• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    7.V.19

    Theurer Wilhelm

    Vielen Dank für so herzliche Worte!
    Es umschmeichelt mich so, daß ich Dir beinahe
    ein Stück davon glauben würde, –
    wenn ich bei Dir wäre. So sehe ich es
    ein wenig anders. Gegen die Thatsache
    der splendid isolation hätte ich nichts
    einzuwenden, wenn sie sich nicht zu weit,
    nicht auch zwischen uns beide selbst
    fortsetzte. Ich bin zwar im Allgemeinen
    – bis auf einen schwachen Punkt: der
    Angst vor der Noth – zu verständig
    zu klagen u befinde mich auch jetzt
    zu wol dafür; ich weiß, was ich alles
    habe u auf wie wenig man nach der
    Statistik des menschlichen Elends ein
    Recht hat. Aber den Verkehr mit
    dem Freund, den eine besondere
    – etwa feminine – Seite fordert, ersetzt

  • S.

    mir niemand, und innere Stim̄en, denen
    zu lauschen ich gewöhnt bin, rathen
    mir eine weit bescheidenere Schätzung
    meiner Arbeit an, als Du sie proklamirst.
    Wenn Deine Arbeit vorliegen wird,
    wird uns allen zwar das Urtheil
    über ihre Richtigkeit abgehen, das Nach-
    kom̄enden vorbehalten bleibt wie
    bei allen großen Neuerungen, aber
    die Schönheit der Conception, die Origin-
    alität der Gedanken, die Einfachheit
    der Zusam̄enhänge u die Sicherheit
    des Autors werden einen Eindruck
    hervorrufen, der Dir die erste Ent-
    schädigg für die Mühsals des Ringens
    mit dem Dämon schenken wird.
    Anders bei mir. Kein Kritiker (auch
    der dum̄e Löwenfeld nicht, der Burckhard 
    der Neuropathologie) kann schärfer
    als ich sehen, welches Mißverhältniß 
    sich zwischen Problemen u Lösungen
    aufthut, u zur gerechten Strafe
    wird es mir sein, daß keine der
    unentdeckten Provinzen im Seelen-
    leben

  • S.

    die ich zuerst von den Sterblichen
    betreten, je meinen Namen führen
    oder meinen Gesetzen gehorchen wird.
    Als mir im Ringkampf der Athem
    auszugehen drohte, bat ich den Engel
    abzulassen, u das hat er seitdem gethan.
    Ich bin aber nicht der Stärkere gewesen,
    obwol ich seitdem deutlich hinke.

    Ja, ich bin wirklich schon 44 J, ein
    alter, etwas schäbiger Israelit, wie
    Du Dich im Som̄er oder Herbst über-
    zeugen wirst. Die Meinigen haben den
    Tag doch feiern wollen. Mein bester
    Throst ist, daß ich Iihnen nicht alles zu-
    künftige vorwegnehme. Sie können erleben
    u erobern, soviel in ihren Kräften
    stehen wird. Ich lasse ihnen eine Stufe
    zum Fuß darauf fassen, führe sie nicht
    auf einen Gipfel, von dem aus sie
    nicht weitersteigen können.

  • S.

    Samstag beginne ich die Vorlesg über
    den Traum. In 10 Tagen werden wir
    die Bellevue beziehen. Ein Gerücht
    will wissen, daß Deine Frau nächstens
    nach Wien kom̄en wird.

    Gesundheitszustand jetzt erträglich.
    Wien ist plötzlich unerquicklich heiß
    geworden. Maggie Haller war diesen
    Monat über sehr brav. Da ist doch
    gewon̄enes Spiel. Ein neuer Mann
    psychisch impotent, wol nur über die
    Som̄ersaison. Einige noch nicht reife
    Anknüpfgen. Im Allgemeinen etwas
    Regung.

    Mit herzlichstem Gruß an
    Dein ganzes Haus
    Dein Sigm