S.
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Vielleicht trägt auch nur unsere geringere Vertrautheit
mit der Zwangsneurose die Schuld daran, daß
die Wirklichkeit jene Erwartung nicht bestätigt.
Die Zwangsneurotiker schweren Kalibers stellen sich
der analytischen Behandlung weit seltener als
die Hysteriker. Sie dissimuliren auch im Leben ihre
Zustände, so lange es angeht, und kommen zum Arzt
häufig erst in so vorgeschrittenen Stadien des
Leidens, wie sie bei der Lungentuberkulose z. B. die
Aufnahme in eine Heilanstalt ausschließen würden.
Ich ziehe aber diesen Vergleich heran, weil wir bei
den leichten und den schweren, aber frühzeitig bekämpften
Fällen der Zwangsneurose, ganz ähnlich wie bei
jener chronischen Infektionskrankheit, auf
eineglänzendeReihe glänzender Heilerfolge hinweisen
können.
Unter solchen Umständen bleibt nichts anderes möglich,
als die Dinge sounvollständigunvollkommen und sounvollkommenunvollständig
mitzutheilen, wie man sie weiß und weitersagen
darf. Die hier gebotenen, mühselig genug zu Tage ge-
förderten Brocken von Erkenntniß mögen an sich
wenig befriedigend wirken, aber die Arbeit anderer
Untersucher mag an sie anschließen, und der gemein-
samen Bemühung kann die Leistung gelingen
die für den Einzelnen vielleicht zu schwer ist.
I.
Aus der KrankengeschichteEin jüngerer Mann von akademischer Bildung führt sich
mit der Angabe ein, er leide an Zwangsvorstellungen
schon seit seiner Kindheit, besonders stark aber
seit 4 Jahren. Hauptinhalt seines Leidens seien Befürcht-
ungen, daß zwei Personen, die er sehr liebe, etwas
geschehe, dem Vater und einer Dame, die er verehre.
Außerdem verspüre er Zwangsimpulse wie z B. sich mit
einem Rasirmesser den Hals abzuschneiden und
produzire Verbote, die sich auch auf gleichgiltige
Dinge beziehen. Er habe durch den Kampf gegen
seine Ideen Jahre verloren und sei darum im
Leben zurückgeblieben. Von den versuchten Kuren
habe ihm nichts genützt als eine Wasserbehandlung
in einer Anstalt bei XX; diese aber wol nur
darum, weil er dort eine Bekanntschaft machte,
die zu regelmäßigem Sexualverkehr führte. HierS.
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habe er keine solche Gelegenheit, verkehre selten und
in unregelmäßigen Intervallen. Vor Prostituirten
empfinde er Ekel. Sein Sexualleben sei überhaupt
kümmerlich gewesen, Onanie habe nur eine geringe
Rolle gespielt, im 16 oder 17. Jahr, seine Potenz sei
normal; erster Coitus mit 26 Jahren.
Er macht den Eindruck eines klaren, scharfsinnigen Kopfes.
Von mir befragt was ihn veranlasse die Auskünfte
über sein Sexualleben in den Vordergrund zu
rücken, antwortet er, das sei dasjenige, was er von
meinen Lehren wisse. Er habe sonst nichts von meinen
Schriften gelesen, aber vor Kurzem in einem Buch
von mir die Aufklärung sonderbarerWortassoziationen
Wortverknüpfungen gefunden x), die ihn so sehr an seine
eigenen Denkarbeiten mit seinen Ideen gemahnt
hätten, daß er beschlossen habe, sich mir anzu-
vertrauen.
x) Zur Psychopathologie des Alltagslebens. 2 Aufl. 1907.
a) Die Einleitung der Behandlung.
Nachdem ich ihn am nächsten Tage auf die einzige Bedingung
der Kur verpflichtet, alles zu sagen, was ihm durch
den Kopf gehe, auch wenn es ihm unangenehm sei,
auch wenn es ihm unwichtig, nicht dazugehörig oder
unsinnig erscheine, und ihm freigestellt, mit
welchem Thema er seine Mittheilungen eröffnen
wolle, beginnt er wie folgt: x)
x) Redigirt nach der Niederschrift am Abend des Behandlungs-
tages in möglichster Anlehnung an die erinnerten
Reden des Patienten. Ich kann nur davor warnen
die Zeit der Behandlung selbst zur Fixirung des
Gehörten zu verwenden; die Ablenkung der Auf-
merksamkeit des Arztes bringt dem Kranken
mehr Schaden, als durch den Gewinn an Reproduktions-
treue in der Krankengeschichte entschuldigt
werden kann.
Er habe einen Freund, den er außerordentlich hoch halte.
Zu dem gehe er immer, wenn ihn ein verbrecherischer
Impuls plage, und frage ihn, ob er ihn als Verbrecher
verachte. Der Freund halte ihn aufrecht, indem er ihm
versichere, daß er ein tadelloser Mensch sei, der sich
wahrscheinlich von Jugend auf gewöhnt habe, sein
Leben unter solchen Gesichtspunkten zu betrachten.
Einen ähnlichen Einfluß habe früher einmal ein anderer
auf ihn geübt, ein Student, der 19 Jahre alt war, währendS.
5
14 oder 15] alt war, das Gefallen an ihm fand und sein
Selbstgefühl außerordentlich hob, so daß er sich als Genie
vorkommen durfte. Dieser Student wurde später sein
Hauslehrer und änderte dann plötzlich sein Benehmen,
indem er ihn zum Trottel herabsetzte. Er merkte endlich,
daß jener sich für eine seiner Schwestern interessirte
und sich mit ihm nur eingelassen habe, um Zutritt ins
Haus zu gewinnen. Es war dieß die erste große
Erschütterung seines Lebens.
Er fährt dann wie unvermittelt fort:
b) Die infantile Sexualität „Mein Sexualleben hat sehr früh
begonnen. Ich erinnere mich einer Scene aus meinem
4-5ten Jahr (vom 6 J. an ist meine Erinnerung über-
haupt vollständig) die mir Jahre später klar aufge-
taucht ist. Wir hatten eine sehr schöne, junge Gouver-
nante, Frl. Peter x). Sie lag eines Abends leicht bekleidet
x) Mein College Dr. Alfred Adlertheiltegedachte ein mal in
einem privaten Vortrag der besonderen Bedeutung
welche den allerersten Mittheilungen der Patienten
zukommt. Hier ein Beleg für diese, die einleitenden
Worte des Patienten betonen den Einfluß, den
Männer auf ihn ausüben, die Rolle der homo-
sexuellen Objektwahl in seinem Leben, und lassen
gleich darauf ein zweites Motiv anklingen, welches
später bedeutsam hervortreten wird, den Konflikt
und Interessengegensatz zwischen Mann und Weib.
Auch daß er die erste schöne Gouvernante mit
ihrem Familiennamen erinnert, welcher zufällig
einem männlichen Vornamen gleicht, ist in diesen
Zusammenhang aufzunehmen. In Wiener Bürgerkreisen
pflegt man eine Gouvernante häufiger bei ihrem
Vornamen zu nennen und behält eher diesen im
Gedächtniß.
auf dem Sofa und las; ich lag neben ihr und bat
sie um die Erlaubniß, unter ihre Röcke zu kriechen.
Sie erlaubte es, wenn ich niemand etwas davon
sagen würde. Sie hatte wenig an und ich betastete sie
an den Genitalien und am Leib, der mir kurios
vorkam. Seitdem blieb mir eine brennende, peinig-
ende Neugierde, den weiblichen Körper zu sehen.
Ich weiß noch, mit welcher Spannung ich im Bade, wohin
ich noch mit dem Fräulein und den Schwestern gehenS.
6
dürfte, darauf wartete bis das Fräulein ausgekleidet
ins Wasser stieg. Mehr erinnere ich vom 6. Jahr
an. Wir hatten dann ein anderes Fräulein, auch
jung und schön die Abscesse am Gesäß hatte welche
sie abends auszudrücken pflegte. Ich lauerte auf
diesen Moment um meine Neugierde zu stillen.
Ebenso im Bade, obwohl Frl. Lina zurückhaltender
war als die erste. (Auf eine Zwischenfrage: Ich schlief
nicht regelmäßig in ihrem Zimmer, meist bei den
Eltern.) Ich erinnere eine Scene bei der ich 7 Jahre
gewesen sein muß. x)) Wir saßen am Abend,
x) Er gibt später die Wahrscheinlichkeit zu, daß diese
Scene 1-2 Jahre später vorfiel.
das Fräulein, die Köchin, ein anderes Mädchen, ich und
mein um 1 1/2 Jahre jüngerer Bruder beisammen.
Ich vernahm plötzlich aus dem Gespräche der Mädchen,
wie Frl. Lina sagte: Mit dem Kleinen könnte
man das schon machen, aber der Paul (ich) sei
zu ungeschickt, er werde gewiß daneben fahren.
Ich verstand nicht klar, was gemeint war, verstand
aber die Zurücksetzung und begann zu weinen.
Lina tröstete mich und erzählte mir, ein Mädchen,
das etwas derartiges mit einem ihr anvertrauten
Buben gemacht hatte, sei mehrere Monate einge-
sperrt worden. Ich glaube nicht daß sie etwas
Unrechtes mit mir angestellt hat aber ich nahm
mir viel Freiheiten gegen sie heraus. Wenn ich
zu ihr ins Bett kam, deckte ich sie auf und rührte
sie an, was sie sich ruhig gefallen ließ. Sie war
nicht sehr intelligent und offenbar geschlechtlich
sehr bedürftig. 23 Jahre alt, hatte sie schon ein Kind
gehabt, dessen Vater sie später heirathete so daß
sie heute Frau Hofrath heißt. Ich sehe sie noch
oft auf der Straße.
„Ich habe schon mit 6 Jahren an Erectionen gelitten und
weiß, daß ich einmal zur Mutter gieng um mich
darüber zu beklagen. Ich weiß auch, daß ich
dabei Bedenken zu überwinden hatte denn ich
ahnte den Zusammenhang mit meinen Vorstel-
lungen und meiner Neugierde und hatte damals
eine Zeitlang die krankhafte Idee die Eltern
wüßten meine Gedanken, was ich mir so erklärte,S.
7
daß ich sie ausgesprochen ohne es aber selbst zu hören.
Ich sehe hierin den Beginn meiner Krankheit. Es gab
Personen, Mädchen, die mir sehr gefielen und die
ich mir dringendst nackt zu sehen wünschte. Ich
hatte aber bei diesen Wünschen ein unheimliches
Gefühl als müßte nun etwas geschehen wenn ich
das dächte und ich müßte allerlei thun, um
es zu verhindern.
[Als Probe dieser Befürchtungen gibt er auf Befragen
an: Z.B. mein Vater würde sterben.] „Gedanken
an den Tod des Vaters haben mich frühzeitig
und durch lange Zeit beschäftigt und sehr
traurig gestimmt.“
Ich vernehme bei dieser Gelegenheit mit Erstaunen,
daß sein Vater, um den sich doch seine heutigen
Zwangsbeſürchtungen kümmern, schon seit mehreren
Jahren gestorben ist.Ich verweile an dieser Stelle um einige Bemerkungenanzuknüpfen. Unser Patient hat in dem, was er in seinerErzählung den Beginn seiner Krankheit heißt, nichtRecht. Wir können hinzufügen, daß in ihm bereits die ganzeNeurose völlig vorgebildet ist, als Elementar=organismus der Neurose, aus dem wir für die Beurtheilungder complicirten Gestaltung im späterenLeben vorbauen lernen.
Was unser Patient in der ersten Stunde der Be-
handlung aus seinem 6tenoder 7tenJahrSchilderterzählt, ist nicht nur, wie er meint, der Beginn
der Krankheit, sondern bereits die Krankheit
selbst. Eine vollständige Zwangsneurose, der kein
wesentliches Element mehr abgeht, zugleich der
Kern und das Vorbild des späteren
Leidens, der Elementarorganismus gleich-
sam, dessen Studium allein uns das Ver-
ständniß der complicirten Organisation der
heutigen Erkrankung vermitteln kann. Wir
sehen das Kind unter der Herrschaft einer
sexuellen Triebkomponente, der Schaulust,
deren erstes Ergebniß der mit großer IntensitätS.
8
immer wieder von neuem auftretende Wunsch,
weibliche Personen, die ihm gefallen, nackt
zu sehen. Dieser Wunsch entspricht der späteren Zwangs=
idee; wenn er den Zwangscharakter noch nicht hat,
so kommt dies daher, daß das Ich sich noch nicht
in vollen Widerspruch zu ihm gesetzt hat, ihn nicht
als fremd verspürt, doch regt sich bereits von
irgendwoher ein Widerspruch gegen diesen Wunsch,
denn ein peinlicher Affekt begleitet regelmäßig
das Auftauchen desselben. x) Ein Konflikt ist offenbar
x) Es sei daran erinnert, daß man den Versuch gemacht
hat, Zwangsvorstellungen ohne Rücksicht auf die
Affektivität zu erklären!
in dem Seelenleben des kleinen Lüsternen vorhanden;
neben dem Zwangswunsch steht eine Zwangsbe=
fürchtung innig an den Wunsch geknüpft: so oft
er so etwas denkt, muß er fürchten, es werde
etwas Schreckliches geschehen. Dieses Schreckliche
kleidet sich bereits in eine charakteristische
Unbestimmtheit, die fortan in den Äußerungen
der Neurose niemals fehlen wird. Doch ist es beim
Kinde nicht schwer, das durch solche Unbestimmtheit
Verhüllte aufzufinden. Kann man für irgend
eine der verschwommenen Allgemeinheiten der
Zwangsneurose ein Beispiel erfahren, so sei man
sicher, das Beispiel ist das Ursprüngliche und
Eigentliche selbst, das durch die Verallgemeinerung
versteckt werden sollte. Die Zwangsbesürchtung
lautete also, ihrem Sinne nach wiederhergestellt: Wenn
ich den Wunsch habe, eine Frau nackt zu
sehen, muß mein Vater sterben. Der peinliche
Affekt nimmt deutlich die Färbung des Unheimlichen,
Abergläubischen an und gibt bereits Impulsen
den Ursprung, etwas zur Abwendung des
Unheils zu thun, wie sie sich in den späteren
Schutzmaßregeln durchsetzen werden.
Also: ein erotischer Trieb und eine Auflehnung
gegen ihn, ein (noch nicht zwanghafter) Wunsch
und eine (bereits zwanghafte) ihr widerstrebende
Befürchtung, ein peinlicher Affekt und ein
Drang zu Abwehrhandlungen, das Inventar
der Neurose ist vollzählig. Ja, es ist noch etwas
anderes vorhanden, eine Art von Delir= oder
Wahnbildung sonderbaren Inhalts: die ElternS.
9
wüßten seine Gedanken, weil er sie ausspreche,
ohne sie selbst zu hören. Wir werden kaum irre
gehen, wenn wir in diesem kindlichen Erklärungs=
versuch eine Ahnung jener merkwürdigen seelischen
Vorgänge vernehmen, die wir unbewußte heißen
und deren wir zur wissenschaftlichen Aufhellung
des dunklen Sachverhaltes nicht entrathen können.
„Ich spreche meine Gedanken aus, ohne sie zu hören“ klingt
wie eine Projektion nach außen unserer eigenen An=
nahme, daß er Gedanken hat, ohne etwas von
ihnen zu wissen, wie eine endopsychische Wahr=
nehmung des Verdrängten.
Wir erkennen es nämlich klar: Diese infantile
Elementarneurose hat bereits ihr Problem und
ihre scheinbare Absurdität wie jede complicirte
Neurose eines Erwachsenen. Was soll es heißen,
daß der Vater sterben muß, wenn im Kinde jener
lüsterne Wunsch rege wird? Ist das barer
Unsinn oder gibt es Wege, diesen Satz zu ver=
stehen, ihn als notwendiges Ergebnis früherer
Vorgänge und Voraussetzungen zu erfassen?
Wenn wir anderswo gewonnene Einsichten auf
diesen Fall von Kinderneurose anwenden, so müssen
wir vermuthen, daß auch hier, also vor dem 6. Jahr,
traumatische Erlebnisse, Konflikte und Verdrängungen
vorgefallen sind, die selbst der Amnesie verfielen,
aber als Residuum diesen Inhalt der Zwangsbe=
fürchtung zurückgelassen haben. Wir werden
späterhin erfahren, wie weit es uns möglich ist,
diese vergessenen Erlebnisse wiederaufzufinden
oder mit einiger Sicherheit zu konstruiren. Unterdeß
wollen wir noch als ein wahrscheinlich nicht gleich=
giltiges Zusammentreffen betonen, daß die Kindheits=
amnesie unseres Patienten gerade mit dem
6.ten Jahr ihr Ende erreicht.
Einen derartigen Beginn einer chronischen Zwangsneurose
in der frühen Kindheit mit solchen lüsternen Wünschen,
an die unheimliche Erwartungen und Neigung zu Ab=
wehrhandlungen geknüpft sind, kenne ich von mehreren
anderen Fällen. Er ist absolut typisch, wenn auch
wahrscheinlich nicht der einzig mögliche Typus.
