vergnügen in diesem Reiz des von der Ver-
    nunft Verbotenen. Es benützt nun das Spiel dazu, sich dem
    Drucke der kritischen Vernunft zu entziehen. Weit gewaltiger
    sind aber die Einschränkungen, die bei der Erziehung zum rich-
    tigen Denken und zur Sonderung des in der Realität Wahren
    vom Falschen Platz greifen müssen, und darum ist die Auf-
    lehnung gegen den Denk- und Realitätszwang eine tiefgreifende
    und lang anhaltende; selbst die Phänomene der Phantasiebetätigung
    fallen unter diesen Gesichtspunkt. Die Macht der Kritik ist in
    dem späteren Abschnitt der Kindheit und in der über die Pubertät
    hinausreichenden Periode des Lernens meist so sehr gewachsen,
    daß die Lust am „befreiten Unsinn“ sich nur selten direkt zu
    äußern wagt. Man getraut sich nicht, Widersinn auszusprechen;
    aber die für den Buben charakteristische Neigung zu wider-
    sinnigem, zweckwidrigem Tun scheint mir ein direkter Abkömm-
    ling der Lust am Unsinn zu sein. In pathologischen Fällen sieht
    man leicht diese Neigung soweit gesteigert, daß sie wieder die
    Reden und Antworten des Schülers beherrscht; bei einigen in
    Neurose verfallenen Gymnasiasten konnte ich mich überzeugen,
    daß die unbewußt wirkende Lust an dem von ihnen produzierten
    Unsinn an ihren Fehlleistungen nicht minderen Anteil hatte als
    ihre wirkliche Unwissenheit.

    Der Student gibt es dann nicht auf, gegen den Denk- und
    Realitätszwang zu demonstrieren, dessen Herrschaft er doch im-
    mer unduldsamer und uneingeschränkter werden verspürt. Ein
    guter Teil des studentischen Ulks gehört dieser Reaktion an.
    Der Mensch ist eben ein „unermüdlicher Lustsucher“, — ich weiß
    nicht mehr, bei welchem Autor ich diesen glücklichen Ausdruck
    gefunden habe — und jeder Verzicht auf eine einmal genossene
    Lust wird ihm sehr schwer. Mit dem heiteren Unsinn des Bier-
    schwefels versucht der Student, sich die Lust aus der Freiheit
    des Denkens zu retten, die ihm durch die Schulung des Kollegs
    immer mehr verloren geht. Ja noch viel später, wenn er als
    gereifter Mann mit anderen auf dem wissenschaftlichen Kongreß
    zusammengetroffen ist und sich wieder als Lernender gefühlt hat,
    muß nach Schluß der Sitzungen die Kneipzeitung, welche die neu

  • S.

    Wiederherstellung alter Freiheiten, 107

    gewonnenen Einsichten in’s Unsinnige verzerrt, ihm für die neu
    zugewachsene Denkhemmung Entschädigung bieten,
    „Bierschwefel“ und „Kneipzeitung” legen in ihren Namen
    Zeugnis dafür ab, daß die Kritik, welche die Lust am Unsinn
    verdrängt hat, bereits so stark geworden ist, daß sie ohne toxische
    Hilfsmittel auch nicht zeitweilig beiseite geschoben werden kann,
    Die Veränderung der Stimmungslage ist das Wertvollste, was der
    Alkohol dem Menschen leistet, und weshalb dieses „Gift“ nicht
    für jeden gleich entbehrlich ist. Die heitere Stimmung, ob nun
    endogen entstanden oder toxisch erzeugt, setzt die hemmenden
    Kräfte, die Kritik unter ihnen, herab und macht damit Lustquellen
    wieder zugänglich, auf denen die Unterdrückung lastete. Es ist
    überaus lehrreich zu sehen, wie die Anforderungen an den Witz
    mit einer Hebung der Stimmungslage sinken. Die Stimmung er-
    setzt eben den Witz, wie der Witz sich bemühen muß, die
    Stimmung zu ersetzen, in welcher sich sonst gehemmte Genuß-
    möglichkeiten, unter ihnen die Lust am Unsinn, geltend machen.
    „Mit wenig Witz und viel Behagen."

    Unter dem Einfluß des Alkohols wird der Erwachsene wieder
    zum Kinde, dem die freie Verfügung über seinen Gedankenablauf
    ohne Einhaltung des logischen Zwanges Lust bereitet.

    Wir hoffen nun auch dargetan zu haben, daß die Widersinns-
    techniken des Witzes einer Lustquelle entsprechen. Daß diese
    Lust aus Ersparung an psychischem Aufwand, Erleichterung vom
    Zwange der Kritik, hervorgeht, brauchen wir nur zu wiederholen.

