Die Traumdeutung1900-001/1914
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    26*

    VII.

    Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von Seite anderer
    erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz besonderen
    Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von einer Patientin
    erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über den Traum
    kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir unbekannt ge-
    blieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt Eindruck ge-
    macht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn „nachzuträumen“, d. h.
    Elemente des Traumes in einem eigenen Traume zu wiederholen, um
    durch diese Übertragung eine Übereinstimmung in einem bestimmten
    Punkte auszudrücken.

    Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind fol-
    gende: Ein Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines
    Kindes gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem
    Nebenzimmer zur Ruhe, läßt aber die Tür geöffnet, um aus seinem
    Schlafraume in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes auf-
    gebahrt liegt, von großen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur
    Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd.
    Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater, daß das Kind an
    seinem Bette steht, ihn am Arme faßt und ihm vorwurfsvoll
    zuraunt: „Vater, siehst du denn nicht, daß ich verbrenne?“
    Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der aus dem Leichen-
    zimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter eingeschlummert,
    die Hüllen und einen Arm der teuren Leiche verbrannt durch eine
    Kerze, die brennend auf sie gefallen war.

    Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und
    wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt,
    richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende
    Tür ins Auge des Schlafenden und regte denselben Schluß bei ihm
    an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen einer
    Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche entstanden. Vielleicht hatte
    selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinübergenommen,
    daß der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen sein dürfte.
    Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei
    denn, daß wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes
    müsse überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammen-

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    gesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater
    wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an
    das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst
    du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affektreiche
    Gelegenheit.

    Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zu-
    sammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang er-
    kannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter solchen
    Verhältnissen überhaupt ein Traum zu stande kam, wo das rascheste
    Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam, daß auch
    dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im Traume be-
    nimmt sich das tote Kind wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater,
    kommt an sein Bett und zieht ihn am Arme, wie es wahrscheinlich
    in jener Erinnerung tat, aus welcher der Traum das erste Stück der
    Rede des Kindes geholt hat. Dieser Wunscherfüllung zuliebe hat
    der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment verlängert. Der Traum
    erhielt das Vorrecht vor der Überlegung im Wachen, weil er das
    Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst er-
    wacht und hätte dann den Schluß gezogen, der ihn ins Leichen-
    zimmer führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen
    einen Moment verkürzt.

    Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentüm-
    lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns
    bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der
    Träume besteht, auf welchem Wege derselbe gefunden wird und
    welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen.
    Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte
    unseres Blickfeldes. Und nun stoßen wir auf diesen Traum, welcher
    der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben ist,
    und werden aufmerksam, daß dieser Traum noch immer die wesent-
    lichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von unserem
    wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Erklärung rege
    macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die Deutungsarbeit
    angeht, können wir erst merken, wie unvollständig unsere Psycho-
    logie des Traumes geblieben ist.

    Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein-
    schlagen, wollen wir haltmachen und zurückschauen, ob wir auf
    unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen
    haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, daß die bequeme
    und behagliche Strecke unseres Weges hinten uns liegt. Bisher haben
    alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, ins Lichte,
    zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von dem Moment
    an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen
    wollen, werden alle Pfade ins Dunkel münden. Wir können es un-
    möglich dahin bringen, den Traum als psychischen Vorgang auf-
    zuklären, denn erklären heißt auf Bekanntes zurückführen, und es

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    Das Vergessen der Träume.

    gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir unterordnen
    könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der Träume als
    Erklärungsgrund erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil genötigt
    sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau des
    seelischen Apparates und das Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit Ver-
    mutungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu weit
    über die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr
    Wert sich ins Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen Fehler
    im Schließen begehen und alle logisch sich ergebenden Möglichkeiten
    in Rechnung ziehen, droht uns die wahrscheinliche Unvollständigkeit
    im Ansatz der Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rech-
    nung. Einen Aufschluß über die Konstruktion und Arbeitsweise des
    Seeleninstrumentes wird man durch die sorgfältigste Untersuchung
    des Traumes oder einer anderen vereinzelten Leistung nicht ge-
    winnen oder wenigstens nicht begründen können, sondern wird zu
    diesem Zwecke zusammentragen müssen, was sich bei dem ver-
    gleichenden Studium einer ganzen Reihe von psychischen Leistungen
    als konstant erforderlich herausstellt. So werden die psychologischen
    Annahmen, die wir aus der Analyse der Traumvorgänge schöpfen,
    gleichsam an einer Haltestelle warten müssen, bis sie den Anschluß
    an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden haben, die von
    einem anderen Angriffspunkte her zum Kerne des nämlichen Pro-
    blems vordringen wollen.

    a) Das Vergessen der Träume.

    Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus
    dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet
    scheinen könnte, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Bo-
    den zu entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten wor-
    den, daß wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht
    kennen, richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu kennen,
    wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. p. 34). Was wir vom Traume
    erinnern, und woran wir unsere Deutungskünste üben, das ist erstens
    verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches in
    ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig
    scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines
    Inhaltes eingebüßt. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren
    Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlaßt, daß
    wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr wissen
    als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich
    unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere
    Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch ungetreu
    und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln
    kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend und ver-
    schwommen war, wie wir’s im Gedächtnisse haben, so läßt sich

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    andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammenhängend
    gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuche der Re-
    produktion nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene Lücken
    mit willkürlich gewähltem neuen Material ausfüllen, den Traum aus-
    schmücken, abrunden, zurichten, so daß jedes Urteil unmöglich wird,
    was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja bei mehreren
    Autoren (Spitta, Foucault, Tannery) haben wir die Mutmaßung
    gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, über-
    haupt erst bei dem Versuche, sich den Traum zurückzurufen, in
    ihn hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, daß man uns den
    Gegenstand selbst aus der Hand winde, dessen Wert zu bestimmen
    wir unternommen haben.

    Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen
    überhört. Ja wir haben im Gegenteil in den kleinsten, unscheinbarsten
    und unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes die Aufforderung
    zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, als in dessen deut-
    lich und sicher erhaltenen. Im Traume von Irmas Injektion hieß es:
    Ich rufe schnell den Doktor M. herbei, und wir nahmen an, auch
    dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht
    eine besondere Ableitung zuließe. So kamen wir zur Geschichte
    jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich „schnell“ den älteren
    Kollegen berief. In dem scheinbar absurden Traume, der den Unter-
    schied von 51 und 56 als quantité négligeable behandelt, war die
    Zahl 51 mehrmals erwähnt. Anstatt dies selbstverständlich oder
    gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen zweiten Gedanken-
    gang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur Zahl 51 hin-
    führt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte uns zu Befürch-
    tungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten
    Gegensatz zu einem dominierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit
    den Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume „Non vixit“ fand
    ich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die
    Stelle: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich Fl. etc.“ Als
    dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte zurück und fand
    von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traum-
    gedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies
    mittels der Zeilen des Dichters:

    Selten habt Ihr mich verstanden,
    Selten auch verstand ich Euch,
    Nur wenn wir im Kot uns fanden,
    So verstanden wir uns gleich!

    Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
    geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind,
    und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die
    Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung
    haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen Aus-
     

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    druckes geschenkt, in welchem der Traum uns vor-
    ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, als ob
    es der Anstrengung nicht gelungen wäre, den Traum in die richtige
    Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mängel des Ausdruckes
    respektiert. Kurz, was nach der Meinung der Autoren eine willkür-
    liche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Improvisation sein
    soll, das haben wir behandelt wie einen heiligen Text. Dieser Wider-
    spruch bedarf der Aufklärung.

    Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Un-
    recht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Einsichten
    über die Entstehung des Traumes vereinigen sich die Widersprüche
    ohne Rest. Es ist richtig, daß wir den Traum beim Versuche der
    Reproduktion entstellen; wir finden darin wieder, was wir als die
    sekundäre und oft mißverständliche Bearbeitung des Traumes durch
    die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber diese Ent-
    stellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Bearbeitung, wel-
    cher die Traumgedanken gesetzmäßig infolge der Traumzensur unter
    liegen. Die Autoren haben hier das manifest arbeitende Stück der
    Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns verschlägt es wenig, da
    wir wissen, daß eine weit ausgiebigere Entstellungsarbeit, minder
    leicht faßbar, den Traum bereits von den verborgenen Traumgedanken
    an zum Objekt erkoren hat. Die Autoren irren nur darin, daß sie die
    Modifikation des Traumes bei seinem Erinnern und In-Worte-Fassen
    für willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für ge-
    eignet halten, uns in der Erkenntnis des Traumes irrezuleiten. Sie
    unterschätzen die Determinierung im Psychischen. Es gibt da nichts
    Willkürliches. Es läßt sich ganz allgemein zeigen, daß ein zweiter Ge-
    dankenzug sofort die Bestimmung des Elementes übernimmt, welches
    vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz will-
    kürlich eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl,
    die mir einfällt, ist durch Gedanken in mir, die meinem momentanen
    Vorsatz fernstehen mögen, eindeutig und notwendig bestimmt*).
    Ebensowenig willkürlich sind die Veränderungen, die der Traum
    bei der Redaktion des Wachens erfährt. Sie bleiben in assoziativer
    Verknüpfung mit dem Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und
    dienen dazu, uns den Weg zu diesem Inhalt zu zeigen, der selbst
    wieder der Ersatz eines anderen sein mag.

    Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe
    auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der
    Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte
    ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten mit
    den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den Ausdruck
    verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen der Traum-
     


    *)Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. 1. Aufl., 1901 u. 1904,
    4. Aufl., 1912.

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    verkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie Hagen
    das gestickte Zeichen an Siegfrieds Gewand. Dort kann die Traum-
    deutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Aufforderung ge-
    warnt worden, daß ich besondere Mühe zur Lösung des Traumes an-
    zuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem Drange des Wider-
    standes, die schwachen Stellen der Traumverkleidung, indem er einen
    verräterischen Ausdruck durch einen ferner abliegenden ersetzt. Er
    macht mich so auf den von ihm fallengelassenen Ausdruck aufmerk-
    sam. Aus der Mühe, mit der die Traumlösung verteidigt wird, darf
    ich auch auf die Sorgfalt schließen, die dem Traume sein Gewand
    gewoben hat.

    Minder recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit
    dem unser Urteil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum
    machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellektuellen Gewähr;
    unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und doch unter-
    liegen wir viel öfter, als objektiv gerechtfertigt ist, dem Zwange,
    seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der richtigen
    Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten ist wieder nur
    ein Abkömmling der Traumzensur, des Widerstandes gegen das Durch-
    dringen der Traumgedanken zum Bewußtsein. Dieser Widerstand hat
    sich mit den von ihm durchgesetzten Verschiebungen und Ersetzungen
    nicht immer erschöpft, er heftet sich dann noch an das Durchgelassene
    als Zweifel. Wir verkennen diesen Zweifel um so leichter, als er die
    Vorsicht gebraucht, niemals intensive Elemente des Traumes anzu-
    greifen, sondern bloß schwache und undeutliche. Wir wissen aber
    jetzt bereits, daß zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige
    Umwertung aller psychischen Werte stattgefunden hat; die Ent-
    stellung war nur möglich durch Wertentziehung, sie äußert sich
    regelmäßig darin und begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu einem
    undeutlichen Element des Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt,
    so können wir dem Fingerzeig folgend in diesem einen direkteren
    Abkömmling eines der verfemten Traumgedanken erkennen. Es ist
    damit wie nach einer großen Umwälzung in einer der Republiken
    des Altertums oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen
    und mächtigen Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen
    mit Emporkömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch
    ganz verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
    Gestürzten. Aber auch diese genießen nicht die vollen Bürgerrechte,
    sie werden mißtrauisch überwacht. An der Stelle des Mißtrauens im
    Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum bei
    der Analyse eines Traumes, daß man sich von der ganzen Skala der
    Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, daß etwas
    der oder jener Art im Traume vorgekommen sei, behandle wie die
    volle Gewißheit. Solange jemand bei der Verfolgung eines Traum-
    elementes sich nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht entschlossen,
    solange stockt hier die Analyse. Die Geringschätzung für das be--

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    treffende Element hat bei dem Analysierten die psychische Wirkung,
    daß ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter demselben nichts
    einfällen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht selbstverständlich;
    es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte: Ob dies oder jenes
    im Traume enthalten war, weiß ich nicht sicher; es fällt mir aber
    dazu folgendes ein. Niemals sagt er so und gerade diese die Analyse
    störende Wirkung des Zweifels läßt ihn als einen Abkömmling und
    als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. Die Psycho-
    analyse ist mit Recht mißtrauisch. Eine ihrer Regeln lautet: Was
    immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand.

    Auch das Vergessen der Träume bleibt solange unergründlich,
    als man nicht die Macht der psychischen Zensur zu seiner Erklärung
    mitheranzieht. Die Empfindung, daß man in einer Nacht sehr viel
    geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe von
    Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, daß die Traumarbeit die
    Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den einen
    kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Tatsache, daß man
    den Traum nach dem Erwachen fortschreitend vergißt, ein Zweifel
    nicht möglich. Man vergißt ihn oft trotz peinlicher Bemühungen, ihn
    zu merken. Ich meine aber, so wie man in der Regel den Umfang
    dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man auch die mit der
    Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbuße an seiner Kennt-
    nis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann
    man oft durch die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in
    einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem einzelnen stehen-
    gebliebenen Brocken aus zwar nicht den Traum – aber an dem
    liegt ja auch nichts – doch die Traumgedanken alle auffinden. Es
    verlangt einen größeren Aufwand an Aufmerksamkeit und Selbst-
    überwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch an, daß
    das Vergessen des Traumes eine feindselige Absicht nicht verfehlt hat.

    Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider-
    stand dienende Natur des Traumvergessens*) gewinnt man bei den
    Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es
    kommt gar nicht selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit plötz-
    lich ein ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher
    vergessen bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traum-
    teil ist nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege
    zur Traumlösung und war darum dem Widerstand am meisten aus-
    gesetzt. Unter den Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang
    dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich einmal, daß ich
    so ein Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist


    *) Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhand-
    lung über den „psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit“ in der Monatschrift
    für Psychiatrie und Neurologie, 1898. Dieselbe ist später in die „Psychopathologie
    des Alltagslebens“ aufgenommen worden.

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    dies ein Reisetraum, der Rache nimmt an einer unliebenswürdigen
    Reisegefährtin, den ich wegen seines zum Teil grob unflätigen In-
    haltes fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet:
    Ich sage auf ein Buch von Schiller: It is from . . . korrigiere
    mich aber, den Irrtum selbst bemerkend. It is by . . . Der
    Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: „Er hat es ja
    richtig gesagt*).“

    Die Selbstkorrektur im Traume, die manchen Autoren so wunder-
    bar erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich
    werde lieber für den Sprachirrtum im Traume das Vorbild aus meiner
    Erinnerung aufzeigen. Ich war 19jährig zum erstenmal in England
    und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natür-
    lich im Fange der von der Flut zurückgelassenen Seetiere und be-
    schäftigte mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit:
    Hollthurn-Holothurien), als ein reizendes kleines Mädchen zu
    mir trat und mich fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete:
    Yes he is alive, schämte mich aber dann der Inkorrektheit und wieder-
    holte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals
    begangen habe, setzt nun der Traum einen anderen, in den der
    Deutsche ebenso leicht verfällt. „Das Buch ist von Schiller“, soll
    man nicht mit from . . . sondern mit by . . . übersetzen. Daß die
    Traumarbeit diesen Ersatz vollzieht, weil from durch den Gleich-
    klang mit dem deutschen Eigenschaftswort fromm eine großartige
    Verdichtung ermöglicht, das nimmt uns nach allem, was wir von den
    Absichten der Traumarbeit und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der
    Wahl der Mittel gehört haben, nicht mehr wunder. Was will aber
    die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im Zusammenhang des
    Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst unschuldigen
    Beispiel, daß ich das Geschlechtswort am unrechten Platze ge-
    brauche, also das Geschlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht
    hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des
    Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels „Matter and
    Motion“ angehört hat (Molière im Malade Imaginaire: La matière
    est-elle laudable? – a motion of the bowels), der wird sich das
    Fehlende leicht ergänzen können.

    Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traumes
    zum großen Teil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio ad
    oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den
    Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir
    setzen die Arbeit fort, ich stoße auf einen Widerstand, mache dem


    *)Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in Träumen
    nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen zugeschoben. Maury
    (p. 143) träumte einmal zur Zeit, da er Englisch lernte, daß er einer anderen
    Person die Mitteilung, er habe sie gestern besucht, mit den Worten machte:
    I called for you yesterday. Der andere erwiderte richtig: Es heißt: I called on
    you yesterday.

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    Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen, sich
    mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und kaum
    ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß ich auch wieder, was
    ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn an diesem Tage
    in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen lassen.
    Durch die Überwindung dieses Widerstandes habe ich den Traum zur
    Erinnerung gefördert.

    Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der
    Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder
    mehr Tagen vorgefallen ist und bis dahin in der Vergessenheit ge-
    ruht hat*).

    Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen
    Beweis dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr
    vom Widerstand als von der Fremdheit zwischen dem Wach- und
    dem Schlafzustand, wie die Autoren meinen, abhängt. Es ereignet
    sich mir wie anderen Analytikern und den in solcher Behandlung
    stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch einen Traum aus
    dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, unmittelbar darauf im
    vollen Besitze unserer Denktätigkeit den Traum zu deuten beginnen.
    Ich habe in solchen Fällen oftmals nicht geruht, bis ich das volle
    Verständnis des Traumes gewonnen hatte, und doch konnte es ge-
    schehen, daß ich nach dem Erwachen die Deutungsarbeit ebenso voll-
    ständig vergessen hatte wie den Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß
    ich geträumt und daß ich den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger
    hatte der Traum das Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Ver-
    gessenheit gerissen, als es der geistigen Tätigkeit gelungen war, den
    Traum für die Erinnerung zu halten. Zwischen dieser Deutungsarbeit
    und dem Wachdenken besteht aber nicht jene psychische Kluft, durch
    welche die Autoren das Traumvergessen ausschließend erklären wollen.
    – Wenn Morton Prince gegen meine Erklärung des Traumver-
    gessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der Amnesie für ab- gespaltene seelische Zustände (dissociated states), und die Unmög-
    lichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere
    Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste
    Absicht wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen
    Beschreibungen solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch
    gemacht hat, die dynamische Erklärung für diese Phänomene zu fin-
    den. Er hätte sonst entdecken müssen, daß die Verdrängung (resp.-
    der durch sie geschaffene Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser
    Abspaltungen wie der Amnesie für ihren psychischen Inhalt ist.

    Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere
    seelische Akte, und daß sie auch in bezug auf ihr Haften im Ge-
     

    *) E. Jones beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall, daß
    während der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben Nacht erinnert wird,
    der bis dahin vergessen war, ja nicht einmal vermutet wurde.

