S.
WIENER KLINISCHE RUNDSCHAU.
Organ für die gesammte praktische Heilkunde
sowie für die
Interessen des ärztlichen Standes
unter Mitwirkung der Professoren
Baccelli (Rom), Bassini (Padua), Bernheim (Nancy), Buchanan (Glasgow), Crocq (Brüssel), Fraser (Edinburgh), de Giovanni (Padua), Heryng (Warschau),
Huchard (Paris), Ladame (Genf), Leichtenstern (Köln), Morselli (Genua), Murri (Bologna), Oertel (München),
Rosenbach (Breslau), Semmola (Neapel), Thiry (Brüssel)redigirt von
Privatdocent Dr. Heinrich Paschkis.
Verlagseigenthum von Alfred Hölder, k. u. k. Hof- und Universitäts-Buchhändler in Wien, I., Rothenthurmstrasse 15.
Die „Wiener klinische Rundschau“ erscheint jeden Sonntag im durchschnittlichen Umfange
von 2 Bogen, die dazu gehörige Gratsbeilage „Klinische Zeit- und Streitfragen“ in jährlich
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sind an Dr. Heinrich Paschkis in Wien, I., Rudolfsplatz 12, zu richten.IX. Jahrgang.
Wien, 7. Juli 1895.
Nr. 27.
INHALT: Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.
der „Angstneurose“. Von Dr. Sigm. Freud. – Aus der
internen Klinik des Hofrathes Prof. Eiselt in Prag. Ein
Casuistik der Mediastinaltumoren. Von Dr. Franz Kärnik,
arzt. – Aus der böhmischen chirurgischen Klinik des Prof. M.
Maydl in Prag. Ueber eine mit Cylinderepithel ausgekleidete
Luftgeschwulst des Halses. (Kiemengangcyste.) Von Dr. W.
Kopfstein, klinischem Assistenten. (Schluss.)Verhandlungen wissenschaftlicher Vereine. VI. Congress der deutschen
Gesellschaft für Geburtshilfe und Gynäkologie
in Wien. Fritsch und Sänger: Ueber Uterusruptur.
– Meinert: Spontanruptur und Spontanperforation der nicht schwan-
geren Gebärmutter. – Freund: Discussion. – Oesterreichi-
sche otologische Gesellschaft. (Fortsetzung.) Gruber:
Ueber Morbus Ménièrei. – Berliner medicinische Gesell-
schaft. Pick: Zur Protozoenfrage in der Gynäkologie. – Für-
bringer: Zur klinischen Bedeutung der lumbalen Spinalpunktion.
– Clinical Society of London. (Schluss.) – Ma u sell
Moulin: Zwei Fälle von Orchotomie bei Prostatahypertrophie. –
Bowlby: Intrathoracischer Cystenkropf.Kritische Besprechungen und literarische Anzeigen. Die Erkrankungen des
Darms und des Peritoneums. Von Prof. Dr. H. Nothnagel. I. Theil
mit 3 Tafeln. (Spec. Pathologie und Therapie. Herausgegeben von
Hofrath Prof. Dr. H. Nothnagel. XVII. Band, I. Theil, I. Abtheilung.)Wien, Alfred Hölder. 1895. – Vorlesungen über Magen- und Darm-
krankheiten. Von Dr. Alois Pick, Privatdocent an der k. k. Univer-
sität in Wien, k. u. k. Regimentsarzt. I. Theil: Magenkrankheiten.
Verlag von Franz Deuticke, Leipzig und Wien 1895, 202 S.
Zeitungsschau. Emmerich und Scholl: Die Haltlosigkeit der kritischen
gegen des Herrn Petersen über Krebsheilserumtherapie. –
Hoffmann: Bemerkungen zu einem Fall von Akromegalie. –
Nauwerck: Influenza und Encephalitis. – Orlowski: Ueber
die antitoxischen Eigenschaften des Blutserums bei Kindern. –
Waitz: Ueber einen Fall von congenitalem Defect beider Tibien.