    Bei einem nochmaligen Rückblick auf die in drei Gruppen
    gesonderten Techniken des Witzes bemerken wir, daß die erste
    und dritte dieser Gruppen, die Ersetzung der Dingassoziationen
    durch die Wortassoziationen und die Verwendung des Widersinns
    als Wiederherstellungen alter Freiheiten und als Entlastungen von
    dem Zwang der intellektuellen Erziehung zusammengefaßt werden
    können; es sind psychische Erleichterungen, die man in einen
    gewissen Gegensatz zur Ersparung bringen kann, welche die
    Technik in der zweiten Gruppe ausmacht. Erleichterung des schon
    bestehenden und Ersparung an erst aufzubietendem psychischem
    Aufwand, auf diese beiden Prinzipien fiihrt sich also alle Technik
    des Witzes und somit alle Lust aus diesen Techniken zuriick.
    Die beiden Arten der Technik und der Lustgewinnung fallen
    übrigens — im großen und ganzen wenigstens — mit der Scheidung
    des Witzes in Wort- und Gedankenwitz zusammen.

  • S.

    108 IV. Die Psychogenese des Witzes.

    Die vorstehenden Erörterungen haben uns unversehens zur
    Einsicht in eine Entwicklungsgeschichte oder Psychogenese des
    Witzes geführt, welcher wir nun näher treten wollen. Wir haben
    Vorstufen des Witzes kennen gelernt, deren Entwicklung bis zum
    tendenziösen Witz wahrscheinlich neue Beziehungen zwischen den
    verschiedenen Charakteren des Witzes aufdecken kann. Vor allem
    Witz gibt es etwas, was wir als Spiel oder ‚Scherz‘ bezeichnen
    können. Das Spiel — verbleiben wir bei diesem Namen — tritt
    beim Kinde auf, während es Worte verwenden und Gedanken an
    einander fügen lernt. Dieses Spiel folgt wahrscheinlich einem der
    Triebe, welche das Kind zur Übung seiner Fähigkeiten nötigen
    (Groos); es stößt dabei auf Lustwirkungen, die sich aus der
    Wiederholung des Ähnlichen, aus dem Wiederfinden des Bekannten,
    dem Gleichklang usw. ergeben und als unvermutete Ersparungen
    an psychischem Aufwand erklären. Es ist nicht zu verwundern,
    daß diese Lusteffekte das Kind zur Pflege des Spieles antreiben
    und es veranlassen, dieselben ohne Rücksicht auf die Bedeutung
    der Worte und den Zusammenhang der Sätze fortzusetzen. Spiel
    mit Worten und Gedanken, motiviert durch gewisse Lusteffekte
    der Ersparung, wäre also die erste Vorstufe des Witzes.
    Diesem Spiel macht die Erstarkung eines Moments ein Ende,
    das als Kritik oder Vernünftigkeit bezeichnet zu werden verdient.
    Das Spiel wird nun als sinnlos oder direkt widersinnig verworfen;
    es wird infolge der Kritik unmöglich. Es ist nun auch ausge-
    schlossen, anders als zufallsweise aus jenen Quellen des Wieder-
    findens des Bekannten usw. Lust zu beziehen, es sei denn, daß den
    Heranwachsenden eine lustvolle Stimmung befalle, welche der
    Heiterkeit des Kindes ähnlich die kritische Hemmung aufhebt.
    In diesem Falle allein wird das alte Spiel der Lustgewinnung
    wieder ermöglicht, aber auf diesen Fall mag der Mensch nicht
    warten und auf die ihm vertraute Lust nicht verzichten. Er sucht
    also nach Mitteln, welche ihn von der lustvollen Stimmung un-
    abhängig machen; die weitere Entwicklung zum Witze wird von
    den beiden Bestrebungen, die Kritik zu vermeiden und die
    Stimmung zu ersetzen, regiert.
    Damit setzt die zweite Vorstufe des Witzes ein, der Scherz.
    Es gilt nun den Lustgewinn des Spieles durchzusetzen und dabei
    doch den Einspruch der Kritik, der das Lustgefühl nicht auf-
    kommen ließe, zum Schweigen zu bringen. Zu diesem Ziele
    führt nur ein einziger Weg. Die sinnlose Zusammenstellung
    von Worten oder die widersinnige Anreihung von Gedanken muß
    doch einen Sinn haben. Die ganze Kunst der Witzarbeit wird

  • S.