Noch ein Wort über die sexuellen Früherlebnisse
des Patienten, ehe wir zum Inhalt der zweiten
Sitzung übergehen. Man wird sich kaum sträuben,S.
10
sie als besonders reichhaltig und wirkungsvoll zu bezeichnen.
So ist es aber auch in den anderen Fällen von Zwangs=
neurose, die ich analysiren konnte. Der Charakter der
vorzeitigen sexuellen Aktivität wird im Gegensatze
zur Hysterie hier niemals vermißt. Die Zwangsneurose
läßt viel deutlicher als die Hysterie erkennen,
daß die Momente, welche die Psychoneurose formen, nicht
im aktuellen, sondern im infantilen Sexualleben
zu suchen sind. Das gegenwärtige Sexualleben des
Zwangsneurotikers kann dem oberflächlichen Erforscher
oft völlig normal erscheinen; es bietet häufig
weit weniger pathogene Momente und Abnorm=
itäten als gerade bei unserem Patienten.
c) Die große Zwangsbesürchtung
„Ich denke, heute will ich mit dem Erlebniß beginnen,
welches der direkte Anlaß für mich war, Sie aufzusuchen.
Es war im August während der Waffenübung in XX.
Ich war vorher elend und hatte mich mit allerlei
Zwangsgedanken gequält, die aber während der
Übung bald zurücktraten. Es hat mich interessirt, den
Berufsoffizieren zu zeigen, daß man nicht nur etwas gelernt
hat, sondern auch etwas aushalten kann. Eines Tages
machten wir einen kleinen Marsch von X aus. Auf der Rast
verlor ich meinen Zwicker, und obwohl ich ihn leicht hätte finden
können, wollte ich doch den Aufbruch nicht verzögern,
und verzichtete auf ihn, telegraphirte aber an meinen Optiker
nach Wien, er solle mir umgehend einen Ersatz schicken.
Auf derselben Rast nahm ich Platz zwischen zwei Offizieren,
von denen einer ein Hauptmann mit tschechischem Namen
für mich bedeutungsvoll werden sollte. Ich hatte eine
gewisse Angst vor dem Manne, denn er liebte offenbar
das Grausame. Ich will nicht behaupten, daß er schlecht war,
aber er war während der Offiziersmenage wiederholt
für die Einführung der Prügelstrafe eingetreten, so daß
ich ihm energisch hatte widersprechen müssen. Auf dieser
Rast nun kamen wir ins Gespräch und der Hauptmann
erzählte, daß er von einer besonders schrecklichen Strafe
im Orient gelesen habe . . . . . .“
Hier unterbricht er sich, steht auf und bittet mich, ihm die
Schilderung der Details zu erlassen. Ich versichere ihm, daß
ich selbst gar keine Neigung zur Grausamkeit habe, ihn
gewiß nicht gerne quälen wolle, daß ich ihm natürlich aber
nichts schenken könne, worüber ich keine Verfügung
habe. Ebensogut könne er mich bitten, ihm zwei Kometen
zu schenken. Die Überwindung von Widerständen sei einS.
11
Gebot der Kur über das wir uns unmöglich hinwegsetzen
könnten. (Den Begriff „Widerstand“ hatte ich ihm zu Anfang
dieser Stunde vorgetragen, als er sagte, er habe vieles in
sich zu überwinden, wenn er sein Erlebnis mittheilen solle.)
Ich fuhr fort: Was ich aber thun könnte, um etwas von ihm
Angedeutetes voll zu errathen, das solle geschehen. Ob er
etwa die Pfählung meine? – Nein, das nicht, sondern
der Verurtheilte werde angebunden; – er drückte sich
so undeutlich aus, daß ich nicht sogleich errathen konnte,
in welcher Stellung – über sein Gesäß ein Topf gestülpt,
in diesen dann Ratten eingelassen, die sich – er war wieder
aufgestanden und gab alle Zeichen des Grauens und Wider=
standes von sich – einbohrten.“ In den After, durfte ich
ergänzen.
Bei allen wichtigeren Momenten der Erzählung merkt
man an ihm einen sehr sonderbar zusammengesetzten Gesichts=
ausdruck, den ich nur als Grausen vor seiner ihm selbst un=
bekannten Lust auflösen kann. Er fährt mit allen
Schwierigkeiten fort: „In dem Moment durchzuckte mich die
Vorstellung, daß dies mit einer mir theueren Person
geschehe.“ x) Auf direktes Befragen gibt er an, daß nicht etwa er
x) Er sagt: Vorstellung, die stärkere und richtigere Bezeichnung
Wunschresp: Befürchtung ist offenbar durch Censur ge=
deckt. Die eigenthümliche Unbestimmtheit aller seiner Reden
kann ich leider nicht wiedergeben.
selbst diese Strafe vollziehe, sondern daß sie unpersönlich
an ihr vollzogen werde. Nach kurzem Rathen weiß ich,
daß es die von ihm verehrte Dame war, auf die
sich jene „Vorstellung“ bezog.
Er unterbricht die Erzählung, um mir zu versichern, wie
fremd und feindselig sich diese Gedanken ihm gegen=
über stellen, und mit welch außerordentlicher Raschheit
alles in ihm abläuft, was sich weiter an sie knüpft.
Mit der Idee gleichzeitig ist auch stets die „Sanktion“
da, d. h. die Abwehrmaßregel, der er folgen muß, damit
sich eine solche Phantasie nicht erfülle. Als der
Hauptmann von jener gräßlichen Strafe sprach und jene
Ideen in ihm aufstiegen, gelang es ihm, sich beider
noch mit seinen gewöhnlichen Formeln zu erwehren,
mit einem „aber“, das von einer wegwerfenden
Handbewegung begleitet ist, und mit der Rede:
„Was fällt dir denn ein.“
Der Plural machte mich stutzig, sowie er auch dem Leser
unverständlich geblieben sein wird. Wir haben ja bisherS.
12
nur von der einen Idee gehört, daß an der Dame die
Rattenstrafe vollzogen werde. Nun muß er zugestehen,
daß gleichzeitig die andere Idee in ihm auftauchte,
die Strafe treffe auch seinen Vater. Da sein Vater vor
vielen Jahren gestorben ist, diese Zwangsbeſürchtung
also noch viel unsinniger ist als die erste, versuchte
sie sich noch eine Weile vor dem Eingeständniß
zu bergen.
Am nächsten Abend überreichte ihm derselbe Hauptmann
ein mit der Post angelangtes Paket und sagte: Der
Oberlieutenant A.x) hat die Nachnahme für dich ausge=
legt. Du mußt sie ihm zurückgeben. In dem Paket befand
x) Die Namen sind hier fast indifferent.
sich der telegraphisch bestellte Zwicker. In dem Moment
aber gestaltete sich ihm eine „Sanktion“: Nicht das
Geld zurückgeben, sonst geschieht das (d.h. die Phantasie
von den Ratten verwirkliche sich an Vater und Dame).
Und nach einem ihm bekannten Typus erhob sich
sofort zur Bekämpfung dieser Sanktion ein Gebot
wie ein Eidschwur: Du mußt dem Oberlt A. die K 3.80
zurückgeben, was er beinahe halblaut vor sich
hinsagte.
Zwei Tage später hatte die Waffenübung ihr Ende gefunden.
Die Zeit bis dahin füllte er mit Bemühungen aus, dem
Oberlt A. die kleine Summe zurückzustellen, wogegen
sich immer mehr Schwierigkeiten anscheinend objektiver
Natur erhoben. Zunächst versuchte er, die Zahlung durch
einen anderen Offizier zu leisten, der zur Post gieng,
war aber sehr froh, als dieser ihm das Geld mit der
Erklärung zurückbrachte, er habe den Oberlt A. nicht
auf der Post angetroffen, denn dieser Modus
der Eiderfüllung befriedigte ihn nicht, weil er dem
Wortlaut: Du mußt dem Oberlt A. das Geld zurück=
geben nicht entsprach. Endlich traf er die gesuchte Person
A., die aber das Geld mit dem Bemerken zurückwies,
er habe nichts für ihn ausgelegt, er habe überhaupt nicht
die Post, sondern Oberlt B. Er war nun sehr betroffen,
daß er seinen Eid nicht halten könne, weil dessen
Voraussetzung falsch sei, und klügelte sich sehr sonder=
bare Auskünfte aus: Er werde mit beiden Herren
A. und B. zur Post gehen, dort werde A. dem Postfräulein
K 3.80 geben, das Fräulein diese dem B., und er werde
nach dem Wortlaut des Eides dann dem A. die
K 3.80 zurückgeben.S.
13
Ich werde mich nicht verwundern, wenn das Verständniß
der Leser an dieser Stelle versagt, denn auch die
ausführliche Darstellung, die mir der Patient von den
äußeren Vorgängen dieser Tage und seinen Reaktionen
auf sie gab, litt an inneren Widersprüchen und klang
heillos verworren. Erst bei einer dritten Erzählung
gelang es, ihn zur Einsicht in diese Unklarheiten
zu bringen und die Erinnerungstäuschungen und
Verschiebungen bloszulegen, in die er sich begeben hatte.
Ich erspare mir die Wiedergabe dieser Details, von denen
wir das Wesentliche bald nachholen können, und
bemerke noch, daß er sich am Ende dieser zweiten
Sitzung wie betäubt und verworren benahm.
Er sprach mich wiederholt „Herr Hauptmann“ an, wahr=
scheinlich, weil ich zu Eingang der Stunde bemerkt hatte,
ich sei selbst kein Grausamer wie der Hauptmann
M. und habe nicht die Absicht, ihn unnöthiger Weise
zu quälen.
Ich erhielt von ihm in dieser Stunde nur noch die Aufklärung,
daß er von Anfang an, auch bei allen früheren Befürcht=
ungen, daß seinen Lieben etwas geschehen werde, diese
Strafen nicht allein in die Zeitlichkeit, sondern auch in
die Ewigkeit, ins Jenseits verlegt habe. Er war bis zum 14 oder 15 J
sehr gewissenhaft religiös gewesen, von wo an er sich bis zu seinem
heutigen Freidenkerthum entwickelte. Er glich
den Widerspruch aus, indem er sich sage: Was weißt
du vom Leben im Jenseits? Was wissen die Anderen
davon? Man kann ja doch nichts wissen, du riskierst
ja nichts, also thu's. Diese Schlußweise hält der sonst
so scharfsinnige Mann für einwandfrei und
nützt die Unsicherheit der Vernunft in dieser Frage
solcher Art zu Gunsten der überwundenen frommen
Weltanschauung aus.
In der dritten Sitzung beendigt er die sehr charakteristische
Erzählung seiner Bemühungen, den Zwangseid zu
erfüllen: Am Abend fand die letzte Zusammenkunft
der Offiziere vor dem Schluß der Waffenübung statt.
Ihm fiel es zu, für den Toast auf „die Herren von der
Reserve“ zu danken. Er sprach gut, aber wie im Schlaf=
wandel, denn im Hintergrunde plagte ihn immer sein
Eid. Die Nacht war entsetzlich; Argumente und Gegen=
argumente bekämpften einander; Hauptargument
war natürlich, daß die Voraussetzung seines Eides,
Oberlt. A. habe das Geld für ihn gezahlt, ja nicht zuträfe.S.
14
Aber er tröstete sich damit, daß es ja noch nicht vorüber
sei, da A. den morgigen Rittmitbis zu einer gewissen Stelle mitmachen werde, so daß er Zeit
haben werde, ihn um die Gefälligkeit anzusprechen. Er
that es nun nicht, ließ A. abschwenken, gab aber doch seinem
Burschen den Auftrag, ihm seinen Besuch für den Nach=
mittag anzukündigen. Er selbst gelangte um ½ 10h vor=
mittags zum Bahnhof, legte sein Gepäck ab, machte in der
kleinen Stadt allerlei Besorgungen und nahm sich vor
nachher den Besuch bei A. zu machen. Das Dorf, in dem
A. stationirt war, lag etwa eine Stunde mit dem
Wagen von der Stadt P. entfernt,die Eisenbahnfahrt
nach dem Ort, wo sich das Postamt befand, hätte drei
Stunden betragen; so meinte er, es würde noch gerade
gelingenihm,in der Zwischenzeit nach Ausführung seines
complicirten Planes den nach Wienabvon P. abgehenden
Abendzug zu erreichen. Die Ideen, die sich bekämpften,
lauteten einerseits: es sei doch eine Feigheit von
ihm, er wolle sich offenbar nur die Unbequemlichkeit
ersparen, von A. dieses Opfer zu verlangen und vor ihm
als Narr dazustehen, und setze sich deßhalb über
seinen Eid hinweg, anderseits: es sei im Gegentheil
eine Feigheit, wenn er den Eid ausführe, da er sich
dadurch nur Ruhe vor den Zwangsvorstellungen
schaffen wolle. Wenn in einer Ueberlegung die Ar=
gumente einander so die Wage hielten, so lasse er
sich gewöhnlich von zufälligen Ereignissen wie von
Gottesurtheilen treiben. Darum sagte er: Ja,
als ein Gepäckträger ihn auf dem Bahnhof fragte: Zum
Zug um 10h, Herr Lieutenant?, fuhr um 10h ab und
hatte so ein fait accompli geschaffen, das ihn sehr er=
leichterte. Beim Condukteur des Speisewagens nahm
er noch eine Marke für die table d'hôte. In der
ersten Station fiel ihm plötzlich ein, jetzt könne
er noch aussteigen, den Gegenzug abwarten, mit
diesem nach P. und an den Ort, wo Oberlt A. sich aufhielt
fahren, mit ihm dann die dreistündige Bahnfahrt zum
Postamt machen usf. Nur die Rücksicht auf die
Zusage, die er dem Kellner gegeben, hielt ihn von
der Ausführung dieser Absicht ab; er gab sie aber
nicht auf, sondern verschob das Aussteigen auf eine
spätere Station. So schlug er sich von Station zu StationS.
15
durch, bis zu einer gelangte in welcher ihm das Aussteigen
unmöglich erschien, weil er dort Verwandte hatte,
und er beschloß, nach Wien durchzufahren, dort seinen
Freund aufzusuchen, ihm die Sache vorzutragen und nach
dessen Entscheidung noch mit dem Nachtzug nach P.
zurückzukehren. Meinem Zweifel, ob das zusammen=
gegangen wäre, begegnet er mit der Versicherung,
er hätte zwischen der Ankunft des einen und der
Abfahrt des anderen Zuges eine halbe Stunde frei
gehabt. In Wien angelangt, traf er den Freund aber
nicht in dem Gasthause, wo er ihn zu treffen erwartet
hatte, kam erst um 11h abends in die Wohnung seines
Freundes und trug ihm noch in der Nacht seine Sache
vor. Der Freund schlug die Hände zusammen, daß er noch
immer zweifeln könne, ob es eine Zwangsvor=
stellung gewesen sei, beruhigte ihn für diese Nacht, so
daß er ausgezeichnet schlief und ging mit ihm am
nächsten Vormittag zur Post, um die K. 3.80 – an die
Adresse des Postamtes, woselbst das Zwickerpaket
angekommen war, aufzugeben.
Letztere Mittheilung gab mir den Anhaltspunkt, die
Entstellungen seiner Erzählung zu entwirren. Wenn
er, durch den Freund zur Besinnung gebracht, die
kleine Summe nicht an Oberlt. A. und nicht an Oberlt.
B., sondern ans Postamt direkt absandte, so mußte
er ja wissen und schon bei seiner Abreise gewußt
haben, daß er niemand anderem als dem Postbeamten
die Nachnahmegebühr schuldig geblieben sei. Es ergab
sich wirklich, daß er dies schon vor derBegeg
Aufforderung des Hauptmannes und vor seinem Eid
gewußt hatte, denn er erinnerte sich jetzt, daß er einige
Stunden vor der Begegnung mit dem grausamen Haupt=
mann Gelegenheit hatte, sich einem andern Hauptmann
vorzustellen, der ihm den richtigen Sachverhalt mit=
theilt hatte. Dieser Offizier erzählte ihm, als er
seinen Namen hörte, er sei vor kurzem auf
dem Postamt gewesen und vom Postfräulein
befragt worden, ob er einen Lt. H. (eben unseren Patienten)
kenne, für den ein Paket mit Nachnahme
angekommen sei. Er erwiderte verneinend, aber
das Fräulein meinte, sie habe Zutrauen zu dem
unbekannten Lieutenant und werde unterdessS.
16
die Gebühr selbst erlegen. Auf diese Weise kam
unser Patient in den Besitz des von ihm bestellten
Zwickers. Der grausame Hauptmann beging einen
Irrthum, als er bei der Einhändigung des Pakets
mahnte, die K 3.80 dem A. zurückzugeben. Unser
Patient mußte wissen, daß dies ein Irrthum sei.
Trotzdem leistete er den auf diesen Irrthum
gegründeten Schwur, der ihm zur Qual werden
mußte. Die Episode des andern Hauptmanns
und die Existenz des vertrauensvollen
Postfräuleins hatte er dabei sich und in der Wieder-
gabe auch mir unterschlagen. Ich gebe zu, daß
sein Benehmen nach dieser Richtigstellung noch
unsinniger und unverständlicher wird als vorher.
