• S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 585

    II. UBERSICHT DES MILIEUS UND DER
    KRANKENGESCHICHTE.

    Ich kann die Geschichte meines Patienten weder rein
    historisch noch rein pragmatisch schreiben, kann weder eine
    Behandlungs- noch eine Krankengeschichte geben, sondern
    werde mich genötigt sehen, die beiden Darstellungsweisen
    miteinander zu kombinieren. Es hat sich bekanntlich kein
    Weg gefunden, um die aus der Analyse resulticrende Uber-
    zeugung in der Wiedergabe derselben irgendwie unterzubringen.
    Erschöpfende protokollarische Aufnahmen der Vorgänge in
    den Analysenstunden würden sicherlich nichts dazu leisten;
    ihre Anfertigung ist auch durch die Technik der Behandlung
    ausgeschlossen. Man publiziert also solche Analysen nicht, um
    Überzeugung bei denen hervorzurufen, die sich bisher abwei-
    send und ungláubig verhalten haben. Man erwartet nur solchen
    Forschern etwas Neues zu bringen, die sich durch eigene Er-
    fahrungen an Kranken bereits Überzeugungen erworben haben.

    Ich werde damit beginnen, die Welt des Kindes zu schil-
    dern und von seiner Kindheitsgeschichte mitzuteilen, was ohne
    Anstrengung zu erfahren war, und mehrere Jahre hindurch
    nicht vollstándiger und nicht durchsichtiger wurde.

    Jung verheiratete Eltern, die noch eine glückliche Ehe
    führen, auf welche bald ihre Erkrankungen die ersten Schat-
    ten werfen, die Unterleibskrankheiten der Mutter und die
    ersten Verstimmungsanfále des Vaters, die seine Abwesen-
    heit vom Hause zur Folge hatten. Die Krankheit des Vaters
    lernt der Patient natürlich erst sehr viel später verstehen,
    die Krånklichkeit der Mutter wird ihm schon in frühen Kinder-
    jahren bekannt, Sie gab sich darum verhältnismäßig wenig
    mit den Kindern ab. Eines Tages, vielleicht in seinem sech-
    sten Jahr, hort er, von der Mutter an der Hand geführt, die

  • S.

    586 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. IV.

    Klagen der Mutter an den Arzt mit an, den sie vom Hause weg
    begleitet, und prågt sich ihre Worte ein, um sie spåter fir
    sich selbst zu verwenden. Er ist nicht das einzige Kind; vor ihm
    steht eine um zwei Jahre ältere Schwester, lebhaft, begabt, und
    voreilig schlimm, der eine große Rolle in seinem Leben zufållt.

    Eine Kinderfrau betreut ihn, soweit er sich zurückerinnert,
    ein ungebildetes altes Weib aus dem Volke, von unermiidlicher
    Zärtlichkeit für ihn. Er ist ihr der Ersatz für einen eigenen
    früh verstorbenen Sohn. Die Familie lebt auf einem Land-
    gut, welches im Sommer mit einem anderen vertauscht wird.
    Die große Stadt ist von beiden Gütern nicht weit. Es ist
    ein Abschnitt in seiner Kindheit, wie die Eltern die Giiter
    verkaufen und in die Stadt ziehen. Nahe Verwandte halten
    sich oft fiir lange Zeiten auf diesem oder jenem Gut auf,
    Briider des Vaters, Schwestern der Mutter und deren Kinder,
    die Großeltern von Mutterseite. Im Sommer pflegen die El-
    tern auf einige Wochen zu verreisen. Eine Deckerinnerung
    zeigt ihm, wie er mit seiner Kinderfrau dem Wagen nach-
    schaut, der Vater, Mutter und Schwester entführt, und darauf
    friedlich ins Haus zurückgeht. Er muß damals sehr klein ge-
    wesen sein,*) Im nächsten Sommer wurde die Schwester zu
    Hause gelassen und eine englische Gouvernante aufgenommen,
    der die Oberaufsicht über dic Kinder zufiel.

