S.
26*
VII.
Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Unter den Träumen, die ich durch Mitteilung von Seite anderer
erfahren habe, befindet sich einer, der jetzt einen ganz besonderen
Anspruch auf unsere Beachtung erhebt. Er ist mir von einer Patientin
erzählt worden, die ihn selbst in einer Vorlesung über den Traum
kennen gelernt hat; seine eigentliche Quelle ist mir unbekannt ge-
blieben. Jener Dame aber hat er durch seinen Inhalt Eindruck ge-
macht, denn sie hat es nicht versäumt, ihn „nachzuträumen“, d. h.
Elemente des Traumes in einem eigenen Traume zu wiederholen, um
durch diese Übertragung eine Übereinstimmung in einem bestimmten
Punkte auszudrücken.Die Vorbedingungen dieses vorbildlichen Traumes sind fol-
gende: Ein Vater hat Tage und Nächte lang am Krankenbette seines
Kindes gewacht. Nachdem das Kind gestorben, begibt er sich in einem
Nebenzimmer zur Ruhe, läßt aber die Tür geöffnet, um aus seinem
Schlafraume in jenen zu blicken, worin die Leiche des Kindes auf-
gebahrt liegt, von großen Kerzen umstellt. Ein alter Mann ist zur
Wache bestellt worden und sitzt neben der Leiche, Gebete murmelnd.
Nach einigen Stunden Schlafes träumt der Vater, daß das Kind an
seinem Bette steht, ihn am Arme faßt und ihm vorwurfsvoll
zuraunt: „Vater, siehst du denn nicht, daß ich verbrenne?“
Er erwacht, merkt einen hellen Lichtschein, der aus dem Leichen-
zimmer kommt, eilt hin, findet den greisen Wächter eingeschlummert,
die Hüllen und einen Arm der teuren Leiche verbrannt durch eine
Kerze, die brennend auf sie gefallen war.Die Erklärung dieses rührenden Traumes ist einfach genug und
wurde auch von dem Vortragenden, wie meine Patientin erzählt,
richtig gegeben. Der helle Lichtschein drang durch die offen stehende
Tür ins Auge des Schlafenden und regte denselben Schluß bei ihm
an, den er als Wachender gezogen hätte, es sei durch Umfallen einer
Kerze ein Brand in der Nähe der Leiche entstanden. Vielleicht hatte
selbst der Vater die Besorgnis mit in den Schlaf hinübergenommen,
daß der greise Wächter seiner Aufgabe nicht gewachsen sein dürfte.
Auch wir fänden an dieser Deutung nichts zu verändern, es sei
denn, daß wir die Forderung hinzufügten, der Inhalt des Traumes
müsse überdeterminiert, und die Rede des Kindes aus Reden zusammen-S.
404
gesetzt sein, die es im Leben wirklich geführt, und die an dem Vater
wichtige Ereignisse anknüpfen. Etwa die Klage: Ich verbrenne, an
das Fieber, in dem das Kind gestorben, und die Worte: Vater, siehst
du denn nicht? an eine andere uns unbekannte, aber affektreiche
Gelegenheit.Nachdem wir aber den Traum als einen sinnvollen, in den Zu-
sammenhang des psychischen Geschehens einfügbaren Vorgang er-
kannt haben, werden wir uns verwundern dürfen, daß unter solchen
Verhältnissen überhaupt ein Traum zu stande kam, wo das rascheste
Erwachen geboten war. Wir werden dann aufmerksam, daß auch
dieser Traum einer Wunscherfüllung nicht entbehrt. Im Traume be-
nimmt sich das tote Kind wie ein lebendes, es mahnt selbst den Vater,
kommt an sein Bett und zieht ihn am Arme, wie es wahrscheinlich
in jener Erinnerung tat, aus welcher der Traum das erste Stück der
Rede des Kindes geholt hat. Dieser Wunscherfüllung zuliebe hat
der Vater nun seinen Schlaf um einen Moment verlängert. Der Traum
erhielt das Vorrecht vor der Überlegung im Wachen, weil er das
Kind noch einmal lebend zeigen konnte. Wäre der Vater zuerst er-
wacht und hätte dann den Schluß gezogen, der ihn ins Leichen-
zimmer führte, so hätte er gleichsam das Leben des Kindes um diesen
einen Moment verkürzt.Es kann kein Zweifel darüber sein, durch welche Eigentüm-
lichkeit dieser kleine Traum unser Interesse fesselt. Wir haben uns
bisher vorwiegend darum gekümmert, worin der geheime Sinn der
Träume besteht, auf welchem Wege derselbe gefunden wird und
welcher Mittel sich die Traumarbeit bedient hat, ihn zu verbergen.
Die Aufgaben der Traumdeutung standen bis jetzt im Mittelpunkte
unseres Blickfeldes. Und nun stoßen wir auf diesen Traum, welcher
der Deutung keine Aufgabe stellt, dessen Sinn unverhüllt gegeben ist,
und werden aufmerksam, daß dieser Traum noch immer die wesent-
lichen Charaktere bewahrt, durch die ein Traum auffällig von unserem
wachen Denken abweicht und unser Bedürfnis nach Erklärung rege
macht. Nach der Beseitigung alles dessen, was die Deutungsarbeit
angeht, können wir erst merken, wie unvollständig unsere Psycho-
logie des Traumes geblieben ist.Ehe wir aber mit unseren Gedanken diesen neuen Weg ein-
schlagen, wollen wir haltmachen und zurückschauen, ob wir auf
unserer Wanderung bis hieher nichts Wichtiges unbeachtet gelassen
haben. Denn wir müssen uns klar darüber werden, daß die bequeme
und behagliche Strecke unseres Weges hinten uns liegt. Bisher haben
alle Wege, die wir gegangen sind, wenn ich nicht sehr irre, ins Lichte,
zur Aufklärung und zum vollen Verständnis geführt; von dem Moment
an, da wir in die seelischen Vorgänge beim Träumen tiefer eindringen
wollen, werden alle Pfade ins Dunkel münden. Wir können es un-
möglich dahin bringen, den Traum als psychischen Vorgang auf-
zuklären, denn erklären heißt auf Bekanntes zurückführen, und esS.
405
Das Vergessen der Träume.
gibt derzeit keine psychologische Kenntnis, der wir unterordnen
könnten, was sich aus der psychologischen Prüfung der Träume als
Erklärungsgrund erschließen läßt. Wir werden im Gegenteil genötigt
sein, eine Reihe von neuen Annahmen aufzustellen, die den Bau des
seelischen Apparates und das Spiel der in ihm tätigen Kräfte mit Ver-
mutungen streifen, und die wir bedacht sein müssen, nicht zu weit
über die erste logische Angliederung auszuspinnen, weil sonst ihr
Wert sich ins Unbestimmbare verläuft. Selbst wenn wir keinen Fehler
im Schließen begehen und alle logisch sich ergebenden Möglichkeiten
in Rechnung ziehen, droht uns die wahrscheinliche Unvollständigkeit
im Ansatz der Elemente mit dem völligen Fehlschlagen der Rech-
nung. Einen Aufschluß über die Konstruktion und Arbeitsweise des
Seeleninstrumentes wird man durch die sorgfältigste Untersuchung
des Traumes oder einer anderen vereinzelten Leistung nicht ge-
winnen oder wenigstens nicht begründen können, sondern wird zu
diesem Zwecke zusammentragen müssen, was sich bei dem ver-
gleichenden Studium einer ganzen Reihe von psychischen Leistungen
als konstant erforderlich herausstellt. So werden die psychologischen
Annahmen, die wir aus der Analyse der Traumvorgänge schöpfen,
gleichsam an einer Haltestelle warten müssen, bis sie den Anschluß
an die Ergebnisse anderer Untersuchungen gefunden haben, die von
einem anderen Angriffspunkte her zum Kerne des nämlichen Pro-
blems vordringen wollen.a) Das Vergessen der Träume.
Ich meine also, wir wenden uns vorher zu einem Thema, aus
dem sich ein bisher unbeachteter Einwand ableitet, der doch geeignet
scheinen könnte, unseren Bemühungen um die Traumdeutung den Bo-
den zu entziehen. Es ist uns von mehr als einer Seite vorgehalten wor-
den, daß wir den Traum, den wir deuten wollen, eigentlich gar nicht
kennen, richtiger, daß wir keine Gewähr dafür haben, ihn so zu kennen,
wie er wirklich vorgefallen ist (vgl. p. 34). Was wir vom Traume
erinnern, und woran wir unsere Deutungskünste üben, das ist erstens
verstümmelt durch die Untreue unseres Gedächtnisses, welches in
ganz besonders hohem Grade zur Bewahrung des Traumes unfähig
scheint, und hat vielleicht gerade die bedeutsamsten Stücke seines
Inhaltes eingebüßt. Wir finden uns ja so oft, wenn wir unseren
Träumen Aufmerksamkeit schenken wollen, zur Klage veranlaßt, daß
wir viel mehr geträumt haben und leider davon nichts mehr wissen
als dies eine Bruchstück, dessen Erinnerung selbst uns eigentümlich
unsicher vorkommt. Zweitens aber spricht alles dafür, daß unsere
Erinnerung den Traum nicht nur lückenhaft, sondern auch ungetreu
und verfälscht wiedergibt. So wie man einerseits daran zweifeln
kann, ob das Geträumte wirklich so unzusammenhängend und ver-
schwommen war, wie wir’s im Gedächtnisse haben, so läßt sichS.
406
andererseits in Zweifel ziehen, ob ein Traum so zusammenhängend
gewesen ist, wie wir ihn erzählen, ob wir bei dem Versuche der Re-
produktion nicht vorhandene oder durch Vergessen geschaffene Lücken
mit willkürlich gewähltem neuen Material ausfüllen, den Traum aus-
schmücken, abrunden, zurichten, so daß jedes Urteil unmöglich wird,
was der wirkliche Inhalt unseres Traumes war. Ja bei mehreren
Autoren (Spitta, Foucault, Tannery) haben wir die Mutmaßung
gefunden, daß alles, was Ordnung und Zusammenhang ist, über-
haupt erst bei dem Versuche, sich den Traum zurückzurufen, in
ihn hineingetragen wird. So sind wir in Gefahr, daß man uns den
Gegenstand selbst aus der Hand winde, dessen Wert zu bestimmen
wir unternommen haben.Wir haben bei unseren Traumdeutungen bisher diese Warnungen
überhört. Ja wir haben im Gegenteil in den kleinsten, unscheinbarsten
und unsichersten Inhaltsbestandteilen des Traumes die Aufforderung
zur Deutung nicht minder vernehmlich gefunden, als in dessen deut-
lich und sicher erhaltenen. Im Traume von Irmas Injektion hieß es:
Ich rufe schnell den Doktor M. herbei, und wir nahmen an, auch
dieser kleine Zusatz wäre nicht in den Traum gelangt, wenn er nicht
eine besondere Ableitung zuließe. So kamen wir zur Geschichte
jener unglücklichen Patientin, an deren Bett ich „schnell“ den älteren
Kollegen berief. In dem scheinbar absurden Traume, der den Unter-
schied von 51 und 56 als quantité négligeable behandelt, war die
Zahl 51 mehrmals erwähnt. Anstatt dies selbstverständlich oder
gleichgültig zu finden, haben wir daraus auf einen zweiten Gedanken-
gang in dem latenten Trauminhalt geschlossen, der zur Zahl 51 hin-
führt, und die Spur, die wir weiter verfolgten, führte uns zu Befürch-
tungen, welche 51 Jahre als Lebensgrenze hinstellen, im schärfsten
Gegensatz zu einem dominierenden Gedankenzug, der prahlerisch mit
den Lebensjahren um sich wirft. In dem Traume „Non vixit“ fand
ich als unscheinbares Einschiebsel, das ich anfangs übersah, die
Stelle: „Da P. ihn nicht versteht, fragt mich Fl. etc.“ Als
dann die Deutung stockte, griff ich auf diese Worte zurück und fand
von ihnen aus den Weg zu der Kinderphantasie, die in den Traum-
gedanken als intermediärer Knotenpunkt auftritt. Es geschah dies
mittels der Zeilen des Dichters:Selten habt Ihr mich verstanden,
Selten auch verstand ich Euch,
Nur wenn wir im Kot uns fanden,
So verstanden wir uns gleich!Jede Analyse könnte mit Beispielen belegen, wie gerade die
geringfügigsten Züge des Traumes zur Deutung unentbehrlich sind,
und wie die Erledigung der Aufgabe verzögert wird, indem sich die
Aufmerksamkeit solchen erst spät zuwendet. Die gleiche Würdigung
haben wir bei der Traumdeutung jeder Nuance des sprachlichen Aus-
S.
407
druckes geschenkt, in welchem der Traum uns vor-
ein unsinniger oder unzureichender Wortlaut vorgelegt wurde, als ob
es der Anstrengung nicht gelungen wäre, den Traum in die richtige
Fassung zu übersetzen, haben wir auch diese Mängel des Ausdruckes
respektiert. Kurz, was nach der Meinung der Autoren eine willkür-
liche, in der Verlegenheit eilig zusammengebraute Improvisation sein
soll, das haben wir behandelt wie einen heiligen Text. Dieser Wider-
spruch bedarf der Aufklärung.Sie lautet zu unseren Gunsten, ohne darum den Autoren Un-
recht zu geben. Vom Standpunkte unserer neu gewonnenen Einsichten
über die Entstehung des Traumes vereinigen sich die Widersprüche
ohne Rest. Es ist richtig, daß wir den Traum beim Versuche der
Reproduktion entstellen; wir finden darin wieder, was wir als die
sekundäre und oft mißverständliche Bearbeitung des Traumes durch
die Instanz des normalen Denkens bezeichnet haben. Aber diese Ent-
stellung ist selbst nichts anderes als ein Stück der Bearbeitung, wel-
cher die Traumgedanken gesetzmäßig infolge der Traumzensur unter
liegen. Die Autoren haben hier das manifest arbeitende Stück der
Traumentstellung geahnt oder bemerkt; uns verschlägt es wenig, da
wir wissen, daß eine weit ausgiebigere Entstellungsarbeit, minder
leicht faßbar, den Traum bereits von den verborgenen Traumgedanken
an zum Objekt erkoren hat. Die Autoren irren nur darin, daß sie die
Modifikation des Traumes bei seinem Erinnern und In-Worte-Fassen
für willkürlich, also für nicht weiter auflösbar und demnach für ge-
eignet halten, uns in der Erkenntnis des Traumes irrezuleiten. Sie
unterschätzen die Determinierung im Psychischen. Es gibt da nichts
Willkürliches. Es läßt sich ganz allgemein zeigen, daß ein zweiter Ge-
dankenzug sofort die Bestimmung des Elementes übernimmt, welches
vom ersten unbestimmt gelassen wurde. Ich will mir z. B. ganz will-
kürlich eine Zahl einfallen lassen; es ist nicht möglich; die Zahl,
die mir einfällt, ist durch Gedanken in mir, die meinem momentanen
Vorsatz fernstehen mögen, eindeutig und notwendig bestimmt*).
Ebensowenig willkürlich sind die Veränderungen, die der Traum
bei der Redaktion des Wachens erfährt. Sie bleiben in assoziativer
Verknüpfung mit dem Inhalt, an dessen Stelle sie sich setzen, und
dienen dazu, uns den Weg zu diesem Inhalt zu zeigen, der selbst
wieder der Ersatz eines anderen sein mag.Ich pflege bei den Traumanalysen mit Patienten folgende Probe
auf diese Behauptung nie ohne Erfolg anzustellen. Wenn mir der
Bericht eines Traumes zuerst schwer verständlich erscheint, so bitte
ich den Erzähler, ihn zu wiederholen. Das geschieht dann selten mit
den nämlichen Worten. Die Stellen aber, an denen er den Ausdruck
verändert hat, die sind mir als die schwachen Stellen der Traum-
*)Vgl. Psychopathologie des Alltagslebens. 1. Aufl., 1901 u. 1904,
4. Aufl., 1912.S.
408
verkleidung kenntlich gemacht worden, die dienen mir wie Hagen
das gestickte Zeichen an Siegfrieds Gewand. Dort kann die Traum-
deutung ansetzen. Der Erzähler ist durch meine Aufforderung ge-
warnt worden, daß ich besondere Mühe zur Lösung des Traumes an-
zuwenden gedenke; er schützt also rasch, unter dem Drange des Wider-
standes, die schwachen Stellen der Traumverkleidung, indem er einen
verräterischen Ausdruck durch einen ferner abliegenden ersetzt. Er
macht mich so auf den von ihm fallengelassenen Ausdruck aufmerk-
sam. Aus der Mühe, mit der die Traumlösung verteidigt wird, darf
ich auch auf die Sorgfalt schließen, die dem Traume sein Gewand
gewoben hat.Minder recht haben die Autoren, wenn sie dem Zweifel, mit
dem unser Urteil der Traumerzählung begegnet, so sehr viel Raum
machen. Dieser Zweifel entbehrt nämlich einer intellektuellen Gewähr;
unser Gedächtnis kennt überhaupt keine Garantien, und doch unter-
liegen wir viel öfter, als objektiv gerechtfertigt ist, dem Zwange,
seinen Angaben Glauben zu schenken. Der Zweifel an der richtigen
Wiedergabe des Traumes oder einzelner Traumdaten ist wieder nur
ein Abkömmling der Traumzensur, des Widerstandes gegen das Durch-
dringen der Traumgedanken zum Bewußtsein. Dieser Widerstand hat
sich mit den von ihm durchgesetzten Verschiebungen und Ersetzungen
nicht immer erschöpft, er heftet sich dann noch an das Durchgelassene
als Zweifel. Wir verkennen diesen Zweifel um so leichter, als er die
Vorsicht gebraucht, niemals intensive Elemente des Traumes anzu-
greifen, sondern bloß schwache und undeutliche. Wir wissen aber
jetzt bereits, daß zwischen Traumgedanken und Traum eine völlige
Umwertung aller psychischen Werte stattgefunden hat; die Ent-
stellung war nur möglich durch Wertentziehung, sie äußert sich
regelmäßig darin und begnügt sich gelegentlich damit. Wenn zu einem
undeutlichen Element des Trauminhaltes noch der Zweifel hinzutritt,
so können wir dem Fingerzeig folgend in diesem einen direkteren
Abkömmling eines der verfemten Traumgedanken erkennen. Es ist
damit wie nach einer großen Umwälzung in einer der Republiken
des Altertums oder der Renaissance. Die früher herrschenden edlen
und mächtigen Familien sind nun verbannt, alle hohen Stellungen
mit Emporkömmlingen besetzt; in der Stadt geduldet sind nur noch
ganz verarmte und machtlose Mitglieder oder entfernte Anhänger der
Gestürzten. Aber auch diese genießen nicht die vollen Bürgerrechte,
sie werden mißtrauisch überwacht. An der Stelle des Mißtrauens im
Beispiel steht in unserem Falle der Zweifel. Ich verlange darum bei
der Analyse eines Traumes, daß man sich von der ganzen Skala der
Sicherheitsschätzung frei mache, die leiseste Möglichkeit, daß etwas
der oder jener Art im Traume vorgekommen sei, behandle wie die
volle Gewißheit. Solange jemand bei der Verfolgung eines Traum-
elementes sich nicht zum Verzicht auf diese Rücksicht entschlossen,
solange stockt hier die Analyse. Die Geringschätzung für das be--S.
409
treffende Element hat bei dem Analysierten die psychische Wirkung,
daß ihm von den ungewollten Vorstellungen hinter demselben nichts
einfällen will. Solche Wirkung ist eigentlich nicht selbstverständlich;
es wäre nicht widersinnig, wenn jemand sagte: Ob dies oder jenes
im Traume enthalten war, weiß ich nicht sicher; es fällt mir aber
dazu folgendes ein. Niemals sagt er so und gerade diese die Analyse
störende Wirkung des Zweifels läßt ihn als einen Abkömmling und
als ein Werkzeug des psychischen Widerstandes entlarven. Die Psycho-
analyse ist mit Recht mißtrauisch. Eine ihrer Regeln lautet: Was
immer die Fortsetzung der Arbeit stört, ist ein Widerstand.Auch das Vergessen der Träume bleibt solange unergründlich,
als man nicht die Macht der psychischen Zensur zu seiner Erklärung
mitheranzieht. Die Empfindung, daß man in einer Nacht sehr viel
geträumt und davon nur wenig behalten hat, mag in einer Reihe von
Fällen einen anderen Sinn haben, etwa den, daß die Traumarbeit die
Nacht hindurch spürbar vor sich gegangen ist und nur den einen
kurzen Traum hinterlassen hat. Sonst ist an der Tatsache, daß man
den Traum nach dem Erwachen fortschreitend vergißt, ein Zweifel
nicht möglich. Man vergißt ihn oft trotz peinlicher Bemühungen, ihn
zu merken. Ich meine aber, so wie man in der Regel den Umfang
dieses Vergessens überschätzt, so überschätzt man auch die mit der
Lückenhaftigkeit des Traumes verbundene Einbuße an seiner Kennt-
nis. Alles, was das Vergessen am Trauminhalt gekostet hat, kann
man oft durch die Analyse wieder hereinbringen; wenigstens in
einer ganzen Anzahl von Fällen kann man von einem einzelnen stehen-
gebliebenen Brocken aus zwar nicht den Traum – aber an dem
liegt ja auch nichts – doch die Traumgedanken alle auffinden. Es
verlangt einen größeren Aufwand an Aufmerksamkeit und Selbst-
überwindung bei der Analyse; das ist alles, zeigt aber doch an, daß
das Vergessen des Traumes eine feindselige Absicht nicht verfehlt hat.Einen überzeugenden Beweis für die tendenziöse, dem Wider-
stand dienende Natur des Traumvergessens*) gewinnt man bei den
Analysen aus der Würdigung einer Vorstufe des Vergessens. Es
kommt gar nicht selten vor, daß mitten in der Deutungsarbeit plötz-
lich ein ausgelassenes Stück des Traumes auftaucht, das als bisher
vergessen bezeichnet wird. Dieser der Vergessenheit entrissene Traum-
teil ist nun jedesmal der wichtigste; er liegt auf dem kürzesten Wege
zur Traumlösung und war darum dem Widerstand am meisten aus-
gesetzt. Unter den Traumbeispielen, die ich in den Zusammenhang
dieser Abhandlung eingestreut habe, trifft es sich einmal, daß ich
so ein Stück Trauminhalt nachträglich einzuschalten habe. Es ist
*) Vgl. über die Absicht beim Vergessen überhaupt meine kleine Abhand-
lung über den „psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit“ in der Monatschrift
für Psychiatrie und Neurologie, 1898. Dieselbe ist später in die „Psychopathologie
des Alltagslebens“ aufgenommen worden.S.
410
dies ein Reisetraum, der Rache nimmt an einer unliebenswürdigen
Reisegefährtin, den ich wegen seines zum Teil grob unflätigen In-
haltes fast ungedeutet gelassen habe. Das ausgelassene Stück lautet:
Ich sage auf ein Buch von Schiller: It is from . . . korrigiere
mich aber, den Irrtum selbst bemerkend. It is by . . . Der
Mann bemerkt hierauf zu seiner Schwester: „Er hat es ja
richtig gesagt*).“Die Selbstkorrektur im Traume, die manchen Autoren so wunder-
bar erschienen ist, verdient wohl nicht uns zu beschäftigen. Ich
werde lieber für den Sprachirrtum im Traume das Vorbild aus meiner
Erinnerung aufzeigen. Ich war 19jährig zum erstenmal in England
und einen Tag lang am Strande der Irish Sea. Ich schwelgte natür-
lich im Fange der von der Flut zurückgelassenen Seetiere und be-
schäftigte mich gerade mit einem Seestern (der Traum beginnt mit:
Hollthurn-Holothurien), als ein reizendes kleines Mädchen zu
mir trat und mich fragte: Is it a starfish? Is it alive? Ich antwortete:
Yes he is alive, schämte mich aber dann der Inkorrektheit und wieder-
holte den Satz richtig. An Stelle des Sprachfehlers, den ich damals
begangen habe, setzt nun der Traum einen anderen, in den der
Deutsche ebenso leicht verfällt. „Das Buch ist von Schiller“, soll
man nicht mit from . . . sondern mit by . . . übersetzen. Daß die
Traumarbeit diesen Ersatz vollzieht, weil from durch den Gleich-
klang mit dem deutschen Eigenschaftswort fromm eine großartige
Verdichtung ermöglicht, das nimmt uns nach allem, was wir von den
Absichten der Traumarbeit und von ihrer Rücksichtslosigkeit in der
Wahl der Mittel gehört haben, nicht mehr wunder. Was will aber
die harmlose Erinnerung vom Meeresstrand im Zusammenhang des
Traumes besagen? Sie erläutert an einem möglichst unschuldigen
Beispiel, daß ich das Geschlechtswort am unrechten Platze ge-
brauche, also das Geschlechtliche (he) dort anbringe, wo es nicht
hingehört. Dies ist allerdings einer der Schlüssel zur Lösung des
Traumes. Wer dann noch die Ableitung des Buchtitels „Matter and
Motion“ angehört hat (Molière im Malade Imaginaire: La matière
est-elle laudable? – a motion of the bowels), der wird sich das
Fehlende leicht ergänzen können.Ich kann übrigens den Beweis, daß das Vergessen des Traumes
zum großen Teil Widerstandsleistung ist, durch eine Demonstratio ad
oculos erledigen. Ein Patient erzählt, er habe geträumt, aber den
Traum spurlos vergessen; dann gilt er eben als nicht vorgefallen. Wir
setzen die Arbeit fort, ich stoße auf einen Widerstand, mache dem
*)Solche Korrekturen im Gebrauche fremder Sprachen sind in Träumen
nicht selten, werden aber häufiger fremden Personen zugeschoben. Maury
(p. 143) träumte einmal zur Zeit, da er Englisch lernte, daß er einer anderen
Person die Mitteilung, er habe sie gestern besucht, mit den Worten machte:
I called for you yesterday. Der andere erwiderte richtig: Es heißt: I called on
you yesterday.S.
411
Kranken etwas klar, helfe ihm durch Zureden und Drängen, sich
mit irgend einem unangenehmen Gedanken zu versöhnen, und kaum
ist das gelungen, so ruft er aus: Jetzt weiß ich auch wieder, was
ich geträumt habe. Derselbe Widerstand, der ihn an diesem Tage
in der Arbeit gestört hat, hat ihn auch den Traum vergessen lassen.
Durch die Überwindung dieses Widerstandes habe ich den Traum zur
Erinnerung gefördert.Ebenso kann sich der Patient, bei einer gewissen Stelle der
Arbeit angelangt, an einen Traum erinnern, der vor drei, vier oder
mehr Tagen vorgefallen ist und bis dahin in der Vergessenheit ge-
ruht hat*).Die psychoanalytische Erfahrung hat uns noch einen anderen
Beweis dafür geschenkt, daß das Vergessen der Träume weit mehr
vom Widerstand als von der Fremdheit zwischen dem Wach- und
dem Schlafzustand, wie die Autoren meinen, abhängt. Es ereignet
sich mir wie anderen Analytikern und den in solcher Behandlung
stehenden Patienten nicht selten, daß wir durch einen Traum aus
dem Schlafe geweckt, wie wir sagen möchten, unmittelbar darauf im
vollen Besitze unserer Denktätigkeit den Traum zu deuten beginnen.
Ich habe in solchen Fällen oftmals nicht geruht, bis ich das volle
Verständnis des Traumes gewonnen hatte, und doch konnte es ge-
schehen, daß ich nach dem Erwachen die Deutungsarbeit ebenso voll-
ständig vergessen hatte wie den Trauminhalt, obwohl ich wußte, daß
ich geträumt und daß ich den Traum gedeutet hatte. Viel häufiger
hatte der Traum das Ergebnis der Deutungsarbeit mit in die Ver-
gessenheit gerissen, als es der geistigen Tätigkeit gelungen war, den
Traum für die Erinnerung zu halten. Zwischen dieser Deutungsarbeit
und dem Wachdenken besteht aber nicht jene psychische Kluft, durch
welche die Autoren das Traumvergessen ausschließend erklären wollen.
– Wenn Morton Prince gegen meine Erklärung des Traumver-
gessens einwendet, es sei nur ein Spezialfall der Amnesie für ab- gespaltene seelische Zustände (dissociated states), und die Unmög-
lichkeit, meine Erklärung für diese spezielle Amnesie auf andere
Typen von Amnesie zu übertragen, mache sie auch für ihre nächste
Absicht wertlos, so erinnert er den Leser daran, daß er in all seinen
Beschreibungen solcher dissoziierter Zustände niemals den Versuch
gemacht hat, die dynamische Erklärung für diese Phänomene zu fin-
den. Er hätte sonst entdecken müssen, daß die Verdrängung (resp.-
der durch sie geschaffene Widerstand) ebensowohl die Ursache dieser
Abspaltungen wie der Amnesie für ihren psychischen Inhalt ist.Daß die Träume ebensowenig vergessen werden wie andere
seelische Akte, und daß sie auch in bezug auf ihr Haften im Ge-
*) E. Jones beschreibt den analogen, häufig vorkommenden Fall, daß
während der Analyse eines Traumes ein zweiter derselben Nacht erinnert wird,
der bis dahin vergessen war, ja nicht einmal vermutet wurde.S.
412
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
dächtnis den anderen seelischen Leistungen ungeschmälert gleichzu-
stellen sind, zeigt mir eine Erfahrung, die ich bei der Abfassung
dieses Manuskriptes machen konnte. Ich hatte in meinen Notizen
reichlich eigene Träume aufbewahrt, die ich damals aus irgend einem
Grunde nur sehr unvollständig oder auch überhaupt nicht der Deu-
tung unterziehen konnte. Bei einigen derselben habe ich nun, ein
bis zwei Jahre später, den Versuch, sie zu deuten, unternommen, in
der Absicht, mir Material zur Illustration meiner Behauptungen zu
schaffen. Dieser Versuch gelang mir ausnahmslos; ja ich möchte
behaupten, die Deutung ging solange Zeit später leichter vor sich als
damals, solange die Träume frische Erlebnisse waren, wofür ich
als mögliche Erklärung angeben möchte, daß ich seither über manche
Widerstände in meinem Innern weggekommen bin, die mich damals
störten. Ich habe bei solchen nachträglichen Deutungen die da-
maligen Ergebnisse an Traumgedanken mit den heutigen, meist viel
reichhaltigeren verglichen und das damalige unter dem heutigen un-
verändert wiedergefunden. Ich trat meinem Erstaunen hierüber recht-
zeitig in den Weg, indem ich mich besann, daß ich ja bei meinen
Patienten längst in Übung habe, Träume aus früheren Jahren, die
sie mir gelegentlich erzählen, deuten zu lassen, als ob es Träume
aus der letzten Nacht wären, nach demselben Verfahren und mit
demselben Erfolge. Bei der Besprechung der Angstträume werde ich
zwei Beispiele von solch verspäteter Traumdeutung mitteilen. Als
ich diesen Versuch zum erstenmal anstellte, leitete mich die berech-
tigte Erwartung, daß der Traum sich auch hier nur verhalten werde
wie ein neurotisches Symptom. Wenn ich nämlich einen Psycho-
neurotiker, eine Hysterie etwa, mittels Psychoanalyse behandle, so
muß ich für die ersten, längst überwundenen Symptome seines Leidens
ebenso Aufklärung schaffen wie für die noch heute bestehenden, die
ihn zu mir geführt haben, und finde erstere Aufgabe nur leichter zu-
lösen als die heute dringende. Schon in den 1895 publizierten
„Studien über Hysterie“ konnte ich die Aufklärung eines ersten
hysterischen Angstanfalles mitteilen, den die mehr als 40 jährige
Frau in ihrem 15. Lebensjahre gehabt hatte.
In loser Anreihung will ich hier noch einiges vorbringen,
was ich über die Deutung der Träume zu bemerken habe, und was
vielleicht den Leser orientieren wird, der mich durch Nacharbeit an
seinen eigenen Träumen kontrollieren will.Es wird niemand erwarten dürfen, daß ihm die Deutung seiner
Träume mühelos in den Schoß falle. Schon zur Wahrnehmung
endoptischer Phänomene und anderer für gewöhnlich der Aufmerk-
samkeit entzogener Sensationen bedarf es der Übung, obwohl kein
psychisches Motiv sich gegen diese Gruppe von Wahrnehmungen
sträubt. Es ist erheblich schwieriger, der „ungewollten Vorstellungen“
habhaft zu werden. Wer dies verlangt, wird sich mit den Erwartungen
erfüllen müssen, die in dieser Abhandlung rege gemacht werden, undS.
