Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit 1916-004/1918

Freud, Sigmund (1916-004/1918): Einige Charaktertypen aus der psychoanalytischen Arbeit

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  • S.

    XXIX.

    EINIGE CHARAKTERTYPEN
    AUS DER PSYCHOANALYTISCHEN ARBEIT.*)

    Wenn der Arzt die psychoanalytische Behandlung eines
    Nervösen durchführt, so ist sein Interesse keineswegs in erster
    Linie auf dessen Charakter gerichtet. Er möchte viel eher
    wissen, was seine Symptome bedeuten, welche Triebregungen
    sich hinter ihnen verbergen und durch sie befriedigen, und
    über welche Stationen der geheimnisvolle Weg von jenen
    Triebwünschen zu diesen Symptomen geführt hat. Aber die
    Technik, der er folgen muß, nötigt den Arzt bald, seine Wiß-
    begierde vorerst auf andere Objekte zu richten. Er bemerkt,
    daß seine Forschung durch Widerstände bedroht wird, die
    ihm der Kranke entgegensetzt, und darf diese Widerstände
    dem Charakter des Kranken zurechnen. Nun hat dieser Cha-
    rakter den ersten Anspruch an sein Interesse.

    Was sich der Bemühung des Arztes widersetzt, sind
    nicht immer die Charakterzüge, zu denen sich der Kranke
    bekennt, und die ihm von seiner Umgebung zugesprochen
    werden. Oft zeigen sich Eigenschaften des Kranken bis zu
    ungeahnten Intensitäten gesteigert, von denen er nur ein be-
    scheidenes Maß zu besitzen schien, oder es kommen Einstel-
    lungen bei ihm zum Vorschein, die sich in anderen Beziehun-

    *)Imago IV, 1915/16.

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    gen des Lebens nicht verraten hatten. Mit der Beschreibung
    und Zurückführung einiger von diesen überraschenden Charak-
    terzügen werden sich die nachstehenden Zeilen beschäftigen.

    I.

    DIE AUSNAHMEN.

    Die psychoanalytische Arbeit sieht sich immer wieder
    vor die Aufgabe gestellt, den Kranken zum Verzicht auf
    einen naheliegenden und unmittelbaren Lustgewinn zu be-
    wegen. Er soll nicht auf Lust überhaupt verzichten; das
    kann man vielleicht keinem Menschen zumuten, und selbst
    die Religion muß ihre Forderung, irdische Lust fahren zu
    lassen, mit dem Versprechen begründen, dafür ein ungleich
    höheres Maß von wertvoller Lust in einem Jenseits zu ge-
    währen. Nein, der Kranke soll bloß auf solche Befriedigungen
    verzichten, denen eine Schädigung unfehlbar nachfolgt, er
    soll bloß zeitweilig entbehren, nur den unmittelbaren Lust-
    gewinn gegen einen besser gesicherten, wenn auch aufge-
    schobenen, eintauschen lernen. Oder mit anderen Worten,
    er soll unter der ärztlichen Leitung jenen Fortschritt vom
    Lustprinzip zum Realitätsprinzip machen, durch
    welchen sich der reife Mann vom Kinde scheidet. Bei diesem
    Erziehungswerk spielt die bessere Einsicht des Arztes kaum
    eine entscheidende Rolle; er weiß ja in der Regel dem Kran-
    ken nichts anderes zu sagen, als was diesem sein eigener Ver-
    stand sagen kann. Aber es ist nicht dasselbe, etwas bei sich
    zu wissen und dasselbe von anderer Seite zu hören; der Arzt
    übernimmt die Rolle dieses wirksamen Anderen; er bedient
    sich des Einflusses, den ein Mensch auf den anderen ausübt.
    Oder: erinnern wir uns daran, daß es in der Psychoanalyse
    üblich ist, das Ursprüngliche und Wurzelhafte an Stelle des

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    Abgeleiteten und Gemilderten einzusetzen, und sagen wir, der
    Arzt bedient sich bei seinem Erziehungswerk irgend einer Kom-
    ponente der Liebe. Er wiederholt bei solcher Nacherziehung
    wahrscheinlich nur den Vorgang, der überhaupt die erste Er-
    ziehung ermöglicht hat. Neben der Lebensnot ist die Liebe
    die große Erzieherin, und der unfertige Mensch wird durch
    die Liebe der ihm Nächsten dazu bewogen, auf die Gebote
    der Not zu achten und sich die Strafen für deren Übertretung
    zu ersparen.

    Fordert man so von den Kranken einen vorläufigen Ver-
    zicht auf irgend eine Lustbefriedigung, ein Opfer, eine Bereit-
    willigkeit, zeitweilig für ein besseres Ende Leiden auf sich
    zu nehmen, oder auch nur den Entschluß, sich einer für alle
    geltenden Notwendigkeit zu unterwerfen, so stößt man auf
    einzelne Personen, die sich mit einer besonderen Motivierung
    gegen solche Zumutung sträuben. Sie sagen, sie haben genug
    gelitten und entbehrt, sie haben Anspruch darauf, von wei-
    teren Anforderungen verschont zu werden, sie unterwerfen
    sich keiner unliebsamen Notwendigkeit mehr, denn sie seien
    Ausnahmen und gedenken es auch zu bleiben. Bei einem
    Kranken solcher Art war dieser Anspruch zu der Überzeugung
    gesteigert, daß eine besondere Vorsehung über ihn wache, die
    ihn vor derartigen schmerzlichen Opfern bewahren werde.
    Gegen innere Sicherheiten, die sich mit solcher Stärke äußern,
    richten die Argumente des Arztes nichts aus, aber auch sein
    Einfluß versagt zunächst, und er wird darauf hingewiesen,
    den Quellen nachzuspüren, aus welchen das schädliche Vor-
    urteil gespeist wird.

    Nun ist es wohl unzweifelhaft, daß ein jeder sich für
    eine „Ausnahme“ ausgeben und Vorrechte vor den anderen
    beanspruchen möchte. Aber gerade darum bedarf es einer be-
    sonderen

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    sonderen und nicht überall vorfindlichen Begründung, wenn
    er sich wirklich als Ausnahme verkündet und benimmt. Es
    mag mehr als nur eine solche Begründung geben; in den
    von mir untersuchten Fällen gelang es, eine gemeinsame
    Eigentümlichkeit der Kranken in deren früheren Lebens-
    schicksalen nachzuweisen: Ihre Neurose knüpfte an ein
    Erlebnis oder an ein Leiden an, das sie in den ersten Kinder-
    zeiten betroffen hatte, an dem sie sich unschuldig wußten,
    und das sie als eine ungerechte Benachteiligung ihrer Person
    bewerten konnten. Die Vorrechte, die sie aus diesem Un-
    recht ableiteten, und die Unbotmäßigkeit, die sich daraus
    ergab, hatten nicht wenig dazu beigetragen, um die Kon-
    flikte, die später zum Ausbruche der Neurose führten, zu
    verschärfen. Bei einer dieser Patientinnen wurde die bespro-
    chene Einstellung zum Leben vollzogen, als sie erfuhr, daß
    ein schmerzhaftes organisches Leiden, welches sie an der
    Erreichung ihrer Lebensziele gehindert hatte, kongenitalen
    Ursprungs war. Solange sie dieses Leiden für eine zufällige
    spätere Erwerbung hielt, ertrug sie es geduldig; von ihrer
    Aufklärung an, es sei ein Stück mitgebrachter Erbschaft,
    wurde sie rebellisch. Der junge Mann, der sich von einer
    besonderen Vorsehung bewacht glaubte, war als Säugling das
    Opfer einer zufälligen Infektion durch seine Amme geworden
    und hatte sein ganzes späteres Leben von seinen Entschädi-
    gungsansprüchen wie von einer Unfallrente gezehrt, ohne
    zu ahnen, worauf er seine Ansprüche gründete. In seinem
    Falle wurde die Analyse, welche dieses Ergebnis aus dunklen
    Erinnerungsresten und Symptomdeutungen konstruierte, durch
    Mitteilungen der Familie objektiv bestätigt.
    Aus leicht verständlichen Gründen kann ich von diesen
    und anderen Krankengeschichten ein mehreres nicht mit-

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    teilen. Ich will auch auf die naheliegende Analogie mit der
    Charakterverbildung nach langer Kränklichkeit der Kinder-
    jahre und im Benehmen ganzer Völker mit leidensschwerer
    Vergangenheit nicht eingehen. Dagegen werde ich es mir
    nicht versagen, auf jene von dem größten Dichter geschaffene
    Gestalt hinzuweisen, in deren Charakter der Ausnahmsan-
    spruch mit dem Momente der kongenitalen Benachteiligung
    so innig verknüpft und durch dieses motiviert ist.