    Spiel und Scherz. 109

    aufgeboten, um solche Worte und solche Gedankenkonstellationen
    aufzufinden, bei denen diese Bedingung erfüllt ist. Alle tech-
    nischen Mittel des Witzes finden hier bereits, beim Scherz, Ver-
    wendung; auch trifft der Sprachgebrauch zwischen Scherz und
    Witz keine konsequente Unterscheidung. Was den Scherz vom
    Witz unterscheidet, ist, daß der Sinn des der Kritik entzogenen
    Satzes kein wertvoller, kein neuer oder auch nur guter zu sein
    braucht; es muß sich eben nur so sagen lassen, wenngleich es
    ungebräuchlich, überflüssig, nutzlos ist, es so zu sagen. Beim
    Scherz steht die Befriedigung, das von der Kritik Verbotene
    ermöglicht zu haben, im Vordergrunde.

    Ein bloßer Scherz ist es z. B., wenn Schleiermacher
    die Eifersucht definiert als die Leidenschaft, die mit Eifer sucht,
    was Leiden schafft. Ein Scherz ist es, wenn der Professor
    Kästner, der im 16. Jahrhundert in Göttingen Physik lehrte —
    und Witze machte, — einen Studenten namens Kriegk bei der
    Inskription nach seinem Alter fragte und auf die Antwort, er sei
    dreißig Jahre alt, meinte: Ei, so habe ich ja die Ehre, den 30-
    jährigen Krieg zu sehen.*) Mit einem Scherz antwortete Meister
    Rokitansky auf die Frage, welchen Berufen sich seine vier
    Söhne zugewendet hätten: „Zwei heilen und zwei heulen“ (zwei
    Ärzte und zwei Sänger). Die Auskunft war richtig und darum
    nicht weiter angreifbar; aber sie fügte nichts hinzu, was nicht
    in dem in Klammern stehenden Ausdruck enthalten gewesen wäre.
    Es ist unverkennbar, daß die Antwort die andere Form nur wegen
    der Lust angenommen hat, welche sich aus der Unifizierung und
    aus dem Gleichklang der beiden Worte ableitet.

    Ich meine, wir sehen nun endlich klar. Es hat uns in der
    Bewertung der Techniken des Witzes immer gestört, daß diese
    nicht dem Witz allein zu eigen sind, und doch schien das Wesen
    des Witzes an ihnen zu hängen, da mit ihrer Beseitigung durch
    die Reduktion Witzcharakter und Witzeslust verloren waren. Nun
    merken wir, was wir als die Techniken des Witzes beschrieben
    haben — und in gewissem Sinne fortfahren müssen so zu nennen
    — das sind vielmehr die Quellen, aus denen der Witz die Lust
    bezieht, und wir finden es nicht befremdend, daß andere Ver-
    fahren zum nämlichen Zweck aus den gleichen Quellen schöpfen.
    Die dem Witze eigentümliche und ihm allein zukommende Technik
    besteht aber in seinem Verfahren, die Anwendung dieser lust-
    bereitenden Mittel gegen den Einspruch der Kritik sicher zu

    *) Kleinpaul. Die Rätsel der Sprache, 1890.

  • S.

    110 IV. Die Psychogenese des Witzes,

    stellen, welcher die Lust aufheben würde. Wir kônnen von diesem
    Verfahren wenig Allgemeines aussagen; die Witzarbeit äußert sich,
    wie schon erwähnt, in der Auswahl eines solchen Wortmaterials
    und solcher Denksituationen, welche es gestatten, daß das
    alte Spiel mit Worten und Gedanken die Prüfung der Kritik
    bestehe, und zu diesem Zwecke müssen alle Eigentümlichkeiten
    des Wortschatzes und alle Konstellationen des Gedankenzusammen-
    hanges auf das Geschickteste ausgeniitzt werden. Vielleicht werden
    wir späterhin noch in die Lage kommen, die Witzarbeit durch
    eine bestimmte Eigenschaft zu charakterisieren; vorläufig bleibt
    es unerklårt, wie die dem Witze erspricBliche Auswahl getroffen
    werden kann. Die Tendenz und Leistung des Witzes, die lust-
    bereitenden Wort- und Gedankenverbindungen vor der Kritik zu
    schützen, stellt sich aber schon beim Scherz als sein wesentliches
    Merkmal heraus. Von Anfang an besteht seine Leistung darin,
    innere Hemmungen aufzuheben und durch sie unzugünglich ge-
    wordene Lustquellen ergiebig zu machen, und wir werden finden,
    daß er diesem Charakter durch seine ganze Entwicklung treu
    bleibt.