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    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    dächtnis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzu-
    stellen sind, zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung
    dieses Manuskriptes machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen
    reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich damals aus irgend einem
    Grunde nur sehr unvollständig oder auch überhaupt nicht der Deu-
    tung unterziehen konnte. Bei einigen derselben habe ich nun, ein
    bis zwei Jahre später, den Versuch, sie zu deuten, unternommen, in
    der Absicht, mir Material zur Illustration meiner Behauptungen zu
    schaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich möchte
    behaupten, die Deutung ging solange Zeit später leichter vor sich als
    damals, solange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür ich
    als mögliche Erklärung angeben möchte, daß ich seither über manche
    Widerstände in meinem Innern weggekommen bin, die mich damals
    störten. Ich habe bei solchen nachträglichen Deutungen die da-
    maligen Ergebnisse an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel
    reichhaltigeren verglichen und das damalige unter dem heutigen un-
    verändert wiedergefunden. Ich trat meinem Erstaunen hierüber recht-
    zeitig in den Weg, indem ich mich besann, daß ich ja bei meinen
    Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren Jahren, die
    sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume
    aus der letzten Nacht wären, nach demselben Verfahren und mit
    demselben Erfolge. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich
    zwei Beispiele von solch verspäteter Traumdeutung mitteilen. Als
    ich diesen Versuch zum erstenmal anstellte, leitete mich die berech-
    tigte Erwartung, daß der Traum sich auch hier nur verhalten werde
    wie ein neurotisches Symptom. Wenn ich nämlich einen Psycho-
    neurotiker, eine Hysterie etwa, mittels Psychoanalyse behandle, so
    muß ich für die ersten, längst überwundenen Symptome seines Leidens
    ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch heute bestehenden, die
    ihn zu mir geführt haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu-
    lösen als die heute dringende. Schon in den 1895 publizierten
    „Studien über Hysterie“ konnte ich die Aufklärung eines ersten
    hysterischen Angstanfalles mitteilen, den die mehr als 40 jährige
    Frau in ihrem 15. Lebensjahre gehabt hatte.
     

    In loser Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen,
    was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was
    vielleicht den Leser orientieren wird, der mich durch Nacharbeit an
    seinen eigenen Träumen kontrollieren will.

    Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner
    Träume mühelos in den Schoß falle. Schon zur Wahrnehmung
    endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerk-
    samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein
    psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen
    sträubt. Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vorstellungen“
    habhaft zu werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen
    erfüllen müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, und

  • S.

    413

    wird in Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Vor-
    eingenommenheit, jede affektive oder intellektuelle Parteinahme wäh-
    rend der Arbeit bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der
    Vorschrift eingedenk bleiben, die Claude Bernard für den Expe-
    rimentator im physiologischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler
    comme une bête, d. h. so ausdauernd, aber auch so unbekümmert um
    das Ergebnis. Wer diese Ratschläge befolgt, der wird die Aufgabe aller-
    dings nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines Traumes voll-
    zieht sich auch nicht immer in einem Zuge; nicht selten fühlt man
    seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von
    Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem
    Tage; man tut dann gut, abzubrechen und an einem nächsten zur
    Arbeit zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des Traum-
    inhaltes die Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang
    zu einer neuen Schicht von Traumgedanken. Man kann das die
    „fraktionierte“ Traumdeutung heißen.

    Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur-
    Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht
    voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in
    Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Ele-
    mente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann außerdem eine
    andere, eine Überdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm
    entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum
    an unbewußten, nach Ausdruck ringenden Gedankengängen in unse-
    rem Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit
    der Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedes-
    mal gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der
    Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein,-
    dem Autor vorzuwerfen, daß er seinen Witz überflüssig vergeude;
    wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
    belehrt finden.

    Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann,-
    ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, daß man-
    bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat,-
    welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine-
    Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellektuellen-
    Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psycho-
    logischen Kenntnissen und seiner Übung in der Traumdeutung den
    inneren Widerständen den Herrn zeigen kann. Ein Stück weit ist-
    das immer möglich, so weit wenigstens, um die Überzeugung zu-
    gewinnen, daß der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist
    auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig ge-
    stattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene-
    Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von-
    Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf-
    gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deu-

  • S.

    414

    tung zu unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man
    oft merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem näch-
    sten nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so daß
    die beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Daß die verschie-
    denen Träume derselben Nacht ganz regelmäßig von der Deutungs-
    arbeit wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch
    Beispiele erwiesen.

    In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im
    Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein
    Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will,
    aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat.
    Dies ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Un-
    erkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung
    gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen
    Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt aus-
    laufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechtes erhebt sich dann
    der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Myzelium.

    Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück.
    Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluß aus ihnen
    zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt,
    den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent-
    weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise
    im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbeteiligten bei
    diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum er-
    kennen, der doch schon in der Nacht das seinige gegen den Traum
    getan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
    Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen
    wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder-
    beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei das
    Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir aus-
    sagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu stande gekommen, wenn
    der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluß
    ist, daß dieser während der Nachtzeit einen Teil seiner Macht ein-
    gebüßt hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir haben
    seinen Anteil an der Traumbildung in der Traumstellung nach-
    gewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, daß er des
    Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des Widerstandes
    die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so leicht, daß
    er mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort wieder
    beseitigt, was er, solange er schwach war, zulassen mußte. Die be-
    schreibende Psychologie lehrt uns ja, daß die Hauptbedingung der
    Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die Er-
    klärung hinzufügen: der Schlafzustand ermöglicht die Traum-
    bildung, indem er die endopsychische Zensur herabsetzt.

    Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig
    möglichen aus den Tatsachen des Traumvergessens anzusehen, und
     

  • S.

    415

    weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und
    des Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig
    hierin innehalten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes
    ein Stück weiter vertieft haben, werden wir erfahren, daß man sich
    die Ermöglichung der Traumbildung auch noch anders vorstellen
    kann. Der Widerstand gegen das Bewußtwerden der Traumgedanken
    kann vielleicht auch umgangen werden, ohne daß er an sich eine
    Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel, daß beide der
    Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie die Um-
    gehung des Widerstandes durch den Schlafzustand gleichzeitig er-
    möglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier
    fortzusetzen.

    Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser
    Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern
    müssen. Wir gehen ja hier so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken
    beherrschenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksam-
    keit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann notieren, was
    uns an ungewollten Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen
    wir einen nächsten Bestandteil des Trauminhaltes auf, wiederholen an
    ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung,
    nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir
    – wie man zu sagen pflegt – vom Hundertsten ins Tausendste
    geraten. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende
    ganz ohne unser Zutun auf die Traumgedanken zu geraten, aus
    denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa
    folgendes einzuwenden haben: Daß man von einem einzelnen Element
    des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
    Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen; es ist nur merk-
    würdig, daß man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken-
    ablauf gerade zu den Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich
    ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Assoziationskette von
    dem einen Element aus, bis man sie aus irgend einem Grunde ab-
    reißen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so
    ist es nur natürlich, daß die ursprüngliche Unbeschränktheit der
    Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere Ge-
    dankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse
    der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stoßen,
    die auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein
    haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben,
    der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da
    man sich sonst jede Freiheit der Gedankenverbindung gestattet und
    eigentlich nur die Übergänge von einer Vorstellung zur anderen aus-
    schließt, die beim normalen Denken in Kraft treten, so wird es
    schließlich nicht schwer, aus einer Reihe von „Zwischengedanken“
    etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken benennt, und
    ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind, für den psy-

  • S.

    416

    chischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles Willkür und
    witzig erscheinende Ausnutzung des Zufalles dabei, und jeder, der
    sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen
    Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.
    Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so
    können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum-
    deutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit anderen
    Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen Vor-
    stellungen ergeben und auf die Unwahrscheinlichkeit, daß etwas, was
    den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer
    Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man
    vorher hergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir
    könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, daß das Ver-
    fahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auf-
    lösung der hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens
    durch das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle
    gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den ein-
    geschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen
    Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich will-
    kürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem prä-
    existenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir
    dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.
    Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziel-
    losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum-
    deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor-
    stellungen auftauchen lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer
    nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und
    daß mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte – wie wir ungenau
    sagen: unbewußte – Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt
    den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein
    Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich durch unsere eigene Be-
    einflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist
    mir aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zer-
    rüttung es sich sonst herstellt*). Die Psychiater haben hier viel zu

    *)Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß Ed. von
    Hartmann in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte die nämliche Anschau-
    ung vertritt: „Gelegentlich der Erörterung der Rolle des Unbewußten im künst-
    lerischen Schaffen (Philos. d. Unbew. Bd. I, Abschn. B, Kap. V) hat Eduard von
    Hartmann das Gesetz der von unbewußten Zielvorstellungen geleiteten Ideen-
    assoziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite
    dieses Gesetzes bewußt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, zu erweisen, daß
    „jede Kombination sinnlicher Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall an-
    heimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der Hilfe des
    Unbewußten bedarf“ und „daß das bewußte Interesse an einer bestimmten Ge-
    dankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter den unzähligen mög-
    lichen Vorstellungen die zweckentsprechende herauszufinden. Es ist das Un-
    bewußte, welches den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt für

  • S.

    417

    früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiß,
    daß ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender Gedanken-
    ablauf im Rahmen der Hysterie und der Paranoia ebensowenig vor-
    kommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er
    tritt vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen über-
    haupt nicht ein; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer
    geistreichen Vermutung von Leuret sinnvoll und werden nur durch
    Auslassungen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Über-
    zeugung gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten
    war. Die Delirien sind das Werk einer Zensur, die sich keine Mühe
    mehr gibt, ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu
    einer nicht mehr anstößigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos
    ausstreicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das Übrig-
    gelassene zusammenhanglos wird. Diese Zensur verfährt ganz analog
    der russischen Zeitungszensur an der Grenze, welche ausländische
    Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der
    zu behütenden Leser gelangen läßt.

    Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Assoziations-
    verkettung kommt vielleicht bei destruktiven organischen Gehirn-
    prozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches
    gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf
    eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
    Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird*). Als ein

    die Ideenassoziation beim abstrakten Denken, als sinnlichem Vor-
    stellen oder künstlerischem Kombinieren1) und beim witzigen Ein-
    fall. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassoziation auf die hervorrufende
    und die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der reinen Assoziationspsychologie
    nicht aufrecht zu erhalten. Eine solche Einschränkung wäre nur dann tatsäch-
    lich gerechtfertigt, wenn Zustände im menschlichen Leben vorkommen, in denen
    der Mensch nicht nur von jedem bewußten Zweck, sondern auch von der Herr-
    schaft oder Mitwirkung jedes unbewußten Interesses, jeder Stimmung frei ist.
    Dies ist aber ein kaum jemals vorkommender Zustand, denn auch, wenn man
    seine Gedankenfolge anscheinend völlig dem Zufall anheim gibt,
    oder wenn man sich ganz den unwillkürlichen Träumen der Phantasie
    überläßt, so walten doch immer zu der einen Stunde andere Haupt-
    interessen, maßgebende Gefühle und Stimmungen im Gemüt als
    zu der anderen, und diese werden allemal einen Einfluß auf die
    Ideenassoziation üben.2) (Philos. d. Unbew., II. Aufl., I, 246.) Bei halb-
    unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die dem augen-
    blicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (a. a. O.). Die Hervor-
    hebung des Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedanken-
    folge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse auch vom Stand-
    punkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus gerechtfertigt erscheinen.3)
    (N. E. Pohorilles in Internat. Zschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913, S. 605 f.) – Du
    Prell schließt aus der Tatsache, daß ein Name, auf den wir uns vergeblich be-
    sinnen, uns oft plötzlich wie unvermittelt einfällt, es gebe ein unbewußtes und
    dennoch zielgerichtetes Denken, dessen Resultat alsdann ins Bewußtsein tritt
    (Philos. d. Mystik p. 107).

    *)Vgl. dazu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die C. G. Jung
    durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat. („Zur Psychologie der De-
    mentia praecox“, 1907.)

    1)Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

  • S.

    418

    untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation hat
    man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder)
    untereinander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen Asso-
    ziationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzweideutig-
    keit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung, durch
    alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim Wortspiel zu ver-
    werten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Gedanken-
    verbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes zu den
    Kollateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken
    führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon ge-
    funden, die unser Befremden wecken mußten. Keine Anknüpfung
    war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als daß er nicht die
    Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden dürfen. Aber
    das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht fern.
    Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem an-
    deren durch eine anstößige und oberflächliche Assoziation
    verbunden ist, existiert auch eine korrekte und tiefer-
    gehende Verknüpfung zwischen den beiden, welche dem
    Widerstand der Zensur unterliegt.
    Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist
    die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen
    Assoziationen. Die oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der Dar-
    stellung die tiefen, wenn die Zensur diese normalen Verbindungswege
    ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines Verkehrshindernis,
    z. B. eine Überschwemmung im Gebirge die großen und breiten
    Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr wird dann auf unbe-
    quemen und steilen Fußpfaden aufrecht erhalten, die sonst nur der
    Jäger begangen hat.
    Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im wesent-
    lichen eins sind. Entweder die Zensur richtet sich nur gegen den
    Zusammenhang zweier Gedanken, die voneinander losgelöst, dem
    Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nacheinander
    ins Bewußtsein; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt
    uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an die wir
    sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer anderen
    Ecke des Vorstellungskomplexes ansetzt, als von welcher die unter-
    drückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber, beide Ge-
    danken unterliegen an sich wegen ihres Inhaltes der Zensur; dann er-
    scheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifizierter, er-
    setzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt, daß
    sie durch eine oberflächliche Assoziation die wesentliche Verbindung
    wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter dem
    Drucke der Zensur hat hier in beiden Fällen eine Ver-
    schiebung stattgefunden von einer normalen, ernsthaf-
    ten Assoziation auf eine oberflächliche, absurd erschei-
    nende.

  • S.

    419

    Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns
    bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Assoziationen ganz
    ohne Bedenken an*).

    Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten
    Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an ver-
    borgene Zielvorstellungen übergeht und daß oberflächliche Assozia-
    tionen nur ein Verschiebungsersatz sind für unterdrückte, tiefer-
    gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten
    Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer
    Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken fahren
    zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den Sinn
    kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, daß er die Zielvor-
    stellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte mich
    für berechtigt zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste und Will-
    kürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
    Krankheitszustand steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
    Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung
    sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört
    demnach in die Darstellung der psychoanalytischen Technik als thera-
    peutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse erreicht,
    bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich fallen
    lassen**).

    Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen be-
    stehen, nämlich daß wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch
    in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen
    ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen
    zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den umge-
    kehrten Weg genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, daß
    diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar sind. Es erweist sich
    vielmehr, daß wir bei Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte-
    führen, welche die Zwischengedanken und die Traumgedanken bald
    an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich
    das frische Gedankenmaterial des Tages in die Deutungsreihen ein-
    schiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die Widerstandssteigerung,
    die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und ferneren Umwegen.
    Die Zahl oder Art der Kollateralen aber, die wir so bei Tage an-


    *)Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, daß die ober-
    flächlichen Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B. in den
    beiden von Maury mitgeteilten Träumen (p. 45: pélerinage – Pelletier – pelle;
    Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez – Lotto). Aus der
    Arbeit mit Neurotikern weiß ich, welche Reminiszenz sich so darzustellen liebt.
    Es ist das Nachschlagen im Konversationslexikon (Lexikon überhaupt), aus dem
    ja die meisten in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung
    der sexuellen Rätsel gestillt haben.

    **)Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden Sätze
    haben später durch die „diagnostischen Assoziationsstudien“ Jungs und seiner
    Schüler eine experimentelle Rechtfertigung und Verwertung erfahren.

  • S.

    420

    spinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur
    den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen.

    b) Die Regression.

    Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
    wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen,
    dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Unter-
    suchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir
    stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zu-
    sammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Akt; seine
    Triebkraft ist allemal ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkennt-
    lichkeit als Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurdi-
    täten rühren von dem Einfluß der psychischen Zensur her, den er bei
    der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich dieser Zensur
    zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nötigung
    zur Verdichtung des psychischen Materials, eine Rücksicht auf Dar-
    stellbarkeit in Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmäßig –
    eine Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Äußeres des
    Traumgebildes. Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu
    psychologischen Postulaten und Mutmaßungen: die gegenseitige Be-
    ziehung des Wunschmotivs und der vier Bedingungen sowie dieser
    untereinander ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammen-
    hang des Seelenlebens einzureihen.

    Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge-
    stellt, um uns an die Rätsel zu mahnen, deren Lösung noch aussteht.
    Die Deutung dieses Traumes vom brennenden Kinde bereitete uns
    keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne voll-
    ständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt ge-
    träumt wurde anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine Motiv
    des Träumens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. Daß
    noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir nach
    späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es die
    Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des Schlafens in einen
    Traum verwandelt wurde.

    Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter
    übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von-
    einander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen
    Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine
    Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das Re-
    sultat dieser Überlegung unverändert wieder, aber dargestellt in einer
    Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Erlebnis des
    Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste und auf-
    fälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Gedanke, in
    der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, als Szene
    dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.

  • S.

    421

    Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der
    Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in den
    Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?

    Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Erscheinungs-
    form des Traumes zwei voneinander fast unabhängige Charaktere
    ausgeprägt sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Si-
    tuation mit Weglassung des „vielleicht“; der andere die Umsetzung
    des Gedankens in visuelle Bilder und in Rede.

    Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren,
    daß die in ihnen ausgedrückte Erwartung ins Präsens gesetzt wird,
    scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es
    hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der
    Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen
    anderen Traum vor, indem sich der Traumwunsch nicht von der
    Fortsetzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den
    von Irmas Injektion. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traum-
    gedanke ein Optativ: Wenn doch der Otto an der Krankheit Irmas
    schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt
    ihn durch ein simples Präsens. Ja, Otto ist schuld an der Krank-
    heit Irmas. Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch
    der entstellungsfreie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei
    dieser ersten Eigentümlichkeit des Traumes werden wir uns aber
    nicht lange aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die
    bewußte Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungs-
    inhalt ebenso verfährt. Wenn Daudets Mr. Joyense beschäfti-
    gungslos durch die Straßen von Paris irrt, während seine Töchter
    glauben müssen, er habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau,
    so träumt er von den Vorfällen, die ihm zur Protektion und zu einer
    Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum ge-
    braucht also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte
    wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der
    Wunsch als erfüllt dargestellt wird.

    Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen-
    tümlich ist aber der zweite Charakter, daß der Vorstellungsinhalt
    nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen
    man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. Fügen
    wir gleich hinzu, daß nicht alle Träume die Umwandlung von Vor-
    stellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur aus Gedanken
    bestehen; denen man die Wesenheit der Träume darum doch nicht
    bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker“ – die Tagesphantasie
    mit Professor N.“ ist ein solcher, in den sich kaum mehr sinnliche
    Elemente einmengen, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht
    hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traume Elemente, welche die
    Umwandlung ins Sinnliche nicht mitgemacht haben, die einfach ge-
    dacht oder gewußt werden, wie wir’s vom Wachen her gewöhnt
    sind. Ferner wollen wir gleich hier daran denken, daß solche Ver-
     

  • S.

    422

    wandlung von Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein
    zukommt, sondern ebenso der Halluzination, den Visionen, die etwa
    selbständig in der Gesundheit auftreten oder als Symptome der Psy-
    choneurosen. Kurz, die Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach
    keiner Richtung eine ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß
    dieser Charakter des Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkens-
    werteste erscheint, so daß wir ihn nicht aus dem Traumleben weg-
    genommen denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit-
    ausgreifende Erörterungen.

    Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche
    man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfens-
    wert hervorheben. Der große G. Th. Fechner spricht in seiner
    Psychophysik (II. Teil, p. 520) im Zusammenhange einiger Er-
    örterungen, die er dem Traume widmet, die Vermutung aus,
    daß der Schauplatz der Träume ein anderer sei als der
    des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme ge-
    statte es, die besonderen Eigentümlichkeiten des Traumlebens zu
    begreifen.

    Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
    psychischen Lokalität. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß der
    seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als ana-
    tomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig
    aus dem Wege gehen, die psychische Lokalität etwa anatomisch zu
    bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden und gedenken
    nur der Aufforderung zu folgen, daß wir uns das Instrument, welches
    den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes
    Mikroskop, einen photographischen Apparat u. dgl. Die psychische
    Lokalität entspricht dann einem Orte, innerhalb eines solchen Appa-
    rates, an dem eine der Vorstufen des Bildes zu stande kommt. Beim
    Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich zum Teil ideelle Ort-
    lichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Bestandteil des Appa-
    rates gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser und aller
    ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für über-
    flüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unter-
    stützen, der es unternimmt, uns die Komplikation der psychischen
    Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung zer-
    legen und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Appa-
    rates zuweisen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen
    Instrumentes aus solcher Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens
    noch nicht gewagt worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine,
    wir dürfen unseren Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir
    dabei nur unser kühles Urteil bewahren, das Gerüste nicht für den
    Bau halten. Da wir nichts anderes benötigen als Hilfsvorstellungen
    zur ersten Annäherung an etwas Unbekanntes, so werden wir die
    rohesten und greifbarsten Annahmen zunächst allen anderen vor-
    ziehen.