Nachdem er seinen Freund verlassen hatte und
zu seiner Familie zurückgekehrt war, befielen
ihn die Zweifel von neuem. Die Argumente seines
Freundes seien ja keine anderen gewesen als
seine eigenen, und er täuschte sich nicht darüber,
daß die zeitweilige Beruhigung nur auf den persön-
lichen Einfluß des Freundes zurückzuführen war.
Der Entschluß, einen Arzt aufzusuchen, wurde auf
folgende geschickte Art in das Delir verwoben.
Er werde sich von einem Arzt ein Zeugniß ausstellen
lassen, daß er eines solchen Aktes, wie er ihn
mit Oberlt. A. ausgedacht, zu seiner Herstellung
bedürfe, und dieser werde sich durch das Zeugniß
gewiß bewegen lassen, die K 3.80 von ihm anzunehmen.
Der Zufall, der ihm damals gerade ein Buch
von mir in die Hand spielte, lenkte seine
Wahl auf mich. Bei mir war aber von jenem
Zeugniß nicht die Rede, er forderte sehr verständig
nur die Befreiung von seinen Zwangsvorstellungen.
Viele Monate später tauchte auf der Höhe des Wider-
standes wieder einmal die Versuchung auf, doch
nach P. zu fahren, den Oberlt. A. aufzusuchen und
mit ihm die Komödie des Geldzurückgebens
aufzuführen.S.
17
d) Die Einführung ins Verständniß der Kur.
Man erwarte nicht so bald zu hören, was ich zur Aufhellung
dieser sonderbar unsinnigen Zwangsvorstellung (von den
Ratten) vorzubringen habe; die richtige psychoanalytische
Technik heißt den Arzt seine Neugierde unterdrücken
und läßt dem Patienten die freie Verfügung über die
Aufeinanderfolge der Themata in der Arbeit. Ich empfieng
also den Patienten in der vierten Sitzung mit der
Frage: Wie werden Sie nun fortfahren?
„Ich habe mich entschlossen, Ihnen mitzutheilen, was ich für
sehr bedeutsam halte und was mich von Anbeginn
an quält.“ Er erzählt nun sehr breit die Krankengeschichte
seines Vaters, der vor 9 Jahren an Emphysem verstarb.
Eines Abends fragte er in der Meinung, es sei ein krisen-
hafter Zustand, den Arzt, wann die Gefahr als beseitigt
gelten könnte. Die Antwort lautete: Übermorgen
Abends. Es kam ihm nicht in den Sinn, daß der Vater
diesen Termin nicht erleben könnte. Er legte sich um
1/2 12 nachts für eine Stunde zu Bette und als er um
1 erwachte, hörte er von einem ärztlichen Freunde,
der Vater sei gestorben. Er machte sich den Vorwurf,
daß er beim Tode nicht zugegen gewesen sei, der sich
verstärkte, als ihm die Pflegerin mittheilte, der Vater
habe in den letzten Tagen einmal seinen Namen
genannt und an sie, als sie zu ihm trat, die Frage
gerichtet: Sind Sie der Paul? Er glaubte bemerkt
zu haben, daß die Mutter und die Schwestern sich
ähnliche Vorwürfe machen wollten; sie sprachen
aber nicht darüber. Der Vorwurf war aber zu-
nächst kein quälender; er realisirte lange Zeit
die Thatsache seines Todes nicht; es passirte ihm immer
wieder, daß er sich, wenn er einen guten Witz gehört
hatte, sagte: das muß ich dem Vater erzählen. Auch
spielte seine Phantasie mit dem Vater, sodaß
er häufig, wenn es an die Thüre klopfte, meinte:
Jetzt kommt der Vater; wenn er ein Zimmer
betrat, erwartete, den Vater darin zu finden,
und wiewohl er die Thatsache seines Todes nie vergaß,
hatte die Erwartung solcher Geistererscheinung nichts
Schreckhaftes, sondern etwas höchst Erwünschtes
für ihn. Erst 1 1/2 Jahre später erwachte die ErinnerungS.
18
an sein Versäumniß und begann ihn entsetzlich zu quälen,
sodaß er sich als Verbrecher behandelte. Veranlassung
war der Tod einer angeheiratheten Tante und sein Besuch
im Trauerhause. Von da an fügte er seinem Gedanken-
gebäude die Fortsetzung ins Jenseits an. Schwere
Arbeitsunfähigkeit war die nächste Folge dieses Anfalles. x)
x) Ein Verständniß dieser Einwirkung ergibt sich später
aus der genaueren Beschreibung des Anlasses. Der
verwitwete Onkelriefhatte jammernd ausgerufen:
Andere Männer machen sich das Lebenangenehmundsich
alles Mögliche, und ich habe nur für diese Frau
gelebt! Unser Patient nahm an, der Onkel spiele
auf den Vater an und verdächtige dessen eheliche
Treue, und obwohl der Onkel diese Deutung
seiner Worte aufs entschiedenste bestritt, war
deren Wirkung nicht mehr aufzuheben.
Da er erzählt, nur die Tröstungen seines Freundes hätten
ihn damals aufrecht gehalten, der diese Vorwürfe
immer als arg übertrieben zurückgewiesen, bediene
ich mich dieses Anlasses, um ihm den ersten Einblick
in die Voraussetzungen der psychoanalytischen Therapie
zu geben. Wenn eine Mesalliance zwischen Vorstellungs-
inhalt und Affekt, also zwischen Größe des Vorwurfes und
Anlaß des Vorwurfes vorliegt, so würde der Laie
sagen, der Affekt sei zu groß für den Anlaß, also
übertrieben, die aus dem Vorwurf gezogene Folger-
ung, ein Verbrecher zu sein, sei also falsch. Der
Arzt sagt im Gegentheile: Nein, der Affekt ist
berechtigt, das Schuldbewußtsein ist nicht weiter zu
kritisiren, aber es gehört zu einem anderen
Inhalt, der nicht bekannt (unbewußt) ist und der erst
gesucht werden muß. Der bekannte Vorstellungs-
inhalt ist nur durch falsche Verknüpfung an diese
Stelle geraten. Wir sind aber nicht gewohnt,
starke Affekte ohne Vorstellungsinhalt in uns
zu verspüren und nehmen daher bei fehlendem
Inhalt einen irgendwie passenden anderen als
Surrogat auf, etwa wie unsere Polizei, wenn
sie den richtigen Mörder nicht erwischen kann,
einen unrechten an seiner Stelle verhaftet. Die
Thatsache der falschen Verknüpfung erklärt auch allein
die Ohnmacht der logischen Arbeit gegen die peinigende
Vorstellung. Ich schließe dann mit dem Zugeständniß,
daß sich aus dieser neuen Auffassung zunächstS.
19
große Rätsel ableiten, denn wie solle er
rechtsolle erdavonseinem Vorwurf, ein Verbrecher gegen den Vater zu sein,
Recht geben, wenn er doch wissen müsse, daß er
eigentlich nie etwas Verbrecherisches gegen ihn begangen
habe.
Er zeigt dann in der nächsten Sitzung großes Interesse
für meine Darlegungen, gestattet sich aber einige
Zweifel vorzubringen. Wie eigentlich die Mittheilung,
daß der Vorwurf, das Schuldbewußtsein, Recht habe,
heilend wirken könne? – Nicht diese Mittheilung
hat die Wirkung, sondern die Auffindung des un-
bekannten Inhalts, zu dem der Vorwurf gehört.
Ja, gerade darauf beziehe sich seine Frage. – Ich erläutere
meinebisherkurzen Angabenüberdieüber die psychologischen Unter-
schiede des Bewußten vom Unbewußten, über die
Usur, der alles Bewußte unterliegt, während das
Unbewußte relativ unveränderlich ist, durch einen
Hinweis auf die in meinem Zimmer aufgestellten
Antiquitäten. Es seien eigentlich nur Grabfunde,
die Verschüttung habe für sie die Erhaltung bedeutet.
Pompeji gehe erst jetzt zu Grunde, seitdem es aufge-
deckt sei. – Ob es eine Garantie gebe, fragt er weiter,
wie man sich gegen das Gefundene verhalten werde.
Der eine, meint er, wol so, daß er dann den Vorwurf
überwinde, der andere aber nicht. – Nein, es liege in
der Natur der Verhältnisse, daß der Affekt
dann jedesmal meist schon während der Arbeit
überwunden werde. Pompeji bestrebe man sich eben
zu erhalten, solche peinigende Ideen wolle man durchaus
los werden. – Er habe sich gesagt, ein Vorwurf kann
ja nur durch Verletzung der eigensten persönlichen
Sittengesetze, nicht der äußerlichen, entstehen. (Ich
bestätige, wer blos die verletzt, fühle sich ja oft als
Held.) Ein solcher Vorgang sei also nur möglich bei
einem Zerfalle der Persönlichkeit, der von Anfang
an gegeben sei. Ob er die Einheit der Persönlich-
keit wiedergewinnen werde? In diesem Falle
getraue er sich vieles zu leisten, vielleicht mehr
als Andere. Ich darauf: ich sei mit dieser Spaltung
der Persönlichkeit durchaus einverstanden, er möge
diesen neuen Gegensatz zwischen der sittlichen Person
und dem Bösen nur mit dem vorigen, dem GegensatzS.
20
müssen Bewußtem und Unbewußtem zusammenlöten.
Die sittliche Person sei das Bewußte, das Böse unbewußt. x)
x) Das ist alles zwar nur im Gröbsten richtig, reicht aber
zur Einführung zunächst hin.
– Er könne sich erinnern, daß er, obwohl er sich für eine
sittliche Person halte, doch ganz bestimmt in seiner
Kindheit Dinge gethan habe, die von der anderen
Person ausgegangen seien. – Ich meine, er habe da so
nebenbei einen Hauptcharakter des Unbewußten
entdeckt, die Beziehung zum Infantilen. Das
Unbewußte sei das Infantile und zwar jenes
Stück der Person, das sich damals von ihr abgesondert,unddie weitere Entwicklung nicht mitgemacht
habe und darum verdrängt worden sei. Die Abkömmlinge
dieses verdrängten Unbewußten seien die Elemente,
welche das unwillkürliche Denken unterhalten, in
dem sein Leiden bestehe. Er könne jetzt noch einen
Charakter des Unbewußten entdecken; das wolle
ich ihm gerne überlassen. – Er findet direkt nichts
Weiteres, dafür äußert er den Zweifel, ob so lange
bestehende Veränderungen rückgängig zu
machen seien. Was wolle man speziell gegen die
Idee vom Jenseits thun, die doch logisch nicht wider-
legt werden könne? – Ich bestreite die Schwere
seines Falles und die Bedeutung seiner Konstruktionen
nicht, aber sein Alter sei ein sehr günstiges und günstig
sei auch die Intaktheit seiner Persönlichkeit, wobei
ich ein anerkennendes Urtheil über ihn ausspreche,
das ihn sichtlich erfreut.
In der nächsten Sitzung beginnt er, er müsse etwas
Thatsächliches aus seiner Kindheit erzählen. Nach 7
Jahren hatte er, wie schon erzählt, die Angst, daß die Eltern
seine Gedanken erraten, die ihm eigentlich durch
das weitere Leben verblieben sei. Mit 12 Jahren
liebte er ein kleines Mädchen, Schwester eines Freundes
(auf Befragen: nicht sinnlich, er wollte sie nicht nackt
sehen, sie war zu klein), die aber mit ihm nicht
so zärtlich war, wie er es wünschte. Und da kam
ihm die Idee, daß sie liebevoll mit ihm sein würde,
wenn ihn ein Unglück träfe; als solches drängte
sich ihm der Tod des Vaters auf. Er wies diese IdeeS.
21
sofort energisch zurück, wehrt sich auch jetzt gegen die
Möglichkeit, es könne sich ein „Wunsch“ so geäußert haben.
Es war eben nur eine „Denkverbindung.“ x)) Ich wende
x) Mit solchen Wortabschwächungen gibt sich nicht allein der
Zwangsneurotiker zufrieden.einein wenn es kein Wunsch war, wozu das Sträuben?
– „Ja, nur wegen des Inhalts der Vorstellung, daß der
Vater sterben könne.“ – Ich: Er behandle diesen
Wortlaut wie den einer Majestätsbeleidigung, wobei
es bekanntlich ebenso bestraft wird, wenn jemand
sagt: Der Kaiser ist ein Esel, wie wenn er dies auf
verpönte Worte einkleidet: Wenn jemand sagt . . .
. . . so hat er es mit mir zu thun. Ich könnte ihm
ohne Weiteres den Vorstellungsinhalt, gegen den er sich
so sträubte, in einen Zusammenhang bringen, der
dies Sträuben ausschließen würde; z. B.: Wenn mein
Vater stirbt, tödte ich mich auf seinem Grabe.
Er ist erschüttert, ohne seinen Widerspruch aufzugeben, sodaß
ich den Streit mit der Bemerkung abbreche, die Idee
vom Tode des Vaters sei ja in diesem Falle nicht
zum erstenmale aufgetreten, sie stamme offenbar
von früher her und wir würden ihrer Herkunft
einmal nachspüren müssen. – Er erzählt weiter
ein zweites Mal sei ihm ein ganz ähnlicher Gedanke
blitzähnlich ein halbes Jahr vor dem Tode des Vaters
gekommen. Er war bereits in jene Dame verliebt, x)
konnte aber wegen materieller Hindernisse nicht an eine
x) Vor zehn Jahren!
Verbindung denken. Da habe die Idee gelautet: Durch
den Tod des Vaters werde er vielleicht so reich
werden, daß er sie heiraten könne. In seiner
Abwehr ging er dann so weit, daß er wünschte, der
Vater möge solle gar nichts hinterlassen, damit
kein Gewinn diesen für ihn entsetzlichen Verlust
kompensiere. Ein drittes Mal kam dieselbe Idee aber
sehr gemildert am Tage vor dem Tode des Vaters. Er
dachte: Ich kann jetzt mein Liebstes verlieren und dagegen
kam der Widerspruch: Nein, es gibt noch eine andere
Person, deren Verlust dir noch schmerzlicher wäre. x)
x) Ein Gegensatz zwischen den beiden geliebten Personen, Vater
und „Dame“, ist hier unverkennbar angezeigt.S.
22
Er verwundere sich sehr über diese Gedanken, da er
ja ganz sicher sei, der Tod des Vaters könne nie
Gegenstand seines Wunsches gewesen sein, immer nur
einer Befürchtung. – Nach dieser mit voller Stärke
ausgesprochenen Rede halte ich es für zweckmäßig,
ihm ein neues Stückchen der Theorie vorzuführen.
Die Theorie behaupte, daß jede Angst einem ehemaligen,
nun verdrängten Wunsch entspreche, sodaß man das
gerade Gegentheil annehmen müßte von seiner Beteuerung.
Es stimme dies auch zur Forderung, daß das Unbewußte
der kontradiktorische Gegensatz des Bewußten
sein solle. Er ist sehr bewegt, ist ungläubig und wundert
sich, wie dieser Wunsch bei ihm möglich gewesen sein
solle, wenn ihm der Vater doch der liebste aller
Menschen war. Es leide keinen Zweifel, daß er auf
jedes persönliche Glück verzichtet hätte, wenn er
dadurch des Vaters Leben hätte retten können. –
Ich antworte, gerade diese intensive Liebe sei die
Bedingung des verdrängten Hasses. Bei indifferenten
Personen werde es ihm gewiß leicht gelingen, die
Motive zu einer mäßigen Neigung und ebensolchenAbAbneigung neben einander zu halten, etwa
wenn er Beamter sei und von seinem Bureauchef
denke, er sei ein angenehmer Vorgesetzter, aber
ein kleinlicher Jurist und inhumaner Richter.
Ähnlich sage doch Brutus über Caesar bei Shakespeare
(III. 2) "Weil Caesar mich liebte, wein' ich um ihn; weil
er glücklich war, freue ich mich;weil er tapfer war
ehr' ich ihn; aber weil er herrschsüchtig war, erschlug
ich ihn." Und diese Rede wirke bereits befremdend,
weil wir uns des Brutus Affektion für Caesar
intensiver vorgestellt haben. Bei einer Person,
die ihm näher stehe, seiner Frau etwa, werde er das
Bestreben nach einer einheitlichen Empfindung haben
und darum, wie allgemein menschlich, ihre Fehler, die
seine Abneigung hervorrufen könnten, vernachlässigen,
wie verblendet übersehen. Also gerade die große
Liebe lasse es nicht zu, daß der Haß (karikiert so be-
zeichnet), der wol irgend eine Quelle haben müsse,
bewußt bleibe. Ein Problem sei es allerdings, woher
dieser Haß stamme. (meine ich, da seine Aussagen
deuteten selbst auf die Zeit hin, in welcher er gefürchtet,
daß die Eltern seine Gedanken erraten.)S.
