S.
100
IV.
Nachwort.
Ich habe diese Mitteilung zwar als Bruchstück einer Analyse
angekündigt; man wird aber gefunden haben, daß sie in viel
weiterem Umfange unvollständig ist, als sich nach diesem ihrem
Titel erwarten ließ. Es geziemt sich wohl, daß ich versuche,
diese keinesfalls zufälligen Auslassungen zu motivieren.Eine Reihe von Ergebnissen der Analyse ist weggeblieben,
weil sie beim Abbruch der Arbeit teils nicht genügend sicher er-
kannt, teils einer Fortführung bis zu einem allgemeinen Resultat
bedürftig waren. Andere Male habe ich, wo es mir statthaft schien,
auf die wahrscheinliche Fortsetzung einzelner Lösungen hinge-
wiesen. Die keineswegs selbstverständliche Technik, mittels
welcher man allein dem Rohmaterial von Einfällen des Kranken
seinen Reingehalt an wertvollen unbewußten Gedanken entziehen
kann, ist von mir hier durchwegs übergegangen worden, womit
der Nachteil verbunden bleibt, daß der Leser die Korrektheit
meines Vorgehens bei diesem Darstellungsprozeß nicht bestätigen
kann. Ich fand es aber ganz undurchführbar, die Technik einer
Analyse und die innere Struktur eines Falles von Hysterie in
einem zu behandeln; es wäre für mich eine fast unmögliche
Leistung und für den Leser eine sicher ungenießbare Lektüre
geworden. Die Technik erfordert durchaus eine abgesonderte
Darstellung, die durch zahlreiche, den verschiedensten Fällen
entnommene Beispiele erläutert wird und von dem jedesmaligen
Ergebnis absehen darf. Auch die psychologischen Voraussetzungen,
die sich in meinen Beschreibungen psychischer Phänomene ver-
raten, habe ich hier zu begründen nicht versucht. Eine flüchtige
Begründung würde nichts leisten; eine ausführliche wäre eine
Arbeit für sich. Ich kann nur versichern, daß ich, ohne einem
bestimmten psychologischen System verpflichtet zu sein, an das
Studium der Phänomene gegangen bin, welche die Beobachtung
der Psychoneurotiker enthüllt, und daß ich dann meine Meinungen
um so viel zurechtgerückt habe, bis sie mir geeignet erschienen,
von dem Zusammenhange des Beobachteten Rechenschaft zu
geben. Ich setze keinen Stolz darein, die Spekulation vermieden
zu haben; das Material für diese Hypothesen ist aber durch dieS.
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ausgedehnteste und mühevollste Beobachtung gewonnen worden.
Besonders dürfte die Entschiedenheit meines Standpunktes in
der Frage des Unbewußten Anstoß erregen, indem ich mit
unbewußten Vorstellungen, Gedankenzügen und Regungen so
operiere, als ob sie ebenso gute und unzweifelhafte Objekte der
Psychologie wären wie alles Bewußte; aber ich bin dessen
sicher, wer dasselbe Erscheinungsgebiet mit der nämlichen Me-
thode zu erforschen unternimmt, wird nicht umhin können, sich
trotz alles Abmahnens der Philosophen auf denselben Stand-
punkt zu stellen.Diejenigen Fachgenossen, welche meine Theorie der Hysterie
für eine rein psychologische gehalten und darum von vornherein
für unfähig erklärt haben, ein pathologisches Problem zu lösen,
werden aus dieser Abhandlung wohl entnehmen, daß ihr Vor-
wurf einen Charakter der Technik ungerechterweise auf die
Theorie überträgt. Nur die therapeutische Technik ist rein
psychologisch; die Theorie versäumt es keineswegs, auf die
organische Grundlage der Neurose hinzuweisen, wenngleich sie
dieselbe nicht in einer pathologisch-anatomischen Veränderung
sucht und die zu erwartende chemische Veränderung als derzeit
nach unfaßbar durch die Vorläufigkeit der organischen Funktion
ersetzt. Der Sexualfunktion, in welcher ich die Begründung der
Hysterie wie der Psychoneurosen überhaupt sehe, wird den
Charakter eines organischen Faktors wohl niemand absprechen
wollen. Eine Theorie des Sexuallebens wird, wie ich vermute,
der Annahme bestimmter, erregend wirkender Sexualstoffe nicht
entbehren können. Die Intoxikationen und Abstinenzien beim Ge-
brauch gewisser chronischer Gifte stehen ja unter allen Krank-
heitsbildern, welche uns die Klinik kennt lehrt, den genuinen
Psychoneurosen am nächsten.Was sich aber über das „somatische Entgegenkommen“,
über die infantilen Keime zur Perversion, über die erogenen
Zonen und die Anlage zur Bisexualität heute aussagen läßt,
habe ich in dieser Abhandlung gleichfalls nicht ausgeführt,
sondern nur die Stellen hervorgehoben, an denen die Analyse
auf diese organischen Fundamente der Symptome stößt. Mehr
ließ sich von einem vereinzelten Falle aus nicht tun, auch
hatte ich die nämlichen Gründe wie oben, eine beiläufige Er-S.