  • S.

    423

    Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zu-
    sammengesetztes Instrument, dessen Bestandteile wir Instanzen oder
    der Anschaulichkeit zuliebe Systeme heißen wollen. Dann bilden
    wir die Erwartung, daß diese Systeme vielleicht eine konstante räum-
    liche Orientierung gegeneinander haben, etwa wie die verschiedenen
    Linsensysteme des Fernrohres hintereinander stehen. Streng ge-
    nommen brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen An-
    ordnung der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns,
    wenn eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt wird, daß bei ge-
    wissen psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeit-
    lichen Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag
    bei anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Mög-
    lichkeit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandteilen des
    Apparates wollen wir von nun an der Kürze halber als „Ψ-Systeme“
    sprechen.

    Das erste, was uns auffällt, ist nun, daß dieser aus Ψ-Systemen
    zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
    Tätigkeit geht von (inneren oder äußeren) Reizen aus und endigt in
    Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und
    ein motorisches Ende zu; an dem sensiblen Ende befindet sich ein
    System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen Ende
    ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der psychi-
    sche Vorgang verläuft im allgemeinen vom Wahrnehmungsende zum
    Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen Apparates
    hätte also folgendes Ansehen:

    Fig. 1.

    Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten Forde-
    rung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflex-
    apparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychi-
    schen Leistung.
    Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste Differen-
    zierung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns
    herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat eine Spur,
    die wir „Erinnerungsspur“ heißen können. Die Funktion, die sich
    auf diese Erinnerungsspur bezieht, heißen wir ja Gedächtnis. Wenn

  • S.

    424

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    wir Ernst mit dem Vorsatze machen, die psychischen Vorgänge an
    Systeme zu knüpfen, so kann die Erinnerungsspur nur bestehen in
    bleibenden Veränderungen an den Elementen der Systeme. Nun bringt
    es, wie schon von anderer Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten
    mit sich, wenn ein und dasselbe System an seinen Elementen Ver-
    änderungen getreu bewahren und doch neuen Anlässen zur Ver-
    änderung immer frisch und aufnahmsfähig entgegentreten soll. Nach
    dem Prinzip, das unseren Versuch leitet, werden wir also diese beiden
    Leistungen auf verschiedene Systeme verteilen. Wir nehmen an, daß
    ein vorderstes System des Apparates die Wahrnehmungsreize auf-
    nimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und
    daß hinter diesem ein zweites System liegt, welches die momentane
    Erregung des ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das
    Bild unseres psychischen Apparates (Fig. 2):

    Fig. 2.

    W Er Er' Er'' M

    Es ist bekannt, daß wir von den Wahrnehmungen, die auf
    System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als
    den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch als
    im Gedächtnisse miteinander verknüpft und zwar vor allem nach ihrem
    einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heißen das
    die Tatsache der Assoziation. Es ist nun klar, wenn das W-System
    überhaupt kein Gedächtnis hat, daß es auch die Spuren für die
    Assoziation nicht aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente
    wären in ihrer Funktion unerträglich behindert, wenn sich gegen eine
    neue Wahrnehmung ein Rest früherer Verknüpfung geltend machen
    würde. Wir müssen also als die Grundlage der Assoziation vielmehr
    die Erinnerungssysteme annehmen. Die Tatsache der Assoziation be-
    steht dann darin, daß infolge von Widerstandsverringerungen und
    Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher nach
    einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.

    Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht
    eines, sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen
    dieselbe, durch die W-Elemente fortgepflanzte Erregung eine ver-
    schiedenartige Fixierung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wird

  • S.

    425

    Ein Schema des seelischen Apparates.

    jedenfalls die Fixierung der Assoziation durch Gleichzeitigkeit ent-
    halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs-
    material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein,
    so daß etwa Beziehungen der Ähnlichkeit u. a. durch diese späteren
    Systeme hergestellt würden. Es wäre natürlich müßig, die psy-
    chische Bedeutung eines solchen Systems in Worten angeben zu
    wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innigkeit seiner Be-
    ziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmaterials, das heißt, wenn
    wir auf eine tiefergreifende Theorie hinweisen wollen, in den Ab-
    stufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.
    Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut-
    sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches
    keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Ge-
    dächtnis, ergibt für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltigkeit der
    sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am
    tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich unbewußt. Sie
    können bewußt gemacht werden; es ist aber kein Zweifel, daß sie
    im unbewußten Zustand alle ihre Wirkungen entfalten. Was wir
    unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unse-
    rer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten
    auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche, die fast
    nie bewußt werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so
    zeigen sie keine sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im
    -">
    Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen, daß
    Gedächtnis und Qualität für das Bewußtsein an den Ψ-Sy-
    stemen einander ausschließen, so eröffnete sich in die Bedin-
    gungen der Neuronenerregung ein vielversprechender Einblick.
    Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen
    Apparates am sensiblen Ende angenommen haben, erfolgte ohne Rück-
    sicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen
    Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des Appa-
    rates wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben gesehen,
    daß es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären, wenn
    wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen woll-
    ten, von denen die eine die Tätigkeit der anderen einer Kritik unter-
    zieht, als deren Folge sich die Ausschließung vom Bewußtwerden
    ergibt.
    Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält
    nähere Beziehungen zum Bewußtsein als die kritisierte. Sie steht
    zwischen dieser und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben
    ferner Anhaltspunkte gefunden, die kritisierende Instanz mit dem zu
    identifizieren, was unser waches Leben lenkt und über unser willkür-
    liches, bewußtes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen
    im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzt-
    erwähnte Erkenntnis das kritisierende System ans motorische Ende
    gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema ein

  • S.

    426

    und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum
    Bewußtsein aus.

    Fig. 3.

    Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir das
    Vorbewußte, um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in dem-
    selben ohne weitere Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen können,
    falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung
    einer gewissen Intensität, eine gewisse Verteilung jener Funktion, die
    man Aufmerksamkeit zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleich-
    zeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität
    inne hat. Das System dahinter heißen wir das Unbewußte, weil
    es keinen Zugang zum Bewußtsein hat, außer durch das Vor-
    bewußte, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich Ab-
    -
    änderungen gefallen lassen muß.

    In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoß zur
    Traumbildung? Der Vereinfachung zuliebe in das System Ubw. Wir
    werden zwar in späteren Erörterungen hören, daß dies nicht ganz
    richtig ist, daß die Traumbildung genötigt ist, an Traumgedanken an-
    -
    zuknüpfen, die dem System des Vorbewußten angehören. Wir werden
    aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom Traumwunsche handeln,
    erfahren, daß die Triebkraft für den Traum vom Ubw beigestellt
    wird, und wegen dieses letzteren Momentes wollen wir das unbewußte
    System als den Ausgangspunkt der Traumbildung annehmen. Diese
    Traumerregung wird nun wie alle anderen Gedankenbildungen das
    Bestreben äußern, sich ins Vbw fortzusetzen und von diesem aus den
    Zugang zum Bewußtsein zu gewinnen.

    Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber
    dieser Weg, der durchs Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch
    die Widerstandszensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den
    Zugang zum Bewußtsein; aber es erhebt sich die Frage, auf welchem
    Wege und dank welcher Veränderung. Würde dies den Traum-
    -
    gedanken dadurch ermöglicht, daß nachts der Widerstand absinkt, der
    an der Grenze zwischen Unbewußten und Vorbewußten wacht, so
    bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die nicht
    den halluzinatorischen Charakter zeigten, der uns jetzt interessiert.

  • S.

    427

    Das Absinken der Zensur zwischen den beiden Systemen Ubw
    und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie
    Autodidasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden
    Kinde, den wir uns als Problem an den Eingang dieser Unter-
    suchungen gestellt haben.
    Was im halluzinatorischen Traume vor sich geht, können wir
    nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt
    einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des
    Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schließ-
    lich beim System der Wahrnehmungen an. Heißen wir die Richtung,
    nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Unbewußten im
    Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir vom Traume
    aussagen, er habe regredienten Charakter*).
    Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten
    psychologischen Eigentümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir
    dürfen nicht vergessen, daß sie den Träumen nicht allein zukommt.
    Auch das absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge unseres
    normalen Denkens entsprechen einem Rückschreiten im psychischen
    Apparat von irgend welchem komplexen Vorstellungsakt auf das
    Rohmaterial der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Wäh-
    rend des Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemals über die
    Erinnerungsbilder hinaus; es vermag die halluzinatorische Belebung
    der Wahrnehmungsbilder nicht zu erzeugen. Warum ist dies im
    Traume anders? Als wir von der Verdichtungsarbeit des Traumes
    sprachen, konnten wir der Annahme nicht ausweichen, daß durch
    die Traumarbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von
    einer zur anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese
    Abänderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermög-
    licht, das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in
    umgekehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.
    Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite
    dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes getan,
    als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben.
    Wir heißen es Regression, wenn sich im Traume die Vorstellung in
    das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervor-
    gegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber Rechtfertigung.
    Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun ich
    meine, der Name „Regression“ dient uns insofern, als er die uns be-
    kannte Tatsache an das Schema des mit einer Richtung versehenen

    *)Die erste Andeutung des Moments der Regression findet sich bereits
    bei Albertus Magnus. Die Imaginatio, heißt es bei ihm, baut aus den auf-
    bewahrten Bildern der sinnenfälligen Objekte den Traum auf. Der Prozeß voll-
    zieht sich umgekehrt wie im Wachen (nach Diepgen, p. 14). – Hobbes sagt
    (im Leviathan, 1651): „In sum, our dreams are the reverse of our waking ima-
    ginations, the motion, when we are awake, beginning at one end, and when we
    dream at another.“ (Nach H. Ellis, p. 112.)

  • S.

    428

    seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber
    zum erstenmal, ein solches Schema aufgestellt zu haben.

    Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns
    ohne neue Überlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich wer-
    den. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des
    von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt sich
    uns ohne weiteres die empirisch festgestellte Tatsache, daß alle Denk-
    relationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren gehen
    oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind
    nach unserem Schema nicht in den ersten Er-Systemen, sondern in
    weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der Regression
    bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck einbüßen. Das
    Gefüge der Traumgedanken wird bei der Regression in sein
    Rohmaterial aufgelöst.

    Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
    Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermutungen be-
    wenden lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den Energie-
    besetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche sie weg-
    samer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden; aber
    in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Effekt für den Weg
    der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Abänderungen
    zu stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort an den Schlaf-
    zustand und an Besetzungsänderungen, die er am sensiblen Ende des
    Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine kontinuierlich laufende
    Strömung von dem Ψ-System der W her zur Motilität; diese hat bei
    Nacht ein Ende und könnte einer Rückströmung der Erregung kein
    Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies die „Abschließung von der
    Außenwelt“, welche in der Theorie einiger Autoren die psychologi-
    schen Charaktere des Traumes aufklären soll (vgl. p. 38). Indes
    wird man bei der Erklärung der Regression des Traumes Rücksicht
    auf jene anderen Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften
    Wachzuständen zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich
    die eben gegebene Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression
    trotz der ununterbrochenen sensiblen Strömung in progredienter
    Richtung.

    Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
    geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie
    tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte
    Gedanken sind und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung
    erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Er-
    innerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner
    jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen
    gehindert durch „grüne Gesichter mit roten Augen“, vor denen
    er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte, aber
    einstens bewußte Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier
    Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vieler

  • S.

    429

    Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich
    selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte
    damals bemerkt, daß der ungezogene Junge eine grünliche Gesichts-
    farbe habe und rote (d. h. rot veränderte) Augen. Daher das
    Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
    andere Vorhersage der Mama zu erinnern, daß solche Jungen blöd-
    sinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben.
    Unser kleiner Patient läßt den einen Teil der Prophezeiung eintreffen;
    er kommt im Gymnasium nicht weiter und fürchtet sich, wie das
    Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten
    Teile. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg,
    daß er schläft, seine Ängstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit
    einem Vorzugszeugnis abschließt.

    Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine
    40 jährige Hysterika aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines
    Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im Zim-
    mer, der sich doch, wie sie weiß, in der Irrenanstalt befindet. Ihr
    kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht er-
    schrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht,
    zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die
    Erscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung
    der Dame, die zwar bewußt war, aber mit allem unbewußten Material
    in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinderfrau hatte
    ihr erzählt, daß die sehr früh verstorbene Mutter (Pat. war zur Zeit des
    Todesfalles erst 11/2 Jahre alt) an epileptischen oder hysterischen
    Krämpfen gelitten hatte, und zwar seit einem Schreck, den ihr der
    Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verursachte, daß er
    ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopfe erschien.
    Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: Die Er-
    scheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine Wir-
    kung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammenhange angeordnet
    und auf andere Personen übertragen. Das offenkundige Motiv der
    Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, daß ihr
    kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das Schick-
    sal desselben teilen könnte.

    Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Be-
    ziehung zum Schlafzustand und darum vielleicht zu dem Beweise
    ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine
    Analyse einer halluzinierenden Paranoika*) und auf die Ergebnisse
    meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie der
    Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß man in diesen Fällen von
    regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß einer unterdrückten
    oder unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht


    *)„Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen.“ Neurologisches
    Zentralblatt 1896, Nr. 10. (Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre, p. 112.)

  • S.

    430

    übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in
    Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Zensur ver-
    hinderten Gedanken in die Regression als in jene Form der Darstel-
    lung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein
    Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, daß die infantilen
    Szenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es ge-
    lingt, sie bewußt zu machen, halluzinatorisch gesehen werden und erst
    nach der Mitteilung diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt,
    daß selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind,
    die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Leb-
    haftigkeit bis in späte Jahre bewahren.
    Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traum-
    gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten
    Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder
    auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet
    sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht
    abweisen, daß die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder mit
    die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung
    strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck
    ringenden, vom Bewußtsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach
    dieser Auffassung ließe sich der Traum auch beschreiben als der
    durch Übertragung auf Rezentes veränderte Ersatz der in-
    fantilen Szene. Die Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht
    durchsetzen; sie muß sich mit der Wiederkehr als Traum begnügen.
    Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der
    Infantilszenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
    Trauminhalt macht eine der Annahmen Scherners und seiner An-
    hänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt
    einen Zustand von „Gesichtsreiz“, von innerer Erregung im Sehorgan
    an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen
    Elemente oder einen besonderen Reichtum an solchen erkennen lassen.
    Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen
    uns etwa damit begnügen, einen solchen Erregungszustand bloß für
    das psychische Wahrnehmungssystem des Sehorgans zu statuieren,
    werden aber geltend machen, daß dieser Erregungszustand ein durch
    die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der seinerzeit aktuellen
    Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung kein gutes Bei-
    spiel für solchen Einfluß einer infantilen Erinnerung zur Hand; meine
    Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen Elementen, als
    ich die anderer schätzen muß; aber in dem schönsten und lebhaftesten
    Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die halluzinatorische
    Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten rezenter und
    kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf p. 332
    einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die
    braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der Schiffe und das
    düstere Braun und Rot der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefen

  • S.

    431

    Eindruck hinterließen. Wenn irgend einer, so mußte dieser Traum
    auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein Sehorgan in
    diesen Reizzustand versetzt? Ein rezenter Eindruck, der sich mit einer
    Reihe früherer zusammentat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst
    die des Ankersteinbaukastens, mit dem die Kinder am Tage vor
    meinem Traume ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es
    meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere
    Rot an den großen, das Blau und Braun an den kleinen Steinen.
    Dazu gesellten sich die Farbeindrücke der letzten italienischen
    Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune und das Braun
    des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur eine Wieder-
    holung der in der Erinnerung gesehenen.

    Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des
    Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugießen,
    erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht
    etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt,
    sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend heraus-
    gegriffen und durch den Namen des „regredienten“ Charakters
    ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall,
    wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vor-
    dringen des Gedankens zum Bewußtsein auf dem normalen Wege
    entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnes-
    stark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben*). Beim Traume käme
    vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der
    progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfs-
    moment bei den anderen Formen von Regression durch Verstärkung
    der anderen Regressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir wollen
    auch nicht vergessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen
    Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energie-
    übertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des nor-
    malen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle halluzinatorische
    Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei
    der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Darstellbarkeit“
    beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der
    von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu be-
    ziehen sein.

    Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in der
    Theorie der neurotischen Symptombildung eine nicht minder wichtige
    Rolle wie in der des Traumes spielt. Wir unterscheiden dann eine drei-
    fache Art der Regression: a) eine topische im Sinne des hier ent-
    wickelten Schemas der Ψ-Systeme, b) eine zeitliche, insofern es

    *)In einer Darstellung der Lehre von der Verdrängung wäre auszuführen,
    daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweier ihn beeinflussenden Momente
    in die Verdrängung gerät. Er wird von der einen Seite (der Zensur des Bw.)
    weggestoßen, von der anderen (dem Ubw.) angezogen, also ähnlich wie man auf
    die Spitze der großen Pyramide gelangt.

  • S.

    432

    sich um ein Rückgreifen auf ältere psychische Bildungen handelt, und
    c) eine formale, wenn primitive Ausdrucks-
    und Darstellungsweisen
    die gewohnten ersetzen. Alle drei Arten von Regression sind aber im
    Grunde eines und treffen in den meisten Fällen zusammen, denn das
    zeitlich ältere ist zugleich das formal primitive und in der psychischen
    Topik dem Wahrnehmungsende nähere.
    Leicht möglich, daß dieses erste Stück unserer psychologischen
    Verwertung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir
    wollen uns damit trösten, daß wir ja genötigt sind, ins Dunkle hinaus
    zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre geraten, so müssen wir
    von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die nämliche
    Region geraten, in welcher wir uns dann vielleicht besser zurecht-
    finden werden.

    c) Zur Wunscherfüllung.

    Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen
    willkommenen Anlaß, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der
    Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben es gewiß alle mit
    Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes als eine
    Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Wider-
    spruches, der vom Angsttraume ausgeht. Nachdem uns die ersten
    Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem Traume
    verberge sich Sinn und psychischer Wert, so wäre unsere Erwar-
    tung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung dieses Sinnes ge-
    faßt gewesen. Nach der korrekten, aber kärglichen Definition des
    Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand – insofern man
    schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun unser Denken bei Tage
    so verschiedenartige psychische Akte schafft, Urteile, Schlußfolgerun-
    gen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl., wodurch soll es
    bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von Wünschen
    einzuschränken? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, die einen
    andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt verwandelt bringen,
    z. B. eine Besorgnis, und ist gerade der vorangestellte, ganz be-
    sonders durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den
    Lichtschein hin, der ihm auch schlafend ins Auge fällt, den besorgten
    Schluß, daß eine Kerze umgefallen sei und die Leiche in Brand ge-
    steckt haben könne; diesen Schluß verwandelt er in einen Traum,
    indem er ihn in eine sinnfällige Situation und in das Präsens ein-
    kleidet. Welche Rolle spielt dabei die Wunscherfüllung, und ist denn die
    Übermacht des vom Wachen her sich fortsetzenden oder durch den neuen
    Sinneseindruck angeregten Gedankens dabei irgend zu verkennen?

    Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunsch-
    erfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich
    fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.

    Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung
    der Träume in zwei Gruppen veranlaßt. Wir haben Träume ge-

  • S.