23
andererseits könne man auch fragen warum die große
Liebe nicht den Haß habe auslöschen können wie man
es ja von gegensätzlichen Regungen gewohnt sei. Man
könne nur annehmen, daß der Haß doch mit einer Quelle,
einem Anlaß in Verbindung stehe, die ihn unzerstörbar
mache. Alsodeinerseits schütze ein solcher Zusammenhang
den Haß gegen den Vater vor dem Untergang anderer=
seits hindere die große Liebe ihn am Bewußtwerden
so daß ihm eben nur die Existenz im Unbewußten
übrig bleibe aus der er sich doch in einzelnen Momenten
blitzähnlich vordrängen könne.
Er gibt zu, daß dieß alles ganz plausibel anzuhören ist, hat
aber natürlich keine Spur von Überzeugung. x) Er möchte
x) Es ist niemals die Absicht solcher Diskussionen, Überzeugung
hervorzurufen. Sie sollen nur die verdrängten Complexe
ins Bewußtsein einführen, den Streit um sie auf dem
Boden bewußter Denkthätigkeit anfachen und
das Auftauchen neuen Materials aus dem Unbewußten
erleichtern. Die Überzeugung stellt sich erst nach der
Bearbeitung des wiedergewonnenen Materials durch
den Kranken her und so lange sie schwankend ist,
darf man das Material als nicht erschöpft beur=
theilen.
sich die Frage erlauben wie es zugehe, daß eine solche Idee
Pausen machen könne, mit 12 J. einen Moment komme,
dann mit 20 J. wieder und zwei Jahre später von neuem,
um anzuhalten. Er könne doch nicht glauben, daß inzwischen
die Feindseligkeit erloschen gewesen sei, und doch habe sich in
den Pausen nichts von Vorwürfen gezeigt. Ich darauf:
Wenn jemand so eine Frage stellt, so hat er auch schon
die Antwort bereit. Man braucht ihn nur weitersprechen
zu lassen. Er setzt nun in anscheinend lockerem Zusammenhange
fort: Er sei der beste Freund des Vaters gewesen wie
dieser seiner, bis auf wenige Gebiete, auf denen Vater
und Sohn einander auszuweichen pflegen (Was meint er
wol?) sei die Intimität zwischen ihnen größer gewesen
als jetzt mit seinem besten Freunde. Jene Dame um
deren wegen er den Vater in der Idee zurückgesetzt,
habe er zwar sehr geliebt aber nicht eigentlich sinnlich.
Wünsche, wie sie seine Kindheit erfüllten hätten sich in
Bezug auf sie nie geregt; seine sinnlichen Regungen
seien in der Kindheit überhaupt viel stärker gewesenS.
24
als zur Zeit der Pubertät. – Ich meine nun, er habe jetzt
die Antwort gegeben, auf die wir warteten und
gleichzeitig den dritten großen Charakter des Unbewußten
aufgefunden. Die Quelle aus welcher die Feindseligkeit
gegen den Vater ihre Unzerstörbarkeit beziehe sei
offenbar von der Natur sinnlicher Begierden, dabei
habe er den Vater irgendwie als störend empfunden.
Ein solcher Konflikt zwischen Sinnlichkeit und Kindes=
liebe sei ein durchaus typischer. Die Pausen habe es bei
ihm gegeben weil, infolge der vorzeitigen Explosion seiner
Sinnlichkeit zunächst eine erhebliche Dämpfung derselben
eingetreten sei. Erst als sich wieder intensive verliebte
Wünsche bei ihm eingestellt hatten, sei diese Feind=
seligkeit aus der analogen Situation heraus
wieder aufgetreten. Ich lasse mir übrigens von ihm
bestätigen, daß ich ihn weder auf das infantile noch
auf das sexuelle Thema gelenkt habe, sondern
daß er selbständig auf beide gekommen sei.
Er fragt nun weiter, warum er nicht zur Zeit der
Verliebtheit in die Dame einfach bei sich die
Entscheidung gefällt, die Störung dieser Liebe durch
den Vater könne gegen seine Liebe zum Vater
nicht in Betracht kommen. – Ich antworte: Es ist schwer
möglich, jemand in absentia zu erschlagen. Um jene
Entscheidung zu ermöglichen, hätte ihm der beanstandete
Wunsch damals zum ersten Male kommen müssen;
es war aber ein altverdrängter, gegen den er sich
nicht anders benehmen konnte als vorher, und der
darum der Vernichtung entzogen blieb. Der Wunsch,
(den Vater als Störer zu beseitigen) mußte in Zeiten
entstanden sein, in denen die Verhältnisse ganz
anders lagen, etwa daß er den Vater damals nicht
stärker liebte als die sinnlich begehrte Person, oder
daß er einer klaren Entscheidung nicht fähig war,
also in sehr früher Kindheit, vor 6 Jahren, ehe seine
continuirliche Erinnerung einsetzte, und das
sei eben für alle Zeiten so geblieben. –
Mit dieser Konstruktion schließt die Erörterung
vorläufig ab.
In der nächsten, der siebenten Sitzung, greift er dasselbe
Thema wieder auf. Er könne nicht glauben, daß er
je den Wunsch gegen den Vater gehabt habe.
Er erinnere sich einer Novelle von Sudermann,S.
25
die ihm einen tiefen Eindruck gemacht in welcher eine
Schwester am Krankenbett der andern diesen Todes=
wunsch gegen sie verspüre um deren Mann heiraten
zu können. Sie tödte sich dann, weil sie nach solcher Ge=
meinheit nicht verdiene zu leben. Er verstehe das, und
es sei ihm ganz recht, wenn er an seinen Gedanken
zu Grunde gehe, denn er verdiene es nicht anders. x)
x) Dieses Schuldbewußtsein enthält den offenbarsten Wider=
spruch gegen sein anfängliches Nein, er habe den
bösen Wunsch gegen den Vater nie gehabt.
Es ist ein häufiger Typus in der Reaktion gegen
das bekannt gewordene Verdrängte, daß
sich an das erste Nein der Ablehnung alsbald
die zunächst indirekte Bestätigung anschließt.
Ich bemerkte, es sei uns wol bekannt, daß den Kranken
ihr Leiden eine gewisse Befriedigung gewähre, so
daß sie sich eigentlich alle partiell sträuben, gesund
zu werden. Er möge nicht aus den Augen verlieren,
daß eine Behandlung wie die unsrige unter
beständigem Widerstand vor sich gehe; ich werde
ihn immer wieder daran erinnern.
Er will jetzt von einer verbrecherischen Handlung
sprechen, in der er sich nicht erkenne, an die er sich
aber ganz bestimmt erinnere. Er citirt ein Wort
von Nitzsche: „Das habe ich gethan,“ sagt mein Gedächtniß.
„Das kann ich nicht gethan haben“ – sagt mein Stolz und
bleibt unerbittlich. Endlich – gibt das Gedächtniß nach.“ x)
x) Jenseits von Gut und Böse, IV, 68.
„Darin hat also mein Gedächtniß nicht nachgegeben.“ – Eben
weil Sie zur Selbstbestrafung aus Ihren Vorwürfen Lust
ziehen. – „Mit meinem jüngeren Bruder – ich bin ihm
jetzt wirklich gut, er bereitet mir gerade große Sorge,
indem er eine Heirath machen will, die ich für einen
Unsinn halte; ich hab' schon die Idee gehabt, hinzureisen
und die Person umzubringen, damit er sie nicht heirathen
kann – habe ich als Kind viel gerauft. Daneben hatten
wir einander sehr lieb und waren unzertrennlich, aber
mich beherrschte offenbar Eifersucht, denn er war der
stärkere, schönere und darum Beliebtere. – Sie haben
ja schon eine solche Eifersuchtsscene mit Frl. Lina mitge=
theilt. – Also nach einer solchen Gelegenheit, gewiß
vor 8 Jahren denn ich gieng noch nicht in die Schule inS.
26
die ich mit 8 Jahren gekommen bin, that ich folgendes. Wir
hatten Kindergewehre von der bekannten Konstruktion; ich
lud meines mit dem Ladstock und sagte ihm, er solle in den
Lauf hineinschauen, er werde etwas sehen, und als er
hineinschaute, drückte ich los. Es traf ihn auf die Stirne
und machte ihm nichts, aber es war meine Absicht gewesen
ihm sehr weh zu thun. Ich war dann ganz außer mir,
warf mich auf den Boden und fragte mich: Wie habe
ich das nur thun können? – aber ich habe es gethan.
Ich benütze die Gelegenheit um für meine Sache zu
plaidiren. Wenn er eine solche ihm so fremde That
im Gedächtniß bewahrt habe, so könne er doch nicht
die Möglichkeit in Abrede stellen, daß in noch früheren
Jahren etwas ähnliches, was er heute nicht mehr erinnere,
gegen den Vater vorgekommen sei. – Er wisse
noch von anderen Regungen der Rachsucht gegen
jene Dame, die er so sehr verehre, und von deren Charakter
er eine begeisterte Schilderung gibt. Sie könne vielleicht
nicht leicht lieben, sie spare sich ganz für den einen
auf, dem sie einmal angehören werde; ihn liebe sie nicht.
Als er dessen sicher wurde, gestaltete sich ihm eine bewußte
Phantasie, er werde sehr reich werden, eine andere
heirathen und dann mit ihr einen Besuch bei der Dame
machen, um sie zu kränken. Aber da versagte ihm die
Phantasie, denn er mußte sich eingestehen, daß ihm die andere,
die Frau ganz gleichgiltig sei, seine Gedanken verwirrten
sich und am Ende wurde ihm klar, daß diese andere sterben
solle. Auch in dieser Phantasie findet er, wie in dem
Anschlag gegen den Bruder, den Charakter der Feigheit
der ihm so entsetzlich ist. x) – Im weiteren Gespräch mit
x) Was späterhin seine Erklärung finden soll.
ihm mache ich geltend, daß er sich ja logischer Weise für ganz
unverantwortlich für alle diese Charakterzüge erklären
müsse, denn all diese verwerflichen Regungen stammten
aus dem Kinderleben, entsprächen den im Unbewußten
fortlebenden Abkömmlingen des Kindercharakters, und
er wisse doch, daß für das Kind die ethische Verantwort=
lichkeit nicht gelten könne. Aus der Summe der
Anlagen des Kindes entstehe der ethisch verantwort=
liche Mensch erst im Laufe der Entwicklung. +) Er be=
+) Ich bringe diese Argumente nur vor, um mir wieder von
Neuem bestätigen zu lassen, wie ohnmächtig sie sind.
Ich kann es nicht begreifen, wenn andere Psychotherapeuten
berichten, daß sie mit solchen Waffen die Neurosen erfolgreich be=
kämpfen.S.
27
zweifelt aber, daß alle seine bösen Regungen von dieser
Herkunft sind. Ich verspreche, es ihm im Laufe der Kur
zu beweisen.
Er führt noch an, daß die Krankheit sich seit dem Tode
des Vaters so enorm gesteigert hat und ich gebe ihm
insofern Recht, als ich die Trauer um den Vater als
Hauptquelle der Krankheitsintensität anerkenne. Die
Trauer hat in der Krankheit gleichsam einen neuen
pathologischen Ausdruck gefunden. Während eine
normale Trauer in 1-2 Jahren ihren Ablauf erreicht,
ist eine pathologische wie seine in ihrer Dauer unbe=
grenzt.
Soweit reicht, was ich aus dieser Krankengeschichte
ausführlich und in der Reihenfolge erzählen kann.
Es deckt sich ungefähr mit der Exposition der
über 11 Monate verlaufenden Behandlung.
e) Einige Zwangsvorstellungen und deren Übersetzung
Zwangsvorstellungen erscheinen bekanntlich entweder un=
motivirt oder unsinnig, ganz wie der Wortlaut
unserer nächtlichen Träume, und die nächste Aufgabe,
die sie stellen, geht dahin, ihnen Sinn und Halt im Seelen=
leben des Individuums zu geben, so daß sie ver=
ständlich, ja eigentlich selbstverständlich werden.
Man lasse sich in dieser Aufgabe der Übersetzung niemals
durch den Anschein der Unlösbarkeit beirren;
die tollsten oder absonderlichsten Zwangsideen
lassen sich durch gebührende Vertiefung lösen. Zu
dieser Lösung gelangt man aber, wenn man die
Zwangsideen in zeitlichen Zusammenhang mit dem
Erleben des Patienten bringt, also indem man
erforscht, wann die einzelne Zwangsidee zuerst
aufgetreten ist, und unter welchen äußeren Um=
ständen sie sich zu wiederholen pflegt. Bei Zwangs=
ideen, die es, wie so häufig, zu keiner Dauerexistenz
gebracht haben, vereinfacht sich dementsprechend
auch die Lösungsarbeit. Man kann sich leicht über=
zeugen, daß nach der Aufdeckung des Zusammenhanges
der Zwangsidee mit dem Erleben des Kranken
alles andere Räthselhafte und Wissenswerthe
an dem pathologischen Gebilde, seine Bedeutung, der
Mechanismus seiner Entstehung, seine Abkunft
von den maßgebenden psychischen Triebkräften un=
serer Einsicht leicht zugänglich wird.S.
28
Ich beginne mit einem besonders durchsichtigen
Beispiel des bei unserem Patienten so häufigen
Selbstmordimpulses, welches sich in der Darstellung
beinahe von selbst analysirt: Er verlor einige
Wochen im Studium infolge der Abwesenheit
einer Dame, welche abgereist war um ihre schwer
erkrankte Großmutter zu pflegen. „Mitten im eifrig=
sten Studium fiel ihm da ein: Das Gebot sich
den ersten möglichen Prüfungstermin im Semester
zu nehmen, könne man sich ja gefallen lassen. Wie
aber, wenn dir das Gebot käme, dir den Hals
mit dem Rasiermesser abzuschneiden? Er merkte
sofort, daß dieses Gebot bereits erflossen war,
eilte zum Schrank um das Rasiermesser zu holen,
da fiel ihm ein: Nein, so einfach ist das nicht. Du
mußt x) hinreisen und die alte Frau umbringen. Da
fiel er vor Entsetzen auf den Boden.
x) Ich ergänze hier ein: vorher.
Der Zusammenhang dieser Zwangsidee mit dem Leben
ist hier im Eingang des Berichtes enthalten. Seine Dame
war abwesend, während er angestrengt für eine
Prüfung studirte, um die Verbindung mit ihr
eher zu ermöglichen. Da überfiel ihn während
des Studiums die Sehnsucht nach der Abwesenden und
der Gedanke an den Grund ihrer Abwesenheit. Und nun
kam etwas was bei einem normalen Menschen
etwa eine unmuthige Regung gegen die Großmutter
gewesen wäre: Muß die alte Frau gerade jetzt
krank werden, wo ich mich nach ihr so schrecklich
sehne! Etwas ähnliches, aber weit intensiveres
muß man nun bei unserem Patienten supponiren,
einen unbewußten Wuthanfall, der sich gleichzeitig
mit der Sehnsucht in den Ausruf kleiden könnte:
Oh ich möchte hinreisen und die alte Frau umbringen,
die mich meiner Geliebten beraubt. Darauf folgt
das Gebot: bring dich selbst um, als Selbstbestrafung
für solche Wuth- und Mordgelüste, und der ganze
Vorgang tritt unter heftigstem Affekt in um=
gekehrter Reihenfolge – das Strafgebot voran,
am Ende die Erwähnung der strafbaren Gelüste –
in das Bewußtsein des Zwangskranken. Ich
glaube, nicht, daß dieser Erklärungsversuch gezwungen
erscheinen kann oder viel hypothetische Elemente
aufgenommen hat.S.
29
Ein anderer länger anhaltender Impuls zum gleichsam
indirekten Selbstmord war nicht so leicht aufzuklären,
weil er seine Beziehung zum Erleben hinter einer
äußerlichen Assoziation, wie sie unserem Bewußtsein
so sehr anstößig erscheinen, verbergen konnte. Eines
Tages kam ihm plötzlich im Sommeraufenthalt die Idee
er sei zu dick, er müsse abmagern. Er begann nun noch
vor der Mehlspeise vom Tische aufzustehen, ohne Hut
in der Sonnenglut des Augusts auf die Straße zu
rennen und dann im Laufschritt auf die Berge zu steigen
bis er schweißüberströmt Halt machen mußte. Hinter
dieser Abmagerungssucht kam auch die Selbstmordab=
sicht einmal unverhüllt zum Vorschein, als ihm auf
einem scharfen Abhang plötzlich das Gebot laut wurde,
da hinunterzuspringen, was sicheren Tod bedeutet hätte.