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örterung dieser Momente zu vermeiden. Hier ist reichlicher
Anlaß zu weiteren, auf eine große Zahl von Analysen gestützten
Arbeiten gegeben.Mit dieser soweit unvollständigen Veröffentlichung wollte
ich doch zweierlei erreichen. Erstens als Ergänzung zu meinem
Buche über die Traumdeutung zeigen, wie diese sonst unnütze
Kunst zur Aufdeckung des Verborgenen und Verdrängten im
Seelenleben verwendet werden kann; bei der Analyse der beiden
hier mitgeteilten Träume ist dann auch die Technik des
Traumdeutens, welche der psychoanalytischen ähnlich ist, be-
rücksichtigt worden. Zweitens wollte ich Interesse für eine Reihe
von Verhältnissen erwecken, welche heute der Wissenschaft noch
völlig unbekannt sind, weil sie sich nur bei Anwendung dieses
bestimmten Verfahrens entdecken lassen. Von der Komplikation
der psychischen Vorgänge bei der Hysterie, dem Nebeneinander
der verschiedenartigsten Regungen, der gegenseitigen Bindung
der Gegensätze, den Verdrängungen und Verschiebungen u. a. m.
hat wohl niemand eine richtige Ahnung haben können. Janets
Hervorhebung der „Idée fixe“, die sich in das Symptom umsetzt,
bedeutet nichts als eine wahrhaft kümmerliche Schematisierung.
Man wird sich auch der Vermutung nicht erwehren können, daß
Erregungen, deren zugehörige Vorstellungen der Bewußtseins-
fähigkeit ermangeln, anders aufeinander einwirken, anders
verlaufen und zu anderen Äußerungen führen als die von uns
„normal“ genannten, deren Vorstellungsinhalt uns bewußt wird.
Ist man soweit aufgeklärt, so steht dem Verständnis einer
Therapie nichts mehr im Wege, welche neurotische Symptome
aufhebt, indem sie Vorstellungen der ersteren Art in normale
verwandelt.Es lag mir auch daran zu zeigen, daß die Sexualität
nicht bloß als einmal auftretender Deus ex machina irgendwo
in das Getriebe der für die Hysterie charakteristischen Vor-
gänge eingreift, sondern daß sie die Triebkraft für jedes ein-
zelne Symptom und für jede einzelne Äußerung eines Symptoms
abgibt. Die Krankheitserscheinungen sind, geradezu gesagt,
die Sexualbetätigung der Kranken. Ein einzelner Fall
wird niemals imstande sein, einen so allgemeinen Satz zu
erweisen, aber ich kann es nur immer wieder von neuem wieder-S.
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holen, weil ich es niemals anders finde, daß die Sexualität der
Schlüssel zum Problem der Psychoneurosen wie der Neurosen
überhaupt ist. Wer ihn verschmäht, wird niemals aufzuschließen
imstande sein. Ich warte noch auf die Untersuchungen, welche
diesen Satz aufzuheben oder einzuschränken vermögen sollen.
