"Ein Kind wird geschlagen"1919-002/1919.01
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    und der die Beziehung zur mittleren Phase herstellt ist der folgende:
    die Phantasie ist jetzt der Träger einer hohen unzweideutig
    sexuellen Erregung und vermittelt als solche die onanistische
    Befriedigung. Gerade das ist aber das Rätselhafte; auf welchem
    Wege ist die nunmehr sadistische Phantasie, daß fremde
    und unbekannte Buben geschlagen werden, zu dem von
    da an dauernden Besitz der libidinösen Strebung
    des kleinen Mädchens gekommen?
        Wir verhehlen uns auch nicht, daß Zusammenhang und
    Aufeinanderfolge der drei Phasen der Schlagephan--
    tasie wie alle ihre anderen Eigentümlichkeiten bisher ganz un--
    verständlich geblieben sind.

    IV.

        Führt man die Analyse durch jene frühe Zeiten,
    in die die Schlagephantasien verlegt, und aus
    denen sie erinnert werden, so zeigt sie das Kind
    in die Erregungen seines Elternkomplexes
    verstrickt.
        Das kleine Mädchen ist zärtlich an den Vater fixiert
    der wahrscheinlich alles getan hat um seine Liebe
    zu gewinnen und legt dabei den Keim zu einer
    Haß- und Konkurrenzeinstellung gegen
    die Mutter, die neben einer Strömung von
    zärtlicher Anhänglichkeit bestehen kann, und der
    vorbehalten ist, mit den Jahren immer stärker und
    deutlicher bewußt zu werden oder den Anstoß zu
    einer übergroßen reaktiven Liebesbindung an
    sie zu geben. Aber nicht an das Verhältnis zur
    Mutter knüpft die Schlagephantasie an. Es giebt
    in der Kinderstube noch andere Kinder, um ganz
    wenige Jahre älter oder jünger, die man aus allen
    anderen Gründen, hauptsächlich aber darum nicht
    mag, weil man die Liebe der Eltern mit ihnen
    teilen soll, und die man darum mit der ganzen
    wilden Energie, die dem Gefühlsleben dieser
    Jahre eigen ist, von sich stößt. Ist es ein jüngeres
    Geschwisterchen (wie in 3 von meinen 4 Fällen),
    so verachtet man es, außerdem daß man es haßt, und
    muß doch zusehen wie es jenen Anteil von
    Zärtlichkeit an sich zieht den die verblendeten
    Eltern jedesmal für das Jüngste bereit haben.
    Man versteht bald, daß Geschlagenwerden, auch wenn
    es nicht sehr wehe tut, eine Absage der Liebe
    und eine Demütigung bedeutet. So manches Kind,
    das sich für sicher thronend in der unerschütterlichen
    Liebe seiner Eltern hielt, ist durch einen einzigen
    Schlag aus allen Himmeln seiner eingebildeten
    Allmacht gestürzt worden. Also ist es eine behagliche
    Vorstellung, daß der Vater dieses verhaßte Kind schlägt,

