• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    20. V.1900

    Theurer Wilhelm

    Natürlich nie wieder von der nördlichen
    See zu reden, wenn Du so schlecht
    mit ihr stehst, was ich nicht ahnte. Ich
    wollte, es wäre das Mittelmeer, aber
    es wird sein, was Du willst, wenn
    es nur sein kann. Jetzt kom̄t die öde
    Zeit, vor der ich mich fürchte, dh in der
    ich mich vor mir fürchte. Die vierte
    Patientin gestern verabschiedet, im
    herzlichsten Einvernehmen, im besten
    Zustand, mit der Böcklinauswal
    als Abschiedsgeschenk; ein Fall, der
    mir das größte Vergnügen gemacht
    hat u der vielleicht fertig ist. Es ist
    heuer also gut gegangen. Ich hab es
    endlich bezwungen. Aber was fang'
    ich jetzt an? Ich habe noch 3 1/2 Personen,
    dh. Stunden täglich, viel zuwenig
    Tonnen für den Walfisch. Weh',
    wenn ich mich langweile. Es wird
    alle möglichen Zustände geben.

  • S.

    Arbeiten kann ich nichts. Ich bin mit
    Faulheit infiltrirt. Die Art Arbeit,
    die ich von Oktober bis jetzt getrieben
    ist der Art Arbeit, die zum Nieder-
    schreiben führt, so sehr unähnlich u so
    sehr ungünstig. Nicht einmal das
    Traumbrochürchen für Löwenfeld habe
    ich begon̄en. Nicht einmal bei den
    Allotriis halte ich aus, ich schwanke
    zwischen Schach, Kunstgeschichte u Prae-
    historie, aber nichts darf sich lange
    fortsetzen. Ein paar Wochen möchte ich
    irgendwo untertauchen, wo es gar
    nichts von Wissenschaft giebt. Das ist
    außer dem Congreß mit Dir.
    Hätt ich nur Geld oder einen Reisebegleiter
    für Italien!

    Mein Schwager scheint einem Herzleiden
    erlegen zu sem, ungeahnter Herkunft.
    Vielleicht an eine ihm latente Nieren-
    affektion gebunden. Er war ein ungewöhnlich
    schöner, großer u kräftiger Mann,
    der angeblich vorher nie krank
    gewesen. Er stam̄te aus Zwittau

  • S.

    in Mähren, war vor 13 J. nach Amerika
    gegangen. Ich habe seine Familie ken̄en
    gelernt, es sind arme, aber tüchtige
    u feine Leute. Sie werden sich der Witwe
    u des Kindes nach Kräften annehmen.
    Auch für uns wird etwas zu thun
    bleiben.

    Ich hätte Angst, daß Du Pfingsten mit
    nach Wien kämest, den̄ mein ältester
    Bruder aus Manchester hat sich für
    diese Tage angekündigt. Er ist kein
    Jüngling mehr, ich meine: 68 Jahre(!),
    obwol sehr jugendlich in seiner
    Erscheinung.

    Warum ich mit Br nicht fertig werde,
    habe ich mich selbst gefragt un ein Fall
    von Vergeßen aus letzter Zeit hat
    mir Antwort gegeben. Ich hatte Frl. Maggie
    versprochen, ihr eine kleine eiserne
    Cassette zur Aufbewahrg ihrer Barschätze
    zu versorgen, vergaß aber beständig
    daran. Endlich von ihr selbst gemahnt,
    ging ich auf Einkauf aus. Ich hatte
    eine Firma im Gedächtniß: Tanczos u

  • S.

    ein Schaufenster in deuclichster visueller
    Erinnerg, in dem eine kleine Cassette
    zu sehen war. Es mußte irgendwo an
    einem leicht auffindbaren Ort in der
    inneren Stadt sein. Aber es gelang
    mir auf dem Spaziergang absolut
    nicht, den Ort aufzufinden. Also Vorsatz,
    vor dem nächsten Spaziergang im
    Telephonverzeichniß oder Firmenverzeichniß
    nachzusehen. Aber daran vergaß ich
    wieder, fünf Tage hinter einander.
    Endlich zwang ich mich zur Erin̄erung,
    schlug die Adresse nach. Und wo
    ist der Ort dieses Schaufensters mit
    der eisernen Cassette? Brandstätte
    gegenüber von Breuer, wo ich es einige
    tausendmal gesehen haben muß. Der
    Reim darauf ist leicht zu machen.

    Sei mir herzlichst gegrüßt.
    Ich weiß noch nichts von Rie3. 5 22. V. abends
    Dein Sigm