413
wird in Befolgung der hier gegebenen Regeln jede Kritik, jede Vor-
eingenommenheit, jede affektive oder intellektuelle Parteinahme wäh-
rend der Arbeit bei sich niederzuhalten bestrebt sein. Er wird der
Vorschrift eingedenk bleiben, die Claude Bernard für den Expe-
rimentator im physiologischen Laboratorium aufgestellt hat: Travailler
comme une bête, d. h. so ausdauernd, aber auch so unbekümmert um
das Ergebnis. Wer diese Ratschläge befolgt, der wird die Aufgabe aller-
dings nicht mehr schwierig finden. Die Deutung eines Traumes voll-
zieht sich auch nicht immer in einem Zuge; nicht selten fühlt man
seine Leistungsfähigkeit erschöpft, wenn man einer Verkettung von
Einfällen gefolgt ist, der Traum sagt einem nichts mehr an diesem
Tage; man tut dann gut, abzubrechen und an einem nächsten zur
Arbeit zurückzukehren. Dann lenkt ein anderes Stück des Traum-
inhaltes die Aufmerksamkeit auf sich, und man findet den Zugang
zu einer neuen Schicht von Traumgedanken. Man kann das die
„fraktionierte“ Traumdeutung heißen.Am schwierigsten ist der Anfänger in der Traumdeutung zur-
Anerkennung der Tatsache zu bewegen, daß seine Aufgabe nicht
voll erledigt ist, wenn er eine vollständige Deutung des Traumes in
Händen hat, die sinnreich, zusammenhängend ist und über alle Ele-
mente des Trauminhaltes Auskunft gibt. Es kann außerdem eine
andere, eine Überdeutung desselben Traumes möglich sein, die ihm
entgangen ist. Es ist wirklich nicht leicht, sich von dem Reichtum
an unbewußten, nach Ausdruck ringenden Gedankengängen in unse-
rem Denken eine Vorstellung zu machen und an die Geschicklichkeit
der Traumarbeit zu glauben, durch mehrdeutige Ausdrucksweise jedes-
mal gleichsam sieben Fliegen mit einem Schlage zu treffen, wie der
Schneidergeselle im Märchen. Der Leser wird immer geneigt sein,-
dem Autor vorzuwerfen, daß er seinen Witz überflüssig vergeude;
wer sich selbst Erfahrung erworben hat, wird sich eines Besseren
belehrt finden.Die Frage, ob jeder Traum zur Deutung gebracht werden kann,-
ist mit Nein zu beantworten. Man darf nicht vergessen, daß man-
bei der Deutungsarbeit die psychischen Mächte gegen sich hat,-
welche die Entstellung des Traumes verschulden. Es wird so eine-
Frage des Kräfteverhältnisses, ob man mit seinem intellektuellen-
Interesse, seiner Fähigkeit zur Selbstüberwindung, seinen psycho-
logischen Kenntnissen und seiner Übung in der Traumdeutung den
inneren Widerständen den Herrn zeigen kann. Ein Stück weit ist-
das immer möglich, so weit wenigstens, um die Überzeugung zu-
gewinnen, daß der Traum eine sinnreiche Bildung ist, und meist
auch, um eine Ahnung dieses Sinnes zu gewinnen. Recht häufig ge-
stattet ein nächstfolgender Traum, die für den ersten angenommene-
Deutung zu versichern und weiter zu führen. Eine ganze Reihe von-
Träumen, die sich durch Wochen oder Monate zieht, ruht oft auf-
gemeinsamem Boden, und ist dann im Zusammenhange der Deu-S.
414
tung zu unterwerfen. Von aufeinanderfolgenden Träumen kann man
oft merken, wie der eine zum Mittelpunkte nimmt, was in dem näch-
sten nur in der Peripherie angedeutet wird, und umgekehrt, so daß
die beiden einander auch zur Deutung ergänzen. Daß die verschie-
denen Träume derselben Nacht ganz regelmäßig von der Deutungs-
arbeit wie ein Ganzes zu behandeln sind, habe ich bereits durch
Beispiele erwiesen.In den bestgedeuteten Träumen muß man oft eine Stelle im
Dunkeln lassen, weil man bei der Deutung merkt, daß dort ein
Knäuel von Traumgedanken anhebt, der sich nicht entwirren will,
aber auch zum Trauminhalt keine weiteren Beiträge geliefert hat.
Dies ist dann der Nabel des Traumes, die Stelle, an der er dem Un-
erkannten aufsitzt. Die Traumgedanken, auf die man bei der Deutung
gerät, müssen ja ganz allgemein ohne Abschluß bleiben und nach allen
Seiten hin in die netzartige Verstrickung unserer Gedankenwelt aus-
laufen. Aus einer dichteren Stelle dieses Geflechtes erhebt sich dann
der Traumwunsch wie der Pilz aus seinem Myzelium.Wir kehren zu den Tatsachen des Traumvergessens zurück.
Wir haben es nämlich versäumt, einen wichtigen Schluß aus ihnen
zu ziehen. Wenn das Wachleben die unverkennbare Absicht zeigt,
den Traum, der bei Nacht gebildet worden ist, zu vergessen, ent-
weder als Ganzes unmittelbar nach dem Erwachen oder stückweise
im Laufe des Tages, und wenn wir als den Hauptbeteiligten bei
diesem Vergessen den seelischen Widerstand gegen den Traum er-
kennen, der doch schon in der Nacht das seinige gegen den Traum
getan hat, so liegt die Frage nahe, was eigentlich gegen diesen
Widerstand die Traumbildung überhaupt ermöglicht hat. Nehmen
wir den grellsten Fall, in dem das Wachleben den Traum wieder-
beseitigt, als ob er gar nicht vorgefallen wäre. Wenn wir dabei das
Spiel der psychischen Kräfte in Betracht ziehen, so müssen wir aus-
sagen, der Traum wäre überhaupt nicht zu stande gekommen, wenn
der Widerstand bei Nacht gewaltet hätte wie bei Tage. Unser Schluß
ist, daß dieser während der Nachtzeit einen Teil seiner Macht ein-
gebüßt hatte; wir wissen, er war nicht aufgehoben, denn wir haben
seinen Anteil an der Traumbildung in der Traumstellung nach-
gewiesen. Aber die Möglichkeit drängt sich uns auf, daß er des
Nachts verringert war, daß durch diese Abnahme des Widerstandes
die Traumbildung möglich wurde, und wir verstehen so leicht, daß
er mit dem Erwachen in seine volle Kraft eingesetzt, sofort wieder
beseitigt, was er, solange er schwach war, zulassen mußte. Die be-
schreibende Psychologie lehrt uns ja, daß die Hauptbedingung der
Traumbildung der Schlafzustand der Seele ist; wir könnten nun die Er-
klärung hinzufügen: der Schlafzustand ermöglicht die Traum-
bildung, indem er die endopsychische Zensur herabsetzt.Wir sind gewiß in Versuchung, diesen Schluß als den einzig
möglichen aus den Tatsachen des Traumvergessens anzusehen, und
S.
415
weitere Folgerungen über die Energieverhältnisse des Schlafens und
des Wachens aus ihm zu entwickeln. Wir wollen aber vorläufig
hierin innehalten. Wenn wir uns in die Psychologie des Traumes
ein Stück weiter vertieft haben, werden wir erfahren, daß man sich
die Ermöglichung der Traumbildung auch noch anders vorstellen
kann. Der Widerstand gegen das Bewußtwerden der Traumgedanken
kann vielleicht auch umgangen werden, ohne daß er an sich eine
Herabsetzung erfahren hätte. Es ist auch plausibel, daß beide der
Traumbildung günstigen Momente, die Herabsetzung sowie die Um-
gehung des Widerstandes durch den Schlafzustand gleichzeitig er-
möglicht werden. Wir brechen hier ab, um nach einer Weile hier
fortzusetzen.Es gibt eine andere Reihe von Einwendungen gegen unser
Verfahren bei der Traumdeutung, um die wir uns jetzt bekümmern
müssen. Wir gehen ja hier so vor, daß wir alle sonst das Nachdenken
beherrschenden Zielvorstellungen fallen lassen, unsere Aufmerksam-
keit auf ein einzelnes Traumelement richten und dann notieren, was
uns an ungewollten Gedanken zu demselben einfällt. Dann greifen
wir einen nächsten Bestandteil des Trauminhaltes auf, wiederholen an
ihm dieselbe Arbeit und lassen uns, unbekümmert um die Richtung,
nach der die Gedanken treiben, von ihnen weiter führen, wobei wir
– wie man zu sagen pflegt – vom Hundertsten ins Tausendste
geraten. Dabei hegen wir die zuversichtliche Erwartung, am Ende
ganz ohne unser Zutun auf die Traumgedanken zu geraten, aus
denen der Traum entstanden ist. Dagegen wird die Kritik nun etwa
folgendes einzuwenden haben: Daß man von einem einzelnen Element
des Traumes irgendwohin gelangt, ist nichts Wunderbares. An jede
Vorstellung läßt sich assoziativ etwas knüpfen; es ist nur merk-
würdig, daß man bei diesem ziellosen und willkürlichen Gedanken-
ablauf gerade zu den Traumgedanken geraten soll. Wahrscheinlich
ist das eine Selbsttäuschung; man folgt der Assoziationskette von
dem einen Element aus, bis man sie aus irgend einem Grunde ab-
reißen merkt; wenn man dann ein zweites Element aufnimmt, so
ist es nur natürlich, daß die ursprüngliche Unbeschränktheit der
Assoziation jetzt eine Einengung erfährt. Man hat die frühere Ge-
dankenkette noch in Erinnerung und wird darum bei der Analyse
der zweiten Traumvorstellung leichter auf einzelne Einfälle stoßen,
die auch mit den Einfällen aus der ersten Kette irgend etwas gemein
haben. Dann bildet man sich ein, einen Gedanken gefunden zu haben,
der einen Knotenpunkt zwischen zwei Traumelementen darstellt. Da
man sich sonst jede Freiheit der Gedankenverbindung gestattet und
eigentlich nur die Übergänge von einer Vorstellung zur anderen aus-
schließt, die beim normalen Denken in Kraft treten, so wird es
schließlich nicht schwer, aus einer Reihe von „Zwischengedanken“
etwas zusammenzubrauen, was man die Traumgedanken benennt, und
ohne jede Gewähr, da diese sonst nicht bekannt sind, für den psy-S.
416
chischen Ersatz des Traumes ausgibt. Es ist aber alles Willkür und
witzig erscheinende Ausnutzung des Zufalles dabei, und jeder, der
sich dieser unnützen Mühe unterzieht, kann zu einem beliebigen
Traume auf diesem Wege eine ihm beliebige Deutung herausgrübeln.
Wenn uns solche Einwände wirklich vorgerückt werden, so
können wir uns zur Abwehr auf den Eindruck unserer Traum-
deutungen berufen, auf die überraschenden Verbindungen mit anderen
Traumelementen, die sich während der Verfolgung der einzelnen Vor-
stellungen ergeben und auf die Unwahrscheinlichkeit, daß etwas, was
den Traum so erschöpfend deckt und aufklärt wie eine unserer
Traumdeutungen, anders gewonnen werden könne, als indem man
vorher hergestellten psychischen Verbindungen nachfährt. Wir
könnten auch zu unserer Rechtfertigung heranziehen, daß das Ver-
fahren bei der Traumdeutung identisch ist mit dem bei der Auf-
lösung der hysterischen Symptome, wo die Richtigkeit des Verfahrens
durch das Auftauchen und Schwinden der Symptome zu ihrer Stelle
gewährleistet wird, wo also die Auslegung des Textes an den ein-
geschalteten Illustrationen einen Anhalt findet. Wir haben aber keinen
Grund, dem Problem, wieso man durch Verfolgung einer sich will-
kürlich und ziellos weiter spinnenden Gedankenkette zu einem prä-
existenten Ziele gelangen könne, aus dem Wege zu gehen, da wir
dieses Problem zwar nicht zu lösen, aber voll zu beseitigen vermögen.
Es ist nämlich nachweisbar unrichtig, daß wir uns einem ziel-
losen Vorstellungsablauf hingeben, wenn wir, wie bei der Traum-
deutungsarbeit, unser Nachdenken fallen und die ungewollten Vor-
stellungen auftauchen lassen. Es läßt sich zeigen, daß wir immer
nur auf die uns bekannten Zielvorstellungen verzichten können, und
daß mit dem Aufhören dieser sofort unbekannte – wie wir ungenau
sagen: unbewußte – Zielvorstellungen zur Macht kommen, die jetzt
den Ablauf der ungewollten Vorstellungen determiniert halten. Ein
Denken ohne Zielvorstellungen läßt sich durch unsere eigene Be-
einflussung unseres Seelenlebens überhaupt nicht herstellen; es ist
mir aber auch unbekannt, in welchen Zuständen psychischer Zer-
rüttung es sich sonst herstellt*). Die Psychiater haben hier viel zu*)Ich bin erst später darauf aufmerksam gemacht worden, daß Ed. von
Hartmann in diesem psychologisch bedeutsamen Punkte die nämliche Anschau-
ung vertritt: „Gelegentlich der Erörterung der Rolle des Unbewußten im künst-
lerischen Schaffen (Philos. d. Unbew. Bd. I, Abschn. B, Kap. V) hat Eduard von
Hartmann das Gesetz der von unbewußten Zielvorstellungen geleiteten Ideen-
assoziation mit klaren Worten ausgesprochen, ohne sich jedoch der Tragweite
dieses Gesetzes bewußt zu sein. Ihm ist es darum zu tun, zu erweisen, daß
„jede Kombination sinnlicher Vorstellungen, wenn sie nicht rein dem Zufall an-
heimgestellt wird, sondern zu einem bestimmten Ziele führen soll, der Hilfe des
Unbewußten bedarf“ und „daß das bewußte Interesse an einer bestimmten Ge-
dankenverbindung ein Antrieb für das Unbewußte ist, unter den unzähligen mög-
lichen Vorstellungen die zweckentsprechende herauszufinden. Es ist das Un-
bewußte, welches den Zwecken des Interesses gemäß wählt: und das gilt fürS.
417
früh auf die Festigkeit des psychischen Gefüges verzichtet. Ich weiß,
daß ein ungeregelter, der Zielvorstellungen entbehrender Gedanken-
ablauf im Rahmen der Hysterie und der Paranoia ebensowenig vor-
kommt wie bei der Bildung oder bei der Auflösung der Träume. Er
tritt vielleicht bei den endogenen psychischen Affektionen über-
haupt nicht ein; selbst die Delirien der Verworrenen sind nach einer
geistreichen Vermutung von Leuret sinnvoll und werden nur durch
Auslassungen für uns unverständlich. Ich habe die nämliche Über-
zeugung gewonnen, wo mir Gelegenheit zur Beobachtung geboten
war. Die Delirien sind das Werk einer Zensur, die sich keine Mühe
mehr gibt, ihr Walten zu verbergen, die anstatt ihre Mitwirkung zu
einer nicht mehr anstößigen Umarbeitung zu leihen, rücksichtslos
ausstreicht, wogegen sie Einspruch erhebt, wodurch dann das Übrig-
gelassene zusammenhanglos wird. Diese Zensur verfährt ganz analog
der russischen Zeitungszensur an der Grenze, welche ausländische
Journale nur von schwarzen Strichen durchsetzt in die Hände der
zu behütenden Leser gelangen läßt.Das freie Spiel der Vorstellungen nach beliebiger Assoziations-
verkettung kommt vielleicht bei destruktiven organischen Gehirn-
prozessen zum Vorschein; was bei den Psychoneurosen für solches
gehalten wird, läßt sich allemal durch Einwirkung der Zensur auf
eine Gedankenreihe aufklären, welche von verborgen gebliebenen
Zielvorstellungen in den Vordergrund geschoben wird*). Als eindie Ideenassoziation beim abstrakten Denken, als sinnlichem Vor-
stellen oder künstlerischem Kombinieren1) und beim witzigen Ein-
fall. Daher ist eine Einschränkung der Ideenassoziation auf die hervorrufende
und die hervorgerufene Vorstellung im Sinne der reinen Assoziationspsychologie
nicht aufrecht zu erhalten. Eine solche Einschränkung wäre nur dann tatsäch-
lich gerechtfertigt, wenn Zustände im menschlichen Leben vorkommen, in denen
der Mensch nicht nur von jedem bewußten Zweck, sondern auch von der Herr-
schaft oder Mitwirkung jedes unbewußten Interesses, jeder Stimmung frei ist.
Dies ist aber ein kaum jemals vorkommender Zustand, denn auch, wenn man
seine Gedankenfolge anscheinend völlig dem Zufall anheim gibt,
oder wenn man sich ganz den unwillkürlichen Träumen der Phantasie
überläßt, so walten doch immer zu der einen Stunde andere Haupt-
interessen, maßgebende Gefühle und Stimmungen im Gemüt als
zu der anderen, und diese werden allemal einen Einfluß auf die
Ideenassoziation üben.2) (Philos. d. Unbew., II. Aufl., I, 246.) Bei halb-
unbewußten Träumen kommen immer nur solche Vorstellungen, die dem augen-
blicklichen (unbewußten) Hauptinteresse entsprechen (a. a. O.). Die Hervor-
hebung des Einflusses der Gefühle und Stimmungen auf die freie Gedanken-
folge läßt nun das methodische Verfahren der Psychoanalyse auch vom Stand-
punkte der Hartmannschen Psychologie als durchaus gerechtfertigt erscheinen.3)
(N. E. Pohorilles in Internat. Zschr. f. ärztl. Ps.-A. I, 1913, S. 605 f.) – Du
Prell schließt aus der Tatsache, daß ein Name, auf den wir uns vergeblich be-
sinnen, uns oft plötzlich wie unvermittelt einfällt, es gebe ein unbewußtes und
dennoch zielgerichtetes Denken, dessen Resultat alsdann ins Bewußtsein tritt
(Philos. d. Mystik p. 107).*)Vgl. dazu die glänzende Bestätigung dieser Behauptung, die C. G. Jung
durch Analysen bei Dementia praecox erbracht hat. („Zur Psychologie der De-
mentia praecox“, 1907.)1)Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.
S.
418
untrügliches Zeichen der von Zielvorstellungen freien Assoziation hat
man es betrachtet, wenn die auftauchenden Vorstellungen (oder Bilder)
untereinander durch die Bande der sogenannten oberflächlichen Asso-
ziationen verknüpft erscheinen, also durch Assonanz, Wortzweideutig-
keit, zeitliches Zusammentreffen ohne innere Sinnbeziehung, durch
alle die Assoziationen, die wir im Witz und beim Wortspiel zu ver-
werten uns gestatten. Dieses Kennzeichen trifft für die Gedanken-
verbindungen, die uns von den Elementen des Trauminhaltes zu den
Kollateralen und von diesen zu den eigentlichen Traumgedanken
führen, zu; wir haben bei vielen Traumanalysen Beispiele davon ge-
funden, die unser Befremden wecken mußten. Keine Anknüpfung
war da zu locker, kein Witz zu verwerflich, als daß er nicht die
Brücke von einem Gedanken zum anderen hätte bilden dürfen. Aber
das richtige Verständnis solcher Nachsichtigkeit liegt nicht fern.
Jedesmal, wenn ein psychisches Element mit einem an-
deren durch eine anstößige und oberflächliche Assoziation
verbunden ist, existiert auch eine korrekte und tiefer-
gehende Verknüpfung zwischen den beiden, welche dem
Widerstand der Zensur unterliegt.
Druck der Zensur, nicht Aufhebung der Zielvorstellungen ist
die richtige Begründung für das Vorherrschen der oberflächlichen
Assoziationen. Die oberflächlichen Assoziationen ersetzen in der Dar-
stellung die tiefen, wenn die Zensur diese normalen Verbindungswege
ungangbar macht. Es ist, wie wenn ein allgemeines Verkehrshindernis,
z. B. eine Überschwemmung im Gebirge die großen und breiten
Straßen unwegsam werden läßt; der Verkehr wird dann auf unbe-
quemen und steilen Fußpfaden aufrecht erhalten, die sonst nur der
Jäger begangen hat.
Man kann hier zwei Fälle voneinander trennen, die im wesent-
lichen eins sind. Entweder die Zensur richtet sich nur gegen den
Zusammenhang zweier Gedanken, die voneinander losgelöst, dem
Einspruch entgehen. Dann treten die beiden Gedanken nacheinander
ins Bewußtsein; ihr Zusammenhang bleibt verborgen; aber dafür fällt
uns eine oberflächliche Verknüpfung zwischen beiden ein, an die wir
sonst nicht gedacht hätten, und die in der Regel an einer anderen
Ecke des Vorstellungskomplexes ansetzt, als von welcher die unter-
drückte, aber wesentliche Verbindung ausgeht. Oder aber, beide Ge-
danken unterliegen an sich wegen ihres Inhaltes der Zensur; dann er-
scheinen beide nicht in der richtigen, sondern in modifizierter, er-
setzter Form, und die beiden Ersatzgedanken sind so gewählt, daß
sie durch eine oberflächliche Assoziation die wesentliche Verbindung
wiedergeben, in der die von ihnen ersetzten stehen. Unter dem
Drucke der Zensur hat hier in beiden Fällen eine Ver-
schiebung stattgefunden von einer normalen, ernsthaf-
ten Assoziation auf eine oberflächliche, absurd erschei-
nende.S.
419
Weil wir von diesen Verschiebungen wissen, vertrauen wir uns
bei der Traumdeutung auch den oberflächlichen Assoziationen ganz
ohne Bedenken an*).Von den beiden Sätzen, daß mit dem Aufgeben der bewußten
Zielvorstellungen die Herrschaft über den Vorstellungsablauf an ver-
borgene Zielvorstellungen übergeht und daß oberflächliche Assozia-
tionen nur ein Verschiebungsersatz sind für unterdrückte, tiefer-
gehende, macht die Psychoanalyse bei Neurosen den ausgiebigsten
Gebrauch; ja, sie erhebt die beiden Sätze zu Grundpfeilern ihrer
Technik. Wenn ich einem Patienten auftrage, alles Nachdenken fahren
zu lassen und mir zu berichten, was immer ihm dann in den Sinn
kommt, so halte ich die Voraussetzung fest, daß er die Zielvor-
stellungen der Behandlung nicht fahren lassen kann, und halte mich
für berechtigt zu folgern, daß das scheinbar Harmloseste und Will-
kürlichste, das er mir berichtet, im Zusammenhange mit seinem
Krankheitszustand steht. Eine andere Zielvorstellung, von der dem
Patienten nichts ahnt, ist die meiner Person. Die volle Würdigung
sowie der eingehende Nachweis der beiden Aufklärungen gehört
demnach in die Darstellung der psychoanalytischen Technik als thera-
peutischen Methode. Wir haben hier einen der Anschlüsse erreicht,
bei denen wir das Thema der Traumdeutung vorsätzlich fallen
lassen**).Eines nur ist richtig und bleibt von den Einwendungen be-
stehen, nämlich daß wir nicht alle Einfälle der Deutungsarbeit auch
in die nächtliche Traumarbeit zu versetzen brauchen. Wir machen
ja beim Deuten im Wachen einen Weg, der von den Traumelementen
zu den Traumgedanken rückläuft. Die Traumarbeit hat den umge-
kehrten Weg genommen, und es ist gar nicht wahrscheinlich, daß
diese Wege in umgekehrter Richtung gangbar sind. Es erweist sich
vielmehr, daß wir bei Tag über neue Gedankenverbindungen Schachte-
führen, welche die Zwischengedanken und die Traumgedanken bald
an dieser, bald an jener Stelle treffen. Wir können sehen, wie sich
das frische Gedankenmaterial des Tages in die Deutungsreihen ein-
schiebt, und wahrscheinlich nötigt auch die Widerstandssteigerung,
die seit der Nachtzeit eingetreten ist, zu neuen und ferneren Umwegen.
Die Zahl oder Art der Kollateralen aber, die wir so bei Tage an-
*)Dieselben Erwägungen gelten natürlich auch für den Fall, daß die ober-
flächlichen Assoziationen im Trauminhalt bloßgelegt werden, wie z. B. in den
beiden von Maury mitgeteilten Träumen (p. 45: pélerinage – Pelletier – pelle;
Kilometer – Kilogramm – Gilolo – Lobelia – Lopez – Lotto). Aus der
Arbeit mit Neurotikern weiß ich, welche Reminiszenz sich so darzustellen liebt.
Es ist das Nachschlagen im Konversationslexikon (Lexikon überhaupt), aus dem
ja die meisten in der Zeit der Pubertätsneugierde ihr Bedürfnis nach Aufklärung
der sexuellen Rätsel gestillt haben.**)Die hier vorgetragenen, damals sehr unwahrscheinlich klingenden Sätze
haben später durch die „diagnostischen Assoziationsstudien“ Jungs und seiner
Schüler eine experimentelle Rechtfertigung und Verwertung erfahren.S.
420
spinnen, ist psychologisch völlig bedeutungslos, wenn sie uns nur
den Weg zu den gesuchten Traumgedanken führen.b) Die Regression.
Nun aber, da wir uns gegen die Einwendungen verwahrt oder
wenigstens angezeigt haben, wo unsere Waffen zur Abwehr ruhen,
dürfen wir es nicht länger verschieben, in die psychologischen Unter-
suchungen einzutreten, für die wir uns längst gerüstet haben. Wir
stellen die Hauptergebnisse unserer bisherigen Untersuchung zu-
sammen. Der Traum ist ein vollwichtiger psychischer Akt; seine
Triebkraft ist allemal ein zu erfüllender Wunsch; seine Unkennt-
lichkeit als Wunsch und seine vielen Sonderbarkeiten und Absurdi-
täten rühren von dem Einfluß der psychischen Zensur her, den er bei
der Bildung erfahren hat; außer der Nötigung, sich dieser Zensur
zu entziehen, haben bei seiner Bildung mitgewirkt eine Nötigung
zur Verdichtung des psychischen Materials, eine Rücksicht auf Dar-
stellbarkeit in Sinnesbildern und – wenn auch nicht regelmäßig –
eine Rücksicht auf ein rationelles und intelligibles Äußeres des
Traumgebildes. Von jedem dieser Sätze führt der Weg weiter zu
psychologischen Postulaten und Mutmaßungen: die gegenseitige Be-
ziehung des Wunschmotivs und der vier Bedingungen sowie dieser
untereinander ist zu untersuchen; der Traum ist in den Zusammen-
hang des Seelenlebens einzureihen.Wir haben einen Traum an die Spitze dieses Abschnittes ge-
stellt, um uns an die Rätsel zu mahnen, deren Lösung noch aussteht.
Die Deutung dieses Traumes vom brennenden Kinde bereitete uns
keine Schwierigkeiten, wenngleich sie nicht in unserem Sinne voll-
ständig gegeben war. Wir fragten uns, warum hier überhaupt ge-
träumt wurde anstatt zu erwachen, und erkannten als das eine Motiv
des Träumens den Wunsch, das Kind als lebend vorzustellen. Daß
noch ein anderer Wunsch dabei eine Rolle spielt, werden wir nach
späteren Erörterungen einsehen können. Zunächst also ist es die
Wunscherfüllung, der zuliebe der Denkvorgang des Schlafens in einen
Traum verwandelt wurde.Macht man diese rückgängig, so bleibt nur noch ein Charakter
übrig, welcher die beiden Arten des psychischen Geschehens von-
einander scheidet. Der Traumgedanke hätte gelautet: Ich sehe einen
Schein aus dem Zimmer, in dem die Leiche liegt. Vielleicht ist eine
Kerze umgefallen und das Kind brennt! Der Traum gibt das Re-
sultat dieser Überlegung unverändert wieder, aber dargestellt in einer
Situation, die gegenwärtig und mit den Sinnen wie ein Erlebnis des
Wachens zu erfassen ist. Das ist aber der allgemeinste und auf-
fälligste psychologische Charakter des Träumens; ein Gedanke, in
der Regel der gewünschte, wird im Traume objektiviert, als Szene
dargestellt oder, wie wir meinen, erlebt.S.
421
Wie soll man nun diese charakteristische Eigentümlichkeit der
Traumarbeit erklären oder – bescheidener ausgedrückt – in den
Zusammenhang der psychischen Vorgänge einfügen?Bei näherem Zusehen merkt man wohl, daß in der Erscheinungs-
form des Traumes zwei voneinander fast unabhängige Charaktere
ausgeprägt sind. Der eine ist die Darstellung als gegenwärtige Si-
tuation mit Weglassung des „vielleicht“; der andere die Umsetzung
des Gedankens in visuelle Bilder und in Rede.Die Umwandlung, welche die Traumgedanken dadurch erfahren,
daß die in ihnen ausgedrückte Erwartung ins Präsens gesetzt wird,
scheint vielleicht gerade an diesem Traume nicht sehr auffällig. Es
hängt dies mit der besonderen, eigentlich nebensächlichen Rolle der
Wunscherfüllung in diesem Traume zusammen. Nehmen wir einen
anderen Traum vor, indem sich der Traumwunsch nicht von der
Fortsetzung der Wachgedanken in den Schlaf absondert, z. B. den
von Irmas Injektion. Hier ist der zur Darstellung gelangende Traum-
gedanke ein Optativ: Wenn doch der Otto an der Krankheit Irmas
schuld sein möchte! Der Traum verdrängt den Optativ und ersetzt
ihn durch ein simples Präsens. Ja, Otto ist schuld an der Krank-
heit Irmas. Das ist also die erste der Verwandlungen, die auch
der entstellungsfreie Traum mit den Traumgedanken vornimmt. Bei
dieser ersten Eigentümlichkeit des Traumes werden wir uns aber
nicht lange aufhalten. Wir erledigen sie durch den Hinweis auf die
bewußte Phantasie, auf den Tagtraum, der mit seinem Vorstellungs-
inhalt ebenso verfährt. Wenn Daudets Mr. Joyense beschäfti-
gungslos durch die Straßen von Paris irrt, während seine Töchter
glauben müssen, er habe eine Anstellung und sitze in seinem Bureau,
so träumt er von den Vorfällen, die ihm zur Protektion und zu einer
Anstellung verhelfen sollen, gleichfalls im Präsens. Der Traum ge-
braucht also das Präsens in derselben Weise und mit demselben Rechte
wie der Tagtraum. Das Präsens ist die Zeitform, in welcher der
Wunsch als erfüllt dargestellt wird.Dem Traume allein zum Unterschiede vom Tagtraume eigen-
tümlich ist aber der zweite Charakter, daß der Vorstellungsinhalt
nicht gedacht, sondern in sinnliche Bilder verwandelt wird, denen
man dann Glauben schenkt, und die man zu erleben meint. Fügen
wir gleich hinzu, daß nicht alle Träume die Umwandlung von Vor-
stellung in Sinnesbild zeigen; es gibt Träume, die nur aus Gedanken
bestehen; denen man die Wesenheit der Träume darum doch nicht
bestreiten wird. Mein Traum: „Autodidasker“ – die Tagesphantasie
mit Professor N.“ ist ein solcher, in den sich kaum mehr sinnliche
Elemente einmengen, als wenn ich seinen Inhalt bei Tag gedacht
hätte. Auch gibt es in jedem längeren Traume Elemente, welche die
Umwandlung ins Sinnliche nicht mitgemacht haben, die einfach ge-
dacht oder gewußt werden, wie wir’s vom Wachen her gewöhnt
sind. Ferner wollen wir gleich hier daran denken, daß solche Ver-
S.
422
wandlung von Vorstellungen in Sinnesbilder nicht dem Traume allein
zukommt, sondern ebenso der Halluzination, den Visionen, die etwa
selbständig in der Gesundheit auftreten oder als Symptome der Psy-
choneurosen. Kurz, die Beziehung, die wir hier untersuchen, ist nach
keiner Richtung eine ausschließliche; es bleibt aber bestehen, daß
dieser Charakter des Traumes, wo er vorkommt, uns als der bemerkens-
werteste erscheint, so daß wir ihn nicht aus dem Traumleben weg-
genommen denken könnten. Sein Verständnis erfordert aber weit-
ausgreifende Erörterungen.Unter allen Bemerkungen zur Theorie des Träumens, welche
man bei den Autoren finden kann, möchte ich eine als anknüpfens-
wert hervorheben. Der große G. Th. Fechner spricht in seiner
Psychophysik (II. Teil, p. 520) im Zusammenhange einiger Er-
örterungen, die er dem Traume widmet, die Vermutung aus,
daß der Schauplatz der Träume ein anderer sei als der
des wachen Vorstellungslebens. Keine andere Annahme ge-
statte es, die besonderen Eigentümlichkeiten des Traumlebens zu
begreifen.Die Idee, die uns so zur Verfügung gestellt wird, ist die einer
psychischen Lokalität. Wir wollen ganz beiseite lassen, daß der
seelische Apparat, um den es sich hier handelt, uns auch als ana-
tomisches Präparat bekannt ist, und wollen der Versuchung sorgfältig
aus dem Wege gehen, die psychische Lokalität etwa anatomisch zu
bestimmen. Wir bleiben auf psychologischem Boden und gedenken
nur der Aufforderung zu folgen, daß wir uns das Instrument, welches
den Seelenleistungen dient, vorstellen wie etwa ein zusammengesetztes
Mikroskop, einen photographischen Apparat u. dgl. Die psychische
Lokalität entspricht dann einem Orte, innerhalb eines solchen Appa-
rates, an dem eine der Vorstufen des Bildes zu stande kommt. Beim
Mikroskop und Fernrohr sind dies bekanntlich zum Teil ideelle Ort-
lichkeiten, Gegenden, in denen kein greifbarer Bestandteil des Appa-
rates gelegen ist. Für die Unvollkommenheiten dieser und aller
ähnlichen Bilder Entschuldigung zu erbitten, halte ich für über-
flüssig. Diese Gleichnisse sollen uns nur bei einem Versuch unter-
stützen, der es unternimmt, uns die Komplikation der psychischen
Leistung verständlich zu machen, indem wir diese Leistung zer-
legen und die Einzelleistung den einzelnen Bestandteilen des Appa-
rates zuweisen. Der Versuch, die Zusammensetzung des seelischen
Instrumentes aus solcher Zerlegung zu erraten, ist meines Wissens
noch nicht gewagt worden. Er scheint mir harmlos. Ich meine,
wir dürfen unseren Vermutungen freien Lauf lassen, wenn wir
dabei nur unser kühles Urteil bewahren, das Gerüste nicht für den
Bau halten. Da wir nichts anderes benötigen als Hilfsvorstellungen
zur ersten Annäherung an etwas Unbekanntes, so werden wir die
rohesten und greifbarsten Annahmen zunächst allen anderen vor-
ziehen.S.