    Im einleitenden Monolog zu Shakespeares Richard III.
    sagt Gloster, der spätere König:

    „Doch ich, zu Possenspielen nicht gemacht,
    Noch um zu buhlen mit verliebten Spiegeln;
    Ich, roh geprägt, entblößt von Liebes-Majestät
    Vor leicht sich dreh’nden Nymphen sich zu brüsten;
    Ich, um dies schöne Ebenmaß verkürzt,
    Von der Natur um Bildung falsch betrogen,
    Entstellt, verwahrlost, vor der Zeit gesandt
    In diese Welt des Atmens, halb kaum fertig
    Gemacht, und zwar so lahm und ungeziemend,
    Daß Hunde bellen, hink’ ich wo vorbei;

    Und darum, weil ich nicht als ein Verliebter
    Kann kürzen diese fein beredten Tage,
    Bin ich gewillt ein Bösewicht zu werden
    Und Feind den eitlen Freuden dieser Tage.“

    Unser erster Eindruck von dieser Programmrede wird
    vielleicht die Beziehung zu unserem Thema vermissen. Richard
    scheint nichts anderes zu sagen als: Ich langweile mich in
    dieser müßigen Zeit und ich will mich amüsieren. Weil ich
    aber wegen meiner Mißgestalt mich nicht als Liebender un-
    terhalten kann, werde ich den Bösewicht spielen, intrigieren,
    morden, und was mir sonst gefällt. Eine so frivole Moti-
    vierung müßte jede Spur von Anteilnahme beim Zuschauer

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    ersticken, wenn sich nichts Ernsteres hinter ihr verbärge.
    Dann wäre aber auch das Stück psychologisch unmöglich,
    denn der Dichter muß bei uns einen geheimen Hintergrund
    von Sympathie für seinen Helden zu schaffen verstehen, wenn
    wir die Bewunderung für seine Kühnheit und Geschicklichkeit
    ohne inneren Einspruch verspüren sollen, und solche Sym-
    pathie kann nur im Verständnis, im Gefühle einer möglichen
    inneren Gemeinschaft mit ihm, begründet sein.

    Ich meine darum, der Monolog Richards sagt nicht alles;
    er deutet bloß an und unterläßt es uns, das Angedeutete aus-
    zuführen. Wenn wir aber diese Vervollständigung vornehmen,
    dann schwindet der Anschein von Frivolität, dann kommt
    die Bitterkeit und Ausführlichkeit, mit der der Richard seine
    Mißgestalt geschildert hat, zu ihrem Rechte, und uns wird
    die Gemeinsamkeit klar gemacht, die unsere Sympathie auch
    für den Bösewicht erzwingt. Es heißt dann: Die Natur hat
    ein schweres Unrecht an mir begangen, indem sie mir die
    Wohngestalt versagt hat, welche die Liebe der Menschen ge-
    winnt. Das Leben ist mir eine Entschädigung dafür schuldig,
    die ich mir holen werde. Ich habe den Anspruch darauf, eine
    Ausnahme zu sein, mich über die Bedenken hinwegzusetzen,
    durch die sich andere hindern lassen. Ich darf selbst Un-
    recht tun, denn an mir ist Unrecht geschehen, – und nun
    fühlen wir, daß wir selbst so werden könnten wie Richard,
    ja daß wir es im kleinen Maßstabe bereits sind. Richard
    ist eine gigantische Vergrößerung dieser einen Seite, die wir
    auch in uns finden. Wir glauben alle Grund zu haben, daß
    wir mit Natur und Schicksal wegen kongenitaler und infan-
    tiler Benachteiligung grollen; wir fordern alle Entschädigung
    für frühzeitige Kränkungen unseres Narzißmus, unserer Eigen-
    liebe. Warum hat uns die Natur nicht die goldenen Locken

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    Balders geschenkt oder die Stärke Siegfrieds oder die hohe
    Stirne des Genies, den edlen Gesichtsschnitt des Aristokraten?
    Warum sind wir in der Bürgerstube geboren anstatt im Königs-
    schloß? Wir würden es ebenso gut treffen, schön und vor-
    nehm zu sein, wie alle, die wir jetzt darum beneiden müssen.

    Es ist aber eine feine ökonomische Kunst des Dichters,
    daß er seinen Helden nicht alle Geheimnisse seiner Motivi-
    erung laut und restlos aussprechen läßt. Dadurch nötigt
    er uns, sie zu ergänzen, beschäftigt unsere geistige Tätigkeit,
    lenkt sie vom kritischen Denken ab, und hält uns in der
    Identifizierung mit dem Helden fest. Ein Stümper an seiner
    Stelle würde alles, was er uns mitteilen will, in bewußten
    Ausdruck fassen und fände sich dann unserer kühlen, frei
    beweglichen Intelligenz gegenüber, die eine Vertiefung der
    Illusion unmöglich macht.

    Wir wollen aber die „Ausnahmen“ nicht verlassen, ohne
    zu bedenken, daß der Anspruch der Frauen auf Vorrechte
    und Befreiung von so viel Nötigungen des Lebens auf dem
    selben Grunde ruht. Wie wir aus der psychoanalytischen
    Arbeit erfahren, betrachten sich die Frauen als infantil ge-
    schädigt, ohne ihre Schuld um ein Stück verkürzt und zu-
    rückgesetzt, und die Erbitterung so mancher Tochter gegen
    ihre Mutter hat zur letzten Wurzel den Vorwurf, daß sie sie
    als Weib anstatt als Mann zur Welt gebracht hat.

    II.

    DIE AM ERFOLGE SCHEITERN.

    Die psychoanalytische Arbeit hat uns den Satz geschenkt:
    Die Menschen erkranken neurotisch infolge der Versagung.
    Die Versagung der Befriedigung für ihre libidinösen Wünsche
    ist gemeint, und ein längerer Umweg ist nötig, um den Satz

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    zu verstehen. Denn zur Entstehung der Neurose bedarf es
    eines Konfliktes zwischen den libidinösen Wünschen eines
    Menschen und jenem Anteil seines Wesens, den wir sein Ich
    heißen, der Ausdruck seiner Selbsterhaltungstriebe ist und
    seine Ideale von seinem eigenen Wesen einschließt. Ein sol-
    cher pathogener Konflikt kommt nur dann zu stande, wenn
    sich die Libido auf Wege und Ziele werfen will, die vom
    Ich längst überwunden und geächtet sind, die es also auch
    für alle Zukunft verboten hat, und das tut die Libido erst
    dann, wenn ihr die Möglichkeit einer ichgerechten idealen
    Befriedigung benommen ist. Somit wird die Entbehrung, die
    Versagung einer realen Befriedigung die erste Bedingung für
    die Entstehung der Neurose, wenn auch lange nicht die
    einzige.

    Um so mehr muß es überraschend, ja verwirrend wirken,
    wenn man als Arzt die Erfahrung macht, daß Menschen ge-
    legentlich gerade dann erkranken, wenn ihnen ein tief be-
    gründeter und lange gehegter Wunsch in Erfüllung gegangen
    ist. Es sieht dann so aus, als ob sie ihr Glück nicht ver-
    tragen würden, denn an dem ursächlichen Zusammenhange
    zwischen dem Erfolge und der Erkrankung kann man nicht
    zweifeln. So hatte ich Gelegenheit, in das Schicksal einer
    Frau Einsicht zu nehmen, das ich als vorbildlich für solche
    tragische Wendungen beschreiben will.

