• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.

    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    30 Jan 98

    Theurer Wilhelm

    Wie Dein schönes Citat so recht ahnte, 
    traf mich Dein Brief gestern an 
    einem Tag wilder Fröhlichkeit,
    leider nur von innen heraus;
    denn äußerliche Anläße sind
    wenige. Diese Stim̄ungswechsel,
    hängen bei mir an Träumen
    u Selbstanalyse, ich verstehe sie
    wenig. Heute bin ich wieder nüchtern.
    Dein geschenkter Traum hat mich sehr
    erfreut, er wird mir ein wert-
    voller Beitrag sein. Ich darf ihn
    doch publiciren?

    Heute morgens sind mir zwei Dinge
    wider den Strich vorgekom̄en. 
    Ich habe Deinen Brief genauer
    gelesen u den ersten Eindruck,
    Du seist wie ich zu lustig zum Arbeiten
    gewesen, durch den anderen
    ersetzen müßen, Daß Du
    sehr unwol warst. 

  • S.

    „Ich bin in den letzten Tagen zu allem
    Anderen eher aufgelegt als zur Arbeit,
    werde auch meinen Klaps darauf
    bekommen" – Oder irre ich mich
    wieder, meinst Du doch eine Euphorie 
    nach der etwas kommen soll? Kan̄st
    Du aber zu gut aufgelegt sein
    zum Arbeiten? Oder steckt dahinter
    etwas Anderes, was ich errathen
    soll, fällt mir eben ein. Kenn
    ich die träumende Gravida?
    Hurrah?!

    Das zweite, was aber jetzt an Bedeutg 
    sehr verloren hat (wen̄ ich mich nämlich
    nicht geirrt habe), ist Gattel’s
    Benehmen, der mir eine große
    Abhandlg schickt, in der er sich mit
    der Theorie der Hysterie, mit der 
    Sexualsubstanz udgl beschäftigt,
    wo ich von ihm eine Mittheilg
    über seine bei Neurasthenikern
    erhobenen Anamnesen erwartet
    habe. Es ist mir peinlich,

  • S.

    ihm zu sagen, daß er diese Dinge,
    selbst wenn er sie weiter verfolgt 
    hat, unmöglich als eigenes Gut
    publiciren kann, noch peinlicher,
    daß ich mit seiner Darstellg
    so gar nicht einverstanden bin.
    Aber ich werde es thun. „Mit
    Narren sich beladen etc"

    Ein Stück Δρ N ist im Wachsen begriffen,
    um Dich seinerzeit von den kleinen
    Ereignißen dieser Woche zu
    unterrichten. 

    Von Schenk habe ich Dir gar nichts
    schreiben wollen. Vielleicht weißt
    Du nicht, daß Arthur Schiff jetzt
    Deine Cocainversuchen bei Dysm. 
    wiederholt u in’s Detail bestätigt.
    Ich bin überzeugt, sie kom̄en
    noch drauf, daß Du ganz
    verläßlich bist. 

    Auf dem nächsten Congreß werde 
    ich höchst andächtig zuhören, es
    wird doch mit jedem Mal
    lohnender. 

  • S.

    Die Symmetrieebenen u Zahlen-
    verhältniße der Geburtsrelationen
    machen natürlich großen Eindruck.
    Wenn das aus seiner Vereinzelg
    zum Gebäude zusam̄engesetzt ist,
    wird es viel Staunen der
    Wanderer erregen.

    Der Güter höchstes, kom̄t mir
    manchmal vor, ist entweder
    die Stim̄ung oder die geistige Klarheit.
    Ich muß jetzt das Ende des Garten-
    laubenartikels schreiben. 

    Spar nicht mit so erfrischenden
    Briefen u mach dunkle An-
    deutungen heller 
    Deinem Sigm