Die Lösung dieses unsinnigen Zwangshandelns ergab
sich unserem Patienten erst, als ihm plötzlich einfiel, zu
jener Zeit sei die geliebte Dame auch in dem Sommer=
aufenthalt gewesen, aber in Begleitung eines englischen
Vetters der sich sehr um sie bemühte und auf den er
sehr eifersüchtig war. Der Vetter hieß Richard
und wurde, wie in England allgemein üblich, Dick
genannt. Diesen Dick wollte er nun umbringen,
er war auf ihn viel eifersüchtiger und wüthender
als er sich eingestehen konnte und darum legte er
sich zur Selbstbestrafung die Pein jener Abmage=
rungskur auf. x) So verschieden dieser Zwangsimpuls
auch vom vorigen, direkten Selbstmordgebot zu
sein scheint, ein Zug (bedeutsamer) ist den beiden
gemeinsam, die Entstehung als Reaktion auf eine
ungeheure, vom Bewußtsein nicht zu erfassende
Wuth gegen eine Person, die als Störerin der
Liebe auftritt. x)
x) Die Verwendung von Namen und Worten zur Herstellung
der Verknüpfung zwischen den unbewußten Gedanken
(Regungen, Phantasien) und den Symptomen geschieht bei
der Zwangsneurose lange nicht so häufig und so rücksichts=
los wie bei Hysterie. Doch habe ich gerade für den Namen
Richard ein anderes Beispiel bei einem vor langer
Zeit analysirten Kranken in Erinnerung. Nach einem
Zwist mit seinem Bruder begann er zu grübeln, wie
er sich seines Reichthums entledigen könne, er wolle
nichts mehr mit Geld zu thun haben usf. Sein Bruder
hieß Richard (richard im französischen ein Reicher).S.
30
Andere Zwangsvorstellungen wiederum nach der Geliebten
orientirt, lassen doch anderen Mechanismus und
andere Triebabkunft erkennen. Zur Zeit der
Anwesenheit seiner Dame in seinem Sommeraufenthalt
producirte er außer jener Abmagerungssucht eine
ganze Reihe von Zwangsthätigkeiten, die sich wenigstens
theilweise direkt auf ihre Person bezogen. Als er
einmal mit ihr auf einem Schiff fuhr, während es
ein scharfer Wind gieng, nöthigte er sie so lange
seine Kappe aufzusetzen, weil sich bei ihm das Gebot
gebildet hatte, es dürfe ihr nichts geschehen. x) Es war
x) zu ergänzen: woran er Schuld haben könnte.
eine Art von Schutzzwang, der auch andere Blüthen
trieb. Ein andermal stellte sich bei ihm während eines
Zusammenseins im Gewitter der Zwang ein, zwischen
Blitz und Donner bis 40 oder 50 gezählt zu haben, wofür ihm
jedes Verständniß abging. Am Tage, als sie abreiste,
stieß er mit dem Fuße gegen einen auf der Straße
liegenden Stein und mußte ihn nun auf die Seite
räumen, weil ihm die Idee kam in einigen Stunden
werde ihr Wagen auf derselben Straße fahren
und vielleicht an diesem Stein zu Schaden kommen.
Aber einige Minuten später fiel ihm ein, das sei doch
ein Unsinn, und er mußte nun zurückgehen und
den Stein wieder an seine frühere Stelle mitten
auf der Straße legen. Nach ihrer Abreise be=
mächtigte sich seiner ein Verstehzwang, der ihn allen
den Seinigen unausstehlich machte. Er nöthigte sich jede
Silbe, die irgend Jemand zu ihm sprach, genau zu verstehen,
als ob ihm sonst ein großer Schatz entgienge. So
fragte er immer: Was hast du jetzt gesagt? und wenn
man es ihm wiederholte, meinte er, es habe doch das erste
Mal anders gelautet und blieb unbefriedigt.
Alle diese Erzeugnisse der Krankheit hängen von
einer Begebenheit ab, welche damals sein Verhältniß
zur Geliebten dominirte. Als er sich vor dem Sommer
von ihr in Wien verabschiedete, legte er eine ihrer
Reden so aus, als ob sie ihn vor der anwesenden Gesell=
schaft verleugnen wollte, und war darüber sehr
unglücklich. Im Sommeraufenthalt gab es Gelegenheit
zur Aussprache und da konnte die Dame ihm
nachweisen, daß sie mit jenen von ihm mißverstandenen
Worten ihn vielmehr vor Lächerlichkeit bewahrenS.
31
wollte. Er war nun wiederum sehr glücklich. Der deut=
lichste Hinweis auf diesen Vorfall enthält der Versteh=
zwang, der so gebildet ist, als ob er sich gesagt hätte: Nach
dieser Erfahrung darfst du jetzt nie wieder jemanden
mißverstehen, wenn du dir überflüssige Pein ersparen
willst. Aber dieser Vorsatz ist nicht nur von dem
einen Anlaß her verallgemeinert, er ist auch
– vielleicht wegen der Abwesenheit der Geliebten –
von ihrer hochgeschätzten Person auf alle anderen
minderwerthigen Personen verschoben.ErDer Zwang kann auch
nicht allein aus der Befriedigung über die von ihr
empfangene Aufklärung hervorgegangen sein, er
muß noch etwas anderesnichtbedeuten.Der Zwangerdenn er läuft ja in den unbefriedigenden Zweifel
andieder Wiedergabe des Gehörten aus.
Die anderen Zwangsgebote leiten auf die Spur dieses
anderen Elementes. Der Schutzzwang kann nichts
anderes bedeuten als die Reaktion – Reue und
Buße – gegen eine gegensätzliche, also feindselige Regung
die sich vor der Aufklärung gegen die Geliebte
gerichtet hatte. Der Zählzwang beim Gewitter deutet
sich durch das beigebrachte Material als eine
Abwehrmaßregel gegen Befürchtungen, welche
Lebensgefahr bedeuteten. Durch die Analysen
der ersteren Zwangsvorstellungen sind wir bereits
darauf vorbereitet, die feindseligen Regungen unseres
Patienten für besonders heftig, von der Art der
sinnlosen Wuth zu schätzen, und dann finden wir,
daß diese Wuth gegen die Dame auch nach der
Versöhnung ihren Beitrag zu den Zwangsbildungen
stellt. In der Zweifelsucht, ob er richtig gehört,
ist der fortwirkende Zweifel dargestellt, ob er
wol diesmal die Geliebte richtig verstanden hat
und ihre Worte mit Recht als Beweis ihrer
zärtlichen Neigung auffassen darf. Der Zweifel
des Verstehzwanges ist Zweifel an ihrer Liebe. Es tobt in unseremPatientenVerliebten ein Kampf zwischen Liebe
und Haß, die der gleichen Person gelten, und
dieser Kampf wird plastisch dargestellt
in der zwanghaften, symbolisch bedeutsamen Handlung,
den Stein von dem Wege, den sie befahren soll, weg=S.
32
zuräumen und dann diese Liebesthat wieder rück=
gängig zu machen, den Stein wieder hinzulegen, wo er
lag, damit ihr Wagen an ihm scheitere und sie zu
Schaden komme. Wir verstehen diesen zweiten Theil
der Zwangshandlung nicht richtig, wenn wir ihn nur
als kritische Abwendung vom krankhaften Thun
auffassen, wofür er sich selbst ausgeben möchte. Daß
auch er sich unter der Empfindung des Zwanges
vollzieht, verräth, daß er selbst ein Stück des krank=
haften Thuns ist, welches aber von dem Gegensatz
zum Motiv des ersten Stückes bedingt wird.
Solche zweizeitige Zwangshandlungen, deren erstes Tempo
vom zweiten aufgehoben wird, sind ein typisches Vor=
kommniß bei der Zwangsneurose. Sie werden vom
Bewußtsein des Kranken natürlich mißverstanden
und mit einer sekundären Motivirung versehen
– rationalisirt. x)) Ihre wirkliche Bedeutung liegt
x) Vgl. Ernest Jones, Rationalisation in every-day life.
? ?
aber in der Darstellung des Conflicts zweier annähernd
gleich großer gegensätzlicher Regungen, so viel ich
bisher erfahren konnte, stets des Gegensatzes von
Liebe und Haß. Sie beanspruchen ein besonderes
theoretisches Interesse, weil sie einen neuen Typus
der Symptombildung erkennen lassen. Anstatt wie
es bei Hysterie regelmäßig geschieht, ein Compromiß
zu finden, welches beiden Gegensätzen in einer
Darstellung genügt, zwei Fliegen mit einem Schlag
trifft, x)) werden hier die beiden Gegensätze, jeder
x) Vgl. Sammlung etc zur Neurosenlehre. Zweite Folge 1909
V Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität.
einzeln, befriedigt, zuerst der eine und dann der andere
natürlich nicht ohne daß der Versuch gemacht würde
zwischen den beidenfeindseligeneinander feindseligen, eine Art
von logischer Verknüpfung – oft mit Beugung aller
Logik – herzustellen. x)
x) Ein anderer Zwangskranker berichtete mir einmal,
er sei im Park von Schönbrunn auf einen im Wege
liegenden Ast gestoßen, den er nun in die den Weg
begrenzende Hecke schleuderte. Auf dem Heimwege
überkam ihn plötzlich die Sorge, in der neuen Lage
könnte der jetzt vielleicht etwas vorragendeS.
33
Ast zum Anlaß eines Unfalles für Jemand werden, der
nach ihm, an derselben Stelle vorbeigehe. Er mußte
von der Trambahn abspringen, in den Park zurück=
eilen, die Stelle aufsuchen und den Ast in die frühere
Lage zurückbringen, obwohl es jedem anderen als
dem Kranken einleuchten würde, daß die frühere
Lage doch für einen Passanten gefährlicher sein
müßte als die neue im Gebüsch. Die zweite feind=
selige Handlung, die sich als Zwang durchsetzte,
hatte sich vor dem Bewußtsein mit der Moti=
virung der ersten, menschenfreundlichen, geschmückt.
Der Konflikt zwischen Liebe und Haß that sich bei unsem
Patienten auch durch andere Anzeichen kund. Zur
Zeit seiner wiedererwachenden Frömmigkeit richtete
er sich Gebete ein, die allmälig bis zu 1 1/2 Stunden
in Anspruch nahmen, weil sich ihm – ein umge=
kehrter Bileam – in die frommen Formeln immer etwas
einmengte, was sie ins Gegentheil verkehrte. Sagte
er z. B.: Gott schütze ihn – so gab der böse Geist schnell
ein: nicht dazu. x) Einmal kam ihm dabei die Idee zu
x) Vgl. den ähnlichen Mechanismus der bekannten
sakrilegischen Einfälle der Frommen.
fluchen; da werde sich doch gewiß ein Widerspruch ein=
schleichen; in diesem Einfall brach sich die ursprüngliche,
durch das Gebet verdrängte, Intention Bahn. In
solcher Bedrängniß fand er den Ausweg, die Gebete
abzustellen und sie durch eine kurze Formel zu
ersetzen, die aus den Anfangsbuchstaben oder Anfangs=
silben verschiedener Gebete zusammengebraut war.
Diese sprach er dann so rasch aus, daß ihm nichts da=
zwischenfahren konnte.
Er brachte mir einmal einen Traum, der die Dar=
stellung desselben Konfliktes in der Übertragung
auf den Arzt enthielt: Meine Mutter ist gestorben.
Er will kondoliren, fürchtet aber, daß er dabei
das impertinente Lachen produciren wird, das er
schon wiederholt bei Todesfällen gezeigt hat. Er schreibt
darum lieber eine Karte mit p. c., aber diese
Buchstaben verwandeln sich ihm beim Schreiben
in p. f. x)
x) Dieser Traum gibt die Aufklärung des so häufigen
und als räthselhaft betrachteten Zwangslachens bei
Traueranlässen.S.
34
Der Widerspruch seiner Gefühle gegen seine
Dame war zu deutlich, als daß er sich seiner bewußten
Wahrnehmung gänzlich hätte entziehen können, wenn=
gleich wir aus den Zwangsäußerungen desselben
schließen dürfen, daß er für die Tiefe seiner negativen
Regungen die richtige Schätzung nicht besaß. Die Dame
hatte seine erste Werbung vor zehn Jahren mit einem
Nein beantwortet. Seither wechselten Zeiten, in
denen er sie intensiv zu lieben glaubte, mit anderen
in welchen er gleichgiltig gegen sie fühlte, auch in seinem
Wissen, mit einander ab. Wenn er im Laufe der Be=
handlung einen Schritt thun sollte, welcher ihn dem
Ziel der Bewerbung näher brachte so äußerte sich
sein Widerstand gewöhnlich zuerst in der Überzeugung,
er habe sie eigentlich gar nicht so lieb, die freilich
bald überwunden wurde. Als sie einmal in schwerer
Krankheit zu Bette lag, was seine äußerste Theil=
nahme hervorrief, brach bei ihrem Anblick der
Wunsch bei ihm durch: So soll sie immer liegen
bleiben. Er deutete sich diesenAusspruchEinfall durch das spitz=
findige Mißverständniß, er wünsche nur darum
ihr beständiges Kranksein, damit er die Angst vor
wiederholten Krankheitsanfällen los werde, die er
nicht ertragen könne! x)
x) Ein Beitrag eines anderen Motivs zu diesem Zwangsein=
fall ist nicht abzuweisen, des Wunsches, sie wehrlos gegen
seine Absichten zu wissen.
Gelegentlich beschäftigte
er seine Phantasie mit Tagträumen, die er selbst
als „Rachephantasien“ erkannte, und deren er sich schämte.
Weil er meinte, daß sie einen großen Werth auf
die sociale Stellung eines Bewerbers legen würde,
phantasirte er, daß sie einen solchen Mann in amtlicher
Position geheirathet habe. Er tritt nun in dasselbe
Amt ein, bringt es dort viel weiter als jener,
der zu seinem Untergebenen wird. Eines Tages hat
dieser Mann eine unlautere Handlung begangen.
Die Dame fällt ihm zu Füßen, beschwört ihn, ihren Mann
zu retten. Er verspricht es, eröffnet ihr, daß er nur
aus Liebe zu ihr in das Amt eingetreten sei, weil
er einen solchen Moment vorausgesehen habe.
Jetzt sei mit der Rettung ihres Mannes seine
Mission erfüllt; er lege sein Amt nieder.S.
35
In anderen Phantasien des Inhalts, daß er ihr einen großen
Dienst leiste usf ohne daß sie erfahre, daß er es sei, aner=
kannt er blos die Zärtlichkeit, ohne den zur Verdrängung
der Rachsucht bestimmten Edelmut nach Muster des
Dumas'schen Grafen von Monte Christo nach dieser
seiner Herkunft und Tendenz zu würdigen. Übrigens
gestand er zu, daß er gelegentlich unter sehr deutlichen
Impulsen stehe, der von ihm verehrten Dame etwas
anzuthun. Diese Impulse schwiegen meist in ihrer
Gegenwart und traten in ihrer Abwesenheit hervor.
f) Die Krankheitsveranlassung
Eines Tages erwähnte unser Patient flüchtig eine
Begebenheit, in welcher ich sofort die Krankheitsveran=
lassung, wenigstens den recenten Anlaß des noch heute
anhaltenden Krankheitsausbruches vor etwa 6 Jahren
erkennen mußte. Er selbst hatte keine Ahnung, daß
er etwas Bedeutsames vorgebracht hatte; er konnte
sich nicht erinnern, der Begebenheit, die er übrigens
niemals vergessen hatte, einen Werth beigelegt zu
haben. Dieses Verhalten fordert eine theoretische
Würdigung heraus.
Bei Hysterie ist es Regel, daß die recenten Anlässe
der Erkrankung der Amnesie ebenso verfallen
wie die infantilen Erlebnisse, mit deren Hilfe jene
ihre Affektenergie in Symptome umsetzen. Wo ein
völliges Vergessen unmöglich ist, da wird die recente
traumatische Veranlassung wenigstens von der
Amnesie angenagt und zum mindesten ihrer be=
deutsamsten Bestandtheile beraubt. Wir sehen in
solcher Amnesie den Erweis der stattgehabten Ver=
drängung. Anders ist es in der Regel bei der
Zwangsneurose. Die infantilen Voraussetzungen
der Neurose mögen einer – oft nur unvollständigen –
Amnesie verfallen sein; die recenten Anlässe der
Erkrankung finden sich dagegen im Gedächtnis er=
halten. Die Verdrängung hat sich hier eines andern,
eigentlich einfacheren Mechanismus bedient; anstatt
das Trauma zu vergessen, hat sie ihm die Affektbe=
setzung entzogen, so daß im Bewußtsein ein
indifferenter, für unwesentlich erachteter
Vorstellungsinhalt erübrigt. Der Unterschied liegt
im psychischen Geschehen, das wir hinter den Phänomenen
konstruiren dürfen; der Erfolg des VorgangesS.
36
ist fast der nämliche, denn der indifferente Erinnerungs=
inhalt wird nur selten reproducirt und spielt in der
Gedankenthätigkeit der Person keine Rolle. Zur Unter=
scheidung der beiden Arten der Verdrängung können
wir zunächst nur die Versicherung des Patienten ver=
wenden. Er habedas Gefühldie Empfindung, das eine
habe er immer gewußt, das andere seit langer
Zeit vergessen habe. x)
Es ist darum kein seltenes Vorkommniß, daß
Zwangskranke, die an Selbstvorwürfen leiden
und ihre Affekte an falsche Veranlassungen geknüpft
haben, dem Arzt auch von den richtigen Mittheilung
machen, ohne zu ahnen, daß ihre Vorwürfe nur von
diesen Letzteren abgetrennt worden sind. Sie
x) Man muß also zugeben, daß es für die Zwangsneurose
zweierlei Wissen und Kennen gibt und darf mit dem
gleichen Recht behaupten, der Zwangskranke „kenne“
dieseine Traumen, wie er „kenne“ sie nicht. Er kennt
sie nämlich insofern er sie nicht vergessen hat, er kennt
sie nicht, da er nicht ihre Bedeutung erkennt. Es ist
im normalen Leben oft auch nicht anders. Die Kellner,
die den Philosophen Schopenhauer in seinem Stamm=
gasthaus zu bedienen pflegten, „kannten“ ihn in gewissem
Sinne zu einer Zeit da er sonst in und außerhalb
Frankfurt unbekannt war, aber nicht in dem Sinne,
den wir heute mit der „Kenntniß“ von Schopen=
hauer verbinden.