– Heintze: Ein Fall von Heilung einer grossen Knochenhöhle in
der Tibia durch Plombirung mit Kupferamalgam. – Neumann:
Ein höchst eigenthümlicher Fall von Polymyositis subacuta suppu-
rativa. – Thimm: Ueber Makrocheilie bedingt durch syphilitische
der Lippenschleimdrüsen. – Edinger: Ein chemischer
Beitrag zur Stütze des Princips der Selbstdesinfection. – Lublinski:
Lähmungen in den oberen Luftwegen bei Infectionskrank-
typhus abdominalis, Diphtherie, Influenza). – Hirschfeld:
Ueber das Coma diabeticum. – Gioffredi und Zinno: Beitrag
zur Pathogenese des Morbus Addisoni. – J. Dessy: Ein Fall von
urämischer Pericarditis. – Bottazzi: Ueber den Metabolismus
der rothen Blutkörperchen. – Stokvis: Zur Pathogenese der
Hämatoporphyrinurie. – Jaboulay: Ueber eine neue Behand-
lungsmethode der Struma. – Guttmann: Ueber Trional.Tagesnachrichten und Notizen.
Originalartikel, Berichte aus Kliniken und Spitälern.
Zur Kritik der „Angstneurose“.
Von
Dr. Sigm. Freud.
In Nummer 2 des Neurologischen Centralblattes von
Mendel 1895 habe ich einen kleinen Aufsatz veröffentlicht,
in welchem ich den Versuch wage, eine Reihe von nervösen
Zuständen von der Neurasthenie abzutrennen, und unter dem
Namen „Angstneurose“ selbstständig zu machen.1) Ich liess
mich hierzu bewegen durch ein constantes Zusammentreffen
klinischer und ätiologischer Charaktere, das ja überhaupt für
eine Sonderung massgebend sein darf. Ich fand nämlich,
worin mir E. Hecker2) zuvorgekommen war, dass die in
Rede stehenden neurotischen Symptome sich sämmtlich zu-
sammenfassen liessen als zum Ausdruck der Angst ge-
hörig, und ich konnte aus meinen Bemühungen um die
Aetiologie der Neurosen hinzufügen, dass diese Theilstücke
des Complexes „Angstneurose“ besondere ätiologische Bedin-
gungen erkennen lassen, die der Aetiologie der Neurasthenie
nahezu gegensätzlich sind. Meine Erfahrungen hatten mich
gelehrt, dass in der Aetiologie der Neurosen (wenigstens
der erworbenen Fälle und erwerbbaren Formen)
sexuelle Momente eine hervorragende und viel zu wenig
gewürdigte Rolle spielen, so dass etwa die Behauptung,
„die Aetiologie der Neurosen liege in der Sexualität“ bei all’
ihrer nothwendigen Unrichtigkeit per excessum et defectum
doch der Wahrheit näher kommt als die anderen, gegen-
wärtig herrschenden Lehren. Ein weiterer Satz, zu dem mich
die Erfahrung drängte, ging dahin, dass die verschiedenen
sexuellen Noxen nicht etwa unterschiedslos in der Aetiologie
aller Neurosen zu finden seien, sondern dass unverkennbar
besondere Beziehungen einzelner Noxen zu einzelnen Neurosen
Ursachen der einzelnen Neurosen aufgedeckt habe. Ich suchte
die Besonderheit der sexuellen Noxen, welche die
der Angstneurose ausmachen, in eine kurze Formel
und gelangte [in Anlehnung an meine Auffassung
des Sexualvorganges, l. c. p. 61] zu dem Satze: Angst–1)Ueber die Berechtigung, von der Neurasthenie einen bestimmten
Symptomencomplex als „Angstneurose“ abzutrennen, von Dr. Sigm.
Freud.2)E. Hecker. Ueber larvirte und abortive Angstzustände bei
Neurasthenie. Centralblatt für Nervenheilkunde, Dec. 1893.S.
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Wiener klinische Rundschau 1895.
Nr. 27.
neurose schaffe alles, was die somatische Sexual-
spannung vom Psychischen abhalte, an ihrer psychischen Verarbei-
tung störe. Wenn man auf die concreten Verhältnisse zurückgeht,
in denen sich dieses Moment zur Geltung bringt, so ergibt
sich die Behauptung, dass freiwillige oder unfreiwillige Ab-
stinenz, sexueller Verkehr mit unvollständiger Befriedigung,
coitus interruptus, Ablenkung des psychischen Interesses von
der Sexualität u. dgl. mehr, die specifischen ätiologischen
Factoren der von mir Angstneurose genannten Zustände seien.Als ich meine hier erwähnte Mittheilung zur Veröffent-
lichung brachte, täuschte ich mich keineswegs über deren
Macht, Ueberzeugung zu erwecken. Zunächst konnte ich mir
ja sagen, dass ich nur eine knappe, unvollständige, stellen-
weise sogar schwer verständliche Darstellung gegeben hatte,
die vielleicht gerade genügend, um die Erwartung der Leser vor-
zubereiten. Sonst hatte ich kaum Beispiele angeführt und
keine Zahlen genannt, die Technik der Erhebung der Anam-
nese nicht gestreift, zur Verhütung von Missverständnissen
nichts vorgesorgt, andere als die naheliegendsten Einwände
nicht berücksichtigt, und von der Lehre selbst eben nur den
Hauptsatz und nicht die Einschränkungen hervorgehoben.
