• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    26 Jan 1900
    Theurer Wilhelm
     

    Ich nehme an daß Du mit 3 Generationen
    verwandten Blutes beschäftigt, wenig Zeit
    zum Schreiben findest u warte
    darum nicht länger. Bei mir wirkte die
    Armut an mitteilungen forderndem
    Stoff dem Schreiben entgegen. Die
    Kinder haben Masern oder sollten
    sie bekom̄en. Martin ist ziemlich
    fertig, Ernst hat 3 Tage mit Angina
    gefiebert wie sein Vorgänger ist jetzt
    fidel u wird als fällig in den nächsten
    Tagen betrachtet. Annerl ist nach
    Aussehen die nächste daran. Mathilde
    ist bei der Großmutter, um nicht die
    Schue meiden zu müßen. So leben wir
    noch einsamer als sonst.

     

  • S.

    Es geht wirklich nichts vor. Wen̄ ich mich
    erinnere, daß ich seit Mai 99 nur einen
    neuen Fall bekom̄en habe, den Du
    kennst, u daß ich zwischen April u Mai
    wieder 4 Pat. verlieren soll, bin ich
    nicht gerade sehr heiter gestim̄t.
    Wie ich mich durchbringen werde, weiß
    ich noch nicht, bin aber entschloßen, aus-
    zuhalten. Die geringe Lust zu klagen
    ist auch Grund, daß ich seltener geschrieben
    habe. Von dem Buch ist seit der verständ-
    nißlosen, leider auch frech respektlosen
    Recension in der Zeit" wieder nicht die
    Rede gewesen. Für den Som̄er
    bemühen iwr uns wieder um die
    Bellevue bei Grinzing; die Projekte
    nach einer Som̄erbeschäftigg habe ich
    als aussichtlos wieder fallen
    gelassen.

    Die Arbeiten gehen gut, nicht mehr
    so anstrengend wie einst. Auch mit

  • S.

    der Haller kann ich sehr zufrieden sein; es
    ist natürlich der Anfang einer langen
    Arbeit. Die Schwierigkeiten mit den
    Eltern sind ja die natürliche Folge des
    Mangels an Autorität oder Titel. Die
    Kranke selbst dürfte derzeit schon
    fasziniert sein.

    Mit Neuigkeiten geht es langsam, nie
    ganz stille. Bei F. ist wieder eine
    Verzögerg u dunklere Region; das
    Frühere bleibt aufrecht. Zur Sexual-
    theorie wird gesam̄elt u gewartet, bis
    das aufgehäufte Material durch einen
    zündenenden Funken in Brand gesteckt
    werden kann.

    Ein Buch zur Lebensgeschichte von Eurem
    Cf. Mayer lesen wir jetzt (von Frey).
    Er weiß das Interne nicht oder darf
    es aus Discretion nicht sagen. Es ist
    auch gerade nicht viel zwischen den
    Zeilen zu lesen.

  • S.

    Somit bliebt nur noch die Neugierde
    zu erfahren, wie es Dir u Deiner
    nicht mehr ganz kleinen Familie
    geht. Auf diese Nachricht wartend
    mit herzlichen Grüßen Dein
    Sigm