äußern dabei gelegentlich sehr verwundert oder
selbst wie prahlerisch: Daraus mache ich mir aber gar
nichts. So war es auch in dem ersten Falle von Zwangs=
neurose, der mir vor vielen Jahren das Verständniß
des Leidens eröffnete. Der Patient, ein Staatsbeamter,
der an ungezählten Bedenklichkeiten litt, derselbe, von
dem ich die Zwangshandlung an dem Ast im Schönbrunner
Park berichtet habe, fiel mir dadurch auf, daß er
mir für den Besuch in der Sprechstunde stets reine und
glatte Papiergulden überreichte. (Wir hatten damals
in Österreich noch kein Silbergeld.) Als ich einmal
bemerkte, man erkenne doch gleich den
Staatsbeamten an den nagelneuen Gulden, die er
von der Staatskasse beziehe, belehrte er mich, dieS.
37
Gulden seien keineswegs neu, sondern in seinem
Hause gebügelt (geplättet) worden. Er mache sich ein
Gewissen daraus, jemand schmutzige Papiergulden
in die Hand zu geben; da klebten die gefährlichsten
Bakterien daran, die dem Empfänger schaden, bringen
könnten. Mir dämmerte damals bereits in unsicherer
Ahnung der Zusammenhang der Neurosen mit
dem Sexualleben und so wagte ich es, den Patienten
ein andermal zu befragen, wie er es in diesem
Punkte hielte. Oh alles in Ordnung, meinte er
leichthin, ich leide keinen Mangel. Ich spiele in vielen
guten Bürgerhäusern die Rolle eines lieben
alten Onkels und die benütze ich, um mir von Zeit
zu Zeit ein junges Mädchen für eine Landpartie
auszubitten. Ich richte es dann so ein, daß wir den
Zug versäumen und auf dem Lande übernachten
müssen. Ich nehme dann immer zwei Zimmer, ich
bin sehr nobel, aber wenn das Mädchen im Bett
ist, komme ich zu ihr und masturbire sie mit meinen
Fingern. – Ja fürchten Sie denn nicht, daß Sie ihr
schaden, wenn Sie mit Ihrer schmutzigen Hand in
ihren Genitalien herum arbeiten? – Da brauste
er aber auf: Schaden? Was soll es ihr denn schaden?
Keiner hat es noch geschadet und jeder war es
recht. Einige von ihnen sind schon verheirathet und
es hat ihnen nicht geschadet. – Er nahm meine
Beanstandung sehr übel auf und kam nie wieder.
Ich konnte mir aber den Contrast zwischen seiner
Bedenklichkeit bei den Papiergulden und seiner
Rücksichtslosigkeit beim Mißbrauch der ihm anver=
trauten Mädchen nur durch eine Verschiebung
des Vorwurfsaffekts erklären. Die Tendenz
dieser Verschiebung war deutlich genug; wenn
er den Vorwurf dort beließ, wohin er gehörte,
so mußte er auf eine sexuelle Befriedigung ver=
zichten, zu der er wahrscheinlich durch starke infantile
Determinanten gedrängt war. Er erzielte also durch
die Verschiebung einen namhaften Krankheits=
gewinn.
Auf die Krankheitsveranlassung bei unserem Patienten
muß ich aber nun ausführlicher eingehen. Seine
Mutter war als entfernte Verwandte in einer
reichen Familie aufgezogen worden, die ein großesS.
38
industrielles Unternehmen betrieb. Sein Vater trat
gleichzeitig mit der Heirat in den Dienst dieses Unternehm(ens)
und gelangte so, eigentlich infolge seiner Ehewahl zu
ziemlichem Wohlstand. Durch Neckereien zwischen den
in vortrefflicher Ehe lebenden Eltern hatte der Sohn
erfahren, daß der Vater einem hübschen armen Mädchen
aus bescheidener Familie einen Hof gemacht hatte,
eine Zeit lang bevor er die Mutter kennen lernte.
Dies die Vorgeschichte. Nach dem Tode des Vaters theilte
die Mutter eines Tages dem Sohne mit, es sei zwischen
ihr und ihren reichen Verwandten die Rede von
seiner Zukunft gewesen und einer der Vettern
habe seine Bereitwilligkeit ausgedrückt ihm eine
seiner Töchter zu geben, wenn er seine Studien beendigt
habe. Die Verbindunggeschäftlichemit der Firma
werde ihm dann auch in seinem Berufe glänzende
Aussichten eröffnen. Dieser Plan der Familie entzündete
in ihm den Conflict ob erder armen Geliebten treuseiner armen Geliebten treu bleiben,
oder in die Fußstapfen des Vaters treten und das
schöne, reiche, vornehme junge Mädchen, das ihm bestimmt
worden, zur Frau nehmen solle. Und diesen Conflict,
der eigentlich ein solcher zwischen seiner Liebe und dem
fortwirkenden Willen des Vaters war, löste er durch
Erkrankung, richtiger gesagt: er entzog sich durch
die Erkrankung der Aufgabe ihn in der Realität zu
lösen. x)
Der Beweis für diese Auffassung liegt in der Thatsache,
daß hartnäckige Arbeitsunfähigkeit, die ihn die Beendi=
gung seiner Studien um Jahre aufschieben ließ, der
Haupterfolg der Erkrankung war. Was aber der
Erfolg einer Krankheit ist, das lag in der Absicht der=
selben; die anscheinende Krankheitsfolge ist in Wirklich=
keit die Ursache, das Motiv des Krankwerdens.
Meine Aufklärung fand begreiflicher Weise
bei dem Kranken zunächst keine Anerkennung. Er
könne sich eine solche Wirkung des Heiratsplans
nicht vorstellen, derselbe habe ihm seinerzeit nicht
den mindesten Eindruck gemacht. Im weiteren Ver=
laufe der Kur mußte er sich aber auf einem ab=
abenteuerlichen Wege von der Richtigkeit meiner
Vermuthung überzeugen. Er erlebte mit Hilfe einer
x) Es ist hervorzuheben, daß die Flucht in die Krankheit ihm
durch die Identifizierung mit dem Vater ermöglicht wurde.
Diese gestattete ihm die Regression der Affekte auf die Kindheits=
reste.S.
39
Übertragungsphantasie als neu und gegenwärtig,
was er aus der Vergangenheit vergessen hatte oder
was nur unbewußt bei ihm abgelaufen war. Aus
einer dunklen und schwierigen Periode der Behandlungs=
arbeit ergab sich endlich, daß er ein junges Mädchen, welches
er einmal auf der Stiege meines Hauses getroffen hatte,
zu meiner Tochter erhoben hatte. Sie erregte sein Wohlgefallen
und er imaginirte, daß ich darum so liebenswürdig
und unerhört geduldig mit ihm sei weil ich ihn zum
Schwiegersohn wünsche, wobei er den Reichthum und
die Vornehmheit meines Hauses bis zu dem ihm gemäßen
Vorbild erhebenden Niveau erhöhte. Gegen diese Ver=
suchung stritt aber in ihm die unauslöschliche Liebe zu
seiner Dame. Nachdem wir eine Reihe der schwersten
Widerstände und ärgsten Beschimpfungen überwunden
hatten, konnte er sich der überzeugenden Wirkung der
vollen Analogie zwischen der phantasirten Übertragung
und der damaligen Realität nicht entziehen. Ich gebe
einen seiner Träume aus dieser Zeit wieder um den
Stil seiner Darstellung an einer Probe zu zeigen.
Er sieht meine Tochter vor sich aber sie hat zwei
Dreckpatzen anstatt der Augen. Für jeden, der die
Sprache der Träume versteht, wird die Übersetzung
leicht sein: Er heirathet meine Tochter nicht ihrer
schönen Augen, sondern ihres Geldes wegen.
g) Der Vatercomplex und die Lösung der Rattenidee.
Von der Krankheitsveranlassung reiferer Jahre
führte ein Faden zurück in die Kindheit unseres
Patienten. Er fand sich in einer Situation wie sie nach
seinem Wissen oder Vermuthen der Vater vor
seiner eigenen Eheschließung bestanden hatte, und
konnte sich mit dem Vater identificiren. Noch in
anderer Weise spielte der verstorbene Vater
in die Erkrankung recente hinein. Der Krankheits=
conflict war im Wesen ein Widerstreit zwischen
dem fortwirkenden Willen des Vaters und seiner
eigenen verliebten Neigung. Nehmen wir Rücksicht
auf die Mittheilungen, die der Patient in den
ersten Stunden der Behandlung gemacht hatte,
so können wir die Vermuthung nicht abweisen,
daß dieser Widerstreit ein uralter gewesen sei
und sich schon in den Kinderjahren des Kranken ergeben
habe.S.
40
Der Vater unseres Patienten war nach allen Aus=
künften ein ganz vortrefflicher Mann. Er war vor
der Heirath Unteroffizier gewesen und hatte eine
aufrichtige soldatische Art sowie eine Vorliebe für
derbe Ausdrücke als Niederschlag aus diesem Stück
seines Lebens behalten. Außer den Tugenden, die
der Leichenstein an jedermann zu rühmen pflegt,
zeichnete ihn ein herzlicher Humor und eine gütige
Nachsicht gegen seine Mitmenschen aus; es steht gewiß
nicht im Widerspruch mit diesem Charakter, stellt
sich vielmehr als Ergänzung zu ihm dar, daß er
jäh und heftig sein konnte, was den Kindern,
so lange sie klein und schlimm waren, gelegentlich
zu sehr empfindlichen Züchtigungen verhalf. Als
die Kinder heranwuchsen, wich er von anderen
Vätern darin ab, daß er sich nicht zur unantastbaren
Autorität emporheben wollte, sondern in gut=
müthiger Offenheit die kleinen Verfehlungen
und Mißgeschicke seines Lebens ihrer Mitwissenschaft
preisgab. Der Sohn übertrieb gewiß nicht wenn er
aussprach, sie hätten mit einander verkehrt wie
die besten Freunde, bis auf einen einzigen Punkt
(vgl S. ). An diesem einen Punkt mußte es wol
gelegen sein, wenn den Kleinen der Gedanke
an den Tod des Vaters mit ungewöhnlicher und
ungebührlicher Intensität beschäftigte (S. ...), wenn
solche Gedanken im Wortlaut seiner kindlichen
Zwangsideen auftraten, wenn er sich wünschen
konnte, der Vater möge sterben, damit ein
gewisses Mädchen, durch Mitleid erweicht, zärtlicher
gegen ihn sei (S....)
Es ist nicht zu bezweifeln, daß auf dem Gebiete der Sexualität
etwas zwischen Vater und Sohn stand, und daß der Vater
in einen bestimmten Gegensatz zu der frühzeitig
erwachten Erotik des Sohnes geraten war. Mehrere
Jahre nach dem Tode des Vaters, drängte sich dem Sohn,
als er zum ersten Male die Lustempfindung eines
Coitus erfuhr, die Idee auf: Das ist doch großartig;
dafür könnte man seinen Vater ermorden!
Dies zugleich ein Nachklang und eine Verdeutlichung
seiner kindlichen Zwangsideen. Kurz vor seinem
Tode hatte der Vater übrigens direkt gegenS.
41
die später dominirende Neigung unseres Patienten
Stellung genommen. Er merkte daß er die Gesellschaft
jener Dame aufsuche und riet ihm von ihr ab mit den
Worten es sei nicht klug und er werde sich nur
blamiren.
Zu diesen vollkommen gesicherten Anhaltspunkten kommt
anderes hinzu, wenn wir uns zur Geschichte der onan=
istischen Sexualbetätigung unseres Patienten wenden.
Es besteht auf diesem Gebiete ein noch nicht verwerteter
Gegensatz zwischen den Ansichten der Ärzte und der Kranken.
Letztere sind alle darin einig, die Onanie, unter der
sie die Pubertätsmasturbation verstehen, als Wurzel
und Urquell all ihrer Leiden hinzustellen; die Ärzte
wissen im Allgemeinen nicht, wie sie darüber denken
sollen, aber unter dem Eindruck der Erfahrung, daß
auch die meisten später Normalen in den Pubertätsjahren
eine Weile onanirt haben, neigen sie in ihrer
Mehrzahl dazu, die Angaben der Kranken als grobe
Überschätzungen zu verurtheilen. Ich meine, daß die
Kranken auch hierin eher Recht als die Ärzte haben.
Den Kranken dämmert hier eine richtige Einsicht während
die Ärzte in Gefahr sind etwas Wesentliches zu
übersehen. Es verhält sich gewiß nicht so, wie die Kranken
ihren Satz selbst verstehen wollen, daß die fast
typisch zu nennende Pubertätssonanie für alle
neurotischen Störungen verantwortlich zu machen sei.
Der Satz bedarf der Deutung. Aber die Onanie der
Pubertätsjahre ist in Wirklichkeit nichts anderes als
die Auffrischung der bisher vernachlässigten Onanie
der Kinderjahre, welche zumeist in den Jahren von 3
oder 4 bis 5 oder 6 eine Art von Höhepunkt erreicht, und
diese ist allerdings der deutlichste Ausdruck der sexuellen
Constitution des Kindes, in welcher auch wir die
Ätiologie der späteren Neurosen suchen. Die Kranken
beschuldigen also eigentlich ihre infantile Sexualität
unter solcher Verhüllung, und darin haben sie vollauf
Recht. Das Problem der Onanie wird dagegen un=
lösbar wenn man die Onanie als eine klinische
Einheit auffassen will und daran vergißt, daß sie
die Abfuhr der verschiedenartigsten Sexualcomponenten
und der von ihnen gespeisten Phantasien darstellt.S.
42
Die Schädlichkeit der Onanie ist nur zu geringem
Antheil eine autonome, durch ihre eigene Natur bedingte,
der Hauptsache nach fällt sie mit der pathogenen Bedeutung
des Sexuallebens überhaupt zusammen. Wenn so viele
Individuen die Onanie, d. h. ein gewisses Ausmaß
dieser Betätigung ohne Schaden vertragen, so lehrt
diese Tatsache nichts anderes, als daß bei ihnen
die sexuelle Constitution unddie Entwicklungs
der Ablauf der Entwicklungsvorgänge im Sexualleben
die Ausübung der Funktion unter den culturellen
Bedingungen gestattet hat, x) während andere in Folge
x) Vgl. Drei Abhandlungen zur Sexualtheorie 1905.
ungünstiger Sexualconstitution oder gestörter Ent=
wicklung an ihrer Sexualität erkranken, d.h. die
Anforderungen zur Unterdrückungundund Sublimir=
ung der sexuellen Componenten nicht ohne
Hemmungen und Ersatzbildungen erfüllen können.
Unser Patient war in seinem Onanieverhalten
recht auffällig; er entwickelte keine Pubertäts=
onanie und hätte also nach gewissen Erwartungen
ein Anrecht darauf gehabt, frei von Neurose zu
bleiben. Dagegen trat der Drang zur onanistischen
Betheiligung im 21ten Jahr bei ihm auf, kurze Zeit
nach dem Tode des Vaters. Er war sehr beschämt
nach jeder Befriedigung und schwor ihr bald wieder
ab. Von da an trat die Onanie nur bei seltenen
und sehr merkwürdigen Anlässen wieder auf. „Besonders
schöne Momente, die er erlebte, oder besonders schöne
Stellen, die er las, riefen sie hervor. So z. B. als
er an einem schönen Sommernachmittag einen Postillon
in der inneren Stadt so herrlich blasen hörte, bis
ein Wachmann es ihm untersagte, weil in der Stadt
das blasen verboten sei! Oder ein andermal, als er
inWahrheit und Dichtung„Dichtung und Wahrheit“ las, wie sich der junge
Goethe in zärtlicher Aufwallung von der Wirkung
eines Fluches befreite, den eine Eifersüchtige über
die ausgesprochen, welche nach ihr seine Lippen küssen
würde. Lange hatte er sich wie abergläubisch durch
diesen Fluch abhalten lassen, jetzt aber zerriß
er die Fessel und küßte sein Lieb herzlich ab.“S.
43
Er verwunderte sich nicht wenig, daß er gerade bei
solchen schönen und erhebenden Anlässen zur Masturbation
gedrängt worden sei. Ich mußte aber aus diesen beiden
Beispielen als das Gemeinsame das Verbot und das
Sichhinaussetzen über ein Gebot herausheben.