    Von guter Herkunft und wohlerzogen, konnte sie als ganz
    junges Mädchen ihre Lebenslust nicht zügeln, riß sich vom
    Elternhause los und trieb sich abenteuernd in der Welt her-
    um, bis sie die Bekanntschaft eines Künstlers machte, der
    ihren weiblichen Reiz zu schätzen wußte, aber auch die feinere
    Anlage an der Herabgewürdigten zu ahnen verstand. Er nahm
    sie in sein Haus und gewann an ihr eine treue Lebensge-

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    fährtin, der zum vollen Glück nur die bürgerliche Rehabili-
    tierung zu fehlen schien. Nach jahrelangem Zusammenleben
    setzte er es durch, daß seine Familie sich mit ihr befreun-
    dete, und war nun bereit, sie zu seiner Frau vor dem Gesetze
    zu machen. In diesem Moment begann sie zu versagen. Sie
    vernachlässigte das Haus, dessen rechtmäßige Herrin sie nun
    werden sollte, hielt sich für verfolgt von den Verwandten,
    die sie in die Familie aufnehmen wollten, sperrte dem Manne
    durch sinnlose Eifersucht jeden Verkehr, hinderte ihn an
    seiner künstlerischen Arbeit und verfiel bald in unheilbare
    seelische Erkrankung.

    Eine andere Beobachtung zeigte mir einen höchst respek-
    tablen Mann, der, selbst akademischer Lehrer, durch viele
    Jahre den begreiflichen Wunsch genährt hatte, der Nach-
    folger seines Meisters zu werden, der ihn selbst in die Wis-
    senschaft eingeführt hatte. Als nach dem Rücktritte jenes
    Alten die Kollegen ihm mitteilten, daß kein anderer als er
    zu dessen Nachfolger ausersehen sei, begann er zaghaft zu
    werden, verkleinerte seine Verdienste, erklärte sich für un-
    würdig, die ihm zugedachte Stellung auszufüllen, und ver-
    fiel in eine Melancholie, die ihn für die nächsten Jahre von
    jeder Tätigkeit ausschaltete.

    So verschieden diese beiden Fälle sonst sind, so treffen
    sie doch in dem einen zusammen, daß die Erkrankung auf
    die Wunscherfüllung hin auftritt und den Genuß derselben
    zunichte macht.

    Der Widerspruch zwischen solchen Erfahrungen und dem
    Satze, der Mensch erkranke an Versagung, ist nicht unlösbar.
    Die Unterscheidung einer äußerlichen von einer inneren
    Versagung hebt ihn auf. Wenn in der Realität das Objekt
    weggefallen ist, an dem die Libido ihre Befriedigung finden

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    kann, so ist dies eine äußerliche Versagung. Sie ist an sich
    wirkungslos, noch nicht pathogen, solange sich nicht eine
    innere Versagung zu ihr gesellt. Diese muß vom Ich aus
    gehen und der Libido andere Objekte streitig machen, deren
    sie sich nun bemächtigen will. Erst dann entsteht ein Kon-
    flikt und die Möglichkeit einer neurotischen Erkrankung,
    d. h. einer Ersatzbefriedigung auf dem Umwege über das
    verdrängte Unbewußte. Die innere Versagung kommt also
    in allen Fällen in Betracht, nur tritt sie nicht eher in Wir-
    kung, als bis die äußerliche reale Versagung die Situation
    für sie vorbereitet hat. In den Ausnahmsfällen, wenn die
    Menschen am Erfolge erkranken, hat die innere Versagung
    für sich allein gewirkt, ja sie ist erst hervorgetreten, nach-
    dem die äußerliche Versagung der Wunscherfüllung Platz
    gemacht hat. Daran bleibt etwas für den ersten Anschein
    Auffälliges, aber bei näherer Erwägung besinnen wir uns
    doch, es sei gar nicht ungewöhnlich, daß das Ich einen Wunsch
    als harmlos toleriert, solange er ein Dasein als Phantasie
    führt und ferne von der Erfüllung scheint, während es sich
    scharf gegen ihn zur Wehr setzt, sobald er sich der Erfül-
    lung nähert und Realität zu werden droht. Der Unterschied
    gegen wohlbekannte Situationen der Neurosenbildung liegt
    nur darin, daß sonst innerliche Steigerungen der Libidobe-
    setzung die bisher geringgeschätzte und geduldete Phantasie
    zum gefürchteten Gegner machen, während in unseren Fällen
    das Signal zum Ausbruch des Konfliktes durch eine reale
    äußere Wandlung gegeben wird.

    Die analytische Arbeit zeigt uns leicht, daß es Gewis-
    sensmächte sind, welche der Person verbieten, aus der
    glücklichen realen Veränderung den lange erhofften Gewinn
    zu ziehen. Eine schwierige Aufgabe aber ist es, Wesen und

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    (Akt II, Szene 2):
    „Hätt’ er geglichen meinem Vater nicht
    Als er so schlief, ich hätt’s getan.“

    Nun, da sie Königin geworden durch den Mord an Dun-
    can, meldet sich flüchtig etwas wie eine Enttäuschung, wie
    ein Überdruß. Wir wissen nicht, woher.

    (Akt III, Szene 2):
    „Nichts hat man, alles Lüge,
    Gelingt der Wunsch, und fehlt doch die Genüge,
    ’s ist sichrer das zu sein, was wir zerstören,
    Als durch Zerstörung ew’ger Angst zu schwören.“

    Doch hält sie aus. In der nach diesen Worten folgenden
    Szene des Banketts bewahrt sie allein die Besinnung, deckt
    die Verwirrung ihres Mannes, findet einen Vorwand, um die
    Gäste zu entlassen. Und dann entschwindet sie uns. Wir
    sehen sie (in der ersten Szene des fünften Aktes) als Som-
    nambule wieder, an die Eindrücke jener Mordnacht fixiert.
    Sie spricht ihrem Manne wieder Mut zu wie damals:

    „Pfui, mein Gemahl, pfui, ein Soldat und furchtsam? – Was
    haben wir zu fürchten, wer es weiß? Niemand zieht unsere Macht
    zur Rechenschaft.“ – – –

    Sie hört das Klopfen ans Tor, das ihren Mann nach
    der Tat erschreckte. Daneben aber bemüht sie sich, „die
    Tat ungeschehen zu machen, die nicht mehr ungeschehen
    werden“ kann. Sie wäscht ihre Hände, die mit Blut befleckt
    sind und nach Blut riechen, und wird der Vergeblichkeit
    dieser Bemühung bewußt. Die Reue scheint sie niederge-wor-
    fen zu haben, die so reuelos schien. Als sie stirbt, findet
    Macbeth, der unterdes so unerbittlich geworden ist, wie sie
    sich anfänglich zeigte, nur die eine kurze Nachrede für sie:

  • S.

    533

    (Akt V, Szene 5):

    „Sie konnte später sterben.
    Es war noch Zeit genug für solch ein Wort.“

    Und nun fragt man sich, was hat diesen Charakter zer-
    brochen, der aus dem härtesten Metall geschmiedet schien?
    Ist’s nur die Enttäuschung, das andere Gesicht, das die voll-
    zogene Tat zeigt, sollen wir rückschließen, daß auch in der
    Lady Macbeth ein ursprünglich weiches und weiblich mildes
    Seelenleben sich zu einer Konzentration und Hochspannung
    emporgearbeitet hatte, der keine Andauer beschieden sein
    konnte, oder dürfen wir nach Anzeichen forschen, die uns
    diesen Zusammenbruch durch eine tiefere Motivierung mensch-
    lich näher bringen?

