S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 67
erscheinende andere zu vertreten? Oder sollte ich im Inter-
vall zwischen der ersten Niederschrift der Krankengeschichte
und diesem Zusatz jene neuen Erfahrungen gemacht haben,
die mich zur Abänderung meiner anfänglichen Auffassung
genótigt haben, und wollte dies aus irgend welchen Motiven
nicht eingestehen? Ich gestehe dafür etwas anderes ein: daß ich
die Absicht habe, die Diskussion über den Realwert der Urszene
diesmal mit einem non liquet zu beschließen, Diese Kranken-
geschichte ist noch nicht zu Ende; in ihrem weiteren Ver-
lauf wird ein Moment auftauchen, welches die Sicherheit stórt,
deren wir uns jetzt zu erfreuen glauben. Dann wird wohl nichts
anderes übrig bleiben als der Verweis auf die Stellen in meinen
„Vorlesungen“, in denen ich das Problem der Urphantasien
oder Urszenen behandelt habe.] :VI. DIE ZWANGSNEUROSE. ⑧
Zum drittenmal erfuhr er nun eine Beeinflussung, die
seine Entwicklung in entscheidender Weise abånderte. Als
er 41/, Jahre alt war und sein Zustand von Reizbarkeit und
Angstlichkeit sich noch immer nicht gebessert hatte, entschloB
sich die Mutter, ihn mit der biblischen Geschichte bekannt
zu machen, in der Hoffnung, ihn so abzulenken und zu er-
heben. Es gelang ihr auch; die Einführung der Religion machte
der bisherigen Phase ein Ende, brachte aber eine Ablösung
der Angstsymptome durch Zwangssymptome mit sich, Er hatte
bisher nicht leicht einschlafen können, weil er fürchtete, åhn-
lich schlechte Dinge zu tråumen wie in jener Nacht vor Weih-
nachten; er mußte jetzt vor dem Zubettgehen alle Heiligen-
bilder im Zimmer kiissen, Gebete hersagen und ungezåhlte
Kreuze iiber seine Person und sein Lager schlagen.57
S.
SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
Seine Kindheit gliedert sich uns nun übersichtlich in
folgende Epochen: erstens die Vorzeit bis zur Verführung
(81/, J.), in welche die Urszene fällt, zweitens, die Zeit der
Charakttrveränderung bis zum Angsttraum (4 J.), drittens, die
der: Tierphobie bis zur Einführung in die Religion (41/, J.),
und von da an die der Zwangsneurose bis nach dem zehnten
Jahr, Fine momentane und glatte Ersetzung einer Phase durch
die nåchstfolgende liegt weder in der Natur der Verhältnisse,
noch in der unseres Patienten, für den im Gegenteil die Ere
haltung alles Vergangenen und die Koexistenz der verschieden-
artigsten Strómungen charakteristisch waren. Die Schlimmheit
schwand nicht, als die Angst auftrat, und setzte sich lang-
sam abnehmend in dic Zeit der Frömmigkeit fort. Von der
Wolfsphobie ist aber in dieser letzten Phase nicht mehr die
Rede. Die Zwangsneurose verlief diskontinuierlich; der erste
Anfall war der làngste und intensivste, andere traten zu achtind zu zehn Jahren auf, jedesmal nach Veranlassungen, die in
ersichilicher Beziehung zum Inhalt der Neurose standen.