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    ganz unabhängig davon, ob man gerade ihn schlagen gesehen
    hat. Es heißt: der Vater liebt dieses andere Kind nicht,
    er liebt nur mich.
        Dies ist also Inhalt und Bedeutung der Schlagephantasie
    in ihrer ersten Phase. Die Phantasie befriedigt offenbar
    die Eifersucht des Kindes und hängt von seinem
    Liebesleben ab, aber sie wird auch von dessen egoistischen
    Interessen kräftig gestützt. Es bleibt also zweifelhaft
    ob man sie als eine rein „sexuelle“ bezeichnen darf;
    auch eine „sadistische“ getraut man sich nicht, sie zu nennen.
    Man weiß ja, daß gegen den Ursprung hin alle die
    Kennzeichen zu verschwimmen pflegen auf welche
    wir unsere Unterscheidungen aufzubauen gewohnt
    sind. Also vielleicht ähnlich wie die Verheißung der
    drei Schicksalsschwestern an Banquo lautete: nicht
    sicher sexuell, nicht selbst sadistisch aber doch der
    Stoff aus dem später beides werden soll. Keinesfalls
    aber liegt ein Grund zur Vermutung vor, daß
    schon diese erste Phase der Phantasie einer Erregung
    dient, welche sich unter Inanspruchnahme der
    Genitalien Abfuhr in einem onanistischen Akt zu
    verschaffen hat lernt.
        In dieser vorzeitigen Objektwahl der inzestuösen Liebe
    erreicht das Sexualleben des Kindes offenbar
    die Stufe der genitalen Organisation. Es ist dies für
    den Knaben leichter nachzuweisen, aber auch fürs
    kleine Mädchen nicht zu bezweifeln. Etwas wie eine
    Ahnung der späteren definitiven und normalen
    Sexualziele beherrscht das libidinöse Streben des
    Kindes; man mag sich füglich verwundern woher es
    kommt, darf es aber als Beweis dafür nehmen, daß
    die Genitalien ihre Rolle beim Erregungsvorgang
    bereits angetreten haben. Der Wunsch mit der
    Mutter ein Kind zu haben fehlt nie beim Knaben,
    der Wunsch vom Vater ein Kind zu bekommen
    ist beim Mädchen konstant, und dies bei völliger
    Unfähigkeit sich Klarheit über den Weg zu schaffen,
    der zur Erfüllung dieses Wunsches führen kann.
    Daß die Genitalien etwas damit zu tun haben, scheint
    beim Kinde festzustehen, wenngleich seine
    grübelnde Tätigkeit das Wesen
    der zwischen den Eltern vorausgesetzten Intimität
    in andersartigen Beziehungen suchen mag, z.B. im Bei--
    sammenschlafen, in gemeinsamer Harnentleerung u.dgl.
    und solcher Inhalt eher in Wortvorstellungen er--
    faßt werden kann als das Dunkle, das mit dem
    Genitalen zusammenhängt.

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        Allein es kommt die Zeit, zu der diese frühe Blüte vom
    Frost geschädigt wird; keine dieser inzestuösen Verliebtheiten
    kann dem Verhängnis der Verdrängung
    entgehen. Sie verfallen ihr entweder bei nachweisbaren
    äußeren Anlässen die eine Enttäuschung hervorrufen
    bei unerwarteten Kränkungen, bei der unerwünschten
    Geburt eines neuen Geschwisterchens die als Treu--
    losigkeit empfunden wird usw., oder ohne solche
    Veranlassungen, von innen heraus, vielleicht nur in
    Folge des Ausbleibens der zu lange ersehnten
    Erfüllung. Es ist unverkennbar, daß die Veranlassungen
    nicht die wirkenden Ursachen sind, sondern daß
    es diesen Liebesbeziehungen bestimmt ist, irgend einmal
    unterzugehen, wir können nicht sagen woran. Am
    wahrscheinlichsten ist es, daß sie vergehen weil ihre
    Zeit um ist, weil das Kind in eine neue Entwicklungs--
    phase eintritt, in welcher sie es genötigt sind ist, die
    Verdrängung der inzestuösen Objektwahl aus
    der Menschheitsgeschichte zu wiederholen wie sie es
    vorher gedrängt waren war solche Objektwahl vorzu--
    nehmen. (Siehe das Schicksal in der Oedipusmythe).
    Was als psychisches Ergebnis der inzestuösen Liebes--
    regungen unbewußt vorhanden ist, wird vom Bewußt--
    sein der neuen Phase nicht mehr übernommen,
    was davon bereits bewußt geworden war, wieder
    herausgedrängt. Gleichzeitig mit diesem Verdrängungs--
    vorgang erscheint ein Schuldbewußtsein, auch
    dieses unbekannter Herkunft, aber ganz unzweifel--
    haft an jene Inzestwünsche geknüpft und durch
    deren Fortdauer im Unbewußten gerecht--
    fertigt.
        Die Phantasie der inzestuösen Liebeszeit hatte gesagt: Er
    (der Vater) liebt nur mich, nicht das andere Kind,
    denn dieses schlägt er ja. Das Schuldbewußtsein weiß
    keine härtere Strafe zu finden, als die Umkehrung
    dieses Triumphes: „Nein, er liebt dich nicht, denn er
    schlägt dich.“ So würde die Phantasie der zweiten
    Phase, selbst vom Vater geschlagen zu werden, zum
    direkten Ausdruck des Schuldbewußtseins, dem
    nun die Liebe zum Vater unterliegt. Sie ist nun
    also masochistisch geworden; meines Wissens ist es immer
    so, jedesmal ist das Schuldbewußtsein das Moment,
    welches den Sadismus zum Masochismus umwandelt.