423
Wir stellen uns also den seelischen Apparat vor als ein zu-
sammengesetztes Instrument, dessen Bestandteile wir Instanzen oder
der Anschaulichkeit zuliebe Systeme heißen wollen. Dann bilden
wir die Erwartung, daß diese Systeme vielleicht eine konstante räum-
liche Orientierung gegeneinander haben, etwa wie die verschiedenen
Linsensysteme des Fernrohres hintereinander stehen. Streng ge-
nommen brauchen wir die Annahme einer wirklich räumlichen An-
ordnung der psychischen Systeme nicht zu machen. Es genügt uns,
wenn eine feste Reihenfolge dadurch hergestellt wird, daß bei ge-
wissen psychischen Vorgängen die Systeme in einer bestimmten zeit-
lichen Folge von der Erregung durchlaufen werden. Diese Folge mag
bei anderen Vorgängen eine Abänderung erfahren; eine solche Mög-
lichkeit wollen wir uns offen lassen. Von den Bestandteilen des
Apparates wollen wir von nun an der Kürze halber als „Ψ-Systeme“
sprechen.Das erste, was uns auffällt, ist nun, daß dieser aus Ψ-Systemen
zusammengesetzte Apparat eine Richtung hat. All unsere psychische
Tätigkeit geht von (inneren oder äußeren) Reizen aus und endigt in
Innervationen. Somit schreiben wir dem Apparat ein sensibles und
ein motorisches Ende zu; an dem sensiblen Ende befindet sich ein
System, welches die Wahrnehmungen empfängt, am motorischen Ende
ein anderes, welches die Schleusen der Motilität eröffnet. Der psychi-
sche Vorgang verläuft im allgemeinen vom Wahrnehmungsende zum
Motilitätsende. Das allgemeinste Schema des psychischen Apparates
hätte also folgendes Ansehen:Fig. 1.
Das ist aber nur die Erfüllung der uns längst vertrauten Forde-
rung, der psychische Apparat müsse gebaut sein wie ein Reflex-
apparat. Der Reflexvorgang bleibt das Vorbild auch aller psychi-
schen Leistung.
Wir haben nun Grund, am sensiblen Ende eine erste Differen-
zierung eintreten zu lassen. Von den Wahrnehmungen, die an uns
herankommen, verbleibt in unserem psychischen Apparat eine Spur,
die wir „Erinnerungsspur“ heißen können. Die Funktion, die sich
auf diese Erinnerungsspur bezieht, heißen wir ja Gedächtnis. WennS.
424
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
wir Ernst mit dem Vorsatze machen, die psychischen Vorgänge an
Systeme zu knüpfen, so kann die Erinnerungsspur nur bestehen in
bleibenden Veränderungen an den Elementen der Systeme. Nun bringt
es, wie schon von anderer Seite ausgeführt, offenbar Schwierigkeiten
mit sich, wenn ein und dasselbe System an seinen Elementen Ver-
änderungen getreu bewahren und doch neuen Anlässen zur Ver-
änderung immer frisch und aufnahmsfähig entgegentreten soll. Nach
dem Prinzip, das unseren Versuch leitet, werden wir also diese beiden
Leistungen auf verschiedene Systeme verteilen. Wir nehmen an, daß
ein vorderstes System des Apparates die Wahrnehmungsreize auf-
nimmt, aber nichts von ihnen bewahrt, also kein Gedächtnis hat, und
daß hinter diesem ein zweites System liegt, welches die momentane
Erregung des ersten in Dauerspuren umsetzt. Dann wäre dies das
Bild unseres psychischen Apparates (Fig. 2):Fig. 2.
W Er Er' Er'' M
Es ist bekannt, daß wir von den Wahrnehmungen, die auf
System W einwirken, noch etwas anderes als bleibend bewahren als
den Inhalt derselben. Unsere Wahrnehmungen erweisen sich auch als
im Gedächtnisse miteinander verknüpft und zwar vor allem nach ihrem
einstigen Zusammentreffen in der Gleichzeitigkeit. Wir heißen das
die Tatsache der Assoziation. Es ist nun klar, wenn das W-System
überhaupt kein Gedächtnis hat, daß es auch die Spuren für die
Assoziation nicht aufbewahren kann; die einzelnen W-Elemente
wären in ihrer Funktion unerträglich behindert, wenn sich gegen eine
neue Wahrnehmung ein Rest früherer Verknüpfung geltend machen
würde. Wir müssen also als die Grundlage der Assoziation vielmehr
die Erinnerungssysteme annehmen. Die Tatsache der Assoziation be-
steht dann darin, daß infolge von Widerstandsverringerungen und
Bahnungen von einem der Er-Elemente die Erregung sich eher nach
einem zweiten als nach einem dritten Er-Element fortpflanzt.Bei näherem Eingehen ergibt sich die Notwendigkeit, nicht
eines, sondern mehrere solcher Er-Systeme anzunehmen, in denen
dieselbe, durch die W-Elemente fortgepflanzte Erregung eine ver-
schiedenartige Fixierung erfährt. Das erste dieser Er-Systeme wirdS.
425
Ein Schema des seelischen Apparates.
jedenfalls die Fixierung der Assoziation durch Gleichzeitigkeit ent-
halten, in den weiter entfernt liegenden wird dasselbe Erregungs-
material nach anderen Arten des Zusammentreffens angeordnet sein,
so daß etwa Beziehungen der Ähnlichkeit u. a. durch diese späteren
Systeme hergestellt würden. Es wäre natürlich müßig, die psy-
chische Bedeutung eines solchen Systems in Worten angeben zu
wollen. Die Charakteristik desselben läge in der Innigkeit seiner Be-
ziehungen zu Elementen des Erinnerungsrohmaterials, das heißt, wenn
wir auf eine tiefergreifende Theorie hinweisen wollen, in den Ab-
stufungen des Leitungswiderstandes nach diesen Elementen hin.
Eine Bemerkung allgemeiner Natur, die vielleicht auf Bedeut-
sames hinweist, wäre hier einzuschalten. Das W-System, welches
keine Fähigkeiten hat, Veränderungen zu bewahren, also kein Ge-
dächtnis, ergibt für unser Bewußtsein die ganze Mannigfaltigkeit der
sinnlichen Qualitäten. Umgekehrt sind unsere Erinnerungen, die am
tiefsten uns eingeprägten nicht ausgenommen, an sich unbewußt. Sie
können bewußt gemacht werden; es ist aber kein Zweifel, daß sie
im unbewußten Zustand alle ihre Wirkungen entfalten. Was wir
unseren Charakter nennen, beruht ja auf den Erinnerungsspuren unse-
rer Eindrücke, und zwar sind gerade die Eindrücke, die am stärksten
auf uns gewirkt hatten, die unserer ersten Jugend, solche, die fast
nie bewußt werden. Werden aber Erinnerungen wieder bewußt, so
zeigen sie keine sinnliche Qualität oder eine sehr geringfügige im
-">
Vergleiche zu den Wahrnehmungen. Ließe sich nun bestätigen, daß
Gedächtnis und Qualität für das Bewußtsein an den Ψ-Sy-
stemen einander ausschließen, so eröffnete sich in die Bedin-
gungen der Neuronenerregung ein vielversprechender Einblick.
Was wir bisher über die Zusammensetzung des psychischen
Apparates am sensiblen Ende angenommen haben, erfolgte ohne Rück-
sicht auf den Traum und die aus ihm ableitbaren psychologischen
Aufklärungen. Für die Erkenntnis eines anderen Stückes des Appa-
rates wird uns aber der Traum zur Beweisquelle. Wir haben gesehen,
daß es uns unmöglich wurde, die Traumbildung zu erklären, wenn
wir nicht die Annahmen zweier psychischen Instanzen wagen woll-
ten, von denen die eine die Tätigkeit der anderen einer Kritik unter-
zieht, als deren Folge sich die Ausschließung vom Bewußtwerden
ergibt.
Die kritisierende Instanz, haben wir geschlossen, unterhält
nähere Beziehungen zum Bewußtsein als die kritisierte. Sie steht
zwischen dieser und dem Bewußtsein wie ein Schirm. Wir haben
ferner Anhaltspunkte gefunden, die kritisierende Instanz mit dem zu
identifizieren, was unser waches Leben lenkt und über unser willkür-
liches, bewußtes Handeln entscheidet. Ersetzen wir nun diese Instanzen
im Sinne unserer Annahmen durch Systeme, so wird durch die letzt-
erwähnte Erkenntnis das kritisierende System ans motorische Ende
gerückt. Wir tragen nun die beiden Systeme in unser Schema einS.
426
und drücken in den ihnen verliehenen Namen ihre Beziehung zum
Bewußtsein aus.Fig. 3.
Das letzte der Systeme am motorischen Ende heißen wir das
Vorbewußte, um anzudeuten, daß die Erregungsvorgänge in dem-
selben ohne weitere Aufhaltung zum Bewußtsein gelangen können,
falls noch gewisse Bedingungen erfüllt sind, z. B. die Erreichung
einer gewissen Intensität, eine gewisse Verteilung jener Funktion, die
man Aufmerksamkeit zu nennen hat, und dergleichen. Es ist gleich-
zeitig das System, welches die Schlüssel zur willkürlichen Motilität
inne hat. Das System dahinter heißen wir das Unbewußte, weil
es keinen Zugang zum Bewußtsein hat, außer durch das Vor-
bewußte, bei welchem Durchgang sein Erregungsvorgang sich Ab-
-
änderungen gefallen lassen muß.In welches dieser Systeme verlegen wir nun den Anstoß zur
Traumbildung? Der Vereinfachung zuliebe in das System Ubw. Wir
werden zwar in späteren Erörterungen hören, daß dies nicht ganz
richtig ist, daß die Traumbildung genötigt ist, an Traumgedanken an-
-
zuknüpfen, die dem System des Vorbewußten angehören. Wir werden
aber auch an anderer Stelle, wenn wir vom Traumwunsche handeln,
erfahren, daß die Triebkraft für den Traum vom Ubw beigestellt
wird, und wegen dieses letzteren Momentes wollen wir das unbewußte
System als den Ausgangspunkt der Traumbildung annehmen. Diese
Traumerregung wird nun wie alle anderen Gedankenbildungen das
Bestreben äußern, sich ins Vbw fortzusetzen und von diesem aus den
Zugang zum Bewußtsein zu gewinnen.Die Erfahrung lehrt uns, daß den Traumgedanken tagsüber
dieser Weg, der durchs Vorbewußte zum Bewußtsein führt, durch
die Widerstandszensur verlegt ist. In der Nacht schaffen sie sich den
Zugang zum Bewußtsein; aber es erhebt sich die Frage, auf welchem
Wege und dank welcher Veränderung. Würde dies den Traum-
-
gedanken dadurch ermöglicht, daß nachts der Widerstand absinkt, der
an der Grenze zwischen Unbewußten und Vorbewußten wacht, so
bekämen wir Träume in dem Material unserer Vorstellungen, die nicht
den halluzinatorischen Charakter zeigten, der uns jetzt interessiert.S.
427
Das Absinken der Zensur zwischen den beiden Systemen Ubw
und Vbw kann uns also nur solche Traumbildungen erklären wie
Autodidasker, aber nicht Träume wie den vom brennenden
Kinde, den wir uns als Problem an den Eingang dieser Unter-
suchungen gestellt haben.
Was im halluzinatorischen Traume vor sich geht, können wir
nicht anders beschreiben, als indem wir sagen: Die Erregung nimmt
einen rückläufigen Weg. Anstatt gegen das motorische Ende des
Apparates pflanzt sie sich gegen das sensible fort und langt schließ-
lich beim System der Wahrnehmungen an. Heißen wir die Richtung,
nach welcher sich der psychische Vorgang aus dem Unbewußten im
Wachen fortsetzt, die progrediente, so dürfen wir vom Traume
aussagen, er habe regredienten Charakter*).
Diese Regression ist dann sicherlich eine der wichtigsten
psychologischen Eigentümlichkeiten des Traumvorganges; aber wir
dürfen nicht vergessen, daß sie den Träumen nicht allein zukommt.
Auch das absichtliche Erinnern und andere Teilvorgänge unseres
normalen Denkens entsprechen einem Rückschreiten im psychischen
Apparat von irgend welchem komplexen Vorstellungsakt auf das
Rohmaterial der Erinnerungsspuren, die ihm zu Grunde liegen. Wäh-
rend des Wachens aber reicht dieses Zurückgreifen niemals über die
Erinnerungsbilder hinaus; es vermag die halluzinatorische Belebung
der Wahrnehmungsbilder nicht zu erzeugen. Warum ist dies im
Traume anders? Als wir von der Verdichtungsarbeit des Traumes
sprachen, konnten wir der Annahme nicht ausweichen, daß durch
die Traumarbeit die an den Vorstellungen haftenden Intensitäten von
einer zur anderen voll übertragen werden. Wahrscheinlich ist es diese
Abänderung des sonstigen psychischen Vorganges, welche es ermög-
licht, das System der W bis zur vollen sinnlichen Lebhaftigkeit in
umgekehrter Richtung, von den Gedanken her, zu besetzen.
Ich hoffe, wir sind weit davon entfernt, uns über die Tragweite
dieser Erörterungen zu täuschen. Wir haben nichts anderes getan,
als für ein nicht zu erklärendes Phänomen einen Namen gegeben.
Wir heißen es Regression, wenn sich im Traume die Vorstellung in
das sinnliche Bild rückverwandelt, aus dem sie irgend einmal hervor-
gegangen ist. Auch dieser Schritt verlangt aber Rechtfertigung.
Wozu die Namengebung, wenn sie uns nichts Neues lehrt? Nun ich
meine, der Name „Regression“ dient uns insofern, als er die uns be-
kannte Tatsache an das Schema des mit einer Richtung versehenen*)Die erste Andeutung des Moments der Regression findet sich bereits
bei Albertus Magnus. Die Imaginatio, heißt es bei ihm, baut aus den auf-
bewahrten Bildern der sinnenfälligen Objekte den Traum auf. Der Prozeß voll-
zieht sich umgekehrt wie im Wachen (nach Diepgen, p. 14). – Hobbes sagt
(im Leviathan, 1651): „In sum, our dreams are the reverse of our waking ima-
ginations, the motion, when we are awake, beginning at one end, and when we
dream at another.“ (Nach H. Ellis, p. 112.)S.
428
seelischen Apparates knüpft. An dieser Stelle verlohnt es sich aber
zum erstenmal, ein solches Schema aufgestellt zu haben.Denn eine andere Eigentümlichkeit der Traumbildung wird uns
ohne neue Überlegung allein mit Hilfe des Schemas einsichtlich wer-
den. Wenn wir den Traumvorgang als eine Regression innerhalb des
von uns angenommenen seelischen Apparates ansehen, so erklärt sich
uns ohne weiteres die empirisch festgestellte Tatsache, daß alle Denk-
relationen der Traumgedanken bei der Traumarbeit verloren gehen
oder nur mühseligen Ausdruck finden. Diese Denkrelationen sind
nach unserem Schema nicht in den ersten Er-Systemen, sondern in
weiter nach vorn liegenden enthalten und müssen bei der Regression
bis auf die Wahrnehmungsbilder ihren Ausdruck einbüßen. Das
Gefüge der Traumgedanken wird bei der Regression in sein
Rohmaterial aufgelöst.Durch welche Veränderung wird aber die bei Tag unmögliche
Regression ermöglicht? Hier wollen wir es bei Vermutungen be-
wenden lassen. Es muß sich wohl um Veränderungen in den Energie-
besetzungen der einzelnen Systeme handeln, durch welche sie weg-
samer oder unwegsamer für den Ablauf der Erregung werden; aber
in jedem derartigen Apparat könnte der nämliche Effekt für den Weg
der Erregung durch mehr als eine Art von solchen Abänderungen
zu stande gebracht werden. Man denkt natürlich sofort an den Schlaf-
zustand und an Besetzungsänderungen, die er am sensiblen Ende des
Apparates hervorruft. Bei Tag gibt es eine kontinuierlich laufende
Strömung von dem Ψ-System der W her zur Motilität; diese hat bei
Nacht ein Ende und könnte einer Rückströmung der Erregung kein
Hindernis mehr bereiten. Es wäre dies die „Abschließung von der
Außenwelt“, welche in der Theorie einiger Autoren die psychologi-
schen Charaktere des Traumes aufklären soll (vgl. p. 38). Indes
wird man bei der Erklärung der Regression des Traumes Rücksicht
auf jene anderen Regressionen nehmen müssen, die in krankhaften
Wachzuständen zustande kommen. Bei diesen Formen läßt natürlich
die eben gegebene Auskunft im Stiche. Es kommt zur Regression
trotz der ununterbrochenen sensiblen Strömung in progredienter
Richtung.Für die Halluzinationen der Hysterie, der Paranoia, die Visionen
geistesnormaler Personen kann ich die Aufklärung geben, daß sie
tatsächlich Regressionen entsprechen, d. h. in Bilder verwandelte
Gedanken sind und daß nur solche Gedanken diese Verwandlung
erfahren, welche mit unterdrückten oder unbewußt gebliebenen Er-
innerungen im intimen Zusammenhange stehen. Z. B. einer meiner
jüngsten Hysteriker, ein zwölfjähriger Knabe, wird am Einschlafen
gehindert durch „grüne Gesichter mit roten Augen“, vor denen
er sich entsetzt. Quelle dieser Erscheinung ist die unterdrückte, aber
einstens bewußte Erinnerung an einen Knaben, den er vor vier
Jahren oftmals sah, und der ihm ein abschreckendes Bild vielerS.
429
Kinderunarten bot, darunter auch jener der Onanie, aus der er sich
selbst jetzt einen nachträglichen Vorwurf macht. Die Mama hatte
damals bemerkt, daß der ungezogene Junge eine grünliche Gesichts-
farbe habe und rote (d. h. rot veränderte) Augen. Daher das
Schreckgespenst, das übrigens nur dazu bestimmt ist, ihn an eine
andere Vorhersage der Mama zu erinnern, daß solche Jungen blöd-
sinnig werden, in der Schule nichts erlernen können und früh sterben.
Unser kleiner Patient läßt den einen Teil der Prophezeiung eintreffen;
er kommt im Gymnasium nicht weiter und fürchtet sich, wie das
Verhör seiner ungewollten Einfälle zeigt, entsetzlich vor dem zweiten
Teile. Die Behandlung hat allerdings nach kurzer Zeit den Erfolg,
daß er schläft, seine Ängstlichkeit verliert und sein Schuljahr mit
einem Vorzugszeugnis abschließt.Hier kann ich die Auflösung einer Vision anreihen, die mir eine
40 jährige Hysterika aus ihren gesunden Tagen erzählt hat. Eines
Morgens schlägt sie die Augen auf und sieht ihren Bruder im Zim-
mer, der sich doch, wie sie weiß, in der Irrenanstalt befindet. Ihr
kleiner Sohn schläft im Bette neben ihr. Damit das Kind nicht er-
schrickt und in Krämpfe verfällt, wenn es den Onkel sieht,
zieht sie die Bettdecke über dasselbe, und dann verschwindet die
Erscheinung. Die Vision ist die Umarbeitung einer Kindererinnerung
der Dame, die zwar bewußt war, aber mit allem unbewußten Material
in ihrem Innern in intimster Beziehung stand. Ihre Kinderfrau hatte
ihr erzählt, daß die sehr früh verstorbene Mutter (Pat. war zur Zeit des
Todesfalles erst 11/2 Jahre alt) an epileptischen oder hysterischen
Krämpfen gelitten hatte, und zwar seit einem Schreck, den ihr der
Bruder (der Onkel meiner Patientin) dadurch verursachte, daß er
ihr als Gespenst mit einer Bettdecke über dem Kopfe erschien.
Die Vision enthält dieselben Elemente wie die Erinnerung: Die Er-
scheinung des Bruders, die Bettdecke, den Schreck und seine Wir-
kung. Diese Elemente sind aber zu neuem Zusammenhange angeordnet
und auf andere Personen übertragen. Das offenkundige Motiv der
Vision, der durch sie ersetzte Gedanke, ist die Besorgnis, daß ihr
kleiner Sohn, der seinem Onkel physisch so ähnlich war, das Schick-
sal desselben teilen könnte.Beide hier angeführte Beispiele sind nicht frei von aller Be-
ziehung zum Schlafzustand und darum vielleicht zu dem Beweise
ungeeignet, für den ich sie brauche. Ich verweise also auf meine
Analyse einer halluzinierenden Paranoika*) und auf die Ergebnisse
meiner noch nicht veröffentlichten Studien über die Psychologie der
Psychoneurosen, um zu bekräftigen, daß man in diesen Fällen von
regredienter Gedankenverwandlung den Einfluß einer unterdrückten
oder unbewußt gebliebenen Erinnerung, meist einer infantilen, nicht
*)„Weitere Bemerkungen über die Abwehrneuropsychosen.“ Neurologisches
Zentralblatt 1896, Nr. 10. (Sammlung kl. Schriften z. Neurosenlehre, p. 112.)S.
430
übersehen darf. Diese Erinnerung zieht gleichsam den mit ihr in
Verbindung stehenden, an seinem Ausdruck durch die Zensur ver-
hinderten Gedanken in die Regression als in jene Form der Darstel-
lung, in der sie selbst psychisch vorhanden ist. Ich darf hier als ein
Ergebnis der Studien über Hysterie anführen, daß die infantilen
Szenen (seien sie nun Erinnerungen oder Phantasien), wenn es ge-
lingt, sie bewußt zu machen, halluzinatorisch gesehen werden und erst
nach der Mitteilung diesen Charakter abstreifen. Es ist auch bekannt,
daß selbst bei Personen, die sonst im Erinnern nicht visuell sind,
die frühesten Kindererinnerungen den Charakter der sinnlichen Leb-
haftigkeit bis in späte Jahre bewahren.
Wenn man sich nun erinnert, welche Rolle in den Traum-
gedanken den infantilen Erlebnissen oder den auf sie gegründeten
Phantasien zufällt, wie häufig Stücke derselben im Trauminhalt wieder
auftauchen, wie die Traumwünsche selbst häufig aus ihnen abgeleitet
sind, so wird man auch für den Traum die Wahrscheinlichkeit nicht
abweisen, daß die Verwandlung von Gedanken in visuelle Bilder mit
die Folge der Anziehung sein möge, welche die nach Neubelebung
strebende visuell dargestellte Erinnerung auf den nach Ausdruck
ringenden, vom Bewußtsein abgeschnittenen Gedanken ausübt. Nach
dieser Auffassung ließe sich der Traum auch beschreiben als der
durch Übertragung auf Rezentes veränderte Ersatz der in-
fantilen Szene. Die Infantilszene kann ihre Erneuerung nicht
durchsetzen; sie muß sich mit der Wiederkehr als Traum begnügen.
Der Hinweis auf die gewissermaßen vorbildliche Bedeutung der
Infantilszenen (oder ihrer phantastischen Wiederholungen) für den
Trauminhalt macht eine der Annahmen Scherners und seiner An-
hänger über die inneren Reizquellen überflüssig. Scherner nimmt
einen Zustand von „Gesichtsreiz“, von innerer Erregung im Sehorgan
an, wenn die Träume eine besondere Lebhaftigkeit ihrer visuellen
Elemente oder einen besonderen Reichtum an solchen erkennen lassen.
Wir brauchen uns gegen diese Annahme nicht zu sträuben, dürfen
uns etwa damit begnügen, einen solchen Erregungszustand bloß für
das psychische Wahrnehmungssystem des Sehorgans zu statuieren,
werden aber geltend machen, daß dieser Erregungszustand ein durch
die Erinnerung hergestellter, die Auffrischung der seinerzeit aktuellen
Seherregung ist. Ich habe aus eigener Erfahrung kein gutes Bei-
spiel für solchen Einfluß einer infantilen Erinnerung zur Hand; meine
Träume sind überhaupt weniger reich an sinnlichen Elementen, als
ich die anderer schätzen muß; aber in dem schönsten und lebhaftesten
Traume dieser letzten Jahre wird es mir leicht, die halluzinatorische
Deutlichkeit des Trauminhaltes auf sinnliche Qualitäten rezenter und
kürzlich erfolgter Eindrücke zurückzuführen. Ich habe auf p. 332
einen Traum erwähnt, in dem die tiefblaue Farbe des Wassers, die
braune Farbe des Rauches aus den Kaminen der Schiffe und das
düstere Braun und Rot der Bauwerke, die ich sah, mir einen tiefenS.
431
Eindruck hinterließen. Wenn irgend einer, so mußte dieser Traum
auf Gesichtsreiz gedeutet werden. Und was hatte mein Sehorgan in
diesen Reizzustand versetzt? Ein rezenter Eindruck, der sich mit einer
Reihe früherer zusammentat. Die Farben, die ich sah, waren zunächst
die des Ankersteinbaukastens, mit dem die Kinder am Tage vor
meinem Traume ein großartiges Bauwerk aufgeführt hatten, um es
meiner Bewunderung zu zeigen. Da fanden sich das nämliche düstere
Rot an den großen, das Blau und Braun an den kleinen Steinen.
Dazu gesellten sich die Farbeindrücke der letzten italienischen
Reisen, das schöne Blau des Isonzo und der Lagune und das Braun
des Karstes. Die Farbenschönheit des Traumes war nur eine Wieder-
holung der in der Erinnerung gesehenen.Fassen wir zusammen, was wir über die Eigentümlichkeit des
Traumes, seinen Vorstellungsinhalt in sinnliche Bilder umzugießen,
erfahren haben. Wir haben diesen Charakter der Traumarbeit nicht
etwa erklärt, auf bekannte Gesetze der Psychologie zurückgeführt,
sondern haben ihn als auf unbekannte Verhältnisse hindeutend heraus-
gegriffen und durch den Namen des „regredienten“ Charakters
ausgezeichnet. Wir haben gemeint, diese Regression sei wohl überall,
wo sie vorkommt, eine Wirkung des Widerstandes, der sich dem Vor-
dringen des Gedankens zum Bewußtsein auf dem normalen Wege
entgegensetzt, sowie der gleichzeitigen Anziehung, welche als sinnes-
stark vorhandene Erinnerungen auf ihn ausüben*). Beim Traume käme
vielleicht zur Erleichterung der Regression hiezu das Aufhören der
progredienten Tagesströmung von den Sinnesorganen, welches Hilfs-
moment bei den anderen Formen von Regression durch Verstärkung
der anderen Regressionsmotive wettgemacht werden muß. Wir wollen
auch nicht vergessen, uns zu merken, daß bei diesen pathologischen
Fällen von Regression wie im Traume der Vorgang der Energie-
übertragung ein anderer sein dürfte als bei den Regressionen des nor-
malen seelischen Lebens, da durch ihn eine volle halluzinatorische
Besetzung der Wahrnehmungssysteme ermöglicht wird. Was wir bei
der Analyse der Traumarbeit als die „Rücksicht auf Darstellbarkeit“
beschrieben haben, dürfte auf die auswählende Anziehung der
von den Traumgedanken berührten, visuell erinnerten Szenen zu be-
ziehen sein.Über die Regression wollen wir noch bemerken, daß sie in der
Theorie der neurotischen Symptombildung eine nicht minder wichtige
Rolle wie in der des Traumes spielt. Wir unterscheiden dann eine drei-
fache Art der Regression: a) eine topische im Sinne des hier ent-
wickelten Schemas der Ψ-Systeme, b) eine zeitliche, insofern es*)In einer Darstellung der Lehre von der Verdrängung wäre auszuführen,
daß ein Gedanke durch das Zusammenwirken zweier ihn beeinflussenden Momente
in die Verdrängung gerät. Er wird von der einen Seite (der Zensur des Bw.)
weggestoßen, von der anderen (dem Ubw.) angezogen, also ähnlich wie man auf
die Spitze der großen Pyramide gelangt.S.
432
sich um ein Rückgreifen auf ältere psychische Bildungen handelt, und
c) eine formale, wenn primitive Ausdrucks-
und Darstellungsweisen
die gewohnten ersetzen. Alle drei Arten von Regression sind aber im
Grunde eines und treffen in den meisten Fällen zusammen, denn das
zeitlich ältere ist zugleich das formal primitive und in der psychischen
Topik dem Wahrnehmungsende nähere.
Leicht möglich, daß dieses erste Stück unserer psychologischen
Verwertung des Traumes uns selbst nicht sonderlich befriedigt. Wir
wollen uns damit trösten, daß wir ja genötigt sind, ins Dunkle hinaus
zu bauen. Sind wir nicht völlig in die Irre geraten, so müssen wir
von einem anderen Angriffspunkte her in ungefähr die nämliche
Region geraten, in welcher wir uns dann vielleicht besser zurecht-
finden werden.c) Zur Wunscherfüllung.
Der vorangestellte Traum vom brennenden Kinde gibt uns einen
willkommenen Anlaß, Schwierigkeiten, auf welche die Lehre von der
Wunscherfüllung stößt, zu würdigen. Wir haben es gewiß alle mit
Befremden aufgenommen, daß der Traum nichts anderes als eine
Wunscherfüllung sein soll, und nicht etwa allein wegen des Wider-
spruches, der vom Angsttraume ausgeht. Nachdem uns die ersten
Aufklärungen durch die Analyse belehrt hatten, hinter dem Traume
verberge sich Sinn und psychischer Wert, so wäre unsere Erwar-
tung keineswegs auf eine so eindeutige Bestimmung dieses Sinnes ge-
faßt gewesen. Nach der korrekten, aber kärglichen Definition des
Aristoteles ist der Traum das in den Schlafzustand – insofern man
schläft – fortgesetzte Denken. Wenn nun unser Denken bei Tage
so verschiedenartige psychische Akte schafft, Urteile, Schlußfolgerun-
gen, Widerlegungen, Erwartungen, Vorsätze u. dgl., wodurch soll es
bei Nacht genötigt sein, sich allein auf die Erzeugung von Wünschen
einzuschränken? Gibt es nicht vielmehr reichlich Träume, die einen
andersartigen psychischen Akt in Traumgestalt verwandelt bringen,
z. B. eine Besorgnis, und ist gerade der vorangestellte, ganz be-
sonders durchsichtige Traum des Vaters ein solcher? Er zieht auf den
Lichtschein hin, der ihm auch schlafend ins Auge fällt, den besorgten
Schluß, daß eine Kerze umgefallen sei und die Leiche in Brand ge-
steckt haben könne; diesen Schluß verwandelt er in einen Traum,
indem er ihn in eine sinnfällige Situation und in das Präsens ein-
kleidet. Welche Rolle spielt dabei die Wunscherfüllung, und ist denn die
Übermacht des vom Wachen her sich fortsetzenden oder durch den neuen
Sinneseindruck angeregten Gedankens dabei irgend zu verkennen?Das ist alles richtig und nötigt uns, auf die Rolle der Wunsch-
erfüllung im Traume und auf die Bedeutung der in den Schlaf sich
fortsetzenden Wachgedanken näher einzugehen.Gerade die Wunscherfüllung hat uns bereits zu einer Scheidung
der Träume in zwei Gruppen veranlaßt. Wir haben Träume ge-S.
433
funden, die sich offen als Wunscherfüllungen gaben; andere, deren
Wunscherfüllung unkenntlich, oft mit allen Mitteln versteckt war. In
den letzteren erkannten wir die Leistungen der Traumzensur. Die
unentstellten Wunschträume fanden wir hauptsächlich bei Kindern;
kurze, offenherzige Wunschträume schienen – ich lege Nach-
druck auf diesen Vorbehalt – auch bei Erwachsenen vorzukommen.