Die Mutter erzählte ihm die heilige Geschichte selbst und
lieb ihm außerdem durch die Nanja aus einem Buch, das mit
Illustrationen geschmückt war, darüber vorlesen. Das Haupt-
gewicht bei der Mitteilung fiel natürlich auf die Passions-
geschichte. Die Nanja, die sehr fromm und abergliubisch war,
gab ihr. Erläuterungen dazu, mußte aber auch alle Einwen-
dungen und Zweifel des kleinen Kritikers anhören. Wenn dieKémpfe, die ihn nun zu erschittern begannen, schließlich
in einen Sieg des Glaubens auslicfen, so war der Einfluß
der Ninja nicht unbeteiligt daran.Was er mir als Erinnerung von scinen Reaktionen auf die
Binfilhrung in die Religion mitteilte, traf zunächst aufmeine: entschiedenen Unglauben. Das konnten, meinte ich,
S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 69
nicht die: Gedanken eines 41/,—5jåhrigen Kindes sein; wahr-
scheinlich schob er in diese frithe Vergangenheit zuriick, was
aus dem Nachdenken des bald 30jåhrigen Erwachsenen ent-
sprang. +) Allein der Patient wollte von dieser Korrektur nichts
wissen; es gelang nicht, ihn wie bei so vielen anderen Urteils-
verschiedenheiten zwischen uns zu überführen; der Zu-
sammenhang seiner erinnerten Gedanken mit seinen berich-
teten Symptomen sowie deren Einfügung in seine sexuelle
Entwicklung nótigten mich schlieflich, vielmehr ihm Glau-
ben zu schenken. Ich sagte mir dann auch, daß gerade die
Kritik gegen die Lehren der Religion, die ich dem Kinde
nicht zutrauen wollte, nur von einer verschwindenden Minder-
zahl der Erwachsenen zu stande gebracht wird.Ich werde nun das Material seiner Erinnerungen vor-
bringen und erst dann nach ciném Weg suchen, der zum
Verstándnis desselben führt.Der Eindruck, den er von der Erzählung der heiligen
a empfing, war, wie er berichtet, anfangs kcin an-
genehmer. Er stråubte sich zuerst gegen den Leidenscharak-
ter der Person Christi, dann gegen den ganzen Zusammen-
hang seiner Geschichte. Br richtete seine unzufriedene Kritik
gegen Gottvater. Wenn er allmåchtig sei, so sei es seine
Schuld, daß die Menschen schlecht seien und andere quälen,
wofür sie dann in die Holle kommen. Er hätte sie gut ma-
chen sollen; er sei selbst verantwortlich fiir alles Schlechte
RON machte auch wiederholt den Versuch, die Geschichte des
Kranken wenigstens um ein Jahr vorzuschieben, also die Verführung auf
41/, Jahre, den Traum auf den fünften Geburtstag usw. zu verlegen. An
den Intervallen war ja nichts zu gewinnen, allein der Patient blieb auchhierin unbeugsam, ohne mich übrigens vom letzten Zweifel daran be-
freien zu können. Für den Eindruck, den seine Geschichte macht, und
alle daran gekniipften Erörterungen und Folgerungen wäre ein solcher Auf-schub um ein Jahr offenbar gleichgültig.
S.
70 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
und alle Qualen, Er nahm Anstoß an dem Gebot, die andere
Wange hinzuhalten, wenn man einen Schlag auf die eine
empfangen habe, daran, daß Christus am Kreuz gewünscht
habe, der Kelch solle an ihm vorübergehen, aber auch daran,
daß kein Wunder geschehen sei, um ihn als Gottes Sohn zu
erweisen. So war also sein Scharfsinn geweckt und wußte
mit unerbittlicher Strenge die Schwächen der heiligen Dich-
tung auszuspüren,Zu dieser rationalistischen Kritik gesellten sich aber sehr
bald Grübeleien und Zweifel, die uns die Mitarbeit geheimer
Regungen verraten können. Eine der ersten Fragen, die ér
an die Nanja richtete, war, ob Christus auch einen Hintern
gehabt habe. Die. Nanja gab die Auskunft, er sei ein Gott ge-
wesen und auch ein Mensch, Als Mensch habe er alles ge-
habt und getan wie die anderen Menschen, Das befriedigte
ihn nun gar nicht, aber er wußte sich selbst zu trösten, in-
dem er sich sagte, der Hintere sei ja nur die Fortsetzung
der Beine. Die kaum beschwichtigte Angst, die heilige Per-
son erniedrigen zu müssen, flammte wieder auf, als ihm die
weitere Frage auftauchte, ob Christus auch geschissen habe.