    In späteren Jahren war ihm viel von seiner Kindheit er-
    zählt worden.**) Vieles wußte er selbst, aber natürlich ohne

    +) ② り 。 Jahre, Fast alle Zeiten ließen sich später mit Sicherheit
    bestimmen.

    , **) Mitteilungen solcher Art darf man in der Regel als Material
    von uneingeschränkter Glaubwürdigkeit verwerten. Es läge nahe, die Lücken
    in der Erinnerung des Patienten durch Erkundigungen bei den älteren
    Familienmitgliedern mühelos auszufüllen, allein ich kann nicht entschieden
    genug von solcher Technik abraten. Was die Angehörigen über Befragen

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 587

    zeitlichen oder inhaltlichen Zusammenhang, Eine dieser で ber-
    lieferungen, die aus Anlaß seiner späteren Erkrankung un-
    gezåhltemale vor ihm wiederholt worden war, macht uns mit
    dem Problem bekannt, dessen Lösung uns beschäftigen wird,
    Er soll zuerst ein sehr sanftes, gefügiges und eher ruhiges
    Kind gewesen sein, so daß man zu sagen pflegte, er hätte das
    Mädchen werden sollen und die ältere Schwester der Bub.
    Aber einmal, als die Eltern von der Sommerreise zurückkamen,
    fanden sie ihn verwandelt. Er war unzufrieden, reizbar, heftig
    geworden, fand sich durch jeden Anlaß gekränkt, tobte dann
    und schrie wie ein Wilder, so daß die Eltern, als der Zustand
    andauerte, die Besorgnis äußerten, es werde nicht möglich
    sein, ihn später einmal in die Schule zu schicken, Es war
    der Sommer, in dem die englische Gouvernante anwesend war,
    die sich als eine närrische, unverträgliche, übrigens dem Trunk
    ergebene Person erwies. Die Mutter war darum geneigt, die
    Charakterveränderung des Knaben mit der Einwirkung dieser
    Engländerin zusammenzubringen, und nahm an, sie habe ihn
    durch ihre Behandlung gereizt. Die scharfsichtige Großmutter,
    die den Sommer mit den Kindern geteilt hatte, vertrat die An-
    sicht, daß die Reizbarkeit des Knaben durch die Zwistigkeiten
    zwischen der Engländerin und der Kinderfrau hervorgerufen
    sei, Die Englånderin hatte die Kinderfrau wiederholt eine Hexe
    geheifien, sie gezwungen, das Zimmer zu verlassen; der Kleine
    hatte offen die Partei seiner geliebten „Nanja“ genommen und
    der Gouvernante seinen Haß bezeigt. Wie dem sein mochte,
    und Aufforderung erzåhlen, unterliegt allen kritischen Bedenken, die in
    Betracht kommen können. Man bedauert es regelmäßig, sich von diesen
    Auskiinften abhångig gemacht zu haben, hat dabei das Vertrauen in die
    Analyse gestört und eine andere Instanz über sie gesetzt. Was überhaupt

    erinnert werden kann, kommt im weiteren Verlauf der Analyse gum
    Vorschein,

  • S.

    588 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    die Englånderin wurde bald nach der Riickkehr der Eltern
    weggeschickt, ohne daB sich am unleidlichen Wesen des Kin-
    des etwas änderte.

