• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    9/X 99
    Theurer Wilhelm

    Warum soll ich einer Gelegenheit zu
    einem neuen Brief aus dem Weg 
    gehen? Du brauchst ja nicht gleich zu
    antworten. Ich habe Dich also miß-
    verstanden Nun kom̄en wir aber
    erst recht nicht zusammen. Denn
    Dein Buch über die Lebensdauer
    muß längst – in Bann gethan sein,
    wenn die erste Zeile der Hy nieder-
    geschrieben wird. Die wird nämlich
    lange auf sich warten lassen, und
    möglicherweise kom̄t noch allerlei
    anderes vorher.

    Bei dieser Gelegenheit wieder einmal
    von Deiner Arbeit gesprochen
    zu haben soll Dich nicht reuen.
    Ich weiß jetzt klarer als je vorher,
    wobei Du hältst. Auf dem nächsten
    Congreß werden wir gar nicht
    mehr vom Traum u doch wieder
    von den biologischen Zeiten
    sprechen. Aber wo und wann

  • S.

    wird er sein? Hast Du davon eine
    Ahnung? Zu Ostern wieder? Ich bin
    ferner von Rom u von Karlsbad
    als je.

    Denk' Dir, daß ich durch dunkle inner-
    liche Mächte zur Lektüre psycholog. 
    Schriften getrieben werde u mich in
    ihnen besser als vorhin zurechtfinde.
    Unlängst hatte ich die Freude, ein
    Stück meiner imaginierten Lust-
    und Unlustlehre bei einem englischen
    Autor Marshall zu finden. Andere
    Autoren, auf die ich stoße, sind mir
    freilich ganz unergründlich. 

    Auch meine Stimm̄ung hält noch im̄er.
    Das Ausschreiben im Traumbuch
    muß mir wolgethan haben. Ein leiser
    Migrainegrant war am 6 Oktober.
    Deiner Bemerkung über die Beschleun-
    igg der Praxis möchte ich entgegen-
    halten, daß es auch Bum̄elzüge
    giebt, Sekundärbahnen wie in
    den flieg Blättern. Grade in
    Krähwinkel u Umgebung sollen

  • S.

    sie besonders häufig sein. Die Sache 
    liegt so: Selbst wenn sich zB. der Nov. 
    zur vollen Thätigkeit hebt, so ist
    doch dieses Jahr mit seiner schlechten
    Zeit vom 1 Mai bis Ende Oktober
    (6 Monate) unzureichend zur Deckg
    unserer Bedürfniße. Ich muß mich
    nach Anderem umsehen u habe
    jetzt einen Schritt nach einer
    bestim̄ten Richtg gethan. Ich will
    für den Som̄er eine Anlehnung
    an eine Wasseranstalt suchen,
    in deren Nähe wir Wohnung
    nehmen würden. Auf dem Kobenzl
    soll eine 1900 eröffnet werden 
    u der Leiter hat mir im Vorjahr
    schon Andeutgen gemacht, daß ich
    mich darum einer Wohnung auf
    der Bellevue versichern sollte.
    (Beides in der Kahlenberggegend)
    Diesem Mann habe ich also wieder
    geschrieben. Der Schulbesuch der
    Kinder wird uns ohnedieß nöthigen,
    die lange Som̄erabwesenheit

  • S.

    aufzugeben.

    In der diesjährigen Beförderg (Ende
    September: Schub von fünf Professoren) ist
    unsere Gruppe: Königstein, ich etc 
    wieder übergangen worden. 

    Martin scheint noch mit einer Margarethe
    Bekan̄tschaft gemacht zu haben, hat
    viel an Angstceremoniell vor
    dem Schulbesuch produziert, scheint sich
    aber jetzt hineinzufinden. Irgend
    eine Erkrankg spukt im Hause, die
    nicht recht herauskom̄t. Gegen-
    wärtiges Opfer (das vierte) ist Oli.

    Der Traum ist bis auf drei Bogen imprimirt.
    Die Vorrede, die ich Dir einmal gezeigt,
    ist geblieben. Der beanständete letzte
    Satz von der „Zukunft" ist erweitert
    u so verständlich gemacht worden.

    Mit herzlichstem Gruß für
    alle Deinen
    Dein Sigm