Die Frage getraute er sich nicht, der frommen. Nanja vorzu-
legen, aber er fand selbst eine Ausflucht, die sie ihm nicht
hätte besser zeigen können, Da Christus Wein aus dem Nichts
gemacht, hätte er auch das Essen zu nichts machen und
sich so die Defákation ersparen können,Wir werden uns dem Verständnis dieser Grübeleien nähern,
wenn wir an ein vorhin besprochenes Stück seiner Sexual-
entwicklung anknüpfen; Wir wissen, daß sich sein Sexual-
leben seit der Zurückweisung durch die Nanja und die damit
verbundene Unterdrückung der beginnenden Genitalbetátigung
nach den Richtungen des Sadismus und Masochismus ent-S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE, 11
wickelt hatte. Er quålte, miBhandelte kleine Tiere, phanta-
sierte vom Schlagen der Pferde, anderseits vom Geschlagen-
werden des Thronfolgers.*) Im Sadismus hielt er die uralte
Identifizierung mit dem Vater aufrecht, im Masochismus hatte
er sich diesen zum Sexualobjekt orkoren. Er befand sich voll
in einer Phase der prigenitalen Organisation, in welcher ich
die Disposition zur Zwangsneurose erblicke. Durch die Ein-
‚wirkung jenes Traumes, der ihn unter den Einfluß der Ur-
szene brachte, hätte er den Fortschritt zur gonitalon Organi-
sation machen und seinen Masochismus gegen den Vater in
feminine Einstellung gegen ihn, in Homosexualitåt, verwan-
deln können. Allein dieser Traum brachte den Fortschritt
nicht, er ging in Angst aus. Das Verhåltnis zum Vater, das
von dem Sexualziel, von ihm geziichtigt zu werden, zum näch-
sten Ziel hätte führen sollen, vom Vater koitiert zu werden
wie ein Weib, wurde durch den Einspruch seiner narziB-
stischen Männlichkeit auf eine noch primitivere Stufe zurück-
geworfen und unter Verschiebung auf einen Vaterersatz als
Angst, vom Wolf gefressen zu werden, abgespalten, aber keines-
wegs auf diese Weise erledigt. Vielmehr kénnen wir dem kom-
pliziert erscheinenden Sachverhalt nur gerecht werden, wenn
wir an der Koexistenz der drei auf den Vater zielenden Sexual-
strebungen festhalten. Er war vom Traume an im Unbewubten
homosexuell, in der Neurose auf dem Niveau des Kannibalis-
mus; herrschend blieb die frühere masochistische Einstellung.
Alle drei Strómungen hatten passive Sexualziele; es war das-
selbe Objekt, die nåmliche Sexualregung, aber es hatte sich
eine Spaltung derselben nach drei verschiedenen Niveaus
herausgebildet.Die Kenntnis der heiligen Geschichte gab'ihm nun die
*) Besonders von Schlägen auf den Penis. 8, 601
S.
72 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
Möglichkeit, die vorherrschende masochistische Einstellung
zum Vater zu sublimieren, Er wurde Christus, was ihm durch
den gleichen Geburtstag besonders erleichtert war, Damit war"
cr etwas Großes geworden und auch — worauf vorläufig noch
nicht genug Akzent fiel — ein Mann. In dem Zweifel, ob
Christus einen Hintern haben kann, schimmert die verdrångte
homosexuelle Einstellung durch, denn die Grübelei konnte
nichts anderes bedeuten, als die Frage, ob er vom Vater ge-
braucht werden könne wie ein Weib, wie die Mutter in der
Urszene, Wenn wir zur Auflösung der anderen Zwangsideen
kommen, werden wir diese Deutung bestätigt finden, Der Ver-
drängung der passiven Homosexualität entsprach nun das Be-
denken, daß es schimpflich sei, die heilige Person mit sol-
chen Zumutungen in Verbindung zu bringen, Man merkt, er
bemühte sich, seine neue Sublimierung von dem Zusatz frei-
zuhalten, den sie aus den Quellen des Verdrängten bezog,
Aber es gelang ihm nicht.Wir verstehen es noch nicht, warum er sich nun auch
gegen den passiven Charakter Christi und gegen die Miß-
handlung durch den Vater sträubte, und damit auch sein
bisheriges masochistisehes Ideal, selbst in seiner Sublimierung,
zu verleugnen begann. Wir dürfen annehmen, daß dieser zweite
Konflikt. dem Hervortreten der erniedrigenden Zwangsgedan-
ken aus dem ersten Konflikt (zwischen herrschender maso-
chistischer und verdrängter homosexueller Strömung) beson-
ders günstig war, denn es ist nur natürlich, daß sich in einem
seelischen. Konflikt alle Gegenstrebungen, wenn auch 8
den verschiedensten Quellen, miteinander summieren. Das
Motiv seines" Stråubens und somit der an der Religion ge-
übten Kritik werden wir aus neuen Mitteilungen kennenlernen,
S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. "3
Aus den Mitteilungen über die heilige Geschichte hatte
auch seine Sexualforschung Gewinn gezogen. Bisher hatte er
keinen Grund zur Annahme gehabt, daß die Kinder nur von
der Frau kommen. Im Gegenteile die Nanja hatte ihn glau-
ben lassen, er sei das Kind des Vaters, die Schwester das
der Mutter, und diese nähere Beziehung zum Vater war ihm
sehr wertvoll gewesen, Nun hörte er, daß Maria die Gottes-
gebårerin hieß, Also kamen die Kinder von der Frau und
die Angabe der Nanja war nicht mehr zu halten. Ferner wurde
er durch die Erzählungen irre gemacht, wer eigentlich der
Vater Ohristi war. Er war geneigt, Josef dafür zu halten,
denn er hörte ja, daf sie immer mitsammen gelebt hatte
aber die Nanja sagte: Josef war nur wie sein Vater, der
eigentliche Vater sei Gott gewesen, Daraus konnte er nichts
machen. Er verstand nur soviel, wenn man überhaupt darüberdiskutieren konnte, so war das Verhältnis zwischen Vater
und Sohn kein so inniges, wie er sich's immer vorgestellt hatte.