    433

    funden, die sich offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren
    Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In
    den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumzensur. Die
    unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern;
    kurze, offenherzige Wunschträume schienen – ich lege Nach-
    druck auf diesen Vorbehalt – auch bei Erwachsenen vorzukommen.
    Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt,
    der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder
    auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher“? Ich meine,
    auf den Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen Tagesleben und
    einer unbewußt gebliebenen psychischen Tätigkeit, die sich erst zur
    Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine dreifache
    Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. bei Tage
    erregt worden sein und infolge äußerer Verhältnisse keine Befriedi-
    gung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein anerkannter
    und unerledigter Wunsch. 2. er kann bei Tage aufgetaucht sein, aber
    Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns dann ein unerledigter,
    aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann außer Beziehung mit
    dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die erst nachts
    aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser Schema
    des psychischen Apparates vornehmen, so lokalisieren wir einen
    Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom Wunsche der
    zweiten Art nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das
    Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich
    erhalten hat; und von der Wunschregung der dritten Art glauben
    wir, daß sie überhaupt unfähig ist, das System des Ubw zu über-
    schreiten. Haben nun Wünsche aus diesen verschiedenen Quellen
    den gleichen Wert für den Traum, die gleiche Macht, einen Traum
    anzuregen?

    Eine Übersicht über die Träume, die uns für die Beantwortung
    dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als vierte Quelle
    des Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen bei Nacht sich er-
    hebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle
    Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, daß die Herkunft des
    Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts
    ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, welcher die bei
    Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die nebenstehenden
    Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten, aber nicht unter-
    drückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, daß ein bei
    Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind über-
    aus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich
    hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame, deren jüngere Freun-
    din sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der Be-
    kannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie von ihm halte,
    mit uneingeschränkten Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil
    Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit gesagt: Er

    1)Freud, Traumdeutung, 4. Aufl.

  • S.

    434

    ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, daß dieselbe Frage
    an sie gerichtet wird, und antwortet mit der Formel: Bei Nach-
    bestellungen genügt die Angabe der Nummer. Endlich daß
    in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind, der Wunsch
    aus dem Unbewußten stammt und bei Tage nicht vernehmbar werden
    konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher Analysen erfahren.
    So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traumbildung von glei-
    chem Werte und gleicher Macht.

    Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich
    anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren
    Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen
    Zweifel darüber, daß ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum-
    erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der
    Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von dem Infantilen
    eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage
    nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen genügt, um einen
    Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir mit der fort-
    schreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
    Tätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie
    das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen
    sich dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der eine
    den infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein
    anderer, wie ja solche Unterschiede auch für die Abschwächung des
    ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im allge-
    meinen glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom Tage
    übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu schaffen.
    Ich gebe gern zu, daß die aus dem Bewußten stammende Wunsch-
    regung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern wird, aber
    wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde nicht, wenn
    der vorbewußte Wunsch sich nicht eine Verstärkung von anderswoher
    zu holen wüßte.

    Aus dem Unbewußten nämlich. Ich stelle mir vor, daß der
    bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, wenn
    es ihm gelingt, einen gleichwirkenden unbewußten zu
    wecken, durch den er sich verstärkt. Diese unbewußten Wün-
    sche betrachte ich, nach den Andeutungen aus der Psychoanalyse
    der Neurosen, als immer rege, jederzeit bereit, sich Ausdruck zu ver-
    schaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, sich mit einer Regung
    aus dem Bewußten zu alliieren, ihre große Intensität auf deren ge-
    ringere zu übertragen*). Es muß dann zum Anschein kommen, als

    *)Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen
    wirklich unbewußten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen
    Akten. Diese sind ein für allemal gebahnte Wege, die nie veröden und den
    Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewußte Er-
    regung sie wiederbesetzt. Um mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für
    sie keine andere Art der Vernichtung als für die Schatten der odysseischen Unter-

  • S.

    335

    hätte allein der bewußte Wunsch sich im Traume realisiert; allein
    eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung dieses Traumes wird uns
    ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem Unbewußten
    auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, sozusagen unsterblichen
    Wünsche unseres Unbewußten, welche an die Titanen der Sage er-
    innern, auf denen seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten,
    welche einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden,
    und die unter den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu
    Zeit erheben; – diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche,
    sage ich, sind aber selbst infantiler Herkunft, wie wir durch die psy-
    chologische Erforschung der Neurosen erfahren. Ich möchte also den
    früher ausgesprochenen Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei
    gleichgültig, beseitigen und durch einen anderen ersetzen, der lautet:
    Der Wunsch, welcher sich im Traume darstellt, muß ein
    infantiler sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw;
    beim Kinde, wo es die Sonderung und Zensur zwischen Vbw und
    Ubw noch nicht gibt, oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist
    es ein unerfüllter, unverdängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiß,
    diese Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte,
    sie ist häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vermutet hätte,
    und ist nicht allgemein zu widerlegen.

    Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen
    lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich
    will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an
    aktuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt
    (vgl. p. 171 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedanken-
    gang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen
    in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die nicht
    Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen unse-
    res wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir be-
    schließen, den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist ein
    guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung
    gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer
    vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Übermacht
    von Eindrücken setzen die Denktätigkeit auch während des Schlafes
    fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als
    das Vorbewußte bezeichnet haben. Wenn uns um eine Einteilung
    dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu tun ist, so
    können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während
    des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 2. das
    durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste, 3. das
    bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als
    1)


    1)welt, die zum neuen Leben erwachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom
    vorbewußten System abhängigen Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar.
    Auf diesem Unterschiede ruht die Psychotherapie der Neurosen.

  • S.

    336

    eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vorbewußten tags-
    über in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und endlich können
    wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und darum unerledigt
    gebliebenen Eindrücke des Tages.

    Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des
    Tageslebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der
    Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicher-
    lich ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck,
    und ebenso sicher dürfen wir annehmen, daß der Schlafzustand die
    gewohnte Fortführung des Erregungsvorganges im Vorbewußten und
    deren Abschluß durch das Bewußtwerden unmöglich macht. Insofern
    wir unsere Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewußt werden
    können, auch zur Nachtzeit, insofern schlafen wir eben nicht. Was
    für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw hervorruft, weiß
    ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, daß die psychologische
    Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungsveränderungen
    gerade dieses Systems zu suchen ist, das auch den Zugang zu der
    im Schlafe gelähmten Motilität beherrscht. Im Gegensatze dazu wüßte
    ich von keinem Anlaß aus der Psychologie des Traumes, der uns
    annehmen hieße, daß der Schlaf anders als sekundär in den Ver-
    hältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächtlichen Er-
    regung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die
    Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen: sie muß die Verstärkung
    aus dem Ubw suchen und die Umwege der unbewußten Erregungen
    mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewußten Tagesreste zum
    Traume? Es ist kein Zweifel, daß sie reichlich in den Traum ein-
    dringen, daß sie den Trauminhalt benutzen, um sich auch zur Nacht-
    zeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie dominieren gelegentlich
    den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist
    auch sicher, daß die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl
    haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst lehr-
    reich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu ent-
    scheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um
    in den Traum Aufnahme zu finden.

    Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den
    Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedowschen
    Krankheit erscheinen läßt (p. 203). Ich hatte am Tage eine Besorg-
    nis gebildet, zu der mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und die
    Sorge ging mir nahe, wie alles, was diese Person betrifft. Sie folgte
    mir auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte
    ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese
    Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt habe, dessen In-
    halt erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung ent-
    sprach.

    Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene
    Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die
    Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einem

  • S.

    437

    Der unbewußte Wunsch als Triebkraft des Traumes.

    Baron L., mich selbst als Professor R. identifizierte. Warum
    ich gerade diesen Ersatz des Tagesgedankens hatte wählen müssen,
    dafür gab es nur eine Erklärung. Zu der Identifizierung mit Pro-
    fessor R. mußte ich im Ubw immer bereit sein, da durch sie einer
    der unsterblichen Kinderwünsche, der Wunsch der Großsucht, sich
    erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen
    meinen Freund hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung
    miteinzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art
    von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalt gekommen. Der
    Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine
    Besorgnis war, mußte sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung
    an einen infantilen, nun unbewußten und unterdrückten Wunsch
    verschaffen, der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das
    Bewußtsein „entstehen“ ließ. Je dominierender diese Sorge war, desto
    gewaltsamer durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem
    Ruhe des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammen-
    hang gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Bei-
    spiele.

    Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch
    für den Traum bedeutet. Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse
    von Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst
    ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt und ich meine,
    selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
    werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,
    wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage
    her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum
    gemacht, die Triebkraft, die der Traum bedurfte, mußte von einem
    Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis, sich
    einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen.
    Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß
    ein Tages-
    gedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum
    spielt; aber der Unter-
    nehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und
    den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts
    machen; er braucht einen Kapita-
    listen, der den Aufwand be-
    streitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den
    Traum beistellt, ist allemal und unweigerlich, was immer auch der
    Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbe-
    wußten.
    Andere Male ist der Kapitalist selbst der Unter-
    nehmer: das ist
    für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tages-
    arbeit ein unbewußter Wunsch angeregt worden, und der schafft
    nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des hier als
    Beispiel verwendeten wirt-
    schaftlichen Verhältnisses bleiben die Traum-
    vorgänge parallel: der Unter-
    nehmer kann selbst eine Kleinigkeit an
    Kapital mitbringen; es können mehrere Unter-
    nehmer sich an den
    selben Kapita-
    listen wenden; es können mehrere Kapitalisten gemein-
    sam das für die Unternehmer Erforderliche zusammen-
    steuern. So gibt

  • S.

    438

    es auch Träume, die von mehr als einem Traumwunsche getragen
    werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen
    sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung
    über den Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später
    ergänzen können.

    Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse,
    die in zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quantität,
    läßt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstruktur
    zu. In den meisten Träumen läßt sich ein mit besonderer sinnlicher
    Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f. ausgeführt.
    Das ist in der Regel die direkte Darstellung der Wunscherfüllung,
    denn wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig ma-
    chen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traum-
    gedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt
    ersetzt. Die Elemente in der Nähe der Wunscherfüllung haben mit
    deren Sinn oft nichts zu tun, sondern erweisen sich als Abkömmlinge
    peinlicher, dem Wunsche zuwiderlaufender Gedanken. Durch den
    oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem zentralen Element
    haben sie aber so viel Intensität abbekommen, daß sie zur Dar-
    stellung fähig geworden sind. So diffundiert die darstellende Kraft
    der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang,
    innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Dar-
    stellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden
    Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfül-
    lungen voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume
    als Grenzzonen zu verstehen.

    Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum
    durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben; so ver-
    lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu
    schenken. Sie müssen doch ein notwendiges Ingrediens der Traum-
    bildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Tatsache überraschen
    kann, daß jeder Traum eine Anknüpfung an einen rezenten Tages-
    eindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen
    läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung ver-
    mochten wir noch nicht einzusehen (p. 138). Sie ergibt sich auch
    nur, wenn man an der Rolle des unbewußten Wunsches festhält und
    dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser Er-
    fahrt man, daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt un-
    fähig ist, ins Vorbewußte einzutreten, und daß sie dort nur eine Wir-
    kung zu äußern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem
    Vorbewußten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt,
    auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken läßt. Es
    ist dies die Tatsache der Übertragung, welche für so viele auf-
    fällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Aufklärung ent-
    hält. Die Übertragung kann die Vorstellung aus dem Vorbewußten,
    welche somit zu einer unverdient großen Intensität gelangt, unver-

  • S.

    439

    ändert lassen oder ihr selbst eine Modifikation durch den Inhalt der
    übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir die Neigung
    zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin versucht zu
    sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung ähnlich
    wie in unserem Vaterland für den amerikanischen Zahnarzt, der seine
    Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten
    Doktors der Medizin als Aushängeschild und Deckung vor dem Ge-
    setze bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtsten
    Ärzte sind, die solche Allianzen mit dem Zahntechniker eingehen,
    so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewußten oder be-
    wußten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren, die
    selbst genügend von der im Vorbewußten tätigen Aufmerksamkeit
    auf sich gezogen haben. Das Unbewußte umspinnt mit seinen Ver-
    bindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des Vor-
    bewußten, die entweder als indifferent außer Beachtung geblieben sind
    oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder ent-
    zogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Assoziationslehre,
    durch alle Erfahrung bestätigt, daß Vorstellungen, die eine sehr innige
    Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie ablehnend
    gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten; ich habe
    einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen Läh-
    mungen auf diesen Satz zu begründen.

    Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Über-
    tragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse
    der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so
    erklären sich auch mit einem Schlage zwei der Rätsel des Traumes:
    daß jede Traumanalyse eine Verwebung eines rezenten Eindruckes
    nachweist und daß dies rezente Element oft von der gleichgültigsten
    Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt
    haben, daß diese rezenten und indifferenten Elemente als Ersatz der
    allerältesten aus den Traumgedanken darum so häufig in den Traum-
    inhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandszensur am
    wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Zensurfreiheit
    uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt die
    Konstanz der rezenten Elemente auf die Nötigung zur Übertragung
    durchblicken. Dem Anspruche des Verdrängten auf noch assoziations-
    freies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indiffe-
    renten, weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlaß geboten
    haben, die rezenten, weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.

    Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten
    Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas ent-
    lehnen, wenn sie an der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich die
    Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern daß sie
    auch dem Unbewußten etwas Unentbehrliches bieten, die notwendige
    Anheftung zur Übertragung. Wollten wir hier in die seelischen Vor-
    gänge tiefer eindringen, so müßten wir das Spiel der Erregungen

  • S.

    440

    zwischen Vorbewußtem und Unbewußtem schärfer beleuchten, wozu
    wohl das Studium der Psychoneurosen drängt, aber gerade der Traum
    keinen Anhalt bietet.

    Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein
    Zweifel, daß sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht
    der Traum, der sich vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten. Hierauf
    werden wir noch später zurückkommen.

    Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem
    Gebiete des Ubw. abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten
    zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische Re-
    gungen irgend welcher anderen Art oder einfach rezente Eindrücke.
    Wir haben so Raum geschaffen für die Ansprüche, die man zu gunsten
    der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in all ihrer
    Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal unmöglich, daß
    wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene extremen Fälle auf
    klären, in denen der Traum als Fortsetzer der Tagesarbeit eine un-
    gelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende bringt. Es man-
    gelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen Analyse
    die infantile oder verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren Her-
    anziehung die Bemühung der vorbewußten Tätigkeit so erfolgreich
    verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des
    Rätsels nähergekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts
    anderes bieten kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die
    Beantwortung dieser Frage muß ein Licht auf die psychische Natur
    des Wünschens werfen; sie soll an der Hand des Schemas vom psy-
    chischen Apparat gegeben werden.

    Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige
    Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwicklung erreicht
    hat. Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungs-
    fähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen
    sagen uns, daß der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich mög-
    lichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau das
    Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von
    außen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem
    Wege abzuführen. Aber die Not des Lebens stört diese einfache Funk-
    tion; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoß zur weiteren Aus-
    bildung. In der Form der großen Körperbedürfnisse tritt die Not des
    Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Bedürfnis ge-
    setzte Erregung wird sich einen Abfluß in die Motilität suchen, die
    man als „Innere Veränderung“ oder als „Ausdruck der Gemüts-
    bewegung“ bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos schreien
    oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom
    inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer mo-
    mentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine
    Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem Wege, beim
    Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des Befriedigungs-

  • S.

    441

    Das Wünschen als primäre Tätigkeit des Unbewußten.

    erlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren Erinnerungsbildvon jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfniserregung assoziiertbleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt, wird sich,dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben,welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung wieder besetzen unddie Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich dieSituation der ersten Befriedigung wieder herstellen will. Eine solcheRegung ist das, was wir einen Wunsch heißen; das Wiedererscheinender Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die volle Besetzungder Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der kürzeste Wegzur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustanddes psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg wirklichso begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft.Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.

    Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeitzu einer zweckmäßigeren, sekundären, modifizieren haben. Die Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredientenWege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge,welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort.Um die innere Besetzung der äußeren gleichwertig zu machen, müßtedieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und in den Hungerphantasien auch wirklichgeschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung desgewünschten Objektes erschöpfen. Um eine zweckmäßigere Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volleRegression aufzuhalten, so daß sie nicht über das Erinnerungsbildhinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schließlich zur Herstellung der gewünschten Identität von der Außenwelt herführen. Diese Hemmung sowie die darauffolgende Ablenkung derErregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst dieVerwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt.All die komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendiggewordenen Umweg zur Wunscherfüllung dar*). Das Denkenist doch nichts anderes als der Ersatz des halluzinatorischen Wunsches,


    *)Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain mit Recht:„Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte opiniâtre etlongue qui use et corrode les jouissances poursuivies.“

  • S.

    442

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist, so wird das eben
    selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch unseren seeli-
    schen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag. Der Traum, der seine
    Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat uns hiemit nur
    eine Probe der primären, als unzweckmäßig verlassenen Arbeits-
    weise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben
    scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als das psychische
    Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube
    die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil
    und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein Stück des über-
    wundenen Kinderseelenlebens. In den Psychosen werden diese
    sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des psychischen Appa-
    rates sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre Unfähigkeit
    zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die Außenwelt an den
    Tag legen*).

    Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei
    Tage sich geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung sowie
    die Psychosen belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das System
    des Vorbewußten zum Bewußtsein und zur Beherrschung der Moti-
    lität durchdringen möchten. In der Zensur zwischen Ubw und Vbw,
    deren Annahme uns der Traum geradezu aufnötigt, haben wir also
    den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu ehren.
    Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, daß er zur
    Nachtzeit seine Tätigkeit verringert, die unterdrückten Regungen des
    Ubw zum Ausdrucke kommen läßt, die halluzinatorische Regression
    wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der kritische
    Wächter zur Ruhe begibt – wir haben die Beweise dafür, daß er doch
    nicht tief schlummert –, so schließt er auch das Tor zur Motilität.
    Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich auch auf dem
    Schauplatze tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen, sie
    bleiben harmlos, weil sie nicht im stande sind, den motorischen
    Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt ver-
    ändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die Sicher-
    heit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich,
    wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlaß
    im Kräfteaufwand der kritischen Zensur, sondern durch pathologische
    Schwächung derselben oder durch pathologische Verstärkung der un-
    bewußten Erregungen hergestellt wird, solange das Vorbewußte be-
    setzt und die Tore zur Motilität offen sind. Dann wird der Wächter
    überwältigt, die unbewußten Erregungen unterwerfen sich das Vbw,
    beherrschen von ihm aus unser Reden und Handeln oder erzwingen
    sich die halluzinatorische Regression und lenken den nicht für sie be-

    *) Ich habe diesen Gedankengang an anderer Stelle (Formulierungen über
    die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Sammlung kl. Schriften z.
    Neurosenlehre, dritte Folge, 1913) weiter ausgeführt und als die beiden Prin-
    zipien das Lust- und das Realitätsprinzip hingestellt.

  • S.

    443

    stimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die Wahrnehmun-
    gen auf die Verteilung unserer psychischen Energie ausüben. Diesen
    Zustand heißen wir Psychose.

    Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psycho-
    logischen Gerüste weiterzubauen, das wir mit der Einfügung der
    beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch
    Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger psychi-
    scher Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die Auf-
    klärung entgegengenommen, daß der Traum jedesmal eine
    Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw ist,
    welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung kennt
    und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen verfügt.
    Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Rechte fest-
    halten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psycho-
    logische Spekulationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
    zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang-
    einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann.
    Wenn ein System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen
    Analoges – existiert, so kann der Traum nicht dessen einzige Äuße-
    rung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muß
    noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die
    Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen
    Symptome in dem einen Satze, daß auch sie als Wunscherfüllun-
    gen des Unbewußten aufgefaßt werden müssen*). Der Traum
    wird durch unsere Aufklärung nur das erste Glied einer für den
    Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die
    Lösung des rein psychologischen Anteiles der psychiatrischen Auf-
    gabe bedeutet**). Von anderen Gliedern dieser Reihe von Wunsch-
    erfüllungen, z. B. von den hysterischen Symptomen, kenne ich aber
    einen wesentlichen Charakter, den ich am Traume noch vermisse. Ich
    weiß nämlich aus den im Laufe dieser Abhandlung oftmals ange-
    deuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines hysterischen Sym-
    ptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens zusammentreffen
    müssen. Das Symptom ist nicht bloß den Ausdruck eines realisierten
    unbewußten Wunsches, es muß noch ein Wunsch aus dem Vorbe-
    wußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt,
    so daß das Symptom mindestens zweifach determiniert wird, je
    einmal von einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. Einer
    weiteren Überdeterminierung sind – ähnlich wie beim Traume –
    keine Schranken gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem Ubw ent-
    stammt, ist, soviel ich sehe, regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion-
    bildung gegen dieselbe.