Wir können nun fragen, woher jedesmal der Wunsch stammt,
der sich im Traume verwirklicht. Aber auf welchen Gegensatz oder
auf welche Mannigfaltigkeit beziehen wir dieses „Woher“? Ich meine,
auf den Gegensatz zwischen dem bewußt gewordenen Tagesleben und
einer unbewußt gebliebenen psychischen Tätigkeit, die sich erst zur
Nachtzeit bemerkbar machen kann. Ich finde dann eine dreifache
Möglichkeit für die Herkunft eines Wunsches. Er kann 1. bei Tage
erregt worden sein und infolge äußerer Verhältnisse keine Befriedi-
gung gefunden haben; es erübrigt dann für die Nacht ein anerkannter
und unerledigter Wunsch. 2. er kann bei Tage aufgetaucht sein, aber
Verwerfung gefunden haben; es erübrigt uns dann ein unerledigter,
aber unterdrückter Wunsch oder 3. er kann außer Beziehung mit
dem Tagesleben sein und zu jenen Wünschen gehören, die erst nachts
aus dem Unterdrückten in uns rege werden. Wenn wir unser Schema
des psychischen Apparates vornehmen, so lokalisieren wir einen
Wunsch der ersten Art in das System Vbw; vom Wunsche der
zweiten Art nehmen wir an, daß er aus dem System Vbw in das
Ubw zurückgedrängt worden ist, und wenn überhaupt, nur dort sich
erhalten hat; und von der Wunschregung der dritten Art glauben
wir, daß sie überhaupt unfähig ist, das System des Ubw zu über-
schreiten. Haben nun Wünsche aus diesen verschiedenen Quellen
den gleichen Wert für den Traum, die gleiche Macht, einen Traum
anzuregen?Eine Übersicht über die Träume, die uns für die Beantwortung
dieser Frage zu Gebote stehen, mahnt uns zunächst, als vierte Quelle
des Traumwunsches hinzuzufügen die aktuellen bei Nacht sich er-
hebenden Wunschregungen (z. B. auf den Durstreiz, das sexuelle
Bedürfnis). Sodann wird uns wahrscheinlich, daß die Herkunft des
Traumwunsches an seiner Fähigkeit, einen Traum anzuregen, nichts
ändert. Ich erinnere an den Traum der Kleinen, welcher die bei
Tage unterbrochene Seefahrt fortsetzt, und an die nebenstehenden
Kinderträume; sie werden durch einen unerfüllten, aber nicht unter-
drückten Wunsch vom Tage erklärt. Beispiele dafür, daß ein bei
Tage unterdrückter Wunsch sich im Traume Luft macht, sind über-
aus reichlich nachzuweisen; ein einfachstes solcher Art könnte ich
hier nachtragen. Eine etwas spottlustige Dame, deren jüngere Freun-
din sich verlobt hat, beantwortet tagsüber die Anfragen der Be-
kannten, ob sie den Bräutigam kenne, und was sie von ihm halte,
mit uneingeschränkten Lobsprüchen, bei denen sie ihrem Urteil
Schweigen auferlegt, denn sie hätte gern die Wahrheit gesagt: Er1)Freud, Traumdeutung, 4. Aufl.
S.
434
ist ein Dutzendmensch. Nachts träumt sie, daß dieselbe Frage
an sie gerichtet wird, und antwortet mit der Formel: Bei Nach-
bestellungen genügt die Angabe der Nummer. Endlich daß
in allen Träumen, die der Entstellung unterlegen sind, der Wunsch
aus dem Unbewußten stammt und bei Tage nicht vernehmbar werden
konnte, haben wir als das Ergebnis zahlreicher Analysen erfahren.
So scheinen zunächst alle Wünsche für die Traumbildung von glei-
chem Werte und gleicher Macht.Ich kann hier nicht beweisen, daß es sich doch eigentlich
anders verhält, aber ich neige sehr zur Annahme einer strengeren
Bedingtheit des Traumwunsches. Die Kinderträume lassen ja keinen
Zweifel darüber, daß ein bei Tage unerledigter Wunsch der Traum-
erreger sein kann. Aber es ist nicht zu vergessen, das ist dann der
Wunsch eines Kindes, eine Wunschregung von dem Infantilen
eigenen Stärke. Es ist mir durchaus zweifelhaft, ob ein am Tage
nicht erfüllter Wunsch bei einem Erwachsenen genügt, um einen
Traum zu schaffen. Es scheint mir vielmehr, daß wir mit der fort-
schreitenden Beherrschung unseres Trieblebens durch die denkende
Tätigkeit auf die Bildung oder Erhaltung so intensiver Wünsche, wie
das Kind sie kennt, als unnütz immer mehr verzichten. Es mögen
sich dabei ja individuelle Verschiedenheiten geltend machen, der eine
den infantilen Typus der seelischen Vorgänge länger bewahren als ein
anderer, wie ja solche Unterschiede auch für die Abschwächung des
ursprünglich deutlich visuellen Vorstellens bestehen. Aber im allge-
meinen glaube ich, wird beim Erwachsenen der unerfüllt vom Tage
übrig gebliebene Wunsch nicht genügen, einen Traum zu schaffen.
Ich gebe gern zu, daß die aus dem Bewußten stammende Wunsch-
regung einen Beitrag zur Anregung des Traumes liefern wird, aber
wahrscheinlich auch nicht mehr. Der Traum entstünde nicht, wenn
der vorbewußte Wunsch sich nicht eine Verstärkung von anderswoher
zu holen wüßte.Aus dem Unbewußten nämlich. Ich stelle mir vor, daß der
bewußte Wunsch nur dann zum Traumerreger wird, wenn
es ihm gelingt, einen gleichwirkenden unbewußten zu
wecken, durch den er sich verstärkt. Diese unbewußten Wün-
sche betrachte ich, nach den Andeutungen aus der Psychoanalyse
der Neurosen, als immer rege, jederzeit bereit, sich Ausdruck zu ver-
schaffen, wenn sich ihnen Gelegenheit bietet, sich mit einer Regung
aus dem Bewußten zu alliieren, ihre große Intensität auf deren ge-
ringere zu übertragen*). Es muß dann zum Anschein kommen, als*)Sie teilen diesen Charakter der Unzerstörbarkeit mit allen anderen
wirklich unbewußten, d. h. dem System Ubw allein angehörigen seelischen
Akten. Diese sind ein für allemal gebahnte Wege, die nie veröden und den
Erregungsvorgang immer wieder zur Abfuhr leiten, so oft die unbewußte Er-
regung sie wiederbesetzt. Um mich eines Gleichnisses zu bedienen: es gibt für
sie keine andere Art der Vernichtung als für die Schatten der odysseischen Unter-S.
335
hätte allein der bewußte Wunsch sich im Traume realisiert; allein
eine kleine Auffälligkeit in der Gestaltung dieses Traumes wird uns
ein Fingerzeig werden, dem mächtigen Helfer aus dem Unbewußten
auf die Spur zu kommen. Diese immer regen, sozusagen unsterblichen
Wünsche unseres Unbewußten, welche an die Titanen der Sage er-
innern, auf denen seit Urzeiten die schweren Gebirgsmassen lasten,
welche einst von den siegreichen Göttern auf sie gewälzt wurden,
und die unter den Zuckungen ihrer Glieder noch jetzt von Zeit zu
Zeit erheben; – diese in der Verdrängung befindlichen Wünsche,
sage ich, sind aber selbst infantiler Herkunft, wie wir durch die psy-
chologische Erforschung der Neurosen erfahren. Ich möchte also den
früher ausgesprochenen Satz, die Herkunft des Traumwunsches sei
gleichgültig, beseitigen und durch einen anderen ersetzen, der lautet:
Der Wunsch, welcher sich im Traume darstellt, muß ein
infantiler sein. Er stammt dann beim Erwachsenen aus dem Ubw;
beim Kinde, wo es die Sonderung und Zensur zwischen Vbw und
Ubw noch nicht gibt, oder wo sie sich erst allmählich herstellt, ist
es ein unerfüllter, unverdängter Wunsch des Wachlebens. Ich weiß,
diese Anschauung ist nicht allgemein zu erweisen; aber ich behaupte,
sie ist häufig zu erweisen, auch wo man es nicht vermutet hätte,
und ist nicht allgemein zu widerlegen.Die aus dem bewußten Wachleben erübrigten Wunschregungen
lasse ich also für die Traumbildung in den Hintergrund treten. Ich
will ihnen keine andere Rolle zugestehen, als etwa dem Material an
aktuellen Sensationen während des Schlafes für den Trauminhalt
(vgl. p. 171 u. ff.). Ich bleibe auf der Linie, die mir dieser Gedanken-
gang vorschreibt, wenn ich jetzt die anderen psychischen Anregungen
in Betracht ziehe, die vom Tagesleben übrig bleiben und die nicht
Wünsche sind. Es kann uns gelingen, den Energiebesetzungen unse-
res wachen Denkens ein vorläufiges Ende zu machen, wenn wir be-
schließen, den Schlaf aufzusuchen. Wer das gut kann, der ist ein
guter Schläfer; der erste Napoleon soll ein Muster dieser Gattung
gewesen sein. Aber es gelingt uns nicht immer und nicht immer
vollständig. Unerledigte Probleme, quälende Sorgen, eine Übermacht
von Eindrücken setzen die Denktätigkeit auch während des Schlafes
fort und unterhalten seelische Vorgänge in dem System, das wir als
das Vorbewußte bezeichnet haben. Wenn uns um eine Einteilung
dieser in den Schlaf sich fortsetzenden Denkregungen zu tun ist, so
können wir folgende Gruppen derselben aufstellen: 1. Das während
des Tages durch zufällige Abhaltung nicht zu Ende Gebrachte, 2. das
durch Erlahmen unserer Denkkraft Unerledigte, das Ungelöste, 3. das
bei Tage Zurückgewiesene und Unterdrückte. Dazu gesellt sich als
1)
1)welt, die zum neuen Leben erwachen, sobald sie Blut getrunken haben. Die vom
vorbewußten System abhängigen Vorgänge sind in ganz anderem Sinne zerstörbar.
Auf diesem Unterschiede ruht die Psychotherapie der Neurosen.S.
336
eine mächtige 4. Gruppe, was durch die Arbeit des Vorbewußten tags-
über in unserem Ubw rege gemacht worden ist, und endlich können
wir als 5. Gruppe anfügen: die indifferenten und darum unerledigt
gebliebenen Eindrücke des Tages.Die psychischen Intensitäten, welche durch diese Reste des
Tageslebens in den Schlafzustand eingeführt werden, zumal aus der
Gruppe des Ungelösten, braucht man nicht zu unterschätzen. Sicher-
lich ringen diese Erregungen auch zur Nachtzeit nach Ausdruck,
und ebenso sicher dürfen wir annehmen, daß der Schlafzustand die
gewohnte Fortführung des Erregungsvorganges im Vorbewußten und
deren Abschluß durch das Bewußtwerden unmöglich macht. Insofern
wir unsere Denkvorgänge auf dem normalen Wege bewußt werden
können, auch zur Nachtzeit, insofern schlafen wir eben nicht. Was
für Veränderung der Schlafzustand im System Vbw hervorruft, weiß
ich nicht anzugeben; aber es ist unzweifelhaft, daß die psychologische
Charakteristik des Schlafes wesentlich in den Besetzungsveränderungen
gerade dieses Systems zu suchen ist, das auch den Zugang zu der
im Schlafe gelähmten Motilität beherrscht. Im Gegensatze dazu wüßte
ich von keinem Anlaß aus der Psychologie des Traumes, der uns
annehmen hieße, daß der Schlaf anders als sekundär in den Ver-
hältnissen des Systems Ubw etwas verändere. Der nächtlichen Er-
regung im Vbw bleibt also kein anderer Weg als der, den die
Wunscherregungen aus dem Ubw nehmen: sie muß die Verstärkung
aus dem Ubw suchen und die Umwege der unbewußten Erregungen
mitmachen. Wie stellen sich aber die vorbewußten Tagesreste zum
Traume? Es ist kein Zweifel, daß sie reichlich in den Traum ein-
dringen, daß sie den Trauminhalt benutzen, um sich auch zur Nacht-
zeit dem Bewußtsein aufzudrängen; ja sie dominieren gelegentlich
den Trauminhalt, nötigen ihn, die Tagesarbeit fortzusetzen; es ist
auch sicher, daß die Tagesreste jeden anderen Charakter ebensowohl
haben können wie den der Wünsche; aber es ist dabei höchst lehr-
reich und für die Lehre von der Wunscherfüllung geradezu ent-
scheidend zu sehen, welcher Bedingung sie sich fügen müssen, um
in den Traum Aufnahme zu finden.Greifen wir eines der früheren Traumbeispiele heraus, z. B. den
Traum, der mir Freund Otto mit den Zeichen der Basedowschen
Krankheit erscheinen läßt (p. 203). Ich hatte am Tage eine Besorg-
nis gebildet, zu der mir das Aussehen Ottos Anlaß gab, und die
Sorge ging mir nahe, wie alles, was diese Person betrifft. Sie folgte
mir auch, darf ich annehmen, in den Schlaf. Wahrscheinlich wollte
ich ergründen, was ihm fehlen könnte. Zur Nachtzeit fand diese
Sorge Ausdruck in dem Traume, den ich mitgeteilt habe, dessen In-
halt erstens unsinnig war und zweitens keiner Wunscherfüllung ent-
sprach.Ich begann aber nachzuforschen, woher der unangemessene
Ausdruck der bei Tag verspürten Besorgnis rühre, und durch die
Analyse fand ich einen Zusammenhang, indem ich ihn mit einemS.
437
Der unbewußte Wunsch als Triebkraft des Traumes.
Baron L., mich selbst als Professor R. identifizierte. Warum
ich gerade diesen Ersatz des Tagesgedankens hatte wählen müssen,
dafür gab es nur eine Erklärung. Zu der Identifizierung mit Pro-
fessor R. mußte ich im Ubw immer bereit sein, da durch sie einer
der unsterblichen Kinderwünsche, der Wunsch der Großsucht, sich
erfüllte. Häßliche, der Verwerfung bei Tage sichere Gedanken gegen
meinen Freund hatten die Gelegenheit benutzt, sich zur Darstellung
miteinzuschleichen, aber auch die Sorge des Tages war zu einer Art
von Ausdruck durch einen Ersatz im Trauminhalt gekommen. Der
Tagesgedanke, der an sich kein Wunsch, sondern im Gegenteil eine
Besorgnis war, mußte sich auf irgend einem Wege die Anknüpfung
an einen infantilen, nun unbewußten und unterdrückten Wunsch
verschaffen, der ihn dann, wenn auch gehörig zugerichtet, für das
Bewußtsein „entstehen“ ließ. Je dominierender diese Sorge war, desto
gewaltsamer durfte die herzustellende Verbindung sein; zwischen dem
Ruhe des Wunsches und dem der Besorgnis brauchte ein Zusammen-
hang gar nicht zu bestehen und bestand auch keiner in unserem Bei-
spiele.Ich kann es nun scharf bezeichnen, was der unbewußte Wunsch
für den Traum bedeutet. Ich will zugeben, daß es eine ganze Klasse
von Träumen gibt, zu denen die Anregung vorwiegend oder selbst
ausschließlich aus den Resten des Tageslebens stammt und ich meine,
selbst mein Wunsch, endlich einmal Professor extraordinarius zu
werden, hätte mich diese Nacht in Ruhe schlafen lassen können,
wäre nicht die Sorge um die Gesundheit meines Freundes vom Tage
her noch rührig gewesen. Aber diese Sorge hätte noch keinen Traum
gemacht, die Triebkraft, die der Traum bedurfte, mußte von einem
Wunsche beigesteuert werden; es war Sache der Besorgnis, sich
einen solchen Wunsch als Triebkraft des Traumes zu verschaffen.
Um es in einem Gleichnisse zu sagen: Es ist sehr wohl möglich, daß
ein Tages-
gedanke die Rolle des Unternehmers für den Traum
spielt; aber der Unter-
nehmer, der, wie man sagt, die Idee hat und
den Drang, sie in Tat umzusetzen, kann doch ohne Kapital nichts
machen; er braucht einen Kapita-
listen, der den Aufwand be-
streitet, und dieser Kapitalist, der den psychischen Aufwand für den
Traum beistellt, ist allemal und unweigerlich, was immer auch der
Tagesgedanke sein mag, ein Wunsch aus dem Unbe-
wußten.
Andere Male ist der Kapitalist selbst der Unter-
nehmer: das ist
für den Traum sogar der gewöhnlichere Fall. Es ist durch die Tages-
arbeit ein unbewußter Wunsch angeregt worden, und der schafft
nun den Traum. Auch für alle anderen Möglichkeiten des hier als
Beispiel verwendeten wirt-
schaftlichen Verhältnisses bleiben die Traum-
vorgänge parallel: der Unter-
nehmer kann selbst eine Kleinigkeit an
Kapital mitbringen; es können mehrere Unter-
nehmer sich an den
selben Kapita-
listen wenden; es können mehrere Kapitalisten gemein-
sam das für die Unternehmer Erforderliche zusammen-
steuern. So gibtS.
438
es auch Träume, die von mehr als einem Traumwunsche getragen
werden, und dergleichen Variationen mehr, die leicht zu übersehen
sind und uns kein Interesse mehr bieten. Was an dieser Erörterung
über den Traumwunsch noch unvollständig ist, werden wir erst später
ergänzen können.Das Tertium comparationis der hier gebrauchten Gleichnisse,
die in zugemessener Menge zur freien Verfügung gestellte Quantität,
läßt noch feinere Verwendung zur Beleuchtung der Traumstruktur
zu. In den meisten Träumen läßt sich ein mit besonderer sinnlicher
Intensität ausgestattetes Zentrum erkennen, wie auf p. 227 f. ausgeführt.
Das ist in der Regel die direkte Darstellung der Wunscherfüllung,
denn wenn wir die Verschiebungen der Traumarbeit rückgängig ma-
chen, finden wir die psychische Intensität der Elemente in den Traum-
gedanken durch die sinnliche Intensität der Elemente im Trauminhalt
ersetzt. Die Elemente in der Nähe der Wunscherfüllung haben mit
deren Sinn oft nichts zu tun, sondern erweisen sich als Abkömmlinge
peinlicher, dem Wunsche zuwiderlaufender Gedanken. Durch den
oft künstlich hergestellten Zusammenhang mit dem zentralen Element
haben sie aber so viel Intensität abbekommen, daß sie zur Dar-
stellung fähig geworden sind. So diffundiert die darstellende Kraft
der Wunscherfüllung über eine gewisse Sphäre von Zusammenhang,
innerhalb deren alle Elemente, auch die an sich mittellosen, zur Dar-
stellung gehoben werden. Bei Träumen mit mehreren treibenden
Wünschen gelingt es leicht, die Sphären der einzelnen Wunscherfül-
lungen voneinander abzugrenzen, oft auch die Lücken im Traume
als Grenzzonen zu verstehen.Wenn wir auch die Bedeutung der Tagesreste für den Traum
durch die vorstehenden Bemerkungen eingeschränkt haben; so ver-
lohnt es doch der Mühe, ihnen noch einige Aufmerksamkeit zu
schenken. Sie müssen doch ein notwendiges Ingrediens der Traum-
bildung sein, wenn uns die Erfahrung mit der Tatsache überraschen
kann, daß jeder Traum eine Anknüpfung an einen rezenten Tages-
eindruck, oft der gleichgültigsten Art, mit in seinem Inhalt erkennen
läßt. Die Notwendigkeit für diesen Zusatz zur Traummischung ver-
mochten wir noch nicht einzusehen (p. 138). Sie ergibt sich auch
nur, wenn man an der Rolle des unbewußten Wunsches festhält und
dann die Neurosenpsychologie um Auskunft befragt. Aus dieser Er-
fahrt man, daß die unbewußte Vorstellung als solche überhaupt un-
fähig ist, ins Vorbewußte einzutreten, und daß sie dort nur eine Wir-
kung zu äußern vermag, indem sie sich mit einer harmlosen, dem
Vorbewußten bereits angehörigen Vorstellung in Verbindung setzt,
auf sie ihre Intensität überträgt und sich durch sie decken läßt. Es
ist dies die Tatsache der Übertragung, welche für so viele auf-
fällige Vorfälle im Seelenleben der Neurotiker die Aufklärung ent-
hält. Die Übertragung kann die Vorstellung aus dem Vorbewußten,
welche somit zu einer unverdient großen Intensität gelangt, unver-S.
439
ändert lassen oder ihr selbst eine Modifikation durch den Inhalt der
übertragenden Vorstellung aufdrängen. Man verzeihe mir die Neigung
zu Gleichnissen aus dem täglichen Leben, aber ich bin versucht zu
sagen, die Verhältnisse liegen für die verdrängte Vorstellung ähnlich
wie in unserem Vaterland für den amerikanischen Zahnarzt, der seine
Praxis nicht ausüben darf, wenn er sich nicht eines rite promovierten
Doktors der Medizin als Aushängeschild und Deckung vor dem Ge-
setze bedient. Und ebenso wie es nicht gerade die beschäftigtsten
Ärzte sind, die solche Allianzen mit dem Zahntechniker eingehen,
so werden auch im Psychischen nicht jene vorbewußten oder be-
wußten Vorstellungen zur Deckung einer verdrängten erkoren, die
selbst genügend von der im Vorbewußten tätigen Aufmerksamkeit
auf sich gezogen haben. Das Unbewußte umspinnt mit seinen Ver-
bindungen vorzugsweise jene Eindrücke und Vorstellungen des Vor-
bewußten, die entweder als indifferent außer Beachtung geblieben sind
oder denen diese Beachtung durch Verwerfung alsbald wieder ent-
zogen wurde. Es ist ein bekannter Satz aus der Assoziationslehre,
durch alle Erfahrung bestätigt, daß Vorstellungen, die eine sehr innige
Verbindung nach der einen Seite angeknüpft haben, sich wie ablehnend
gegen ganze Gruppen von neuen Verbindungen verhalten; ich habe
einmal den Versuch gemacht, eine Theorie der hysterischen Läh-
mungen auf diesen Satz zu begründen.Wenn wir annehmen, daß das nämliche Bedürfnis zur Über-
tragung von den verdrängten Vorstellungen aus, das uns die Analyse
der Neurosen kennen lehrt, sich auch im Traume geltend macht, so
erklären sich auch mit einem Schlage zwei der Rätsel des Traumes:
daß jede Traumanalyse eine Verwebung eines rezenten Eindruckes
nachweist und daß dies rezente Element oft von der gleichgültigsten
Art ist. Wir fügen hinzu, was wir bereits an anderer Stelle gelernt
haben, daß diese rezenten und indifferenten Elemente als Ersatz der
allerältesten aus den Traumgedanken darum so häufig in den Traum-
inhalt gelangen, weil sie gleichzeitig von der Widerstandszensur am
wenigsten zu befürchten haben. Während aber die Zensurfreiheit
uns nur die Bevorzugung der trivialen Elemente aufklärt, läßt die
Konstanz der rezenten Elemente auf die Nötigung zur Übertragung
durchblicken. Dem Anspruche des Verdrängten auf noch assoziations-
freies Material genügen beide Gruppen von Eindrücken, die indiffe-
renten, weil sie zu ausgiebigen Verbindungen keinen Anlaß geboten
haben, die rezenten, weil dazu noch die Zeit gefehlt hat.Wir sehen so, daß die Tagesreste, denen wir die indifferenten
Eindrücke jetzt zurechnen dürfen, nicht nur vom Ubw etwas ent-
lehnen, wenn sie an der Traumbildung Anteil gewinnen, nämlich die
Triebkraft, über die der verdrängte Wunsch verfügt, sondern daß sie
auch dem Unbewußten etwas Unentbehrliches bieten, die notwendige
Anheftung zur Übertragung. Wollten wir hier in die seelischen Vor-
gänge tiefer eindringen, so müßten wir das Spiel der ErregungenS.
440
zwischen Vorbewußtem und Unbewußtem schärfer beleuchten, wozu
wohl das Studium der Psychoneurosen drängt, aber gerade der Traum
keinen Anhalt bietet.Nur noch eine Bemerkung über die Tagesreste. Es ist kein
Zweifel, daß sie die eigentlichen Störer des Schlafes sind, und nicht
der Traum, der sich vielmehr bemüht, den Schlaf zu hüten. Hierauf
werden wir noch später zurückkommen.Wir haben bisher den Traumwunsch verfolgt, ihn aus dem
Gebiete des Ubw. abgeleitet und sein Verhältnis zu den Tagesresten
zergliedert, die ihrerseits Wünsche sein können oder psychische Re-
gungen irgend welcher anderen Art oder einfach rezente Eindrücke.
Wir haben so Raum geschaffen für die Ansprüche, die man zu gunsten
der traumbildenden Bedeutung der wachen Denkarbeit in all ihrer
Mannigfaltigkeit erheben kann. Es wäre nicht einmal unmöglich, daß
wir auf Grund unserer Gedankenreihe selbst jene extremen Fälle auf
klären, in denen der Traum als Fortsetzer der Tagesarbeit eine un-
gelöste Aufgabe des Wachens zum glücklichen Ende bringt. Es man-
gelt uns nur an einem Beispiel solcher Art, um durch dessen Analyse
die infantile oder verdrängte Wunschquelle aufzudecken, deren Her-
anziehung die Bemühung der vorbewußten Tätigkeit so erfolgreich
verstärkt hat. Wir sind aber um keinen Schritt der Lösung des
Rätsels nähergekommen, warum das Unbewußte im Schlafe nichts
anderes bieten kann als die Triebkraft zu einer Wunscherfüllung? Die
Beantwortung dieser Frage muß ein Licht auf die psychische Natur
des Wünschens werfen; sie soll an der Hand des Schemas vom psy-
chischen Apparat gegeben werden.Wir zweifeln nicht daran, daß auch dieser Apparat seine heutige
Vollkommenheit erst über den Weg einer langen Entwicklung erreicht
hat. Versuchen wir’s, ihn in eine frühere Stufe seiner Leistungs-
fähigkeit zurückzuversetzen. Anderswie zu begründende Annahmen
sagen uns, daß der Apparat zunächst dem Bestreben folgte, sich mög-
lichst reizlos zu erhalten, und darum in seinem ersten Aufbau das
Schema des Reflexapparates annahm, das ihm gestattete, eine von
außen an ihn anlangende sensible Erregung alsbald auf motorischem
Wege abzuführen. Aber die Not des Lebens stört diese einfache Funk-
tion; ihr verdankt der Apparat auch den Anstoß zur weiteren Aus-
bildung. In der Form der großen Körperbedürfnisse tritt die Not des
Lebens zuerst an ihn heran. Die durch das innere Bedürfnis ge-
setzte Erregung wird sich einen Abfluß in die Motilität suchen, die
man als „Innere Veränderung“ oder als „Ausdruck der Gemüts-
bewegung“ bezeichnen kann. Das hungrige Kind wird hilflos schreien
oder zappeln. Die Situation bleibt aber unverändert, denn die vom
inneren Bedürfnis ausgehende Erregung entspricht nicht einer mo-
mentan stoßenden, sondern einer kontinuierlich wirkenden Kraft. Eine
Wendung kann erst eintreten, wenn auf irgend einem Wege, beim
Kinde durch fremde Hilfeleistung, die Erfahrung des Befriedigungs-S.
441
Das Wünschen als primäre Tätigkeit des Unbewußten.
erlebnisses gemacht wird, das den inneren Reiz aufhebt. Ein wesentlicher Bestandteil dieses Erlebnisses ist das Erscheinen einer gewissen Wahrnehmung (der Speise im Beispiel), deren Erinnerungsbildvon jetzt an mit der Gedächtnisspur der Bedürfniserregung assoziiertbleibt. Sobald dies Bedürfnis ein nächstes Mal auftritt, wird sich,dank der hergestellten Verknüpfung, eine psychische Regung ergeben,welche das Erinnerungsbild jener Wahrnehmung wieder besetzen unddie Wahrnehmung selbst wieder hervorrufen, also eigentlich dieSituation der ersten Befriedigung wieder herstellen will. Eine solcheRegung ist das, was wir einen Wunsch heißen; das Wiedererscheinender Wahrnehmung ist die Wunscherfüllung, und die volle Besetzungder Wahrnehmung von der Bedürfniserregung her der kürzeste Wegzur Wunscherfüllung. Es hindert uns nichts, einen primitiven Zustanddes psychischen Apparates anzunehmen, in dem dieser Weg wirklichso begangen wird, das Wünschen also in ein Halluzinieren ausläuft.Diese erste psychische Tätigkeit zielt also auf eine Wahrnehmungsidentität, nämlich auf die Wiederholung jener Wahrnehmung, welche mit der Befriedigung des Bedürfnisses verknüpft ist.
Eine bittere Lebenserfahrung muß diese primitive Denktätigkeitzu einer zweckmäßigeren, sekundären, modifizieren haben. Die Herstellung der Wahrnehmungsidentität auf dem kurzen regredientenWege im Innern des Apparates hat an anderer Stelle nicht die Folge,welche mit der Besetzung derselben Wahrnehmung von außen her verbunden ist. Die Befriedigung tritt nicht ein, das Bedürfnis dauert fort.Um die innere Besetzung der äußeren gleichwertig zu machen, müßtedieselbe fortwährend aufrecht erhalten werden, wie es in den halluzinatorischen Psychosen und in den Hungerphantasien auch wirklichgeschieht, die ihre psychische Leistung in der Festhaltung desgewünschten Objektes erschöpfen. Um eine zweckmäßigere Verwendung der psychischen Kraft zu erreichen, wird es notwendig, die volleRegression aufzuhalten, so daß sie nicht über das Erinnerungsbildhinausgeht und von diesem aus andere Wege suchen kann, die schließlich zur Herstellung der gewünschten Identität von der Außenwelt herführen. Diese Hemmung sowie die darauffolgende Ablenkung derErregung wird zur Aufgabe eines zweiten Systems, welches die willkürliche Motilität beherrscht, d. h. an dessen Leistung sich erst dieVerwendung der Motilität zu vorher erinnerten Zwecken anschließt.All die komplizierte Denktätigkeit aber, welche sich vom Erinnerungsbild bis zur Herstellung der Wahrnehmungsidentität durch die Außenwelt fortspinnt, stellt doch nur einen durch die Erfahrung notwendiggewordenen Umweg zur Wunscherfüllung dar*). Das Denkenist doch nichts anderes als der Ersatz des halluzinatorischen Wunsches,
*)Von der Wunscherfüllung des Traumes rühmt Le Lorrain mit Recht:„Sans fatigue sérieuse, sans être obligé de recourir à cette lutte opiniâtre etlongue qui use et corrode les jouissances poursuivies.“
S.
442
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
und wenn der Traum eine Wunscherfüllung ist, so wird das eben
selbstverständlich, da nichts anderes als ein Wunsch unseren seeli-
schen Apparat zur Arbeit anzutreiben vermag. Der Traum, der seine
Wünsche auf kurzem regredienten Wege erfüllt, hat uns hiemit nur
eine Probe der primären, als unzweckmäßig verlassenen Arbeits-
weise des psychischen Apparates aufbewahrt. In das Nachtleben
scheint verbannt, was einst im Wachen herrschte, als das psychische
Leben noch jung und untüchtig war, etwa wie wir in der Kinderstube
die abgelegten primitiven Waffen der erwachsenen Menschheit, Pfeil
und Bogen, wiederfinden. Das Träumen ist ein Stück des über-
wundenen Kinderseelenlebens. In den Psychosen werden diese
sonst im Wachen unterdrückten Arbeitsweisen des psychischen Appa-
rates sich wiederum Geltung erzwingen und dann ihre Unfähigkeit
zur Befriedigung unserer Bedürfnisse gegen die Außenwelt an den
Tag legen*).Die unbewußten Wunschregungen streben offenbar auch bei
Tage sich geltend zu machen, und die Tatsache der Übertragung sowie
die Psychosen belehren uns, daß sie auf dem Wege durch das System
des Vorbewußten zum Bewußtsein und zur Beherrschung der Moti-
lität durchdringen möchten. In der Zensur zwischen Ubw und Vbw,
deren Annahme uns der Traum geradezu aufnötigt, haben wir also
den Wächter unserer geistigen Gesundheit zu erkennen und zu ehren.
Ist es nun nicht eine Unvorsichtigkeit dieses Wächters, daß er zur
Nachtzeit seine Tätigkeit verringert, die unterdrückten Regungen des
Ubw zum Ausdrucke kommen läßt, die halluzinatorische Regression
wieder ermöglicht? Ich denke nicht, denn wenn sich der kritische
Wächter zur Ruhe begibt – wir haben die Beweise dafür, daß er doch
nicht tief schlummert –, so schließt er auch das Tor zur Motilität.
Welche Regungen aus dem sonst gehemmten Ubw sich auch auf dem
Schauplatze tummeln mögen, man kann sie gewähren lassen, sie
bleiben harmlos, weil sie nicht im stande sind, den motorischen
Apparat in Bewegung zu setzen, welcher allein die Außenwelt ver-
ändernd beeinflussen kann. Der Schlafzustand garantiert die Sicher-
heit der zu bewachenden Festung. Minder harmlos gestaltet es sich,
wenn die Kräfteverschiebung nicht durch den nächtlichen Nachlaß
im Kräfteaufwand der kritischen Zensur, sondern durch pathologische
Schwächung derselben oder durch pathologische Verstärkung der un-
bewußten Erregungen hergestellt wird, solange das Vorbewußte be-
setzt und die Tore zur Motilität offen sind. Dann wird der Wächter
überwältigt, die unbewußten Erregungen unterwerfen sich das Vbw,
beherrschen von ihm aus unser Reden und Handeln oder erzwingen
sich die halluzinatorische Regression und lenken den nicht für sie be-*) Ich habe diesen Gedankengang an anderer Stelle (Formulierungen über
die zwei Prinzipien des psychischen Geschehens, Sammlung kl. Schriften z.
