"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
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    keine Enttäuschung erblicken, denn erstens wissen wir, daß
    nicht jegliche Disposition sich zur Affektion weiterentwickeln
    muß, und zweitens darf es uns genügen zu erklären,
    was vorhanden ist und dürfen wir uns der Aufgabe,
    auch verstehen zu lassen warum etwas nicht zu Stande
    gekommen ist, im Allgemeinen entziehen.
        So weit und nicht weiter würden uns unsere gegenwär--
    tigen Einsichten ins Verständnis der Schlagephantasien
    eindringen lassen. Eine Ahnung, daß das Problem
    hiemit nicht erledigt ist, regt sich allerdings beim
    analysierenden Arzte, wenn er sich eingestehen muß,
    daß diese Phantasien meist abseits vom übrigen
    Inhalt der Neurose bleiben und keinen rechten
    Platz in deren Gefüge einnehmen, aber man pflegt, wie
    ich aus eigener Erfahrung weiß, über solche Eindrücke
    gern hinwegzugehen.

    III.

        Streng genommen – und warum sollte man dies nicht
    so streng als möglich nehmen? – verdient die Aner--
    kennung als korrekte Psychoanalyse nur die analyt--
    ische Bemühung, der es gelungen ist, die Amnesie
    zu beheben, welche dem Erwachsenen die Kenntnis
    seines Kinderlebens vom Start Anfang (d. h. etwa vom
    zweiten bis zum fünften Jahr) an verhüllt. Man kann das unter Analytikern
    nicht laut genug sagen und nicht oft genug wieder--
    holen. Die Motive, sich über diese Mahnung hinwegzu--
    setzen, sind ja begreiflich. Man möchte brauchbare Er--
    folge in kürzerer Zeit und mit geringerer Mühe
    erzielen. Aber gegenwärtig ist die theoretische Erkenntnis
    noch ungleich wichtiger für uns für jeden von uns als der grobe praktische
    therapeutische Erfolg, und wer die Kinderanalyse
    vernachlässigt, muß notwendig den folgenschwersten
    Irrtümern verfallen. Eine Unterschätzung des Einflusses späterer Erleb--
    nisse wird durch diese Betonung der Wichtigkeit der
    frühesten nicht bedingt, aber die späteren Lebensein--
    drücke sprechen in der Analyse laut genug durch
    den Mund des Kranken, für das Anrecht der Kindheit
    muß erst der Arzt die Stimme erheben.
        Die Kinderzeit zwischen 2 und 4 oder 5 Jahren ist die--
    jenige, in welcher die mitgebrachten libidinösen
    Faktoren von den Erlebnissen zuerst geweckt
    und an gewisse Komplexe gebunden werden. Die
    hier behandelten Schlagephantasien zeigen sich erst
    zu Ende oder nach Ablauf dieser Zeit. Es könnte
    also wol sein, daß sie eine Vorgeschichte haben,

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    eine Entwicklung durchmachen, einem Endausgang nicht einer
    einer einer Anfangsäußerung entsprechen.
    Diese Vermutung wird durch die Analyse bestätigt, die
    konsequente Anwendung derselben lehrt, daß die
    Schlagephantasien eine gar nicht einfache Entwicklungs--
    geschichte haben, in deren Verlauf sich das Meiste
    an ihnen mehr als einmal ändert, ihre Beziehung
    zur phantasierenden Person, ihr Objekt Inhalt
    und Bedeutung ihre Bedeutung.
        Zur Erleichterung der Beschreibung dieser Wandlungen
    in den Schlagephantasien werde ich mir nun gestatten
    meine Beschreibungen auf die weiblichen Personen
    einzuschränken, die ohnedies (4 gegen 2) die Mehrheit
    meines Materials ausmachen. An die Schlagephan--
    tasien der Männer knüpft außerdem ein
    anderes Thema an, das ich in dieser Mitteilung
    bei Seite lassen will. Ich werde mich dabei bemühen
    nicht mehr zu schematisieren als zur Darstellung
    eines durchschnittlichen Sachverhaltes unvermeidlich
    ist. Mag dann weitere Beobachtung auch eine größere
    Mannigfaltigkeit der Verhältnisse ergeben so bin
    ich doch sicher ein typisches Vorkommnis, und zwar
    nicht von seltener Art, erfaßt zu haben.
        Die erste Phase der Schlagephantasie bei Mädchen
    also muß einer sehr frühen Kinderzeit angehören.
    Einiges an ihnen bleibt in merkwürdiger Weise unbe--
    stimmbar, als ob es gleichgiltig wäre. Die kärgliche
    Auskunft die man von den Patienten bei der
    ersten Mitteilung erhalten hat: Ein Kind wird
    geschlagen, erscheint für diese Phase gerechtfertigt.
    Allein anderes ist mit Sicherheit bestimmbar und
    dann allemal im gleichen Sinne. Das geschlagene Kind
    ist nämlich nie das phantasierende, regelmäßig ein
    anderes Kind, zumeist ein Geschwisterchen wo ein
    solches vorhanden ist. Da dies Bruder oder Schwester
    sein kann, kann sich hier auch keine konstante
    Beziehung zwischen dem Geschlecht des phantasie--
    renden und dem des geschlagenen Kindes ergeben.
    Die Phantasie ist also sicherlich keine masochistische;
    man möchte sie sadistisch nennen allein man darf
    nicht außer Acht lassen, daß das phantasierende
    Kind auch niemals selbst das schlagende ist.
    Wer in Wirklichkeit die schlagende Person ist, bleibt
    zunächst unklar. Es läßt sich nur feststellen: kein
    anderes Kind sondern ein Erwachsener. Diese un--
    bestimmte erwachsene Person wird dann späterhin
    klar und eindeutig als der Vater (des Mädchens)
    kenntlich.

