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S.
Dr. Sigm. Freud
Dozent für NervenkrankheitenWien, 25.5.99
IX., Berggasse 19.Theurer Wilhelm
Ein gesattigter Brief von Dir mit
den Beweisen, daß es Dir gut
geht u dem Versprechen, eine erste
Darstellung Deiner weltbewegenden
Formeln zu geben, war ein lange
entbehrter Genuß u ein gutes Omen
für die nun beginnende, unbe-
stim̄t lange Briefschreibesaison.
Die Regeln zur Behandlg des „Götter-
weines" trage ich noch in meiner
Tasche, um sie zu ihrer Zeit gewissen-
hafter Anwendung zuzuführen.Und nun meine Neuigkeiten.
Am Sonntag vor Pfingsten 6 Wochen¿28 + 28/2 Tage seit der In̄sbrucker
Migraine hörte die dazwischen einge-
schloßene Verstim̄ung mit einer
neuen Migraine wirklich plötzlich
u unmotivirt auf u machte unbegründetem
Wohlbefinden Platz. Das Geschäft ist
im ständigen Heruntergehen -
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tief genug, um die schwärzesten Befürchtgen
Oscar's zu rechtfertigen, 3 neue
Anknüpfgen haben sich bereits
zerschlagen, eine vierte, nicht mehr
wert, steht gerade im Begriffe; ich
sehe allerlei Schwierigkeiten vorher
bleibe dabei aber kreuzfidel. Am
Umschlagstag waren wir (dh. Minna
u ich) Gäste bei Oscar u Mela, wo Dein
Freund Dernburg uns sehr gefiel
u durch sein tolerantes Urtheil über
unseren Lueger unseren Zorn
herausforderte. Dein erster Schwager
Oscar u ich haben ihn dafür schlecht
behandelt. D. wollte uns einreden,
daß hier alles sehr schön, reich
an den besten „Possibilitäten" ist
u daß wir Unrecht thun, so erbittert
zu schimpfen. Ich glaube doch, wir
wissen das besser. Mela's Menu
war leider kärglich, Blumenkohl
u Hühner, beide mir in tiefster
Seele verhaßt, nichts von den
Erfrischungen u Neuigkeiten der -
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Saison; meine Frauenzim̄er behaupten
im̄er, sie habe einen deutlichen Zug
zuvon – Zurückhaltg in ihren Bewirthgen.
Von da an hat mir also das Leben wieder
geschmeckt. Die Woche bis Pfingsten habe
ich dazu benützt, den Aufsatz über „Deck-
Erinnerungen" zu schreiben, der heute
nach Jena abgeht. Er hat mir wahrend
der Produktion riesig gefallen, was
ein schlechtes Vorzeichen für seine
weiteren Schicksale ist. Sonntag abds
bin ich nach Reichenau gefahren, wo
meine Schwester Rosa jetzt haust
u Mathilde ihr Gast war. Montag
früh bin ich mit Schwager Heinrich
auf die Rax wie in alten Zeiten,
3½ St hinauf, 2½ zurück. Allein
die Rax ist viel höher geworden,
seit ich sie zuletzt bestiegen, mindestens
500 Meter. Mein Herz hat es vor-
trefflich ertragen, aber ich konnte einen
Tag darauf nichts eßen, u mein
Untergestell ist noch heute wie
aus Blei mit einigen feurig-flüßigen -
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Kernen drin.
Freund Gärtner hatte ich Gelegenheit
vor 10 Tagen in einer Familie ärztlich
zu treffen, Schillercitirtbeschreibt ihn trefflich
(im Ring des Polykrates) als „Schaute
mit vergnügten Sinnen". Nachdem
er sich dort unglaublich einfältig
aufgeführt, holte er dan̄ auf dem Heimweg
seinen neuesten Dolch aus dem Gewande
u setzte ihn an seine Fingerbeere.Den Traum will ich beginnen,
mir als möglich vorzustellen, ich
weiß noch nicht wie. Wen̄ es im Juni
u Juli so weiter geht, mit 2½ Pat. per
Tag, so werde ich ihn schreiben müßen.
Was soll ich mit meiner Zeit sonst
anfangen?Die Buben, wieder krank, spielen jetzt
im Garten in Uniformen.Herzlichste Grüße an Deine
liebe Frau u beide Kinder
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F10