Demnach konnte auch wirklich ein jeder sich seine eigene
Meinung von der Verbindlichkeit der ganzen Aufstellung bilden.
Ich konnte aber noch auf eine andere Erschwerung der Zu-
stimmung rechnen. Ich weiss sehr wohl, dass ich mit der
„sexuellen Aetiologie“ der Neurosen nichts Neues vorgebracht
habe, dass die Unterströmungen in der medicinischen Literatur,
welche diesen Thatsachen Rechnung getragen, nie ausgegangen
sind, und dass die officielle Medicin der Schulen sie eigent-
lich auch gekannt hat. Allein die letztere hat so gethan, als
wüsste sie nichts davon; sie hat von ihrer Kenntniss keinen
Gebrauch gemacht, keine Folgerung aus ihr gezogen. Solches
tiefgehende Begründung haben, sexuelle Verhältnisse in’s Auge
zu fassen, oder in einer Reaction gegen ältere, als überwunden
betrachtete Erklärungsversuche. Jedenfalls musste man vor-
bereitet sein, auf Widerstand zu stossen, wenn man den Ver-
such wagte, Anderen etwas glaubwürdig zu machen, was diese
ohne jede Mühe auch selbst hätten entdecken können.Es wäre bei solcher Sachlage vielleicht zweckmässiger
auf kritische Einwendungen nicht eher zu antworten, als bis
ich mich über das complicirte Thema selbst ausführlicher
geäussert und besser verständlich gemacht hätte. Dennoch
kann ich den Motiven nicht widerstehen, die mich veran-
lassen, einer Kritik meiner Lehre von der Angstneurose aus
den letzten Tagen auch unverzüglich zu begegnen. Ich thue
dies wegen der Person des Autors, L. Löwenfeld in
München, des Verfassers der „Pathologie und Therapie der
Neurasthenie und Hysterie“, dessen Urtheil beim ärztlichen
Publicum schwer in’s Gewicht fallen dürfte, wegen einer miss-
verständlichen Auffassung, mit welcher mich die Darstellung
Löwenfeld’s belastet, und weil ich von Anfang an den
Eindruck bekämpfen möchte, als sei meine Lehre gar so
mühelos durch die nächstbesten, im Vorbeigehen angebrachten
Einwendungen zu widerlegen.Löwenfeld1) findet mit sicherem Blick als das Wesent-
liche meiner Arbeit heraus, dass ich für die Angstsymptome
eine specifische und einheitliche Aetiologie sexueller Natur
behaupte. Ist dies nicht als Thatsache festzustellen, so ent-
fällt auch der Hauptgrund für die Abtrennung einer selbst-
ständigen Angstneurose von der Neurasthenie. Es erübrigt
dann allerdings eine Schwierigkeit, auf die ich aufmerk-
sam gemacht habe, dass nämlich die Angstsymptome so
unverkennbare Beziehungen auch zur Hysterie haben, so dass
durch die Entscheidung im Sinne Löwenfeld’s die Son-
derung von Hysterie und Neurasthenie zu Schaden kömmt;allein dieser Schwierigkeit wird durch die später zu wür-
digende Berufung auf die Heredität als gemeinsame Ursache
all’ dieser Neurosen begegnet.Durch welche Argumente stützt nun Löwenfeld den
Einspruch gegen meine Lehre?1. Ich habe als wesentlich für das Verständniss der
Angstneurose hervorgehoben, dass die Angst derselben eine
psychische Ableitung nicht zulässt, das heisst, dass man die
Angstbereitschaft, die den Kern der Neurose bildet, nicht
durch einen einmaligen oder wiederholten, psychisch be-
rechtigten Schreckaffect erwerben kann. Durch Schreck ent-
stehe wohl eine Hysterie oder traumatische Neurose, aber
keine Angstneurose. Es ist diese Leugnung, wie man leicht
einsieht, nichts anderes als das Gegenstück zu meiner Be-
hauptung positiven Inhalts, die Angst meiner Neurose ent-