Was ich bis jetzt dagegen gehört habe, waren Äußerungen
persönlichen Mißfallens oder Unglaubens, denen es genügt, das
Wort Charcots entgegenzuhalten: „Ça n’empêche pas-
d’exister.“Der Fall, aus dessen Kranken-
und Behandlungsgeschichte
ich hier ein Bruchstück veröffentlicht habe, ist auch nicht
geeignet, den Wert der psychoanalytischen Therapie ins rechte
Licht zu setzen. Nicht nur die Kürze der Behandlungsdauer,
die kaum drei Monate betrug, sondern noch ein anderes dem Falle
innewohnendes Moment haben es verhindert, daß die Kur mit
der sonst zu erreichenden, vom Kranken und seinen Angehörigen
zugestandenen Besserung abschloß, die mehr oder weniger nahe
an vollkommene Heilung heranreicht. Solche erfreuliche Erfolge
erzielt man, wo die Krankheitserscheinungen allein durch den
inneren Konflikt zwischen den auf die Sexualität bezüglichen
Regungen gehalten werden. Man sieht in diesen Fällen das
Befinden der Kranken in dem Maße sich bessern, in dem man
durch Übersetzung des pathogenen Materials in normales zur
Lösung ihrer psychischen Aufgaben beigetragen hat. Anders
ist der Verlauf, wo sich die Symptome in den Dienst äußerer
Motive des Lebens gestellt haben, wie es auch bei Dora seit
den letzten zwei Jahren geschehen war. Man ist überrascht
und könnte leicht irre werden, wenn man erfährt, daß das
Befinden der Kranken durch die selbst weit vorgeschrittene
Arbeit nicht merklich geändert wird. In Wirklichkeit steht es
nicht so arg; die Symptome schwinden zwar nicht unter der
Arbeit, wohl aber eine Zeit lang nach derselben, wenn die
Beziehungen zum Arzte gelöst sind. Der Aufschub der Heilung
oder Besserung ist wirklich nur durch die Person des Arztes
verursacht.Ich muß etwas weiter ausholen, um diesen Sachverhalt
verständlich zu machen. Während einer psychoanalytischen
Kur ist die Neubildung von Symptomen, man darf wohl sagen:S.
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regelmäßig, sistiert. Die Produktivität der Neurose ist aber
durchaus nicht erloschen, sondern betätigt sich in der Schöpfung
einer besonderen Art von meist unbewußten Gedankenbildungen,
welchen man den Namen „Übertragungen“ verleihen kann.Was sind die Übertragungen? Es sind Neuauflagen, Nach-
bildungen von den Regungen und Phantasien, die während
des Vordringens der Analyse erweckt und bewußt gemacht
werden sollen, mit einer für die Gattung charakteristischen
Ersetzung einer früheren Person durch die Person des Arztes.