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    diese erste Phase der Schlagephantasie wird also voll wieder--
    geben durch den Satz: Der Vater schlägt das Kind. Ich verrate
    viel von dem später aufzuzeigenden Inhalt wenn ich
    anstatt dessen sage: der Vater schlägt das mir verhaßte Kind.
    Man kann übrigens schwankend werden ob man dieser
    Vorstufe der späteren Schlagephantasie auch schon den
    Charakter einer „Phantasie“ zuerkennen soll.
    Es handelt sich vielleicht eher um Erinnerungen an solche
    Vorgänge die man mitangesehen hat, an Wünsche
    die bei verschiedenen Anlässen aufgetreten
    sind, aber diese Zweifel haben keine Wichtigkeit.
        Zwischen dieser ersten und der nächsten
    Phase haben sich große Umwandlungen vollzogen.
    Die schlagende Person ist zwar die nämliche, die des
    Vaters geblieben, aber das geschlagene Kind ist ein
    anderes geworden, es ist regelmäßig die des phan--
    tasierenden Kindes selbst. Die Phantasie ist in hohem
    Grade lustbetont und hat sich mit einem bedeut--
    samen Sinn Inhalt erfüllt, dessen Ableitung uns
    später beschäftigen wird. Ihr Wortlaut ist jetzt also: Ich
    werde vom Vater geschlagen. Sie hat unzweifelhaft
    masochistischen Charakter.
        Diese zweite Phase ist die wichtigste und folgenschwerste von
    allen. Aber man kann in gewissem Sinne von ihr
    sagen, sie habe niemals eine reale Existenz gehabt.
    Sie wird in keinem Falle erinnert, sie hat es nie
    zum Bewußtwerden gebracht. Sie ist eine Konstruktion
    der Analyse, aber darum nicht minder eine Not--
    wendigkeit.
        Die dritte Phase ähnelt wiederum der ersten. Sie hat den
    aus der Mitteilung der Patienten bekannten
    Wortlaut. Die schlagende Person ist niemals die des
    Vaters, sie wird entweder wie in der ersten
    Phase unbestimmt gelassen oder in typischer Weise
    durch einen Vatervertreter (Lehrer) besetzt. Die
    eigene Person des phantasierenden Kindes kommt in
    der Schlagephantasie nicht mehr zum Vorschein. Auf
    eindringliches Befragen äußern die Patienten nur:
    Ich schaue wahrscheinlich zu. Anstatt des einen ge--
    schlagenen Kindes sind jetzt meistens viele Kinder
    vorhanden. Überwiegend häufig sind es (in den
    Phantasien der Mädchen) Buben, die geschlagen
    werden, aber auch nicht individuell bekannte. Die
    ursprüngliche einfache und monotone Situation des Ge--
    schlagenseins kann die mannigfaltigsten Ab--
    änderungen und Ausschmückungen erfahren, das
    Schlagen selbst durch Strafen und Demütigungen
    anderer Art ersetzt werden. Der wesentliche
    Charakter aber der auch die einfachsten Phantasien
    dieser Phase von denen der ersten unterscheidet,

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    und der die Beziehung zur mittleren Phase herstellt ist der folgende:
    die Phantasie ist jetzt der Träger einer hohen unzweideutig
    sexuellen Erregung und vermittelt als solche die onanistische
    Befriedigung. Gerade das ist aber das Rätselhafte; auf welchem
    Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde
    und unbekannte Buben geschlagen werden, zu dem von
    da an dauernden Besitz der libidinösen Strebung
    des kleinen Mädchens gekommen?
        Wir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und
    Aufeinanderfolge der drei Phasen der Schlagephan--
    tasie wie alle ihre anderen Eigentümlichkeiten bisher ganz un--
    verständlich geblieben sind.

    IV.

        Führt man die Analyse durch jene frühe Zeiten,
    in die die Schlagephantasien verlegt, und aus
    denen sie erinnert werden, so zeigt sie das Kind
    in die Erregungen seines Elternkomplexes
    verstrickt.
        Das kleine Mädchen ist zärtlich an den Vater fixiert
    der wahrscheinlich alles getan hat um seine Liebe
    zu gewinnen und legt dabei den Keim zu einer
    Haß- und Konkurrenzeinstellung gegen
    die Mutter, die neben einer Strömung von
    zärtlicher Anhänglichkeit bestehen kann, und der
    vorbehalten ist, mit den Jahren immer stärker und
    deutlicher bewußt zu werden oder den Anstoß zu
    einer übergroßen reaktiven Liebesbindung an
    sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis zur
    Mutter knüpft die Schlagephantasie an. Es giebt
    in der Kinderstube noch andere Kinder, um ganz
    wenige Jahre älter oder jünger, die man aus allen
    anderen Gründen, hauptsächlich aber darum nicht
    mag, weil man die Liebe der Eltern mit ihnen
    teilen soll, und die man darum mit der ganzen
    wilden Energie, die dem Gefühlsleben dieser
    Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres
    Geschwisterchen (wie in 3 von meinen 4 Fällen),
    so verachtet man es, außerdem daß man es haßt, und
    muß doch zusehen wie es jenen Anteil von
    Zärtlichkeit an sich zieht den die verblendeten
    Eltern jedesmal für das Jüngste bereit haben.
    Man versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn
    es nicht sehr wehe tut, eine Absage der Liebe
    und eine Demütigung bedeutet. So manches Kind,
    das sich für sicher thronend in der unerschütterlichen
    Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen einzigen
    Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten
    Allmacht gestürzt worden. Also ist es eine behagliche
    Vorstellung, daß der Vater dieses verhaßte Kind schlägt,