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IV.
Ich kehre nun zu der vorhin abgebrochenen Dis-
kussion des Falles zurück. Wir haben uns einen
Überblick über die Kräfte verschafft, welche
die Libido des Mädchens aus der normalen
Oedipuseinstellung in die der Homosexualität
überführt haben und über die psychischen Wege,
die dabei beschritten worden sind. Obenan
unter diesen bewegenden Kräften stand
der Eindruck der Geburt ihres kleinen Bruders
und somit ist uns nahe gelegt den Fall als einen
von spät erworbener Inversion zu klassi-
fizieren.
Allein hier werden wir auf ein Verhältnis auf-
merksam welches uns auch bei vielen anderen
Beispielen von psychoanalytischer Aufklärung
eines seelischen Vorganges entgegentritt. Solange
wir die Entwicklung von ihrem Endergebnis
aus nach rückwärts verfolgen, stellt sich uns
ein lückenloser Zusammenhang her und wir
halten unsere Einsicht für vollkommen befried-
igend, vielleicht für erschöpfend. Nehmen
wir aber den umgekehrten Weg, gehen wir
von den durch die Analyse gefundenen Voraus-
setzungen aus und suchen diese bis zum Resul-
tat zu verfolgen, so kommt uns der Eindruck
einer notwendigen und auf keine andere Weise
zu bestimmenden Verkettung ganz abhanden.
Wir merken sofort, es hätte sich auch etwas an-
deres ergeben können und dies andere Ergebnis
hätten wir ebensogut verstanden und aufklären
können. Die Synthese ist also nicht so befried-
igend wie die Analyse; mit anderen Worten
wir wären nicht im Stande aus der Kenntnis
der Voraussetzungen die Natur des Ergeb-
nisses vorherzusagen.
Es ist sehr leicht, diese betrübliche Erkenntnis
auf ihre Ursachen zurückzuführen. Mögen
uns auch die aetiologischen Faktoren, welche
für einen bestimmten Erfolg maßgebend sind,
vollständig bekannt sein, wir kennen sie
doch nur qualitativ und nicht nach ihrer
relativennach ihrerEigenart, Stärke. Einige
von ihnen werden als zu schwach von anderen
unterdrückt werden und für das Endergebnis
nicht in Betracht kommen. Wir wissen aber
niemals vorher, welche der bestimmenden Momente
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sich als die schwächeren oder stärkeren erweisen
werden. Wir sagen nur am Ende, die sich durch-
gesetzt haben, das waren die stärkeren. Somit
ist die Verursachung in der Richtung der Analyse
jedesmal sicher zu erkennen, deren Vorhersage
in der Richtung der Synthese aber unmöglich.
Wir wollen also nicht behaupten, daß jedes
Mädchen, dessen aus der Ödipuseinstellung
der Pubertätsjahre herrührende Liebes-
sehnsucht eine solche Enttäuschung erfährt,
darum notwendiger Weise der Homosexualität
verfallen wird. Andersartige Reaktionen
auf dieses Trauma werden im Gegenteil
von dem Mädchen häufiger sein. Dann müssen aber bei diesem besondere
Momente den Ausschlag gegeben haben,
solche außerhalb des Traumas wahrscheinlich innerer
Natur. Es hat auch keine Schwierigkeit sie aufzu-
zeigen.
Bekanntlich braucht es auch beim Normalen eine gewisse Zeit bis sich die
Entscheidung über das Geschlecht des Liebesobjekts
endgiltig durchgesetzt hat. Homosexuelle Schwärmereien
übermäßig starke, sinnlich betonte Freundschaften
sind bei beiden Geschlechtern in den ersten
Jahren nach der Pubertät recht gewöhnlich.
So war es auch bei unserem Mädchen, aber diese
Neigungen zeigten sich bei ihr unzweifelhaft
stärker und hielten länger an als bei anderen.
Dazu kommt, daß diese Vorboten der späteren
Homosexualität immer ihr bewußtes Leben
eingenommen hatten, während die dem Oedipus-
komplex entspringende Einstellung unbewußt
geblieben war und nur in solchen Anzeichen
wie jene Verzärtelung des kleinen Knaben
zum Vorschein kam. Als Schulmädchen war sie
lange Zeit verliebt in eine unnahbar
strenge Lehrerin, einen offenkundigen Mutter-
ersatz. Ein besonders lebhaftes Interesse
für manche jungmütterliche Frauen hatte sie
lange vor der Geburt des Bruders und
umso sicherer lange Zeit vor jener ersten
Zurechtweisung durch den Vater gezeigt. Ihre
Libido lief also von sehr früher Zeit in
zwei Strömungen, von denen die ober-
flächlichere unbedenklich eine homosexuelle
genannt werden darf. Diese war wahrscheinlich
die direkte unverwandelte Fortsetzung
einer infantilen Fixierung an die Mutter.