    Ich halte es für unmöglich, hier eine Entscheidung zu
    treffen. Shakespeares Macbeth ist ein Gelegenheits-
    stück, zur Thronbesteigung des bisherigen Schottenkönigs
    James gedichtet. Der Stoff war gegeben und gleichzeitig
    von anderen Autoren behandelt worden, deren Arbeit Shake-
    speare wahrscheinlich in gewohnter Weise genützt hat.
    Er bot merkwürdige Anspielungen an die gegenwärtige
    Situation. Die „jungfräuliche“ Elisabeth, von der ein Gerede
    wissen wollte, daß sie nie im Stande gewesen wäre, ein Kind
    zu gebären, die sich einst bei der Nachricht von James’
    Geburt im schmerzlichen Aufschrei als „einen dürren Stamm“
    bezeichnet hatte*), war eben durch ihre Kinderlosigkeit ge-
    nötigt worden, den Schottenkönig zu ihrem Nachfolger wer-
     

    *)Vgl. Macbeth (Akt II, Szene 1):
     

    „Auf mein Haupt setzten sie unfruchtbar Gold,
    Ein dürres Zepter reichten sie der Faust,
    Daß es entgleite dann in fremde Hand,
    Da nicht mein Sohn mir nachfolgt. – – –“

     

  • S.

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    sehen, daß Macbeth diese Entwicklung durchmacht, und auf
    der Höhe der Tragödie finden wir jenen erschütternden, so
    oft schon als vieldeutig erkannten Ausruf, der den Schlüssel
    für seine Wandlung enthalten könnte, den Ausruf Mac-
    duffs:

    (Akt IV, Szene 3):

    „Er hat keine Kinder.“

    Das heißt gewiß: Nur weil er selbst kinderlos ist, konnte
    er meine Kinder morden, aber es kann auch mehr in sich
    fassen und vor allem könnte er das tiefste Motiv bloßlegen,
    welches sowohl Macbeth weit über seine Natur hinausdrängt,
    als auch den Charakter der harten Frau an seiner einzigen
    schwachen Stelle trifft. Hält man aber Umschau von dem
    Gipfelpunkt, den diese Worte Macduffs bezeichnen, so sieht
    man das ganze Stück von Beziehungen auf das Vater-
    Kinder
    verhältnis durchsetzt. Der Mord des gütigen Duncan ist
    wenig anders als ein Vatermord; im Falle Banquos hat Mac-
    beth den Vater getötet, während ihm der Sohn entgeht; bei
    Macduff tötet er die Kinder, weil ihm der Vater entflohen
    ist. Ein blutiges und gekröntes Kind lassen ihm die Schick-
    salsschwestern in der Beschwörungsszene erscheinen; das be-
    waffnete Haupt vorher ist wohl Macbeth selbst. Im Hinter-
    grunde aber erhebt sich die düstere Gestalt des Rächer-
    Mac
    duff, der selbst eine Ausnahme von den Gesetzen der Ge-
    neration ist, da er nicht von seiner Mutter geboren, sondern
    aus ihrem Leib geschnitten wurde.

    Es wäre nun durchaus im Sinne der auf Talion auf-
    gebauten poetischen Gerechtigkeit, wenn die Kinderlosigkeit
    Macbeths und die Unfruchtbarkeit seiner Lady die Strafe
    wären für ihre Verbrechen gegen die Heiligkeit der Genera-
    tion, wenn Macbeth nicht Vater werden könnte, weil er den

  • S.

    536

    Kindern den Vater und dem Vater die Kinder geraubt, und
    wenn sich so an der Lady Macbeth die Entweibung voll-
    zogen hätte, zu der sie die Geister des Mordes aufgerufen
    hat. Ich glaube, man verstünde ohneweiters die Erkrankung
    der Lady, die Verwandlung ihres Frevelmutes in Reue, als
    Reaktion auf ihre Kinderlosigkeit, durch die sie von ihrer
    Ohnmacht gegen die Satzungen der Natur überzeugt und
    gleichzeitig daran gemahnt wird, daß ihr Verbrechen durch
    ihr eigenes Verschulden um den besseren Teil seines Ertrages
    gebracht worden ist.

    In der Chronik von Holinshed (1577), aus welcher
    Shakespeare den Stoff des Macbeth schöpfte, findet
    die Lady nur eine einzige Erwähnung als Ehrgeizige, die
    ihren Mann zum Morde aufstachelt, um selbst Königin zu
    werden. Von ihren weiteren Schicksalen und von einer Ent-
    wicklung ihres Charakters ist nicht die Rede. Dagegen
    scheint es, als ob dort die Wandlung im Charakter Mac-
    beths zum blutigen Wüterich ähnlich motiviert werden
    sollte, wie wir es eben versucht haben. Denn bei Holinshed
    liegen zwischen dem Morde an Duncan, durch den Macbeth
    König wird, und seinen weiteren Missetaten zehn Jahre,
    in denen er sich als strenger, aber gerechter Herrscher er-
    weist. Erst nach diesem Zeitraume tritt bei ihm die Än-
    derung ein, unter dem Einflusse der quälenden Befürchtung,
    daß die Banquo erteilte Prophezeiung sich ebenso erfüllen
    könne, wie die seines eigenen Schicksals. Nun erst läßt er
    Banquo töten und wird wie bei Shakespeare von einem Ver-
    brechen zum anderen fortgerissen. Es wird auch bei Holin-
    shed nicht ausdrücklich gesagt, daß es seine Kinderlosigkeit
    ist, welche ihn auf diesen Weg treibt, aber es bleibt Zeit
    und Raum für diese naheliegende Motivierung. Anders bei

  • S.

    537

    Shakespeare. In atemraubender Hast jagen in der Tragödie
    die Ereignisse an uns vorüber, so daß sich aus den Angaben
    der Personen im Stücke etwa eine Woche als die Zeitdauer
    ihres Ablaufes berechnen läßt.*) Durch diese Beschleuni-
    gung wird all unseren Konstruktionen über die Motivierung
    des Umschwungs im Charakter Macbeths und seiner Lady
    der Boden entzogen. Es fehlt die Zeit, innerhalb welcher die
    fortgesetzte Enttäuschung der Kinderhoffnung das Weib zer-
    mürben und den Mann in trotzige Raserei treiben könnte,
    und es bleibt der Widerspruch bestehen, daß so viel feine
    Zusammenhänge innerhalb des Stückes und zwischen ihm
    und seinem Anlaß ein Zusammentreffen im Motiv der Kinder-
    losigkeit anstreben, während die zeitliche Ökonomie der Tra-
    gödie eine Charakterentwicklung aus anderen als den inner-
    lichsten Motiven ausdrücklich ablehnt.

    Welches aber diese Motive sein können, die in so kurzer
    Zeit aus dem zaghaften Ehrgeizigen einen hemmungslosen
    Wüterich und aus der stahlharten Anstifterin eine von Reue
    zerknirschte Kranke machen, das läßt sich meines Erachtens
    nicht erraten. Ich meine, wir müßten darauf verzichten, das
    dreifach geschichtete Dunkel zu durchdringen, zu dem sich
    die schlechte Erhaltung des Textes, die unbekannte Inten-
    tion des Dichters und der geheime Sinn der Sage hier ver-
    dichtet haben. Ich möchte es auch nicht gelten lassen, daß
    jemand einwende, solche Untersuchungen seien müßig ange-
    sichts der großartigen Wirkung, die die Tragödie auf den
    Zuschauer ausübt. Der Dichter kann uns zwar durch seine
    Kunst während der Darstellung überwältigen und unser Den-
    ken dabei lähmen, aber er kann uns nicht daran hindern,

    *) J. Darmstetter, Macbeth, Edition classique, p. LXXV, Paris
    1887.

  • S.

    538

    daß wir uns nachträglich bemühen, diese Wirkung aus ihrem
    psychologischen Mechanismus zu begreifen. Auch die Be-
    merkung, es stehe dem Dichter frei, die natürliche Zeitfolge
    der von ihm vorgeführten Begebenheiten in beliebiger Weise
    zu verkürzen, wenn er durch das Opfer der gemeinen Wahr-
    scheinlichkeit eine Steigerung des dramatischen Effekts er-
    zielen kann, scheint mir hier nicht an ihrem Platze. Denn
    ein solches Opfer ist doch nur zu rechtfertigen, wo es bloß
    die Wahrscheinlichkeit stört*), aber nicht, wo es die kausale
    Verknüpfung aufhebt, und der dramatischen Wirkung wäre
    kaum Abbruch geschehen, wenn der Zeitablauf unbestimmt
    gelassen wäre, anstatt durch ausdrückliche Äußerungen auf
    wenige Tage eingeengt zu werden.