    Wir sind nun auch in der Lage, dem Moment des „Sinnes
    im Unsinn“ (vgl. Einleitung, S. 4), welchem von den Autoren
    eine so groBe Bedeutung zur Kennzeichnung des Witzes und zur
    Aufklårung der Lustwirkung beigemessen wird, seine richtige
    Stellung anzuweisen. Die zwei festen Punkte in der Bedingtheit
    des Witzes, seine Tendenz, das lustvolle Spiel durchzusetzen, und
    seine Bemiihung, es vor der Kritik der Vernunft zu schiitzen,
    erklåren ohne weiteres, warum der einzelne Witz, wenn er fiir
    die eine Ansicht unsinnig erscheint, fiir eine andere sinnvoll oder
    wenigstens zulässig erscheinen muß. Wie er dies macht, das
    bleibt die Sache der Witzarbeit; wo es ihm nicht gelungen ist,
    wird er eben als „Unsinn‘“ verworfen. Wir haben es aber auch
    nicht nötig, die Lustwirkung des Witzes aus dem Widerstreit der
    Gefühle abzuleiten, die aus dem Sinn und gleichzeitigen Unsinn
    des Witzes, sei es direkt, sei es auf dem Wege der » Verblüffung
    und Erleuchtung“, hervorgehen. Ebensowenig besteht für uns
    eine Nötigung, der Frage näher zu treten, wieso Lust aus
    der Abwechslung des fiir-sinnlos-Haltens und fiir-sinnreich-Er-
    kennens des Witzes hervorgehen könne. Die Psychogenese des
    Witzes hat uns belehrt, daB die Lust des Witzes aus dem Spiel
    mit Worten oder aus der Entfesselung des Unsinns stammt, und
    daß der Sinn des Witzes nur dazu bestimmt ist, diese Lust gegen
    die Aufhebung durch die Kritik zu schützen.

     

  • S.

    Scherz und Witz. III

    Somit wire das Problem des wesentlichen Charakters des
    Witzes bereits am Scherz erklirt. Wir dürfen uns der weiteren
    Entwicklung des Scherzes bis zu deren Höhe im tendenziösen
    Witz zuwenden. Der Scherz stellt noch die Tendenz voran, uns
    ‚Vergnügen zu bereiten, und begniigt sich damit, daß seine Aus-
    sage nicht unsinnig oder völlig gehaltlos erscheine. Wenn diese
    Aussage selbst eine g.ehalt- und wertvolle ist, wandelt sich der
    Scherz zum Witz. Ein Gedanke, der unseres Interesses würdig
    gewesen wäre auch in schlichtester Form ausgedrückt, ist nun
    in eine Form gekleidet, die an und für sich unser Wohlgefallen
    erregen muß.*) Gewiß ist eine solche Vergesellschaftung nicht
    ohne Absicht zu stande gekommen, müssen wir denken und
    werden uns bemühen, die der Bildung des Witzes zu Grunde
    liegende Absicht zu erraten. Eine bereits früher, wie beiläufig
    gemachte Beobachtung wird uns auf die Spur führen. Wir haben
    oben bemerkt, daß ein guter Witz uns sozusagen einen Gesamt-
    eindruck von Wohlgefallen macht, ohne daß wir im stande wären,
    ‚unmittelbar zu unterscheiden, welcher Anteil der Lust von der
    witzigen Form, welcher von dem trefflichen Gedankeninhalt her-
    rührt (S. 75). Wir täuschen uns beständig über diese Aufteilung,
    überschätzen das eine Mal die Güte des Witzes infolge unserer
    Bewunderung für den in ihm enthaltenen Gedanken, bald um-
    gekehrt den Wert des Gedankens wegen des Vergnügens, das uns
    die witzige Einkleidung bereitet. Wir wissen nicht, was uns Ver-
    gnügen macht, und worüber wir lachen. Diese als tatsächlich an-
    zunehmende Unsicherheit unseres Urteils mag das Motiv für die
    Bildung des Witzes im eigentlichen Sinne abgegeben haben. Der
    Gedanke sucht die Witzverkleidung, weil er durch sie sich unserer
    Aufmerksamkeit empfiehlt, uns bedeutsamer, wertvoller erscheinen
    kann, vor allem aber, weil dieses Kleid unsere Kritik besticht und
    verwirrt. Wir haben die Neigung, dem Gedanken zu gute zu
    schreiben, was uns an der witzigen Form gefallen hat, sind auch
    nicht mehr geneigt, etwas unrichtig zu finden, was uns Vergnügen

    *) Als Beispiel, welches den Unterschied von Scherz und eigent-
    lichem Witz erkennen läßt, diene das ausgezeichnete Witzwort, mit welchem
    ein Mitglied des „Bürgerministeriums“ in Österreich die Frage nach der
    Solidarität des Kabinetts beantwortete: „Wie sollen wir für einander ein-
    stehen können, wenn wir einander nicht ausstehen können? Technik:
    Verwendung des nämlichen Materials mit geringer (gegensätzlicher) Mo-
    difikation ; der korrekte und treffende Gedanke: Es gibt keine Solidarität
    ohne persönliches Einvernehmen. Die Gegensätzlichkeit der Modifikation
    (einstehen—ausstehen) entspricht der vom Gedanken behaupteten Un-
    vereinbarkeit und dient ihr als Darstellung.

