• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien, ...................
    IX., Berggasse 19.

    Sonntag 11.3.1900
    Theurer Wilhelm

    Endlich ein ausführlicher Brief von
    Dir. Seit dem 15 Febr habe ich nichts von
    Dir gehört, ich war der letztschreibende
    u eine Karte anfangs März, in der
    ich Dich auf das Buch von Jonas
    Über nasogene Reflexneurosen auf-
    merksam mache, scheint nicht zu Dir
    gelangt zu sein. Mit der Zunahme meiner
    Unfreiheit u Deiner Gebundenheit
    bei dem unerquicklichen Stoff, der sich
    mir jedesmal in die Feder drängt,
    bei der Aussicht, von Dir u den Deinigen
    noch weiter abgedrängt zu werden
    durch die bevorstehende Verbreuerung 
    – es wäre ganz sinnlos, wollte man
    den Einfluß solcher Momente u 
    den der Frauen überhpt auch auf
    unsere Beziehungen leugnen, – kurz 

  • S.

    unter all diesen Erwäggen nahm ich
    mir vor, meine Ansprüche an Dich 
    einzuschränken. Daher dann mein
    längeres Schweigen, das ich als Warten
    auf eine Antwort hinstellen konnte.

    Nun freue ich mich, soviel von Dir
    zu hören, denn ich stelle mir vor, daß
    Du wie ich ungern an das Versiegen
    unseres Briefverkehrs u das Auf-
    hören unserer Zusam̄enkünfte denkst.
    Ich war erstaunt zu lesen, daß schon
    3 Wochen vergangen sind, seit ich
    Dir geschrieben. Die Zeit ist so un-
    merklich verflossen, behaglich fast
    nach meinem neuen Regime von
    dem Du hören wirst. Die Kinder waren
    alle wol, Martha frischer als gewöhnlich,
    mein Befinden war glänzend, durch
    eine regelmäßige leichte Sonntags-
    migraine regulirt; ich sah täglich dieselben
    Leute, in letzter Woche hat sogar
    eine neue Behandlg angefangen
    die noch in der Probezeit ist, vielleicht

  • S.

    wieder nicht über sie hinauskom̄t. Von
    der Außenwelt war ich so gut wie
    abgeschnitten; kein Blättchen rauschte 
    um zu verrathen, daß die Traumdeutung
    irgend wem das Gemüth bewegt.
    Erst gestern überraschte mich ein
    recht liebenswürdiger Aufsatz im Feuilleton
    einer Tageszeitung „Wr Fremdenblatt."

    Maggie Haller ist unzweifelhaft gebessert
    u gut eingespannt, sie wird mit einer
    Begleiterin in den Nachmittagsstunden
    auskom̄en, hat den ersten Besuch
    von Helen Schiff gut vertragen u wird
    sich bald in weiteren Verkehr drängen
    lassen. Minna ist noch in Hamburg mit
    der Krankenpflege beschäftigt, kom̄t auch
    noch nicht bald zurück. Ihr Aufenthalt
    in Berlin ist noch zweifelhaft.

    Meinen Pat. geht es meistens gut; es ist
    jetzt meine starke Zeit, 70-80 fl täglich,
    etwa 500 fl wöchentlich, die erfahrungs-
    gemäß mit Ostern abschließt. Für den

  • S.

    Sommer hat sich nichts machen lassen. Überhpt
    läßt sich nichts machen, es ist schade um 
    jede Energieanwendung; dieß ist
    der Schlüssel der Situation.

    Ich möchte zu Ostern gerne auf 3 Tage
    fortgehen, u gewiß am liebsten Dich
    sehen. Aber ich leide unter einem
    argen Frühlingshunger, Sonne, Blumen,
    ein Streifen blauen Wassers udgl wie
    ein Jüngling. Ich haße Wien geradezu
    persönlich u wie im Gegensatz zum
    Riesen Antaeus sammle ich frische
    Kraft, so oft ich den Fuß vom vater-
    städtischen Boden abgehoben habe. Diesen
    Som̄er muß ich der Kinder wegen
    auf ferne und Gebirge verzichten, muß
    auf der Bellevue im̄er wieder Wien
    als Aussicht genießen, weiß nicht,
    ob ich das Geld für eine September-
    reise haben werde u möchte darum
    gerne zu Ostern von den Herrlichkeiten
    der Erde naschen. Alexander aber 
    der nächste u billigste Reisegefährte 

  • S.

    hat nach einem Influenzakatarrh schon
    in diesem Monat seiner Sehnsucht
    nach dem Süden nachgegeben, war in
    Bozen, Meran u Gries, hat dort den
    Osterurlaub verthan u wird mich nicht
    begleiten wollen. So weiß ich also doch
    nicht, ob Ostern mir etwas bringen
    wird.