    Es fällt so schwer, ein Problem wie das des Macbeth
    als unlösbar zu verlassen, daß ich noch den Versuch wage,
    eine Bemerkung anzufügen, die nach einem neuen Ausweg
    weist. Ludwig Jekels hat kürzlich in einer Shakespeare-
    Studie ein Stück der Technik des Dichters zu erraten ge-
    glaubt, welches auch für Macbeth in Betracht kommen könnte.
    Er meint, daß Shakespeare häufig einen Charakter in zwei
    Personen zerlegt, von denen dann jede unvollständig begreif-
    lich erscheint, solange man sie nicht mit der anderen wie-
    derum zur Einheit zusammensetzt. So könnte es auch mit
    Macbeth und der Lady sein, und dann würde es natürlich
    zu nichts führen, wollte man sie als selbständige Person
    fassen und nach der Motivierung ihrer Umwandlung for-
    schen, ohne auf den sie ergänzenden Macbeth Rücksicht zu
    nehmen. Ich folge dieser Spur nicht weiter, aber ich will
    doch anführen, was in so auffälliger Weise diese Auffassung


    *) Wie in der Werbung Richards III. um Anna, an der Bahre
    des von ihm ermordeten Königs.

  • S.

    539

    stützt, daß die Angstkeime, die in der Mordnacht bei Mac-
    beth hervorbrechen, nicht bei ihm, sondern bei der Lady zur
    Entwicklung gelangen.*) Er ist es, der vor der Tat die Hal-
    luzination des Dolches gehabt hat, aber sie, die später der
    geistigen Erkrankung verfällt; er hat nach dem Morde im
    Hause schreien gehört: Schlaf nicht mehr, Macbeth mordet
    den Schlaf und also soll Macbeth nicht mehr schlafen, aber
    wir vernehmen nichts davon, daß König Macbeth nicht mehr
    schläft, während wir sehen, daß die Königin aus ihrem Schlafe
    aufsteht und nachtwandelnd ihre Schuld verrät; er stand
    hilflos da mit blutigen Händen und klagte, daß all des Meer-
    gottes Flut nicht reinwasche seine Hand; sie tröstete da-
    mals: Ein wenig Wasser spült uns ab die Tat, aber dann
    ist sie es, die eine Viertelstunde lang ihre Hände wäscht
    und die Befleckung des Blutes nicht beseitigen kann. „Alle
    Wohlgerüche Arabiens machen nicht süßduftend diese kleine
    Hand.“ (Akt V, Szene 1.) So erfüllt sich an ihr, was er in
    seiner Gewissensangst gefürchtet; sie wird die Reue nach
    der Tat, er wird der Trotz, sie erschöpfen miteinander die
    Möglichkeiten der Reaktion auf das Verbrechen, wie zwei
    uneinige Anteile einer einzigen psychischen Individualität und
    vielleicht Nachbilder eines einzigen Vorbildes.

    Haben wir an der Gestalt der Lady Macbeth die Frage
    nicht beantworten können, warum sie nach dem Erfolge als
    Kranke zusammenbricht, so winkt uns vielleicht eine bessere
    Aussicht bei der Schöpfung eines anderen großen Dramatikers,
    der die Aufgabe der psychologischen Rechenschaft mit un-
    nachsichtiger Strenge zu verfolgen liebt.

    Rebekka Gamvik, die Tochter einer Hebamme, ist von
    ihrem Adoptivvater Doktor West zur Freidenkerin und Ver-
     

    *)Vgl. Darmstetter l. c.

  • S.

    540

    ächterin jener Fesseln erzogen worden, welche eine auf reli-
    giösem Glauben gegründete Sittlichkeit den Lebenswünschen
    anlegen möchte. Nach dem Tode des Doktors verschafft sie
    sich Aufnahme in Rosmersholm, dem Stammsitze eines
    alten Geschlechtes, dessen Mitglieder das Lachen nicht ken-
    nen und die Freude einer starren Pflichterfüllung geopfert
    haben. Auf Rosmersholm hausen der Pastor Johannes Rosmer
    und seine kränkliche, kinderlose Gattin Beate. „Von wildem,
    unbezwinglichem Gelüst“ nach der Liebe des adeligen Mannes
    ergriffen, beschließt Rebekka, die Frau, die ihr im Wege
    steht, wegzuräumen, und bedient sich dabei ihres „mutigen,
    freigeborenen“, durch keine Rücksichten gehemmten Willens.
    Sie spielt ihr ein ärztliches Buch in die Hand, in dem die
    Kinderzeugung als der Zweck der Ehe hingestellt wird, so
    daß die Arme an der Berechtigung ihrer Ehe irre wird, sie
    läßt sie erraten, daß Rosmer, dessen Lektüre und Gedanken-
    gänge sie teilt, im Begriffe ist, sich vom alten Glauben los-
    zumachen und die Partei der Aufklärung zu nehmen, und
    nachdem sie so das Vertrauen der Frau in die sittliche Ver-
    läßlichkeit ihres Mannes erschüttert hat, gibt sie ihr end-
    lich zu verstehen, daß sie selbst, Rebekka, bald das Haus
    verlassen wird, um die Folgen eines unerlaubten Verkehrs
    mit Rosmer zu verheimlichen. Der verbrecherische Plan ge-
    lingt. Die arme Frau, die für schwermütig und unzurech-
    nungsfähig gegolten hat, stürzt sich vom Mühlensteg herab
    ins Wasser, im Gefühle des eigenen Unwertes und um dem
    Glücke des geliebten Mannes nicht im Wege zu sein.

    Seit Jahr und Tag leben nun Rebekka und Rosmer allein
    auf Rosmersholm in einem Verhältnis, welches er für eine
    rein geistige und ideelle Freundschaft halten will. Als aber
    von außen her die ersten Schatten der Nachrede auf dieses

  • S.

    541

    Verhältnis fallen, und gleichzeitig quälende Zweifel in Ros-
    mer rege gemacht werden, aus welchen Motiven seine Frau
    in den Tod gegangen ist, bittet er Rebekka seine zweite Frau
    zu werden, um der traurigen Vergangenheit eine neue leben-
    dige Wirklichkeit entgegenstellen zu können. (Akt II.) Sie
    jubelt bei diesem Antrage einen Augenblick lang auf, aber
    schon im nächsten erklärt sie, es sei unmöglich, und wenn
    er weiter in sie dringe, werde sie „den Weg gehen, den Beate
    gegangen ist“. Verständnislos nimmt Rosmer diese Abweisung
    entgegen; noch unverständlicher ist sie aber für uns,
    die wir mehr von Rebekkas Tun und Absichten wissen.
    Wir dürfen bloß nicht daran zweifeln, daß ihr Nein ernst
    gemeint ist.

    Wie konnte es kommen, daß die Abenteurerin mit dem
    mutigen, freigeborenen Willen, die sich ohne jede Rücksicht
    den Weg zur Verwirklichung ihrer Wünsche gebahnt, nun
    nicht zugreifen will, da ihr angeboten wird, die Frucht des
    Erfolges zu pflücken? Sie gibt uns selbst die Aufklärung
    im vierten Akt: „Das ist doch eben das Furchtbare, jetzt,
    da alles Glück der Welt mir mit vollen Händen geboten
    wird, – jetzt bin ich eine solche geworden, daß meine eigene
    Vergangenheit mir den Weg zum Glück versperrt.“ Sie ist
    also eine andere geworden unterdes, ihr Gewissen ist er-
    wacht, sie hat ein Schuldbewußtsein bekommen, welches ihr
    den Genuß versagt.