In denselben Zusammenhang gehörte auch sein sonderbares
Benehmen zu einer Zeit, da er für eine Prüfung
studirte und mit der ihm liebgewordenen Phantasie
spielte, der Vater lebe noch und könne jeden
Moment wiederkommen. Er richtete es sich damals
so ein, daß sein Studium auf die spätesten Nacht=
stunden fiel. Zwischen 12 und 1 Uhr nachts unterbrach
er sich, öffnete die auf die Hausflur führende
Thüre, als ob der Vater davor stünde, und betrachtete
dann, nachdem er zurückgekommen war, im Spiegel
des Vorzimmers seinen entblößten Penis. Dies
tolle Treiben wird unter der Voraussetzung verständlich,
daß er sich so benahm, als ob er den Besuch des Vaters
um die Geisterstunde erwartete. Zu seinen Lebzeiten
war er eher ein fauler Student gewesen, worüber
sich der Vater oft gekränkt hatte. Nun sollte er
Freude an ihm haben, wenn er als Geist wiederkäm
und ihn beim Studiren traf! An dem anderen
Theil seines Thuns konnte der Vater aber unmöglich
Freude haben; damit trotzte er ihm also und brachte
so in einer unverstandenen Zwangshandlung
die beiden Seiten seines Verhältnisses zum Vater
neben einander zum Ausdruck, ähnlich wie in
der späteren Zwangshandlung vom Stein auf der
Straße gegen die geliebte Dame.
Auf diese und ähnlich Anzeichen gestützt, wagte ich
die Konstruktion, er habe als Kind im Alter vor
6 Jahren irgend eine sexuelle Missethat im Zusammen=
hange mit der Onanie begangen und sei dafür vom
Vater empfindlich gezüchtigt worden. Diese Bestrafung
hätte der Onanie allerdings ein Ende gemacht, aber
anderseits einen unauslöschlichen Groll gegen
den Vater hinterlassen und dessen Rolle als Störer
des sexuellen Genusses für alle Zeiten fixirt.
[vgl. die ähnlichen Vermuthungen in einer der ersten
Sitzungen S. x x] Zu meinem großen Erstaunen
berichtete nun der Patient, ein solcher VorfallS.
45
aus seinen ersten Kinderjahren sei ihm von der Mutter
wiederholt erzählt worden und offenbar darum nicht
in Vergessenheit gerathen, weil sich so merkwürdige
Dinge an ihn knüpften. Seine eigene Erinnerung
wisse allerdings nichts davon. Die Erzählung aber lautete:
Als er noch sehr klein war – die genauere Zeitbestim=
mung ließe sich noch durch das Zusammentreffen
mit der Todeskrankheit einer älteren Schwester gewinnen
– soll er etwas Arges angestellt haben, wofür ihn der
Vater prügelte. Da sei der kleine Knirps in eine
schreckliche Wuth gerathen und habe noch unter den
Schlägen den Vater beschimpft. Da er aber noch keine
Schimpfwörter kannte, habe er ihm alle Namen von
Gegenständen gegeben, die ihm einfielen, und gesagt:
Du Lampe, du Handtuch, du Teller etc. Der Vater
hielt erschüttert über diesen elementaren Ausbruch
im Schlagen inne und äußerte: Der Kleine da
wird entweder ein großer Mann oder ein großer
Verbrecher! x) Er meint, der Eindruck dieser Scene
sei sowol für ihn wie für den Vater ein
dauernd wirksamer gewesen. Der Vater habe
ihn nie wieder geprügelt; er selbst leitet aber
ein Stück seiner Charakterveränderung von
dem Erlebnis ab. Aus Angst vor der Größe seiner
Wuth sei er von da an feige geworden. Er hatte
übrigens sein ganzes Leben über schreckliche Angst
vor Schlägen und verkroch sich vor Entsetzen und
Empörung wenn eines seiner Geschwister geprügelt
wurde. x)44a
Eine erneuerte Nachfrage bei der Mutter brachte außer
der Bestätigung dieser Erzählung die Auskunft, daß
er damals zwischen 3 und 4 Jahre alt war, und daß
er die Strafe verdient hatte, weil er jemanden
gebissen hatte. Näheres erinnerte auch die Mutter
nicht mehr, sie meinte recht unsicher, die von dem
Kleinen beschädigte Person möge die Kinderfrau
gewesen sein; von einem sexuellen Charakter
des Delikts war in ihrer Mittheilung nicht die
Rede.
x) Die Alternative war unvollständig. An den häufigsten
Ausgang so vorzeitiger Leidenschaftlichkeit, den
in Neurose hatte der Vater nicht gedacht.S.
6
die Reduktion auf das Sexualinteresse der Pubertät
herabzusetzen, wird mir jeder glauben, der die von
mir mitgetheilte „Analyse der Phobie eines 5jährigen
Knaben“ im Gedächtniß hat. Ich beabsichtige nur, technische
Anweisungen zur Auflösung jener Phantasiebildungen
zu geben, welche dazu bestimmt sind, das Bild der infantilen
Sexualbetätigung zu verfälschen.
Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der
glücklichen Lage, die thatsächliche Grundlage dieser Dichtungen
über das unerschütterliche Zeugniß eines Erwachsenen
festzustellen. Immerhin läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehrfache Möglich=
keiten offen. Daß sie die sexuelle Natur des Vergehens,
für welches das Kind bestraft wurde, nicht proklamirte,
mag ihren Grund in ihrer eigenen Censur haben,
welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus
der Vergangenheit ihrer Kinder auszuschalten bemüht
ist. Es ist aber ebensowohl möglich, daß das Kind damals
wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur
von der Kinderfrau oder der Mutter selbst
zurechtgewiesen und dann wegen seiner gewalttätigen
Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau
oder eine andere dienende Person wird in solchen
Phantasien regelmäßig durch die vornehmere der
Mutter ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der
diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer einließ,
fand man die deutlichsten Hinweise auf eine
episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle
Gelüste gegen Mutter und Schwester und der früh=
zeitige Tod dieser Schwester mit jener Züchtigung
des kleinen Helden durch den Vater zusammen=
gebracht wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von
Phantasieumhüllungen Faden für Faden abzuspinnen;
gerade der therapeutische Erfolg war hier das Hinder=
niß. Der Patient war hergestellt und das Leben
forderte von ihm, mehrfache ohnedieß zu lange
aufgeschobene Aufgaben in Angriff zu nehmen, die
mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren.
Man mache mir also aus dieser Lücke in der Analyse
keinen Vorwurf. Die wissenschaftliche Erforschung
durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein Neben=
erfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist
die Ausbeute oft gerade bei unglücklich behandelten
Fällen am größten.
Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in
der autoerotischen Betätigung der vorherrschenden
Sexualkomponenten, in den Spuren von ObjektliebeS.
6
die Reduktion auf das Sexualinteresse der Pubertät
herabzusetzen, wird mir jeder glauben, der die von
mir mitgetheilte „Analyse der Phobie eines 5jährigen
Knaben“ im Gedächtniß hat. Ich beabsichtige nur, technische
Anweisungen zur Auflösung jener Phantasiebildungen
zu geben, welche dazu bestimmt sind, das Bild der infantilen
Sexualbetätigung zu verfälschen.
Nur selten ist man wie bei unserem Patienten in der
glücklichen Lage, die thatsächliche Grundlage dieser Dichtungen
über das unerschütterliche Zeugniß eines Erwachsenen
festzustellen. Immerhin läßt die Aussage der Mutter den Weg für mehrfache Möglich=
keiten offen. Daß sie die sexuelle Natur des Vergehens,
für welches das Kind bestraft wurde, nicht proklamirte,
mag ihren Grund in ihrer eigenen Censur haben,
welche bei allen Eltern gerade dieses Element aus
der Vergangenheit ihrer Kinder auszuschalten bemüht
ist. Es ist aber ebensowohl möglich, daß das Kind damals
wegen einer banalen Unart nicht sexueller Natur
von der Kinderfrau oder der Mutter selbst
zurechtgewiesen und dann wegen seiner gewalttätigen
Reaktion vom Vater gezüchtigt wurde. Die Kinderfrau
oder eine andere dienende Person wird in solchen
Phantasien regelmäßig durch die vornehmere der
Mutter ersetzt. Wenn man sich in die Deutung der
diesbezüglichen Träume des Patienten tiefer einließ,
fand man die deutlichsten Hinweise auf eine
episch zu nennende Dichtung, in welcher sexuelle
Gelüste gegen Mutter und Schwester und der früh=
zeitige Tod dieser Schwester mit jener Züchtigung
des kleinen Helden durch den Vater zusammen=
gebracht wurden. Es gelang nicht, dieses Gewebe von
Phantasieumhüllungen Faden für Faden abzuspinnen;
gerade der therapeutische Erfolg war hier das Hinder=
niß. Der Patient war hergestellt und das Leben
forderte von ihm, mehrfache ohnedieß zu lange
aufgeschobene Aufgaben in Angriff zu nehmen, die
mit der Fortsetzung der Kur nicht verträglich waren.
Man mache mir also aus dieser Lücke in der Analyse
keinen Vorwurf. Die wissenschaftliche Erforschung
durch die Psychoanalyse ist ja heute nur ein Neben=
erfolg der therapeutischen Bemühung, und darum ist
die Ausbeute oft gerade bei unglücklich behandelten
Fällen am größten.
Der Inhalt des kindlichen Sexuallebens besteht in
der autoerotischen Betätigung der vorherrschenden
Sexualkomponenten, in den Spuren von Objektliebe
S.
44
x) Man hat es in den Psychoanalysen häufig mit solchen
Begebenheiten aus den ersten Kinderjahren zu thun
in denen die infantile Sexualthätigkeit zu gipfeln
scheint und häufig durch einen Unfall oder eine Bestrafung
ein katastrophales Ende findet. Sie zeigen sich schatten=
haft in Träumen an, werden oft so deutlich, daß man
sie greifbar zu besitzen vermeint, aber sie entziehen
sich doch der endgiltigen Klarstellung, und wenn man
nicht mit besonderer Vorsicht und Geschick verfährt,
muß man es unentschieden lassen, ob eine solche Scene
wirklich vorgefallen ist. Auf die richtige Spur der
Deutung wird man durch die Erkenntniß geführt,
daß von solchen Scenen mehr als eine Version,
oft sehr verschiedenartige, in der unbewußten
Phantasie des Patienten aufzuspüren sind. Wenn
man in der Beurtheilung der Realität nicht irre=
gehen will, muß man sich vor Allem daran erinnern,
daß die "Kindheitserinnerungen" der Menschen erst
in einem späteren Alter (meist zur Zeit der Pubertät)
festgestellt werden und dabei einem complicirten
Umarbeitungsproceß unterzogen werden, welcher der
Sagenbildung eines Volkes über seine Ur=
geschichte durchaus analog ist. Es läßt sich deutlich
erkennen, daß der heranwachsende Mensch in
diesen Phantasiebildungen über seine erste Kindheit
das Andenken an seine autoerotische Betätigung
zu verwischen sucht, indem er seine Erinnerungsspuren
auf die Stufe der Objektliebe hebt, also wie ein
richtiger Geschichtschreiber die Vergangenheit im
Lichte der Gegenwart erblicken will. Daher die Über=
fülle von Verführungen und Attentaten in diesen
Phantasien, wo die Wirklichkeit sich auf
autoerotische Betätigung beschränkt und auf
Anregung dazu durch Zärtlichkeiten und Strafen
beschränkt. Ferner wird man gewahr, daß der
über seine Kindheit Phantasirende seine Erinner.
sexualisirt, d. h. daß er banale Erlebnisse
mit seiner Sexualbetätigung in Beziehung bringt,
sein Sexualinteresse über sie ausdehnt, wobei
er wahrscheinlich den wirklich vorhandenen
Spuren des Zusammenhanges nachfährt. Daß
es nicht die Absicht dieser Bemerkungen ist, die
von mir behauptete Bedeutung der infantilen
Sexualität nachträglich durchS.
Indem ich die Discussion dieser Kindheitsscene
in die Fußnote verweise, füge ich an, daß durch
deren Auftauchen seine Weigerung, an eine
prähistorisch erworbene und später latent gewordene
Wuth gegen den geliebten Vater zu glauben,
zuerst ins Wanken gerieth. Ich hatte nur eine
stärkere Wirkung erwartet, denn diese Begeben=
heit war ihm so oft auch vom Vater selbst erzählt
worden, daß ihre Realität keinem Zweifel unter=
lag. Mit einer Fähigkeit, die Logik zu beugen, welche
bei den sehr intelligenten Zwangskranken
jedesmal höchst befremdend wirkt, machte er aber
immer wieder gegen die Beweiskraft der Erzählung
geltend, er erinnere sich doch nicht selbst daran.
Er mußte sich also die Überzeugung, daß sein
Verhältniß zum Vater wirklich jene unbewußte
Ergänzung erforderte, erst auf dem schmerzhaften
Wege der Übertragung erwerben. Es kam bald dazu,
daß er mich und die Meinigen in Träumen, Tages=
phantasien und Einfällen aufs gröblichste und unfläthigste
beschimpfte, während er mir doch mit Absicht niemals
etwas anderes als die größte Ehrerbietung entgegen=
brachte. Sein Benehmen während der Mittheilung
dieser Beschimpfungen war das eines Verzweifelten.
„Wie kommen Herr Professor dazu, sich von einem
schmierigen, hergelaufenen Kerl wie ich so beschimpfen
zu lassen? Sie müssen mich hinauswerfen, ich verdiene
es nicht besser.“ Bei diesen Reden pflegte er vom Diwan
aufzustehen und im Zimmer herumzulaufen, was er zumeist
mit Feinfühligkeit motivirte; er bringe es nicht
über sich, so gräßliche Dinge zu sagen, während er so
behaglich daliege. Er fand aber bald selbst die triftigere
Erklärung, daß er sich meiner Nähe entziehe, aus
Angst, von mir geprügelt zu werden. Wenn er
sitzen blieb, so benahm er sich wie einer, der sich in
verzweifelter Angst vor maßlosen Züchtigungen
schützen will; er stützte den Kopf in die Hände,
deckte sein Gesicht mit dem Arm auf, floh plötzlich mit
schmerzlich verzerrten Zügen davon usw. Er erinnerte,
daß der Vater jähzornig gewesen war und
in seiner Heftigkeit manchmal nicht mehr wußte,
wie weit er gehen sollte. In solcher Schule des
Leidens gewann er allmälig die ihm mangelndeS.
46
Überzeugung, die sich jedem anderen nicht persönlich
Betheiligten wie selbstverständlich ergeben hätte; dann
war aber auch der Weg zur Auflösung der
Rattenvorstellung frei. Eine Fülle von bisher zurück=
gehaltenen thatsächlichen Mittheilungen wurde
nun auf der Höhe der Kur zur Herstellung des
Zusammenhanges verfügbar.
In der Darstellung desselben werde ich wie angekün=
digt, aufs äußerste verkürzen und resümiren. Das
erste Räthsel war offenbar, weßhalb die beiden Reden
des technischen Hauptmanns, die Rattenerzählung und die
Aufforderung dem Oberlt. A. das Geld zurückzugeben so auf=
regend auf ihn gewirkt und so heftige pathologische
Reaktionen hervorgerufen haben. Es war anzunehmen,
daß hier „Komplex=empfindlichkeit“ vorlag, daß durch
jene Reden hyperästhetische Stellen seines Unbewußten
unsanft berührt worden waren. So war es auch; er befand
sich wie jedesmal in militärischen Verhältniß, in
einer unbewußten Identificirung mit dem Vater,
der selbst durch mehrere Jahre gedient und vieles
aus seiner Soldatenzeit zu erzählen pflegte. Nun
gestattete der Zufall, der bei der Symptombildung
mithelfen darf, wie der Wortlaut beim Witz, daß
eines der kleinen Abenteuer des Vaters ein
wichtiges Element mit der Aufforderung des Hauptmannes
gemeinsam hatte. Der Vater hatte einmal eine
kleine Summe Geldes, über die er als Unteroffizier
verfügen sollte, im Kartenspiel verloren und wäre
(Spielratte) in arge Bedrängniß gekommen, wenn
ein Kamerad sie ihm nicht vorgestreckt hätte. Nachdem
er das Militär verlassen und wohlhabend geworden
war, suchte er den hilfreichen Kameraden auf um ihm
das Geld zurückzugeben fand ihn aber nicht mehr.
Unser Patient war nicht sicher ob ihm die Rück=
erstattung überhaupt je gelang; die Erinnerung
an diese Jugendsünde des Vaters war ihm peinlich,
da doch sein Unbewußtes von feindseligen
Ausstellungen am Charakter des Vaters erfüllt
war. Die Worte des Hauptmanns: Du mußt dem
Oberlt. A. die 3 Kr 80 zurückgeben klangen ihm wie
eine Anspielung an jene uneingelöste Schuld des
Vaters.S.
