• S.

    Bellevue 15Sept95

    Theure Freunde und Gastgeber!

    Es thut für einen Abschied gut, wenn man
    gleich darauf in andere Verhältniße
    kom̄t, die etwas zu thun geben. So
    lobte ich es sehr, daß ich mich in Corsica
    zurechtzufinden hatte, mich hüten mußte
    Pelasger und Phokaeer zu verwechseln,
    u bestrebt war das etwas monotone
    Heldentum der Herren Corsen durch all
    seine zahlreichen Incarnationen mit indiv-
    iduellen Zügen ausgestattet zu halten.

    Es gab zwar Hinderniße genug für diese
    Geistesarbeit, Seitenassociationen störten
    mich beständig in der Aufmerksamkeit
    u bei den Phokaeern z. B. stellte sich
    die unüberwindliche, noch heute
    nicht genügend aufgeklärte Neigung
    ein, sie für „Seehunde" zu halten.
    Ein nasales Symptom wahrscheinlich.
    Dazwischen forderte die Umgebung
    ihr Recht. Wir hatten Alle in Betreff
    des grünen Jägers eine leichtfertige
    Vorhersage angenom̄en; er blieb
    bis Oberhollabrunn ein

     

     

  • S.

    [2]

    treuer Zellengenosse und verrieth allerlei
    über seinen „Alten",  den Herzog Günther
    von Schl-Holstein, den er zur Jagd
    nach Österreich begleitete. Ich sah den
    „Alten" später, als einen unsympathischen
    hochgewachsenen u gebückten Jüngling
    mit struppigem gelbem Bart. Die
    interessanteste Figur der Gesellschaft
    war aber der zudritt eingestiegene
    Passagier, der im Stande gewesen
    wäre auch das Urtheil eines Nothnagel
    in Betreff der Unarten der Juden
    zu modificiren. Er vor bezeugte  vor
    allem seinen Urculturzustand u
    Bildungsgrad, indem er mit der Angabe,
    es „ziehe", beide Fenster schließen
    wollte. Mein Protest erhielt mit
    Mühe das obere Drittel des
    Fensters auf meiner Seite offen.
    Trotzdem mußte mein Platz ihm
    gefallen haben, denn er saß plötzlich
    dort, bis ich eine günstige Gelegenheit
    erhaschend ohne ein Wort der Erklärg
    mich wieder an die Stelle brachte.

     

     

  • S.

    [3]


    Als ich dan̄ einmal nach meinen Paketen
    griff u eine Lebensmittelausstellung
    bloslegte, die freilich geeignet war,
    Neid zu erwecken, brach er – ohne
    daß wir einander vorgestellt waren –
    in den schmerzhaften Ausruf aus:
    Ja freilich, wen̄ man von Haus kom̄t,
    hat man's gut. Da kan̄ man sich mit-
    nehmen, was man will." Ich sah ihn
    blos verächtlich an, blieb aber nicht
    ungerührt durch die Huldigg für meine
    Wirtin, die in seinem Irrtum ent-
    halten war. Der Vorrat reichte that-
    sächlich für zwei Malzeiten, Abendessen
    u Frühstück u manche Reste ließ ich
    noch auf dem Bahnhof zurück.

    Kurz vor Tetschen öffnete ich meinen
    Koffer, um mir Papier herauszusuchen
    den̄ es war zu finster zum Lesen, zu
    früh zum Schlafen u ich gedachte einen
    ersten Entwurf der Psychologie, so gut
    es ging, niederzuschreiben. Beim Kramen
    im Koffer – was unter lebhaftester Auf-

     

  • S.

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    merksamkeit des Herrn Nachbarn geschah –
    fiel mir etwas unbekan̄tes Hartes
    in die Hände, ein Buch, das ich nicht
    unterzubringen wußte, und bei weiterem
    Tasten ahnten mir weitere Entdeckungen.
    Die Besorgniß tauchte in mir auf, ich
    würde nicht mit ruhigem Gewissen
    dem „Finanzer" sagen können: Es
    gehört alles mir"; und es dauerte
    eine Weile, bis sich mir das Verständ-
    niß für diese Funde aus der Annahm
    einer hereditären Schmuggelanlage
    ergab. Unterdeß muß ich ein recht
    hilfloses Gesicht gemacht haben, den̄
    der Nachbar sagte plötzlich: Behalten
    Sie das Buch doch in der Hand, dan̄
    wird er meinen, Sie lesen darin."
    Das war mir zuviel, ich zog nicht
    die Nothleine um den Zug halten
    u meinen Dank durch
    zu lassen den Conducteur ausdrücken zu
    lassen, wie die Miss Mix in der

     

  • S.

    [5]

    lustigen Novelle von Hevesi, sondern dankte direkt und versicherte ihm, ich sei gar nicht in Verlegenheit. Von da an hatte ich Ruhe.

    Er mußte das freigewordene Interesse dem „Alten" zuwenden, wenn dieser auf einer Station sichtbar wurde. „Er ist gegangen, sich ein Glas Bier kaufen für sechs Kreuzer", rief er einmal aus. Ein Herzog – und ein Glas Bier für sechs Kreuzer; er litt offenbar unter diesem Kontrast. Es konnte sich auf der Reise seitdem nichts Bemerkenswertes mehr ereignen.

    Minna, die in der Stadt mein Gepäck aus seiner Ordnung zu bringen versuchte, behauptete, ich könnte es nicht selbst eingepackt haben. Ich erinnerte mich, daß sie recht hatte. Zu Mittag, nachdem ich gebadet und meine ärztliche Tätigkeit eingeweiht hatte, war ich dann auf Bellevue 

  • S.

    und fand Frau und Kinder umfangreich und wohlgenährt aussehend vor. Seitdem genieße ich noch den letzten Rest der schönen Ferienzeit in eitel Glück, unterbrochen durch üppige Eiterung. Ein liebes Telegramm am Nachmittag erschien dann wie eine Bestätigung meiner Erzählungen aus Berlin.

    Ich grüße und danke Euch herzlich. Nächstens ein vernünftiger Brief.
    Sigm