Neurosenlehre, dritte Folge, 1913) weiter ausgeführt und als die beiden Prin-
zipien das Lust- und das Realitätsprinzip hingestellt.S.
443
stimmten Apparat vermöge der Anziehung, welche die Wahrnehmun-
gen auf die Verteilung unserer psychischen Energie ausüben. Diesen
Zustand heißen wir Psychose.Wir befinden uns da auf dem besten Wege, an dem psycho-
logischen Gerüste weiterzubauen, das wir mit der Einfügung der
beiden Systeme Ubw und Vbw verlassen haben. Wir haben aber noch
Motive genug, bei der Würdigung des Wunsches als einziger psychi-
scher Triebkraft für den Traum zu verweilen. Wir haben die Auf-
klärung entgegengenommen, daß der Traum jedesmal eine
Wunscherfüllung ist, weil er eine Leistung des Systems Ubw ist,
welches kein anderes Ziel seiner Arbeit als Wunscherfüllung kennt
und über keine anderen Kräfte als die der Wunschregungen verfügt.
Wenn wir nun auch nur einen Moment länger an dem Rechte fest-
halten wollen, von der Traumdeutung aus so weitgreifende psycho-
logische Spekulationen aufzuführen, so obliegt uns die Verpflichtung
zu zeigen, daß wir durch sie den Traum in einen Zusammenhang-
einreihen, welcher auch andere psychische Bildungen umfassen kann.
Wenn ein System des Ubw – oder etwas ihm für unsere Erörterungen
Analoges – existiert, so kann der Traum nicht dessen einzige Äuße-
rung sein; jeder Traum mag eine Wunscherfüllung sein, aber es muß
noch andere Formen abnormer Wunscherfüllungen geben als die
Träume. Und wirklich gipfelt die Theorie aller psychoneurotischen
Symptome in dem einen Satze, daß auch sie als Wunscherfüllun-
gen des Unbewußten aufgefaßt werden müssen*). Der Traum
wird durch unsere Aufklärung nur das erste Glied einer für den
Psychiater höchst bedeutungsvollen Reihe, deren Verständnis die
Lösung des rein psychologischen Anteiles der psychiatrischen Auf-
gabe bedeutet**). Von anderen Gliedern dieser Reihe von Wunsch-
erfüllungen, z. B. von den hysterischen Symptomen, kenne ich aber
einen wesentlichen Charakter, den ich am Traume noch vermisse. Ich
weiß nämlich aus den im Laufe dieser Abhandlung oftmals ange-
deuteten Untersuchungen, daß zur Bildung eines hysterischen Sym-
ptoms beide Strömungen unseres Seelenlebens zusammentreffen
müssen. Das Symptom ist nicht bloß den Ausdruck eines realisierten
unbewußten Wunsches, es muß noch ein Wunsch aus dem Vorbe-
wußten dazukommen, der sich durch das nämliche Symptom erfüllt,
so daß das Symptom mindestens zweifach determiniert wird, je
einmal von einem der im Konflikt befindlichen Systeme her. Einer
weiteren Überdeterminierung sind – ähnlich wie beim Traume –
keine Schranken gesetzt. Die Determinierung, die nicht dem Ubw ent-
stammt, ist, soviel ich sehe, regelmäßig ein Gedankenzug der Reaktion-
bildung gegen dieselbe.*)Korrekter gesagt: Ein Anteil des Symptoms entspricht der unbewußten
Wunscherfüllung, ein anderer der Reaktionsbildung gegen dieselbe.**)Hughlings Jackson hatte geäußert: Findet das Wesen des Traums,
und ihr werdet alles, was man über das Irresein wissen kann, gefunden haben.
(Find out all about dreams and you will have found out all about insanity.)S.
444
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
gegen den unbewußten Wunsch, z. B. eine Selbstbestrafung. Ich kann
also ganz allgemein sagen, ein hysterisches Symptom entsteht
nur dort, wo zwei gegensätzliche Wunscherfüllungen, jede
aus der Quelle eines anderen psychischen Systems, in einem
Ausdruck zusammentreffen können. (Vgl. hiezu meine letzten
Formulierungen der Entstehung hysterischer Symptome in dem Auf
satz „Hysterische Phantasien und ihre Beziehung zur Bisexualität“ in
der zweiten Folge der Sammlung kl. Sch. z. Neurosenlehre 1909.)
Beispiele würden hier wenig fruchten, da nur die vollständige Ent-
hüllung der vorliegenden Komplikation Überzeugung erwecken kann.
Ich lasse es darum bei der Behauptung und bringe ein Beispiel bloß
seiner Anschaulichkeit, nicht seiner Beweiskraft wegen. Das hysteri-
sche Erbrechen also bei einer Patientin erwies sich einerseits als
die Erfüllung einer unbewußten Phantasie aus den Pubertätsjahren,
nämlich des Wunsches, fortwährend gravid zu sein, ungezählt viele
Kinder zu haben, wozu später die Erweiterung trat: von möglichst
vielen Männern. Gegen diesen unbändigen Wunsch hatte sich eine
mächtige Abwehrregung erhoben. Da die Patientin aber durch das
Erbrechen ihre Körperfülle und ihre Schönheit verlieren konnte, so
daß kein Mann mehr an ihr Gefallen fand, so war das Symptom auch
dem strafenden Gedankengang recht und durfte, von beiden Seiten
zugelassen, zur Realität werden. Es ist dieselbe Manier auf eine
Wunscherfüllung einzugehen, welche der Partherkönigin gegen den
Triumvir Crassus beliebte. Sie meinte, er habe den Feldzug aus
Goldgier unternommen; so ließ sie der Leiche geschmolzenes Gold
in den Rachen gießen. „Hier hast du, was du dir gewünscht hast.“
Vom Traume wissen wir bis jetzt nur, daß er eine Wunscherfüllung
des Unbewußten ausdrückt; es scheint, daß das herrschende, vorbe-
wußte System diese gewähren läßt, nachdem sie ihr gewisse Entstellun-
gen aufgenötigt hat. Man ist auch wirklich nicht im stande, allge-
mein einen dem Traumwunsche gegensätzlichen Gedankenzug nach-
zuweisen, der sich wie sein Widerpart im Traume verwirklicht. Nur
hie und da sind uns in den Traumanalysen Anzeichen von Reaktions-
schöpfungen begegnet, z. B. die Zärtlichkeit für Freund R. im Onkel-
traume (p. 106). Wir können aber die hier vermißte Zutat aus dem
Vorbewußten an anderer Stelle auffinden. Der Traum darf einen
Wunsch aus dem Ubw nach allerlei Entstellungen zum Ausdruck
bringen, während sich das herrschende System auf den Wunsch zu
schlafen zurückgezogen hat, und diesen Wunsch durch Herstellung
der ihm möglichen Besetzungsänderungen innerhalb des psychischen
Apparates realisiert, endlich ihn die ganze Dauer des Schlafes über
festhält*).
*)Diesen Gedanken entlehne ich der Schlaftheorie von Liébault, des
Erweckers der hypnotischen Forschung in unseren Tagen. (Du sommeil pro-
voqué etc., Paris 1889.)S.
445
Dieser festgehaltene Wunsch des Vorbewußten zu schlafen, wirkt
nun ganz allgemein erleichternd auf die Traumbildung. Denken wir
an den Traum des Vaters, den der Lichtschein aus dem Totenzimmer
zur Folgerung anregt, die Leiche könne in Brand geraten sein. Wir
haben als die eine der psychischen Kräfte, die den Ausschlag dafür
geben, daß der Vater im Traume diesen Schluß zieht, anstatt sich
durch den Lichtschein wecken zu lassen, den Wunsch aufgewiesen,
der das Leben des im Traume vorgestellten Kindes um den einen
Moment verlängert. Andere aus dem Verdrängten stammende Wünsche
entgehen uns wahrscheinlich, weil wir die Analyse dieses Traumes
nicht machen können. Aber als zweite Triebkraft dieses Traumes
dürfen wir das Schlafbedürfnis des Vaters hinzunehmen; sowie durch
den Traum das Leben des Kindes, so wird auch der Schlaf des Vaters
um einen Moment verlängert. Den Traum gewähren lassen, heißt diese
Motivierung, sonst muß ich erwachen. Wie bei diesem Traume, so
leiht auch bei allen anderen der Schlafwunsch dem unbewußten
Wunsche seine Unterstützung. Wir haben auf p. 96 von Träumen be-
richtet, die sich offenkundig als Bequemlichkeitsträume geben. Eigent-
lich haben alle Träume Anspruch auf diese Bezeichnung. Bei den
Weckträumen, die den äußeren Sinnesreiz so verarbeiten, daß er mit
der Fortsetzung des Schlafens verträglich wird, ihn in einen Traum
verweben, um ihm die Ansprüche zu entreißen, die er als Mahnung
an die Außenwelt erheben könnte, ist die Wirksamkeit des Wunsches,
weiter zu schlafen, am leichtesten zu erkennen. Derselbe muß aber
ebenso seinen Anteil an der Gestaltung aller anderen Träume haben,
die nur von innen her als Wecker am Schlafzustand rütteln können.
Was das Vbw in manchen Fällen dem Bewußtsein mitteilt, wenn der
Traum es zu arg treibt: „Aber laß’ doch und schlaf’ weiter, es ist ja
nur ein Traum; das beschreibt, auch ohne daß es laut wird, ganz
allgemein das Verhalten unserer herrschenden Seelentätigkeit gegen
das Träumen. Ich muß die Folgerung ziehen, daß wir den ganzen
Schlafzustand über ebenso sicher wissen, daß wir träumen,
wie wir es wissen, daß wir schlafen. Es ist durchaus notwendig,
den Einwand dagegen gering zu schätzen, daß unser Bewußtsein auf
das eine Wissen nie gelenkt wird, auf das andere nur bei bestimmtem
Anlaß, wenn sich die Zensur wie überrumpelt fühlt. Dagegen gibt es
Personen, bei denen die nächtliche Festhaltung des Wissens, daß
sie schlafen und träumen, ganz offenkundig wird und denen also
eine bewußte Fähigkeit, das Traumleben zu lenken, eigen scheint. Ein
solcher Träumer ist z. B. mit der Wendung, die ein Traum nimmt,
unzufrieden, er bricht ihn, ohne aufzuwachen, ab und beginnt ihn
von neuem, um ihn anders fortzusetzen, ganz wie ein populärer
Schriftsteller auf Verlangen seinem Schauspiel einen glücklicheren
Ausgang gibt. Oder er denkt sich ein anderes Mal im Schlafe,
wenn ihn der Traum in eine sexuell erregende Situation versetzt
hat: „Das will ich nicht weiter träumen, um mich in einer Pol-
S.
446
lution zu erschöpfen, sondern hebe es mir lieber für eine reale
Situation auf.“Der Marquis d’Hervey (Vaschide p. 139) behauptete, eine
solche Macht über seine Träume gewonnen zu haben, daß er ihren
Ablauf nach Belieben beschleunigen und ihnen eine ihm beliebige
Richtung geben konnte. Es scheint, daß bei ihm der Wunsch zu
schlafen einem anderen vorbewußten Wunsch Raum gegönnt hatte,
dem, seine Träume zu beobachten und sich an ihnen zu ergötzen.
Mit einem solchen Wunschvorsatz ist der Schlaf ebensowohl ver-
träglich wie mit einem Vorbehalt als Bedingung des Erwachens
(Ammenschlaf). Es ist auch bekannt, daß das Interesse am Traum
bei allen Menschen die Anzahl der nach dem Erwachen erinnerten
Träume erheblich steigert*).d) Das Wecken durch den Traum. Die Funktion des Traumes.
Der Angsttraum.Seitdem wir wissen, daß das Vorbewußte über die Nacht auf
den Wunsch zu schlafen eingestellt ist, können wir den Traumvorgang
mit Verständnis weiter verfolgen. Wir fassen aber zunächst unsere
bisherige Kenntnis desselben zusammen. Es seien also von der Wach-
arbeit Tagesreste übrig geblieben, denen sich die Energiebesetzung
nicht völlig entziehen ließ. Oder es sei durch die Wacharbeit tagsüber
einer der unbewußten Wünsche rege geworden, oder es treffe beides
zusammen; wir haben die hier mögliche Mannigfaltigkeit bereits er-
örtert. Schon im Laufe des Tages oder erst mit Herstellung des
Schlafzustandes hat der unbewußte Wunsch sich den Weg zu den
Tagesresten gebahnt, seine Übertragung auf sie bewerkstelligt. Es
entsteht nun ein auf das rezente Material übertragener Wunsch oder
der unterdrückte rezente Wunsch hat sich durch Verstärkung aus
dem Unbewußten neu belebt. Er möchte nun auf dem normalen Wege
der Gedankenvorgänge durch das Vbw, dem er mit einem Bestandteil
ja angehört, zum Bewußtsein vordringen. Aber er stößt auf die
Zensur, die noch besteht, und deren Einfluß er jetzt unterliegt. Hier
nimmt er die Entstellung an, die schon durch die Übertragung auf
das Rezente angebahnt war. Bis jetzt ist er nun auf dem Wege, etwas
Ähnliches zu werden wie eine Zwangsvorstellung, eine Wahnidee
u. dgl., nämlich ein durch Übertragung verstärkter, durch Zensur
im Ausdruck entstellter Gedanke. Nun aber gestattet der Schlafzustand
des Vorbewußten nicht das weitere Vordringen; wahrscheinlich hat
sich das System durch Herabsetzung seiner Erregungen gegen das*)Über andere Beobachtungen von Lenkung der Träume sagt Ferenczi:
„Der Traum bearbeitet den das Seelenleben gerade beschäftigenden Gedanken
von allen Seiten her, läßt das eine Traumbild bei drohender Gefahr des Miß-
lingens der Wunscherfüllung fallen, versucht es mit einer neuen Art der Lösung,
bis es ihm endlich gelingt, eine die beiden Instanzen des Seelenlebens kom-
promissuell befriedigende Wunscherfüllung zu schaffen.“S.
447
Eindringen geschützt. Der Traumvorgang schlägt also den Weg der
Regression ein, der gerade durch die Eigentümlichkeit des Schlaf-
zustandes eröffnet ist, und folgt dabei der Anziehung, welche Er-
innerungsgruppen auf ihn ausüben, die zum Teil selbst nur als visuelle
Besetzungen, nicht als Übersetzung in die Zeichen der späteren Sy-
steme vorhanden sind. Auf dem Wege zur Regression erwirbt er die
Darstellbarkeit. Von der Kompression werden wir später handeln.
Er hat jetzt das zweite Stück seines mehrmals geknickten Verlaufes
zurückgelegt. Das erste Stück spann sich progredient von den un-
bewußten Szenen oder Phantasien zum Vorbewußten; das zweite Stück
strebt von der Zensurgrenze an wieder zu den Wahrnehmungen hin.
Wenn der Traumvorgang aber Wahrnehmungsinhalt geworden ist,
so hat er das ihm durch Zensur und Schlafzustand im Vbw gesetzte
Hindernis gleichsam umgangen. Es gelingt ihm, Aufmerksamkeit auf
sich zu ziehen und vom Bewußtsein bemerkt zu werden. Das Bewußt-
sein nämlich, daß uns ein Sinnesorgan für die Auffassung psychischer
Qualitäten bedeutet, ist im Wachen von zwei Stellen her erregbar.
Von der Peripherie des ganzen Apparates, dem Wahrnehmungssystem,
in erster Linie; außerdem von den Lust- und Unlusterregungen, die
sich als einzige psychische Qualität bei den Energieumsetzungen im
Innern des Apparates ergeben. Alle Vorgänge in den Ψ-Systemen
sonst, auch die im Vbw, entbehren jeder psychischen Qualität und
sind darum kein Objekt des Bewußtseins, insofern sie ihm nicht Lust
oder Unlust zur Wahrnehmung liefern. Wir werden uns zur An-
nahme entschließen müssen, daß diese Lust- und Unlustent-
bindungen automatisch den Ablauf der Besetzungsvor-
gänge regulieren. Es hat sich aber später die Notwendigkeit
herausgestellt, zur Ermöglichung feinerer Leistungen den Vorstel-
lungsablauf unabhängiger von den Unlustzeichen zu gestalten. Zu
diesem Zwecke bedurfte das Vbw-System eigener Qualitäten, die das
Bewußtsein anziehen könnten, und erhielt sie höchstwahrscheinlich
durch die Verknüpfung der vorbewußten Vorgänge mit dem nicht
qualitätslosen Erinnerungssystem der Sprachzeichen. Durch die Qua-
litäten dieses Systems wird jetzt das Bewußtsein, daß vorher nur
Sinnesorgan für die Wahrnehmungen war, auch zum Sinnesorgan
für einen Teil unserer Denkvorgänge. Es gibt jetzt gleichsam zwei
Sinnesoberflächen, die eine dem Wahrnehmen, die andere den vor-
bewußten Denkvorgängen zugewendet.
Ich muß annehmen, daß die dem Vbw zugewendete Sinnes-
fläche des Bewußtseins durch den Schlafzustand weit unerregbarer
gemacht wird, als die gegen die W-Systeme gerichtete. Das Auf-
geben des Interesses für die nächtlichen Denkvorgänge ist ja auch
zweckmäßig. Es soll im Denken nichts vorfallen; das Vbw verlangt
zu schlafen. Ist der Traum aber einmal Wahrnehmung geworden,
so vermag er durch die jetzt gewonnenen Qualitäten das Bewußtsein
zu erregen. Diese Sinneserregung leistet das, worin überhaupt ihreS.
448
Funktion besteht; sie dirigiert einen Teil der im Vbw verfügbaren
Besetzungsenergie als Aufmerksamkeit auf das Erregende. So muß
man also zugeben, daß der Traum jedesmal weckt, einen Teil der
ruhenden Kraft des Vbw in Tätigkeit versetzt. Er erfährt nun von
dieser jene Beeinflussung, die wir als sekundäre Bearbeitung mit
Rücksicht auf Zusammenhang und Verständlichkeit bezeichnet haben.
Das will besagen, der Traum wird von ihr behandelt wie jeder andere
Wahrnehmungsinhalt; er wird denselben Erwartungsvorstellungen
unterzogen, soweit sein Material sie eben zuläßt. Soweit bei diesem
dritten Stück des Traumvorganges eine Ablaufrichtung in Betracht
kommt, ist es wieder die progrediente.Zur Verhütung von Mißverständnissen wird ein Wort über die
zeitlichen Eigenschaften dieser Traumvorgänge wohl angebracht sein.
Ein sehr anziehender Gedankengang Goblots, der offenbar durch
das Rätsel des Mauryschen Guillotinentraumes angeregt ist, sucht
darzutun, daß der Traum keine andere Zeit in Anspruch nimmt als
die der Übergangsperiode zwischen Schlafen und Erwachen. Das Er-
wachen braucht Zeit; in dieser Zeit fällt der Traum vor. Man meint,
das letzte Bild des Traumes war so stark, daß es zum Erwachen
nötigte. In Wirklichkeit war es nur darum so stark, weil wir bei
ihm dem Erwachen schon so nahe waren. „Un rêve c’est un réveil
qui commence.“Es ist schon von Dugas hervorgehoben worden, daß Goblot
viel Tatsächliches beseitigen muß, um seine These allgemein zu halten.
Es gibt auch Träume, aus denen man nicht erwacht, z. B. manche,
in denen man träumt, daß man träumt. Nach unserer Kenntnis der
Traumarbeit können wir unmöglich zugeben, daß sie sich nur über
die Periode des Erwachens erstrecke. Es muß uns im Gegenteil wahr-
scheinlich werden, daß das erste Stück der Traumarbeit bereits am
Tage, noch unter der Herrschaft des Vorbewußten, beginnt. Das
zweite Stück derselben, die Veränderung durch die Zensur, die An-
ziehung durch die unbewußten Szenen, das Durchdringen zur Wahr-
nehmung, das geht wohl die ganze Nacht hindurch fort, und insofern
dürften wir immer recht haben, wenn wir eine Empfindung angeben,
wir hätten die ganze Nacht geträumt, auch wenn wir nicht zu sagen
wissen, was. Ich glaube aber nicht, daß es notwendig ist anzunehmen,
die Traumvorgänge hielten bis zum Bewußtwerden wirklich die zeit-
liche Folge ein, die wir beschrieben haben; es sei zuerst der über-
tragene Traumwunsch vorhanden, dann gehe die Entstellung durch
die Zensur vor sich, darauf folge die Richtungsänderung zur Regres-
sion usw. Wir haben eine solche Sukzession bei der Beschreibung
herstellen müssen; in Wirklichkeit handelt es sich wohl vielmehr um
gleichzeitiges Erproben dieser und jener Wege, um ein Hin- und Her-
wogen der Erregung, bis endlich durch deren zweckmäßigste Ver-
teilung gerade die eine Gruppierung die bleibende wird. Ich möchte
selbst nach gewissen persönlichen Erfahrungen glauben, daß dieS.
449
Traumarbeit oft mehr als einen Tag und eine Nacht braucht, um ihr
Ergebnis zu liefern, wobei dann die außerordentliche Kunst im Auf-
bau des Traumes alles Wunderbare verliert. Selbst die Rücksicht auf
die Verständlichkeit als Wahrnehmungsereignis kann meiner Meinung
nach zur Wirkung kommen, ehe der Traum das Bewußtsein an sich
zieht. Von da an erfährt der Vorgang allerdings eine Beschleunigung,
da der Traum ja jetzt dieselbe Behandlung erfährt, wie etwas anderes
Wahrgenommenes. Es ist wie mit einem Feuerwerk, das stundenlang
hergerichtet und dann in einem Moment entzündet wird.Durch die Traumarbeit gewinnt der Traumvorgang nun ent-
weder die genügende Intensität, um das Bewußtsein auf sich zu ziehen
und das Vorbewußte zu wecken, ganz unabhängig von der Zeit und
Tiefe des Schlafes; oder seine Intensität ist dazu nicht genügend,
und er muß bereit bleiben, bis ihm unmittelbar vor dem Erwachen die
beweglicher gewordene Aufmerksamkeit entgegenkommt. Die meisten
Träume erscheinen mit vergleichsweise geringen psychischen Inten-
sitäten zu arbeiten, denn sie warten das Erwachen ab. Es erklärt sich
so aber auch, daß wir in der Regel etwas Geträumtes wahrnehmen,
wenn man uns plötzlich aus tiefem Schlafe reißt. Der erste Blick
dabei wie beim spontanen Erwachen trifft den von der Traumarbeit
geschaffenen Wahrnehmungsinhalt, der nächste dann den von außen
gegebenen.Das größere theoretische Interesse wendet sich aber den Träu-
men zu, die mitten im Schlafe zu wecken vermögen. Man darf der
sonst überall nachweisbaren Zweckmäßigkeit gedenken und sich
fragen, warum dem Traume, also dem unbewußten Wunsche, die
Macht gelassen wird, den Schlaf, also die Erfüllung des vorbewußten
Wunsches, zu stören. Es muß das wohl an Energierelationen liegen,
in welche uns die Einsicht fehlt. Besäßen wir diese, so würden wir
wahrscheinlich finden, daß das Gewährenlassen des Traumes und der
Aufwand einer gewissen detachierten Aufmerksamkeit für ihn eine
Ersparnis an Energie darstellt gegen den Fall, daß das Unbewußte
nachts ebenso in Schranken gehalten werden sollte wie tagsüber. Wie
die Erfahrung zeigt, bleibt das Träumen, selbst wenn es mehrmals
in einer Nacht den Schlaf unterbricht, mit dem Schlafen vereinbar.
Man erwacht für einen Moment und schläft sofort wieder ein. Es ist,
wie wenn man schlafend eine Fliege wegscheucht; man erwacht ad
hoc. Wenn man wieder einschläft, hat man die Störung beseitigt. Die
Erfüllung des Schlafwunsches ist, wie bekannte Beispiele vom Ammen-
schlafe u. dgl. zeigen, ganz gut mit der Unterhaltung eines gewissen
Aufwandes von Aufmerksamkeit nach einer bestimmten Richtung ver-
einbar.Hier verlangt aber ein Einwand gehört zu werden, der auf einer
besseren Kenntnis der unbewußten Vorgänge fußt. Wir haben selbst
die unbewußten Wünsche als immer rege bezeichnet. Trotzdem seien
sie bei Tag nicht stark genug, sich vernehmbar zu machen. WennS.
450
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
aber der Schlafzustand besteht und der unbewußte Wunsch die Kraft
gezeigt hat, einen Traum zu bilden und mit ihm das Vorbewußte zu
wecken, warum versiegt diese Kraft, nachdem der Traum zur Kennt-
nis genommen worden ist? Sollte der Traum sich nicht vielmehr fort-
während erneuern, gerade wie die störende Fliege es liebt, immer
wieder nach ihrer Vertreibung wiederzukehren? Mit welchem Rechte
haben wir behauptet, daß der Traum die Schlafstörung beseitigt?Es ist ganz richtig, daß die unbewußten Wünsche immer rege
bleiben. Sie stellen Wege dar, die immer gangbar sind, so oft ein
Erregungsquantum sich ihrer bedient. Es ist sogar eine hervorragende
Besonderheit unbewußter Vorgänge, daß sie unzerstörbar bleiben. Im
Unbewußten ist nichts zu Ende zu bringen, ist nichts vergangen oder
vergessen. Man bekommt hievon den stärksten Eindruck beim Stu-
dium der Neurosen, speziell der Hysterie. Der unbewußte Gedanken-
weg, der zur Entladung im Anfall führt, ist sofort wieder gangbar,
wenn sich genug Erregung angesammelt hat. Die Kränkung, die vor
dreißig Jahren vorgefallen ist, wirkt, nachdem sie sich den Zugang
zu den unbewußten Affektquellen verschafft hat, alle die dreißig Jahre
wie eine frische. So oft ihre Erinnerung angerührt wird, lebt sie
wieder auf und zeigt sich mit Erregung besetzt, die sich in einem
Anfall motorische Abfuhr verschafft. Gerade hier hat die Psycho-
therapie einzugreifen. Ihre Aufgabe ist es, für die unbewußten Vor-
gänge eine Erledigung und ein Vergessen zu schaffen. Was wir näm-
lich geneigt sind, für selbstverständlich zu halten und für einen pri-
mären Einfluß der Zeit auf die seelischen Erinnerungsreste erklären,
das Abblassen der Erinnerungen und die Affektschwäche der nicht
mehr rezenten Eindrücke, das sind in Wirklichkeit sekundäre Ver-
änderungen, die durch mühevolle Arbeit zu stande kommen. Es ist
das Vorbewußte, welches diese Arbeit leistet, und die Psychotherapie
kann keinen anderen Weg einschlagen, als das Ubw der Herrschaft
des Vbw zu unterwerfen.Für den einzelnen unbewußten Erregungsvorgang gibt es also
zwei Ausgänge. Entweder er bleibt sich selbst überlassen, dann bricht
er endlich irgendwo durch und schafft seiner Erregung für dies eine
Mal einen Abfluß in die Motilität oder er unterliegt der Beeinflussung
des Vorbewußten, und seine Erregung wird durch dasselbe gebun-
den, anstatt abgeführt. Letzteres aber geschieht beim Traum-
vorgang. Die Besetzung, die dem zur Wahrnehmung gewordenen
Traum von Seite des Vbw entgegenkommt, weil sie durch die Be-
wußtseinserregung hingelenkt worden ist, bindet die unbewußte Er-
regung des Traumes und macht sie als Störung unschädlich. Wenn
der Träumer für einen Augenblick erwacht, so hat er wirklich die
Fliege weggescheucht, die den Schlaf zu stören drohte. Es kann uns
jetzt ahnen, daß es wirklich zweckmäßiger und wohlfeiler war, den
unbewußten Wunsch gewähren zu lassen, ihm den Weg zur Regres-
sion freizugeben, damit er einen Traum bilde, und dann dessenS.
451
Traum durch einen kleinen Aufwand von vorbewußter Arbeit zu
binden und zu erledigen, als das Unbewußte auch die ganze Zeit des
Schlafens über im Zaume zu halten. Es stand ja zu erwarten, daß
der Traum, auch wenn er ursprünglich kein zweckmäßiger Vorgang
war, im Kräftespiel des seelischen Lebens sich einer Funktion be-
mächtigt haben würde. Wir sehen, welches diese Funktion ist. Er
hat die Aufgabe übernommen, die frei gelassene Erregung des Ubw
wieder unter die Herrschaft des Vorbewußten zu bringen; er führt
dabei die Erregung des Ubw ab, dient ihm als Ventil und sichert
gleichzeitig gegen einen geringen Aufwand an Wachtätigkeit den
Schlaf des Vorbewußten. So stellt er sich als ein Kompromiß, ganz
wie die anderen psychischen Bildungen seiner Reihe, gleichzeitig in
den Dienst der beiden Systeme, indem er beider Wünsche, insoweit
sie miteinander verträglich sind, erfüllt. Ein Blick auf die p. 59f.
mitgeteilte Robertsche „Ausscheidungstheorie“ wird zeigen, daß wir
diesem Autor in der Hauptsache, in der Bestimmung der Funktion des
Traumes, recht geben müssen, während wir in den Voraussetzungen
und in der Würdigung des Traumvorganges von ihm abweichen*).
Die Einschränkung, insofern beide Wünsche miteinander
verträglich sind, enthält einen Hinweis auf die möglichen Fälle,
in denen die Funktion des Traumes zum Scheitern gelangt. Der Traum
vorgang wird zunächst als Wunscherfüllung des Unbewußten zu-
gelassen; wenn diese versuchte Wunscherfüllung am Vorbewußten
so intensiv rüttelt, daß dies seine Ruhe nicht mehr bewahren kann,
so hat der Traum das Kompromiß gebrochen, das andere Stück seiner
Aufgabe nicht mehr erfüllt. Er wird dann sofort abgebrochen und*)Ist dies die einzige Funktion, die wir dem Traume zugestehen können?
Ich kenne keine andere. A. Maeder hat zwar den Versuch gemacht, andere,
„sekundäre“, Funktionen für den Traum in Anspruch zu nehmen. Er ging von
der richtigen Beobachtung aus, daß manche Träume Lösungsversuche von Kon-
flikten enthalten, die späterhin wirklich durchgeführt werden, sich also wie Vor-
übungen zu Wachtätigkeiten verhalten. Er brachte darum das Träumen in Parallele
zu den Spielen der Tiere und der Kinder, welches als vorübende Betätigung mit-
gebrachter Instinkte und als Vorbereitung für späteres ernsthaftes Tun aufzu-
fassen ist, und stellte eine „fonction ludique“ des Träumens auf. Kurze Zeit vor
mir war die vorausdenkende Funktion des Traumes auch von Alf. Adler
betont worden. (In einer von mir 1905 veröffentlichten Analyse wurde ein als
Vorsatz aufzufassender Traum jede Nacht bis zu seiner Ausführung wiederholt.)
Allein eine leichte Überlegung muß uns lehren, daß diese „sekundäre“
Funktion des Traumes im Rahmen einer Traumdeutung keine Anerkennung ver-
dient. Das Vorausdenken, Fassen von Vorsätzen, Entwerfen von Lösungsversuchen,
die dann eventuell im Wachleben verwirklicht werden können, dies und viel
anderes sind Leistungen der unbewußten und vorbewußten Tätigkeit des Geistes,
welche sich als „Tagesrest“ in den Schlafzustand fortsetzen und dann mit einem
unbewußten Wunsch (siehe p. 433 f.) zur Traumbildung zusammentreten kann. Die
vorausdenkende Funktion des Traumes ist also vielmehr eine Funktion des vor-
bewußten Wachdenkens, deren Ergebnis uns durch die Analyse der Träume oder
auch anderer Phänomene verraten werden kann. Nachdem man solche den Traum
mit seinem manifesten Inhalt zusammenfallen ließ, muß man sich jetzt auch davor
hüten, den Traum mit den latenten Traumgedanken zu verwechseln.29*
S.