  • S.

    112 IV. Die Psychogenese des Witzes.

    bereitet hat, um uns so die Quelle einer Lust zu verschiitten.
    Hat der Witz uns zum Lachen gebracht, so ist übrigens die fiir
    die Kritik ungiinstigste Disposition in uns hergestellt, denn dann
    ist uns von einem Punkte aus jene Stimmung aufgezwungen
    worden, der bereits das Spiel geniigt hat, und die zu ersetzen
    der Witz mit allen Mitteln bemiiht war. Wenngleich wir vorhin
    festgesetzt haben, daß solcher Witz als harmloser, noch nicht
    tendenziôser, zu bezeichnen sei, werden wir doch nicht verkennen
    dürfen, daß streng genommen nur der Scherz tendenzlos ist, d. h.
    allein der Absicht Lust zu erzeugen dient. Der Witz — mag der
    in ihm enthaltene Gedanke auch tendenzlos sein, also bloß theo-
    retischem Denkinteresse dienen 一 ist eigentlich nie tendenzlos;
    er verfolgt die zweite Absicht, den Gedanken durch Vergrößerung
    zu fördern und ihn gegen die Kritik zu sichern. Er äußert hier
    wiederum seine ursprüngliche Natur, indem er sich einer hemmen-
    den und einschränkenden Macht, nun dem kritischen Urteil,
    entgegenstellt.

    Diese erste über die Lusterzeugung hinausgehende Ver-
    wendung des Witzes weist den weiteren den Weg. Der Witz ist
    nun als ein psychischer Machtfaktor erkannt, dessen Gewicht den
    Ausschlag geben kann, wenn es in diese oder jene Wagschale
    fällt. Die großen Tendenzen und Triebe des Seelenlebens nehmen
    ihn für ihre Zwecke in Dienst. Der ursprünglich tendenzlose Witz,
    der als ein Spiel begann, kommt sekundär in Beziehung zu
    Tendenzen, denen sich nichts, was im Seelenleben gebildet wird,
    auf die Dauer entziehen kann. Wir wissen bereits, was er im
    Dienste der entblößenden, feindseligen, zynischen, skeptischen
    Tendenz zu leisten vermag. Beim obszönen Witz, welcher aus der
    Zote hervorgegangen ist, macht er aus dem ursprünglich die
    sexuelle Situation störenden Dritten einen Bundesgenossen, vor
    dem das Weib sich schämen muß, indem er ihn durch Mitteilung
    seines Lustgewinnes besticht. Bei der aggressiven Tendenz ver-
    wandelt er den anfänglich indifferenten Zuhörer durch das näm-
    liche Mittel in einen Mithasser oder Mitverächter und schafft dem
    Feind ein Heer von Gegnern, wo erst nur ein einziger war. Im
    ersten Falle überwindet er die Hemmungen der Scham und der
    Wohlanständigkeit durch die Lustprämie, die er bietet; im zweiten
    aber wirft er wiederum das kritische Urteil um, welches sonst
    den Streitfall geprüft hätte. Im dritten und vierten Falle, im
    Dienste der zynischen und skeptischen Tendenz erschüttert er den
    Respekt vor Institutionen und Wahrheiten, an die der Hörer ge-
    glaubt hat, einerseits indem er das Argument verstärkt, ander-

  • S.

    Die Entwicklung zum tendenziösen Witz, 113

    seits aber, indem er eine neue Art des Angriffs pflegt, Wo das
    Argument die Kritik des Hörers auf seine Seite zu ziehen sucht,
    ist der Witz bestrebt, diese Kritik zur Seite zu drängen. Es ist
    kein Zweifel daß der Witz den psychologisch wirksameren Weg
    gewählt hat,

