-
S.
Wien 27. 9. 98
Theurer WilhelmDein Brief athmet ein wirklich
ansteckendes Behagen, das ich Dir
herzlich gönne. Mit Paulinchen
u einer Arbeit, die geht, vergißest
Du ganz, von Deinem Kopf zu
schreiben, der mich doch auch
interessirt. Hätte ich geahnt, daß
Du die Chance, die sich für mich
ergab, mit einem Kostenbeitrag
nach Berlin zu kom̄en, irgendwie
schätzest, so wäre meine Weigerg
nicht ergangen. Ich wußte nicht daß
Du überhpt unterrichtet bist. Die
Situation, wo ich nicht bei Dir wohnen
kann Ida im Bett liegt, u das
Kleine Dich vielleicht in Anspruch
nim̄t, hatte für mich keinen
Raum, u auf der anderen Seite
geht meine Neigung nicht dahin, solche
ärztliche Halbheiten zu ermöglichen.
Ferner mußte ich mir sagen, daß
die Angelegenheit thatsächlich den -
S.
Leuten nichts werth zu sein braucht
u daß die Chance, Gattel werde
einen alten Mann in seiner
Melancholie beeinflußen, durch
meine Vorhersage nicht gesteigert
werden soll. Gegenwärtig schließt
sich ein Verlassen des Kampfplatzes
für mich wieder aus.Ich wünsche G. guten materiellen
Erfolg; er wird ihn bessern, denn
er scheint mir von denen,
die Noblesse zuerst, dann Ehrlichkeit
als Luxusartikel höherer Einkommens-
stufen auffassen, welche Artikel
aber auf niedrigeren als uner-
schwinglich bei Seite gelassen werden
müssen. Ob Du ihm soviel von
Deinen innersten Sachen mittheilen
sollst, weiß ich nicht. Übrigens
beneide ich ihn auch darum.Ich leide kaum allein unter
dem Katzenjam̄er der schönen,
übrigens meist den Frauen
gewidmeten, Reise; sondern -
S.
diese Stadt macht die Seele wund
u legt wieder alles blos, was sich
in zwei Monaten zu überhäuten
begann. Indem werde ich es mir
zur Vorschrift machen, bestim̄te
Punkte nicht leicht zu berühren;
es muß sehr zuwider sein, jemanden
im̄er jam̄ern zu hören. Es ist auch
nicht mein kleinster Ärger, daß
ich keine andere Reaktion zur
Verfügung habe.Aus dem Signorelli habe ich einen
kleinen Aufsatz gemacht, den ich
Ziehen (Wernicke) geschickt. Sollten
sie refüsiren, so gedenke ich eine
alte Idee von Dir aufzugreifen
u das Ding etwa der Deutschen
Rundschau anzubieten.Das Gleichniß vom Felsenpfad
hat mich bezaubert, ich aczeptire
es, indem ich angebe, daß ich vor-
läufig dastehe wie der Ochs
auf dem Berge. -
S.
Noch gar nichts zu thun, dh 2 St.
anstatt 10. Eine neue Behandlg
begon̄en, an die ich also ganz
vorurtheilslos herangehe.
Natürlich geht anfangs alles
glänzend zusam̄en. Ein Bursch
von 25 J, der vor Steifigkeit
der Beine, Krampf, Zittern
etc. kaum gehen kann. Vor jeder
Fehldiagnose schützt die Angst
dabei, die ihn sich an die Mutter-
schürze hängen läßt wie das
Baby, das dahinter steckt.
Tod des Bruders u Tod des Vaters
in Psychose als Anläße für den
Ausbruch des seit dem 14ten
Jahr spielenden Zustandes. Er
schämt sich vor jedem, der ihn
so gehen sieht, u hält das für
natürlich. Vorbild: ein tabischer
Onkel, mit dem er sich wegen
der geltenden Aetiologie
(ausschweifender Lebenswandel
schon als 13j. Junge idencifizirt
hat. Übrigens körperlich ein
Bärenlakel ! -
S.
Bitte zu bemerken, daß das Schämen
blos an die Symptome gehängt
ist u anderen Anläßen entsprechen
muß. Er läßt sich selbst aufklären,
daß ja sein Onkel sich gar nicht
seines Ganges schämt. Die Verbindg
zwischen Scham u Gang war eine
correcte vor Jahren, als er eine
Gonorrh hatte, die man dem
Gang natürlich anmerkte, auch
noch Jahre früher, als ihn
beständige (ziellose) Erektionen
am Gehen behinderten. Außerdem
liegt der Grund des Schämens tiefer
Er hat mir erzählt, daß im Vorjahr
als sie an der Wien wohnten (auf
dem Lande) die plötzlich zu steigen
begann, eine entsetzliche Angst
ihn erfaßte, das Wasser würde
in sein Bett kom̄en dh: sein
Zim̄er überschwem̄en uzw
während der Nacht. Ich bitte, den
zweideutigen Ausdruck zu beachten;
ich wußte, der Mann war als
Kind ein Bettnäßer. 5 Minuten -
S.
später erzählte er spontan, daß
er noch in der Schule regelmäßig
das Bett genäßt u daß die
Mutter gedroht, sie werde
kom̄en u es dem Lehrer
u allen Mitschülern erzählen.
Er habe großartige Angst ausge-
standen. Dazu gehört also das
Schämen. Die ganze Jugendgeschichte
gipfelt einerseits in den Bein-
symptomen, andererseits entbindet
sie ihren zugehörigen Affekt
u die beiden werden nun für
die innere Wahrnehmung zusam̄en-
gelöthet. Die ganze untergegangene
Kindheitsgeschichte ist dazwischen
einzuschalten.Nun muß ein Kind, das regel-
mäßig bis in's 7te Jahr Bett näßt
(ohne epilept. udgl zu sein) sexuelle
Erreggen in früherer Kindheit
durchgemacht haben. Spontan
oder Verführung? Da liegt
es nun u muß auch die nähere
Determinirung – auf die Beine – -
S.
enthalten.
Du siehst, ich könnte zur Noth von
mir sagen:Zwar bin ich gescheiter als alle
die Laffen" etc
aber auch der traurige Nachsatz
bleibt mir nicht aus: „Führe meine
Leute an der Nase herum u
seh' daß wir nichts wissen
können."Wer Lipps ist? Prof. in München
u in seinem Dialekt sagt er
gerade das, was ich mir aus-
spekulirt über Bewußtsein,
Qualität udgl. Ich studirte die
„Grundthatsachen d. Seelenlebens"
bis die Reise kam; muß jetzt
wieder die Anknüpfg suchen.– Die Kinder sollen in den nächsten
Tagen von Aussee kom̄en.
Martha hat einen Dickdarm-
katarrh, der sie sehr stört, sie
ist in glaub' ich, guter Behandlg
bei Dr Bloch, den ich sehr schätze. -
S.
Zum Schluß ein Gedicht von
Martin auf den Kirchtag (Markt) in Aussee.„Unter den schönen Kirchtagssachen
befinden sich Dinge, wirklich zum Lachen!
Eine grüne Maus, die nach rückwärts rennt,
ein Affe, dem fehlen ja beide Händ;
eine blecherne Uhr, die im̄er steht,
ein Federball, dem die Haut abgeht;
geschmacklose Zuckerln, kleine und große,
in einer allerliebsten Dose.
Ja, beim Kirchtag da gibt's Sachen;
wer die hat, kann wirklich lachen."Herzlichste Grüße an
Dich, Ida, Robert u Paulinchen
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F7