452
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
durch das volle Erwachen ersetzt. Es ist eigentlich auch hier nicht
die Schuld des Traumes, wenn er, sonst der Hüter des Schlafes, als
Störer desselben auftreten muß, und braucht uns gegen seine Zweck-
mäßigkeit nicht einzuzunehmen. Es ist dies nicht der einzige Fall im
Organismus, daß eine sonst zweckmäßige Einrichtung unzweckmäßig
und störend wird, sobald in den Bedingungen ihres Entstehens etwas
geändert ist, und dann dient die Störung wenigstens dem neuen
Zwecke, die Veränderung anzuzeigen und die Regulierungsmittel des
Organismus wider sie wachzurufen. Ich habe natürlich den Fall des
Angsttraumes im Auge, und um nicht dem Anscheine recht zu geben,
daß ich diesem Zeugen gegen die Theorie der Wunscherfüllung aus
weiche, wo immer ich auf ihn stoße, will ich der Erklärung des Angst-
traumes wenigstens mit Andeutungen nähertreten.Daß ein psychischer Vorgang, der Angst entwickelt, darum
doch eine Wunscherfüllung sein kann, enthält für uns längst keinen
Widerspruch mehr. Wir wissen uns das Vorkommnis so zu er-
klären, daß der Wunsch dem einen System, dem Ubw, angehört,
während das System des Vbw diesen Wunsch verworfen und unter-
drückt hat. Die Unterwerfung des Ubw durch das Vbw ist auch bei
völliger psychischer Gesundheit keine durchgreifende; das Maß dieser
Unterdrückung ergibt den Grad unserer psychischen Normalität. Neu-
rotische Symptome zeigen uns an, daß sich die beiden Systeme im
Konflikt miteinander befinden; sie sind die Kompromißergebnisse
dieses Konfliktes, die ihm ein vorläufiges Ende setzen. Sie gestatten
einerseits dem Ubw einen Ausweg für den Abfluß seiner Erregung,
dienen ihm als Ausfallstor und geben doch anderseits dem Vbw die
Möglichkeit, das Ubw einigermaßen zu beherrschen. Lehrreich ist es
z. B., die Bedeutung einer hysterischen Phobie oder der Platzangst
in Betracht zu ziehen. Ein Neurotiker sei unfähig allein über die
Straße zu gehen, was wir mit Recht als „Symptom“ anführen. Man
hebe nun dieses Symptom auf, indem man ihn zu dieser Handlung
nötigt, für die er sich unfähig glaubt. Es erfolgt dann ein Angstanfall,
wie auch oft ein Angstanfall auf der Straße die Veranlassung für die
Herstellung der Platzangst geworden ist. Wir erfahren so, daß das
Symptom konstituiert worden ist, um den Ausbruch der Angst zu
verhüten; die Phobie ist der Angst wie eine Grenzbefestung vorgelegt.Unsere Erörterung läßt sich nicht weiterführen, wenn wir nicht
auf die Rolle der Affekte bei diesen Vorgängen eingehen, was aber
hier nur unvollkommen möglich ist. Stellen wir also den Satz auf,
daß die Unterdrückung des Ubw vor allem darum notwendig wird,
weil der sich selbst überlassene Vorstellungsablauf im Ubw einen
Affekt entwickeln würde, der ursprünglich den Charakter der Lust
hatte, aber seit dem Vorgang der Verdrängung den Charakter der
Unlust trägt. Die Unterdrückung hat den Zweck, aber auch den Er-
folg, diese Unlustentwicklung zu verhüten. Die Unterdrückung er-
streckt sich auf den Vorstellungsinhalt des Ubw, weil vom Vor-S.
453
Die Traumfunktion. Ihr Scheitern im Angsttraum.
stellungsinhalt her die Entbindung der Unlust erfolgen könnte. Eine
ganz bestimmte Annahme über die Natur der Affektentwicklung ist
hier zu Grunde gelegt. Dieselbe wird als eine motorische oder sekre-
torische Leistung angesehen, zu welcher der Innervationsschlüssel
in den Vorstellungen des Ubw gelegen ist. Durch die Beherrschung
von Seite des Vbw werden diese Vorstellungen gleichsam gedrosselt,
an der Aussendung der Affekt entwickelnden Impulse gehemmt. Die
Gefahr, wenn die Besetzung von Seite des Vbw aufhört, besteht also
darin, daß die unbewußten Erregungen solchen Affekt entbinden, der
– infolge der früher stattgehabten Verdrängung – nur als Unlust,
als Angst verspürt werden kann.Diese Gefahr wird durch das Gewährenlassen des Traumvorgan-
ges entfesselt. Die Bedingungen für deren Realisierung liegen darin,
daß Verdrängungen stattgefunden haben, und daß die unterdrückten
Wunschregungen stark genug werden können. Sie stehen also ganz
außerhalb des psychologischen Rahmens der Traumbildung. Wäre es
nicht, daß unser Thema durch dies eine Moment, die Befreiung des
Ubw während des Schlafes, mit dem Thema der Angstentwicklung zu-
sammenhinge, so könnte ich auf die Besprechung des Angsttraumes
verzichten und mir alle ihm anhängenden Dunkelheiten hier ersparen.Die Lehre vom Angsttraume gehört, wie ich schon wiederholt
ausgesprochen habe, in die Neurosenpsychologie. Ich möchte sagen:
die Angst im Traume ist ein Angstproblem, kein Traumproblem. Wir
haben weiter nichts mit ihr zu schaffen, nachdem wir einmal ihre
Berührungsstelle mit dem Thema des Traumvorganges aufgezeigt
haben. Ich kann nur noch eines tun. Da ich behauptet habe, daß die
neurotische Angst aus sexuellen Quellen stammt, kann ich Angst-
träume der Analyse unterziehen, um das sexuelle Material in deren
Traumgedanken nachzuweisen.Aus guten Gründen verzichte ich hier auf alle die Beispiele,
die mir neurotische Patienten in reicher Fülle bieten, und bevorzuge
Angstträume von jugendlichen Personen.Ich selbst habe seit Jahrzehnten keinen eigentlichen Angsttraum
mehr gehabt. Aus meinem siebten oder achten Jahre erinnere ich
mich an einen solchen, den ich etwa 30 Jahre später der Deutung
unterworfen habe. Er war sehr lebhaft und zeigte mir die ge-
liebte Mutter mit eigentümlich ruhigem, schlafendem Ge-
sichtsausdruck, die von zwei (oder drei) Personen mit Vogel-
schnäbeln ins Zimmer getragen und aufs Bett gelegt wird.
Ich erwachte weinend und schreiend und störte den Schlaf der Eltern.
Die – eigentümlich drapierten – überlangen Gestalten mit Vogel-
schnäbeln hatte ich den Illustrationen der Philippsonschen Bibel
entnommen; ich glaube, es waren Götter mit Sperberköpfen von einem
ägyptischen Grabrelief. Sonst aber liefert mir die Analyse die Er-
innerung an einen ungezogenen Hausmeistersjungen, der mit uns
Kindern auf der Wiese vor dem Hause zu spielen pflegte; und ichS.
454
möchte sagen, der hieß Philipp. Es ist mir dann, als hätte ich
von dem Knaben zuerst das vulgäre Wort gehört, welches den se-
xuellen Verkehr bezeichnet und von den Gebildeten nur durch ein
lateinisches, durch „koitieren“ ersetzt wird, das aber durch die Aus-
wahl der Sperberköpfe deutlich genug gekennzeichnet ist. Ich muß
die sexuelle Bedeutung des Wortes aus der Miene des welterfahrenen
Lehrmeisters erraten haben. Der Gesichtsausdruck der Mutter im
Traume war vom Angesicht des Großvaters kopiert, den ich einige
Tage vor seinem Tode im Koma schnarchend gesehen hatte. Die
Deutung der sekundären Bearbeitung im Traume muß also gelautet
haben, daß die Mutter stirbt, auch das Grabrelief stimmt dazu. In
dieser Angst erwachte ich und ließ nicht ab, bis ich die Eltern geweckt
hatte. Ich erinnere mich, daß ich mich plötzlich beruhigte, als ich
die Mutter zu Gesicht bekam, als ob ich die Beruhigung bedurft hätte:
sie ist also nicht gestorben. Diese sekundäre Deutung des Traumes
ist aber schon unter dem Einflusse der entwickelten Angst geschehen.
Nicht daß ich ängstlich war, weil ich geträumt hatte, daß die Mutter
stirbt; sondern ich deutete den Traum in der vorbewußten Bearbeitung
so, weil ich schon unter der Herrschaft der Angst stand. Die Angst
aber läßt sich mittels der Verdrängung zurückführen auf ein dunkles,
offenkundig sexuelles Gelüste, das in dem visuellen Inhalt des Trau-
mes seinen guten Ausdruck gefunden hatte.
Ein 27 jähriger Mann, der seit einem Jahre schwer leidend ist,
hat zwischen 11 und 13 Jahren wiederholt unter schwerer Angst
geträumt, daß ein Mann mit einer Hacke ihm nachsetzt; er
möchte laufen, ist aber wie gelähmt und kommt nicht von
der Stelle. Das ist wohl ein gutes Muster eines sehr gemeinen und
sexuell unverdächtigen Angsttraumes. Bei der Analyse gerät der
Träumer zuerst auf eine der Zeit nach spätere Erzählung seines
Onkels, daß er auf der Straße nächtlich von einem verdächtigen Indi-
viduum angefallen wurde, und schließt selbst aus diesem Einfall, daß
er zur Zeit des Traumes von einem ähnlichen Erlebnis gehört haben
kann. Zur Hacke erinnert er, daß er sich in jener Lebenszeit ein-
mal beim Holzverkleinern mit der Hacke an der Hand verletzt hatte.
Er gerät dann unvermittelt auf sein Verhältnis zu seinem jüngeren
Bruder, den er zu mißhandeln und hinzuwerfen pflegte, erinnert sich
speziell eines Males, wo er ihn mit dem Stiefel an den Kopf traf,
so daß er blutete und die Mutter dann äußerte: Ich habe Angst,
er wird ihn noch einmal umbringen. Während er so beim Thema
der Gewalttat festgehalten scheint, taucht ihm plötzlich eine Er-
innerung aus dem neunten Lebensjahre auf. Die Eltern waren spät
nach Hause gekommen, gingen, während er sich schlafend stellte,
zu Bette, und er hörte dann ein Keuchen und andere Geräusche, die
ihm unheimlich vorkamen, konnte auch die Lage der beiden im Bette
erraten. Seine weiteren Gedanken zeigen, daß er zwischen dieser Be-
ziehung der Eltern und seinem Verhältnis zu seinem jüngeren BruderS.
455
eine Analogie hergestellt hatte. Er subsumierte, was bei den Eltern
vorfiel, unter den Begriff: Gewalttat und Rauferei, und gelangte
so, wie bei Kindern sehr häufig, zur sadistischen Auffassung des
Koitusaktes. Ein Beweis für diese Auffassung war ihm, daß er oft
Blut im Bette der Mutter bemerkt hatte.Daß der sexuelle Verkehr Erwachsener den Kindern, die ihn
bemerken, unheimlich vorkommt und Angst in ihnen erweckt, ist,
möchte ich sagen, Ergebnis der täglichen Erfahrung. Ich habe für
diese Angst die Erklärung gegeben, daß es sich um eine sexuelle
Erregung handelt, die von ihrem Verständnis nicht bewältigt wird,
auch wohl darum auf Ablehnung stößt, weil die Eltern in sie ver-
flochten sind, und die sich darum in Angst verwandelt. In einer
noch früheren Lebensperiode stößt die sexuelle Regung für den
gegengeschlechtlichen Teil des Elternpaares noch nicht auf Verdrän-
gung und äußert sich frei, wie wir gehört haben (p. 194).Auf die bei Kindern so häufigen nächtlichen Angstanfälle mit
Halluzinationen (den Pavor nocturnus) würde ich dieselbe Erklärung
unbedenklich anwenden. Es kann sich auch da nur um unverstandene
und abgelehnte sexuelle Regungen handeln, bei deren Aufzeichnung
sich auch wahrscheinlich eine zeitliche Periodizität herausstellen
würde, da eine Steigerung der sexuellen Libido ebensowohl durch
zufällige erregende Eindrücke, als auch durch die spontanen, schub-
weise eintreffenden Entwicklungsvorgänge erzeugt werden kann.Mir fehlt es an dem erforderlichen Beobachtungsmaterial, um
diese Erklärung durchzuführen. Den Kinderärzten scheint es da-
gegen an dem Gesichtspunkte zu fehlen, der allein das Verständnis
der ganzen Reihe von Phänomenen, sowohl nach der somatischen als
auch nach der psychischen Seite gestattet. Als ein komisches Bei-
spiel, wie nahe man, durch die Scheuklappen der medizinischen
Mythologie geblendet, am Verständnis solcher Fälle vorbeigehen kann,
möchte ich einen Fall anführen, den ich in der These über den Pavor
nocturnus von Debacker 1881 (p. 66) gefunden habe.Ein 13 jähriger Knabe von schwacher Gesundheit begann
ängstlich und verträumt zu werden, sein Schlaf wurde unruhig und
fast jede Woche einmal durch einen schweren Anfall von Angst mit
Halluzinationen unterbrochen. Die Erinnerung an diese Träume war
immer sehr deutlich. Er konnte also erzählen, daß der Teufel ihn
angeschrien habe: „Jetzt haben wir dich, jetzt haben wir dich, und
dann roch es nach Pech und Schwefel, und das Feuer verbrannte
seine Haut. Aus diesem Traume schreckte er dann auf, konnte zu
erst nicht schreien, bis die Stimme frei wurde und man ihn deutlich
sagen hörte: „Nein, nein, nicht mich, ich hab’ ja nichts getan“, oder
auch: „Bitte, nicht, ich werd’ es nie mehr tun.“ Einigemal sagte er
auch: „Albert hat das nicht getan.“ Er vermied es später sich aus-
zukleiden, „weil das Feuer ihn nur angreife, wenn er ausgekleidet
sei“. Mitten aus diesen Teufelsträumen, die seine Gesundheit in Ge-S.
456
fahr brachten, wurde er aufs Land geschickt, erholte sich dort im
Verlaufe von 11/2 Jahren und gestand dann einmal, 15 Jahre alt: „Je
n'osais pas l'avouer, mais j'éprouvais continuellement des picotements
et des surexcitations aux parties*); à la fin, cela m'énervait tant
que plusieurs fois, j'ai pensé me jeter par la fenêtre au dortoir.“Es ist wahrlich nicht schwer zu erraten, 1. daß der Knabe in
früheren Jahren masturbiert, es wahrscheinlich geleugnet hatte und
mit schweren Strafen für seine Unart bedroht worden war. (Sein
Geständnis: Je ne le ferai plus; sein Leugnen: Albert n'a jamais
fait ça); 2. daß unter dem Andrang der Pubertät die Versuchung
zu masturbieren in dem Kitzel an den Genitalien wieder erwachte;
daß aber jetzt 3. ein Verdrängungskampf in ihm losbrach, der die
Libido unterdrückte und sie in Angst verwandelte, welche Angst
nachträglich die damals angedrohten Strafen aufnahm.Hören wir dagegen die Folgerungen unseres Autors (p. 69).
„Es geht aus dieser Beobachtung hervor, daß 1. der Einfluß der
Pubertät bei einem Knaben von geschwächter Gesundheit einen Zu-
stand von großer Schwäche herbeiführen und daß es dabei zu einer
sehr erheblichen Gehirnanämie**) kommen kann.
2. Diese Gehirnanämie erzeugt eine Charakterveränderung, dä-
monomanische Halluzinationen und sehr heftige nächtliche, vielleicht
auch tägliche Angstzustände.
3. Die Dämonomanie und die Selbstvorwürfe des Knaben gehen
auf die Einflüsse der religiösen Erziehung zurück, die als Kind auf
ihn gewirkt hatten.
4. Alle Erscheinungen sind infolge eines längeren Landaufent-
haltes durch körperliche Übung und Wiederkehr der Kräfte nach
abgelaufener Pubertät verschwunden.
5. Vielleicht darf man der Heredität und der alten Syphilis
des Vaters einen prädisponierenden Einfluß auf die Entstehung des
Gehirnzustandes beim Kinde zuschreiben.
Das Schlußwort: „Nous avons fait entrer cette observation dans
le cadre des délires apyrétiques d'inanition, car c'est à l'ischémie
cérébrale que nous rattachons cet état particulier.“e) Der Primär-
und der Sekundärvorgang. Die Verdrängung.Indem ich den Versuch wagte, tiefer in die Psychologie der
Traumvorgänge einzudringen, habe ich eine schwierige Aufgabe unter-
nommen, welcher auch meine Darstellungskunst kaum gewachsen ist.
Die Gleichzeitigkeit eines so komplizierten Zusammenhanges durch
ein Nacheinander in der Beschreibung wiederzugeben und dabei bei
jeder Aufstellung voraussetzungslos zu erscheinen, will meinen Kräf-
ten zu schwer werden. Es rächt sich nun an mir, daß ich bei der*)Von mir hervorgehoben; übrigens nicht mißverständlich.
**)Meine Hervorhebung.
S.
457
Darstellung der Traumpsychologie nicht der historischen Entwick-
lung meiner Einsichten folgen kann. Mir waren die Gesichtspunkte
für die Auffassung des Traumes durch vorhergegangene Arbeiten
über die Psychologie der Neurosen gegeben, auf die ich mich hier
nicht beziehen soll und doch immer wieder beziehen muß, während
ich in umgekehrter Richtung vorgehen und vom Traume aus den
Anschluß an die Psychologie der Neurosen erreichen möchte. Ich
kenne alle Beschwerden, die sich hieraus für den Leser ergeben; aber
ich weiß kein Mittel, sie zu vermeiden.Unbefriedigt von dieser Sachlage verweile ich gern bei einem
anderen Gesichtspunkte, der mir den Wert meiner Bemühung zu
heben scheint. Ich fand ein Thema vor, das von den schärfsten
Widersprüchen in den Meinungen der Autoren beherrscht war, wie
die Einführung des ersten Abschnittes gezeigt hat. Nach unserer
Bearbeitung der Traumprobleme ist für die meisten dieser Wider-
sprüche Raum geschaffen worden. Nur zweien der geäußerten An-
sichten, daß der Traum ein sinnloser und ein somatischer Vorgang
sei, mußten wir selbst entschieden widersprechen, sonst aber haben
wir allen einander widersprechenden Meinungen an irgend einer
Stelle des verwickelten Zusammenhanges recht geben und nachweisen
können, daß sie etwas Richtiges herausgefunden hatten. Daß der
Traum die Anregungen und Interessen des Wachlebens fortsetzt, hat
sich durch die Aufdeckung der verborgenen Traumgedanken ganz
allgemein bestätigt. Diese beschäftigen sich nur mit dem, was uns
wichtig scheint und uns mächtig interessiert. Der Traum gibt sich
nie mit Kleinigkeiten ab. Aber auch das Gegenteil haben wir gelten-
lassen, daß der Traum die gleichgültigen Abfälle des Tages aufklaubt
und sich eines großen Tagesinteresses nicht eher bemächtigen kann,
als bis es sich der Wacharbeit einigermaßen entzogen hat. Wir fanden
dies gültig für den Trauminhalt, der den Traumgedanken einen durch
Entstellung veränderten Ausdruck gibt. Der Traumvorgang, sagten
wir, bemächtigt sich aus Gründen der Assoziationsmechanik leichter
des frischen oder des gleichgültigen Vorstellungsmaterials, welches
von der wachen Denktätigkeit noch nicht mit Beschlag belegt ist,
und aus Gründen der Zensur überträgt er die psychische Intensität
von dem Bedeutsamen, aber auch Anstößigen, auf das Indifferente.
Die Hypermnesie des Traumes und die Verfügung über das Kindheits-
material sind zu Grundpfeilern unserer Lehre geworden; in unserer
Traumtheorie haben wir dem aus dem Infantilen stammenden Wunsch
die Rolle des unentbehrlichen Motors für die Traumbildung zuge-
schrieben. An der experimentell nachgewiesenen Bedeutung der äuße-
ren Sinnesreize während des Schlafes zu zweifeln, konnte uns natürlich
nicht einfallen, aber wir haben dieses Material in dasselbe Verhältnis
zum Traumwunsch gesetzt wie die von der Tagarbeit erübrigten Ge-
dankenreste. Daß der Traum den objektiven Sinnesreiz nach Art
einer Illusion deutet, brauchten wir nicht zu bestreiten; aber wirS.
458
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
haben das von den Autoren unbestimmt gelassene Motiv für diese
Deutung hinzugefügt. Die Deutung erfolgt so, daß das wahrgenom-
mene Objekt für die Schlafstörung unschädlich und für die Wunsch-
erfüllung verwendbar wird. Den subjektiven Erregungszustand der
Sinnesorgane während des Schlafes, der durch Trumbull Ladd
nachgewiesen scheint, lassen wir zwar nicht als besondere Traum-
quelle gelten, aber wir wissen ihn durch regrediente Belebung der
hinter dem Traume wirkenden Erinnerungen zu erklären. Auch den
inneren organischen Sensationen, die gern zum Angelpunkte der
Traumerklärung genommen werden, ist in unserer Auffassung eine,
wenngleich bescheidenere Rolle verblieben. Sie stellen uns – die
Sensationen des Fallens, Schwebens, Geheimtseins – ein allezeit
bereites Material dar, dessen sich die Traumarbeit zum Ausdruck der
Traumgedanken, so oft es not tut, bedient.Daß der Traumvorgang ein rapider, momentaner ist, erscheint
uns richtig für die Wahrnehmung des vorgebildeten Trauminhaltes
durch das Bewußtsein; für die vorhergehenden Stücke des Traum-
vorganges haben wir einen langsamen, wogenden Ablauf wahrschein-
lich gefunden. Zum Rätsel des überreichen, in den kürzesten Mo-
ment zusammengedrängten Trauminhaltes konnten wir den Beitrag
liefern, daß es sich dabei um das Aufgreifen bereits fertiger Gebilde
des psychischen Lebens handle. Daß der Traum von der Erinnerung
entstellt und verstümmelt wird, fanden wir richtig, aber nicht hinder-
lich, da dies nur das letzte manifeste Stück einer von Anfang der
Traumbildung an wirksamen Entstellungsarbeit ist. In dem erbitterten
und einer Versöhnung scheinbar unfähigen Streite, ob das Seelen-
leben nachts schlafe oder über all seine Leistungsfähigkeit wie bei
Tage verfüge, haben wir beiden Teilen recht und doch keinem ganz
recht geben können. In den Traumgedanken fanden wir die Beweise
einer höchst komplizierten, mit fast allen Mitteln des seelischen
Apparates arbeitenden, intellektuellen Leistung; doch ist es nicht
abzuweisen, daß diese Traumgedanken bei Tage entstanden sind, und
es ist unentbehrlich anzunehmen, daß es einen Schlafzustand des
Seelenlebens gibt. So kam selbst die Lehre vom partiellen Schlafe
zur Geltung; aber nicht in dem Zerfall der seelischen Zusammenhänge
haben wir die Charakteristik des Schlafzustandes gefunden, sondern
in der Einstellung des den Tag beherrschenden psychischen Systems
auf den Wunsch zu schlafen. Die Ablenkung von der Außenwelt
bewahrte auch für unsere Auffassung ihre Bedeutung; sie hilft, wenn
auch nicht als einziges Moment, die Regression der Traumdarstellung
ermöglichen. Der Verzicht auf die willkürliche Lenkung des Vor-
stellungsablaufes ist unbestreitbar; aber das psychische Leben wird
darum nicht ziellos, denn wir haben gehört, daß nach dem Auf
geben der gewollten Zielvorstellungen ungewollte zur Herrschaft ge-
langen. Die lockere Assoziationsverknüpfung im Traume haben wir
nicht nur anerkannt, sondern ihrer Herkunft einen weit größerenS.
459
Umfang zugewiesen, als geahnt werden konnte; wir haben aber ge-
funden, daß sie nur der erzwungene Ersatz für eine andere, korrekte
und sinnvolle ist. Gewiß nannten auch wir den Traum absurd;
aber Beispiele konnten uns lehren, wie klug der Traum ist, wenn
er sich absurd stellt. Von den Funktionen, die dem Traume zuerkannt
worden sind, trennt uns kein Widerspruch. Daß der Traum die
Seele wie ein Ventil entlaste, und daß nach Roberts Ausdruck aller
lei Schädliches durch das Vorstellen im Traume unschädlich ge-
macht wird, trifft nicht nur genau mit unserer Lehre von der zwei-
fachen Wunscherfüllung durch den Traum zusammen, sondern wird
für uns sogar nach seinem Wortlaute verständlicher als bei Robert.
Das freie Sichergehen der Seele im Spiele ihrer Fähigkeiten findet
sich bei uns wieder in dem Gewährenlassen des Traumes durch die
vorbewußte Tätigkeit. Die „Rückkehr auf den embryonalen Stand-
punkt des Seelenlebens im Traume“ und die Bemerkung von Have-
lock Ellis, „an archaic world of vast emotions and imperfect
thoughts“ erscheinen uns als glückliche Vorwegnahmen unserer Aus-
führungen, die primitive, bei Tage unterdrückte Arbeitsweisen an
der Traumbildung beteiligt sein lassen; die Behauptung von Sully,
„der Traum bringe unsere früheren sukzessive entwickelten Persön-
lichkeiten wieder, unsere alte Art, die Dinge anzusehen, Impulse und
Reaktionsweisen, die uns vor langen Zeiten beherrscht haben“, konnten
wir im vollen Umfange zu der unsrigen machen, wie bei Delage
wird bei uns das „Unterdrückte“ zur Triebfeder des Traumes.Die Rolle, welche Scherner der Traumphantasie zuschreibt,
und die Deutungen Scherners selbst haben wir in vollem Um-
fange anerkannt, aber ihnen gleichsam eine andere Lokalität im
Problem anweisen müssen. Nicht der Traum bildet die Phantasie,
sondern an der Bildung der Traumgedanken hat die unbewußte
Phantasietätigkeit den größten Anteil. Wir bleiben Scherner für
den Hinweis auf die Quelle der Traumgedanken verpflichtet; aber
fast alles, was er der Traumarbeit zuschreibt, ist der Tätigkeit des
bei Tage regsamen Unbewußten zuzurechnen, welche die Anregungen
für die Träume nicht minder ergibt als die für die neurotischen
Symptome. Die Traumarbeit mußten wir von dieser Tätigkeit als
etwas gänzlich Verschiedenes und weit mehr Gebundenes absondern.
Endlich haben wir die Beziehung des Traumes zu den Seelenstörungen
keineswegs aufgegeben, sondern sie auf neuem Boden fester be-
gründet.Durch das Neue in unserer Traumlehre wie durch eine höhere
Einheit zusammengehalten, finden wir also die verschiedenartigsten
und widersprechendsten Ergebnisse der Autoren unserem Gebäude
eingefügt, manche derselben anders gewendet, nur wenige gänzlich
verworfen. Aber auch unser Aufbau ist noch unfertig. Von den
vielen Unklarheiten abgesehen, die wir durch unser Vordringen in
das Dunkel der Psychologie auf uns gezogen haben, scheint auch nochS.
460
ein neuer Widerspruch uns zu bedrücken. Wir haben einerseits die
Traumgedanken durch völlig normale geistige Arbeit entstehen lassen,
anderseits aber eine Reihe von ganz abnormen Denkvorgängen unter
den Traumgedanken und von ihnen aus zum Trauminhalt aufgefunden,
welche wir dann bei der Traumdeutung wiederholen. Alles, was wir
die „Traumarbeit“ geheißen haben, scheint sich von den uns als
korrekt bekannten psychischen Vorgängen so weit zu entfernen, daß
die härtesten Urteile der Autoren über die niedrige psychische
Leistung des Traums uns wohl angebracht dünken müssen.
Hier schaffen wir vielleicht nur durch noch weiteres Vordringen
Aufklärung und Abhilfe. Ich will eine der Konstellationen heraus-
greifen, die zur Traumbildung führen:
Wir haben erfahren, daß der Traum eine Anzahl von Gedanken
ersetzt, die aus unserem Tagesleben stammen und vollkommen logisch
gefügt sind. Wir können darum nicht bezweifeln, daß diese Ge-
danken unserem normalen Geistesleben entstammen. Alle Eigen-
schaften, welche wir an unseren Gedankengängen hochschätzen, durch
welche sie sich als komplizierte Leistungen hoher Ordnung kenn-
zeichnen, finden wir an den Traumgedanken wieder. Es besteht aber
keine Nötigung, anzunehmen, daß diese Gedankenarbeit während des
Schlafes vollzogen wurde, was unsere bisher festgehaltene Vorstellung
vom psychischen Schlafzustand arg beirren würde. Diese Gedanken
können vielmehr sehr wohl vom Tage stammen, sich, von ihrem An-
stoß an, unserem Bewußtsein unbemerkt, fortgesetzt haben und fanden
sich dann mit dem Einschlafen als fertig vor. Wenn wir aus dieser
Sachlage etwas entnehmen sollen, so ist es höchstens der Beweis, daß
die kompliziertesten Denkleistungen ohne Mittun des Be-
wußtseins möglich sind, was wir ohnedies aus jeder Psychoanalyse
eines Hysterischen oder einer Person mit Zwangsvorstellungen er-
fahren mußten. Diese Traumgedanken sind an sich sicherlich nicht be-
wußtseinsunfähig; wenn sie uns tagsüber nicht bewußt worden sind,
so mag dies verschiedene Gründe haben. Das Bewußtwerden hängt
mit der Zuwendung einer bestimmten psychischen Funktion, der Auf-
merksamkeit, zusammen, die, wie es scheint, nur in bestimmter Quan-
tität aufgewendet wird, welche von dem betreffenden Gedankengang
durch andere Ziele abgelenkt sein mochte. Eine andere Art, wie
solche Gedankengänge dem Bewußtsein vorenthalten werden können,
ist folgende: Von unserem bewußten Nachdenken her wissen wir,
daß wir bei Anwendung der Aufmerksamkeit einen bestimmten Weg
verfolgen. Kommen wir auf diesem Wege an eine Vorstellung, welche
der Kritik nicht stand hält, so brechen wir ab; wir lassen die Auf-
merksamkeitsbesetzung fallen. Es scheint nun, daß der begonnene
und verlassene Gedankengang sich dann fortspinnen kann, ohne daß
sich ihm die Aufmerksamkeit wieder zuwendet, wenn er nicht an einer
Stelle eine besonders hohe Intensität erreicht, welche die Aufmerksam-
keit erzwingt. Eine anfängliche, etwa mit Bewußtsein erfolgte Ver-S.
461
Der Widerspruch zwischen den beiden Stücken der „Traumarbeit“.
werfung durch das Urteil, als unrichtig oder als unbrauchbar für den aktuellen Zweck des Denkaktes, kann also die Ursache sein, daß ein Denkvorgang sich vom Bewußtsein unbemerkt bis zum Einschlafen fortsetzt.Resumieren wir, daß wir einen solchen Gedankengang einenvorbewußten heißen, ihn fürs völlig korrekt halten, und daß erebensowohl ein bloß vernachlässigter, wie ein abgebrochener, unterdrückter sein kann. Sagen wir auch frei heraus, in welcher Weisewir uns den Vorstellungsablauf veranschaulichen. Wir glauben, daßvon einer Zielvorstellung aus eine gewisse Erregungsgröße, die wir„Besetzungsenergie“ heißen, längs der durch diese Zielvorstellungausgewählten Assoziationswege verschoben wird. Ein „vernachlässigter“ Gedankengang hat eine solche Besetzung nicht erhalten; voneinem „unterdrückten“ oder „verworfenen“ ist sie wieder zurückgezogen worden; beide sind ihren eigenen Erregungen überlassen. Derzielbesetzte Gedankengang wird unter gewissen Bedingungen fähig,die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf sich zu ziehen, und erhältdann durch dessen Vermittlung eine „Überbesetzung“. Unsere Annahmen über die Natur und Leistung des Bewußtseins werden wir einwenig später klarlegen müssen.
Ein so im Vorbewußten angeregter Gedankengang kann spontanerlöschen oder sich erhalten. Den ersteren Ausgang stellen wir unsso vor, daß seine Energie nach allen von ihm ausgehenden Assoziationsrichtungen diffundiert, die ganze Gedankenkette in einen erregtenZustand versetzt, der für eine Weile anhält, dann aber abklingt, indem die abfuhrbedürftige Erregung sich in ruhende Besetzungumwandelt*). Tritt dieser erste Ausgang ein, so hat der Vorgangweiter keine Bedeutung für die Traumbildung. Es lauern aber inunserem Vorbewußten andere Zielvorstellungen, die aus den Quellen unserer unbewußten und immer regen Wünsche stammen. Diesekönnen sich der Erregung in dem sich selbst überlassenen Gedankenkreise bemächtigen, stellen die Verbindung zwischen ihm und demunbewußten Wunsche her, übertragen ihm die dem unbewußtenWunsch eigene Energie, und von jetzt an ist der vernachlässigte oderunterdrückte Gedankengang im Stande, sich zu erhalten, obwohl erdurch diese Verstärkung keinen Anspruch auf den Zugang zum Bewußtsein erhält. Wir können sagen, der bisher vorbewußte Gedankengang ist ins Unbewußte gezogen worden.
Andere Konstellationen zur Traumbildung wären, daß der vorbewußte Gedankengang von vornherein in Verbindung mit dem unbewußten Wunsche stand und darum auf Abweisung von Seite derherrschenden Zielbesetzung stieß, oder daß ein unbewußter Wunschaus anderen (etwa somatischen) Gründen rege geworden ist und ohneEntgegenkommen eine Übertragung auf die vom Vbw nicht besetzten
*)Vgl. hiezu die bedeutsamen Darlegungen von J. Breuer in unseren„Studien über Hysterie“ 1895 und 2. Aufl. 1909.
S.