    Und wodurch wurde ihr Gewissen geweckt? Hören wir
    sie selbst und überlegen wir dann, ob wir ihr voll Glauben
    schenken dürfen: „Es ist die Lebensanschauung des Hauses
    Rosmer – oder wenigstens deine Lebensanschauung, – die
    meinen Willen angesteckt hat. … Und ihn krank gemacht
    hat. Ihn geknechtet hat mit Gesetzen, die früher für mich

  • S.

    542

    nicht gegolten haben. Das Zusammenleben mit dir, – du,
    das hat meinen Sinn geadelt.“

    Dieser Einfluß, ist hinzuzunehmen, hat sich erst geltend
    gemacht, als sie mit Rosmer allein zusammenleben durfte;
    „– in Stille, – in Einsamkeit, – als du mir deine Ge-
    danken alle ohne Vorbehalt gabst, – eine jegliche Stim-
    mung, so weich und so fein wie du sie fühltest, – da trat
    die große Umwandlung ein.“

    Kurz vorher hatte sie die andere Seite dieser Wandlung
    beklagt: „Weil Rosmersholm mir die Kraft genommen hat,
    hier ist mein mutiger Wille gelähmt worden. Und verschan-
    delt! Für mich ist die Zeit vorbei, da ich alles und jedes
    wagen durfte. Ich habe die Energie zum Handeln verloren,
    Rosmer.“

    Diese Erklärung gibt Rebekka, nachdem sie sich durch
    ein freiwilliges Geständnis vor Rosmer und dem Rektor Kroll,
    dem Bruder der von ihr beseitigten Frau, als Verbrecherin
    bloßgestellt hat. Ibsen hat durch kleine Züge von meister-
    hafter Feinheit festgelegt, daß diese Rebekka nicht lügt,
    aber auch nie ganz aufrichtig ist. Wie sie trotz aller Freiheit
    von Vorurteilen ihr Alter um ein Jahr herabgesetzt hat, so
    ist auch ihr Geständnis vor den beiden Männern unvollstän-
    dig und wird durch das Drängen Krolls in einigen wesent-
    lichen Punkten ergänzt. Auch uns bleibt die Freiheit anzu-
    nehmen, daß die Aufklärung ihres Verzichts das eine nur
    preisgibt, um ein anderes zu verschweigen.

    Gewiß, wir haben keinen Grund, ihrer Aussage zu miß-
    trauen, daß die Luft auf Rosmersholm, ihr Umgang mit dem
    edlen Rosmer, veredelnd und – lähmend auf sie gewirkt hat.
    Sie sagt damit, was sie weiß und empfunden hat. Aber es
    brauchte nicht alles zu sein, was in ihr vorgegangen ist;

  • S.

    543

    auch ist es nicht notwendig, daß sie sich über alles Rechen-
    schaft geben konnte. Der Einfluß Rosmers konnte auch nur
    ein Deckmantel sein, hinter dem sich eine andere Wirkung
    verbirgt, und nach dieser anderen Richtung weist ein be-
    merkenswerter Zug.

    Noch nach ihrem Geständnis, in der letzten Unterredung,
    die das Stück beendet, bittet sie Rosmer nochmals, seine
    Frau zu werden. Er verzeiht ihr, was sie aus Liebe zu ihm
    verbrochen hat. Und nun antwortet sie nicht, was sie sollte,
    daß keine Verzeihung ihr das Schuldgefühl nehmen könne,
    das sie durch den tückischen Betrug an der armen Beate
    erworben, sondern sie belastet sich mit einem anderen Vor-
    wurf, der uns bei der Freidenkerin fremdartig berühren muß,
    keinesfalls die Stelle verdient, an die er von Rebekka gesetzt
    wird: „Ach, mein Freund, – komm nie wieder darauf! Es
    ist ein Ding der Unmöglichkeit –! Denn du mußt wissen,
    Rosmer, ich habe eine Vergangenheit.“ Sie will natürlich an-
    deuten, daß sie sexuelle Beziehungen zu einem anderen Manne
    gehabt hat, und wir wollen uns merken, daß ihr diese Bezie-
    hungen zu einer Zeit, da sie frei und niemandem verantwort-
    lich war, ein stärkeres Hindernis der Vereinigung mit Ros-
    mer dünken als ihr wirklich verbrecherisches Benehmen gegen
    seine Frau.

    Rosmer lehnt es ab, von dieser Vergangenheit zu hören.
    Wir können sie erraten, obwohl alles, was dahin weist, im
    Stücke sozusagen unterirdisch bleibt und aus Andeutungen
    erschlossen werden muß. Aus Andeutungen freilich, die mit
    solcher Kunst eingefügt sind, daß ein Mißverständnis der-
    selben unmöglich wird.

    Zwischen Rebekkas erster Ablehnung und ihrem Geständ-
    nis geht etwas vor, was von entscheidender Bedeutung für

  • S.

    544

    ihr weiteres Schicksal ist. Der Rektor Kroll besucht sie,
    um sie durch die Mitteilung zu demütigen, er wisse, daß sie
    ein illegitimes Kind sei, die Tochter eben jenes Doktors West,
    der sie nach dem Tode ihrer Mutter adoptiert hat. Der Haß
    hat seinen Spürsinn geschärft, aber er meint nicht, ihr damit
    etwas Neues zu sagen. „In der Tat, ich meinte, Sie wüßten
    ganz genau Bescheid. Es wäre doch sonst recht merkwürdig
    gewesen, daß Sie sich von Doktor West adoptieren ließen —.“
    „Und da nimmt er Sie zu sich — gleich nach dem Tode
    Ihrer Mutter. Er behandelt Sie hart. Und doch bleiben Sie
    bei ihm. Sie wissen, daß er Ihnen nicht einen Pfennig hin-
    terlassen wird. Sie haben ja auch nur eine Kiste Bücher
    bekommen. Und doch halten Sie bei ihm aus. Ertragen seine
    Launen. Pflegen ihn bis zum letzten Augenblick.“ — „Was
    Sie für ihn getan haben, das leite ich aus dem natürlichen
    Instinkt der Tochter her. Ihr ganzes übriges Auftreten halte
    ich für ein natürliches Ergebnis Ihrer Herkunft.“

    Aber Kroll war im Irrtum. Rebekka hatte nichts da-
    von gewußt, daß sie die Tochter des Doktors West sein sollte.
    Als Kroll mit dunklen Anspielungen auf ihre Vergangenheit
    begann, mußte sie annehmen, er meine etwas anderes. Nach-
    dem sie begriffen hat, worauf er sich bezieht, kann sie noch
    eine Weile ihre Fassung bewahren, denn sie darf glauben,
    daß ihr Feind seiner Berechnung jenes Alter zugrunde gelegt
    hat, das sie ihm bei einem früheren Besuche fälschlich an-
    gegeben. Aber nachdem Kroll diese Einwendung siegreich
    zurückgewiesen: „Mag sein. Aber die Rechnung mag den-
    noch richtig sein, denn ein Jahr, ehe er angestellt wurde,
    ist West dort oben vorübergehend zu Besuch gewesen“, nach
    dieser neuen Mitteilung verliert sie jeden Halt. „Das ist
    nicht wahr.“ — Sie geht umher und ringt die Hände: „Es

  • S.

    545

    ist unmöglich. Sie wollen mir das bloß einreden. Das kann
    ja nun und nimmermehr wahr sein. Kann nicht wahr sein!
    Nun und nimmermehr —!« Ihre Ergriffenheit ist so arg,
    daß Kroll sie nicht auf seine Mitteilung zurückzuführen
    vermag.