Um es anders zu sagen: eine ganze Reihe früherer psychischer
Erlebnisse wird nicht als vergangen, sondern als aktuelle
Beziehung zur Person des Arztes wieder lebendig. Es gibt
solche Übertragungen, die sich im Inhalt von ihrem Vorbilde
in gar nichts bis auf die Ersetzung unterscheiden. Das sind
also, um in dem Gleichnisse zu bleiben, einfache Neudrucke,
unveränderte Neuauflagen. Andere sind kunstvoller gemacht,
sie haben eine Milderung ihres Inhaltes, eine Sublimierung,
wie ich sage, erfahren und vermögen selbst bewußt zu werden,
indem sie sich an irgend eine geschickt verwertete reale Be-
sonderheit an der Person oder in den Verhältnissen des Arztes
anlehnen. Das sind also Neubearbeitungen, nicht mehr Neudrucke.Wenn man sich in die Theorie der analytischen Technik
einläßt, kommt man zu der Einsicht, daß die Übertragung etwas
notwendig Gefordertes ist. Praktisch überzeugt man sich wenig-
stens, daß man ihr durch keinerlei Mittel ausweichen kann, und
daß man diese letzte Schöpfung der Krankheit wie alle früheren
zu bekämpfen hat. Nun ist dieses Stück der Arbeit das bei
weitem schwierigste. Das Deuten der Träume, das Extrahieren
der unbewußten Gedanken und Erinnerungen aus den Einfällen
des Kranken und ähnliche Übersetzungskünste sind leicht zu
erlernen; dabei liefert immer der Kranke selbst den Text. Die
Übertragung allein muß man fast selbständig erraten, auf gering-
fügige Anhaltspunkte hin und ohne sich der Willkür schuldig
zu machen. Zu umgehen ist sie aber nicht, da sie zur Herstel-
lung aller Hindernisse verwendet wird, welche das Material der
Kur unzugänglich machen, und da die Überzeugungsempfindung
für die Richtigkeit der konstruierten Zusammenhänge beim
Kranken erst nach Lösung der Übertragung hervorgerufen wird.S.
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Man wird geneigt sein, es für einen schweren Nachteil des
ohnehin unbequemen Verfahrens zu halten, daß dasselbe die
Arbeit des Arztes durch Schöpfung einer neuen Gattung von
krankhaften psychischen Produkten noch vermehrt, ja, wird viel-
leicht eine Schädigung des Kranken durch die analytische Kur
aus der Existenz der Übertragungen ableiten wollen. Beides
wäre irrig. Die Arbeit des Arztes wird durch die Übertragung
nicht vermehrt; es kann ihm ja gleichgültig sein, ob er die be-
treffende Regung des Kranken in Verbindung mit seiner Person
oder mit einer anderen zu überwinden hat. Die Kur nötigt aber
auch dem Kranken mit der Übertragung keine neue Leistung
auf, die er nicht auch sonst vollzogen hätte. Wenn Heilungen
von Neurosen auch in Anstalten zustande kommen, wo psychisch-
analytische Behandlung ausgeschlossen ist, wenn man sagen
konnte, daß die Hysterie nicht durch die Methode, sondern
durch den Arzt geheilt wird, wenn sich eine Art von blinder
Abhängigkeit und dauernder Fesselung des Kranken an den
Arzt zu ergeben pflegt, der ihn durch hypnotische Suggestion
von seinen Symptomen befreit hat, so ist die wissenschaftliche
Erklärung für all dies in „Übertragungen“ zu sehen, die der
Kranke regelmäßig auf die Person des Arztes vornimmt. Die
psychoanalytische Kur schafft die Übertragung nicht, sie deckt
sie bloß, wie anderes im Seelenleben Verborgene, auf. Der Unter-
schied äußert sich nur darin, daß der Kranke spontan bloß
zärtliche und freundschaftliche Übertragungen zu seiner Heilung
wachruft; wo dies nicht der Fall sein kann, reißt er sich so
schnell wie möglich unbeeinflußt vom Arzte, der ihm nicht
„sympathisch“ ist, los. In der Psychoanalyse werden hingegen,
entsprechend einer veränderten Motivenlage, alle Regungen, auch
die feindseligen, geweckt, durch Bewußtmachen für die Analyse
verwertet, und dabei wird die Übertragung immer wieder ver-
nichtet. Die Übertragung, die das größte Hindernis für die
Psychoanalyse zu werden bestimmt ist, wird zum mächtigsten
Hilfsmittel derselben, wenn es gelingt, sie jedesmal zu erraten
und dem Kranken zu übersetzen.Ich mußte von der Übertragung sprechen, weil ich die
Besonderheiten der Analyse Doras nur durch dieses Moment
aufzuklären vermag. Was den Vorzug derselben ausmacht undS.