462
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
psychischen Reste sucht. Alle drei Fälle treffen endlich in einem
Ergebnis zusammen, daß ein Gedankenzug im Vorbewußten zu stande
kommt, der von der vorbewußten Besetzung verlassen, vom unbe-
wußten Wunsche her Besetzung gefunden hat.Von da an erleidet der Gedankenzug eine Reihe von Um-
wandlungen, die wir nicht mehr als normale psychische Vorgänge
anerkennen, und die ein uns befremdendes Resultat, eine psycho-
pathologische Bildung, ergeben. Wir wollen dieselben herausheben
und zusammenstellen:1. Die Intensitäten der einzelnen Vorstellungen werden nach
ihrem ganzen Betrage abflußfähig und übergehen von einer Vorstel-
lung auf die andere, so daß einzelne mit großer Intensität versehene
Vorstellungen gebildet werden. Indem sich dieser Vorgang mehrmals
wiederholt, kann die Intensität eines ganzen Gedankenzuges schließ-
lich in einem einzigen Vorstellungselement gesammelt sein. Dies ist
die Tatsache der Kompression oder Verdichtung, die wir während
der Traumarbeit kennen gelernt haben. Sie trägt die Hauptschuld an
dem befremdenden Eindruck des Traumes, denn etwas ihr Analoges
ist uns aus dem normalen und dem Bewußtsein zugänglichen Seelen-
leben ganz unbekannt. Wir haben auch hier Vorstellungen, die als
Knotenpunkte oder als Endergebnisse ganzer Gedankenketten eine
große psychische Bedeutung besitzen, aber diese Wertigkeit äußert
sich in keinem für die innere Wahrnehmung sinnfälligen Charakter;
das in ihr Vorgestellte wird darum in keiner Weise intensiver. Im
Verdichtungsvorgang setzt sich aller psychische Zusammenhang in die
Intensität des Vorstellungsinhaltes um. Es ist der nämliche Fall,
wie wenn ich in einem Buche ein Wort, dem ich einen überragenden
Wert für die Auffassung des Textes beilege, gesperrt oder fett drucken
lasse. In der Rede würde ich dasselbe Wort laut und langsam sprechen
und nachdrücklich betonen. Das erstere Gleichnis führt unmittelbar
zu einem der Traumarbeit entlehnten Beispiele (Trimethylamin
im Traume von Irmas Injektion). Die Kunsthistoriker machen uns
darauf aufmerksam, daß die ältesten historischen Skulpturen ein ähn-
liches Prinzip befolgen, indem sie die Ranggröße der dargestellten
Personen durch die Bildgröße zum Ausdruck bringen. Der König
wird zwei- oder dreimal so groß gebildet als sein Gefolge oder der
überwundene Feind. Ein Bildwerk aus der Römerzeit wird sich zu
demselben Zwecke feinerer Mittel bedienen. Es wird die Figur des
Imperators in die Mitte stellen, ihn hoch aufgerichtet zeigen, be-
sondere Sorgfalt auf die Durchbildung seiner Gestalt verwenden, die
Feinde zu seinen Füßen legen, ihn aber nicht mehr als Riesen unter
Zwergen erscheinen lassen. Indes ist die Verbeugung des Untergebenen
vor seinem Vorgesetzten in unserer Mitte noch heute ein Nachklang
jenes alten Darstellungsprinzips.Die Richtung, nach welcher die Verdichtungen des Traumes fort-
schreiten, ist einerseits durch die korrekten vorbewußten RelationenS.
463
der Traumgedanken, anderseits durch die Anziehung der visuellen
Erinnerungen im Unbewußten vorgeschrieben. Der Erfolg der Ver-
dichtungsarbeit erzielt jene Intensitäten, die zum Durchbruche gegen
die Wahrnehmungssysteme erfordert werden.2. Es werden wiederum durch freie Übertragbarkeit der Inten-
sitäten und im Dienste der Verdichtung Mittelvorstellungen ge-
bildet, Kompromisse gleichsam (vgl. die zahlreichen Beispiele). Gleich-
falls etwas Unerhörtes im normalen Vorstellungsablauf, bei dem es vor
allem auf die Auswahl und Festhaltung des „richtigen“ Vorstellungs-
elementes ankommt. Dagegen ereignen sich Misch- und Kompromiß-
bildungen außerordentlich häufig, wenn wir für die vorbewußten Ge-
danken den sprachlichen Ausdruck suchen, und werden als Arten des
„Versprechens“ angeführt.3. Die Vorstellungen, die einander ihre Intensitäten übertragen,
stehen in den lockersten Beziehungen zueinander und sind
durch solche Arten von Assoziationen verknüpft, welche von unserem
Denken verschmäht und nur dem witzigen Effekt zur Ausnutzung
überlassen werden. Insbesondere gelten Gleichklangs- und Wortlaut-
assoziationen als den anderen gleichwertig.4. Einander widersprechende Gedanken streben nicht danach,
einander aufzuheben, sondern bestehen nebeneinander, setzen sich oft,
als ob kein Widerspruch bestünde, zu Verdichtungsprodukten zu-
sammen oder bilden Kompromisse, die wir unserem Denken nie ver-
zeihen würden, in unserem Handeln aber oft gutheißen.Dies wären einige der auffälligsten abnormen Vorgänge, denen
im Laufe der Traumarbeit die vorher rationell gebildeten Traum-
gedanken unterzogen werden. Man erkennt als den Hauptcharakter
derselben, daß aller Wert darauf gelegt wird, die besetzende Energie
beweglich und abfuhrfähig zu machen; der Inhalt und die eigene
Bedeutung der psychischen Elemente, an denen diese Besetzungen
haften, wird zur Nebensache. Man könnte noch meinen, die Verdich-
tung und Kompromißbildung geschehe nur im Dienste der Regression,
wenn es sich darum handelt, Gedanken in Bilder zu verwan-
deln. Allein die Analyse – und noch deutlicher – die Synthese
solcher Träume, die der Regression auf Bilder entbehren, z. B.
des Traumes „Autodidasker – Gespräch mit Hofrat N.“, ergeben
die nämlichen Verschiebungs- und Verdichtungsvorgänge wie die
anderen.So können wir uns also der Einsicht nicht verschließen, daß an
der Traumbildung zweierlei wesensverschiedene psychische Vorgänge
beteiligt sind; der eine schafft vollkommen korrekte, dem normalen
Denken gleichwertige Traumgedanken; der andere verfährt mit den
selben auf eine höchst befremdende, inkorrekte Weise. Den letzteren
haben wir schon im Abschnitt VI als die eigentliche Traumarbeit ab-
gesondert. Was haben wir nun zur Ableitung dieses letzteren psy-
chischen Vorganges vorzubringen?S.
464
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Wir könnten hier eine Antwort nicht geben, wenn wir nicht ein
Stück weit in die Psychologie der Neurosen, speziell der Hysterie,
eingedrungen wären. Aus dieser aber erfahren wir, daß die nämlichen
inkorrekten psychischen Vorgänge – und noch andere nicht auf
gezählte – die Herstellung der hysterischen Symptome beherrschen.
Auch bei der Hysterie finden wir zunächst eine Reihe von völlig
korrekten, unbewußten ganz gleichwertigen Gedanken, von deren
Existenz in dieser Form wir aber nichts erfahren können, die wir erst
nachträglich rekonstruieren. Wenn sie irgendwo zu unserer Wahr-
nehmung durchgedrungen sind, so ersehen wir aus der Analyse des
gebildeten Symptoms, daß diese normalen Gedanken eine abnorme
Behandlung erlitten haben und mittels Verdichtung, Kompro-
mißbildung, über oberflächliche Assoziationen, unter
Deckung der Widersprüche, eventuell auf dem Wege der
Regression in das Symptom übergeführt worden sind. Bei
der vollen Identität zwischen den Eigentümlichkeiten der Traumarbeit
und der psychischen Tätigkeit, welche in die psychoneurotischen
Symptome ausläuft, werden wir uns für berechtigt halten, die Schlüsse,
zu denen uns die Hysterie nötigt, auf den Traum zu übertragen.Aus der Lehre von der Hysterie entnehmen wir den Satz, daß
solche abnorme psychische Bearbeitung eines normalen
Gedankenzuges nur dann vorkommt, wenn dieser zur Über-
tragung eines unbewußten Wunsches geworden ist, der aus
dem Infantilen stammt und sich in der Verdrängung be-
findet. Diesem Satze zuliebe haben wir die Theorie des Traumes auf
die Annahme gebaut, daß der treibende Traumwunsch allemal aus
dem Unbewußten stammt, was, wie wir selbst zugestanden, sich nicht
allgemein nachweisen, wenn auch nicht zurückweisen läßt. Um aber
sagen zu können, was die „Verdrängung“ ist, mit deren Namen wir
schon so oft gespielt haben, müssen wir ein Stück an unserem psycho-
logischen Gerüste weiterbauen.Wir hatten uns in die Fiktion eines primitiven psychischen
Apparates vertieft, dessen Arbeit durch das Bestreben geregelt wird,
Anhäufung von Erregung zu vermeiden und sich möglichst erregungs-
los zu erhalten. Er war darum nach dem Schema eines Reflexapparates
gebaut; die Motilität, zunächst der Weg zur inneren Veränderung des
Körpers, war die ihm zu Gebote stehende Abfuhrbahn. Wir erörterten
dann die psychischen Folgen eines Befriedigungserlebnisses und hätten
dabei schon die zweite Annahme einfügen können, daß Anhäufung
der Erregung – nach gewissen uns nicht bekümmernden Modalitäten
– als Unlust empfunden wird und den Apparat in Tätigkeit versetzt,
um das Befriedigungserlebnis, bei dem die Verringerung der Erregung
als Lust verspürt wird, wieder herbeizuführen. Eine solche, von der
Unlust ausgehende, auf die Lust zielende Strömung im Apparat heißen
wir einen Wunsch; wir haben gesagt, nichts anderes als ein Wunsch
sei im stande, den Apparat in Bewegung zu bringen, und der AblaufS.
465
der Erregung in ihm werde automatisch durch die Wahrnehmungen
von Lust und Unlust geregelt. Das erste Wünschen dürfte ein halluzi-
natorisches Besetzen der Befriedigungserinnerung gewesen sein. Diese
Halluzination erwies sich aber, wenn sie nicht bis zur Erschöpfung
festgehalten werden sollte, als untüchtig, das Aufhören des Bedürf-
nisses, also die mit der Befriedigung verbundene Lust, herbeizu-
führen.Es wurde so eine zweite Tätigkeit – in unserer Ausdrucks-
weise die Tätigkeit eines zweiten Systems – notwendig, welche nicht
gestattete, daß die Erinnerungsbesetzung zur Wahrnehmung vordringe
und von dort aus die psychischen Kräfte binde, sondern die vom Be-
dürfnisreiz ausgehende Erregung auf einen Umweg leite, der endlich
über die willkürliche Motilität die Außenwelt so verändert, daß die
reale Wahrnehmung des Befriedigungsobjektes eintreten kann. So weit
haben wir das Schema des psychischen Apparates bereits verfolgt; die
beiden Systeme sind der Keim zu dem, was wir als Ubw und Vbw in
den voll ausgebildeten Apparat einsetzen.Um die Außenwelt zweckmäßig durch die Motilität verändern
zu können, bedarf es der Anhäufung einer großen Summe von Er-
fahrungen in den Erinnerungssystemen und einer mannigfachen Fixie-
rung der Beziehungen, die durch verschiedene Zielvorstellungen in
diesem Erinnerungsmaterial hervorgerufen werden. Wir gehen nun
in unseren Annahmen weiter. Die vielfach tastende, Besetzungen aus-
sendende und wieder einziehende Tätigkeit des zweiten Systems be-
darf einerseits der freien Verfügung über alles Erinnerungsmaterial;
andererseits wäre es überflüssiger Aufwand, wenn sie große Besetzungs-
quantitäten auf die einzelnen Denkwege schickte, die dann unzweck-
mäßig abströmen und die für die Veränderung der Außenwelt not-
wendige Quantität verringern würden. Der Zweckmäßigkeit zuliebe
postuliere ich also, daß es dem zweiten System gelingt, die Energie-
besetzung zum größeren Anteil in Ruhe zu erhalten und nur einen
kleineren Teil zur Verschiebung zu verwenden. Die Mechanik dieser
Vorgänge ist mir ganz unbekannt; wer mit diesen Vorstellungen Ernst
machen wollte, müßte die physikalischen Analogien heraussuchen und
sich einen Weg zur Veranschaulichung des Bewegungsvorganges bei
der Neuronenerregung bahnen. Ich halte nur an der Vorstellung fest,
daß die Tätigkeit des ersten W-Systems auf freies Abströmen der
Erregungsquantitäten gerichtet ist, und daß das zweite System
durch die von ihm ausgehenden Besetzungen eine Hemmung dieses
Abströmens, eine Verwandlung in ruhende Besetzung, wohl
unter Niveauerhöhung herbeiführt. Ich nehme also an, daß der
Ablauf der Erregung unter der Herrschaft des zweiten Systems an
ganz andere mechanische Verhältnisse geknüpft wird als unter der
Herrschaft des ersten. Hat das zweite System seine probende Denk-
arbeit beendigt, so hebt es auch die Hemmung und Stauung der Er-
regungen auf und läßt dieselben zur Motilität abfließen.Freud, Traumdeutung. 4. Aufl.
S.
466
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
Es ergibt sich nun eine interessante Gedankenfolge, wenn man
die Beziehungen dieser Abflußhemmung durch das zweite System zur
Regulierung durch das Unlustprinzip ins Auge faßt. Suchen wir uns
das Gegenstück zum primären Befriedigungs-
erlebnis auf, das äußere
Schreckerlebnis. Es wirke ein Wahrnehmungsreiz auf den primi-
tiven Apparat ein, der die Quelle einer Schmerzerregung ist. Es
werden dann solange ungeordnete motorische Äußerungen erfolgen,
bis eine derselben den Apparat der Wahrnehmung und gleichzeitig
dem Schmerze entzieht, und diese wird bei Wiederauftreten der Wahr-
nehmung sofort wiederholt werden (etwa als Fluchtbewegung), bis
die Wahrnehmung wieder verschwunden ist. Es wird aber hier keine
Neigung übrig bleiben, die Wahrnehmung der Schmerzquelle halluzi-
natorisch oder anderswie wieder zu besetzen. Vielmehr wird im pri-
mären Apparat die Neigung bestehen, dies peinliche Erinnerungsbild
sofort, wenn es irgendwie geweckt wird, wieder zu verlassen, weil ja
das Überfließen seiner Erregung auf die Wahrnehmung Unlust hervor-
rufen würde (genauer: hervorzurufen beginnt). Die Abwendung von
der Erinnerung, die nur eine Wiederholung der einstigen Flucht vor
der Wahrnehmung ist, wird auch dadurch erleichtert, daß die Er-
innerung nicht wie die Wahrnehmung genug Qualität besitzt, um
das Bewußtsein zu erregen und hiedurch neue Besetzung an sich zu
ziehen. Diese mühelose und regelmäßig erfolgende Abwendung des
psychischen Vorganges von der Erinnerung des einst Peinlichen gibt
uns das Vorbild und das erste Beispiel der psychischen Verdrän-
gung. Es ist allgemein bekannt, wie viel von dieser Abwendung vom
Peinlichen, von der Taktik des Vogels Strauß, noch im normalen
Seelenleben des Erwachsenen nachweisbar geblieben ist.Zufolge des Unlustprinzips ist das erste Ψ-System also über-
haupt unfähig, etwas Unangenehmes in den Denkzusammenhang zu
ziehen. Das System kann nichts anderes als wünschen. Bliebe es
so, so wäre die Denkarbeit des zweiten Systems gehindert, welches
die Verfügung über alle in der Erfahrung niedergelegten Erinnerungen
braucht. Es eröffnen sich nun zwei Wege; entweder macht sich die
Arbeit des zweiten Systems vom Unlustprinzip völlig frei, setzt ihren
Weg fort, ohne sich um die Erinnerungsunlust zu kümmern; oder sie
versteht es, die Unlusterinnerung in solcher Weise zu besetzen, daß
die Unlustentbindung dabei vermieden wird. Wir können die erste
Möglichkeit zurückweisen, denn das Unlustprinzip zeigt sich auch als
Regulator für den Erregungsablauf des zweiten Systems; somit werden
wir auf die zweite gewiesen, daß dies System eine Erinnerung so be-
setzt, daß der Abfluß von ihr gehemmt wird, also auch der einer
motorischen Innervation vergleichbare Abfluß zur Entwicklung der
Unlust. Zur Hypothese, daß die Besetzung durch das zweite System
gleichzeitig eine Hemmung für den Abfluß der Erregung darstellt,
werden wir also von zwei Ausgangspunkten her geleitet, von der
Rücksicht auf das Unlustprinzip und von dem Prinzip des kleinstenS.
467
Primär- und Sekundärvorgang.
Innervationsaufwandes. Halten wir aber daran fest – es ist der
Schlüssel zur Verdrängungslehre –, daß das zweite System nur
dann eine Vorstellung besetzen kann, wenn es im Stande ist,
die von ihr ausgehende Unlustentwicklung zu hemmen. Was
sich etwa dieser Hemmung entzöge, bliebe auch für das zweite System
unzugänglich, würde dem Unlustprinzip zufolge alsbald verlassen
werden. Die Hemmung der Unlust braucht indes keine vollständige
zu sein; ein Beginn derselben muß zugelassen werden, da es dem
zweiten System die Natur der Erinnerung und etwa deren mangelnde
Eignung für den vom Denken gesuchten Zweck anzeigt.Den psychischen Vorgang, welchen das erste System allein zu-
läßt, werde ich jetzt Primärvorgang nennen; den, der sich unter
der Hemmung des zweiten ergibt, Sekundärvorgang. Ich kann
noch an einem anderen Punkte zeigen, zu welchem Zwecke das zweite
System den Primärvorgang korrigieren muß. Der Primärvorgang
strebt nach Abfuhr der Erregung, um mit der so gesammelten Er-
regungsgröße eine Wahrnehmungsidentität herzustellen; der Se-
kundärvorgang hat diese Absicht verlassen und an ihrer Statt die
andere aufgenommen, eine Denkidentität zu erzielen. Das ganze
Denken ist nur ein Umweg von der als Zielvorstellung genommenen
Befriedigungserinnerung bis zur identischen Besetzung derselben Er-
innerung, die auf dem Wege über die motorischen Erfahrungen wieder
erreicht werden soll. Das Denken muß sich für die Verbindungswege
zwischen den Vorstellungen interessieren, ohne sich durch die Inten-
sitäten derselben beirren zu lassen. Es ist aber klar, daß die Ver-
dichtungen von Vorstellungen, Mittel- und Kompromißbildungen in
der Erreichung dieses Identitätszieles hinderlich sind; indem sie die
eine Vorstellung für die andere setzen, lenken sie vom Wege ab, der
von der ersteren weitergeführt hatte. Solche Vorgänge werden also
im sekundären Denken sorgfältig vermieden. Es ist auch nicht schwer
zu übersehen, daß das Unlustprinzip dem Denkvorgang, welchem es
sonst die wichtigsten Anhaltspunkte bietet, auch Schwierigkeiten in
der Verfolgung der Denkidentität in den Weg legt. Die Tendenz
des Denkens muß also dahin gehen, sich von der ausschließlichen
Regulierung durch das Unlustprinzip immer mehr zu befreien und die
Affektentwicklung durch die Denkarbeit auf ein Mindestes, das noch
als Signal verwertbar ist, einzuschränken. Durch eine neuerliche
Überbesetzung, die das Bewußtsein vermittelt, soll diese Verfeinerung
der Leistung erzielt werden. Wir wissen aber, daß diese selbst im
normalsten Seelenleben selten vollständig gelingt, und daß unser
Denken der Fälschung durch die Einmengung des Unlustprinzips
immer zugänglich bleibt.Aber nicht dies ist die Lücke in der Funktionstüchtigkeit
unseres seelischen Apparates, durch welche es möglich wird, daß Ge-
danken, die sich als Ergebnisse der sekundären Denkarbeit darstellen,
dem primären psychischen Vorgang verfallen, mit welcher Formel
30*S.
468
wir jetzt die zum Traume und zu den hysterischen Symptomen füh-
rende Arbeit beschreiben können. Der Fall von Unzulänglichkeit er-
gibt sich durch das Zusammentreffen zweier Momente aus unserer
Entwicklungsgeschichte, von denen das eine ganz dem seelischen
Apparat anheimfällt und einen maßgebenden Einfluß auf das Ver-
hältnis der beiden Systeme ausgeübt hat, das andere aber im wech-
selnden Betrage zur Geltung kommt und Triebkräfte organischer Her-
kunft ins Seelenleben einführt. Beide stammen aus dem Kinderleben
und sind ein Niederschlag der Veränderung, die unser seelischer und
somatischer Organismus seit den infantilen Zeiten erfahren hat.Wenn ich den einen psychischen Vorgang im Seelenapparat den
primären benannt habe, so tat ich dies nicht allein mit Rücksicht
auf die Rangordnung und Leistungsfähigkeit, sondern durfte auch die
zeitlichen Verhältnisse bei der Namengebung mitsprechen lassen. Ein
psychischer Apparat, der nur den Primärvorgang besäße, existiert
zwar unseres Wissens nicht und ist insofern eine theoretische Fiktion;
aber so viel ist tatsächlich, daß die Primärvorgänge in ihm von An-
fang an gegeben sind, während die sekundären erst allmählich im
Laufe des Lebens sich ausbilden, die primären hemmen und über-
lagern und ihre volle Herrschaft über sie vielleicht erst mit der Lebens-
höhe erreichen. Infolge dieses verspäteten Eintreffens der sekundären
Vorgänge bleibt der Kern unseres Wesens, aus unbewußten Wunsch-
regungen bestehend, unfaßbar und unhemmbar für das Vorbewußte,
dessen Rolle ein für allemal darauf beschränkt wird, den aus dem
Unbewußten stammenden Wunschregungen die zweckmäßigsten Wege
anzuweisen. Diese unbewußten Wünsche stellen für alle späteren
seelischen Bestrebungen einen Zwang dar, dem sie sich zu fügen
haben, den etwa abzuleiten und auf höherstehende Ziele zu lenken
sie sich bemühen dürfen. Ein großes Gebiet des Erinnerungsmaterials
bleibt auch infolge dieser Verspätung der vorbewußten Besetzung un-
zugänglich.Unter diesen aus dem Infantilen stammenden, unzerstörbaren
und unhemmbaren Wunschregungen befinden sich nun auch solche,
deren Erfüllung in das Verhältnis des Widerspruches zu den Ziel-
vorstellungen des sekundären Denkens getreten sind. Die Erfüllung
dieser Wünsche würde nicht mehr einen Lust-, sondern einen Unlust-
affekt hervorrufen, und eben diese Affektverwandlung macht
das Wesen dessen aus, was wir als „Verdrängung“ bezeich-
nen und worin wir die infantile Vorstufe der Verurteilung
(der Verwerfung durch das Urteilen) erkennen. Auf welchem
Wege, durch welche Triebkräfte eine solche Verwandlung vor sich
gehen kann, darin besteht das Problem der Verdrängung, das wir hier
nur zu streifen brauchen. Es genügt uns festzuhalten, daß eine solche
Affektverwandlung im Laufe der Entwicklung vorkommt (man denke
nur an das Auftreten des anfänglich fehlenden Ekels im Kinderleben),
und daß sie an die Tätigkeit des sekundären Systems geknüpft ist.S.
469
Die Verdrängung.
Die Erinnerungen, von denen aus der unbewußte Wunsch die Affekt-
entbindung hervorruft, waren dem Vbw niemals zugänglich; darum
ist deren Affektentbindung auch nicht zu hemmen. Eben wegen dieser
Affektentwicklung sind diese Vorstellungen jetzt auch nicht von den
vorbewußten Gedanken her zugänglich, auf die sie ihre Wunschkraft
übertragen haben. Vielmehr tritt das Unlustprinzip in Kraft und ver-
anlaßt, daß das Vbw sich von diesen Übertragungsgedanken abwendet.
Dieselben werden sich selbst überlassen, „verdrängt“, und somit wird
das Vorhandensein eines infantilen, dem Vbw von Anfang an ent-
zogenen Erinnerungsschatzes zur Vorbedingung der Verdrängung.Im günstigsten Falle nimmt die Unlustentwicklung ein Ende,
sowie den Übertragungsgedanken im Vbw die Besetzung entzogen ist,
und dieser Erfolg kennzeichnet das Eingreifen des Unlustprinzips als
zweckmäßig. Anders aber, wenn der verdrängte unbewußte Wunsch
eine organische Verstärkung erfährt, die er seinen Übertragungs-
gedanken leihen, wodurch er sie in den Stand setzen kann, mit ihrer
Erregung den Versuch zum Durchdringen zu machen, auch wenn sie
von der Besetzung des Vbw verlassen worden sind. Es kommt dann
zum Abwehrkampfe, indem das Vbw den Gegensatz gegen die ver-
drängten Gedanken verstärkt, und in weiterer Folge zum Durch-
dringen der Übertragungsgedanken, welche Träger des unbewußten
Wunsches sind, in irgend einer Form von Kompromiß durch Symptom-
bildung. Von dem Moment aber, da die verdrängten Gedanken von der
unbewußten Wunscherregung kräftig besetzt, von der vorbewußten
Besetzung dagegen verlassen sind, unterliegen sie dem primären
psychischen Vorgang, zielen sie nur auf motorische Abfuhr oder,
wenn der Weg frei ist, auf halluzinatorische Belebung der gewünschten
Wahrnehmungsidentität. Wir haben früher empirisch gefunden, daß
die beschriebenen inkorrekten Vorgänge sich nur mit Gedanken ab-
spielen, die in der Verdrängung stehen. Wir erfassen jetzt ein weiteres
Stück des Zusammenhanges. Diese inkorrekten Vorgänge sind die
im psychischen Apparat primären; sie treten überall dort ein,
wo Vorstellungen von der vorbewußten Besetzung verlassen,
sich selbst überlassen werden und sich mit der ungehemm-
ten, nach Abfluß strebenden Energie vom Unbewußten her
erfüllen können. Einige andere Beobachtungen kommen hinzu,
die Auffassung zu stützen, daß diese inkorrekt genannten Vorgänge
nicht wirklich Fälschungen der normalen Denkfehler sind, sondern
die von einer Hemmung befreiten Arbeitsweisen des psychischen
Apparates. So sehen wir, daß die Überleitung der vorbewußten Er-
regung auf die Motilität nach denselben Vorgängen geschieht, und daß
die Verknüpfung der unbewußten Vorstellungen mit Worten leicht
die nämlichen, der Unaufmerksamkeit zugeschriebenen Verschiebun-
gen und Vermengungen zeigt. Endlich möchte sich ein Beweis für den
Arbeitszuwachs, der bei der Hemmung dieser primären Verlaufs-
weisen notwendig wird, aus der Tatsache ergeben, daß wir einenS.
470
komischen Effekt, einen durch Lachen abzuführenden Überschuß
erzielen, wenn wir diese Verlaufsweisen des Denkens zum
Bewußtsein vordringen lassen.Die Theorie der Psychoneurosen behauptet mit ausschließender
Sicherheit, daß es nur sexuelle Wunschregungen aus dem Infantilen
sein können, welche in den Entwicklungsperioden der Kindheit die
Verdrängung (Affektverwandlung) erfahren haben, in späteren Ent-
wicklungperioden dann einer Erneuerung fähig sind, sei es infolge
der sexuellen Konstitution, die sich ja aus der ursprünglichen Bi-
sexualität herausbildet, sei es infolge ungünstiger Einflüsse des se-
xuellen Lebens, und die somit die Triebkräfte für alle psychoneuroti-
sche Symptombildung abgeben. Nur durch die Einführung dieser
sexuellen Kräfte sind die in der Theorie der Verdrängung noch auf-
weisbaren Lücken zu schließen. Ich will es dahingestellt sein lassen,
ob die Forderung des Sexuellen und Infantilen auch für die Theorie
des Traumes erhoben werden darf; ich lasse diese hier unvollendet,
weil ich schon durch die Annahme, der Traumwunsch stamme jedes-
mal aus dem Unbewußten, einen Schritt weit über das Beweisbare
hinausgegangen bin*). Ich will auch nicht weiter untersuchen, worin
der Unterschied im Spiele der psychischen Kräfte bei der Traum-
bildung und bei der Bildung der hysterischen Symptome gelegen ist;
*)Es sind hier wie an anderen Stellen Lücken in der Bearbeitung des
Themas, die ich absichtlich belassen habe, weil deren Ausfüllung einerseits einen
zu großen Aufwand, anderseits die Anlehnung an ein dem Traume fremdes Material
erfordern würde. So habe ich es z. B. vermieden anzugeben, ob ich mit dem Worte
„unterdrückt“ einen anderen Sinn verbinde als mit dem Worte „verdrängt“. Es
dürfte nur klar geworden sein, daß letzteres die Zugehörigkeit zum Unbewußten
stärker als das erstere betont. Ich bin auf das naheliegende Problem nicht ein
gegangen, warum die Traumgedanken die Entstellung durch die Zensur auch für
den Fall erfahren, daß sie auf die progrediente Fortsetzung zum Bewußtsein ver-
zichten und sich für den Weg der Regression entscheiden, u. dgl. Unterlassungen
mehr. Es kam mir vor allem darauf an, einen Eindruck von den Problemen zu
erwecken, zu denen die weitere Zergliederung der Traumarbeit führt, und die
anderen Themata anzudeuten, mit denen dieses auf dem Wege zusammentrifft.
Die Entscheidung, an welcher Stelle die Verfolgung abgebrochen werden soll, ist
mir dann nicht immer leicht geworden. – Daß ich die Rolle des sexuellen Vor-
stellungslebens für den Traum nicht erschöpfend behandelt und die Deutung von
Träumen mit offenkundig sexuellem Inhalt vermieden habe, beruht auf einer be-
sonderen Motivierung, die sich vielleicht mit der Erwartung der Leser nicht deckt.
Es liegt gerade meinen Anschauungen und den Lehrmeinungen, die ich in der
Neuropathologie vertrete, völlig fern, das Sexualleben als ein Pudendum anzu-
sehen, das weder den Arzt noch den wissenschaftlichen Forscher zu bekümmern
hat. Auch fand ich die sittliche Entrüstung lächerlich, durch welche der Über-
setzer von Artemidoros’ „Symbolik der Träume“ sich anscheinend hatte be- wegen lassen, das dort enthaltene Kapitel über sexuelle Träume der Kenntnis der
Leser zu unterschlagen, bis ich von diesem erfuhr, daß er einer Weisung des Ver-
legers hatte folgen müssen. (Seither ist dieses Kapitel übrigens im IX. Bande
der „Anthropophyteia“ deutsch erschienen.) Für mich war allein die Einsicht
maßgebend, daß ich mich bei der Erklärung sexueller Träume tief in die noch
ungeklärten Probleme der Perversion und der Bisexualität verstricken müßte, und
so sparte ich mir dies Material für einen anderen Zusammenhang.S.
471
es fehlt uns ja hiezu die genauere Kenntnis des einen der in Vergleich
zu bringenden Glieder. Aber auf einen anderen Punkt lege ich Wert
und schicke das Bekenntnis voraus, daß ich nur dieses Punktes
wegen all die Erörterungen über die beiden psychischen Systeme,
ihre Arbeitsweisen und die Verdrängung hier aufgenommen habe.
Es kommt jetzt nämlich nicht darauf an, ob ich die in Rede stehen-
den psychologischen Verhältnisse annähernd richtig oder, wie bei so
schwierigen Dingen leicht möglich, schief und lückenhaft aufgefaßt
habe. Wie immer die Deutung der psychischen Zensur, der korrek-
ten und der abnormen Bearbeitung des Trauminhaltes sich verändern
mag, es bleibt gültig, daß solche Vorgänge bei der Traumbildung wirk-
sam sind, und daß sie im Wesentlichen die größte Analogie mit den
bei der hysterischen Symptombildung erkannten Vorgängen zeigen.
Nun ist der Traum kein pathologisches Phänomen; er hat keine
Störung des psychischen Gleichgewichtes zur Voraussetzung; er
hinterläßt keine Schwächung der Leistungsfähigkeit. Der Einwand,
daß meine Träume und die meiner neurotischen Patienten nicht auf
die Träume gesunder Menschen schließen lassen, dürfte wohl ohne
Würdigung abzuweisen sein. Wenn wir also aus den Phänomenen
auf deren Triebkräfte schließen, so erkennen wir, daß der psychische
Mechanismus, dessen sich die Neurose bedient, nicht erst durch eine
das Seelenleben ergreifende krankhafte Störung geschaffen wird, son
dern in dem normalen Aufbau des seelischen Apparates bereit liegt.
Die beiden psychischen Systeme, die Übergangszensur zwischen ihnen,
die Hemmung und Überlagerung der einen Tätigkeit durch die andere,
die Beziehungen beider zum Bewußtsein – oder was eine richtigere
Deutung der tatsächlichen Verhältnisse an deren Statt ergeben mag;
– das alles gehört zum normalen Aufbau unseres Seeleninstrumentes,
und der Traum zeigt uns einen der Wege, die zur Kenntnis der
Struktur desselben führen. Wenn wir uns mit einem Minimum von
völlig gesichertem Erkenntniszuwachs begnügen wollen, so werden
wir sagen, der Traum beweist uns, daß das Unterdrückte auch
beim normalen Menschen fortbesteht und psychischer Lei-
stungen fähig bleibt. Der Traum ist selbst eine der Äußerungen
dieses Unterdrückten; nach der Theorie ist er es in allen Fällen,
nach der greifbaren Erfahrung wenigstens in einer großen Anzahl,
welche die auffälligen Charaktere des Traumlebens gerade am deut-
lich zur Schau trägt. Das seelisch Unterdrückte, welches im Wach-
leben durch die gegensätzliche Erledigung der Widersprüche
am Ausdruck gehindert und von der inneren Wahrnehmung abge-
schnitten wurde, findet im Nachtleben und unter der Herrschaft der
Kompromißbildungen Mittel und Wege, sich dem Bewußtsein auf-
zudrängen.Flectere si nequeo Superos, Acheronta movebo.