    Bei dieser Übersicht über die Leistungen des tendenziösen
    Witzes hat sich uns in den Vordergrund gedrängt, was leichter
    zu sehen ist, die Wirkung des Witzes auf den, der ihn hört.
    Für das Verständnis bedeutsamer sind die Leistungen, die der
    Witz im Seelenleben desjenigen vollbringt, der ihn macht, oder,
    wie man einzig richtig sagen sollte, dem er einfällt. Wir haben
    schon einmal den Vorsatz gefaßt — und finden hier Anlaß ihn
    zu erneuern —, daß wir die psychischen Vorgänge des Witzes
    mit Rücksicht auf ihre Verteilung auf zwei Personen studieren
    wollen, Vorläufig wollen wir der Vermutung Ausdruck geben,
    daß der durch den Witz angeregte psychische Vorgang beim
    Hörer den beim Schöpfer des Witzes in den meisten Fällen nach-
    bildet. Dem äußerlichen Hindernis, welches beim Hörer über-
    wunden werden soll, entspricht eine innere Hemmung beim
    Witzigen. Zum mindesten ist beim Letzterem die Erwartung des
    äußerlichen Hindernisses als hemmende Vorstellung vorhanden.
    In einzelnen Fällen ist das innerliche Hindernis, das durch den
    tendenziösen Witz überwunden wird, evident; von den Witzen des
    Herrn N. (S. 85) dürfen wir z. B. annehmen, daß sie nicht nur
    den Hörern den Genuß der Aggression durch Injurien, sondern
    vor allem ihm die Produktion derselben ermöglichen. Unter den
    Arten der innerlichen Hemmung oder Unterdrückung wird eine
    unseres besonderen Interesses würdig sein, weil sie die weit-
    gehendste ist; sie wird mit dem Namen der „Verdrängung“ be-
    zeichnet und an ihrer Leistung erkannt, daß sie die ihr ver-
    fallenen Regungen sowie deren Abkömmlinge vom Bewußt-
    werden ausschließt, Wir werden hören, daß der tendenziöse Witz
    selbst aus solchen der Verdrängung unterliegenden Quellen Lust
    zu entbinden vermag. LåBt sich in solcher Art, wie oben an-
    gedeutet wurde, die Überwindung äußerer Hindernisse auf die
    innerer Hemmungen und Verdrängungen zurückführen, so darf
    man sagen, daß der tendenziöse Witz den Hauptcharakter der
    Witzarbeit, Lust frei zu machen durch Beseitigung von Hemmungen
    am deutlichsten von allen Entwicklungsstufen des Witzes erweist.
    Er verstärkt die Tendenzen, in deren Dienst er sich stellt, indem
    er ihnen Hilfen aus unterdrückt gehaltenen Regungen zuführt,
    oder er stellt sich überhaupt in den Dienst unterdrückter Tendenzen.

    Freud, Der Witz, 8

  • S.

    114                    IV. Die Psychogenese des Witzes.

          Man kann gern zugeben, daß dies die Leistungen des ten-
    denziösen Witzes sind, und wird sich doch besinnen müssen, daß
    man nicht versteht, auf welche Weise ihm diese Leistungen ge-
    lingen können. Seine Macht besteht in dem Lustgewinn, den er
    aus den Quellen des Spieles mit Worten und des befreiten Un-
    sinnes zieht, und wenn man nach den Eindrücken urteilen soll,
    die man von den tendenzlosen Scherzen empfangen hat, kann
    man den Betrag dieser Lust unmöglich für so groß halten, daß
    man ihr die Kraft zur Aufhebung eingewurzelter Hemmungen und
    Verdrängungen zutrauen könnte. Es liegt hier in der Tat keine
    einfache Kraftwirkung, sondern ein verwickelteres Auslösungs-
    verhältnis vor. Anstatt den weiten Umweg darzulegen, auf dem
    ich zur Einsicht in dieses Verhältnis gelangt bin, werde ich es
    auf kurzem synthetischem Wege darzustellen versuchen.

          G. Th. Fechner hat in seiner Vorschule der Ästhetik
    (I. Bd., V) das „Prinzip der ästhetischen Hilfe oder Steigerung“
    aufgestellt, das er in folgenden Worten ausführt: „Aus dem
    widerspruchslosen Zusammentreffen von Lust-
    bedingungen, die für sich wenig leisten, geht ein
    größeres, oft viel größeres Lustresultat hervor,
    als dem Lustwerte der einzelnen Bedingungen für
    sich entspricht, ein größeres, als daß es als Summe
    der Einzelwirkungen erklärt werden könnte; ja es
    kann selbst durch ein Zusammentreffen dieser Art
    ein positives Lustergebnis erzielt, die Schwelle
    der Lust überstiegen werden, wo die einzelnen
    Faktoren zu schwach dazu sind; nur daß sie ver-
    gleichungsweise mit anderen einen Vorteil der
    Wohlgefälligkeit spürbar werden lassen müssen.“*)
    Ich meine, das Thema des Witzes gibt uns nicht viel Gelegenheit,
    die Richtigkeit dieses Prinzips, das sich an vielen anderen künst-
    lerischen Bildungen erweisen läßt, zu bestätigen. Am Witz haben
    wir etwas anderes gelernt, was wenigstens in die Nähe dieses
    Prinzips gehört, daß wir beim Zusammenwirken mehrerer lust-
    erzeugender Faktoren nicht im stande sind, jedem derselben den
    ihm am Ergebnis wirklich zukommenden Anteil zuzuweisen (siehe
    S. 75). Mann kann aber die in dem Prinzip der Hilfe angenommene
    Situation variieren und für diese neuen Bedingungen eine Reihe
    von Fragestellungen erzielen, die der Beantwortung würdig wären.