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sie als geeignet für eine erste, einführende Publikation erscheinen
läßt, ihre besondere Durchsichtigkeit, das hängt mit ihrem
großen Mangel, welcher zu ihrem vorzeitigen Abbruche führte,
innig zusammen. Es gelang mir nicht, der Übertragung recht-
zeitig Herr zu werden; durch die Bereitwilligkeit, mit welcher
sie mir den einen Teil des pathogenen Materials in der Kur
zur Verfügung stellte, vergaß ich der Vorsicht, auf die ersten
Zeichen der Übertragung zu achten, welche sie mit einem an-
deren, mir unbekannt gebliebenen Teile desselben Materials vor-
bereitete. Zu Anfang war es klar, daß ich ihr in der Phantasie
den Vater ersetzte, wie auch bei dem Unterschiede unserer
Lebensalter nahelag. Sie verglich mich auch immer bewußt mit
ihm, suchte sich ängstlich zu vergewissern, ob ich auch ganz
aufrichtig gegen sie sei, denn der Vater „bevorzuge immer die
Heimlichkeit und einen krummen Umweg“. Als dann der erste
Traum kam, in dem sie sich warnte, die Kur zu verlassen wie
seinerzeit das Haus des Herrn K., hätte ich selbst gewarnt
werden müssen und ihr vorhalten sollen: „Jetzt haben Sie eine
Übertragung von Herrn K. auf mich gemacht. Haben Sie etwas
bemerkt, was Sie auf böse Absichten schließen läßt, die denen
des Herrn K. (direkt oder in irgend einer Sublimierung) ähnlich
sind, oder ist Ihnen etwas an mir aufgefallen oder von mir be-
kannt geworden, was Ihre Zuneigung erzwingt, wie ehemals bei
Herrn K.?“ Dann hätte sich ihre Aufmerksamkeit auf irgend
ein Detail aus unserem Verkehre, an meiner Person oder an
meinen Verhältnissen gerichtet, hinter dem etwas Analoges, aber
ungleich Wichtigeres, das Herrn K. betraf, sich verborgen hielt,
und durch die Lösung dieser Übertragung hätte die Analyse
den Zugang zu neuem, wahrscheinlich tatsächlichem Material
der Erinnerung gewonnen. Ich überhörte aber diese erste War-
nung, meinte, es sei reichlich Zeit, da sich andere Stufen der
Übertragung nicht einstellten und das Material für die Analyse
noch nicht versiegte. So wurde ich denn von der Übertragung
überrascht und wegen des X., in dem ich sie an Herrn K. er-
innerte, rächte sie sich an mir, wie sie sich an Herrn K. rächen
wollte, und verließ mich, wie sie sich von ihm getäuscht und ver-
lassen glaubte. Sie agierte so ein wesentliches Stück ihrer
Erinnerungen und Phantasien, anstatt es in der Kur zu repro-
S.
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duzieren. Welches dieses X war, kann ich natürlich nicht
wissen: ich vermute, es bezog sich auf Geld, oder es war Eifer-
sucht gegen eine andere Patientin, die nach ihrer Heilung im
Verkehre mit meiner Familie geblieben war. Wo sich die Über-
tragungen frühzeitig in die Analyse einbeziehen lassen, da wird
deren Verlauf undurchsichtig und verlangsamt, aber ihr Bestand
ist gegen plötzliche unwiderstehliche Widerstände besser ge-
sichert.In dem zweiten Traume Doras ist die Übertragung durch
mehrere deutliche Anspielungen vertreten. Als sie ihn mir er-
zählte, wußte ich noch nicht, erfuhr es erst zwei Tage später, daß
wir nur noch zwei Stunden Arbeit vor uns hatten, dieselbe Zeit,
die sie vor dem Bilde der Sixtinischen Madonna verbracht, und
die sie auch vermittelst einer Korrektur (zwei Stunden anstatt
zweieinhalb Stunden) zum Maße des von ihr zurückgelegten Weges
um den See gemacht hatte. Das Streben und Warten im Traume,
das sich auf den jungen Mann in Deutschland bezog und von
ihrem Warten, bis Herr K. sie heiraten könne, herstammte, hatte
sich schon einige Tage vorher in der Übertragung geäußert:
Die Kur dauere ihr zu lange, sie werde nicht die Geduld haben,
sie sie in den ersten Wochen Einsicht
genug gezeigt hatte, meine Ankündigung, ihre volle Herstellung
werde etwa ein Jahr in Anspruch nehmen, ohne solchen Ein-
spruch anzuhören. Die Ablehnung der Begleitung im Traume,
sie wolle lieber allein gehen, die gleichfalls aus dem Besuche
in der Dresdener Galerie herrührte, sollte ich ja an dem hiefür
bestimmten Tage erfahren. Sie hatte wohl den Sinn: Da alle
Männer so abscheulich sind, so will ich lieber nicht heiraten.
