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S.
1.1.1907
Geehrter Herr College
Geben Sie den Irrtum, daß mir Ihre Schrift
über Dementia praecox nicht ausnehmend
gut gefllen hat, nur rasch auf. Schon die Thatsache,
daß ich Kritik geübt habe, mag es Ihnen beweisen.
Denn wäre es anders, so brächte ich Diplomatie
genug auf, um es Ihnen zu verbergen. Es wäre doch
höchst unklug, Sie vor den Kopf zu stoßen, den
stärksten Helfer, der sich noch zu mir gesellt
hat. In Wirklichkeit sehe ich in Ihrem Versuch
über D. pr. die bedeutsamste und reichste Beitrag-
leistung zu meiner Arbeit, die mir zugekommen
ist, und ich kenne unter meinen Schülern in Wien,
die vor Ihnen das wahrscheinlich nicht eindeutige
Vorrecht des persönlichen Verkehrs mit mir
genießen, eigentlich nur einen, der sich Ihnen
an Verständniß gleichstellen kann, und
keinen,·der in der Lage und bereit ist, soviel
für die Sache zu thun wie Sie. Meinen aus-
führlicher angelegten Brief brach ich z. Th. aus
accidentellen Gründen ab, z. Th weil die von
Ihnen bestätigte Vermutung, wer der Träumer
sei, mich innehalten hieß. Ich meinte nur, Sie
hätten die Deutung Baumstamm = Penis und
den „Wechsel“ Karriere <Pferde <Laufbahn noch ohne
Selbstverrat hervorheben können. Die erstere
Erwähnung haben Sie nun, wie ich erfahre, aus
Gründen der diplomatischen Vorsicht unterlassen.
Einzig unrichtig, dh: geeignet, eine unrichtige
Vorstellung zu erwecken, schien mir die Bezeich-n
nung des im Traum erfüllten Wunsches, der ja
wie Sie wissen, erst nach vollendeter Analyse
aufgezeigt werden kann, aus principiellen
Gründen aber anders lauten muß als Sie schreiben. -
S.
Wenn ich versuchen darf, Sie zu beeinflußen, so
möchte ich Ihnen nahe legen, dem Widerstand, dem
Sie wie ich begegnen, keine besondere Bedeutung
und nicht soviel Wirkung auf Ihre Publikationen
einzuräumen. Die großen Herren in der Psychiatrie
bedeuten doch sehr wenig; die Zukunft gehört
uns und unseren Anschauungen und die Jugend
nim̄t – wahrscheinlich allerorten – lebhaft für uns
Partei. Ich merke es in Wien, wo ich von den
Collegen, wie Sie ja wissen, systematisch totgeschwiegen,
dazwischen von Zeit zu Zeit von irgendeinem Hand-
langer vernichtet werde, und wo ich doch 40
andächtige Hörer aus allen Fakultäten habe.
Nachdem Bleuler und Sie, einigermaßen auch
Löwenfeld, mir in der Literatur Gehör geschafft
haben, wird die Bewegung zugunsten unserer
Neuheit trotz alles Sträubens der zum Aussterben
bestim̄ten Autoritäten nicht aufzuhalten sein.
Ich finde es dann ganz zweckmäßig, daß wir
uns nach Charakter und persön licher Position
in die Funktionen theilen, Sie mit Ihrem Chef
zu vermitteln suchen, während ich den Eigensinnigen
und Rechthaber weiter spiele und der Mitwelt
auch ferner zumute, den unschmackhaften Bissen
unverdünnt herunterzuwürgen. Aber ich
bitte Sie, geben Sie aus pädagogischer Schonung und
Liebenswürdigkeit nichts Wesentliches preis
u entfernen Sie sich nicht zu weit von mir, wenn
Sie in Wirklichkeit mir so nahe stehen, sonst
erleben wir noch, daß man uns gegen ein-
ander ausspielt. Im Geheimen glaube ich
nämlich doch, daß unter den besonderen Um-
ständen des Falles gröbste Aufrichtigkeit die
beste Diplomatie ist. Meine Neigung geht dahin
die im Widerstand befindlichen Collegen
nicht anders zu behandeln als die in gleicher
Lage befindlichen Kranken. -
S.
Aber die „Undeutlichkeit“, die ein ganzes Stück der
Traumarbeit ersparen soll, wäre viel zu sagen,
zuviel, um es zu schreiben. Vielleicht führt Sie
Ihr Weg doch eher nach Wien als nach Amerika
(es ist näher). Ich würde mich riesig freuen, einige
Stunden der Erörterung dieser Dinge mit Ihnen
widmen zu können.Über vieles im Inhalt Ihres Buches habe ich nicht
geschrieben, weil ich vollkom̄en einverstanden
damit bin; dh: ich kann nicht anders als Ihre
Aufklärungen einspruchslos annehmen. (Von
meinem Fall glaube ich doch, daß er den Namen
einer echten Paranoia verdient). Ich hatte
aber auch sehr viel Neues zu lernen.Das „Problem der Neurosenwal“, von dem Sie sehr
richtig sagen, daß es durch meine Ermittlungen
gar nicht geklärthat,wird, hat mich die ganze
Zeit über lebhaft be schäftigt. Mit meinem
ersten Erklärungsversuch bin ich ganz irre
gegangen, seitdem halte ich zurück. Ich bin
allerdings auf einem gewissen Wege, aber
noch nicht am Ziel. Zu Ihrer Neigung, hier
schon auf die Toxine zu greifen, möchte ich
bemerken, daß Sie ja ein Moment über-
springen, dem ich freilich weit größeren Wert
beilege als Sie derzeit; Sie wissen, die +++ Sexual-
ität. Sie schieben es in der Frage bei Seite, ich
bin damit nicht durchgekom̄en; was Wunder
also, wenn wir beide nichts darüber wissen.
„Nemo me impune lacessit“ tönt mir
aus Gymnasialzeiten nach. Die Alten wußten,
ein wie unerbittlicher Gott Eros zu sein pflegt.Nun herzlichen Gruß zum neuen Jahre.
Arbeiten wir weiter zusam̄en u laßen
wir kein Mißverständniß unter uns
zu Stande kom̄en.
Ihr ergebenster
Dr FreudDr. Freud Die kleine Beobachtung lag schon vor Ihrem Brief
für Sie bereit.Nemo me impune lacessit] lateinisch: Niemand greift mich ungestraft an.
"The motto was the Latin motto of the Royal Stuart dynasty of Scotland from at least the reign of James VI when it appeared on the reverse side of merk coins minted in 1578 and 1580. It is the adopted motto of the Order of the Thistle and of three Scottish regiments of the British Army."
Quelle: https://en.wikipedia.org/wiki/Nemo_me_impune_lacessit [2025-08-19]
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