Die Traumdeutung aber ist die Via regia zur Kenntnis
des Unbewußten im Seelenleben.S.
472
Indem wir in der Analyse des Traumes folgen, bekommen wir ein
Stück weit Einsicht in die Zusammensetzung dieses allerwunderbarsten
und allergeheimnisvollsten Instrumentes, freilich nur ein kleines Stück
weit, aber es ist damit der Anfang gemacht, um von anderen –
pathologisch zu heißenden – Bildungen her weiter in die Zerlegung
desselben vorzudringen. Denn die Krankheit – wenigstens die mit
Recht funktionell genannte – hat nicht die Zertrümmerung dieses
Apparates, die Herstellung neuer Spaltungen in seinem Innern zur
Voraussetzung; sie ist dynamisch aufzuklären durch Stärkung und
Schwächung der Komponenten des Kräftespiels, von dem so viele
Wirkungen während der normalen Funktion verdeckt sind. An an-
derer Stelle könnte noch gezeigt werden, wie die Zusammensetzung
des Apparates aus den beiden Instanzen eine Verfeinerung auch der
normalen Leistung gestattet, die einer einzigen unmöglich wäre*).f) Das Unbewußte und das Bewußtsein. – Die Realität.
Wenn wir genauer zusehen, ist es nicht der Bestand von zwei
Systemen nahe dem motorischen Ende des Apparates, sondern von
zweierlei Vorgängen oder Ablaufsarten der Erregung, deren
Annahme uns durch die psychologischen Erörterungen der vorstehen-
den Abschnitte nahe gelegt wurde. Es gälte uns gleich; denn unsere
Hilfsvorstellungen fallen zu lassen, müssen wir immer bereit sein,
wenn wir uns in der Lage glauben, sie durch etwas anderes zu er-
setzen, was der unbekannten Wirklichkeit besser angenähert ist. Ver-
suchen wir es jetzt, einige Anschauungen richtigzustellen, die sich
mißverständlich bilden konnten, solange wir die beiden Systeme im
nächsten und rohsten Sinne als zwei Lokalitäten innerhalb des seeli-
schen Apparates im Auge hatten, Anschauungen, die ihren Nieder-
schlag in den Ausdrücken „verdrängen“ und „durchdringen“ zurück-
gelassen haben. Wenn wir also sagen, ein unbewußter Gedanke strebe
nach Übersetzung ins Vorbewußte, um dann zum Bewußtsein durch-
zudringen, so meinen wir nicht, daß ein zweiter an neuer Stelle ge-
legener Gedanke gebildet werden soll, eine Überschrift gleichsam,
neben welcher das Original fortbesteht; und auch vom Durchdringen
zum Bewußtsein wollen wir jede Idee einer Ortsveränderung sorg-
fältig ablösen. Wenn wir sagen, ein vorbewußter Gedanke wird ver-
drängt und dann vom Unbewußten aufgenommen, so könnten uns
diese dem Vorstellungskreise des Kampfes um ein Terrain entlehn-
ten*)Der Traum ist nicht das einzige Phänomen, welches die Psychopathologie
auf die Psychologie zu begründen gestattet. In einer kleinen, damals nicht abge-
schlossenen Reihe von Aufsätzen in der Monatsschrift für Psychiatrie und Neuro-
logie (über den psychischen Mechanismus der Vergeßlichkeit 1898 – über Deck-
erinnerungen 1899) suche ich eine Anzahl von alltäglichen psychischen Erschei-
nungen als Stützen der nämlichen Erkenntnis zu deuten. Diese und weitere Auf-
sätze über Vergessen, Versprechen, Vergreifen usw. sind seither als „Psycho-
pathologie des Alltagslebens“ gesammelt erschienen (1904, 4. Aufl. 1912).S.
473
Bilder zur Annahme verlocken, daß wirklich in der einen psychischen
Lokalität eine Anordnung aufgelöst und durch eine neue in der ande-
ren Lokalität ersetzt wird. Für diese Gleichnisse setzen wir ein, was
dem realen Sachverhalt besser zu entsprechen scheint, daß eine Energie-
besetzung auf eine bestimmte Anordnung verlegt oder von ihr zurück-
gezogen wird, so daß das psychische Gebilde unter die Herrschaft
einer Instanz gerät oder ihr entzogen ist. Wir ersetzen hier wiederum
eine topische Vorstellungsweise durch eine dynamische; nicht das
psychische Gebilde erscheint uns als das Bewegliche, sondern dessen
Innervation.Dennoch halte ich es für zweckmäßig und berechtigt, die an-
schauliche Vorstellung der beiden Systeme weiter zu pflegen. Wir
weichen jedem Mißbrauche dieser Darstellungsweise aus, wenn wir
uns erinnern, daß Vorstellungen, Gedanken, psychische Gebilde im
allgemeinen überhaupt nicht in organischen Elementen des Nerven-
systems lokalisiert werden dürfen, sondern sozusagen zwischen
ihnen, wo Widerstände und Bahnungen das ihnen entsprechende
Korrelat bilden. Alles, was Gegenstand unserer inneren Wahrnehmung
werden kann, ist virtuell, wie das durch den Gang der Lichtstrahlen
gegebene Bild im Fernrohre. Die Systeme aber, die selbst nichts Psy-
chisches sind und nie unserer psychischen Wahrnehmung zugänglich
werden, sind wir berechtigt anzunehmen, gleich den Linsen des Fern-
rohres, die das Bild entwerfen. In der Fortsetzung dieses Gleichnisses
entspräche die Zensur zwischen zwei Systemen der Strahlenbrechung
beim Übergange in ein neues Medium.Wir haben bisher Psychologie auf eigene Faust getrieben; es
ist Zeit, sich nach den Lehrmeinungen umzusehen, welche die heutige
Psychologie beherrschen, und deren Verhältnis zu unseren Aufstel-
lungen zu prüfen. Die Frage des Unbewußten in der Psychologie ist
nach dem kräftigen Worte von Lipps*) weniger eine psychologische
Frage, als die Frage der Psychologie. Solange die Psychologie diese
Frage durch die Worterklärung erledigte, das „Psychische“ sei eben
das „Bewußte“ und „unbewußte psychische Vorgänge“ ein greif-
barer Widersinn, blieb eine psychologische Verwertung der Beob-
achtungen, welche ein Arzt an abnormen Seelenzuständen gewinnen
konnte, ausgeschlossen. Erst dann treffen der Arzt und der Philosoph
zusammen, wenn beide anerkennen, unbewußte psychische Vorgänge
seien „der zweckmäßige und wohlberechtigte Ausdruck für eine
feststehende Tatsache“. Der Arzt kann nicht anders, als die Ver-
sicherung, „das Bewußtsein sei der unentbehrliche Charakter des
Psychischen“, mit Achselzucken zurückweisen, und etwa, wenn sein
Respekt vor den Äußerungen der Philosophen noch stark genug ist,
annehmen, sie behandelten nicht dasselbe Objekt und trieben nicht
*)„Der Begriff des Unbewußten in der Psychologie“. – Vortrag auf dem
dritten internationalen Kongreß für Psychologie zu München 1897.S.
474
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
die gleiche Wissenschaft. Denn auch nur eine einzige verständnis-
volle Beobachtung des Seelenlebens eines Neurotikers, eine einzige
Traumanalyse, muß ihm die unerschütterliche Überzeugung auf-
drängen, daß die kompliziertesten und korrektesten Denkvorgänge
denen man doch den Namen psychischer Vorgänge nicht versagen
wird, vorfallen können, ohne das Bewußtsein der Person zu erregen*).
Gewiß erhält der Arzt von diesen unbewußten Vorgängen nicht eher
Kunde, als bis sie eine Mitteilung oder Beobachtung zulassende
Wirkung auf das Bewußtsein ausgeübt haben. Aber dieser Bewußt-
seinseffekt kann einen von dem unbewußten Vorgang ganz abweichen-
den psychischen Charakter zeigen, so daß die innere Wahrnehmung
unmöglich den einen als den Ersatz des anderen erkennen kann. Der
Arzt muß sich das Recht wahren, durch einen Schlußprozeß vom
Bewußtseinseffekt zum unbewußten psychischen Vorgang vorzu-
dringen; er erfährt auf diesem Wege, daß der Bewußtseinseffekt nur
eine entfernte psychische Wirkung des unbewußten Vorganges ist,
und daß letzterer nicht als solcher bewußt geworden ist, auch daß
er bestanden und gewirkt hat, ohne sich noch dem Bewußtsein irgend-
wie zu verraten.Die Rückkehr von der Überschätzung der Bewußtseinseigen-
schaft wird zur unerläßlichen Vorbedingung für jede richtige Einsicht
in den Hergang des Psychischen. Das Unbewußte muß nach dem
Ausdrucke von Lipps als allgemeine Basis des psychischen Lebens
angenommen werden. Das Unbewußte ist der größere Kreis, der den
kleineren des Bewußten in sich einschließt; alles Bewußte hat eine
unbewußte Vorstufe, während das Unbewußte auf dieser Stufe stehen
bleiben und doch den vollen Wert einer psychischen Leistung be-
anspruchen kann. Das Unbewußte ist das eigentlich reale Psychische,
uns nach seiner inneren Natur so unbekannt wie das Reale
der Außenwelt, und uns durch die Daten des Bewußtseins
ebenso unvollständig gegeben wie die Außenwelt durch die
Angaben unserer Sinnesorgane.Wenn der alte Gegensatz von Bewußtleben und Traumleben
durch die Einsetzung des unbewußten Psychischen in die ihm ge-
bührende Stellung entwertet ist, so werden eine Reihe von Traum-
problemen abgestreift, welche frühere Autoren noch eingehend be-
*)Ich freue mich, auf einen Autor hinweisen zu können, der aus dem Studium
des Traumes den nämlichen Schluß über das Verhältnis der bewußten zur un-
bewußten Tätigkeit gezogen hat.Du Prel sagt: „Die Frage, was die Seele ist, erheischt offenbar eine Vor-
untersuchung darüber, ob Bewußtsein und Seele identisch seien. Gerade diese
Vorfrage nun wird vom Traume verneint, welcher zeigt, daß der Begriff der
Seele über den des Bewußtseins hinausragt, wie etwa die Anziehungskraft eines
Gestirnes über seine Leuchtsphäre“ (Philos. d. Mystik, p. 47).„Es ist eine Wahrheit, die man nicht nachdrücklich genug hervorheben
kann, daß Bewußtsein und Seele nicht Begriffe von gleicher Ausdehnung sind“
(p. 306).S.
475
schäftigt haben. So manche Leistungen, über deren Vollziehung im
Traume man sich wundern konnte, sind nun nicht mehr dem Traume
anzurechnen, sondern dem auch bei Tage arbeitenden unbewußten
Denken. Wenn der Traum mit einer symbolisierenden Darstellung
des Körpers, nach Scherner, zu spielen scheint, so wissen wir, dies
ist die Leistung gewisser unbewußter Phantasien, die wahrscheinlich
sexuellen Regungen nachgeben, und die nicht nur im Traume, son-
dern auch in den hysterischen Phobien und anderen Symptomen zum
Ausdruck kommen. Wenn der Traum Arbeiten des Tages fortführt
und erledigt und selbst wertvolle Einfälle ans Licht fördert, so haben
wir hievon nur die Traumverkleidung abzuziehen als Leistung der
Traumarbeit und als Marke der Hilfeleistung dunkler Mächte der
Seelentiefen (vgl. den Teufel in Tartinis Sonatentraum). Die in-
tellektuelle Leistung selbst fällt denselben Seelenkräften zu, die tags-
über alle solche vollbringen. Wir neigen wahrscheinlich in viel zu
hohem Maße zur Überschätzung des bewußten Charakters auch der
intellektuellen und künstlerischen Produktion. Aus den Mitteilungen
einiger höchstproduktiver Menschen, wie Goethe und Helmholtz,
erfahren wir doch eher, daß das Wesentliche und Neue ihrer Schöpfun-
gen ihnen einfallsartig gegeben wurde und fast fertig zu ihrer Wahr-
nehmung kam. Die Mithilfe der bewußten Tätigkeit in anderen Fällen
hat nichts Befremdendes, wo eine Anstrengung aller Geisteskräfte
vorlag. Aber es ist das viel mißbrauchte Vorrecht der bewußten Tätig- keit, daß sie uns alle anderen verdecken darf, wo immer sie mittut.
Es verlohnt sich kaum der Mühe, die historische Bedeutung der
Träume als ein besonderes Thema aufzustellen. Wo ein Häuptling
etwa durch einen Traum zu einem kühnen Unternehmen bestimmt
wurde, dessen Erfolg verändernd in die Geschichte eingegriffen hat,
da ergibt sich ein neues Problem nur so lange, als man den Traum
wie eine fremde Macht anderen vertrauteren Seelenkräften gegenü-
berstellt, nicht mehr, wenn man den Traum als eine Form des Ausdruckes
für Regungen betrachtet, auf denen bei Tage ein Widerstand lastete,
und die sich bei Nacht Verstärkung aus tiefliegenden Erregungs-
quellen holen konnten*). Die Achtung aber, mit der dem Traume bei
den alten Völkern begegnet wurde, ist eine auf richtige psychologische
Ahnung gegründete Huldigung vor dem Ungebändigten und Un-
zerstörbaren in der Menschenseele, dem Dämonischen, welches den
Traumwunsch hergibt, und das wir in unserem Unbewußten wieder-
finden.Ich sage nicht ohne Absicht, in unserem Unbewußten, denn
was wir so heißen, deckt sich nicht mit dem Unbewußten der Philo-
sopben, auch nicht mit dem Unbewußten bei Lipps. Dort soll es
bloß den Gegensatz zu dem Bewußten bezeichnen; daß es außer den*)Vgl. hiezu den oben p. 76 Anm. mitgeteilten Traum (Σα-τυρος) Ale-
xanders d. Gr. bei der Belagerung von Tyrus.S.
476
VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
bewußten Vorgängen auch unbewußte psychische gibt, ist die heiß
bestrittene und energisch verteidigte Erkenntnis. Bei Lipps hören
wir von dem weiter reichenden Satze, daß alles Psychische als un-
bewußt vorhanden ist, einiges davon dann auch als bewußt. Aber
nicht zum Erweis für diesen Satz haben wir die Phänomene des
Traumes und der hysterischen Symptombildung herangezogen; die
Beobachtung des normalen Tageslebens reicht allein hin, ihn über
jeden Zweifel festzustellen. Das Neue, was uns die Analyse der psy-
chopathologischen Bildungen und schon ihres ersten Gliedes, der
Träume, gelehrt, besteht darin, daß das Unbewußte – also das Psy-
chische – als Funktion zweier gesonderter Systeme vorkommt und
schon im normalen Seelenleben so vorkommt. Es gibt also zweierlei
Unbewußtes, was wir von den Psychologen noch nicht gesondert
finden. Beides ist Unbewußtes im Sinne der Psychologie; aber in
unserem ist das eine, das wir Ubw heißen, auch bewußtseins-
unfähig, während das andere Vbw von uns darum genannt wird,
weil dessen Erregungen, zwar auch nach Einhaltung gewisser Regeln,
vielleicht erst unter Überstehung einer neuen Zensur, aber doch ohne
Rücksicht auf das Ubw-System zum Bewußtsein gelangen können.
Die Tatsache, daß die Erregungen, um zum Bewußtsein zu kommen,
eine unabänderliche Reihenfolge, einen Instanzenzug durchzumachen
haben, der uns durch ihre Zensurveränderung verraten wurde, diente
uns zur Aufstellung eines Gleichnisses aus der Räumlichkeit. Wir
beschrieben die Beziehungen der beiden Systeme zueinander und
zum Bewußtsein, indem wir sagten, das System Vbw stehe wie ein
Schirm zwischen dem System Ubw und dem Bewußtsein. Das System
Vbw sperre nicht nur den Zugang zum Bewußtsein, es beherrsche
auch den Zugang zur willkürlichen Motilität und verfüge über die
Aussendung einer mobilen Besetzungsenergie, von der uns ein An-
teil als Aufmerksamkeit vertraut ist*).Auch von der Unterscheidung Ober- und Unterbewußtsein,
die in der neueren Literatur der Psychoneurosen so beliebt ge-
worden ist, müssen wir uns fernhalten, da gerade sie die Gleich-
stellung des Psychischen und des Bewußten zu betonen scheint.
Welche Rolle verbleibt in unserer Darstellung dem einst all-
mächtigen, alles andere verdeckenden Bewußtsein? Keine andere, als
die eines Sinnesorganes zur Wahrnehmung psychischer
Qualitäten. Nach dem Grundgedanken unseres schematischen Ver-
suches können wir die Bewußtseinswahrnehmung nur als die eigene
Leistung eines besonderen Systems auffassen, für welches sich die
Abkürzungsbezeichnung Bw empfiehlt. Das System denken wir uns
in seinen mechanischen Charakteren ähnlich wie die Wahrnehmungs-*)Vgl. hiezu meine „Bemerkungen über den Begriff des Unbewußten in
der Psychoanalyse“ (englisch in Proceedings of the Society for Psychical Rese-
arch, vol. XXVI), in denen die deskriptive, dynamische und systematische Be-
deutung des vieldeutigen Wortes „unbewußt“ voneinander geschieden werden.S.
477
systeme W, also erregbar durch Qualitäten, und unfähig, die Spur
von Veränderungen zu bewahren, also ohne Gedächtnis. Der psy-
chische Apparat, der mit dem Sinnesorgan der W-Systeme der Außen-
welt zugekehrt ist, ist selbst Außenwelt für das Sinnesorgan des Bw,
dessen teleologische Rechtfertigung in diesem Verhältnisse ruht. Das
Prinzip des Instanzenzuges, welches den Bau des Apparates zu be-
herrschen scheint, tritt uns hier nochmals entgegen. Das Material
an Erregungen fließt dem Bw-Sinnesorgan von zwei Seiten her zu,
von dem W-System her, dessen durch Qualitäten bedingte Erregung
wahrscheinlich eine neue Verarbeitung durchmacht, bis sie zur be-
wußten Empfindung wird, und aus dem Innern des Apparates selbst,
dessen quantitative Vorgänge als Qualitätenreihe der Lust und Un-
lust empfunden werden, wenn sie bei gewissen Veränderungen an-
gelangt sind.Die Philosophen, welche inne wurden, daß korrekte und hoch
zusammengesetzte Gedankenbildungen auch ohne Dazutun des Be-
wußtseins möglich sind, haben es dann als Schwierigkeit empfunden,
dem Bewußtsein eine Verrichtung zuzuschreiben; es erschien ihnen als
überflüssige Spiegelung des vollendeten psychischen Vorganges. Die
Analogie unseres Bw-Systems mit den Wahrnehmungssystemen ent-
reißt uns dieser Verlegenheit. Wir sehen, daß die Wahrnehmung durch
unsere Sinnesorgane die Folge hat, eine Aufmerksamkeitsbesetzung
auf die Wege zu leiten, nach denen die ankommende Sinneserregung
sich verbreitet; die qualitative Erregung des W-Systems dient der
mobilen Quantität im psychischen Apparat als Regulator ihres Ab-
laufes. Dieselbe Verrichtung können wir für das überlagernde Sinnes-
organ des Bw-Systems in Anspruch nehmen. Indem es neue Quali-
täten wahrnimmt, leistet es einen neuen Beitrag zur Lenkung und
zweckmäßigen Verteilung der mobilen Besetzungsquantitäten. Mittels
der Lust- und Unlustwahrnehmung beeinflußt es den Verlauf der
Besetzungen innerhalb des sonst unbewußt und durch Quantitäts-
verschiebungen arbeitenden psychischen Apparates. Es ist wahr-
scheinlich, daß das Unlustprinzip die Verschiebungen der Besetzung
zunächst automatisch regelt; aber es ist sehr wohl möglich, daß das
Bewußtsein dieser Qualitäten eine zweite und feinere Regulierung
hinzutut, die sich sogar der ersteren widersetzen kann und die
Leistungsfähigkeit des Apparates vervollkommnet, indem sie ihn gegen
seine ursprüngliche Anlage in den Stand setzt, auch was mit Unlust-
empfindung verknüpft ist, der Besetzung und Bearbeitung zu unter-
ziehen. Aus der Neurosenpsychologie erfährt man, daß diesen Re-
gulierungen durch die Qualitätserregung der Sinnesorgane eine große
Rolle bei der Funktionstätigkeit des Apparates zugedacht ist. Die
automatische Herrschaft des primären Unlustprinzips und die damit
verbundene Einschränkung der Leistungsfähigkeit wird durch die
sensiblen Regulierungen, die selbst wieder Automatismen sind, ge-
brochen. Man erfährt, daß die Verdrängung, die, ursprünglich zweck-
S.
478
mäfig, doch in schädlichen Verzicht auf Hemmung und seelische
Beherrschung ausläuft, sich soviel leichter an Erinnerungen als an
Wahrnehmungen vollzieht, weil bei ersteren der Besetzungszuwachs
durch die Erregung der psychischen Sinnesorgane ausbleiben muß.
Wenn ein abzuwehrender Gedanke einerseits nicht bewußt wird, weil
er der Verdrängung unterlegen ist, so kann er andere Male nur darum
verdrängt werden, weil er aus anderen Gründen der Bewußtseinswahr
nehmung entzogen wurde. Es sind das Winke, deren sich die Therapie
bedient, um vollzogene Verdrängungen rückgängig zu machen.
Der Wert der Überbesetzung, welche durch den regulierenden
Einfluß des Bw-Sinnesorgans auf die mobile Quantität hergestellt
wird, ist im teleologischen Zusammenhang durch nichts besser dar-
getan als durch die Schöpfung einer neuen Qualitätenreihe und somit
einer neuen Regulierung, welche vielleicht zu den Vorrechten der
Menschen vor den Tieren gehört. Die Denkvorgänge sind nämlich
an sich qualitätslos bis auf die sie begleiteten Lust- und Unlust-
erregungen, die ja als mögliche Störung des Denkens in Schranken
gehalten werden sollen. Um ihnen eine Qualität zu verleihen, werden
sie beim Menschen mit den Worterinnerungen assoziiert, deren Qua-
litätsreste genügen, um die Aufmerksamkeit des Bewußtseins auf
sie zu ziehen und von ihm aus dem Denken eine neue mobile Be-
setzung zuzuwenden.
Die ganze Mannigfaltigkeit der Bewußtseinsprobleme läßt sich
erst bei der Zergliederung der hysterischen Denkvorgänge übersehen.
Man empfängt dann den Eindruck, daß auch der Übergang vom Vor-
bewußten zur Bewußtseinsbesetzung mit einer Zensur verknüpft ist,
ähnlich der Zensur zwischen Ubw und Vbw. Auch diese Zensur setzt
erst bei einer gewissen quantitativen Grenze ein, so daß ihr wenig
intensive Gedankenbildungen entgehen. Alle möglichen Fälle der Ab-
haltung von dem Bewußtsein sowie des Durchdringens zu demselben
unter Einschränkungen finden sich im Rahmen der psychoneuroti-
schen Phänomene vereinigt; sämtlich weisen sie auf den innigen und
zweiseitigen Zusammenhang zwischen Zensur und Bewußtsein hin.
Mit der Mitteilung zweier derartiger Vorkommnisse will ich diese
psychologischen Erörterungen beschließen.
Ein Konsilium im Vorjahre führt mich zu einem intelligent
und unbefangen blickenden Mädchen. Ihr Aufzug ist befremdend;
wo doch sonst die Kleidung des Weibes bis in die letzte Falte beseelt
ist, trägt sie einen Strumpf herabhängend und zwei Knöpfe der Bluse
offen. Sie klagt über Schmerzen in einem Beine und entblößt unauf-
gefordert eine Wade. Ihre Hauptklage aber lautet wörtlich: Sie hat
ein Gefühl im Leibe, als ob etwas darin stecken würde, was
sich hin und her bewegt und sie durch und durch erschüttert.
Manchmal wird ihr dabei der ganze Leib wie steif. Mein mit-
anwesender Kollege sieht mich dabei an; er findet die Klage nicht
mißverständlich. Merkwürdig erscheint uns beiden, daß die MutterS.
479
Zensur und Bewußtsein.
der Kranken sich dabei nichts denkt; sie muß sich ja wiederholt in
der Situation befunden haben, welche ihr Kind beschreibt. Das Mäd-
chen selbst hat keine Ahnung von dem Belang ihrer Rede, sonst
würde sie dieselbe nicht im Munde führen. Hier ist es gelungen, die
Zensur so abzublenden, daß eine sonst im Vorbewußten verbleibende
Phantasie wie harmlos in der Maske einer Klage zum Bewußtsein
zugelassen wird.Ein anderes Beispiel. Ich beginne eine psychoanalytische Be-
handlung mit einem 14jährigen Knaben, der an Tic convulsif, hyste-
rischem Erbrechen, Kopfschmerz u. dgl. leidet, indem ich ihm ver-
sichere, er werde nach dem Augenschluß Bilder sehen oder Einfälle
bekommen, die er mir mitteilen soll. Er antwortet in Bildern. Der
letzte Eindruck, ehe er zu mir gekommen ist, lebt in seiner Erinne-
rung visuell auf. Er hatte mit seinem Onkel ein Brettspiel gespielt
und sieht jetzt das Brett vor sich. Er erörtert verschiedene Stellun-
gen, die günstig sind oder ungünstig, Züge, die man nicht machen
darf. Dann sieht er auf dem Brette einen Dolch liegen, einen Gegen-
stand, den sein Vater besitzt, den aber seine Phantasie auf das Brett
verlegt. Dann liegt eine Sichel auf dem Brette, dann kommt eine
Sense hinzu, und jetzt tritt das Bild eines alten Bauern auf, der das
Gras vor dem entfernten heimatlichen Hause mit der Sense mäht.
Nach wenigen Tagen habe ich das Verständnis für diese Aneinander-
reihung von Bildern gewonnen. Unerfreuliche Familienverhältnisse
haben den Knaben in Aufregung gebracht. Ein harter, jähzorniger
Vater, der mit der Mutter im Unfrieden lebte, dessen Erziehungsmittel
Drohungen waren; die Scheidung des Vaters von der weichen und
zärtlichen Mutter; die Wiederverheiratung des Vaters, der eines
Tages eine junge Frau als die neue Mama nach Hause brachte. In
den ersten Tagen nachher brach die Krankheit des 14jährigen Knaben
aus. Es ist die unterdrückte Wut gegen den Vater, die jene Bilder
zu verständlichen Anspielungen zusammengesetzt hat. Eine Reminis-
zenz aus der Mythologie hat das Material gegeben. Die Sichel ist die,
mit der Zeus den Vater entmannte, die Sense und das Bild des Bauern
schildern den Kronos, den gewalttätigen Alten, der seine Kinder frißt,
und an dem Zeus so unkindlich Rache nimmt. Die Heirat des Vaters
war eine Gelegenheit, ihm die Vorwürfe und Drohungen zurück-
zugeben, die das Kind früher einmal von ihm gehört hatte, weil es
mit den Genitalien spielte (das Brettspiel; die verbotenen Züge; der
Dolch, mit dem man umbringen kann). Hier sind es langverdrängte
Erinnerungen und deren unbewußt gebliebene Abkömmlinge, die auf
dem ihnen eröffneten Umwege sich als scheinbar sinnlose Bilder
ins Bewußtsein schleichen.So würde ich also den theoretischen Wert der Beschäftigung
mit dem Traume in den Beiträgen zur psychologischen Erkenntnis
und in der Vorbereitung für das Verständnis der Psychoneurosen
suchen. Wer vermag zu ahnen, zu welcher Bedeutung sich eine gründ-S.
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VII. Zur Psychologie der Traumvorgänge.
liche Bekanntschaft mit dem Bau und den Leistungen des Seelen-
apparates noch erheben kann, wenn schon der heutige Stand unseres
Wissens eine glückliche therapeutische Beeinflussung der an sich
heilbaren Formen von Psychoneurosen gestattet? Und der praktische
Wert dieser Beschäftigung, höre ich fragen, für die Seelenkenntnis,
die Aufdeckung der verborgenen Charaktereigenschaften der einzel-
nen? Haben denn die unbewußten Regungen, die der Traum offen-
bart, nicht den Wert von realen Mächten im Seelenleben? Ist die
ethische Bedeutung der unterdrückten Wünsche gering anzuschlagen,
die, wie sie Träume schaffen, eines Tages anderes schaffen können?Ich fühle mich nicht berechtigt, auf diese Frage zu antworten.
Meine Gedanken haben diese Seite des Traumproblems nicht weiter
verfolgt. Ich meine nur, jedenfalls hatte der römische Kaiser Un-
recht, welcher einen Untertanen hinrichten ließ, weil dieser geträumt
hatte, daß er den Imperator ermorde. Er hätte sich zuerst darum
bekümmern sollen, was dieser Traum bedeute; sehr wahrscheinlich
war es nicht dasselbe, was er zur Schau trug. Und selbst wenn ein
Traum, der anders lautete, diese majestätsverbrecherische Bedeutung
hätte, wäre es noch am Platze, des Wortes von Plato zu gedenken,
daß der Tugendhafte sich begnügt, von dem zu träumen, was der
Böse im Leben tut. Ich meine also, am besten gibt man die Träume
frei. Ob den unbewußten Wünschen Realität zuzuerkennen ist und
in welchem Sinne, kann ich kurzerhand nicht sagen. Allen Über-
gangs- und Zwischengedanken ist sie natürlich abzusprechen. Hat
man die unbewußten Wünsche, auf ihren letzten und wahrsten Aus-
druck gebracht, vor sich, so muß man wohl sagen, daß die psychi-
sche Realität eine besondere Existenzform ist, welche mit der fak-
tischen Realität nicht verwechselt werden soll. Es erscheint dann
ungerechtfertigt, wenn die Menschen sich sträuben, die Verantwortung
für die Immoralität ihrer Träume zu übernehmen. Durch die Würdi-
gung der Funktionsweise des seelischen Apparates und die Einsicht
in die Beziehung zwischen Bewußtem und Unbewußtem wird das
ethisch Anstößige unseres Traum- und Fantasielebens meist zum
Verschwinden gebracht.„Was der Traum uns an Beziehungen zur Gegenwart (Realität)
kundgetan hat, wollen wir dann auch im Bewußtsein aufsuchen und
dürfen uns nicht wundern, wenn wir das Ungeheuer, das wir unter
dem Vergrößerungsglas der Analyse gesehen haben, dann als Infusions-
tierchen wiederfinden.“ (H. Sachs.)Für das praktische Bedürfnis der Charakterbeurteilung des
Menschen genügt zumeist die Tat und die bewußt sich äußernde Ge-
sinnung. Die Tat vor allem verdient in die erste Reihe gestellt zu
werden, denn viele zum Bewußtsein durchgedrungene Impulse werden
noch durch reale Mächte des Seelenlebens vor ihrem Einmünden in
die Tat aufgehoben; ja, sie begegnen oft darum keinem psychischen
Hindernis auf ihrem Wege, weil das Unbewußte ihrer anderweitigenS.
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Verhinderung sicher ist. Es bleibt auf alle Fälle lehrreich, den viel
durchwühlten Boden kennen zu lernen, auf dem unsere Tugenden
sich stolz erheben. Die nach allen Richtungen hin dynamisch bewegte
Komplikation eines menschlichen Charakters fügt sich höchst selten
der Erledigung durch eine einfache Alternative, wie unsere überjährte
Morallehre es möchte.Und der Wert des Traumes für die Kenntnis der Zukunft?
Daran ist natürlich nicht zu denken. So freudig man auch als
bescheidener und vorurteilsloser Forscher das Bestreben begrüßen
mag, auch die verpönten „okkulten“ Phänomene in den Kreis der
wissenschaftlichen Untersuchung zu ziehen, man wird doch an der
Erwartung festhalten, daß diese Studien uns zwei Dinge nicht auf-
drängen werden: den Glauben an die Fortexistenz der Gestorbenen
und den an die Erkenntnis der nicht mehr berechenbaren Zukunft.
Man möchte dafür einsetzen: Für die Kenntnis der Vergangenheit.
Denn aus der Vergangenheit stammt der Traum in jedem Sinne. Zwar
entbehrt auch der alte Glaube, daß der Traum uns die Zukunft zeige,
nicht völlig des Gehaltes an Wahrheit. Indem uns der Traum einen
Wunsch als erfüllt vorstellt, führt er uns allerdings in die Zukunft;
aber diese vom Träumer für gegenwärtig genommene Zukunft ist
durch den unzerstörbaren Wunsch zum Ebenbilde jener Vergangenheit
gestaltet.
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Die Traumdeutung1900-001/1914