spreche somatischer und vom Psychischen abgelenkter Sexual-
spannung, die sich sonst als Libido geltend gemacht hätte.Dagegen betont nun Löwenfeld, dass in einer An-
zahl von Fällen „Angstzustände unmittelbar oder einige Zeit
nach einem psychischen Schock (blossem Schreck oder Un-
fälle mit Schrecken verbunden waren) auftreten, und
dass zum Theil hierbei Verhältnisse bestehen, welche die Mit-
wirkung sexueller Schädlichkeiten der angegebenen Art höchst
unwahrscheinlich machen“. Er theilt als besonders prägnantes
Beispiel eine Krankenbeobachtung (anstatt vieler) in Kürze
mit. In diesem Beispiel handelt es sich um eine 30jährige,
seit vier Jahren verheiratete Frau, erblich belastet, die vor
einem Jahre eine erste schwierige Entbindung hatte. Wenige
Wochen nach ihrer Niederkunft erschrak sie über einen Krank-
fall ihres Mannes, lief in ihrer Aufregung im Hemd im
kalten Zimmer herum. Von da an krank, zuerst mit abend-
lichen Angstzuständen und Herzklopfen, später kamen Anfälle
von convulsivischem Zittern und in weiterer Folge Phobien
u. dgl.: das Bild einer voll entwickelten Angstneurose. „Hier
sind die Angstzustände,“ schliesst Löwenfeld, „offenbar
psychisch abgeleitet, durch den einmaligen Schrecken herbei-
geführt.“Ich bezweifle nicht, dass der geehrte Autor über viele
ähnliche Fälle verfügt; kann ich doch selbst mit einer grossen
Reihe analoger Beispiele dienen. Wer solche Fälle von Aus-
bruch der Angstneurose nach psychischem Schock, überaus
häufige Vorkommnisse, nicht gesehen hätte, dürfte sich nicht
anmassen, in Sachen der Angstneurose mitzusprechen. Ich
will nur dabei anmerken, dass in der Aetiologie solcher Fälle
nicht jedesmal Schreck oder ängstliche Erwartung nachweis-
bar sein muss; eine beliebige andere Gemüthsbewegung thut
es auch. Wenn ich rasch einige Fälle aus meiner Erinnerung
mustere, so fällt mir ein Mann von 45 Jahren ein, der den
ersten Angstanfall (mit Herzcollaps) auf die Nachricht vom
Tode seines betagten Vaters bekam; von da an entwickelte
sich volle und typische Angstneurose mit Agoraphobie; ferner
ein junger Mann, der in dieselbe Neurose durch die Erregung
über die Zwistigkeiten zwischen seiner jungen Frau und seiner
Mutter verfiel und nach jedem neuen häuslichen Zank neuer-
dings agoraphobisch wurde; ein Student, der, einigermassen
verbummelt, die ersten Angstanfälle in einer Periode scharfer
Prüfungsarbeit unter dem Sporn väterlicher Ungnade pro-
ducirte; eine selbst kinderlose Frau, die in Folge der Angst
um die Gesundheit einer kleinen Nichte erkrankte, u. dgl. m.
An der Thatsache selbst, die Löwenfeld gegen mich ver-
werthet, besteht nicht der leiseste Zweifel.Wohl aber an ihrer Deutung. Es fragt sich, soll man
sich jede kritische Verarbeitung des Rohmaterials ersparen?
Man kennt ja Beispiele genug dafür, dass die letzte auslösende
Ursache sich vor der kritischen Analyse nicht als causa effi-
ciens bewähren konnte. Man denke an das Verhältniss von
Trauma und Gicht beispielsweise! Die Rolle des Traumas ist
hier, bei der Provocation eines Gichtanfalles in dem vom
Trauma betroffenen Glied, wahrscheinlich keine andere, als
die der Aetiologie der Tabes und der Paralyse sein dürfte;1) L. Löwenfeld. Ueber die Verknüpfung neurasthenischer und
hysterischer Symptome in Anfallsform nebst Bemerkungen über die
Freud’sche Angstneurose. Münchener med. Wochenschr. Nr. 13, 1895.S.
