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    PROF. DR. FREUD
    WIEN, IX. BERGGASSE 19.

    30.5.10

    Lieber Freund

    Am 28st hat sich etwas Erheiterndes zugetragen, 
    wovon ich Ihnen Nachricht gebe. Ich war gut auf-
    gelegt, denn Deuticke hatte mir eben die Mittheil-
    ung gemacht, daß er im Herbst die dritte Auf-
    lage der Traumdeutg herausbringen wolle 
    (nach einem Jahr!) und daß der erste Band 
    der Sammlung z. Neurosenlehre bald zum Abdruck 
    dar­an komme, da telephonirte es u ein Hofrath 
    Schottländer aus Frank­ furt fragte, wann er 
    mich zu einer Besprechung besuchen könne. 
    Ich gab ihm 9h zum schwarzen Kaffee an. Als um 9h 
    eine Karte ins Zim̄er gebracht wurde, stand 
    auf ihr zu lesen: Hofrath Friedländer, Hohe 
    Mark bei Fr a. M. Ich stand verdutzt u ließ 
    das Männlein ein. Es läugnete die teleph. 
    Falschmeldung mit Berufung auf die Leichtig-
    keit, sich am Telephon zu verhören, aber mit 
    etwas zu wenig Affekt, wie nicht genug über-
    rascht oder entrüstet. Ich war doch des Schotten 
    sicher, aber da war nichts zu machen. Da 
    halte ich also un­seren großen Feind. Schnell 
    gefaßt schlug ich eine ausgezeichnete Tak­tik 
    ein, von der später. Jetzt von ihm. Er saß 
    kaum, so begann er zu denunziren. Zuerst 
    Ferenczi, daß dieser im Aufsatz über die 
    Intro­jektion von allen unseren Therapien: 
    Elektricität, Massage, Wasser etc. behaupte, 
    sie wirken nur durch Suggestion, dh Übertragung, 

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    während doch die Erfolge bei Rheum-
    atismus z. B. unzweifelhaft seien. Ich nahm das 
    Jahrbuch zur Hand u zeigte dem bösen Geist, 
    daß F. ausdrücklich von der Therapie der 
    Psychoneurosen spreche. Der Böse zog den 
    Schweif ein, ließ einen gewißen Gestank 
    von sich u denunzirte weiter. Zuerst einen 
    Ihnen nicht Unbekannten, dem er in Zürich 
    einen Besuch gemacht u dabei die Zurück-
    haltung an­gemerkt, ihn nicht hinauszuwerfen 
    (Wie recht dieser Mann hatte!) Dann unseren 
    Freund Pfister. Er bat, ich solle ihn doch zurück-
    halten, er sei kein kritischer Kopf, habe 
    sich bei ihm so blamirt mit dem Ver­such 
    einer Analyse. Dann kam er über Stekel 
    u Sadger, die vielleicht seit 2 Jahren Ärzte 
    seien. Stekel insbesondere, der behaupte, 
    der 1 sei der Penis. Ich hielt die schützende 
    Hand über alle meine Lieben, fragte den 
    gebürtigen Wiener, ob er nie gehört habe, 
    was man in Wien die „Elfer“ heiße (die 
    beiden Beine), natürlich wußte ers nicht, 
    nahm Pfisters Analysenversuch auf und 
    identificirte mich so weitgehend mit Allen, 
    daß seine erste Absicht, mich mit Süßig-
    keiten zu vergiften u mich gegen die 
    Jüngeren zu hetzen, als misglückt aner-
    kannt werden mußte.

    Das Gespräch begann mich im̄er mehr zu amu-
    siren u ich ent­wickelte nun eine 

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    wie gesagt, ausgezeichnete Technik. Ich wurde kor­dial 
    humoristisch offenherzig, paßte mich der Vater-
    rolle an, die er mir (Pfister hat ganz recht 
    gesehen) offenbar aufdrängen wollte u be­-
    nützte Stim̄ung u Situation, um ihm die 
    herzlichsten Grobheiten zu sagen, die er auch 
    als solche quittirte. Er wim̄erte, aber 
    konnte gegen die Voraussetzg der ψα 
    Offenheit nichts mehr thun. Er erfuhr so, 
    daß er leider gar nichts von der Technik 
    verstehe, woher seine nega­tiven Resultate 
    rühren, daß er einfach mit den Mitteln 
    von 1895 ar­beite u seither keinen Fortschritt 
    gemacht, weil es ihm zu gut gehe, um sich 
    zu plagen, daß es jam̄erschade sei, daß 
    er niemand in der Nähe habe, der ihn 
    etwas unterrichten könne, daß seine 
    Bekehrung den größten Eindruck in Deutsch-
    land machen würde, daß er im Grunde ein 
    brutaler Kerl sei u ein im Lausbuben-
    stadium Erstarrter (das doch ψα verblümt), 
    der sich so schmiegsam u freundlich zu 
    verstellen wisse, daß ich selbst die Parole 
    ausgegeben, ihm nicht zu antworten, weil 
    es klar sei, daß er sich darum reiße usw.