Der Knabe fühlte gewissermaßen die Gefühlsambivalenz
gegen den Vater, die in allen Religionen, niedergelegt ist,
heraus und griff seine Religion wegen der Lockerung .dieses
Vaterverhåltnisses an. Natürlich hörte seine Opposition bald
auf, ein Zweifel an der Wahrheit der Lehre zu sein, und
wandte sich dafür direkt gegen die Person Gottes. Gott hatte
seinen Sohn hart und grausam behandelt, aber er war nicht
besser gegen die Menschen. Er hatte seinen Sohn geopfert
und dasselbe von Abraham gefordert. Er begann Gott zu
fürchten, :Wenn er Christus war, so war der Vater Gott, Aber
der Gott, den ihm die Religion aufdrångte, war kein rich-
tiger Ersatz für den Vater, den er geliebt hatte, und den er
sich nicht wollte rauben lassen, Die Liebe zu diesem VaterS.
74 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
schuf ihm seinen kritischen Scharfsinn. Er wehrte sich gegen
Gott, um am Vater festhalten zu können, verteidigte dabei
eigentlich den alten Vater gegen den neuen. Er hatte da ein
schwieriges Stück der Ablösung vom Vater zu vollbringen.Es war also die alte, in frühester Zeit offenbar gewor-
dene Liebe zu seinem Vater, der er die Energie zur Bekämpfung
Gottes und den Scharfsinn zur Kritik der Religion entnahm.
Aber anderseits war diese Feindseligkeit gegen den neuen
Gott auch kein ursprunglicher Akt, sie hatte ein Vorbild in
einer feindseligen Regung gegen den Vater, dic unter dem
Einfluß des Angsttraumes entstanden war, und war im Grunde
nur ein Wiederaufleben derselben. Die beiden gegensåtzlichen
Gefühlsregungen, die sein ganzes spåteres Leben regieren soll-
ten, trafen sich hier zum Ambivalenzkampfe beim 'Thema der
Religion. Was sich aus diesem Kampfe als Symptom ergab,
die blasphemischen Ideen, der Zwang, der ihn überfiel,
Gott—Dreck, Gott—Schwein zu denken, war darum auch einrichtiges. Kompromifiergebnis, wie die Analyse dieser Ideen
im Zusammenhange der Analerotik uns zeigen wird.Einige andere Zwangssymptome von minder typischer Art
führen ebenso sicher auf den Vater, lassen aber auch den Zusam-
menhang der Zwangsneurose mit den früheren Zufällen erkennen,Zu dem Frommigkeitszeremoniell, mit dem er am Ende
seine Gotteslästerungen siihnte, ‚gehörte auch das Gebot,
unter gewissen Bedingungen in feierlicher Weise zu atmen,
Beim Kreuzeschlagen mußte er jedesmal tief einatmen oder
‚stark aushauchen, Hauch ist in seiner Sprache gleich Geist,
Das war also die Rolle des Heiligen Geistes. Er mußte den
Heiligen Geist einatmen oder die bösen Geister, von denen
er gehört und gelesen hatte,*) ausatmen, Diesen bösen Gei-*) Dies Symptom hatte sich, wie wir hören werden, mit dem sechsten
Jahr, als er lesen konnte, entwickelt.S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 75
stern schrieb er auch die blasphemischen Gedanken zu, für
die er sich soviel Buße . auferlegen mußte. Er war aber
genötigt auszuhauchen, wenn er Bettler, Krüppel, håbliche,
alte, erbarmenswerte Leute sah, und diesen Zwang verstand
er nicht, mit den Geistern zusammenzubringen. Er gab
sich selbst nur die Rechenschaft, er tue es, um nicht zu
werden wic diese,Dann brachte die Analyse im Anschluß an einen Traum:
die Aufklärung, daß das Ausatmen beim Anblick der be-
dauernswerten Personen erst nach dem sechsten Jahre be-
gonnen hatte und an den Vater anschlof. Er hatte den Vater
lange Monate nicht gesehen, als die Mutter einmal sagte,
sie würde mit den Kindern in die Stadt fahren und ihner.
