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    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    3. März 08

    Lieber Freund

    Ich bin mit dem Problem d. Neurosenwal auf 
    folgendem Wege, von der Zwangsneurose ausgehend: 
    Die Fälle von Zw lassen sich durchschauen u zeigen sich ab-
    hängig von nur 3 (ev: 2) Grundtrieben, dem 
    Schau‑ und Wißtrieb und dem Bemächti­ggstrieb (sadistisch). 
    Daher ihre Eintheilg in vorwiegende Grübel­sucht und 
    Zwangsdenken u in Zwangsimpulse (Zwhandlungen). 
    Es ist doch beachtenswert, daß dieß die einzigen nicht 
    autoerotischen, von Anfang an auf ein Objekt gerichteten 
    Componenten des Sexual­triebs sind. Die Hy dagegen 
    hängt an erogenen Zonen, sie ist auch meist direkte 
    Genitalverdrängung. Nach meiner Idee, die Neurosen 
    auf Entwicklgsstörgen der Libidoschicksale zurückzuführen, 
    ent­steht also die Hy durch Störungen (Fixirungen u Verdräng­gen) 
    im Bereich der erogenen Componenten, die Zw durch 
    eben solche im Bereich der Objektcomponenten (die wol 
    als ursprüng­ lich „angelehnte“ Triebe zu bezeichnen sind); 
    für die Paranoia bleibt in diesem Rahmen also nur 
    die Disponirung durch einen Defekt im anderen Stück 
    der Entwicklung, in dem Übergang vom AutoEr. zur 
    Objektliebe übrig, während die Defekte in der Primat
    bildung der Genitalien Hy u Zw disponiren.

    Da wären wir bei der Paranoia. Es däm̄ert mir da 
    die Unterschei­dung einer Realitätsprüfung von einer 
    Unlustprüfung, erstere unser „Urtheilen“, letztere unsere 
    „Verdrängung“. Der psych Hauptcharakter der Para.
    ist nun der bei ihr zur Verdrängg dienende Projektions-
    mechanismus, in Folge dessen die Realitätsprüfung 

  • S.

    umgan­gen wird, denn was von außen kom̄t, bedarf ihrer 
    nicht. Die klini­schen Charaktere der Par, die Sie hervor-
    heben, ihre Ständigkeit, ihre Ernsthaftigkeit erklären 
    sich zur Genüge aus der Projektion. Wenn bei der 
    Hy u Zw stets ein Bewußtsein der Wirklichkeit bleibt, 
    so ist das ja durch den unversehrten Kontakt mit der 
    Außenwelt, während die Libido‑besetzten Complexe 
    den Spek­takel vollführen, erklärt. Bei Par. sind es 
    diese selbst, die aus der Außenwelt wie Fremde 
    an die Person herantreten, daher Gläubigkeit, Un-
    veränderlichkeit, Aufgehen in ihnen.

    Ich bin zu stumpf, um diese Gesichtspunkte gegenwärtig 
    durchzufüh­ren. Man müßte dazunehmen, daß die Par. 
    einer misglückten Ab­lösung der Lib entspricht, da sie 
    ja in der Projektion wiederkehrt, wobei sich die Besetzgs-
    intensität in Sicherheit wandelt, ähnlich wie bei der 
    Regression des Traumes in sinnliche Lebhaftigkeit. Die 
    Dem. pr. entspricht dann der wirklich gelungenen Rückkehr 
    zum AutoEr. Beide sind wahrsch. meist partiell. Ihre Schusters­-
    braut beweist, daß nach der stärksten Ablösung doch 
    ein sehr stark besetztes Element der alten lib. Vorstellg 
    erübrigt.

    Ihre „Abwehrgesichtspunkte“ sind gewiß richtig, doch nicht 
    allein so für die Par.. Die treffen wol alle Neurosen 
    u Psychosen.

    Mit herzlichstem Gruß 
    Ihr Freud