    Die Erinnerung an diese schlimme Zeit ist bei dem Pa-
    tienten erhalten geblieben. Er meint, die erste seiner Szenen
    habe er gemacht, als er einmal zu Weihnachten nicht doppelt
    beschenkt wurde, wie ihm gebührt'hätte, weil der Weihnachts-
    tag gleichzeitig sein Geburtstag war. Mit seinen Anspriichen
    und Empfindlichkeiten verschonte er auch die geliebte Nanja
    nicht, ja quålte vielleicht sie am unerbittlichsten. Aber diese
    Phase der Charakterverånderung ist in seiner Erinnerung un-
    låsbar verkniipft mit vielen anderen sonderbaren und krank-
    haften Erscheinungen, die er zeitlich nicht anzuordnen wei.
    Er wirft all das, was jetzt berichtet werden soll was unmóg-
    lich gleichzeitig gewesen sein kann und voll inhaltlichen
    Widerspruchs ist, in einen und denselben Zeitraum, den er
    „noch auf dem ersten Gut“ benennt, Mit fünf Jahren, glaubt
    er, hätten sie dieses Gut verlassen, Er wei also zu erzählen,
    daß er an einer Angst gelitten, welche sich seine Schwester
    zu nutze machte, um ihn zu quàlen. Es gab ein gewisses
    Bilderbuch, in dem ein Wolf dargestellt war, aufrecht stehend
    und ausschreitend. Wenn er dieses Bild zu Gesicht bekam,
    fing er an wie rasend zu schreien, er fürchtete sich, der Wolf
    werde kommen und ihn auffressen. Die Schwester wußte es
    aber immer so einzurichten, daß er dieses Bild sehen mußte,
    und ergötzte sich an seinem Schrecken. Er fürchtete sich indes
    auch vor anderen Tieren, großen und kleinen. Einmal jagte
    er einem schönen großen Schmetterling mit gelb gestreiften
    Flügeln, die in Zipfel ausliefen, nach, um ihn zu fangen. (Es
    war wohl ein „Admiral“). Plötzlich faßte ihn entsetzliche Angst
    vor dem Tier, er gab die Verfolgung schreiend auf. Auch vor

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 589

    Kåfern und Raupen hatte er Angst und Abscheu. Doch wußte
    er sich zu erinnern, daß er um dieselbe Zeit Käfer gequält
    und Raupen zerschnitten; auch Pferde waren ihm unheim-
    lich. Wenn ein Pferd geschlagen wurde, schrie er auf und
    mufte deswegen einmal den Zirkus verlassen. Anderemale
    liebte er es selbst, Pferde zu schlagen. Ob diese entgegen-
    gesetzten Arten des Verhaltens gegen Tiere wirklich gleich-
    zeitig in Kraft gewesen, oder ob sie einander nicht vielmehr
    abgelóst hatten, dann aber, in welcher Folge und wann, das
    lieB seine Erinnerung nicht entscheiden. Er konnte auch nicht
    sagen, ob seine schlimme Zeit durch eine Phase von Krank-
    heit ersetzt worden war oder sich durch diese hindurch fort-
    gesetzt hatte. Jedenfalls war man durch seine nun folgen-
    den Mitteilungen zur Annahme berechtigt, daß er in jenen
    Kinderjahren eine sehr gut kenntliche Erkrankung an Zwangs-
    neurose durchgemacht hatte. Er erzáhlte, er sei eine lange
    Zeit hindurch sehr fromm gewesen. Vor dem Einschlafen
    mußte er lange beten und eine unendliche Reihe von Kreuzen
    schlagen. Er pflegte auch abends mit einem Sessel, auf den
    er stieg, die Runde vor allen Heiligenbildern zu machen, die
    im Zimmer hingen, und jedes einzelne andáchtig zu küssen. Zu
    diesem frommen Zeremoniell stimmte es dann sehr schlecht —
    oder vielleicht doch ganz gut —, daf er sich an gotteslaster-
    liche Gedanken erinnerte, die ihm wie eine Eingebung dés
    Teufels in den Sinn kamen. Er mußte denken: Gott — Schwein
    oder Gott — Kot. Irgend einmal auf einer Reise in einen deut-
    schen Badeort war er von dem Zwang gequält, an die heilige
    Dreieinigkeit zu denken, wenn er drei Håufchen Pferdemist
    oder anderen Kot auf der Straße liegen sah. Damals befolgte
    er auch ein cigentümliches Zeremoniel, wenn er Leute sah,
    die ihm leid taten, Bettler, Krüppel, Greise. Er mufte go-

  • S.

    590 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE, IV.

    räuschvoll ausatmen, um nicht so zu werden wie sie, unter
    gewissen anderen Bedingungen auch den Atem kriftig ein-
    ziehen. Es lag mir natürlich nahe anzunehmen, daß diese deut-
    lich zwangsneurotischen Symptome einer etwas späteren Zeit
    und Entwicklungsstufe angehörten als die Zeichen von Angst
    und die grausamen Handlungen gegen Tiere.