etwas zeigen, was sic sehr erfreuen würde, "Sie brachte sie
dann in ein Sanatorium, in dem sie den Vater wiedersahen:
er sah schlecht aus und tat: dem Sohne sehr leid, Der Vater
war also auch das Urbild all der Kriippel, Bettler und Armen,
vor denen er ausatmen mußte, wie er sonst das Urbild der
Fratzen ist, die man in Angstzuständen sieht, und der Kari.
katuren, die man zum Hohne zeichnet, Wir werden noch an
anderer Stelle erfahren, daß diese Mitleidseinstellung auf ein
besonderes Detail der Urszene zurückgeht, welches so spat
in.der Zwangsneurosc zur Wirkung kam.Der Vorsatz, nicht zu werden wie diese, der sein Aus.
atmen vor den Kriippeln motivierte, war also die alte Vater-identifizierung, ins Negativ gewandelt. Doch kopierte er dabei
den Vater auch im positiven Sinne, denn das starke Atmen
war eine Nachahmung des Geråusches, das er beim Koitus vom
Vater ausgehend gehört hatte. +) Der Heilige Geist dankte*) Die reale Natur der Urszene vorausgesetzt!
S.
76 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
seinen Ursprung diesem Zeichen der sinnlichen Erregung des
Mannes. Durch die Verdrångung wurde dies Atmen zum
bösen Geist, für den noch cine andere Genealogie bestand, die
Malaria nämlich, an der er zur Zeit der Urszene gelitten
hatte.Die Ablehnung dieser bösen Geister entsprach einem un-
verkennbar asketischen Zug, der sich noch in anderen Reak-
tionen äußerte, Als er hörte, daß Christus einmal bose Gei-
ster in Såue gebannt hatte, die dann in einen Abgrund stürz-
ten, dachte er daran, daß die Schwester in ihren ersten
Kinderjahren vor seiner Erinnerung vom Klippenweg des Ha-
fens an den Strand herabgerollt war, Sie war auch so ein
böser Geist und eine Sau; von hier führte ein kurzer Weg
zu Gott— Schwein, Der Vater selbst hatte sich als ebenso
von Sinnlichkeit. beherrscht erwiesen, Als er die Geschichte
der ersten Menschen erfuhr, fiel ihm die Ähnlichkeit seines
Schicksals mit dem Adams auf, Er wunderte sich heuch-
lerischerweise im Gespräch mit der Nanja, daß Adam sich
durch ein Weib hatte ins. Unglück stürzen lassen, und ver-
sprach der Nanja, er werde nie heiraten. Eine Verfeindung
mit dem Weibe wegen der Verführung -durch die Schwester
in seinem späteren Liebesleben noch oft genug stören, Die
schaffte sich um diese Zeit starken Ausdruck. Sie sollte ihn
Schwester wurde ihm zur dauernden Verkórperung der Ver-
suchung und der Sünde, Wenn er gebeichtet hatte, kam er
sich rein und sündenfrei vor. Dauu schien es ihm aber, als
ob die Schwester darauf lauerte, ihn ‘wieder in Sünde zu
stürzen, und ehe er sich's versah, hatte er eine Streitszene mitder Schwester provoziert, durch die er wieder sündig wurde.
So war er genötigt, die Tatsache der Verführung immer wie-
der von Neuem zu reproduzieren, Seine blasphemischen Ge-
S.
I. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 77
danken hatte er übrigens, so sehr sie ihn drückten, niemals
in der Beichte preisgegeben.Wir sind unversehens in die Symptomatik der späteren
Jahre der Zwangsneurose geraten und wollen darum mit
Hinwegsetzung über soviel, was dazwischen liegt, über ihren
Ausgang berichten. Wir wissen schon, daß sie, von ihrem
permanenten Bestand abgesehen, zeitweise Verstårkungen
erfuhr, das eine Mal, was uns noch nicht durchsichtig
sein kann, als ein Knabe in derselben Straße starb,
mit dem er sich identifizieren konnte, Als er zehn Jahre alt
war, bekam er einen deutschen Hofmeister, der sehr bald
großen Einfluß auf ihn gewann, Es ist sehr lehrreich, daß
seine ganze schwere Frömmigkeit dahinschwand, um nie
wieder aufzuleben, nachdem er gemerkt und in belehrenden
Gesprächen mit dem Lehrer erfahren hatte, daß dieser Vater-
ersatz keinen Wert auf Frömmigkeit, legte und nichts von der
Wahrheit der Religion hielt, Die Frömmigkeit fiel mit derAbhängigkeit vom Vater, der nun von einem neuen, umgäng-
licheren Vater abgelöst wurde, Dies geschah allerdings nicht
ohne ein letztes Aufflackern der Zwangsneurose, von dem der
Zwang besonders erinnert wurde, an die Heilige Dreieinigkeit
zu denken, so oft er auf der Straße drei Häufchen Kot bei-
sammenliegen sah. Er gab eben nie einer Anregung nach, ohnenoch einen Versuch zu machen, das Entwertete festzuhalten,
Als der Lehrer ihm von den Grausamkeiten gegen die kleinen
Tiere abredete, machte er auch diesen Untaten ein Ende, aber
nicht, ohne sich vorher noch einmal im Zerschneiden von
Raupen gründlich genug getan zu haben, Er benahm sich
noch in der analytischen Behandlung ebenso, indem er eine
passagere „negative. Reaktion“ entwickelte; nach jeder ein-
schneidenden Lösung versuchte er für eine kurze Weile, derenS.
SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
Wirkung durch eine Verschlechterung des gelösten Symptoms
zu negieren. Man weiß, daß Kinder sich ganz allgemein ähn-
lich gegen Verbote henchmen. Wenn man sie angefahren hat,
weil sie 2. В. ein unlcidliches Geräusch produzieren, so wieder-
holen sie es nach dem Verbot noch einmal, ehe sie damit
aufhören, Sic haben dabei erreicht, daß sie anscheinend frei-
willig aufgehört und dem Verbot getrotzt haben.Unter dem Einfluß des deutschen Lehrers entstand eine
neue und bessere Sublimierung seines Sadismus, der entspre-
chend der nahen Pubertät damals die Oberhand über den
Masochismus gewonnen hatte. Er begann fürs Soldatenwesen
zu schwärmen, für Uniformen, Waffen und Pferde, und nährte
damit kontinuierliche Tagtråume. So war er unter dem Ein-
fluB eines Mannes von seinen passiven Einstellungen losge-
kommen und befand sich zunächst. in ziemlich normalen
Bahnen. Eine Nachwirkung der Anhänglichkeit an den Lehrer,
der ihn bald darauf verließ, war es, daB er in seinem spä-
teren Leben das deutsche Element (Ärzte, Anstalten, Frauen)
gegen das heimische (Vertretung des Vaters) bevorzugte,
woraus noch die Übertragung in der Kur großen Vorteil zog.In die Zeit vor der Befreiung durch den Lehrer fällt
noch cin Traum, den ich erwåhne, weil er bis zu seiner Ge-
legenheit in der Kur vergessen war. Er sah sich auf einem
Pferd reitend von einer riesigen Raupe verfolgt. Er erkannte
in dem Traum eine Anspielung auf einen früheren aus der
Zeit vor dem Lehrer, den wir längst gedeutet hatten. In
diesem früheren Traum sah er den Teufel im schwarzen Ge-
wand und in der aufrechten Stellung, die ihn seinerzeit am
Wolf und am Löwen so sehr erschreckt hatte, Mit dem ausge-
streckten Finger wies er auf eine riesige Schnecke hin. Er
hatte bald erraten, daß dieser Teufel der Dämon aus einerS.