    Wenn Du noch mehr von mir wissen willst,
    so höre dieß. Nach dem großen Aufschwung
    im Som̄er, der in fieberhafter Thätigkeit
    den Traum fertig brachte, war ich Thor
    wieder einmal hoffnungstrunken, daß
    jetzt ein Schritt gegen die Freiheit u 
    das Wohlbehagen geschehen sei. Der
    Empfang des Buches u das Stillschweigen
    seither haben das keimende Verhältniß 
    zum Milieu wieder zerstört. Mein
    zweites Eisen im Feuer ist ja die
    Arbeit, die Aussicht irgendwo zu Ende
    zu kom̄en, viele Zweifel zu erledigen
    u dan̄ zu wissen, was ich von der therap.

  • S.

    Chance zu halten habe. Die Aussicht
    schien am günstigsten bei Fellner. Dort
    traf mich auch der Schlag am heftigsten.
    Als ich gerade glaubte, die Lösung
    in Händen zu haben, entzog sie sich
    mir, u ich sah mich genöthigt, alles
    umzuwenden, um es neu zusam̄enzusetzen 
    wobei mir alle bisherigen Wahrscheinlich-
    keiten verlorengingen. Die Depression
    hierauf hielt ich nicht aus. Ich fand auch
    bald, daß es unmöglich ist, die wirklich
    schwere Arbeit unter Verstim̄ung u

    lauernden Zweifeln fortzusetzen.
    Jeder einzelne der Kranken ist mein
    Quälgeist, wen̄ ich nicht heiter und gesam̄elt
    bin. Ich glaubte wirklich, ich müßte
    gleich erliegen. Ich habe mir so 
    geholfen, daß ich auf alle bewußte
    Gedankenarbeit verzichtet habe um
    nur mit einem dunkeln Takt weiter
    in den Rätseln zu tappen. Seitdem
    mache ich die Arbeit, vielleicht geschickter
    als je, aber ich weiß nicht recht, was

  • S.

    ich mache. Ich könnte nicht Auskunft geben,
    wie die Sache steht. In den Stunden die
    ich übrig habe, sorge ich dafür, nicht zur
    Reflexion zu kom̄en. Ich überlasse
    mich meinen Phantasien, spiele Schach 
    lese englische Romane; alles Ernsthafte
    bleibt verbannt. Seit 2 Monaten ist keine
    Zeile mehr von dem, was ich lerne
    oder ahne, schriftlich fixirt worden.
    Ich lebe so als genußsüchtiger Philister,
    sowie ich vom Handwerk frei bin.
    Du weißt, wie eingeschränkt meine
    Genüsse sind; ich darf nichts Gutes rauchen,
    Alkohol leistet mir gar nichts, mit
    dem Kinderzeugen bin ich fertig,
    der Verkehr mit Menschen ist mir
    abgeschnitten. Ich vegetire also harmlos',
    sorgsam, die Aufmerksamkeit von
    dem Thema, das ich tagsüber bearbeite,
    abgelenkt zu erhalten. Bei diesem
    Regime bin ich heiter u meinen 8 Opfern
    u Quälern voll gewachsen.

  • S.

    Samstag abends freue ich mich auf einen
    großen Tarokexceß u jeden zweiten
    Dienstag abend verbringe ich unter
    meinen jüdischen Brüdern, denen ich
    kürzlich wieder einen Vortrag gehalten
    habe. Bis Ostern bin ich so gedeckt, dan̄
    wird wol mit dem Abbruch mehrerer
    Behandlgen eine neue und unbehaglichere
    Zeit beginnen.

    So, jetzt wirst Du genug haben. Wenn
    ich Dir je in Rom oder Karlsbad begegne, 
    werde ich Dich um Verzeihung bitten
    für die vielen Klagen, die ich auf
    dem Weg verschwendet habe.

    Grüß' mir aber Frau u Kinder
    recht herzlich u komm zum 70st  Geburtstag 
    nur selber mit nach Wien.
    Dein Sigm