          *) S. 51. Der zweiten Auflage, Leipzig 1897. — Die Hervorhebung ist
    die Fechner’s.

  • S.

    115

    Das Prinzip der „Vorlust.“

    Was geschieht allgemein, wenn in einer Konstellation Lust-
    bedingungen mit Unlustbedingungen zusammentreffen? Wovon
    hängt dann das Ergebnis und das Vorzeichen desselben ab? Der
    Fall des tendenziösen Witzes ist ein spezieller unter diesen Mög-
    lichkeiten. Es ist eine Regung oder Streburg vorhanden, welche
    Lust aus einer bestimmten Quelle entbinden wollte und bei un-
    gehindertem Gewähren auch entbinden würde, außerdem besteht
    eine andere Strebung, welche dieser Lustentwicklung entgegen-
    wirkt, sie also hemmt oder unterdrückt. Die unterdrückende
    Strömung muß, wie der Erfolg zeigt, um ein Gewisses stärker
    sein als die unterdrückte, die darum doch nicht aufgehoben ist.

    Nun trete eine zweite Strebung hinzu, die aus dem nämlichen
    Vorgang Lust entbinden würde, wenn auch von anderen Quellen
    her, die also der unterdrückten gleichsinnig wirkt. Welches kann
    in solchem Falle der Erfolg sein? Ein Beispiel wird uns besser
    orientieren, als diese Schematisierung es könnte. Es bestehe die
    Strebung, eine gewisse Person zu beschimpfen; dieser stehe aber
    das Anstandsgefühl, die ästhetische Kultur, so sehr im Wege, daß das
    Schimpfen unterbleiben muß; könnte es z. B. infolge einer ver-
    änderten Affektlage oder Stimmung durchbrechen, so würde dieser
    Durchbruch der schimpfenden Tendenz nachträglich mit Unlust
    empfunden werden. Das Schimpfen unterbleibt also. Es biete
    sich aber die Möglichkeit, aus dem Material der zur Beschimpfung
    dienenden Worte und Gedanken einen guten Witz zu ziehen, also
    Lust aus anderen Quellen zu entbinden, denen die nämliche Unter-
    drückung nicht im Wege steht. Doch müßte diese zweite Lust-
    entwicklung unterbleiben, wenn nicht das Schimpfen zugelassen
    würde; sowie letzteres aber zugelassen wird, ist mit ihm noch die
    neue Lustentbindung verbunden. Die Erfahrung am tendenziösen
    Witze zeigt, daß unter solchen Umständen die unterdrückte Ten-
    denz durch die Hilfe der Witzeslust die Stärke bekommen kann,
    die sonst stärkere Hemmung zu überwinden. Es wird geschimpft,
    weil damit der Witz ermöglicht ist. Aber das erzielte Wohlgefallen
    ist nicht nur das vom Witz erzeugte; es ist unvergleichlich größer,
    um so viel größer als die Witzeslust, daß wir annehmen müssen,
    es sei der vorhin unterdrückten Tendenz gelungen, sich etwa
    ganz ohne Abzug durchzusetzen. Unter diesen Verhältnissen wird
    beim tendenziösen Witz am ausgiebigsten gelacht.

    Vielleicht werden wir durch die Untersuchung der Bedingungen
    des Lachens dazu kommen, uns eine anschaulichere Vorstellung
    von dem Vorgang der Hilfe des Witzes gegen die Unterdrückung
    zu bilden. Wir sehen aber auch jetzt, daß der Fall des tendenziösen

    8*

  • S.

    116                    IV. Die Psychogenese des Witzes.

    Witzes ein Spezialfall des Prinzips der Hilfe ist. Eine Möglich-
    keit der Lustentwicklung tritt zu einer Situation hinzu, in welcher
    eine andere Lustmöglichkeit verhindert ist, so daß diese für sich
    allein keine Lust ergeben würde; das Ergebnis ist eine Lust-
    entwicklung, die weit größer ist als die der hinzugetretenen
    Möglichkeit. Letztere hat gleichsam als Verlockungsprämie
    gewirkt; mit Hilfe eines dargebotenen kleinen Betrages von Lust
    ist ein sehr großer, sonst schwer zu erreichender gewonnen worden.
    Ich habe guten Grund zu vermuten, daß dieses Prinzip einer Ein-
    richtung entspricht, die sich auf vielen, fern von einander ge-
    legenen Gebieten des Seelenlebens bewährt, und halte es für
    zweckmäßig, die zur Auslösung der großen Lustentbindung
    dienende Lust als Vorlust und das Prinzip als Vorlust-
    prinzip zu bezeichnen.