= `
1. AUS DER GESCHICHTE EINER INFANTILEN NEUROSE. 79bekannten Dichtung, der Traum selbst die Umarbeitung eines
sehr verbreiteten Bildes sei, das den Dämon in einer Liebes-
szene mit einem Mädchen darstellte, Die Schnecke war an
der Stelle des Weibes als exquisit weibliches Sexualsymbol.
Durch die zeigende Gebårde des Dämons geleitet, konnten
wir bald als den Sinn des Traumes angeben, daß er sich nach
jemand sehne, der ihm die letzten noch fehlenden Beleh-
rungen über die Rätsel des Geschlechtsverkehrs geben sollte.
wie seinerzeit der Vater in der Urszene die ersten.Zu dem späteren Traum, in dem das weibliche Symbol
durch das männliche ersetzt war, erinnerte er ein bestimmtes
Erlebnis kurz vorher. Er ritt eines Tages auf dem Land-
gut an einem schlafenden Bauern voriiber, neben dem sein
Junge lag. Dieser weckte den Vater und sagte ihm etwas,
worauf der Vater den Reitenden zu beschimpfen und zu ver-
folgen begann, so daß er sich rasch auf seinem Pferd ent-
fernte. Dazu die zweite Erinnerung, dab es auf demselben
Gut Bäume gab, die ganz weiß, ganz von Raupen umsponnen
waren. Wir verstehen, daß er auch vor der Realisierung der
Phantasie die Flucht ergriff, daß der Sohn beim Vater schlafe,
und daß er die weißen Baume heranzog, um eine Anspielung
an den Angsttraum von den weißen. Wolfen auf dem NuB-
baum herzustellen. Es war also ein direkter Ausbruch der
Angst vor jener femininen Einstellung zum Mann, gegen
die er sich zuerst durch die religióse Sublimierung geschützt
hatte und bald durch die militärische noch wirksamer schüt-
zen solite.Es wäre aber ein großer Irrtum anzunehmen, daß nach
der Aufhebung der Zwangssymptome keine permanenten Wir-
kungen der Zwangsneurose übrig geblieben wären. Der Prozeßhatte zu einem Sieg des frommen Glaubens über die kritisch
S.
80 SCHRIFTEN ZUR NEUROSENLEHRE. V.
forschende Auflehnung geführt und hatte die -Verdrängung
der homosexucllen Einstellung zur Voraussetzung gehabt. Aus
beiden Faktoren ergaben sich dauernde Nachteile, Die in-
tellektuelle Betätigung blieb seit dieser ersten großen Nieder-
lage schwer geschädigt. Es entwickelte sich kein Lerneifer,
es zeigte sich nichts mehr von dem Scharfsinn, der seinerzeit
im zarten Alter von fünf Jahren die Lehren der Religion kri-
tisch zersetzt hatte. Die während jenes Angsttraumes erfolgte
Verdrängung der überstarken Homosexualität reservierte diese
bedeutungsvolle Regung für das Unbewußte, erhielt sie so bei
der ursprünglichen Zieleinstellung und entzog sie all den
Sublimierungen, zu denen sic sich sonst bietet. Es fehlten
dem Patienten darum alle die sozialen Interessen, welche dem
Leben Inhalt geben. Erst als in der analytischen Kur die
Lösung. dieser Fesselung der Homosexualität gelang, konnte
sich der Sachverhalt zum Besseren wenden, und es war ‘sehr
merkwürdig mitzuerleben, wie — ohne direkte Mahnung des
Arztes — jedes befreite Stück der homosexuellen Libido eine
Anwendung im Leben und eine Anheftung an die großen ge-
meinsamen Geschäfte der Menschheit suchte.VII. ANALEROTIK UND KASTRATIONSKOMPLEX.
Ich bitte den Leser sich zu erinnern, daß ich diese Ge-
schichte einer infantilen Neurose sozusagen als Nebenprodukt
während der Analyse einer Erkrankung im reiferen Alter ge-
wonnen habe, Ich mußte sie also aus noch kleineren Brocker,
zusammensetzen, als sonst der Synthese zu Gebote stehen.
Diese sonst nicht schwierige Arbeit findet eine natürliche
Grenze, wo es sich darum handelt, ein vieldimensionales Ge-
bilde in die Ebene der Deskription zu bannen. Ich muß michalso damit begnügen, Gliederstiicke vorzulegen, die der Le-
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Aus der Geschichte einer infantilen Neurose1918-004/1922
1918-004/1922/6