    Kroll: „Aber, meine Liebe, — warum um Gottes
    willen, werden Sie denn so heftig? Sie machen mir ge-
    radezu Angst? Was soll ich glauben und denken —!«

    Rebekka: „Nichts. Sie sollen weder etwas glau-
    ben noch etwas denken.“

    Kroll: „Dann müßten Sie mir aber wirklich er-
    klären, warum Sie sich diese Sache — diese Möglichkeit
    so zu Herzen nehmen.“

    Rebekka (faßt sich wieder): „Das ist doch sehr
    einfach, Herr Rektor. Ich habe doch keine Lust, für
    ein uneheliches Kind zu gelten.“

    Das Rätsel im Benehmen Rebekkas läßt nur eine Lösung
    zu. Die Mitteilung, daß Doktor West ihr Vater sein kann,
    ist der schwerste Schlag, der sie betreffen konnte, denn sie
    war nicht nur die Adoptivtochter, sondern auch die Geliebte
    dieses Mannes. Als Kroll seine Reden begann, meinte sie,
    er wolle auf diese Beziehungen anspielen, die sie wahrschein-
    lich unter Berufung auf ihre Freiheit einbekannt hätte. Aber
    das lag dem Rektor ferne; er wußte nichts von dem Liebes-
    verhältnis mit Doktor West, wie sie nichts von dessen Vater-
    schaft. Nichts anderes als dieses Liebesverhältnis kann sie
    im Sinne haben, wenn sie bei der letzten Weigerung gegen
    Rosmer vorschützt, sie habe eine Vergangenheit, die sie un-
    würdig mache, seine Frau zu werden. Wahrscheinlich hätte
    sie Rosmer, wenn er gewollt hätte, auch nur die eine Hälfte
    Freud, Neurosenlehre. IV.

  • S.

    546

    ihres Geheimnisses mitgeteilt und den schweren Anteil des-
    selben verschwiegen.

    Aber nun verstehen wir freilich, daß diese Vergangen-
    heit ihr als das schwerere Hindernis der Eheschließung er-
    scheint, als das schwerere – Verbrechen.

    Nachdem sie erfahren hat, daß sie die Geliebte ihres-
    eigenen Vaters gewesen ist, unterwirft sie sich ihrem jetzt-
    übermächtig hervorbrechenden Schuldgefühl. Sie legt vor-
    Rosmer und Kroll das Geständnis ab, durch das sie sich-
    zur Mörderin stempelt, verzichtet endgültig auf das Glück,-
    zu dem sie sich durch Verbrechen den Weg gebahnt hatte,-
    und rüstet zur Abreise. Aber das eigentliche Motiv ihres-
    Schuldbewußtseins, welches sie am Erfolg scheitern läßt, bleibt-
    geheim. Wir haben gesehen, es ist noch etwas ganz anderes-
    als die Atmosphäre von Rosmersholm und der sittigende Ein-
    fluß Rosmers.

    Wer uns soweit gefolgt ist, wird jetzt nicht versäumen,-
    einen Einwand vorzubringen, der dann manchen Zweifel recht-
    fertigen kann. Die erste Abweisung Rosmers durch Rebekka-
    erfolgt ja vor dem zweiten Besuch Krolls, also vor seiner-
    Aufdeckung ihrer unehelichen Geburt, und zu einer Zeit, da-
    sie um ihren Inzest noch nichts weiß, – wenn wir den-
    Dichter richtig verstanden haben. Doch ist diese Abweisung-
    energisch und ernst gemeint. Das Schuldbewußtsein, das sie-
    auf den Gewinn aus ihren Taten verzichten heißt, ist also-
    schon vor ihrer Kenntnis um ihr Kapitalverbrechen wirksam,-
    und wenn wir soviel zugeben, dann ist der Inzest als Quelle des-
    Schuldbewußtseins vielleicht überhaupt zu streichen.

    Wir haben bisher Rebekka West behandelt, als wäre sie-
    eine lebende Person und nicht eine Schöpfung der von dem-
    kritischesten Verstand geleiteten Phantasie des Dichters

  • S.

    547

    Ibsen. Wir dürfen versuchen, bei der Erledigung dieses Ein-
    wands denselben Standpunkt festzuhalten. Der Einwand ist
    gut, ein Stück Gewissen war auch vor der Kenntnis des Inzests
    bei Rebekka erwacht. Es steht nichts im Wege, für diese
    Wandlung den Einfluß verantwortlich zu machen, den Re-
    bekka selbst anerkennt und anklagt. Aber damit kommen
    wir von der Anerkennung des zweiten Motivs nicht frei. Das
    Benehmen Rebekkas bei der Mitteilung des Rektors, ihre un-
    mittelbar darauffolgende Reaktion durch das Geständnis lassen
    keinen Zweifel daran, daß erst jetzt das stärkere und das
    entscheidende Motiv des Verzichts in Wirkung tritt. Es liegt
    eben ein Fall von mehrfacher Motivierung vor, bei dem hinter
    dem oberflächlicheren Motiv ein tieferes zum Vorschein kommt.
    Gebote der poetischen Ökonomie hießen den Fall so gestalten,
    denn dies tiefere Motiv sollte nicht laut erörtert werden,
    es mußte gedeckt bleiben, der bequemen Wahrnehmung des
    Zuhörers im Theater oder des Lesers entzogen, sonst hätten sich
    bei diesem schwere Widerstände erhoben, auf die peinlich-
    sten Gefühle begründet, welche die Wirkung des Schauspiels
    in Frage stellen können.

    Mit Recht dürfen wir aber verlangen, daß das vorge-
    schobene Motiv nicht ohne inneren Zusammenhang mit dem
    von ihm gedeckten sei, sondern sich als eine Milderung und
    Ableitung aus dem letzteren erweise. Und wenn wir dem
    Dichter zutrauen dürfen, daß seine bewußte poetische Kom-
    bination folgerichtig aus unbewußten Voraussetzungen hervor-
    gegangen ist, so können wir auch den Versuch machen zu
    zeigen, daß er diese Forderung erfüllt hat. Rebekkas Schuld-
    bewußtsein entspringt aus der Quelle des Inzestvorwurfs, noch
    ehe der Rektor ihr diesen mit analytischer Schärfe zum Be-
    wußtsein gebracht hat. Wenn wir ausführend und ergänzend

  • S.

    548

    ihre vom Dichter angedeutete Vergangenheit rekonstruieren,
    so werden wir sagen, sie kann nicht ohne Ahnung der in-
    timen Beziehung zwischen ihrer Mutter und dem Doktor
    West gewesen sein. Es muß ihr einen großen Eindruck ge-
    macht haben, als sie die Nachfolgerin der Mutter bei diesem
    Manne wurde, und sie stand unter der Herrschaft des
    Ödipuskomplexes, auch wenn sie nicht wußte, daß diese all-
    gemeine Phantasie in ihrem Falle zur Wirklichkeit geworden
    war. Als sie nach Rosmersholm kam, trieb sie die innere
    Gewalt jenes ersten Erlebnisses dazu an, durch tatkräftiges
    Handeln dieselbe Situation herbeizuführen, die sich das erste-
    mal ohne ihr Dazutun verwirklicht hatte, die Frau und
    Mutter zu beseitigen, um beim Manne und Vater ihre Stelle
    einzunehmen. Sie schildert mit überzeugender Eindringlich-
    keit, wie sie gegen ihren Willen genötigt wurde, Schritt um
    Schritt zur Beseitigung Beatens zu tun.

    „Aber glaubt Ihr denn, ich ging und handelte mit
    kühler Überlegung! Damals war ich doch nicht, was ich
    heute bin, wo ich vor Euch stehe und erzähle. Und dann
    gibt es doch auch, sollte ich meinen, zwei Arten Wil-
    len in einem Menschen. Ich wollte Beate weg haben!
    Auf irgend eine Art. Aber ich glaubte doch nicht, es
    würde jemals dahin kommen. Bei jedem Schritt, den es
    mich reizte, vorwärts zu wagen, war es mir, als schrie
    etwas in mir: Nun nicht weiter! Keinen Schritt mehr!
    – Und doch konnte ich es nicht lassen. Ich mußte noch
    ein winziges Spürchen weiter. Und noch ein einziges
    Spürchen. Und dann noch eins – und immer noch eins
    –. Und so ist es geschehen. – Auf diese Weise geht
    so etwas vor sich.“

  • S.