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nur scheint im Beispiele der Gicht bereits für jede Einsicht
absurd, dass das Trauma die Gicht „verursacht“ anstatt pro-
vocirt haben sollte. Man muss doch nachdenk-
werth, wenn man ätiologische Momente solcher Art – ba-
nale –
möchte ich sie nennen – in der Aetiologie der mannigfaltig-
sten Krankheitszustände antrifft. Gemüthsbeweg-
ung, Schreck,
ist auch solch ein banales Moment; Chorea, Apo-
lysis agitans und was nicht alles sonst kann
gerade-
so hervorrufen wie eine Angstneurose. Nun darf ich
freilich nicht weiter argumentiren, wegen dieser
genügten die banalen Ursachen unseren An-
nicht, es müsste ausserdem specifische Ursa-
Das hiesse den Satz, den ich erweisen will, vor-
Ich bin aber berechtigt, folgender Art zu schlies-
sich die nämliche specifische Ursache in de-
aller oder der aller-
meisten Fälle von Angstneurose nach-
lässt, dann braucht sich unsere Auffassung nicht da-
irren zu lassen, dass der Ausbruch der Krankheit e-
Ein-
wirkung des einen oder anderen banalen Mo-
es Gemüthsbewegung, ist erfolgt.So war es nun in meinen Fällen von Angstneurose. Der
Mann, der – räthselhafter Weise – auf die Nach-
Tode seines Vaters erkrankte (ich mache diese Randglosse,
weil dieser Tod nicht unerwartet und nicht unter ungewöhn-
lichen, erschütternden Umständen erfolgte), dieser Mann lebte
seit 11 Jahren im coitus interruptus mit seiner Ehefrau, welche
er meistens zu befriedigen trachtete; der junge Mann, der den
Streitigkeiten zwischen seiner Frau und seiner Mutter nicht
gewachsen war, hatte bei seiner jungen Frau von Anfang an
das Zurückziehen geübt, um sich die Belastung mit Nach-
kommenschaft zu ersparen; der Student, der sich durch Ueber-
arbeitung eine Angstneurose zuzog anstatt der zu erwartenden
Cerebrasth-
enie, unterhielt seit drei Jahren ein Verhältniss mit
einem Mädchen, das er nicht schwängern durfte;
die, selbst kinderlos, über die Krankheit einer
Angstneurose verfiel, war mit einem impotenten Mann ver-
heiratet und sexuell nie befriedigt worden u. dgl. Nicht alle
diese Fälle sind gleich klar oder für meine These gleich gut
beweisend; aber wenn ich sie an die sehr beträcht-
zahl von Fällen anreihe, in denen die Aetiologie nichts An-
deres als das specifische Moment aufweist, fügen sie sich der
von mir aufgestellten Lehre widerspruchs-
los ein und gestatten
eine Erweiterung unseres ätiologischen Verständnisses über die
bisher geltenden Grenzen.(Fortsetzung folgt.)
Aus der böhmischen internen Klinik des Hofrathes Prof. Eiselt in Prag.
Ein Beitrag zur Casuistik der Mediastinal-
tumoren.Von
Dr. Franz Kárník, Secundärarzt.Die im Mediastinum localisirten Tumoren sind wegen
ihrer Rarität ein seltenes Object der klinischen Beobachtung.
Von den pathologischen, gutartigen Gebilden kommt im Me-
diastinum die hypertrophische Thymus vor, welche letztere
bekanntlich de norma bis zum zweiten Lebensjahre sich ent-
wickelt, vom fünften Lebensjahre angefangen atrophirt und in
der Pubertätsperiode rasch schwindet, indem sie durch Fett-
gewebe substituirt wird.Für die Diagnose eines hyperplastischen Thymusgewächses
ist der mikroskopische Befund der Hassal’schen Körperchen
ausschlaggebend. Zu den gutartigen, im Mediastinum vorkom-
menden Tumoren sind weiters Lipome, Fibrome, Dermoidal-
cysten, Teratome und hyperplastische Lymphdrüsen zu zählen.
