• S.

    Dr. Sigm. Freud
    Docent für Nervenkrankheiten
    a. d. Universität.
    Wien,
    IX., Berggasse 19.

    16 Mai 19

    Theurer Wilhelm

    Da Du ewig nichts von Dir hören
    läßest, bleibt mir nichts übrig als Dich
    durch einen Brief außer der
    Reihe zu reizen. Es ist ohnehin ein kleiner
    Abschnitt, eine Abendpatientin hat mich
    verlassen, mein schwerster, in der
    Aetiologie sicherster Fall, an den ich
    durch 4 J. nicht herankom̄en konnte
    u zu dem der einzige Fall von Breuer
    Er hat das Mädchen im̄er wieder zu
    mir geschickt, wenn ich sie in heller
    Verzweiflung weggejagt hatte. Im
    vorigen Jahr fing ich endlich an, mich
    mit ihr zu befreunden, u heuer ist
    es endlich gegangen. Ich habe die
    Schlüßel gefunden, dh mich überzeugt,
    daß anderswo gefundene Schlüßel

  • S.

    bei ihr passen u habe, soweit die knappe
    Zeit es gestattete (Dez – bis heute) ihren
    Zustand tief u wesentlich beeinflußt.
    Sie hat heute mit den Worten Abschied
    genom̄en: Sie haben mir Unschätzbares
    geleistet. Von ihr weiß ich, daß Breuer,
    als sie ihm ihre außerordentliche Besserg
    eingestand, in die Hände geklatscht
    u ein über das andere Mal gerufen:
    „Also hat er doch Recht." An dieser kleinen
    Scene erken̄st Du den Erfolganbeter,
    Bekenner einer der populärsten
    Welt-Religionen, der alle an Charakter
    Schwachen anhängen. Wozu hat er die
    Jahre über verbreitet, daß ich Unrecht
    habe. Es ist doch schön, sich bei jedem
    Irrtum zweimal zu genießen, zuerst
    indem man sich irrt, wobei man sich
    überlegen vorkom̄t, u dan̄, indem
    man eingesteht, daß man sich geirrt
    hat, wobei man sich u Anderen
    edel erscheinen kann. Ein armer

  • S.

    Teufel wie unser einer in seiner
    einfältigen Halsstarrigkeit kom̄t um
    all diese Genüße. Dir aber dem
    ich so oft soviel vorgejammert, will
    ich auch die Nachricht von dem kleinen
    Triumph nicht vorenthalten.

    Hörer habe ich nur drei, Hans Königstein,
    Frl Dora Teleky u einen Dr Marcuse 
    aus Breslau. Der Buchhändler beklagt
    sich, daß die Traumdeutung „schwach gehe".
    In der „Umschau" vom 10 März war
    ein kurzes, liebenswürdiges u einsichts-
    loses Referat. Mich dominirt aber
    natürlich nur die Arbeit, u ich bin
    bereit ganz einseitig zu werden, wenn
    ich dort nur durchkomme.

    Der Mann meiner jüngsten Schwester
    in New York ist am 6 Mai gestorben. Wir
    haben noch keine brieflichen Nachrichten
    von der Witwe. Ihn habe ich gar
    nicht gekannt, er soll sehr liebenswürdig
    gewesen sein; es war eine kurze u 
    glückliche Ehe.

  • S.

    Nun u Du? Bist Du noch im ersten
    Capitel? Möchtest Du in Deinen
    Som̄erplänen der Möglichkeit einen
    ersten vorläufigen Platz einräumen,
    daß_wir einige Tage mitsammen,
    daß wir einige Tage mitsam̄en an
    der Nordsee verbringen? Du
    weißt
    nur absoluter Geldmangel oder Erkrank-
    ungsfälle würden mich von der Aus-
    führg dieser Absicht abhalten. Welche
    Hinderniße kennst Du bei Dir?

    Deine liebe Frau hier zu sehen
    wird mich riesig freuen. Grüße die
    3 Kleinen von mir. Mela sieht einige
    Tage vor dem Termin recht erfreulich
    aus. Ich war heute oben.
    Herzlichst
    Dein Sigm