          Wir können nun die Formel für die Wirkungsweise des
    tendenziösen Witzes aussprechen: Er stellt sich in den Dienst von
    Tendenzen, um vermittels der Witzeslust als Vorlust durch die
    Aufhebung von Unterdrückungen und Verdrängungen neue Lust
    zu erzeugen. Wenn wir nun seine Entwicklung überschauen,
    dürfen wir sagen, daß der Witz seinem Wesen von Anfang an
    bis zu seiner Vollendung treu geblieben ist. Er beginnt als ein
    Spiel, um Lust aus der freien Verwendung von Worten und Ge-
    danken zu ziehen. Sowie das Erstarken der Vernunft ihm dieses
    Spiel mit Worten als sinnlos und mit Gedanken als unsinnig ver-
    wehrt, wandelt er sich zum Scherz, um diese Lustquellen fest-
    halten und aus der Befreiung des Unsinns neue Lust gewinnen
    zu können. Als eigentlicher, noch tendenzloser, Witz leiht
    er dann Gedanken seine Hilfe und stärkt sie gegen die Anfechtung
    des kritischen Urteils, wobei ihm das Prinzip der Verwechslung
    der Lustquellen dienlich ist, und endlich tritt er großen, mit der
    Unterdrückung kämpfenden Tendenzen bei, um nach dem Prinzip
    der Vorlust innere Hemmungen aufzuheben. Die Vernunft — das
    kritische Urteil — die Unterdrückung, dies sind die Mächte, die
    er der Reihe nach bekämpft; die ursprünglichen Wortlustquellen
    hält er fest und eröffnet sich von der Stufe des Scherzes an neue
    Lustquellen durch die Aufhebung von Hemmungen. Die Lust,
    die er erzeugt, sei sie nun Spiellust oder Aufhebungslust, können
    wir alle Male von Ersparung an psychischem Aufwand ableiten,
    falls solche Auffassung nicht dem Wesen der Lust widerspricht
    und sich noch anderweitig fruchtbar erweist.*)


          *) Eine kurze nachträgliche Berücksichtigung verdienen noch die
    Unsinnswitze, die in der Darstellung nicht zu ihrem vollen Recht gelangt

  • S.

    Spielslust und Aufhebungsbust.

    117

    sind. Bei der Bedeutung, die unsere Auffassung dem Moment „Sinn im
    Unsinn“ zugesteht, könnte man versucht sein zu fordern, daß jeder Witz
    ein Unsinnswitz sein müsse. Dies ist aber nicht notwendig, weil nur das
    Spiel mit Gedanken unvermeidlich zum Unsinn führt, die andere Quelle
    der Witzeslust, das Spiel mit Worten, diesen Eindruck nur gelegentlich
    macht und die mit ihm verbundene Kritik nicht regelmäßig aufruft. Die
    zweifache Wurzel der Witzeslust — aus dem Spiel mit Worten und aus
    dem Spiel mit Gedanken, die der wichtigsten Einteilung in Wort- und
    Gedankenwitzen entspricht —, tritt einer knappen Formulierung all-
    gemeiner Sätze über den Witz als fühlbare Erschwerung entgegen. Das
    Spielen mit Worten ergibt offenkundige Lust infolge der oben aufgezählten
    Momente des Erkennens usw. und ist der Unterdrückung infolgedessen
    nur in geringem Maße unterlegen. Das Spiel mit Gedanken kann durch
    solche Lust nicht motiviert werden; es ist einer sehr energischen Unter-
    drückung verfallen, und die Lust, die es liefern kann, ist nur die Lust
    der aufgehobenen Hemmung; die Witzeslust kann man demnach sagen,
    zeige einen Kern von ursprünglicher Spiellust und eine Hülle von Auf-
    hebungsbust. — Wir nehmen es natürlich nicht wahr, daß die Lust beim
    Unsinnswitz daher rührt, daß es uns gelungen ist, einen Unsinn der Unter-
    drückung zum Trotz frei zu machen, während wir ohne weiteres merken,
    daß das Spielen mit Worten uns Lust bereitet hat. — Der Unsinn, der
    im Gedankenwitz stehen geblieben ist, erwirbt sekundär die Funktion,
    unsere Aufmerksamkeit durch Verblüffung zu spannen, er dient als Ver-
    stärkungsmittel für die Wirkung des Witzes, aber nur dann, wenn er
    aufdringlich ist, so daß die Verblüffung dem Verständnis um ein deut-
    liches Zeitteilchen voraneilen kann. Daß der Unsinn im Witze überdies
    zur Darstellung eines im Gedanken enthaltenen Urteils verwendet werden
    kann, ist an den Beispielen S. 44 gezeigt worden. Auch dies ist aber
    nicht die primäre Bedeutung des Unsinns im Witze.