    Die reiferen Jahre des Patienten waren durch ein sehr
    ungünstiges Verhältnis zu seinem Vater bestimmt, der da-
    mals nach wiederholten Anfällen von Depression die krank-
    haften Seiten seines Charakters nicht verbergen konnte. In
    den ersten Kinderjahren war dies Verhältnis ein sehr zärt-
    liches gewesen, wie die Erinnerung des Sohnes bewahrt hatte.
    Der Vater hatte ihn sehr lieb und spielte gerne mit ihm, Er
    war von klein auf stolz auf den Vater und äußerte nur, er
    wolle so ein Herr werden wie der. Die Nanja hatte ihm
    gesagt, die Schwester sei das Kind der Mutter, er aber das
    des Vaters, womit er sehr zufrieden war. Zu Ausgang der
    Kindheit war eine Entfremdung zwischen ihm und dem Vater
    eingetreten. Der Vater zog die Schwester unzweifelhaft vor,
    und er war sehr gekränkt darüber. Später wurde die Angst
    vor dem Vater dominierend,

    Gegen das achte Jahre etwa verschwanden alle die Er-
    scheinungen, die der Patient der mit der Schlimmheit be-
    ginnenden Lebensphase zurechnet. Sie verschwanden nicht
    mit einem Schlage, sondern kehrten einigemale wieder, wi-
    chen aber endlich, wie der Kranke meint, dem Einfluß der
    Lehrer und Erzieher, die dann an die Stelle der weiblichen
    Pflegepersonen traten. Dies also sind im knappsten Umriß
    die Rätsel, deren Lösung der Analyse aufgegeben wurde:
    Woher rührte die plötzliche Charakterveränderung des Kna-
    ben, was bedeutete seine Phobie und seine Perversitäten, wie

  • S.

    XXXII. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 1

    kam er zu seiner zwanghaften Frömmigkeit und wie hängen
    alle diese Phänomene zusammen? Ich erinnere nochmals daran,
    daß unsere therapeutische Arbeit einer späteren rezenten
    neurotischen Erkrankung galt, und daß Aufschliisse über jene
    früheren Probleme sich nur ergeben konnten, wenn der Ver-
    lauf der Analyse für eine Zeit von der Gegenwart abführte,
    um uns zu dem Umweg durch die kindliche Urzeit zu nötigen.

    III. DIE VERFUHRUNG UND IHRE NÄCHSTEN FOLGEN.

    Die nächste Vermutung richtete sich begreiflicherweise
    gegen die englische Gouvernante, während deren Anwesenheit
    die Veränderung des Knaben aufgetreten war. Es waren zwei
    an sich unverständliche Deckerinnerungen erhalten, die sich
    auf sie bezogen. Sie hatte einmal, als si» vorausging, zu den
    Nachkommenden gesagt: Schauen Sie doch auf mein Schwünz-
    chen! Ein andermal war ihr auf einer Fahrt der Hut weg-
    geflogen zur groBen Befriedigung der Geschwister. Das deutete
    auf den Kastrationskomplex hin und gestattete etwa die Kon-
    struktion, eine von ihr an den Knaben gerichtete Drohung
    hatte zur Entstehung seines abnormen Benehmens viel bei-
    getragen. Es ist ganz ungefährlich, solche Konstruktionen
    der Analysierten mitzuteilen, sie schaden der Analyse nie-
    mals, wenn sie irrig sind, und man spricht sie doch nicht
    aus, wenn man nicht Aussicht hat, irgend eine Annäherung
    an die Wirklichkeit durch sie zu erreichen. Als nächste Wir-
    kung dieser Aufstellung traten Tráume auf, deren Deutung
    nicht vollkommen gelang, die aber immer um denselben In-
    halt zu spielen schienen. Es handelte sich in ihnen, soweit
    man sie verstehen konnte, um aggressive Handlungen des
    Knaben gegen die Schwester oder gegen die Gouvernante und
    um energische Zurechtweisungen und Züchtigungen dafür, Als