• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Dozent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19

    22. Jan 98
    Theurer Wilhelm

    Mela geht es sehr gut, sie ist heiter,
    sieht strahlend aus, was für den
    4ten Tag nach der Laparotomie
    nicht wenig ist, u scheint außer aller
    Sorge. Du weißt, ich habe im̄er etwas
    Wolgefallen für sie gehabt, ich
    glaube, seitdem sie Dir zu Ehren eine
    alte Mamsell gespielt, die sich über
    die Reflexneu–rosen wundert. Oscar
    erholt sich auch allmälich, er war zu-
    sam̄engerißen, die 2 Nächte vor der
    Operation sollen durch ihre Erregg
    arg geworden sein. Daß das Schicksal
    unseren Freund Oscar so hart in die
    Lehre nim̄t, hat nicht viel Sinn; er
    wird sehr frühzeitig verknöchern 
    das wird alles sein.
    ​​​​​​​

  • S.

    Mit meiner Feschheit ist es nun auch
    vorüber seit einer argen Migr 
    am Don̄erstag. Behalt die zwei
    Nummern der Δρ; ich weiß nicht, nach
    welchem Intervall sich eine neue
    gestalten wird. Es ist alles verflogen.

    Diese Unart meiner Organisation mich
    so plötzlich aller meiner geistigen
    Hilfsquellen zu berauben, ist mir
    das schwerst Erträgliche im Leben.
    Oasenartig tritt die Knopfgeschichte 
    die meine vollste Anerken̄g
    gefunden hat, aus der Oede hervor 
    Ich habe mich noch im Wagen durch
    Aufknöpfen überzeugt, daß Du
    Recht hast. Den weiteren Nach-
    untersuchungen ist meine Praxis nicht
    günstig. Unlängst hatte ich in 3 
    Ordinationen zusam̄en 2 Pat!
    Es ist überhaupt ein greulich schlechtes
    Jahr.

  • S.

    Ida's Äußerg über den Johannes
    scheint mir nicht blos geistreich 
    sondern auch richtig. Aber ist die
    Ablehng gerecht, die sie daraus schöpft?
    Giebt sie dabei nicht ihrer instinktiven
    Abneigg gegen alles Neurotische
    zu sehr nach? Johannes hat wol des
    vertus de ses defauts u umgekehrt;
    die Psychoneurose wird sich wol
    allgemein als die Kehrseite
    der großen psych Concentrationsleistg
    herausstellen. Christus selbst war
    wol ein virginal abstinenter Schwärmer.
    Bemerkenswerth ist es, daß die Zwangs-
    vorstellg u Phobie (als Reue für alte
    Sünde) stets ungesellig ist, nur
    die Enthaltung macht zieht Menschen
    an, als warteten die auf die
    endliche Vertheilung des Aufge-
    speicherten Zukunftsmusik!
    Der Joh. hat übrigens alle seine Thaten
    (als Sünder) hinter sich; er ist keiner
    neuen That (außer Schutz u Buß-
    maßregeln) fähig.

  • S.

    Mein Ärger über Breuer bekom̄t
    im̄er wieder frische Nahrung. Unlängst
    habe ich von einer Pat. hören müßen,
    daß gemeinsame Bekannte erzählt,
    Br habe den Verkehr mit mir auf-
    gegeben, weil er mit meiner Lebens-
    führg u Geldwirtschaft nicht einver-
    standen sei. Ein Mensch, der soviel
    verdient, muß etwas zurücklegen
    u an die Zukunft denken. Letztere
    Bemerkg haben sie von Br, der ihr
    Hausarzt ist. Wen̄ Du die ganze neurot. 
    Unaufrichtigkeit einsehen willst,
    so stell damit die briefliche
    Äußerung zusam̄en, er habe gemeint, 
    die Schuld an ihn sei schon bezahlt.
    Hat er wirklich gemeint, ich würde
    Geld zurücklegen, ehe ich meine 
    alten Erziehungsschulden gezahlt habe?
    Dabei darf man im̄er annehmen, man
    bekom̄t nur einen kleinen Theil
    von dem, was sich in den Mäulern
    der Leute herumtreibt zu Gehör.

    Nächstens auf erfreulicheren Brief-
    wechsel hin u her!
    Dein Sigm