-
S.
Dr. Sigm. Freud
Docent für Nervenkrankheiten
a. d. Universität.
Wien, ...................
IX., Berggasse 19.17.9.99 [Schreibfehler beim Datum, das heißen sollte 17.7.99]
Theurer WilhelmIch bin ja dem Argument „Carpe
diem" sehr zugänglich, aber ich
glaube, die von Dir gewünschte
Consequenz werde ich nicht sofort
ziehen. Im Moment, da Du
mich nicht brauchst, worüber ich
mich von anderer Seite aufrichtig
freuen kann –, steht alles so
anders. Ich muß daran denken,
daß ich müde u grantig bin, u
kaum in der Verfassg Auge
u Ohr so weit aufzusperren,
als Deine neuen Funde sicherlich
verdienen, daß mich die Sehnsucht
nach meinen Würmern schon
sehr plagt, u daß zwischen Son̄tag
abds, dem Zeitpunkt meiner
Abreise, u, Martha's Geburtstag
für den ich Besorgungen in Salzburg
machen soll, doch nicht Muße -
S.
genug ist, um länger als einen
Tag bei Dir zuzubringen. Fällt
der Anlaß weg, so kann ich
ja die Reise bequem auf den
Sept verschieben, auf eine Zeit,
wo ich frischer als jetzt Dir
weniger werde vorklagen müßen,
hoffen wir wenigstens.Erwarte mich also jetzt nicht, es
sei denn, was nicht geschehen möge,
daß sich etwas bei der theuern
Kranken ändert, wo Du
mich dann einfach telegraphisch
citirst.Ich habe hier noch 1/5 kleine Geschäfte
zu erledigen, mit dem großen
bin ich fertig. Das I. Traumkapitel
ist im Druck und wartet auf Correcturen.
Auch mein Anhteil am Jahresberichte
geht heute nach Berlin ab.Noch einige Abschiedsbesuche, Ordnung,
Zahlungen etc u ich bin flott. -
S.
Es war ein zweifellösendes, siegreiches
Jahr im Ganzen, nur zu verwundern,
daß man sich nicht mehr freut, wenn
die lang erwarteten Dinge kommen.
Die Constitution läßt eben nach, u
wer weiß, wieweit noch Karlsbad
ist – und Rom, könnte ich variiren.
Den Lassalle u einige Schriften über
das Unbew. nehme ich nach Berchtesgaden
nebst meinem Manuscript mit. Auf Reisen
wird – ungern – verzichtet. In guten Stunden
phantasire ich von neuen großen u
kleinen Arbeiten. Motto für den
Traum hat sich nicht ergeben, seitdem
Du das Goethe'sche sentimentale umge-
bracht. Es wird beim Hinweis auf
die Verdrängg bleiben.Flectere si nequeo Superos, Acheronta
movebo.Titel aus den Phantasien:
Zur Psychopathologie des täglichen Lebens.
Verdrängung u Wunscherfüllung
(Eine psychol Theorie d. Neuropsychosen). -
S.
Soviel von mir.
Ich fahre heute nach Hacking, Abschied
zu nehmen u werde da wol
Einiges von Deiner Familie erfahren.
Sonst ist ja auch ein Körnchen Enttäuschg
dabei, ich hätte mich gerne zwingen
lassen, Dich wiedersehen u die Deinen
darunter das kleine Fräulein
zum ersten Mal zu sehen.Es gibt noch alte Götter, den̄ ich
habe unlängst einige bekom̄en,
darunter einen Janus aus Stein,
der mit seinen zwei Gesichtern mich
sehr überlegen anschaut.Also herzlichste Grüße u ich
hoffe in Bertesgaden bereits
Nachricht von Dir vorzufinden
Dein Sigm
Berggasse 19
Wien 1090
Österreich
Von-der-Heydt-Straße 1
Berlin 10785
Deutschland
C27F11