Manche dieser benignen Geschwülste können auch hier, wie
an anderen Stellen überhaupt, bösartig werden.Hierher gehört der von Virchow beschriebene Fall,
betreffend ein grosses aus der Leiche eines 22jährigen Manns
herrührendes Teratom, in welchem ausser einer grossen Zahl
embryonaler, quergestreifter Muskelfasern, carcinomatöse und
sarcomatöse Elemente vorhanden waren.Maligne Mediastinaltumoren bei Individuen jüngeren
Alters sind gewöhnlich Sarcome, seltener Carcinome. Nach
der Statistik von Feldmann kommen Mediastinaltumoren
bei Männern dreimal so häufig vor, wie bei Weibern, und was
das Alter anbelangt, so steht es fest, dass bösartige Media-
stinaltumoren im hohen Alter äusserst selten zu finden sind.
Eichhorst fand unter 35 Fällen, Riegel unter 41 und
Thomayer unter 46 Kranke blos einen einzigen Fall,
welcher Alter war als 61 Jahre. Nach Riegel wurden die
beschriebenen Mediastinaltumoren meistens zwischen dem
20.–30. Lebensjahre vorgefunden. Mit diesen Angaben stimmen
auch die von Thomayer gesammelten Fälle überein.Unter den von diesem Autor zusammengestellten bös-
artigen Geschwülsten waren 18 Kranke zwischen 20. bis
30. Jahre, 8 zwischen 30.–40. Jahre und 5 zwischen 50. bis
60. Jahre alt. Nur vier Kranke standen zwischen 10.–20. Jahren.
Der Regel nach ist nach übereinstimmenden Angaben der
das vordere Mediastinum der Sitz der malignen Ge-
wes sind aber von Gluzinki und Impaccianti
ren Fälle beschrieben, wo das hintere Mediastinum
Ausgangspunkt der malignen Geschwulst war.Gross sind die diagnostischen Schwierigkeiten der Me-
diastinalgeschwülste, denn es können einerseits die Neu-
bildungen der Lunge und des Brustfells die Symptome der
Mediastinaltumoren vortäuschen und andererseits kann ein
Mediastinaltumor auf die Lunge und das Brustfell übergreifen.
Eine bösartige Lungengeschwulst ist nur in dem Falle richtig
zu diagnosticiren, wenn mikroskopisch im Sputum Geschwulst-
elemente nachzuweisen sind. Die Diagnose einer sarco-
matösen Pleuritis ist wiederum durch den Nachweis
von Geschwulstpartikelchen in der aspirirten Masse ermög-
licht. Der Zufall kann bewirken, wie es im Falle von Unver-
richtigkeit war, dass die Diagnose durch das Wuchern des Tumors
aus der Punktionsstelle nach der Thoracocentese klar gestellt
wird. In manchen Fällen durchwuchert die Neubildung die
Brustwand und wird unter der Haut tastbar. Fast unüber-
windliche diagnostische Schwierigkeiten thürmen sich auf,
wenn ein umfangreiches pleuritisches Exsudat die physikali-
schen Zeichen des Tumors verdeckt. Klinisch ist eine Ge-
als Mediastinaltumor zu classificiren, welche auch
anatomisch als solche erscheint.Mit Rücksicht auf die verhältnissmässig schwierige
Diagnose und die Seltenheit dieser Tumoren im hohem Alter
erlaube ich mir im Folgenden einen Fall zu beschreiben,
welcher intra vitam richtig diagnosticirt wurde. Ich finde
übrigens nach Durchsicht der einschlägigen Literatur, dass
es der dritte Fall einer Mediastinalgeschwulst in hohem
Alter ist.Der Kranke, ein 69jähriger Schneidermeister, wurde am
29. November 1894 auf die Klinik des Hofrathes Eiselt gebracht,
mit der Diagnose eines pleuritischen Exsudates.Anamnese:
Die Eltern starben an Altersschwäche, ein Kind ist gesund,
der Kranke gibt an, nie krank gewesen zu sein. Die gegenwärtige
Erkrankung datirt seit Ende August 1894 und fing mit Athem-
beschwerden an. Andere Beschwerden hatte der Kranke keine.
Die ersten drei Wochen war Patient noch im Stande zu gehen,
hierauf legte er sich auf ärztliches Anrathen zu Bett und nahm
Diuretica zu sich.Die Dyspnoe hielt aber durch volle drei Monate an und der
Kranke begab sich daher auf die Klinik. Vor der Aufnahme war
der Appetit immer gut, der Stuhl und das Uriniren normal. Tempe-
raturerhöhung wurde nicht beobachtet.
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Zur Kritik der „Angstneurose“
1895-006/1895