    Es war höllisch schön u ich konnte nicht genug 
    bekommen, hielt ihn bis 1h nachts zurück. 
    Die besten Details fallen mir gerade nicht ein, 

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    4würden auch zu weitläufig sein, nur noch etwas, all-
    gemein interessan­tes. Er stellte sich heuchlerisch 
    zur Selbstanalyse; es kam heraus, daß er eine 
    immense Kindheitsamnesie hat bis zum 7-8 J. Dann 
    fan­gen bew. Er. an Lausbübereien an. Aus 
    der Vorzeit nur eine Erinnerung: Als er 4 J 
    war, war er sehr verliebt in eine 18j Dame,
    Pauline, u sehr unglücklich, als sie heiratete. 
    Eine Stunde später machte er mir den Vorwurf, 
    daß ich selbst mit einer ge­wißen Art von 
    persönlichen Angriffen angefangen hätte, u zwar 
    in der Krankengeschichte der Lina H. Ich ver-
    leugnete diese Lina u es ergab sich, daß er 
    die Dora meinte. Also jetzt Analyse! „Warum 
    Sie fälschlich Lina erinnert?“ – Er: Ich habe 
    Ihnen doch von der Karoline erzält, jenem 
    Mädchen, in das ich mit 4 J verliebt war. – 
    Nein, lieber Kollege, jetzt sind wir nicht mehr 
    am Telephon. Ich lege meine Hand ins Feuer 
    dafür, daß Sie das Mädchen Pauline ge­nan̄t 
    haben, nicht Karoline. Er mußte es zugeben! 
    Somit glaube ich auch nicht, daß ich mich am 
    Telephon verhört, sondern daß er sich ver-
    ­sprochen (recte: verlogen) hat, weil er fürchtete, 
    ich würde ihn als Friedländer nicht annehmen.

    Einer meiner jetzigen Pat. ein Russe, war 
    vor 1 Jahr eine Woche lang bei ihm. Ich brachte 
    das Gespräch auf den jungen Mann u bekam 
    etwas zu hören, was der sehr verläßliche Pat. 
    heute schon zur Hälfte als Lüge entlarvt 
    hat. Wenn seine Mutter hieher kom̄t, wird 
    es uns hoffentlich mit der anderen Hälfte 
    ebenso glücken.

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    Abschließendes Urteil über 
    den Besucher: Ein Berufslügner 
    u Heuch­ler, Wolf im Schafspelz, 
    Prahler u Faiseur, brutaler 
    Ignorant, Laus­bub, der 
    gewohnt war, den Vater zu 
    beschwindeln. Solche Leute 
    ma­chen das öffentliche Urteil 
    über unsere ΨΑ. Er hat zuge-
    standen, daß er schon im All-
    tagsleben nicht „mitgehen“ kann, 
    nicht im Stande ist, Fälle von 
    Vergessen u Versprechen 
    aufzuklären, sein Hauptargu­-
    ment ist: mit der Annahme 
    des Ubw könne man alles 
    bewei­sen. Die Heilerfolge 
    von denen er erzälte, be-
    weisen, daß er mit der 
    von uns abgelegten (1895) 
    Technik arbeitet, ohne in 
    deren Sinn ein­ gedrungen 

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    6zu sein. Er ist offenbar wie 
    farbenblind für die Wahr-
    neh­mung des eigenen Ubw 
    u das mit vorzüglicher Kom-
    plex­motivirung, weil er sich 
    sonst im Dreck ertränken 
    müßte.

    Und mit solchem Gesindel 
    müßen wir uns herumschlagen.

    Im grüße Sie herzlich 
    mit gesteigerter Genug-
    tuung, daß wir doch 
    an­ders sind.

    Ihr Freud

    Hoche soll wirklich uns meinen 
    wenn Karlchen Schottländer 
    nicht wieder gelogen hat.