47
Die Mittheilung aber, daß das Postfräulein in Z.
die Nachnahmefür ihnmit einigen für ihn schmeichelhaften
Worten selbst erlegt hatte x), verstärkte die Identificirung
x) Vergessen wir nicht, daß er dies erfahren hatte ehe
der Hauptmann die (unberechtigte) Aufforderung der
Rückzahlung an Oberlt A. an ihn richtete. Es ist dieß
der für das Verständniß unentbehrliche Punkt,
durch dessen Unterdrückung er sich in die heilloseste Ver=
wirrung bereitete und mir eine Zeit lang den
Einblick in den Sinn des Ganzen wehrte.
mit dem Vater auf einem anderen Gebiete. Er
trug jetzt nach, daß in dem kleinen Ort, wo sich auch
das Postamt befand, die hübsche Wirthstochter dem
schmucken jungen Offizier viel Entgegenkommen
gezeigt hatte, so daß er sich vornehmen konnte nach
Schluß der Manöver dorthin zurückzukommen, um
seine Chancen bei dem Mädchen zu verfolgen. Nun
war ihr in dem Postfräulein eine Concurrentin
erstanden; er konnte wie der Vater in seinem
Eheroman schwanken, welcher von beiden er nach
dem Verlassen des Militärdienstes seine Gunst
zuwenden sollte. Wir merken mit einem Male
daß seine sonderbare Unschlüssigkeit, ob er nach Wien
reisen, oder an den Ort des Postamts zurückkehren
solle, seine beständigen Versuchungen, auf der
Reise umzukehren (vgl S xx) nicht so sinnlos waren, wie sie
uns zuerst erscheinen mußten. Für sein Bewußtsein
war die Anziehung des Ortes Z. an dem sich das
Postamt befand durch das Bedürfniß motivirt,
den Oberlt A. zu sehen und mit seiner Hilfe seinen
Eid zu erfüllen. In Wirklichkeit war das im nämlichen
Ort befindliche Postfräulein der Gegenstand
seiner Sehnsucht und der Oberlt A ein guter
Ersatz für sie, da er am selben Ort wohnte und
selbst den militärischen Postdienst versehen hatte.
Als er dann hörte, nicht der Oberlt A. sondern
ein anderer Offizier B. habe an dem Tage bei
der Post amtiert, zog er auch diesen in seine Combinationen
und konnte sein Schwankenzwischen den beiden Offizieren inden Delirien mit den beiden Offizierenzwischen den beiden ihm
gnädig gesinnten Mädchen darstellen. Sein
Schwanken zwischen den beiden in den Delirien mit den beiden
Offizieren wiederholen.S.
48
Bei der Aufklärung der Wirkungen welche von
der Rattenerzählung des Hauptmannes ausgiengen, müssen
wir uns enger an den Ablauf der Analyse halten. Es
ergab sich zunächst eine außerordentliche Fülle von associativem
Material, ohne daß vorläufig die Situation der
Zwangsbildung durchsichtiger wurde. Die Vorstellung
der mit den Ratten vollzogenen Strafe hatte eine
Anzahl von Trieben gereizt, eine Menge von Erin=
nerungen geweckt und die Ratten hatten darum in
dem kurzen Intervall zwischen der Erzählung des Haupt=
mannes und seiner Mahnung das Geld zurückzugeben,
eine Reihe von symbolischen Bedeutungen erworben, zu welchen
in der Folgezeit immer neue hinzutraten. Mein
Bericht über all dieß kann freilich nur sehr un=
vollständig ausfallen. Die Rattenstrafe rüttelte
vor Allem die Analerotik auf, die in seiner
Kindheit eine große Rolle gespielt hatte und durch
jahrelang fortgesetzten Wurmreiz unterhalten
worden war. Die Ratten kamen so zur Bedeutung:
„Geld“, x) welcher Zusammenhang sich durch den Einfall
x) Vgl: „Charakter u Analerotik“ in der Zweiten Folge
der Sammlung etc. zur Neurosenlehre 1909
Raten zu Ratten anzeigte. Er hatte sich in seinen
Zwangsdelirien eine förmliche Rattenwährung
eingesetzt; z. B. als ich ihm auf Befragen den Preis
einer Behandlungsstunde mittheilte, hieß es
bei ihm, was ich mir halbes Jahr später erfuhr: Soviel
Gulden soviel Ratten. In diese Sprache wurde
allmälig der ganze Complex der Geldinteressen,
die sich an die Erbschaft nach dem Vater knüpfteneingereiht, umgesetzt d.h. alle dahin gehörigen Vorstellungen wurden
über diese Wortbrücke Raten – Ratten ins zwang=
hafte eingetragen und dem Unbewußten unter=
worfen. Diese Geldbedeutung der Ratten stützte sich
überdieß auf die Mahnung des Hauptmanns, den
Betrag der Nachnahme zurückzugeben mit Hilfe
der Wortbrücke Spielratte (von der aus) der Zugang
zur Spielverfehlung des Vatersverborgenzuentfinden war.
Die Ratte war ihm aber auch als Träger gefährlicher
Infektionen bekannt und konnte darum als
Symbol für die beim Militär so berechtigte Angst
vor syphilitischer Infektion verwendet werden,S.
49
wohinter allerlei Zweifel an der Lebensführung
des Vaters während seiner militärischen Dienstzeit
versteckt waren. In anderem Sinne: Träger der syphilitischen
Infektion war der Penis selbst, und so wurde die
Ratte zum Geschlechtsglied für welche Verwendung
sie noch ein anderes Anrecht geltend machen
konnte. Der Penis, besonders der des kleinen Kindes,
kann ohne Weiteres als Wurm beschrieben
werden, und in der Erzählung des Hauptmannes
wühlten die Ratten im After wie in seinen Kinder=
jahren die großen Spülwürmer. So ruhte die
Penisbedeutung der Ratten wiederum auf der
Analerotik. Die Ratte ist ohnedieß ein schmutziges Thier,
das sich von Excrementen nährt und in Kanälen
lebt, die den Abfall führen. x) Es ist ziemlich überflüssig
x) Wer diese Sprünge der neurotischen Phantasie kopf=
schüttelnd ablehnen will, der sei an ähnliche Capriccios
erinnert in denen sich die Phantasie der Künstler
gelegentlich ergeht. z.B. an die Diableries érotiques von
Le Poitevin.
anzuführen welcher Ausbreitung das Rattendelirium
durch diese neue Bedeutung fähig wurde. „Soviel Ratten
soviel Gulden“ konnte z. B. als eine treffliche Charakter=
istik eines ihm sehr verhaßten weiblichen Gewerbes
gelten. Hingegen ist es wol nicht gleichgiltig, daß die
Einsetzung des Penis für die Ratte in der Erzählung
des Hauptmannes eine Situation von Verkehr per
anum ergab, die ihm in ihrer Beziehung auf Vater
und Geliebte besonders widerlich erscheinen mußte.
Trat diese Situation in der Zwangsandrohung wieder
auf, welche sich nach der Mahnung des Hauptmanns
bei ihm gestaltete, so erinnerte dies unverkennbar
an gewisse bei den Südslawen gebräuchliche Flüche,
deren Wortlaut man in der von F. S. Krauss
herausgegebenen „Anthropophyteia“ nachlesen kann.
All dieß Material und noch anderes reihte
sich übrigens mit dem Deckeinfall Heirathen
in das Gefüge der Rattendiscussion ein.
Daß die Erzählung von der Rattenstrafe bei unserem
Patienten alle vorzeitlich unterdrückten Regungen
eigensüchtiger und sexueller Grausamkeit in
Aufruhr brachte, wird ja durch seine eigene Schilderung
und durch seine Mimik bei der Wiedererzählung
bezeugt. Doch fiel trotz all dieses reichen Materials
so lange kein Licht auf die Bedeutung seiner Zwangs=S.
50
idee bis eines Tages die Rattenmamsell aus
Ibsens Klein Eyolf auftauchte und die Folgerung
unabweisbar machte in vielen Ausgestaltungen seiner
Zwangsdelirien bedeuten die Ratten auch Kinder. x)
x) Ibsens Rattenmamsell ist ja sicherlich von dem
sagenhaften Rattenfänger von Hameln abgeleitet
der zuerst die Ratten ins Wasser lockt und dann
mit denselben Mitteln die Kinder der Stadt auf
Nimmerwiederkehr verführt. Auch Klein Eyolf er=
tränkt sich unter dem Bann der Rattenmamsell
ins Wasser. Die Ratte erscheint in der Sage über=
haupt nicht so sehr als ekelhaftes, sondern als
unheimliches, man möchte sagen chthonisches Thier
und wird zur Darstellung der Seelen Verstorbener
verwendet.
Forschte man nach der Entstehung dieser neuen Bedeutung
so stieß man sofort auf die ältesten und bedeutsamsten
Wurzeln. Bei einem Besuche am Grabe des Vaters hatte
er auch einmal ein großes Thier, (welches er für eine Ratte hielt)
an dem Grabhügel vorbeihuschen gesehen. x)
x) Eines der auf dem Wiener Zentralfriedhof so
häufigen Erdwiesel.
Er nahm an sie käme aus dem Grab des Vaters selbst
und hätte soeben ihre Mahlzeit von seinem Leichnam
eingenommen. Von der Vorstellung der Ratte bleibt
als unzertrennlich, daß sie mit scharfen Zähnen nagt
und beißt; x) sie ist aber nicht ohne Ursach bißig undgefräßig und schmutzig, sondern sie
wird von den Menschen, wie er oft mit Grausen
gesehen hatte, grausam verfolgt und schonungslos
erschlagen. Oft hatte er Mitleid mit solchen armen
Ratten verspürt. Nun war er selbst so ein ekelhafter
schmutziger kleiner Kerl gewesen, der in der
Wuth um sich beißen konnte und dafür fürchterlich
gezüchtigt worden war (vgl Seite xxx). Er konnte
x) „...Doch dieser Schwelle Zauber zu zerspalten.
Bedarf ich eines Rattenzahns....
... Noch einen Biß, so ists geschehn.“ (vgl Mephisto)
wirklich sein ganz natürlich Ebenbild xx) in der
Ratte finden. Das Schicksal hatte ihm in der Erzählung
xx) Auerbachs KellerS.
51
des Hauptmanns sozusagen ein Komplexreizwort
zugerufen, und er versäumte nicht mit seiner
Zwangsidee darauf zu reagiren.
Ratten waren also Kinder nach seinen frühesten undfolgreichstenfolgenschwersten Erfahrungen. Und
nun brachte er eine Mittheilung, die er lange genug
aus dem Zusammenhange ferngehalten hatte,
die aber jetzt da er das Interesse das er für KinderKinderhatte auslebte voll aufklärte. Die Dame
die er durch so lange Jahre verehrte und zu heirathen
sich doch nicht entschließen konnte war infolge
einer gynaekologischen Operation, der Entfer=
nung beider Ovarien, zur Kinderlosigkeit ver=
urtheilt; es war dieß sogar für ihn, der Kinder
außerordentlich liebte, der Hauptgrund seines
Schwankens.
Erst jetzt wurde es möglich, den unbegreiflichen Vorgang
bei der Bildung seiner Zwangsidee zu verstehen;
mit Zuhilfenahme der infantilen Sexualtheorien
und der Symbolik, die aus der Deutung von
Träumen bekannt ist, ließ sich alles sinnreich übersetzen.
Als der Hauptmann auf der Nachmittagsrast bei der
er seinen Zwicker einbüßte von der Rattenstrafe
erzählte packte ihn zuerst nur der grausam lüsterne
Charakter der vorgestellten Situation. Aber sofort
stellte sich die Verbindung mit jener Kinderscene
her in der er selbst gebissen hatte; der Hauptmann,
der für solche Strafen eintreten konnte, rückte
ihm in die Stelle des Vaters und zog einen Theil
der wiederkehrenden Erbitterung auf sich, die
sich damals gegen den grausamen Vater empört hatte.
Die flüchtig auftauchende Idee es könnte einer
ihm lieben Person etwas dergleichen geschehen wäre
zu übersetzen durch die Wunschregung: dir sollte
man so etwas thun, die sich gegen den Erzähler
dahinter aber schon gegen den Vater richtete.
Als ihm dann 1 1/2 Tage später x) der Hauptmann das mit
x) Nicht am nächsten Abend wie er zuerst erzählte. Es wäre ganz
unmöglich daß der bestellte Zwicker noch am selben
Tage angelangt wäre. Er verkürzt diese Zwischenzeit
in der Erinnerung weil in ihr die entscheidenden
Gedankenverbindungen sich herstellten, und weil
er die in sie fallende Begegnung mit dem Offizier
verdrängt, der ihm vom freundlichen Benehmen des
Postfräuleins erzählte.S.
52
Nachnahme angelangte Paket überreicht und ihn mahnt
die 3 Kr 80 dem Oberlieutenant A. zurückzugeben
weiß er bereits, daß der „grausame Vorgesetzte“
sich irrt, und daß er niemand anderem als
dem Postfräulein verpflichtet ist. Es liegt ihm also nahe
eine höhnische Antwort zu bilden wie: Ja freilich, was
fällt dir denn ein? oder: Ja Schnecken, oder: Ja einen
Schmarren +) werd' ich ihm das Geld zurückgeben,
+) Wienerisch.
Antworten, die er nicht hätte aussprechen müssen. Aber
aus dem unterdeß aufgerufenen Vatercomplex
und der Erinnerung an jene Infantilsene gestaltet
sich ihm die Antwort: Ja, ich werde dem A. das
Geld zurückgeben, wenn mein Vater und meine
Geliebte Kinder bekommen, oder: So wahr
mein Vater und sie Dame Kinder bekommen können
so gewiß werde ich ihm das Geld zurückgeben.
Also eine höhnende Betheuerung an eine uner=
füllbare absurde Bedingung geknüpft. x)
x) Die Absurdität bedeutet also auch in der Sprache
des Zwangsdenkens Hohn sowie im Traum. Siehe
Traumdeutung S 267. 2 Aufl 1909
Aber nun war das Verbrechen begangen, die beiden
ihm theuersten Personen Vater und Geliebte von ihm
geschmäht, das forderte Strafe und die Bestrafung bestand
in dem Auferlegen eines unmöglich zu erfüllenden
Eides, der den Wortlaut des Gehorsams gegen die
unberechtigte Mahnung des Vorgesetzten einhielt:
Jetzt mußt du wirklich dem A. das Geld zurückgeben.
In krampfhaftem Gehorsam verdrängte er sein
besseres Wissen, daß der Hauptmann seine Mahnung
auf eine irrige Voraussetzung gründe. Ja, du
mußt dem A. das Geld zurückgeben wie der Stell=
vertreter des Vaters verlangt hat. Der Vater kann
nicht „irren“. Auch die Majestät kann nicht irren, und
wenn sie einen Unterthan mit einem ihm nicht gebüh=
renden Titel angesprochen hat, so trägt er fortan
diesen Titel.
Von diesem Vorgange gelangt in sein Bewußtsein nur
undeutliche Kunde, aber die Auflehnung gegen das
Gebot des Hauptmanns und der Umschlag ins Gegen=
theil sind auch im Bewußtsein vertreten. (Zuerst:
Nicht das Geld zurückgeben, sonst geschieht das ...S.
53
(die Rattenstrafe) und dann die Verwandlung in den
gegentheiligen Eidauftrag als Strafe für die Auflehnung.
Man vergegenwärtige sich noch die Constellation,
in welche die Bildung der großen
Zwangsidee fiel. Er war durch lange Abstinenz
sowie durch das freundliche Entgegenkommen, das
der junge Offizier bei den Frauen rechnen
darf, libidinös geworden, war überdieß in einer
gewissen Entfremdung von seiner Dame zur
Waffenübung eingerückt. Diese Libidosteigerung
machte ihn geneigt, den uralten Kampf gegen die
Autorität des Vaters wieder aufzunehmen und
er getraute sich an sexuelle Befriedigung bei anderen
Frauen zu denken. Die Zweifel am Andenken des
Vaters und die Bedenken gegen den Werth der
Geliebten hatten sich gesteigert; in solcher Verfassung
ließ er sich zur Schmähung gegen beide hinreißen
und dann bestrafte er sich dafür. Er wiederholte
damit ein altes Vorbild. Wenn er dann
nach Schluß der Waffenübung so lange schwankt,
ob er nach Wien reisen oder bleiben und den
Eid erfüllen solle, so stellt er damit in einem
die beiden Konflikte dar, die ihn von jeher bewegt
hatten, ob er dem Vater gehorsam und ob er der
Geliebten treu bleiben solle. x)
x) Es ist vielleicht interessant hervorzuheben, daß der Gehorsam
gegen den Vater wiederum mit der Abwendung von
der Dame zusammenfällt. Wenn er bleibt und dem
A. das Geld zurückgibt, so hat er die Buße gegen
den Vater erfüllt und gleichzeitig seine Dame
gegen die Anziehung eines anderen Magneten
verlassen. Der Sieg in diesem Konflikte verbleibt
der Dame, allerdings mit Unterstützung der
normalen Besinnung.
Noch ein Wort über die Deutung des Inhalts der
Sanktion: sonst wird an den beiden Personen die
Rattenstrafe vollzogen. Sie ruht auf der Geltung
zweier infantiler Sexualtheorien über die ich an
anderer Stelle Auskunft gegeben habe. x) Die erste
x) Vgl. „Über infantile Sexualtheorien“ in der Zweiten
Folge der Sammlung etc. zur Neurosenlehre 1909S.
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Bemerkungen über einen Fall von Zwangsneurose1909-004/1909.01
1909-004/1909.01/1