    549

    Das ist nicht Beschönigung, sondern wahrhafte Rechen-
    schaft. Alles, was auf Rosmersholm mit ihr vorging, die Ver-
    liebtheit in Rosmer und die Feindseligkeit gegen seine Frau,
    war bereits Erfolg des Ödipuskomplexes, erzwungene Nach-
    bildung ihres Verhältnisses zu ihrer Mutter und zu Dok-
    tor West.

    Und darum ist das Schuldgefühl, das sie zuerst die
    Werbung Rosmers abweisen läßt, im Grunde nicht ver-
    schieden von jenem größeren, das sie nach der Mitteilung
    Krolls zum Geständnis zwingt. Wie sie aber unter dem Ein-
    fluß des Doktors West zur Freidenkerin und Verächterin der
    religiösen Moral geworden war, so wandelte sie sie sich durch
    die neue Liebe zu Rosmer zum Gewissens- und Adelsmenschen.
    Soviel verstand sie selbst von ihren inneren Vorgängen, und
    darum durfte sie mit Recht den Einfluß Rosmers als das
    ihr zugänglich gewordene Motiv ihrer Änderung bezeichnen.

    Der psychoanalytisch arbeitende Arzt weiß, wie häufig
    oder wie regelmäßig das Mädchen, welches als Dienerin, Ge-
    sellschaftlerin, Erzieherin in ein Haus eintritt, dort bewußt
    oder unbewußt am Tagtraum spinnt, dessen Inhalt dem Ödipus-
    komplex entnommen ist, daß die Frau des Hauses irgendwie
    wegfallen und der Herr an deren Stelle sie zur Frau nehmen
    wird. „Rosmersholm“ ist das höchste Kunstwerk der Gat-
    tung, welche diese alltägliche Phantasie der Mädchen be-
    handelt. Es wird eine tragische Dichtung durch den Zusatz,
    daß dem Tagtraum der Heldin die ganz entsprechende Wirk-
    lichkeit in ihrer Vorgeschichte vorausgegangen ist.*)

    *)Der Nachweis des Inzestthemas in „Rosmersholm“ ist bereits mit
    denselben Mitteln wie hier, in dem überaus reichhaltigen Werke von
    O. Rank, Das Inzest-Motiv in Dichtung und Sage, 1912, erbracht worden.

  • S.

    550

    Nach langem Aufenthalte bei der Dichtung kehren wir
    nun zur ärztlichen Erfahrung zurück. Aber nur, um mit we-
    nigen Worten die volle Übereinstimmung beider festzustellen.
    Die psychoanalytische Arbeit lehrt, daß die Gewissenskräfte,
    welche am Erfolg erkranken lassen anstatt wie sonst an der
    Versagung, in intimer Weise mit dem Ödipuskomplex zu
    sammenhängen, mit dem Verhältnis zu Vater und Mutter,
    wie vielleicht unser Schuldbewußtsein überhaupt.

    III.

    DIE VERBRECHER AUS SCHULDBEWUSSTSEIN.

    In den Mitteilungen über ihre Jugend, besonders über
    die Jahre der Vorpubertät, haben mir oft später sehr an-
    ständige Personen von unerlaubten Handlungen berichtet, die
    sie sich damals hatten zu Schulden kommen lassen, von Dieb-
    stählen, Betrügereien und selbst Brandstiftungen. Ich pflegte
    über diese Angaben mit der Auskunft hinwegzugehen, daß
    die Schwäche der moralischen Hemmungen in dieser Lebens-
    zeit bekannt sei, und versuchte nicht, sie in einen bedeut-
    sameren Zusammenhang einzureihen. Aber endlich wurde ich
    durch grelle und günstigere Fälle, bei denen solche Vergehen
    begangen wurden, während die Kranken sich in meiner Be-
    handlung befanden, und wo es sich um Personen jenseits
    jener jungen Jahre handelte, zum gründlicheren Studium sol-
    cher Vorfälle aufgefordert. Die analytische Arbeit brachte
    dann das überraschende Ergebnis, daß solche Taten vor allem
    darum vollzogen wurden, weil sie verboten und weil mit ihrer
    Ausführung eine seelische Erleichterung für den Täter ver-
    bunden war. Er litt an einem drückenden Schuldbewußtsein
    unbekannter Herkunft, und nachdem er ein Vergehen began-

  • S.

    551

    gen hatte, war der Druck gemildert. Das Schuldbewußtsein
    war wenigstens irgendwie untergebracht.

    So paradox es klingen mag, ich muß behaupten, daß das
    Schuldbewußtsein früher da war als das Vergehen, daß es
    nicht aus diesem hervorging, sondern umgekehrt, das Ver-
    gehen aus dem Schuldbewußtsein. Diese Personen durfte man
    mit gutem Recht als Verbrecher aus Schuldbewußtsein be-
    zeichnen. Die Präexistenz des Schuldgefühls hatte sich natür-
    lich durch eine ganze Reihe von anderen Äußerungen und Wir-
    kungen nachweisen lassen.

    Die Feststellung eines Kuriosums setzt der wissenschaft-
    lichen Arbeit aber kein Ziel. Es sind zwei weitere Fragen zu
    beantworten, woher das dunkle Schuldgefühl vor der Tat
    stammt, und ob es wahrscheinlich ist, daß eine solche Art
    der Verursachung an den Verbrechen der Menschen einen
    größeren Anteil hat.

    Die Verfolgung der ersten Frage versprach eine Aus-
    kunft über die Quelle des menschlichen Schuldgefühls über-
    haupt. Das regelmäßige Ergebnis der analytischen Arbeit lau-
    tete, daß dieses dunkle Schuldgefühl aus dem Ödipuskomplex
    stamme, eine Reaktion sei auf die beiden großen verbreche-
    rischen Absichten, den Vater zu töten und mit der Mutter
    sexuell zu verkehren. Im Vergleich mit diesen beiden waren
    allerdings die zur Fixierung des Schuldgefühls begangenen
    Verbrechen Erleichterungen für den Gequälten. Man muß sich
    hier daran erinnern, daß Vatermord und Mutterinzest die bei-
    den großen Verbrechen der Menschen sind, die einzigen, die
    in primitiven Gesellschaften als solche verfolgt und verab-
    scheut werden. Auch daran, wie nahe wir durch andere Unter-
    suchungen der Annahme gekommen sind, daß die Menschheit

  • S.

    552

    ihr Gewissen, das nun als vererbte Seelenmacht auftritt, am
    Ödipuskomplex erworben hat.

    Die Beantwortung der zweiten Frage geht über die
    psychoanalytische Arbeit hinaus. Bei Kindern kann man ohne
    weiters beobachten, daß sie „schlimm“ werden, um Strafe
    zu provozieren, und nach der Bestrafung beruhigt und zu-
    frieden sind. Eine spätere analytische Untersuchung führt
    oft auf die Spur des Schuldgefühls, welches sie die Strafe
    suchen hieß. Von den erwachsenen Verbrechern muß man wohl
    alle die abziehen, die ohne Schuldgefühl Verbrechen begehen,
    die entweder keine moralischen Hemmungen entwickelt haben
    oder sich im Kampf mit der Gesellschaft zu ihrem Tun be-
    rechtigt glauben. Aber bei der Mehrzahl der anderen Ver-
    brecher, bei denen, für die die Strafsatzungen eigentlich ge-
    macht sind, könnte eine solche Motivierung des Verbrechens
    sehr wohl in Betracht kommen, manche dunkle Punkte in der
    Psychologie des Verbrechers erhellen, und der Strafe eine
    neue psychologische Fundierung geben.

    Ein Freund hat mich dann darauf aufmerksam gemacht,
    daß der „Verbrecher aus Schuldgefühl“ auch Nietzsche be-
    kannt war. Die Präexistenz des Schuldgefühls und die Ver-
    wendung der Tat zur Rationalisierung desselben schimmern
    uns aus den dunklen Reden Zarathustras „Über den blei-
    chen Verbrecher“ entgegen. Überlassen wir es zukünftiger For-
    schung zu entscheiden, wie viele von den Verbrechern zu diesen
    „bleichen“ zu rechnen sind.