    *)Korrekter gesagt: Ein Anteil des Symptoms entspricht der unbewußten
    Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung gegen dieselbe.

    **)Hughlings Jackson hatte geäußert: Findet das Wesen des Traums,
    und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen kann, gefunden haben.
    (Find out all about dreams and you will have found out all about insanity.)

  • S.

    444

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    gegen den unbewußten Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann
    also ganz allgemein sagen, ein hysterisches Symptom entsteht
    nur dort, wo zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede
    aus der Quelle eines anderen psychischen Systems, in einem
    Ausdruck zusammentreffen können. (Vgl. hiezu meine letzten
    Formulierungen der Entstehung hysterischer Symptome in dem Auf
    satz „Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität“ in
    der zweiten Folge der Sammlung kl. Sch. z. Neurosenlehre 1909.)
    Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Ent-
    hüllung der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann.
    Ich lasse es darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß
    seiner Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysteri-
    sche Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als
    die Erfüllung einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren,
    nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele
    Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung trat: von möglichst
    vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine
    mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin aber durch das
    Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit verlieren konnte, so
    daß kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war das Symptom auch
    dem strafenden Gedankengang recht und durfte, von beiden Seiten
    zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe Manier auf eine
    Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin gegen den
    Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus
    Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes Gold
    in den Rachen gießen. „Hier hast du, was du dir gewünscht hast.“
    Vom Traume wissen wir bis jetzt nur, daß er eine Wunscherfüllung
    des Unbewußten ausdrückt; es scheint, daß das herrschende, vorbe-
    wußte System diese gewähren läßt, nachdem sie ihr gewisse Entstellun-
    gen aufgenötigt hat. Man ist auch wirklich nicht im stande, allge-
    mein einen dem Traumwunsche gegensätzlichen Gedankenzug nach-
    zuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume verwirklicht. Nur
    hie und da sind uns in den Traumanalysen Anzeichen von Reaktions-
    schöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für Freund R. im Onkel-
    traume (p. 106). Wir können aber die hier vermißte Zutat aus dem
    Vorbewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen
    Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck
    bringen, während sich das herrschende System auf den Wunsch zu
    schlafen zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Herstellung
    der ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen
    Apparates realisiert, endlich ihn die ganze Dauer des Schlafes über
    festhält*).


    *)Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liébault, des
    Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil pro-
    voqué etc., Paris 1889.)

  • S.

    445

    Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt
    nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir
    an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Totenzimmer
    zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir
    haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür
    geben, daß der Vater im Traume diesen Schluß zieht, anstatt sich
    durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch aufgewiesen,
    der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um den einen
    Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stammende Wünsche
    entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse dieses Traumes
    nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft dieses Traumes
    dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen; sowie durch
    den Traum das Leben des Kindes, so wird auch der Schlaf des Vaters
    um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heißt diese
    Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem Traume, so
    leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewußten
    Wunsche seine Unterstützung. Wir haben auf p. 96 von Träumen be-
    richtet, die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigent-
    lich haben alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den
    Weckträumen, die den äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit
    der Fortsetzung des Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum
    verweben, um ihm die Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung
    an die Außenwelt erheben könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches,
    weiter zu schlafen, am leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber
    ebenso seinen Anteil an der Gestaltung aller anderen Träume haben,
    die nur von innen her als Wecker am Schlafzustand rütteln können.
    Was das Vbw in manchen Fällen dem Bewußtsein mitteilt, wenn der
    Traum es zu arg treibt: „Aber laß’ doch und schlaf’ weiter, es ist ja
    nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne daß es laut wird, ganz
    allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen
    das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, daß wir den ganzen
    Schlafzustand über ebenso sicher wissen, daß wir träumen,
    wie wir es wissen, daß wir schlafen. Es ist durchaus notwendig,
    den Einwand dagegen gering zu schätzen, daß unser Bewußtsein auf
    das eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem
    Anlaß, wenn sich die Zensur wie überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es
    Personen, bei denen die nächtliche Festhaltung des Wissens, daß
    sie schlafen und träumen, ganz offenkundig wird und denen also
    eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben zu lenken, eigen scheint. Ein
    solcher Träumer ist z. B. mit der Wendung, die ein Traum nimmt,
    unzufrieden, er bricht ihn, ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn
    von neuem, um ihn anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer
    Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren
    Ausgang gibt. Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe,
    wenn ihn der Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt
    hat: „Das will ich nicht weiter träumen, um mich in einer Pol-
     

  • S.

    446

    lution zu erschöpfen, sondern hebe es mir lieber für eine reale
    Situation auf.“

    Der Marquis d’Hervey (Vaschide p. 139) behauptete, eine
    solche Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er ihren
    Ablauf nach Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm beliebige
    Richtung geben konnte. Es scheint, daß bei ihm der Wunsch zu
    schlafen einem anderen vorbewußten Wunsch Raum gegönnt hatte,
    dem, seine Träume zu beobachten und sich an ihnen zu ergötzen.
    Mit einem solchen Wunschvorsatz ist der Schlaf ebensowohl ver-
    träglich wie mit einem Vorbehalt als Bedingung des Erwachens
    (Ammenschlaf). Es ist auch bekannt, daß das Interesse am Traum
    bei allen Menschen die Anzahl der nach dem Erwachen erinnerten
    Träume erheblich steigert*).

    d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes.
    Der Angsttraum.

    Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf
    den Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang
    mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere
    bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wach-
    arbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich die Energiebesetzung
    nicht völlig entziehen ließ. Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber
    einer der unbewußten Wünsche rege geworden, oder es treffe beides
    zusammen; wir haben die hier mögliche Mannigfaltigkeit bereits er-
    örtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit Herstellung des
    Schlafzustandes hat der unbewußte Wunsch sich den Weg zu den
    Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie bewerkstelligt. Es
    entsteht nun ein auf das rezente Material übertragener Wunsch oder
    der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch Verstärkung aus
    dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege
    der Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil
    ja angehört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf die
    Zensur, die noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt. Hier
    nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf
    das Rezente angebahnt war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas
    Ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung, eine Wahnidee
    u. dgl., nämlich ein durch Übertragung verstärkter, durch Zensur
    im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber gestattet der Schlafzustand
    des Vorbewußten nicht das weitere Vordringen; wahrscheinlich hat
    sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen gegen das

    *)Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt Ferenczi:
    „Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade beschäftigenden Gedanken
    von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei drohender Gefahr des Miß-
    lingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art der Lösung,
    bis es ihm endlich gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelenlebens kom-
    promissuell befriedigende Wunscherfüllung zu schaffen.“

  • S.

    447

    Eindringen geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg der
    Regression ein, der gerade durch die Eigentümlichkeit des Schlaf-
    zustandes eröffnet ist, und folgt dabei der Anziehung, welche Er-
    innerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle
    Besetzungen, nicht als Übersetzung in die Zeichen der späteren Sy-
    steme vorhanden sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die
    Darstellbarkeit. Von der Kompression werden wir später handeln.
    Er hat jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes
    zurückgelegt. Das erste Stück spann sich progredient von den un-
    bewußten Szenen oder Phantasien zum Vorbewußten; das zweite Stück
    strebt von der Zensurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen hin.
    Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist,
    so hat er das ihm durch Zensur und Schlafzustand im Vbw gesetzte
    Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf
    sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu werden. Das Bewußt-
    sein nämlich, daß uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
    Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar.
    Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungssystem,
    in erster Linie; außerdem von den Lust- und Unlusterregungen, die
    sich als einzige psychische Qualität bei den Energieumsetzungen im
    Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in den Ψ-Systemen
    sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen Qualität und
    sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm nicht Lust
    oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur An-
    nahme entschließen müssen, daß diese Lust- und Unlustent-
    bindungen automatisch den Ablauf der Besetzungsvor-
    gänge regulieren. Es hat sich aber später die Notwendigkeit
    herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den Vorstel-
    lungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu
    diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
    Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie höchstwahrscheinlich
    durch die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht
    qualitätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qua-
    litäten dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, daß vorher nur
    Sinnesorgan für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan
    für einen Teil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei
    Sinnesoberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vor-
    bewußten Denkvorgängen zugewendet.
    Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnes-
    fläche des Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer
    gemacht wird, als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Auf-
    geben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch
    zweckmäßig. Es soll im Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt
    zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden,
    so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewußtsein
    zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das, worin überhaupt ihre

  • S.

    448

    Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im Vbw verfügbaren
    Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muß
    man also zugeben, daß der Traum jedesmal weckt, einen Teil der
    ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit versetzt. Er erfährt nun von
    dieser jene Beeinflussung, die wir als sekundäre Bearbeitung mit
    Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben.
    Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie jeder andere
    Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvorstellungen
    unterzogen, soweit sein Material sie eben zuläßt. Soweit bei diesem
    dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufrichtung in Betracht
    kommt, ist es wieder die progrediente.

    Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die
    zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein.
    Ein sehr anziehender Gedankengang Goblots, der offenbar durch
    das Rätsel des Mauryschen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht
    darzutun, daß der Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als
    die der Übergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen. Das Er-
    wachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor. Man meint,
    das letzte Bild des Traumes war so stark, daß es zum Erwachen
    nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum so stark, weil wir bei
    ihm dem Erwachen schon so nahe waren. „Un rêve c’est un réveil
    qui commence.“

    Es ist schon von Dugas hervorgehoben worden, daß Goblot
    viel Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu halten.
    Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. manche,
    in denen man träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der
    Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, daß sie sich nur über
    die Periode des Erwachens erstrecke. Es muß uns im Gegenteil wahr-
    scheinlich werden, daß das erste Stück der Traumarbeit bereits am
    Tage, noch unter der Herrschaft des Vorbewußten, beginnt. Das
    zweite Stück derselben, die Veränderung durch die Zensur, die An-
    ziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen zur Wahr-
    nehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und insofern
    dürften wir immer recht haben, wenn wir eine Empfindung angeben,
    wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu sagen
    wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist anzunehmen,
    die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die zeit-
    liche Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der über-
    tragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch
    die Zensur vor sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regres-
    sion usw. Wir haben eine solche Sukzession bei der Beschreibung
    herstellen müssen; in Wirklichkeit handelt es sich wohl vielmehr um
    gleichzeitiges Erproben dieser und jener Wege, um ein Hin- und Her-
    wogen der Erregung, bis endlich durch deren zweckmäßigste Ver-
    teilung gerade die eine Gruppierung die bleibende wird. Ich möchte
    selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen glauben, daß die

  • S.

    449

    Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr
    Ergebnis zu liefern, wobei dann die außerordentliche Kunst im Auf-
    bau des Traumes alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf
    die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung
    nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an sich
    zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung,
    da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt, wie etwas anderes
    Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das stundenlang
    hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.

    Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun ent-
    weder die genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu ziehen
    und das Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und
    Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend,
    und er muß bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die
    beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten
    Träume erscheinen mit vergleichsweise geringen psychischen Inten-
    sitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es erklärt sich
    so aber auch, daß wir in der Regel etwas Geträumtes wahrnehmen,
    wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reißt. Der erste Blick
    dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der Traumarbeit
    geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann den von außen
    gegebenen.

    Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träu-
    men zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der
    sonst überall nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und sich
    fragen, warum dem Traume, also dem unbewußten Wunsche, die
    Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewußten
    Wunsches, zu stören. Es muß das wohl an Energierelationen liegen,
    in welche uns die Einsicht fehlt. Besäßen wir diese, so würden wir
    wahrscheinlich finden, daß das Gewährenlassen des Traumes und der
    Aufwand einer gewissen detachierten Aufmerksamkeit für ihn eine
    Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, daß das Unbewußte
    nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie tagsüber. Wie
    die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es mehrmals
    in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen vereinbar.
    Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es ist,
    wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad
    hoc. Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die
    Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom Ammen-
    schlafe u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen
    Aufwandes von Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung ver-
    einbar.

    Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer
    besseren Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst
    die unbewußten Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien
    sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. Wenn

  • S.

    450

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    aber der Schlafzustand besteht und der unbewußte Wunsch die Kraft
    gezeigt hat, einen Traum zu bilden und mit ihm das Vorbewußte zu
    wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem der Traum zur Kennt-
    nis genommen worden ist? Sollte der Traum sich nicht vielmehr fort-
    während erneuern, gerade wie die störende Fliege es liebt, immer
    wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem Rechte
    haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt?

    Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege
    bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein
    Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende
    Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im
    Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder
    vergessen. Man bekommt hievon den stärksten Eindruck beim Stu-
    dium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedanken-
    weg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar,
    wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor
    dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem sie sich den Zugang
    zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre
    wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie
    wieder auf und zeigt sich mit Erregung besetzt, die sich in einem
    Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psycho-
    therapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vor-
    gänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir näm-
    lich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen pri-
    mären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären,
    das Abblassen der Erinnerungen und die Affektschwäche der nicht
    mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Ver-
    änderungen, die durch mühevolle Arbeit zu stande kommen. Es ist
    das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie
    kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft
    des Vbw zu unterwerfen.

    Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also
    zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht
    er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine
    Mal einen Abfluß in die Motilität oder er unterliegt der Beeinflussung
    des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebun-
    den, anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht beim Traum-
    vorgang. Die Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen
    Traum von Seite des Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Be-
    wußtseinserregung hingelenkt worden ist, bindet die unbewußte Er-
    regung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich. Wenn
    der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirklich die
    Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte. Es kann uns
    jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war, den
    unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regres-
    sion freizugeben, damit er einen Traum bilde, und dann dessen

  • S.

    451

    Traum durch einen kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu
    binden und zu erledigen, als das Unbewußte auch die ganze Zeit des
    Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand ja zu erwarten, daß
    der Traum, auch wenn er ursprünglich kein zweckmäßiger Vorgang
    war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich einer Funktion be-
    mächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion ist. Er
    hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des Ubw
    wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten zu bringen; er führt
    dabei die Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert
    gleichzeitig gegen einen geringen Aufwand an Wachtätigkeit den
    Schlaf des Vorbewußten. So stellt er sich als ein Kompromiß, ganz
    wie die anderen psychischen Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in
    den Dienst der beiden Systeme, indem er beider Wünsche, insoweit
    sie miteinander verträglich sind, erfüllt. Ein Blick auf die p. 59f.
    mitgeteilte Robertsche „Ausscheidungstheorie“ wird zeigen, daß wir
    diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung der Funktion des
    Traumes, recht geben müssen, während wir in den Voraussetzungen
    und in der Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen*).
    Die Einschränkung, insofern beide Wünsche miteinander
    verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen Fälle,
    in denen die Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt. Der Traum
    vorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zu-
    gelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten
    so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann,
    so hat der Traum das Kompromiß gebrochen, das andere Stück seiner
    Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und

    *)Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen können?
    Ich kenne keine andere. A. Maeder hat zwar den Versuch gemacht, andere,
    „sekundäre“, Funktionen für den Traum in Anspruch zu nehmen. Er ging von
    der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume Lösungsversuche von Kon-
    flikten enthalten, die späterhin wirklich durchgeführt werden, sich also wie Vor-
    übungen zu Wachtätigkeiten verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele
    zu den Spielen der Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung mit-
    gebrachter Instinkte und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzu-
    fassen ist, und stellte eine „fonction ludique“ des Träumens auf. Kurze Zeit vor
    mir war die vorausdenkende Funktion des Traumes auch von Alf. Adler
    betont worden. (In einer von mir 1905 veröffentlichten Analyse wurde ein als
    Vorsatz aufzufassender Traum jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.)
    Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese „sekundäre“
    Funktion des Traumes im Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung ver-
    dient. Das Vorausdenken, Fassen von Vorsätzen, Entwerfen von Lösungsversuchen,
    die dann eventuell im Wachleben verwirklicht werden können, dies und viel
    anderes sind Leistungen der unbewußten und vorbewußten Tätigkeit des Geistes,
    welche sich als „Tagesrest“ in den Schlafzustand fortsetzen und dann mit einem
    unbewußten Wunsch (siehe p. 433 f.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die
    vorausdenkende Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vor-
    bewußten Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder
    auch anderer Phänomene verraten werden kann. Nachdem man solche den Traum
    mit seinem manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt auch davor
    hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu verwechseln.

    29*

  • S.

    452

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier nicht
    die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der Hüter des Schlafes, als
    Störer desselben auftreten muß, und braucht uns gegen seine Zweck-
    mäßigkeit nicht einzuzunehmen. Es ist dies nicht der einzige Fall im
    Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung unzweckmäßig
    und störend wird, sobald in den Bedingungen ihres Entstehens etwas
    geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens dem neuen
    Zwecke, die Veränderung anzuzeigen und die Regulierungsmittel des
    Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe natürlich den Fall des
    Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine recht zu geben,
    daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der Wunscherfüllung aus
    weiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich der Erklärung des Angst-
    traumes wenigstens mit Andeutungen nähertreten.

    Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum
    doch eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen
    Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu er-
    klären, daß der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört,
    während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unter-
    drückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist auch bei
    völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Maß dieser
    Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität. Neu-
    rotische Symptome zeigen uns an, daß sich die beiden Systeme im
    Konflikt miteinander befinden; sie sind die Kompromißergebnisse
    dieses Konfliktes, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten
    einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluß seiner Erregung,
    dienen ihm als Ausfallstor und geben doch anderseits dem Vbw die
    Möglichkeit, das Ubw einigermaßen zu beherrschen. Lehrreich ist es
    z. B., die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst
    in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die
    Straße zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom“ anführen. Man
    hebe nun dieses Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung
    nötigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall,
    wie auch oft ein Angstanfall auf der Straße die Veranlassung für die
    Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, daß das
    Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst zu
    verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzbefestung vorgelegt.

    Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht
    auf die Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber
    hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf,
    daß die Unterdrückung des Ubw vor allem darum notwendig wird,
    weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen
    Affekt entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der Lust
    hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter der
    Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Er-
    folg, diese Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unterdrückung er-
    streckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom Vor-

  • S.

    453

    Die Traumfunktion. Ihr Scheitern im Angsttraum.

    stellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine
    ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affektentwicklung ist
    hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische oder sekre-
    torische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel
    in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung
    von Seite des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt,
    an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse gehemmt. Die
    Gefahr, wenn die Besetzung von Seite des Vbw aufhört, besteht also
    darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, der
    – infolge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als Unlust,
    als Angst verspürt werden kann.

    Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorgan-
    ges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen darin,
    daß Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unterdrückten
    Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz
    außerhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es
    nicht, daß unser Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des
    Ubw während des Schlafes, mit dem Thema der Angstentwicklung zu-
    sammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung des Angsttraumes
    verzichten und mir alle ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.

    Die Lehre vom Angsttraume gehört, wie ich schon wiederholt
    ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Ich möchte sagen:
    die Angst im Traume ist ein Angstproblem, kein Traumproblem. Wir
    haben weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre
    Berührungsstelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt
    haben. Ich kann nur noch eines tun. Da ich behauptet habe, daß die
    neurotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angst-
    träume der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren
    Traumgedanken nachzuweisen.

    Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele,
    die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge
    Angstträume von jugendlichen Personen.

    Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum
    mehr gehabt. Aus meinem siebten oder achten Jahre erinnere ich
    mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung
    unterworfen habe. Er war sehr lebhaft und zeigte mir die ge-
    liebte Mutter mit eigentümlich ruhigem, schlafendem Ge-
    sichtsausdruck, die von zwei (oder drei) Personen mit Vogel-
    schnäbeln ins Zimmer getragen und aufs Bett gelegt wird.
    Ich erwachte weinend und schreiend und störte den Schlaf der Eltern.
    Die – eigentümlich drapierten – überlangen Gestalten mit Vogel-
    schnäbeln hatte ich den Illustrationen der Philippsonschen Bibel
    entnommen; ich glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem
    ägyptischen Grabrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Er-
    innerung an einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns
    Kindern auf der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ich

  • S.

    454

    möchte sagen, der hieß Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich
    von dem Knaben zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den se-
    xuellen Verkehr bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein
    lateinisches, durch „koitieren“ ersetzt wird, das aber durch die Aus-
    wahl der Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muß
    die sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfahrenen
    Lehrmeisters erraten haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im
    Traume war vom Angesicht des Großvaters kopiert, den ich einige
    Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend gesehen hatte. Die
    Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß also gelautet
    haben, daß die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu. In
    dieser Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die Eltern geweckt
    hatte. Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich beruhigte, als ich
    die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte:
    sie ist also nicht gestorben. Diese sekundäre Deutung des Traumes
    ist aber schon unter dem Einflusse der entwickelten Angst geschehen.
    Nicht daß ich ängstlich war, weil ich geträumt hatte, daß die Mutter
    stirbt; sondern ich deutete den Traum in der vorbewußten Bearbeitung
    so, weil ich schon unter der Herrschaft der Angst stand. Die Angst
    aber läßt sich mittels der Verdrängung zurückführen auf ein dunkles,
    offenkundig sexuelles Gelüste, das in dem visuellen Inhalt des Trau-
    mes seinen guten Ausdruck gefunden hatte.
    Ein 27 jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist,
    hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst
    geträumt, daß ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er
    möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt nicht von
    der Stelle. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr gemeinen und
    sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse gerät der
    Träumer zuerst auf eine der Zeit nach spätere Erzählung seines
    Onkels, daß er auf der Straße nächtlich von einem verdächtigen Indi-
    viduum angefallen wurde, und schließt selbst aus diesem Einfall, daß
    er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen Erlebnis gehört haben
    kann. Zur Hacke erinnert er, daß er sich in jener Lebenszeit ein-
    mal beim Holzverkleinern mit der Hacke an der Hand verletzt hatte.
    Er gerät dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu seinem jüngeren
    Bruder, den er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte, erinnert sich
    speziell eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf traf,
    so daß er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst,
    er wird ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema
    der Gewalttat festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Er-
    innerung aus dem neunten Lebensjahre auf. Die Eltern waren spät
    nach Hause gekommen, gingen, während er sich schlafend stellte,
    zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen und andere Geräusche, die
    ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage der beiden im Bette
    erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen, daß er zwischen dieser Be-
    ziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem jüngeren Bruder

  • S.

    455

    eine Analogie hergestellt hatte. Er subsumierte, was bei den Eltern
    vorfiel, unter den Begriff: Gewalttat und Rauferei, und gelangte
    so, wie bei Kindern sehr häufig, zur sadistischen Auffassung des
    Koitusaktes. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft
    Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte.

    Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn
    bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist,
    möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für
    diese Angst die Erklärung gegeben, daß es sich um eine sexuelle
    Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird,
    auch wohl darum auf Ablehnung stößt, weil die Eltern in sie ver-
    flochten sind, und die sich darum in Angst verwandelt. In einer
    noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle Regung für den
    gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht auf Verdrän-
    gung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (p. 194).

    Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
    Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
    unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene
    und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung
    sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen
    würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch
    zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontanen, schub-
    weise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.

    Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um
    diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es da-
    gegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis
    der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als
    auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Bei-
    spiel, wie nahe man, durch die Scheuklappen der medizinischen
    Mythologie geblendet, am Verständnis solcher Fälle vorbeigehen kann,
    möchte ich einen Fall anführen, den ich in der These über den Pavor
    nocturnus von Debacker 1881 (p. 66) gefunden habe.

    Ein 13 jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann
    ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und
    fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit
    Halluzinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war
    immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, daß der Teufel ihn
    angeschrien habe: „Jetzt haben wir dich, jetzt haben wir dich, und
    dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer verbrannte
    seine Haut. Aus diesem Traume schreckte er dann auf, konnte zu
    erst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn deutlich
    sagen hörte: „Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts getan“, oder
    auch: „Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr tun.“ Einigemal sagte er
    auch: „Albert hat das nicht getan.“ Er vermied es später sich aus-
    zukleiden, „weil das Feuer ihn nur angreife, wenn er ausgekleidet
    sei“. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Ge-

  • S.

    456

    fahr brachten, wurde er aufs Land geschickt, erholte sich dort im
    Verlaufe von 11/2 Jahren und gestand dann einmal, 15 Jahre alt: „Je
    n'osais pas l'avouer, mais j'éprouvais continuellement des picotements
    et des surexcitations aux parties*); à la fin, cela m'énervait tant
    que plusieurs fois, j'ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.“

    Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1. daß der Knabe in
    früheren Jahren masturbiert, es wahrscheinlich geleugnet hatte und
    mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein
    Geständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n'a jamais
    fait ça); 2. daß unter dem Andrang der Pubertät die Versuchung
    zu masturbieren in dem Kitzel an den Genitalien wieder erwachte;
    daß aber jetzt 3. ein Verdrängungskampf in ihm losbrach, der die
    Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte, welche Angst
    nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.

    Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69).
    „Es geht aus dieser Beobachtung hervor, daß 1. der Einfluß der
    Pubertät bei einem Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zu-
    stand von großer Schwäche herbeiführen und daß es dabei zu einer
    sehr erheblichen Gehirnanämie**) kommen kann.
    2. Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung, dä-
    monomanische Halluzinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
    auch tägliche Angstzustände.
    3. Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben gehen
    auf die Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf
    ihn gewirkt hatten.
    4. Alle Erscheinungen sind infolge eines längeren Landaufent-
    haltes durch körperliche Übung und Wiederkehr der Kräfte nach
    abgelaufener Pubertät verschwunden.
    5. Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis
    des Vaters einen prädisponierenden Einfluß auf die Entstehung des
    Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.
    Das Schlußwort: „Nous avons fait entrer cette observation dans
    le cadre des délires apyrétiques d'inanition, car c'est à l'ischémie
    cérébrale que nous rattachons cet état particulier.“

    e) Der Primär-
    und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung.

    Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
    Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unter-
    nommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist.
    Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhanges durch
    ein Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei
    jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräf-
    ten zu schwer werden. Es rächt sich nun an mir, daß ich bei der

    *)Von mir hervorgehoben; übrigens nicht mißverständlich.

    **)Meine Hervorhebung.

  • S.

    457

    Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen Entwick-
    lung meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte
    für die Auffassung des Traumes durch vorhergegangene Arbeiten
    über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich mich hier
    nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muß, während
    ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom Traume aus den
    Anschluß an die Psychologie der Neurosen erreichen möchte. Ich
    kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben; aber
    ich weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.

    Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gern bei einem
    anderen Gesichtspunkte, der mir den Wert meiner Bemühung zu
    heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten
    Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie
    die Einführung des ersten Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer
    Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser Wider-
    sprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäußerten An-
    sichten, daß der Traum ein sinnloser und ein somatischer Vorgang
    sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen, sonst aber haben
    wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
    Stelle des verwickelten Zusammenhanges recht geben und nachweisen
    können, daß sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Daß der
    Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat
    sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz
    allgemein bestätigt. Diese beschäftigen sich nur mit dem, was uns
    wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum gibt sich
    nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegenteil haben wir gelten-
    lassen, daß der Traum die gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt
    und sich eines großen Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann,
    als bis es sich der Wacharbeit einigermaßen entzogen hat. Wir fanden
    dies gültig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch
    Entstellung veränderten Ausdruck gibt. Der Traumvorgang, sagten
    wir, bemächtigt sich aus Gründen der Assoziationsmechanik leichter
    des frischen oder des gleichgültigen Vorstellungsmaterials, welches
    von der wachen Denktätigkeit noch nicht mit Beschlag belegt ist,
    und aus Gründen der Zensur überträgt er die psychische Intensität
    von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf das Indifferente.
    Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das Kindheits-
    material sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in unserer
    Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden Wunsch
    die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung zuge-
    schrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der äuße-
    ren Sinnesreize während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich
    nicht einfallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis
    zum Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Ge-
    dankenreste. Daß der Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art
    einer Illusion deutet, brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wir

  • S.

    458

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    haben das von den Autoren unbestimmt gelassene Motiv für diese
    Deutung hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, daß das wahrgenom-
    mene Objekt für die Schlafstörung unschädlich und für die Wunsch-
    erfüllung verwendbar wird. Den subjektiven Erregungszustand der
    Sinnesorgane während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd
    nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere Traum-
    quelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente Belebung der
    hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch den
    inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkte der
    Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine,
    wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen uns – die
    Sensationen des Fallens, Schwebens, Geheimtseins – ein allezeit
    bereites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
    Traumgedanken, so oft es not tut, bedient.

    Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint
    uns richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes
    durch das Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des Traum-
    vorganges haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahrschein-
    lich gefunden. Zum Rätsel des überreichen, in den kürzesten Mo-
    ment zusammengedrängten Trauminhaltes konnten wir den Beitrag
    liefern, daß es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde
    des psychischen Lebens handle. Daß der Traum von der Erinnerung
    entstellt und verstümmelt wird, fanden wir richtig, aber nicht hinder-
    lich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von Anfang der
    Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem erbitterten
    und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das Seelen-
    leben nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie bei
    Tage verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz
    recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise
    einer höchst komplizierten, mit fast allen Mitteln des seelischen
    Apparates arbeitenden, intellektuellen Leistung; doch ist es nicht
    abzuweisen, daß diese Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und
    es ist unentbehrlich anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des
    Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom partiellen Schlafe
    zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge
    haben wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern
    in der Einstellung des den Tag beherrschenden psychischen Systems
    auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der Außenwelt
    bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn
    auch nicht als einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung
    ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche Lenkung des Vor-
    stellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird
    darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, daß nach dem Auf
    geben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft ge-
    langen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im Traume haben wir
    nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herkunft einen weit größeren

  • S.

    459

    Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber ge-
    funden, daß sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, korrekte
    und sinnvolle ist. Gewiß nannten auch wir den Traum absurd;
    aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn
    er sich absurd stellt. Von den Funktionen, die dem Traume zuerkannt
    worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Daß der Traum die
    Seele wie ein Ventil entlaste, und daß nach Roberts Ausdruck aller
    lei Schädliches durch das Vorstellen im Traume unschädlich ge-
    macht wird, trifft nicht nur genau mit unserer Lehre von der zwei-
    fachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird
    für uns sogar nach seinem Wortlaute verständlicher als bei Robert.
    Das freie Sichergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten findet
    sich bei uns wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die
    vorbewußte Tätigkeit. Die „Rückkehr auf den embryonalen Stand-
    punkt des Seelenlebens im Traume“ und die Bemerkung von Have-
    lock Ellis, „an archaic world of vast emotions and imperfect
    thoughts“ erscheinen uns als glückliche Vorwegnahmen unserer Aus-
    führungen, die primitive, bei Tage unterdrückte Arbeitsweisen an
    der Traumbildung beteiligt sein lassen; die Behauptung von Sully,
    „der Traum bringe unsere früheren sukzessive entwickelten Persön-
    lichkeiten wieder, unsere alte Art, die Dinge anzusehen, Impulse und
    Reaktionsweisen, die uns vor langen Zeiten beherrscht haben“, konnten
    wir im vollen Umfange zu der unsrigen machen, wie bei Delage
    wird bei uns das „Unterdrückte“ zur Triebfeder des Traumes.

    Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt,
    und die Deutungen Scherners selbst haben wir in vollem Um-
    fange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Lokalität im
    Problem anweisen müssen. Nicht der Traum bildet die Phantasie,
    sondern an der Bildung der Traumgedanken hat die unbewußte
    Phantasietätigkeit den größten Anteil. Wir bleiben Scherner für
    den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet; aber
    fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist der Tätigkeit des
    bei Tage regsamen Unbewußten zuzurechnen, welche die Anregungen
    für die Träume nicht minder ergibt als die für die neurotischen
    Symptome. Die Traumarbeit mußten wir von dieser Tätigkeit als
    etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes absondern.
    Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den Seelenstörungen
    keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden fester be-
    gründet.

    Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere
    Einheit zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten
    und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude
    eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich
    verworfen. Aber auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den
    vielen Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser Vordringen in
    das Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch noch

  • S.

    460

    ein neuer Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die
    Traumgedanken durch völlig normale geistige Arbeit entstehen lassen,
    anderseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen unter
    den Traumgedanken und von ihnen aus zum Trauminhalt aufgefunden,
    welche wir dann bei der Traumdeutung wiederholen. Alles, was wir
    die „Traumarbeit“ geheißen haben, scheint sich von den uns als
    korrekt bekannten psychischen Vorgängen so weit zu entfernen, daß
    die härtesten Urteile der Autoren über die niedrige psychische
    Leistung des Traums uns wohl angebracht dünken müssen.
    Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
    Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen heraus-
    greifen, die zur Traumbildung führen:
    Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken
    ersetzt, die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch
    gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln, daß diese Ge-
    danken unserem normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigen-
    schaften, welche wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch
    welche sie sich als komplizierte Leistungen hoher Ordnung kenn-
    zeichnen, finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber
    keine Nötigung, anzunehmen, daß diese Gedankenarbeit während des
    Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher festgehaltene Vorstellung
    vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese Gedanken
    können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich, von ihrem An-
    stoß an, unserem Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden
    sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser
    Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, daß
    die kompliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Be-
    wußtseins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse
    eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen er-
    fahren mußten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht be-
    wußtseinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewußt worden sind,
    so mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewußtwerden hängt
    mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der Auf-
    merksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quan-
    tität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
    durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie
    solche Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden können,
    ist folgende: Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir,
    daß wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg
    verfolgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche
    der Kritik nicht stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Auf-
    merksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, daß der begonnene
    und verlassene Gedankengang sich dann fortspinnen kann, ohne daß
    sich ihm die Aufmerksamkeit wieder zuwendet, wenn er nicht an einer
    Stelle eine besonders hohe Intensität erreicht, welche die Aufmerksam-
    keit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewußtsein erfolgte Ver-

  • S.

    461

    Der Widerspruch zwischen den beiden Stücken der „Traumarbeit“.

    werfung durch das Urteil, als unrichtig oder als unbrauchbar für den aktuellen Zweck des Denkaktes, kann also die Ursache sein, daß ein Denkvorgang sich vom Bewußtsein unbemerkt bis zum Einschlafen fortsetzt.Resumieren wir, daß wir einen solchen Gedankengang einenvorbewußten heißen, ihn fürs völlig korrekt halten, und daß erebensowohl ein bloß vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weisewir uns den Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, daßvon einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgröße, die wir„Besetzungsenergie“ heißen, längs der durch diese Zielvorstellungausgewählten Assoziationswege verschoben wird. Ein „vernachlässigter“ Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; voneinem „unterdrückten“ oder „verworfenen“ ist sie wieder zurückgezogen worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Derzielbesetzte Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig,die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu ziehen, und erhältdann durch dessen Vermittlung eine „Überbesetzung“. Unsere Annahmen über die Natur und Leistung des Bewußtseins werden wir einwenig später klarlegen müssen.

    Ein so im Vorbewußten angeregter Gedankengang kann spontanerlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir unsso vor, daß seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Assoziationsrichtungen diffundiert, die ganze Gedankenkette in einen erregtenZustand versetzt, der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die abfuhrbedürftige Erregung sich in ruhende Besetzungumwandelt*). Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgangweiter keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber inunserem Vorbewußten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer unbewußten und immer regen Wünsche stammen. Diesekönnen sich der Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen, stellen die Verbindung zwischen ihm und demunbewußten Wunsche her, übertragen ihm die dem unbewußtenWunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der vernachlässigte oderunterdrückte Gedankengang im Stande, sich zu erhalten, obwohl erdurch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den Zugang zum Bewußtsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewußte Gedankengang ist ins Unbewußte gezogen worden.

    Andere Konstellationen zur Traumbildung wären, daß der vorbewußte Gedankengang von vornherein in Verbindung mit dem unbewußten Wunsche stand und darum auf Abweisung von Seite derherrschenden Zielbesetzung stieß, oder daß ein unbewußter Wunschaus anderen (etwa somatischen) Gründen rege geworden ist und ohneEntgegenkommen eine Übertragung auf die vom Vbw nicht besetzten


    *)Vgl. hiezu die bedeutsamen Darlegungen von J. Breuer in unseren„Studien über Hysterie“ 1895 und 2. Aufl. 1909.

  • S.

    462

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle treffen endlich in einem
    Ergebnis zusammen, daß ein Gedankenzug im Vorbewußten zu stande
    kommt, der von der vorbewußten Besetzung verlassen, vom unbe-
    wußten Wunsche her Besetzung gefunden hat.

    Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Um-
    wandlungen, die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge
    anerkennen, und die ein uns befremdendes Resultat, eine psycho-
    pathologische Bildung, ergeben. Wir wollen dieselben herausheben
    und zusammenstellen:

    1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach
    ihrem ganzen Betrage abflußfähig und übergehen von einer Vorstel-
    lung auf die andere, so daß einzelne mit großer Intensität versehene
    Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals
    wiederholt, kann die Intensität eines ganzen Gedankenzuges schließ-
    lich in einem einzigen Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist
    die Tatsache der Kompression oder Verdichtung, die wir während
    der Traumarbeit kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an
    dem befremdenden Eindruck des Traumes, denn etwas ihr Analoges
    ist uns aus dem normalen und dem Bewußtsein zugänglichen Seelen-
    leben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als
    Knotenpunkte oder als Endergebnisse ganzer Gedankenketten eine
    große psychische Bedeutung besitzen, aber diese Wertigkeit äußert
    sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter;
    das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im
    Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische Zusammenhang in die
    Intensität des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der nämliche Fall,
    wie wenn ich in einem Buche ein Wort, dem ich einen überragenden
    Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett drucken
    lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam sprechen
    und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmittelbar
    zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin
    im Traume von Irmas Injektion). Die Kunsthistoriker machen uns
    darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen ein ähn-
    liches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten
    Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König
    wird zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein Gefolge oder der
    überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu
    demselben Zwecke feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des
    Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, be-
    sondere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die
    Feinde zu seinen Füßen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter
    Zwergen erscheinen lassen. Indes ist die Verbeugung des Untergebenen
    vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein Nachklang
    jenes alten Darstellungsprinzips.

    Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes fort-
    schreiten, ist einerseits durch die korrekten vorbewußten Relationen

  • S.

    463

    der Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der visuellen
    Erinnerungen im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der Ver-
    dichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruche gegen
    die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.

    2. Es werden wiederum durch freie Übertragbarkeit der Inten-
    sitäten und im Dienste der Verdichtung Mittelvorstellungen ge-
    bildet, Kompromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleich-
    falls etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor
    allem auf die Auswahl und Festhaltung des „richtigen“ Vorstellungs-
    elementes ankommt. Dagegen ereignen sich Misch- und Kompromiß-
    bildungen außerordentlich häufig, wenn wir für die vorbewußten Ge-
    danken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten des
    „Versprechens“ angeführt.