Möglicher Weise haben wir durch unsere Analyse
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auch nichts anderes aufgedeckt als den Prozeß der
bei einem geeigneten Anlaß auch die tiefere
heterosexuelle Libidoströmung in die manifeste
homosexuelle überführte.
Ferner lehrte die Analyse, daß das Mädchen aus
ihren Kinderjahren einen stark betonten
„Männlichkeitskomplex“ mitgebracht hatte. Lebhaft,
rauflustig, durchaus nicht gewillt, hinter dem
wenig älteren Bruder zurückzustehen, hatte
sie seit jener Inspektion der Genitalien einen
mächtigen Penisneid entwickelt, dessen Abkömm-
linge immer noch ihr Denken erfüllten. Sie
war eigentlich eine Frauenrechtlerin, fand es unge-
recht, daß die Mädchen nicht dieselben Freiheiten
genießen sollten wie die Burschen, und sträubte
sich überhaupt gegen das Loos der Frau. Zur
Zeit der Analyse waren ihr Schwangerschaft
und Kindergebären unliebsame Vorstellungen,
wie ich vermute auch wegen der damit verbundenen
körperlichen Entstellung. Auf diese Abwehr
hatte sich ihr mädchenhafter Narzißmus zurück-
gezogen, der sich nicht mehr als Stolz auf ihre
Schönheit äußerte. x)
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x) Vgl. Kriemhild's Bekenntnis im Nibelungenlied.
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Verschiedene Anzeichen wiesen
auf eine ehemals sehr starke Schau- und Exhibit-
ionslust hin. Wer das Recht der Erwerbung in
der Aetiologie nicht verkürzt sehen will wird
aufmerksam machen, daß das geschilderte Verhalten
des Mädchens gerade so war, wie es durch die
vereinte Wirkung der mütterlichen Zurücksetzung
und der Vergleichung ihrer Genitalien mit
denen des Bruders bei starker Mutter-
fixierung bestimmt werden mußte. Auch hier
besteht keine Möglichkeit etwas auf Präg-
ung durch frühzeitig wirksamen äußeren
Einfluß zurückzuführen, was man gern
als konstitutionelle Eigenart aufgefaßt hätte.
Und auch von dieser Erwerbung – wenn sie wirk-
lich stattgefunden hat – wird ein Anteil auf
Rechnung der mitgebrachten Konstitution
zu setzen sein. So vermengt und vereinigt
sich in der Beobachtung beständig, was
wir in der Theorie zu einem Paar von
Gegensätzen – Vererbung und Erwerbung –
auseinanderlegen möchten.
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Hatte ein früherer, vorläufiger Abschluß der Analyse
zum Ausspruch geführt, es handle sich um einen
Fall von später Erwerbung der Homosexualität
so drängt die jetzt vorgenommene Überprüfung
des Materials vielmehr zum Schluß, es liege
angeborene Homosexualität vor, die sich wie
gewöhnlich erst in der Zeit nach der Pubertät
fixiert und unverkennbar gezeigt habe. Jede
dieser Klassifizierungen wird nur einem Anteil
des durch Beobachtung festzustellenden Sachver-
halts gerecht, vernachlässigt den anderen.
Wir treffen das Richtige, wenn wir den Wert
dieser Fragestellung überhaupt gering veran-
schlagen.
Die Literatur der Homosexualität pflegt die Fragen
der Objektwahl einerseits und des Geschlechtscharakters
und der geschlechtlichen Einstellung andererseits nicht scharf
genug zu trennen, als ob die Entscheidung über
den einen Punkt notwendiger Weise mit
der des anderen verknüpft wäre. Die Erfahrung
zeigt jedoch das Gegenteil: Ein Mann mit
überwiegend männlichen Eigenschaften, der
auch den männlichen Typus des Liebeslebens
zeigt, kann doch in Bezug aufs Objekt invertiert
sein, nur Männer anstatt Frauen lieben.
Ein Mann, in dessen Charakter die
weiblichen Eigenschaften augenfällig vor-
wiegen, ja der sich in der Liebe wie ein
Weib benimmt, sollte durch diese weibliche
Einstellung auf den Mann als Liebes-
objekt hingewiesen werden; er kann
aber trotzdem heterosexuell sein, nicht
mehr Inversion in Bezug aufs Objekt
zeigen als durchschnittlich ein Normaler.
Dasselbe gilt für Frauen, auch bei ihnen
treffen psychischer Geschlechtscharakter und
Objektwahl nicht zu fester Relation zusammen.