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    Dies ist aber gewiß nicht der ganze Inhalt des Masochismus, das
    Schuldbewußtsein kann nicht allein das Feld behauptet
    haben; der Liebesregung muß auch ihr Anteil werden.
    Erinnern wir uns daran, daß es sich um Kinder handelt
    bei denen die sadistische Komponente aus konstitut--
    ionellen Gründen vorzeitig und isoliert hervortreten
    konnte. Wir brauchen diesen Gesichtspunkt nicht auf--
    zugeben. Bei eben diesen Kindern ist ein Rückgreifen
    auf die prägenitale, sadistisch-anale Organisation
    des Sexuallebens besonders erleichtert. Wenn die
    kaum erreichte genitale Organisation von der
    Verdrängung betroffen wird, so tritt nicht nur
    die eine Folge auf, daß jegliche psychische Vertretung
    der inzestuösen Liebe unbewußt wird oder bleibt,
    sondern es kommt noch als andere Folge hinzu, daß
    die Genitalorganisation selbst eine regressive
    Erniedrigung erfährt. Das: Der Vater liebt mich, war
    im genitalen Sinne gemeint; durch die Regression
    verwandelt es sich in: der Vater schlägt mich (ich
    werde vom Vater geschlagen). Dies Geschlagenwerden
    ist nun ein Zusammentreffen von Schuldbewußtsein
    und Erotik; es ist nicht nur die Strafe für die ver--
    pönte genitale Beziehung sondern auch der regressive
    Ersatz für sie, und aus dieser letzteren Quelle
    bezieht es die libidinöse Erregung, die ihm von nun
    anhaften und in onanistischen Akten Abfuhr finden
    wird. Dies ist aber erst das Wesen des Masochismus.
        Die Phantasie der zweiten Phase, vom Vater
    geschlagen zu werden, bleibt in der Regel unbewußt,
    wahrscheinlich infolge der Intensität der Verdrängung.
    Ich kann nicht angeben warum sie doch in einem meiner
    sechs Fälle (einem männlichen) bewußt erinnert
    wurde. Dieser jetzt erwachsene Mann hatte es klar
    im Gedächtnis bewahrt, daß er die Vorstellung
    von der Mutter geschlagen zu werden zu onanistischen
    Zwecken zu gebrauchen pflegte; allerdings ersetzte
    er die eigene Mutter bald durch die Mütter
    von Schulkollegen oder andere, ihr irgendwie
    ähnliche Frauen. Es ist nicht zu vergessen, daß bei der
    Verwandlung der inzestuösen Phantasie des Knaben
    in die entsprechende masochistische eine Umkehrung
    mehr vor sich geht als im Falle des Mädchens nämlich
    die Ersetzung von Aktivität durch Passivität, und
    dies Mehr von Entstellung mag die Phantasie
    vor dem Unbewußtbleiben als Erfolg der Ver--
    drängung schützen. Dem Schuldbewußtsein hätte so