    3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen,
    stehen in den lockersten Beziehungen zueinander und sind
    durch solche Arten von Assoziationen verknüpft, welche von unserem
    Denken verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnutzung
    überlassen werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlaut-
    assoziationen als den anderen gleichwertig.

    4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach,
    einander aufzuheben, sondern bestehen nebeneinander, setzen sich oft,
    als ob kein Widerspruch bestünde, zu Verdichtungsprodukten zu-
    sammen oder bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie ver-
    zeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheißen.

    Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen
    im Laufe der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traum-
    gedanken unterzogen werden. Man erkennt als den Hauptcharakter
    derselben, daß aller Wert darauf gelegt wird, die besetzende Energie
    beweglich und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene
    Bedeutung der psychischen Elemente, an denen diese Besetzungen
    haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die Verdich-
    tung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste der Regression,
    wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwan-
    deln. Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese
    solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B.
    des Traumes „Autodidasker – Gespräch mit Hofrat N.“, ergeben
    die nämlichen Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die
    anderen.

    So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an
    der Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge
    beteiligt sind; der eine schafft vollkommen korrekte, dem normalen
    Denken gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit den
    selben auf eine höchst befremdende, inkorrekte Weise. Den letzteren
    haben wir schon im Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit ab-
    gesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren psy-
    chischen Vorganges vorzubringen?

  • S.

    464

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein
    Stück weit in die Psychologie der Neurosen, speziell der Hysterie,
    eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die nämlichen
    inkorrekten psychischen Vorgänge – und noch andere nicht auf
    gezählte – die Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen.
    Auch bei der Hysterie finden wir zunächst eine Reihe von völlig
    korrekten, unbewußten ganz gleichwertigen Gedanken, von deren
    Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können, die wir erst
    nachträglich rekonstruieren. Wenn sie irgendwo zu unserer Wahr-
    nehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der Analyse des
    gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken eine abnorme
    Behandlung erlitten haben und mittels Verdichtung, Kompro-
    mißbildung, über oberflächliche Assoziationen, unter
    Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der
    Regression in das Symptom übergeführt worden sind. Bei
    der vollen Identität zwischen den Eigentümlichkeiten der Traumarbeit
    und der psychischen Tätigkeit, welche in die psychoneurotischen
    Symptome ausläuft, werden wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse,
    zu denen uns die Hysterie nötigt, auf den Traum zu übertragen.

    Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, daß
    solche abnorme psychische Bearbeitung eines normalen
    Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn dieser zur Über-
    tragung eines unbewußten Wunsches geworden ist, der aus
    dem Infantilen stammt und sich in der Verdrängung be-
    findet. Diesem Satze zuliebe haben wir die Theorie des Traumes auf
    die Annahme gebaut, daß der treibende Traumwunsch allemal aus
    dem Unbewußten stammt, was, wie wir selbst zugestanden, sich nicht
    allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurückweisen läßt. Um aber
    sagen zu können, was die „Verdrängung“ ist, mit deren Namen wir
    schon so oft gespielt haben, müssen wir ein Stück an unserem psycho-
    logischen Gerüste weiterbauen.

    Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen
    Apparates vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird,
    Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungs-
    los zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflexapparates
    gebaut; die Motilität, zunächst der Weg zur inneren Veränderung des
    Körpers, war die ihm zu Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten
    dann die psychischen Folgen eines Befriedigungserlebnisses und hätten
    dabei schon die zweite Annahme einfügen können, daß Anhäufung
    der Erregung – nach gewissen uns nicht bekümmernden Modalitäten
    – als Unlust empfunden wird und den Apparat in Tätigkeit versetzt,
    um das Befriedigungserlebnis, bei dem die Verringerung der Erregung
    als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen. Eine solche, von der
    Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im Apparat heißen
    wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als ein Wunsch
    sei im stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der Ablauf

  • S.

    465

    der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen
    von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein halluzi-
    natorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein. Diese
    Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung
    festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürf-
    nisses, also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizu-
    führen.

    Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucks-
    weise die Tätigkeit eines zweiten Systems – notwendig, welche nicht
    gestattete, daß die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe
    und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern die vom Be-
    dürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite, der endlich
    über die willkürliche Motilität die Außenwelt so verändert, daß die
    reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjektes eintreten kann. So weit
    haben wir das Schema des psychischen Apparates bereits verfolgt; die
    beiden Systeme sind der Keim zu dem, was wir als Ubw und Vbw in
    den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.

    Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern
    zu können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Er-
    fahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixie-
    rung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in
    diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen nun
    in unseren Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen aus-
    sendende und wieder einziehende Tätigkeit des zweiten Systems be-
    darf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial;
    andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungs-
    quantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, die dann unzweck-
    mäßig abströmen und die für die Veränderung der Außenwelt not-
    wendige Quantität verringern würden. Der Zweckmäßigkeit zuliebe
    postuliere ich also, daß es dem zweiten System gelingt, die Energie-
    besetzung zum größeren Anteil in Ruhe zu erhalten und nur einen
    kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden. Die Mechanik dieser
    Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen Vorstellungen Ernst
    machen wollte, müßte die physikalischen Analogien heraussuchen und
    sich einen Weg zur Veranschaulichung des Bewegungsvorganges bei
    der Neuronenerregung bahnen. Ich halte nur an der Vorstellung fest,
    daß die Tätigkeit des ersten W-Systems auf freies Abströmen der
    Erregungsquantitäten gerichtet ist, und daß das zweite System
    durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses
    Abströmens, eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl
    unter Niveauerhöhung herbeiführt. Ich nehme also an, daß der
    Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des zweiten Systems an
    ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird als unter der
    Herrschaft des ersten. Hat das zweite System seine probende Denk-
    arbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung der Er-
    regungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.

    Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.

  • S.

    466

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man
    die Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur
    Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns
    das Gegenstück zum primären Befriedigungs-
    erlebnis auf, das äußere
    Schreckerlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primi-
    tiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es
    werden dann solange ungeordnete motorische Äußerungen erfolgen,
    bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig
    dem Schmerze entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahr-
    nehmung sofort wiederholt werden (etwa als Fluchtbewegung), bis
    die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird aber hier keine
    Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle halluzi-
    natorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird im pri-
    mären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Erinnerungsbild
    sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen, weil ja
    das Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung Unlust hervor-
    rufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt). Die Abwendung von
    der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der einstigen Flucht vor
    der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, daß die Er-
    innerung nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um
    das Bewußtsein zu erregen und hiedurch neue Besetzung an sich zu
    ziehen. Diese mühelose und regelmäßig erfolgende Abwendung des
    psychischen Vorganges von der Erinnerung des einst Peinlichen gibt
    uns das Vorbild und das erste Beispiel der psychischen Verdrän-
    gung. Es ist allgemein bekannt, wie viel von dieser Abwendung vom
    Peinlichen, von der Taktik des Vogels Strauß, noch im normalen
    Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar geblieben ist.

    Zufolge des Unlustprinzips ist das erste Ψ-System also über-
    haupt unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu
    ziehen. Das System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es
    so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches
    die Verfügung über alle in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen
    braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege; entweder macht sich die
    Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren
    Weg fort, ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie
    versteht es, die Unlusterinnerung in solcher Weise zu besetzen, daß
    die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können die erste
    Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprinzip zeigt sich auch als
    Regulator für den Erregungsablauf des zweiten Systems; somit werden
    wir auf die zweite gewiesen, daß dies System eine Erinnerung so be-
    setzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird, also auch der einer
    motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur Entwicklung der
    Unlust. Zur Hypothese, daß die Besetzung durch das zweite System
    gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung darstellt,
    werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der
    Rücksicht auf das Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinsten

  • S.

    467

    Primär- und Sekundärvorgang.

    Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest – es ist der
    Schlüssel zur Verdrängungslehre –, daß das zweite System nur
    dann eine Vorstellung besetzen kann, wenn es im Stande ist,
    die von ihr ausgehende Unlustentwicklung zu hemmen. Was
    sich etwa dieser Hemmung entzöge, bliebe auch für das zweite System
    unzugänglich, würde dem Unlustprinzip zufolge alsbald verlassen
    werden. Die Hemmung der Unlust braucht indes keine vollständige
    zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden, da es dem
    zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde
    Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.

    Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zu-
    läßt, werde ich jetzt Primärvorgang nennen; den, der sich unter
    der Hemmung des zweiten ergibt, Sekundärvorgang. Ich kann
    noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite
    System den Primärvorgang korrigieren muß. Der Primärvorgang
    strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der so gesammelten Er-
    regungsgröße eine Wahrnehmungsidentität herzustellen; der Se-
    kundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die
    andere aufgenommen, eine Denkidentität zu erzielen. Das ganze
    Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung genommenen
    Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung derselben Er-
    innerung, die auf dem Wege über die motorischen Erfahrungen wieder
    erreicht werden soll. Das Denken muß sich für die Verbindungswege
    zwischen den Vorstellungen interessieren, ohne sich durch die Inten-
    sitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar, daß die Ver-
    dichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Kompromißbildungen in
    der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich sind; indem sie die
    eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom Wege ab, der
    von der ersteren weitergeführt hatte. Solche Vorgänge werden also
    im sekundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer
    zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es
    sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in
    der Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz
    des Denkens muß also dahin gehen, sich von der ausschließlichen
    Regulierung durch das Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die
    Affektentwicklung durch die Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch
    als Signal verwertbar ist, einzuschränken. Durch eine neuerliche
    Überbesetzung, die das Bewußtsein vermittelt, soll diese Verfeinerung
    der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, daß diese selbst im
    normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt, und daß unser
    Denken der Fälschung durch die Einmengung des Unlustprinzips
    immer zugänglich bleibt.

    Aber nicht dies ist die Lücke in der Funktionstüchtigkeit
    unseres seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, daß Ge-
    danken, die sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit darstellen,
    dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel
    30*

  • S.

    468

    wir jetzt die zum Traume und zu den hysterischen Symptomen füh-
    rende Arbeit beschreiben können. Der Fall von Unzulänglichkeit er-
    gibt sich durch das Zusammentreffen zweier Momente aus unserer
    Entwicklungsgeschichte, von denen das eine ganz dem seelischen
    Apparat anheimfällt und einen maßgebenden Einfluß auf das Ver-
    hältnis der beiden Systeme ausgeübt hat, das andere aber im wech-
    selnden Betrage zur Geltung kommt und Triebkräfte organischer Her-
    kunft ins Seelenleben einführt. Beide stammen aus dem Kinderleben
    und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser seelischer und
    somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren hat.

    Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den
    primären benannt habe, so tat ich dies nicht allein mit Rücksicht
    auf die Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte auch die
    zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein
    psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert
    zwar unseres Wissens nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion;
    aber so viel ist tatsächlich, daß die Primärvorgänge in ihm von An-
    fang an gegeben sind, während die sekundären erst allmählich im
    Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären hemmen und über-
    lagern und ihre volle Herrschaft über sie vielleicht erst mit der Lebens-
    höhe erreichen. Infolge dieses verspäteten Eintreffens der sekundären
    Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewußten Wunsch-
    regungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das Vorbewußte,
    dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus dem
    Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege
    anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren
    seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen
    haben, den etwa abzuleiten und auf höherstehende Ziele zu lenken
    sie sich bemühen dürfen. Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials
    bleibt auch infolge dieser Verspätung der vorbewußten Besetzung un-
    zugänglich.

    Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren
    und unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche,
    deren Erfüllung in das Verhältnis des Widerspruches zu den Ziel-
    vorstellungen des sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung
    dieser Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlust-
    affekt hervorrufen, und eben diese Affektverwandlung macht
    das Wesen dessen aus, was wir als „Verdrängung“ bezeich-
    nen und worin wir die infantile Vorstufe der Verurteilung
    (der Verwerfung durch das Urteilen) erkennen. Auf welchem
    Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung vor sich
    gehen kann, darin besteht das Problem der Verdrängung, das wir hier
    nur zu streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten, daß eine solche
    Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung vorkommt (man denke
    nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels im Kinderleben),
    und daß sie an die Tätigkeit des sekundären Systems geknüpft ist.

  • S.

    469

    Die Verdrängung.

    Die Erinnerungen, von denen aus der unbewußte Wunsch die Affekt-
    entbindung hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum
    ist deren Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser
    Affektentwicklung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den
    vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft
    übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und ver-
    anlaßt, daß das Vbw sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet.
    Dieselben werden sich selbst überlassen, „verdrängt“, und somit wird
    das Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an ent-
    zogenen Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.

    Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende,
    sowie den Übertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen ist,
    und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprinzips als
    zweckmäßig. Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch
    eine organische Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungs-
    gedanken leihen, wodurch er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer
    Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch wenn sie
    von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es kommt dann
    zum Abwehrkampfe, indem das Vbw den Gegensatz gegen die ver-
    drängten Gedanken verstärkt, und in weiterer Folge zum Durch-
    dringen der Übertragungsgedanken, welche Träger des unbewußten
    Wunsches sind, in irgend einer Form von Kompromiß durch Symptom-
    bildung. Von dem Moment aber, da die verdrängten Gedanken von der
    unbewußten Wunscherregung kräftig besetzt, von der vorbewußten
    Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie dem primären
    psychischen Vorgang, zielen sie nur auf motorische Abfuhr oder,
    wenn der Weg frei ist, auf halluzinatorische Belebung der gewünschten
    Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher empirisch gefunden, daß
    die beschriebenen inkorrekten Vorgänge sich nur mit Gedanken ab-
    spielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt ein weiteres
    Stück des Zusammenhanges. Diese inkorrekten Vorgänge sind die
    im psychischen Apparat primären; sie treten überall dort ein,
    wo Vorstellungen von der vorbewußten Besetzung verlassen,
    sich selbst überlassen werden und sich mit der ungehemm-
    ten, nach Abfluß strebenden Energie vom Unbewußten her
    erfüllen können. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu,
    die Auffassung zu stützen, daß diese inkorrekt genannten Vorgänge
    nicht wirklich Fälschungen der normalen Denkfehler sind, sondern
    die von einer Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen
    Apparates. So sehen wir, daß die Überleitung der vorbewußten Er-
    regung auf die Motilität nach denselben Vorgängen geschieht, und daß
    die Verknüpfung der unbewußten Vorstellungen mit Worten leicht
    die nämlichen, der Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebun-
    gen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte sich ein Beweis für den
    Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufs-
    weisen notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß wir einen

  • S.

    470

    komischen Effekt, einen durch Lachen abzuführenden Überschuß
    erzielen, wenn wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum
    Bewußtsein vordringen lassen.

    Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender
    Sicherheit, daß es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen
    sein können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die
    Verdrängung (Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren Ent-
    wicklungperioden dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge
    der sexuellen Konstitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bi-
    sexualität herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des se-
    xuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle psychoneuroti-
    sche Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser
    sexuellen Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung noch auf-
    weisbaren Lücken zu schließen. Ich will es dahingestellt sein lassen,
    ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie
    des Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet,
    weil ich schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedes-
    mal aus dem Unbewußten, einen Schritt weit über das Beweisbare
    hinausgegangen bin*). Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin
    der Unterschied im Spiele der psychischen Kräfte bei der Traum-
    bildung und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen ist;


    *)Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des
    Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits einen
    zu großen Aufwand, anderseits die Anlehnung an ein dem Traume fremdes Material
    erfordern würde. So habe ich es z. B. vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte
    „unterdrückt“ einen anderen Sinn verbinde als mit dem Worte „verdrängt“. Es
    dürfte nur klar geworden sein, daß letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewußten
    stärker als das erstere betont. Ich bin auf das naheliegende Problem nicht ein
    gegangen, warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Zensur auch für
    den Fall erfahren, daß sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewußtsein ver-
    zichten und sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl. Unterlassungen
    mehr. Es kam mir vor allem darauf an, einen Eindruck von den Problemen zu
    erwecken, zu denen die weitere Zergliederung der Traumarbeit führt, und die
    anderen Themata anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammentrifft.
    Die Entscheidung, an welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden soll, ist
    mir dann nicht immer leicht geworden. – Daß ich die Rolle des sexuellen Vor-
    stellungslebens für den Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von
    Träumen mit offenkundig sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer be-
    sonderen Motivierung, die sich vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt.
    Es liegt gerade meinen Anschauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der
    Neuropathologie vertrete, völlig fern, das Sexualleben als ein Pudendum anzu-
    sehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen Forscher zu bekümmern
    hat. Auch fand ich die sittliche Entrüstung lächerlich, durch welche der Über-
    setzer von Artemidoros’ „Symbolik der Träume“ sich anscheinend hatte be- wegen lassen, das dort enthaltene Kapitel über sexuelle Träume der Kenntnis der
    Leser zu unterschlagen, bis ich von diesem erfuhr, daß er einer Weisung des Ver-
    legers hatte folgen müssen. (Seither ist dieses Kapitel übrigens im IX. Bande
    der „Anthropophyteia“ deutsch erschienen.) Für mich war allein die Einsicht
    maßgebend, daß ich mich bei der Erklärung sexueller Träume tief in die noch
    ungeklärten Probleme der Perversion und der Bisexualität verstricken müßte, und
    so sparte ich mir dies Material für einen anderen Zusammenhang.

  • S.

    471

    es fehlt uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen der in Vergleich
    zu bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Wert
    und schicke das Bekenntnis voraus, daß ich nur dieses Punktes
    wegen all die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme,
    ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe.
    Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehen-
    den psychologischen Verhältnisse annähernd richtig oder, wie bei so
    schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefaßt
    habe. Wie immer die Deutung der psychischen Zensur, der korrek-
    ten und der abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern
    mag, es bleibt gültig, daß solche Vorgänge bei der Traumbildung wirk-
    sam sind, und daß sie im Wesentlichen die größte Analogie mit den
    bei der hysterischen Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen.
    Nun ist der Traum kein pathologisches Phänomen; er hat keine
    Störung des psychischen Gleichgewichtes zur Voraussetzung; er
    hinterläßt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit. Der Einwand,
    daß meine Träume und die meiner neurotischen Patienten nicht auf
    die Träume gesunder Menschen schließen lassen, dürfte wohl ohne
    Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den Phänomenen
    auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der psychische
    Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch eine
    das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird, son
    dern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt.
    Die beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen ihnen,
    die Hemmung und Überlagerung der einen Tätigkeit durch die andere,
    die Beziehungen beider zum Bewußtsein – oder was eine richtigere
    Deutung der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag;
    – das alles gehört zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes,
    und der Traum zeigt uns einen der Wege, die zur Kenntnis der
    Struktur desselben führen. Wenn wir uns mit einem Minimum von
    völlig gesichertem Erkenntniszuwachs begnügen wollen, so werden
    wir sagen, der Traum beweist uns, daß das Unterdrückte auch
    beim normalen Menschen fortbesteht und psychischer Lei-
    stungen fähig bleibt. Der Traum ist selbst eine der Äußerungen
    dieses Unterdrückten; nach der Theorie ist er es in allen Fällen,
    nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer großen Anzahl,
    welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade am deut-
    lich zur Schau trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im Wach-
    leben durch die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche
    am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abge-
    schnitten wurde, findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der
    Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich dem Bewußtsein auf-
    zudrängen.

    Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.
    Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis
    des Unbewußten im Seelenleben.

  • S.

    472

    Indem wir in der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein
    Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten
    und allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück
    weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen –
    pathologisch zu heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung
    desselben vorzudringen. Denn die Krankheit – wenigstens die mit
    Recht funktionell genannte – hat nicht die Zertrümmerung dieses
    Apparates, die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Innern zur
    Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären durch Stärkung und
    Schwächung der Komponenten des Kräftespiels, von dem so viele
    Wirkungen während der normalen Funktion verdeckt sind. An an-
    derer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die Zusammensetzung
    des Apparates aus den beiden Instanzen eine Verfeinerung auch der
    normalen Leistung gestattet, die einer einzigen unmöglich wäre*).

    f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. – Die Realität.

    Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei
    Systemen nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von
    zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung, deren
    Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehen-
    den Abschnitte nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere
    Hilfsvorstellungen fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein,
    wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas anderes zu er-
    setzen, was der unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist. Ver-
    suchen wir es jetzt, einige Anschauungen richtigzustellen, die sich
    mißverständlich bilden konnten, solange wir die beiden Systeme im
    nächsten und rohsten Sinne als zwei Lokalitäten innerhalb des seeli-
    schen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die ihren Nieder-
    schlag in den Ausdrücken „verdrängen“ und „durchdringen“ zurück-
    gelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter Gedanke strebe
    nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann zum Bewußtsein durch-
    zudringen, so meinen wir nicht, daß ein zweiter an neuer Stelle ge-
    legener Gedanke gebildet werden soll, eine Überschrift gleichsam,
    neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen
    zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung sorg-
    fältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewußter Gedanke wird ver-
    drängt und dann vom Unbewußten aufgenommen, so könnten uns
    diese dem Vorstellungskreise des Kampfes um ein Terrain entlehn-
    ten

    *)Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die Psychopathologie
    auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer kleinen, damals nicht abge-
    schlossenen Reihe von Aufsätzen in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neuro-
    logie (über den psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit 1898 – über Deck-
    erinnerungen 1899) suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erschei-
    nungen als Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten. Diese und weitere Auf-
    sätze über Vergessen, Versprechen, Vergreifen usw. sind seither als „Psycho-
    pathologie des Alltagslebens“ gesammelt erschienen (1904, 4. Aufl. 1912).

  • S.

    473

    Bilder zur Annahme verlocken, daß wirklich in der einen psychischen
    Lokalität eine Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der ande-
    ren Lokalität ersetzt wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was
    dem realen Sachverhalt besser zu entsprechen scheint, daß eine Energie-
    besetzung auf eine bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurück-
    gezogen wird, so daß das psychische Gebilde unter die Herrschaft
    einer Instanz gerät oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum
    eine topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das
    psychische Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen
    Innervation.

    Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die an-
    schauliche Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir
    weichen jedem Mißbrauche dieser Darstellungsweise aus, wenn wir
    uns erinnern, daß Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im
    allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nerven-
    systems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen zwischen
    ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende
    Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung
    werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der Lichtstrahlen
    gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber, die selbst nichts Psy-
    chisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich
    werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich den Linsen des Fern-
    rohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses Gleichnisses
    entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der Strahlenbrechung
    beim Übergange in ein neues Medium.

    Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es
    ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige
    Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstel-
    lungen zu prüfen. Die Frage des Unbewußten in der Psychologie ist
    nach dem kräftigen Worte von Lipps*) weniger eine psychologische
    Frage, als die Frage der Psychologie. Solange die Psychologie diese
    Frage durch die Worterklärung erledigte, das „Psychische“ sei eben
    das „Bewußte“ und „unbewußte psychische Vorgänge“ ein greif-
    barer Widersinn, blieb eine psychologische Verwertung der Beob-
    achtungen, welche ein Arzt an abnormen Seelenzuständen gewinnen
    konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und der Philosoph
    zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte psychische Vorgänge
    seien „der zweckmäßige und wohlberechtigte Ausdruck für eine
    feststehende Tatsache“. Der Arzt kann nicht anders, als die Ver-
    sicherung, „das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
    Psychischen“, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein
    Respekt vor den Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist,
    annehmen, sie behandelten nicht dasselbe Objekt und trieben nicht


    *)„Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie“. – Vortrag auf dem
    dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München 1897.

  • S.

    474

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnis-
    volle Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige
    Traumanalyse, muß ihm die unerschütterliche Überzeugung auf-
    drängen, daß die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge
    denen man doch den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen
    wird, vorfallen können, ohne das Bewußtsein der Person zu erregen*).
    Gewiß erhält der Arzt von diesen unbewußten Vorgängen nicht eher
    Kunde, als bis sie eine Mitteilung oder Beobachtung zulassende
    Wirkung auf das Bewußtsein ausgeübt haben. Aber dieser Bewußt-
    seinseffekt kann einen von dem unbewußten Vorgang ganz abweichen-
    den psychischen Charakter zeigen, so daß die innere Wahrnehmung
    unmöglich den einen als den Ersatz des anderen erkennen kann. Der
    Arzt muß sich das Recht wahren, durch einen Schlußprozeß vom
    Bewußtseinseffekt zum unbewußten psychischen Vorgang vorzu-
    dringen; er erfährt auf diesem Wege, daß der Bewußtseinseffekt nur
    eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten Vorganges ist,
    und daß letzterer nicht als solcher bewußt geworden ist, auch daß
    er bestanden und gewirkt hat, ohne sich noch dem Bewußtsein irgend-
    wie zu verraten.

    Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigen-
    schaft wird zur unerläßlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht
    in den Hergang des Psychischen. Das Unbewußte muß nach dem
    Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen Lebens
    angenommen werden. Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den
    kleineren des Bewußten in sich einschließt; alles Bewußte hat eine
    unbewußte Vorstufe, während das Unbewußte auf dieser Stufe stehen
    bleiben und doch den vollen Wert einer psychischen Leistung be-
    anspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische,
    uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale
    der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins
    ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die
    Angaben unserer Sinnesorgane.

    Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben
    durch die Einsetzung des unbewußten Psychischen in die ihm ge-
    bührende Stellung entwertet ist, so werden eine Reihe von Traum-
    problemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend be-
     


    *)Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der aus dem Studium
    des Traumes den nämlichen Schluß über das Verhältnis der bewußten zur un-
    bewußten Tätigkeit gezogen hat.

    Du Prel sagt: „Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar eine Vor-
    untersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch seien. Gerade diese
    Vorfrage nun wird vom Traume verneint, welcher zeigt, daß der Begriff der
    Seele über den des Bewußtseins hinausragt, wie etwa die Anziehungskraft eines
    Gestirnes über seine Leuchtsphäre“ (Philos. d. Mystik, p. 47).

    „Es ist eine Wahrheit, die man nicht nachdrücklich genug hervorheben
    kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von gleicher Ausdehnung sind“
    (p. 306).

  • S.

    475

    schäftigt haben. So manche Leistungen, über deren Vollziehung im
    Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht mehr dem Traume
    anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden unbewußten
    Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisierenden Darstellung
    des Körpers, nach Scherner, zu spielen scheint, so wissen wir, dies
    ist die Leistung gewisser unbewußter Phantasien, die wahrscheinlich
    sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht nur im Traume, son-
    dern auch in den hysterischen Phobien und anderen Symptomen zum
    Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des Tages fortführt
    und erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert, so haben
    wir hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der
    Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der
    Seelentiefen (vgl. den Teufel in Tartinis Sonatentraum). Die in-
    tellektuelle Leistung selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tags-
    über alle solche vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu
    hohem Maße zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der
    intellektuellen und künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen
    einiger höchstproduktiver Menschen, wie Goethe und Helmholtz,
    erfahren wir doch eher, daß das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfun-
    gen ihnen einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahr-
    nehmung kam. Die Mithilfe der bewußten Tätigkeit in anderen Fällen
    hat nichts Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte
    vorlag. Aber es ist das viel mißbrauchte Vorrecht der bewußten Tätig- keit, daß sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer sie mittut.
    Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der
    Träume als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling
    etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt
    wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat,
    da ergibt sich ein neues Problem nur so lange, als man den Traum
    wie eine fremde Macht anderen vertrauteren Seelenkräften gegenü-
    berstellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des Ausdruckes
    für Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Widerstand lastete,
    und die sich bei Nacht Verstärkung aus tiefliegenden Erregungs-
    quellen holen konnten*). Die Achtung aber, mit der dem Traume bei
    den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige psychologische
    Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und Un-
    zerstörbaren in der Menschenseele, dem Dämonischen, welches den
    Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Unbewußten wieder-
    finden.

    Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewußten, denn
    was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewußten der Philo-
    sopben, auch nicht mit dem Unbewußten bei Lipps. Dort soll es
    bloß den Gegensatz zu dem Bewußten bezeichnen; daß es außer den

    *)Vgl. hiezu den oben p. 76 Anm. mitgeteilten Traum (Σα-τυρος) Ale-
    xanders d. Gr. bei der Belagerung von Tyrus.

  • S.

    476

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    bewußten Vorgängen auch unbewußte psychische gibt, ist die heiß
    bestrittene und energisch verteidigte Erkenntnis. Bei Lipps hören
    wir von dem weiter reichenden Satze, daß alles Psychische als un-
    bewußt vorhanden ist, einiges davon dann auch als bewußt. Aber
    nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die Phänomene des
    Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen; die
    Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn über
    jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse der psy-
    chopathologischen Bildungen und schon ihres ersten Gliedes, der
    Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte – also das Psy-
    chische – als Funktion zweier gesonderter Systeme vorkommt und
    schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also zweierlei
    Unbewußtes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert
    finden. Beides ist Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in
    unserem ist das eine, das wir Ubw heißen, auch bewußtseins-
    unfähig, während das andere Vbw von uns darum genannt wird,
    weil dessen Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser Regeln,
    vielleicht erst unter Überstehung einer neuen Zensur, aber doch ohne
    Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewußtsein gelangen können.
    Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum Bewußtsein zu kommen,
    eine unabänderliche Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen
    haben, der uns durch ihre Zensurveränderung verraten wurde, diente
    uns zur Aufstellung eines Gleichnisses aus der Räumlichkeit. Wir
    beschrieben die Beziehungen der beiden Systeme zueinander und
    zum Bewußtsein, indem wir sagten, das System Vbw stehe wie ein
    Schirm zwischen dem System Ubw und dem Bewußtsein. Das System
    Vbw sperre nicht nur den Zugang zum Bewußtsein, es beherrsche
    auch den Zugang zur willkürlichen Motilität und verfüge über die
    Aussendung einer mobilen Besetzungsenergie, von der uns ein An-
    teil als Aufmerksamkeit vertraut ist*).

    Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewußtsein,
    die in der neueren Literatur der Psychoneurosen so beliebt ge-
    worden ist, müssen wir uns fernhalten, da gerade sie die Gleich-
    stellung des Psychischen und des Bewußten zu betonen scheint.
    Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst all-
    mächtigen, alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als
    die eines Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer
    Qualitäten. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Ver-
    suches können wir die Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene
    Leistung eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die
    Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Das System denken wir uns
    in seinen mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungs-

    *)Vgl. hiezu meine „Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in
    der Psychoanalyse“ (englisch in Proceedings of the Society for Psychical Rese-
    arch, vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische Be-
    deutung des vieldeutigen Wortes „unbewußt“ voneinander geschieden werden.

  • S.

    477

    systeme W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig, die Spur
    von Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psy-
    chische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Außen-
    welt zugekehrt ist, ist selbst Außenwelt für das Sinnesorgan des Bw,
    dessen teleologische Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht. Das
    Prinzip des Instanzenzuges, welches den Bau des Apparates zu be-
    herrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material
    an Erregungen fließt dem Bw-Sinnesorgan von zwei Seiten her zu,
    von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
    wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur be-
    wußten Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates selbst,
    dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust und Un-
    lust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen an-
    gelangt sind.

    Die Philosophen, welche inne wurden, daß korrekte und hoch
    zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des Be-
    wußtseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit empfunden,
    dem Bewußtsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als
    überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die
    Analogie unseres Bw-Systems mit den Wahrnehmungssystemen ent-
    reißt uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, daß die Wahrnehmung durch
    unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung
    auf die Wege zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung
    sich verbreitet; die qualitative Erregung des W-Systems dient der
    mobilen Quantität im psychischen Apparat als Regulator ihres Ab-
    laufes. Dieselbe Verrichtung können wir für das überlagernde Sinnes-
    organ des Bw-Systems in Anspruch nehmen. Indem es neue Quali-
    täten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag zur Lenkung und
    zweckmäßigen Verteilung der mobilen Besetzungsquantitäten. Mittels
    der Lust- und Unlustwahrnehmung beeinflußt es den Verlauf der
    Besetzungen innerhalb des sonst unbewußt und durch Quantitäts-
    verschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es ist wahr-
    scheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der Besetzung
    zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich, daß das
    Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulierung
    hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
    Leistungsfähigkeit des Apparates vervollkommnet, indem sie ihn gegen
    seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit Unlust-
    empfindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbeitung zu unter-
    ziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen Re-
    gulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große
    Rolle bei der Funktionstätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die
    automatische Herrschaft des primären Unlustprinzips und die damit
    verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die
    sensiblen Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, ge-
    brochen. Man erfährt, daß die Verdrängung, die, ursprünglich zweck-
     

  • S.

    478

    mäfig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische
    Beherrschung ausläuft, sich soviel leichter an Erinnerungen als an
    Wahrnehmungen vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs
    durch die Erregung der psychischen Sinnesorgane ausbleiben muß.
    Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewußt wird, weil
    er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male nur darum
    verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der Bewußtseinswahr
    nehmung entzogen wurde. Es sind das Winke, deren sich die Therapie
    bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.
    Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden
    Einfluß des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt
    wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dar-
    getan als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit
    einer neuen Regulierung, welche vielleicht zu den Vorrechten der
    Menschen vor den Tieren gehört. Die Denkvorgänge sind nämlich
    an sich qualitätslos bis auf die sie begleiteten Lust- und Unlust-
    erregungen, die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken
    gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden
    sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert, deren Qua-
    litätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf
    sie zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Be-
    setzung zuzuwenden.
    Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich
    erst bei der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen.
    Man empfängt dann den Eindruck, daß auch der Übergang vom Vor-
    bewußten zur Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist,
    ähnlich der Zensur zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Zensur setzt
    erst bei einer gewissen quantitativen Grenze ein, so daß ihr wenig
    intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle möglichen Fälle der Ab-
    haltung von dem Bewußtsein sowie des Durchdringens zu demselben
    unter Einschränkungen finden sich im Rahmen der psychoneuroti-
    schen Phänomene vereinigt; sämtlich weisen sie auf den innigen und
    zweiseitigen Zusammenhang zwischen Zensur und Bewußtsein hin.
    Mit der Mitteilung zweier derartiger Vorkommnisse will ich diese
    psychologischen Erörterungen beschließen.
    Ein Konsilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent
    und unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend;
    wo doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt
    ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse
    offen. Sie klagt über Schmerzen in einem Beine und entblößt unauf-
    gefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich: Sie hat
    ein Gefühl im Leibe, als ob etwas darin stecken würde, was
    sich hin und her bewegt und sie durch und durch erschüttert.
    Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie steif. Mein mit-
    anwesender Kollege sieht mich dabei an; er findet die Klage nicht
    mißverständlich. Merkwürdig erscheint uns beiden, daß die Mutter

  • S.

    479

    Zensur und Bewußtsein.

    der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß sich ja wiederholt in
    der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt. Das Mäd-
    chen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst
    würde sie dieselbe nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die
    Zensur so abzublenden, daß eine sonst im Vorbewußten verbleibende
    Phantasie wie harmlos in der Maske einer Klage zum Bewußtsein
    zugelassen wird.

    Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Be-
    handlung mit einem 14jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hyste-
    rischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm ver-
    sichere, er werde nach dem Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle
    bekommen, die er mir mitteilen soll. Er antwortet in Bildern. Der
    letzte Eindruck, ehe er zu mir gekommen ist, lebt in seiner Erinne-
    rung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel gespielt
    und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene Stellun-
    gen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man nicht machen
    darf. Dann sieht er auf dem Brette einen Dolch liegen, einen Gegen-
    stand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett
    verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brette, dann kommt eine
    Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern auf, der das
    Gras vor dem entfernten heimatlichen Hause mit der Sense mäht.
    Nach wenigen Tagen habe ich das Verständnis für diese Aneinander-
    reihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse
    haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger
    Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel
    Drohungen waren; die Scheidung des Vaters von der weichen und
    zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung des Vaters, der eines
    Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause brachte. In
    den ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14jährigen Knaben
    aus. Es ist die unterdrückte Wut gegen den Vater, die jene Bilder
    zu verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminis-
    zenz aus der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die,
    mit der Zeus den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern
    schildern den Kronos, den gewalttätigen Alten, der seine Kinder frißt,
    und an dem Zeus so unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters
    war eine Gelegenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurück-
    zugeben, die das Kind früher einmal von ihm gehört hatte, weil es
    mit den Genitalien spielte (das Brettspiel; die verbotenen Züge; der
    Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind es langverdrängte
    Erinnerungen und deren unbewußt gebliebene Abkömmlinge, die auf
    dem ihnen eröffneten Umwege sich als scheinbar sinnlose Bilder
    ins Bewußtsein schleichen.

    So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung
    mit dem Traume in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis
    und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen
    suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründ-

  • S.

    480

    VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.

    liche Bekanntschaft mit dem Bau und den Leistungen des Seelen-
    apparates noch erheben kann, wenn schon der heutige Stand unseres
    Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an sich
    heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der praktische
    Wert dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die Seelenkenntnis,
    die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften der einzel-
    nen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum offen-
    bart, nicht den Wert von realen Mächten im Seelenleben? Ist die
    ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen,
    die, wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?

    Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Frage zu antworten.
    Meine Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter
    verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Un-
    recht, welcher einen Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt
    hatte, daß er den Imperator ermorde. Er hätte sich zuerst darum
    bekümmern sollen, was dieser Traum bedeute; sehr wahrscheinlich
    war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und selbst wenn ein
    Traum, der anders lautete, diese majestätsverbrecherische Bedeutung
    hätte, wäre es noch am Platze, des Wortes von Plato zu gedenken,
    daß der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träumen, was der
    Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten gibt man die Träume
    frei. Ob den unbewußten Wünschen Realität zuzuerkennen ist und
    in welchem Sinne, kann ich kurzerhand nicht sagen. Allen Über-
    gangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat
    man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Aus-
    druck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die psychi-
    sche Realität eine besondere Existenzform ist, welche mit der fak-
    tischen Realität nicht verwechselt werden soll. Es erscheint dann
    ungerechtfertigt, wenn die Menschen sich sträuben, die Verantwortung
    für die Immoralität ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdi-
    gung der Funktionsweise des seelischen Apparates und die Einsicht
    in die Beziehung zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das
    ethisch Anstößige unseres Traum- und Fantasielebens meist zum
    Verschwinden gebracht.

    „Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität)
    kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und
    dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter
    dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, dann als Infusions-
    tierchen wiederfinden.“ (H. Sachs.)

    Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des
    Menschen genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Ge-
    sinnung. Die Tat vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu
    werden, denn viele zum Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden
    noch durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in
    die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen
    Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewußte ihrer anderweitigen

  • S.

    481

    Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel
    durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem unsere Tugenden
    sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin dynamisch bewegte
    Komplikation eines menschlichen Charakters fügt sich höchst selten
    der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere überjährte
    Morallehre es möchte.

    Und der Wert des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
    Daran ist natürlich nicht zu denken. So freudig man auch als
    bescheidener und vorurteilsloser Forscher das Bestreben begrüßen
    mag, auch die verpönten „okkulten“ Phänomene in den Kreis der
    wissenschaftlichen Untersuchung zu ziehen, man wird doch an der
    Erwartung festhalten, daß diese Studien uns zwei Dinge nicht auf-
    drängen werden: den Glauben an die Fortexistenz der Gestorbenen
    und den an die Erkenntnis der nicht mehr berechenbaren Zukunft.
    Man möchte dafür einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit.
    Denn aus der Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar
    entbehrt auch der alte Glaube, daß der Traum uns die Zukunft zeige,
    nicht völlig des Gehaltes an Wahrheit. Indem uns der Traum einen
    Wunsch als erfüllt vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft;
    aber diese vom Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist
    durch den unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbilde jener Vergangenheit
    gestaltet.