Dies meine Rache1).
1)Je weiter ich mich zeitlich von der Beendigung dieser Analyse
entferne, desto wahrscheinlicher wird mir, daß mein technischer Fehler in
folgender Unterlassung bestand: Ich habe es versäumt, rechtzeitig zu er-
raten und der Kranken mitzuteilen, daß die homosexuelle (gynäkophile)
Liebesregung für Frau K. die stärkste der unbewußten Strömungen ihres
Seelenlebens war. Ich hätte erraten müssen, daß keine andere Person als
Frau K. die Hauptquelle für ihre Kenntnis sexueller Dinge sein konnte,
dieselbe Person, von der sie dann wegen ihres Interesses an solchen Gegen-
ständen verklagt worden war. Es war doch zu auffällig, daß sie alles An-
stößige wußte und niemals wissen wollte, woher sie es wußte. An diesesS.
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Wo Regungen der Grausamkeit und Motive der Rache, die
schon im Leben zur Aufrechterhaltung der Symptome verwendet
worden sind, sich während der Kur auf den Arzt übertragen,
ehe er Zeit gehabt hat, dieselben durch Rückführung auf ihre
Quellen von seiner Person abzulösen, da darf es nicht Wunder
nehmen, daß das Befinden der Kranken nicht den Einfluß seiner
therapeutischen Bemühung zeigt. Denn wodurch könnte die
Kranke sich wirksamer rächen, als indem sie an ihrer Person
dartut, wie ohnmächtig und unfähig der Arzt ist? Dennoch bin
ich geneigt, den therapeutischen Wert auch so fragmentarischer
Behandlungen, wie die Doras war, nicht gering zu veranschlagen.Erst fünf Vierteljahre nach Abschluß der Behandlung und
dieser Niederschrift erhielt ich Nachricht von dem Befinden
meiner Patientin und somit von dem Ausgange der Kur. An
einem nicht ganz gleichgültigen Datum, am 1. April — wir wissen,
daß Zeiten bei ihr nie bedeutungslos waren — erschien sie bei
mir, um ihre Geschichte zu beenden und um neuerdings Hilfe
zu erbitten: ein Blick auf ihre Miene konnte mir aber verraten,
daß es ihr mit dieser Bitte nicht Ernst war. Sie war noch vier bis
fünf Wochen, nachdem sie die Behandlung verlassen, im „Durch
einander“, wie sie sagte. Dann trat eine große Besserung ein,
die Anfälle wurden seltener, ihre Stimmung gehoben. Im Mai
des jetzt vergangenen Jahres starb das eine Kind des Ehe-
paares K., das immer gekränkelt hatte. Sie nahm diesen Trauer-
fall zum Anlasse, um den K. einen Kondolenzbesuch zu machen,
und wurde von ihnen empfangen, als ob in diesen letzten drei
Jahren nichts vorgefallen wäre. Damals söhnte sie sich mit
ihnen aus, nahm ihre Rache an ihnen und brachte ihre An-
Rätsel hätte ich anknüpfen, für diese sonderbare Verdrängung hätte ich
das Motiv suchen müssen. Der zweite Traum hätte es mir dann verraten.