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    die Regression an Stelle der Verdrängung genügt, in den
    weiblichen Fällen wäre das, vielleicht an sich anspruchsvollere,
    Schuldbewußtsein erst mit durch dem Zusammenwirken beider
    begütigt worden.
        In zweien meiner vier weiblichen Fälle hatte sich über
    der masochistischen Schlagephantasie ein kunstvoller,
    für das Leben der Betreffenden sehr bedeutsamer
    Überbau von Tagträumen entwickelt, dem die
    Funktion zufiel bei Verzicht auf den onanistischen
    Akt die ein das Gefühl der befriedigten Erregung
    möglich zu machen. In einem einem dieser Fälle durfte
    der Inhalt, vom Vater geschlagen zu werden, sich
    wieder ins Bewußtsein wagen wenn das eigene Ich
    durch leichte Verkleidung unkenntlich gemacht war.
    Der Held dieser Geschichten wurde regelmäßig vom
    Vater geschlagen, später nur bestraft, gedemütigt usw.
        Ich wiederhole aber, in der Regel bleibt die Phantasie
    unbewußt und muß erst in der Analyse rekonstruiert
    werden. Dies läßt vielleicht den Patienten Recht geben,
    die sich erinnern wollen, die Onanie sei bei ihnen
    früher aufgetreten als die – gleich zu besprechende –
    Schlagephantasie der dritten Phase; letztere habe
    sich erst später hinzugesellt, etwa unter dem
    Eindruck von Schulszenen. Wenn wir diesen Angaben
    Glauben schenkten waren wir immer geneigt anzu--
    nehmen, die Onanie sei zunächst unter der Herr--
    schaft unbewußter Phantasien gestanden, die
    später durch bewußte ersetzt wurden.
        Als solchen Ersatz fassen wir dann die bekannte
    Schlagephantasie der dritten Phase auf, die endgiltige
    Gestaltung derselben in der das phantasierende Kind
    und höchstens noch als Zuschauer vorkommt, der
    Vater in der Person eines Lehrers oder
    sonstigen Vorgesetzten erhalten ist. Die Phantasie,
    die nun jener der ersten Phase ähnlich ist, scheint sich
    wieder ins Sadistische gewendet zu haben. Es macht
    den Eindruck als wäre in dem Satze:
    Der Vater schlägt das andere Kind, er liebt nur mich,
    der Akzent auf den ersten Teil zurückgewichen, ebenso
    nachdem der zweite der Verdrängung erlegen ist. Allein
    nur die Form dieser Phantasie ist sadistisch, die
    Befriedigung, die aus ihr gewonnen wird, ist eine maso--
    chistische. Ihre Bedeutung liegt darin, daß sie die
    libidinöse Besetzung des verdrängten Anteils über--
    nommen hat und mit dieser auch das am Inhalt haftende

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    Schuldbewußtsein. Alle die vielen unbestimmten Kinder,
    die vom Lehrer geschlagen werden, sind doch nur
    Ersetzungen der eigenen Person.
        Hier zeigt sich auch zum ersten Mal etwas wie eine
    Konstanz des Geschlechts bei den der Phantasie dienenden
    Personen. Die geschlagenen Kinder sind fast durchwegs
    Knaben, in den Phantasien der Knaben ebensowol
    wie in denen der Mädchen. Dieser Zug erklärt sich
    greifbarer Weise nicht aus einer etwaigen Konkur--
    renz der Geschlechter, denn sonst müßten ja in
    den Phantasien der Knaben vielmehr Mädchen
    geschlagen werden; er hat auch nichts mit dem Geschlecht
    des gehaßten Kindes der ersten Phase zu tun,
    sondern er weist auf einen komplizierteren Vor--
    gang bei den Mädchen hin. Wenn sie sich von
    der genital gemeinten inzestuösen Liebe zum
    Vater abwenden, brechen sie überhaupt leicht
    mit ihrer weiblichen Rolle, beleben ihren „Männ--
    lichkeitskomplex“ (V. Ophuijsen) und wollen von da
    an nur Buben sein. Daher sind auch ihre Prügel--
    knaben die sie vertreten Buben. In beiden
    Fällen von Tagträumen – der eine erhob sich beinahe
    zum Niveau einer Dichtung – waren die Helden
    immer nur junge Männer, ja Frauen kamen
    in diesen Schöpfungen überhaupt nicht vor und fanden
    erst nach vielen Jahren in Nebenrollen Aufnahme.
     

    V.

        Ich hoffe, ich habe meine analytischen Erfahrungen detailliert
    genug vorgetragen und bitte nur noch in Betracht
    zu ziehen, daß die oft erwähnten sechs Fälle nicht
    mein Material erschöpfen, sondern daß ich
    auch wie andere Analytiker über eine weit
    größere Anzahl von minder gut untersuchten
    Fällen verfüge. Diese Beobachtungen können nach
    mehreren Richtungen verwertet werden, zur Aufklärung
    über die Genese der Perversionen überhaupt, im be--
    sonderen des Masochismus und zur Würdigung der
    Rolle, welche der Geschlechtsunterschied in der Dynamik
    der Neurose spielt.
        Das augenfälligste Ergebnis einer solchen Diskussion
    betrifft die Entstehung der Perversionen. An der
    Auffassung die bei ihnen die konstitutionelle
    Verstärkung oder Voreiligkeit einer Sexual--
    komponente in den Vordergrund rückt, wird
    zwar nicht gerüttelt, aber damit ist nicht alles gesagt.
    Die Perversion steht nicht mehr isoliert im Sexual--
    leben des Kindes, sondern sie wird in den