Das Geheimnis der Homosexualität ist also
keineswegs so einfach, wie man es zum popu-
lären Gebrauch gern darstellt: Eine
weibliche Seele, die darum den Mann
lieben muß, zum Unglück in einen männlichen
Körper geraten, oder eine männliche
Seele, die unwiderstehlich vom Weib
angezogen wird, leider in einen weiblichen
Leib gebannt. Vielmehr handelt es sich
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um drei Reihen von Charakteren
Somatische Geschlechtscharaktere - Psychischer Geschlechtschar. - Art der
(Physischer Hermaphroditismus) - (männl. Einstellung) - (weibl. " Objektwahl)
die bis zu einem gewissen Grade von einander unab-
hängig variieren und sich bei den einzelnen Indi-
viduen in mannigfachen Permutationen vorfinden.
Die tendenziöse Literatur hat die Einsicht in diese
Verhältnisse erschwert, indem sie aus praktischen
Motiven das dem Laien allein auffällige
Verhalten im dritten Punkt, dem der Objekt-
wahl, in den Vordergrund rückt und außer-
dem die Festigkeit der Beziehung zwischen diesem
und dem ersten Punkt übertreibt. Sie versperrt
sich auch den Weg, der zur tieferen Einsicht
in all das führt, was man uniform als Homo-
sexualität bezeichnet, indem sie sich gegendie
zwei Grundtatsachen sträubt, welche die
psychoanalytische Forschung aufgedeckt hat. Die
erste, daß die homosexuellen Männer eine
besonders starke Fixierung an die Mutter
erfahren haben; die zweite, daß alle Normalen
neben ihrer manifesten Heterosexualität ein
sehr erhebliches Ausmaß von latenter oder
unbewußter Homosexualität erkennen lassen.
Trägt man diesen Funden Rechnung, so ist es aller-
dings um die Annahme eines von der Natur
in besonderer Laune geschaffenen „dritten
Geschlechts“ geschehen.
Die Psychoanalyse ist nicht dazu berufen, das
Problem der Homosexualität zu lösen. Sie muß
sich damit begnügen, die psychischen Mechanismen
zu enthüllen, die zur Entscheidung in der
Objektwahl geführt haben und die Wege von
ihnen zu den Triebanlagen zu verfolgen. Dann
bricht sie ab und überläßt das Übrige der
biologischen Forschung, die gerade jetzt in den
Arbeiten von Steinach so bedeutungsvolle
Aufschlüsse über die Beeinflussung der
obigen zweiten und dritten Reihe durch die erste
zu Tage fördert. Sie steht auf gemeinsamem Boden
mit der Biologie, indem sie eine ursprüngliche
Bisexualität des menschlichen (wie des tierischen)
Individuums zur Voraussetzung nimmt. Aber
das Wesen dessen, was man im konventionellen oder
im biologischen Sinne „männlich“ und „weiblich“ nennt,
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kann die Psychoanalyse nicht aufklären, sie übernimmt
die beiden Begriffe und legt sie ihren Arbeiten zu
Grunde. Beim Versuch einer weiteren Zurück-
führung verflüchtigt sich ihr die Männlichkeit
zur Aktivität, die Weiblichkeit zur Passivität
und das ist zu wenig. In wie weit sich die Erwartung
daß auch aus dem Stück Aufklärungsarbeit,
welches in den Bereich der Analyse fällt, eine Handhabe
zur Abänderung der Inversion ergeben habe
ich vorhin auszuführen versucht. Vergleicht
man dieses Ausmaß von Beeinflussung mit
den großartigen Umwälzungen, die Steinach
in einzelnen Fällen durch operative Ein-
griffe erzielt hat, so macht es wol keinen
imposanten Eindruck. Indessen wäre es Voreilig-
keit oder schädliche Übertreibung, wenn wir
uns jetzt schon Hoffnung auf eine allgemein
brauchbare Therapie der Inversion machten.
Die Fälle von männlicher Homosexualität in denen
Steinach Erfolg gehabt hat, erfüllten die nicht
immer vorhandene Bedingung eines über-
deutlichen somatischen „Hermaphroditismus“. Die
Therapie einer weiblichen Homosexualität
auf analogem Wege ist zunächst ganz unklar.
Sollte sie in der Entfernung der wahrschein-
lich hermaphroditischen Ovarien und Ein-
pflanzung anderer hoffentlich eingeschlechtiger
bestehen, so würde sie praktisch wenig Aussicht
auf Anwendung haben. Ein weibliches Indi-
viduum, das sich männlich gefühlt und auf
männliche Weise geliebt hat, wird sich kaum
in die weibliche Rolle drängen lassen, wenn
es diese nicht durchaus vorteilhafte Um-
wandlung mit dem Verzicht auf die Mutter-
schaft bezahlen muß.
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Über die Psychogenese eines Falles von weiblicher Homosexualität1920-001/1920.01
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