Die rücksichtslose Rachsucht, welcher dieser Traum den Ausdruck gab, war
wie nichts anderes geeignet, die gegensätzliche Strömung zu verdecken, den
Edelmut, mit dem sie den Verrat der geliebten Freundin verzieh und es allen
verbarg, daß diese selbst ihr die Eröffnungen gemacht, deren Kenntnis dann
zu ihrer Verdächtigung verwendet wurde. Ehe ich die Bedeutung der homo-
sexuellen Strömung bei den Psychoneurotikern erkannt hatte, bin ich oftmals
in der Behandlung von Fällen stecken geblieben oder in völlige Verwirrung
geraten.S.
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gelegenheit zu einem für sie befriedigenden Abschlusse. Der
Frau sagte sie: Ich weiß, du hast ein Verhältnis mit dem Papa,
und diese leugnete nicht. Den Mann veranlaßte sie, die von
ihm bestrittene Szene am See zuzugestehen, und brachte diese,
sie rechtfertigende Nachricht ihrem Vater. Sie hat den Verkehr
mit der Familie nicht wieder aufgenommen.Es ging ihr dann ganz gut bis Mitte Oktober, um welche
Zeit sich wieder ein Anfall von Stimmlosigkeit einstellte, der
sechs Wochen lang anhielt. Über diese Mitteilung überrascht,
frage ich, ob dafür ein Anlaß vorhanden war, und höre, daß
der Anfall an ein heftiges Erschrecken anschloß. Sie mußte zu
sehen, wie jemand von einem Wagen überfahren wurde. Endlich
rückte sie damit heraus, daß der Unfall keinen anderen als
Herrn K. betroffen hatte. Sie traf ihn eines Tages auf der Straße;
er kam ihr an einer Stelle lebhaften Verkehres entgegen, blieb
wie verworren vor ihr stehen und ließ sich in der Selbstver-
gessenheit von einem Wagen niederwerfen1). Sie überzeugte sich
übrigens, daß er ohne erheblichen Schaden davonkam. Es rege
sich noch leise in ihr, wenn sie von dem Verhältnisse des Papas
zu Frau K. reden höre, in welches sie sich sonst nicht mehr
menge. Sie lebe ihren Studien, gedenke nicht zu heiraten.Meine Hilfe suchte sie wegen einer rechtsseitigen Gesichts-
neuralgie, die jetzt Tag und Nacht anhalte. Seit wann? „Seit
genau vierzehn Tagen2).“ – Ich mußte lächeln, da ich ihr
nachweisen konnte, daß sie vor genau vierzehn Tagen eine mich
betreffende Nachricht in der Zeitung gelesen, was sie auch be-
stätigte (1902).Die angebliche Gesichtsneuralgie entsprach also einer
Selbstbestrafung, der Reue wegen der Orfeige, die sie damals
Herrn K. gegeben, und der daraus auf mich bezogenen Rache-
übertragung. Welche Art Hilfe sie von mir verlangen wollte,
weiß ich nicht, aber ich versprach, ihr zu verzeihen, daß sie
mich um die Befriedigung gebracht, sie weit gründlicher von
ihrem Leiden zu befreien.
1)Ein interessanter Beitrag zu dem in meiner „Psychopathologie des
Alltagslebens“ behandelten indirekten Selbstmordversuche.2)Siehe die Bedeutung dieses Termins und dessen Beziehung zum
Thema der Rache in der Analyse des zweiten Traumes.S.
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Es sind wiederum Jahre seit dem Besuche bei mir ver-
gangen. Das Mädchen hat sich seither verheiratet, und zwar mit
jenem jungen Manne, wenn mich nicht alle Anzeichen trügen,
den die Einfälle zu Beginn der Analyse des zweiten Traumes
erwähnten1): Wie der erste Traum die Abwendung vom geliebten
Manne zum Vater, also die Flucht aus dem Leben in die
Krankheit bezeichnete, so verkündete ja dieser zweite Traum,
daß sie sich vom Vater losreißen werde und dem Leben wieder-
gewonnen sei.
1)Wie ich später erfuhr, war diese Vermutung irrig.
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Bruchstück einer Hysterie-Analyse1905-005/1921
1905-005/1921/N